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In ihrem Buch geht Jaeggi in einem ersten Schritt der Frage nach, ob sich Lebensformen überhaupt kritisieren lassen, was sie bejaht, und in einem zweiten Schritt sucht sie dann nach Kriterien, die man für eine berechtigte Kritik heranziehen sollte. Dabei wendet sie sich allerdings gegen eine – wie sie findet – gefährliche Sittendiktatur, denn worum es ihr geht, ist nicht das Sich-Festbeißen an einer altehrwürdigen, einzig richtigen Lebensweise, sondern darum, Defizite bei eigenen und fremden Lebensformen aufzuweisen. Sie versteht Lebensformen als Problemlösungsstrategien, die beanspruchen, für bestimmte Probleme eine optimale Lösung zu bieten. Lebensformen scheitern für sie normativ aufgrund normativer Defizienz, sie scheitern an einer auch immer normativ geprägten Problemlösung. Dabei erscheinen normative Probleme auch immer als Probleme von Dysfunktionalität. Wiewohl nie ein bloßes faktisches Scheitern, - denn das Scheitern hängt immer auch mit Bewertungen der Situation zusammen -, so lässt es sich doch zugleich immer als nicht funktionierend identifizieren. Wenn Lebensformen in Krisen geraten, so Jaeggi, dann geschieht das primär nicht durch äußere Hemmnisse, sondern es sind selbst verursachte und selbst gestellte Probleme, an denen sie scheitern. Letztlich scheitern sie, wenn sie denn scheitern, primär an dem eigenen Anspruchsniveau, das sie selbst etabliert haben. Lebensformen müssen sich, so die Meinung Jaeggi's, daran messen lassen, ob und wie sie fähig dazu sind, die ihnen gestellten Probleme zu lösen. Dabei sollte, wie sie findet, eine solche Kritik der Lebensform ohne einen neutralen, außerhalb jeder Lebensform stehenden, sozusagen externen Standpunkt auskommen, sollte aber auch nicht rein intern bleiben. Ihre Lösung ist eine immanente Form der Kritik, wie sie zuerst bei Hegel benannt wurde. Dabei meint sie, dass außerhalb des Kritisierten es zwar keine sinnvolle Kritik geben kann, trotzdem ziehe immanente Kritik aber nicht die Schlussfolgerung von nur relativer Gültigkeit einer Lebensform. Sie lokalisiert die Normativität sozialer Praktiken in ihren Vollzugsbedingungen und erkennt, dass die Kontexte der Praxis widersprüchlich sind. Daraus ergibt sich dann eine Kritik und im besten Falle am Ende eine Transformation der defizitären Lebensform. Das Ideal ergibt sich aus der Erarbeitung der widersprüchlichen Muster der Wirklichkeit. Neben Hegel greift sie auch noch insbesondere auf Ideen von Dewey und MacIntyre zurück, die sie ebenfalls recht ausführlich darlegt. Aus diesen drei Ansätzen heraus kreiert sie dann eine eigene, etwas transformierte Theorie der Kritik von Lebensformen.

Bei dem Buch handelt es sich, wie die Autorin dem Leser in ihrer „Danksagung“ wissen lässt, um ihre substanziell überarbeitete Habilitationsarbeit. Und tatsächlich finde ich, dass sie einen Schreibstil und eine Darstellungsweise gefunden hat, die trotz komplexen Themas doch nachvollziehbar bleibt oder in die man sich zu wenigstens gut einarbeiten kann, also kein komplettes verwissenschaftlichtes fachchinesisches Kauderwelsch, dabei aber nicht frei von manchmal, wie ich meine, etwas ermüdenden Redundanzen. Dem Denkansatz Hegels in dieser Frage stehe ich allerdings, auch in der transformierten Version von Jaeggi, doch ziemlich zweifelnd gegenüber, also konnte mich die Autorin von ihrem Ansatz tatsächlich nicht so recht überzeugen. Denn bei der Identifizierung von Widersprüchen in Kontexten von Lebensformen und daraus folgernden Transformationen sitzen doch, wie die Philosophiegeschichte zeigt, Autoren immer wieder grob ihren eigenen (ideologischen) Vorurteilen auf und entsprechend fallen dann auch die Transformationsversuche aus. Wie man solche groben Schnitzer bei der Analyse vermeiden kann, darüber schreibt Jaeggi eigentlich so ziemlich wenig. Da bleibt wohl nur der Hinweis auf das Nachprüfen, ob bei der gewählten Widerspruchsanalyse und Transformationen denn die Probleme anfangen zu verschwinden, also frohes oder grausiges (wie zum Beispiel beim Stalinismus) Experimentieren. Dewey etwa dagegen mag weniger ambitioniert sein, aber er bleibt wenigstens mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Auch sind für mich die von der Autorin abgelehnten „externen“ Kriterien alles andere als passé, sondern gehören meiner Meinung nach mit hinein in eine Kritik und Elemente von ihnen sind in der Tat in allen Lebensformen fest verwoben, und wie ich meine nicht bloß als Illusion. Trotzdem kann ich das Buch natürlich als gewinnbringende Lektüre zu einem interessanten Thema immer noch wärmstens empfehlen.
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am 20. August 2015
Lassen sich Lebensformen auf einer philosophisch anspruchsvollen Ebene kritisieren oder muss man mit John Rawls und Jürgen Habermas eher davon ausgehen, dass es einer Gerechtigkeitstheorie einzig um Fragen der lebensformneutralen Organisation von Gesellschaften gehen darf? Rahel Jaeggi ist hier entschieden und meint, dass eine "kritische Theorie der Kritik von Lebensformen" nicht mit einem "Rückfall in vormodernen Paternalismus" verbunden sein muss, sondern Möglichkeiten eröffnet, praktische Bedingungen für "Emanzipationsprozesse" im Rahmen von Lebensformen freizulegen. Auf der Grundlage von Hegel vertritt sie die Ansicht, dass sich mit rationalen Geltungsansprüchen über Lebensformen streiten lässt. In ihrer Einleitung setzt sie sich kritisch sowohl mit der von Rawls und Habermas proklamierten "ethisch-epistemischen Abstinenz" als auch mit Ernesto Laclaus und Chantal Mouffes agonistischer Theorie von Lebensformen auseinander. Dabei entwirft sie ihre zentrale These: "Lebensformen sind komplex strukturierte Bündel (oder Ensemble) sozialer Praktiken, die darauf gerichtet sind, Probleme zu lösen, die ihrerseits historisch kontextualisiert und normativ verfasst sind."

In vier Teilen versucht Jaeggi anschließend dieser programmatischen These argumentativ Plausibilität zu verleihen. Zunächst entwickelt sie eine Art Phänomenologie von Lebensformen, bei der sie sich weitgehend dem annähert, was Hegel einst mit seinem Begriff der "Sittlichkeit" umschrieben hat. Damit eröffnet sie sich die Möglichkeit, in einem zweiten Schritt auf der Grundlage der besonderen Rationalität von Lebensformen Kriterien für das Scheitern bzw. der Erfolg von Lebensformen zu benennen. Das Herzstück des Buches bildet die Herausarbeitung eines Modells der immanenten Kritik. Im Unterschied zu Axel Honneth setzt sie dabei weniger auf eine "normative Rekonstruktion" von Anerkennungsprinzipien als normativer Maßstäbe der Kritik, sondern zielt auf eine "pragmatische Rekonstruktion" von dialektisch sich vollziehenden Lernprozessen im Sinne von Hegels "Phänomenologie des Geistes". Mit einer vergleichenden Untersuchung von Dewey, MacIntyre und Hegel möchte Jaeggi dem Lesenden ein tieferes Verständnis für soziale Transformation als fortschreitender Lernprozess nahebringen. Dabei weist ihrer Ansicht nach Hegels Konzeption dialektischer Transformationsprozesse über die Problembewältigungsmodelle von Dewey und MacIntyre hinaus. Gleichzeitig modifiziert Jaeggi insbesondere mit Dewey das Hegel'sche Fortschrittsmodell insoweit, als wir immer auch mit nichtintendierten Folgen initiierter Veränderungsprozesse rechnen müssen.

Rahel Jaeggi greift mit ihrem Buch den Emanzipationsgedanken der frühen Kritischen Theorie wieder auf, nach der eine Lebensform insgesamt "dann als gelungen gelten [darf], wenn sie Resultat von Vorgängen kollektiver Selbstbestimmung ist." Dabei stellt sie jedoch in Rechnung, dass die Voraussetzungen für Emanzipation und kollektive Selbstbestimmung insoweit heute eingetrübt sind, als wir bei der Analyse von Lebensformen von einem "komplizierte[n] Verhältnis von Gestaltungsmacht, Intransparenz und der oft schwer entwirrbaren Komplexität miteinander verketteter Praktiken und Einstellungen" ausgehen müssen. Nachdem uns Foucault noch vor Kurzem erzählt hat, dass Geschichte nicht als Fortschritts- und Emanzipationsprozess zu begreifen ist, weil uns eine unentwirrbare Verwobenheit von Macht und Wahrheit umgibt, fällt es in der Tat schwer, Jaeggi vorbehaltlos zuzustimmen und mit Hegel erneut einem Fortschrittsglauben anheim zu fallen. Aber immerhin war es auch Foucault, der einst gesagt hat, dass Hegel uns insgeheim nachleicht und "unser Anrennen gegen ihn seine List ist, hinter der er uns auflauert". Hegel steht jedenfalls nicht nur bei Jaeggi und Honneth hoch im Kurs, sondern auch bei zeitgenössischen Vertretern der analytischen Philosophie (Brandom, Pippin, Pinkard, McDowell usw.).
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