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30 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Exzellente Kritik, 7. März 2010
Rezension bezieht sich auf: Soziologie - Kapitalismus - Kritik: Eine Debatte (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) (Taschenbuch)
Klaus Dörre, Stephan Lessenich und Hartmut Rosa sind Professoren für Soziologie an der gleichen Universität Jena und, wie sie im Text mehrfach betonen, sich freundschaftlich verbunden. Gleichwohl vertreten sie je unterschiedliche Forschungsperspektiven: Dörre den Ansatz der Landnahme, Lessenich die Aktivierungshypothese und Rosa die Theorie der Beschleunigung. Allen gemeinsam ist die Beschäftigung unter diesen verschiedenen Blickwinkeln mit dem Phänomen des Kapitalismus. Dabei ist Lessenich wohl der überzeugteste Neomarxist. Wahrscheinlich ist es dieser Konstellation verschiedener Bedingungen zu verdanken, dass ein derart intellektuell wie politisch anspruchsvoller gesellschaftskritischer Text entstehen konnte. Oder mit Lessenich: "Die dia- bzw. trialogische Konstruktion des vorliegenden Bandes ermöglicht nicht nur einen sowohl individuellen wie auch gemeinschaftlichen Erkenntnisfortschritt [...] Vorschub. Sie erweist sich damit als eine Form wissenschaftlicher Auseinandersetzung, die [...] zu gängiger akademischer Praxis werden sollte" (S.280).

In der Tat sticht dieser Band aus dem üblichen hervor. Das Buch ist in die Abschnitte: Einleitung; Positionen; Kritiken; Repliken und Schluss gegliedert. Nach einem gemeinsam formulierten Plädoyer für eine Wiederbelebung der Kapitalismuskritik stellen die Autoren ihre je bevorzugte Perspektive dar: Dörre die Landnahme, mit der gemeint ist, dass der Kapitalismus sich immer neue Felder erobern muss, um diese nach einer Zeit der Ausbeutung als verwüstet zu verlassen (etwas Ähnliches meinte wohl Müntefering mit seinen Heuschrecken); Rosa mit der Beschleunigungshypothese, derzufolge der Kapitalismus sich in immer schnelleren Zyklen bewegen muss (bis es schließlich zum rasenden Stillstand kommt) und Lessenich mit der Aktivierungsthese: die Protagonisten müssen sich dem Kapitalismus entweder (bedingungslos) unterordnen qua Flexibilisierung, Mobilität oder werden ausgesondert oder zwangsstillgelegt (damit ist auch die Zunahme an Depressionen und Burnout aber auch Hartz IV gemeint). Nach diesem Abschnitt, den Positionen, antworten sich die Autoren einander (Abschnitt Kritik) und bringen so eine überaus fruchtbare Diskussion in Gang, die sich dann durch das Buch zieht. Auf einem zugegeben sehr hohen intellektuellen, akademischen Niveau unterzieht jeder Autor seine Koautoren einer ausführlichen Kritik des je vertretenen Ansatzes ohne dass dies sich in einer positiven Selbstdarstellung erschöpft. Im dritten Abschnitt, der Replik, antworten sich die Autoren auf die jeweilige Kritik.

Nicht nur, dass der Leser auf diese Weise einen überaus klaren Blick auf den herrschenden Kapitalismus (sensu Milton Friedman) bekommt, über Art und Aufbau der Kritiken und Repliken erhält der Leser Einblick auch in die Schwachpunkte der jeweiligen Hypothese und dazu, wie durch Integration der je anderen These (-nteile) dies ausgeglichen werden kann. Ein Paradestück für wissenschaftlichen Dialog (wie schon das Eingangszitat dies andeutet).

Es überrascht dann kaum, dass der Rheinische Kapitalismus im Vergleich mit der gegenwärtigen Variante extrem gut wegkommt.

Selten habe ich auf so hohem Niveau so überzeugend eine so klare und umfassende - und konstruktive - Auseinandersetzung mit dem herrschenden Wirtschaftmodell und seiner Pathologie gelesen.

Ich räume ein, dass vor allem der Abschnitt Kritik äußerst anspruchsvoll ist, und es Zeit braucht, ihn zu verstehen, aber es lohnt sich. Jede Zeile.
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10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Akademische Kritik auf hohem Niveau, 10. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Soziologie - Kapitalismus - Kritik: Eine Debatte (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) (Taschenbuch)
Die drei Jenaer Soziologie-Professoren Klaus Dörre, Stephan Lessenich und Hartmut Rosa haben mit diesem von ihnen publizierten Band die Intention der "Rückkehr der Kritik in die Soziologie", die sie zu einer marktaffirmativen "Begleitwissenschaft", oder, wie es Lessenich ausdrückt: "Normalwissenschaft", verkommen sehen.

Dass Kritik immer normativen Grundlagen folgen muss ist klar; Rosa thematisiert dies in seinem Beitrag am explizitesten, indem er die Frage nach einem guten bzw. gelungenen Leben als stets implizit vorhandene Basis allen soziologischen Forschens und Wissensdranges betont und auch seiner Kritik, die er in Form der Beschleunigungsthese äußert, zugrundelegt.

Bemerkenswert ist an diesem in wissenschaftlicher Kooperation entstandenem Werk dessen Konzeption und Struktur: Durch die anfängliche Darlegung ihrer Positionen, der darauf folgenden gegenseitigen Kritik und der abschließenden Erwiderungen der Autoren auf ebendiese Kritik ihrer jeweiligen Kollegen wird dem Leser und der Leserin eine sehr eindringliche und ausgiebige Beschäftigung mit allen drei Ansätzen - Landnahme, Beschleunigung und Aktivierung - geboten. Selbstverständlich versuchen die drei Autoren auch ihre Anknüpfungspunkte klar zu machen. So radikal stellenweise die gegenseitige Kritik - Stichworte: "unfruchtbar", "unscharf", "wirft alle Grundsätze über Bord" - in ihrer Formulierung, aber auch in ihrem Inhalt ist, so tief ist auch die gegenseitige Beschäftigung mit ihren theoretischen Konzepten und am Ende die wechselseitige Verbundenheit in ihrem dem Bemühen, dem kapitalistischen Rechtfertigungsregime theoretisch und intellektuell den Kampf anzusagen.

Nun zu meinen zwei wesentlichen Kritikpunkten: so sehr gelungen dieses akademisch-geistige "Onanieren" in seiner inhaltlichen und semantischen Stärke ist, so sehr ist es eben auch auf ein akademisches Publikum zugeschnitten, während jene Subjekte, denen es an kulturellem Kapital eher mangelt (wie wohl dem Leiharbeiter, dem Dörre sein Sprachrohr leiht), ins Hintertreffen gelangen und - so sie überhaupt mit der Lektüre beginnen - alsbald ernüchtert resignieren. Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich ausschließlich um ein Werk von Fachleuten für (angehende) Fachleute. Nicht nur wird ein gewisses Sprachverständnis wird vorausgesetzt - ebenso gewisse theoretische Kenntnisse, seien diese über Marx oder Foucault. Gerade das Konzept der Aktivierung erweist sich im Hinblick auf sein Verständnis in meinen Augen als nicht gerade einfach - und lässt womöglich dem/r nicht Foucault geschulten Leser/in am Ende mehr Fragen offen, als es zu beantworten imstande ist.

Der zweite Kritikpunkt meinerseits betrifft die mangelnde Essenz und Kristallisation an Alternativen im System und zum System. Auch wenn diese nicht der eigentliche Gegenstand dieses Buches sind, so sollte eine kritische Soziologie sich darum bemühen, konkrete Hebel und "Einfallstore" (Lessenich) für die potentiellen Subjekte der antikapitalistischen Transformation ausfindig zu machen - und nicht im vagen Bereich bleiben. Ob diese Anforderung hinsichtlich ihrer mageren Ausblicke und politischen Forderungen als erfüllt gesehen werden darf, mag bezweifelt werden. Es fehlt - wie Dörre Nancy Fraser zitierend attestiert - schlichtweg ein "glaubwürdiges, überwölbendes, emanzipatorisches Projekt". Grundeinkommen und Wirtschaftsdemokratie sind die Ideen, die von den Professoren als Antwort auf den Kapitalismus kommen. Wie jedoch eine Welt jenseits des Kapitalismus aussehen könnte, bleibt gänzlich ungedacht und unbeantwortet. Dessen ungeachtet, handelt es sich bei dieser umfangreichen stets mehr oder weniger explizit Marx gehuldigten Kritiklegung um ein famoses Projekt, dem man eine Fortführung wünschen möchte. Ebenso eine breitere Wiederbelebung der Kritik in der Soziologie!
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6 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Leider zu akademisch geschrieben, 3. Januar 2011
Rezension bezieht sich auf: Soziologie - Kapitalismus - Kritik: Eine Debatte (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) (Taschenbuch)
Ich habe das Buch leider nur abschnittsweise gelesen, da es mir dann doch zu akademisch geschrieben ist.

Die Inhalte oder Fragestellungen würde ich aber als ausgezeichnet bezeichnen.

Hartmut Rosa spricht zum Beispiel davon, dass wir in einer Kaufgesellschaft leben, aber die Dinge gar nicht mehr richtig konsumieren, weil uns zumeist auch die Zeit dazu fehlt.

Es werden Zeitschriften und Zeitungen gekauft und ungelesen wieder entsorgt.

Es werden CDs & DVDs gekauft und diese verstauben dann ungehört & ungelesen in unseren Regalen.
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Soziologie - Kapitalismus - Kritik: Eine Debatte (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
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