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4.0 von 5 Sternen Zur Genese menschlichen Denkens
In dieser kulturanthropologischen Darstellung der Entwicklung des menschlichen Denkens beleuchtet Tomasello phylogenetische, geschichtliche und ontogenetische Aspekte der Anthropogenese, legt aber den Schwerpunkt auf die kognitive Ontogenese von Kleinkindern im Alter von 0-7 Jahren, wobei er massiv auf empirische Studien rekurriert. Der Ansatz ist naturalistisch aber...
Veröffentlicht am 17. März 2011 von Knöppler, Andreas

versus
5 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Die Richtung stimmt
Das große Thema, das Tomasello mit Recht behandelt, ist die Akkumulation kultureller Errungenschaften. Je mehr man davon einbezieht, desto weniger wird man für angeboren halten.
Kausalität wird abgeleitet aus sozialen Beziehungen, die auf Unbelebtes projiziert werden - das ist altbekannt (Ernst Mach usw. - Vgl. Stegmüller: "Der Begriff der...
Veröffentlicht am 27. Dezember 2010 von Theodor Ickler


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12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zur Genese menschlichen Denkens, 17. März 2011
Rezension bezieht sich auf: Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens: Zur Evolution der Kognition (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) (Taschenbuch)
In dieser kulturanthropologischen Darstellung der Entwicklung des menschlichen Denkens beleuchtet Tomasello phylogenetische, geschichtliche und ontogenetische Aspekte der Anthropogenese, legt aber den Schwerpunkt auf die kognitive Ontogenese von Kleinkindern im Alter von 0-7 Jahren, wobei er massiv auf empirische Studien rekurriert. Der Ansatz ist naturalistisch aber nicht reduktionistisch. Seine These: "Die menschliche Gemeinschaft stellt die adaptive Umgebung dar, in der sich die menschliche Kognition phylogenetisch entwickelte." ( S. 10)

Ausgehend von der Überlegung, daß die menschliche Kultur in einer evolutionär vergleichsweise kurzen Zeit entstand, sucht der Autor nach dem verursachenden Faktor. Angeborene 'geistige Module' scheidet er aus und verteidigt dagegen die Annahme: Eine einzelne evolutionäre Anpassung, die zu einem beliebigen Zeitpunkt der Menschheitsentwicklung erfolgt sein konnte, erzeugte den biologischen Mechanismus der sozialen bzw. kulturellen Weitergabe. Diese Anpassung ermöglichte den Vorgang kumulativer kultureller Evolution in der Art eines 'Wagenhebereffektes' - erfundene, eingeführte und über viele Generationen tradierte Neuerungen gingen nicht wieder verloren.
Alle Formen menschlichen Lernens beruhen auf der Fähigkeit der Menschen, Artgenossen als ihnen ähnliche Wesen zu verstehen, die ein intentionales und geistiges Leben haben wie sie selbst. ("Theorie des Geistes") Diese Fähigkeit baut jedoch auf den kognitiven Fertigkeiten der Primaten auf: Raumorientierung, Umgang mit Gegenständen, Werkzeugen, Quantitäten, Kategorien, sozialen Beziehungen, Kommunikation und sozialem Lernen.

Schimpansen verstehen nicht, daß ihre Artgenossen intentionale und geistige Zustände haben, ebensowenig die zwischen Ursachen und Folgen vermittelnden Kräfte (das 'warum' der Beziehungsfolge). Tomasello vermutet, daß sich die Anpassung vor ca. 200.000 Jahren herausbildete, und zwar zu dem Zweck, zuverlässige Vorhersagen und Erklärungen des Verhaltens von Artgenossen zu ermöglichen. Das daraus hervorgehende intentionale und kausale Denken erlaubte die Manipulation bzw. Unterdrückung vermittelnder Kräfte und durch das Verstehen des Verhaltens anderer Personen wirkungsvolle Formen kulturellen Lernens und der Soziogenese, wodurch - im Laufe langer historischer Zeiträume - Sprache, Mathematik und die kaskadierende menschliche Kultur entstanden.

Das Verstehen des Anderen beginnt bereits in einem Alter von neun Monaten, und zwar durch einen tiefgreifenden Identifikationsprozeß innerhalb eines Raumes 'gemeinsamer Aufmerksamkeit'. Mit zwei Jahren sind Kleinkinder dann in der Lage, die intentionalen Angebote von Gegenständen zu 'entkoppeln', 'symbolische Spiele' zu spielen und sich selbst von außen zu sehen. Sie lernen die Verwendung kommunikativer Symbole in einem Prozeß der 'Imitation durch Rollentausch'. Tomasello erläutert ausführlich die intersubjektive und perspektivische Funktion der Sprache sowie den Aneignungsweg, den Kleinkinder gehen: Holophrasen > Verbinselkonstruktionen > Abstraktionen (Kategorisierung, Schemabildung, Analogien, Metaphern) > kohärente Narrative > Perspektivität und repräsentationale Neubeschreibung, die zu explizitem, bewußtem und sprachlich ausdrückbarem Wissen führt. Seiner Theorie zufolge lernen Kinder Sprache ausschließlich in der sozialen Interaktion, und zwar durch Imitation. Das betrifft nicht nur den kommunikativen Aspekt der Sprache im engeren Sinne, sondern auch das moralische Verstehen und sogar das kausale Verständnis physischer Ereignisse.

Der Autor erarbeitet seine These mit großer wissenschaftlicher Sorgfalt. Er formuliert zurückhaltend und wird nie apodiktisch. Sein Stil ist klar und auch für Laien gut verständlich. Lesern, die ein stärkeres Interesse an den phylogenetischen Aspekten der Anthropogenese haben, lege ich zur Vertiefung und Erweiterung dringend folgende Werke von Steven MITHEN ans Herz: "The Prehistory of the Mind. A search for the origins of art, religion and science" (1996) und "The Singing Neanderthals. The Origin of Music, Language, Mind and Body" (2006)
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Alles nach der Geburt. Zehn Sterne **********, 28. Juni 2011
Von 
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens: Zur Evolution der Kognition (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) (Taschenbuch)
1. Grundthese

Michael Tomasello beschreibt in diesem Buch, dass der Einzelne soziogenetisch in eine Kultur hineinwächst und dabei alles lernt, um daran teilzunehmen.

2. Nötiges Tempo

Damit erteilt er all jenen eine Absage, die angeborene Module annehmen und die auf die Evolution bauen. Gegen letztere führt Tomasello ins Feld, dass die Zeit nicht gereicht hat, um den Weg der Menschen mit nur evolutiv-genetischen Entwicklungen abgewickelt haben zu können. Dafür braucht es das kulturelle, soziogenetische Lernen, weil Kinder damit in eine vorbestehende Kultur hineinkommen und weil so entsteht, was Tomasello den Wagenhebereffekt nennt, was die Entwicklung beschleunigt hat.

3. Früher Beginn

In dieser dialogischen Lernform, die schon sehr früh in der Ontogenese mit protokommunikativen Formen beginnt und in denen schon neunmonatige Kinder ihr Gegenüber als intentionales Wesen zu begreifen beginnen, formen die Kinder auch früh das Gelernte in sich selber um, schon um mit den Widersprüchen oder den Missverständnissen zurecht zu kommen.

4. Bedeutung

Tomasello sagt uns damit auch, dass Geist ein soziales Gut ist und dass derjenige, dem dieses soziale Lernen verbaut ist oder vermindert - dem wilden Kind, den Autisten oder den Gehörlosen mit hörenden Eltern, und selbstverständlich den Primaten, das diese nie oder nur viel langsamer lernen und teilnehmen können. Nebenbei verabschiedet Tomasello Rousseaus idealen, natürlichen Wilden ins Reich der Phantasie.

5. Hochorigenell

Diese ausholende Studie beeindruckt enorm. Tomasello war an vielen Studien zum Kleinkinderverhalten selber beteiligt, seine Übersicht über die philosophischen und andere verwandte Forschungsgebiete ist grossartig. Und zwischen all diesem Vorbestehenden hat Tomasello einen originellen, selbständigen Weg zurückgelegt und in diesem Buch die vorläufigen Ergebnisse präsentiert. Vorläufig darum, weil es noch viele offene Fragen gibt, weil darum das Wissen noch präziser werden kann.

6. Kant im Abseits

Für meine eigene Leseerfahrung bedeutet es die Verabschiedung von Kants Urteilskraft. Bei Tomasello kommt Kant nicht vor, aber indirekt redet er schon davon. So wie es keine angeborenen Module so gibt es keine vorbestehenden Kategorien.

Kant konnte es nicht besser wissen, denn die Primaten- und die Säuglingsforschung, die zu Tomasellos Ergebnissen führten, begannen erst im 20. Jahrhundert.

Gleichzeitig werden Kants Erkenntisbarrieren stark abgebaut, weil das soziale, kulturelle Lernen enorm vieles und schnell erschliesst, weshalb Kinder nach der Sprache schnell die Mathematik und das Schachspiel erlernen, das um die Ecke denken und das Durchschauen des Gegenüber.

Heute, den 14.11.11. ist mir das zu Kant Gesagt nicht mehr geheuer: Es sind zwei verschiedene Fragen. Einmal ist die Frage, wie den Menschen und den Individuen die eindrücklichen kognitiven Fähigkeiten zugewachsen sind und zuwachsen, und dazu schreibt Tomasello. Wie man zu einem Urteil kommt, ist eine andere Frage (Was können wir wissen?) Zu dieser Frage schreibt Kant. Das Problem wird nicht kleiner, auch wenn die kognitiven Fähigkeiten erstaunlich sind. Wir wissen nur wenig mit Sicherheit, was auch unserer Alltagerfahrung entspricht: Täglich stürzen die Wahrheiten in sich zusammmen. Was kümmert uns die Wahrheit von gestern? Warum also die von heute? Auch die Methoden sind nicht viel weiter als Versuch und Irrtum. Wir leben auf Treibsand. Der wichtigste Mechanismus ist die ewige Korrektur der Korrektur... Auch Tomasello würde zugeben, dass er einen vorläufigen Kenntnisstand verkündet.

Das ändert indessen nichts und darum...

7. Überkategorie

Für seltene Sensationsbücher bräuchte es hier eine Art Überkategorie. Dieses Buch wäre mein erster Kanditat für diese Überkategorie.

Zehn Sterne **********!!
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19 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Evolution des Nach-dem-Warum-Fragens, 16. Oktober 2008
Rezension bezieht sich auf: Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens: Zur Evolution der Kognition (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) (Taschenbuch)
Soll und kann man die Menschheit aus der Arena der evolutionären Entwicklung nehmen? Alfred R. Wallace, der zeitgleich mit Darwin die Evolutionstheorie entwickelt hatte, schränkte die eigene Entdeckung in diesem Sinne ein, indem er behauptete: "(wir besitzen) intellektuelle und moralische Anlagen ..., welche auf solchem Wege sich nicht hätten entwickeln können, sondern einen anderen Ursprung haben müssen - und für diesen Ursprung können wir eine Ursache nur in der unsichtbaren geistigen Welt finden." Mit anderen Worten: die Evolution macht nach dem Übergang vom Affen zum Menschen Halt und es beginnt die metaphysische Entwicklung, die in Kultur und Moral mündet.
Das Beispiel der Nazis hat gezeigt, dass es in der Tat ratsam ist, die Finger von der menschlichen Biologie zu lassen und moralische Kategorien nicht mit biologischen zu vermengen, so wie es im Dritten Reich Gang und Gäbe gewesen war.
Tomasellos Buch nun ist deswegen so wertvoll, weil es hinter eine Wertung der Kultur zurückgeht und nicht nach "guten" oder "schlechten" Entwicklungen der menschlichen Geistesgeschichte fragt, sondern danach, welche Kognitionsleistungen überhaupt den Menschen von seinen nächsten noch lebenden Verwandten im Tierreich unterscheidet. Um das herauszufinden, hat er das Verhalten von Schimpansen und Leipziger Kindergartenkindern in vergleichbaren Situationen beobachtet. Er kommt aufgrund seiner Beobachtungen zu dem Schluss, "dass die Kultur ein Produkt der Evolution ist" (S. 271).
Mit den Menschenaffen hat der Mensch die Fähigkeit, "externe relationale Kategorien zu verstehen. Hinzu kommt nur eine kleine, aber bedeutende Modifikation in Form von vermittelnden Kräften wie Ursachen und Intentionen." (S. 37) Mit anderen Worten: Der Mensch ist aufgrund einer spezifischen evolutionären Entwicklung in der Lage, nach einem "Warum?" zu fragen und seiner Umwelt (besonders der sozialen) stets Absichten zu unterstellen. Das macht den Menschen besonders fähig zur Ausbildung von Erziehungssystemen, die auf Nachahmung basieren. Diese Systeme wiederum können zu Traditonen und Kulturen heranzuwachsen.
Tomasellos Entdeckung ist bahnbrechend, denn 150 Jahre nach dem Erscheinen von Darwins "Entstehung der Arten" ist es möglich, dessen Theorie gewinnbringend auf die menschliche Kultur anzuwenden, ohne Schaden anzurichten. Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen.
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6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens, 26. September 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens: Zur Evolution der Kognition (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) (Taschenbuch)
Wer sich interessiert für das, was den Menschen ausmacht, was ihn vom Tier unterscheidet und welche Macht das soziale Lernen, also die kulturelle Weitergabe von Informationen, die für das Überleben in dem jeweiligen kulturellen Umfeld entscheidend sind, über die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen hat, der muss dieses grundlegende Werk Tomasellos lesen, sich erarbeiten, denn leicht ist es nicht, das bis zum Ende durchzuarbeiten. Aber die Belohnung ist groß: Endlich kann man der ewigen Diskussion über die jeweiligen Anteile des genetischen und kulturellen Erbes an der menschlichen Entwicklung fundiert folgen und weiterführen. Tomasello bietet hier ein stringentes, konsequent darwinistisches und den Humanwissenschaften, die das soziale Lernen als ihr Meta-Paradigma begreifen, verpflichtetes Modell der Menschwerdung, das man professionell wie auch privat nutzen kann- (z. B. in der leidigen "Sarrazin-Debatte", der, wenn man dieses Buch kapiert hat, als großmäuliger Halbwissender dann leicht zu entlarven wäre). Auch untermauert Tomasello überzeugend die Macht der Sprache über die kognitive Entwicklung des Menschen und dadurch auch über dessen Persönlichkeitsentwicklung, wobei er gleichzeitig auch endlich aufräumen kann mit der mystischen Chomsky-Schule. Kein Buch, das man so eben mal am Wochenende liest, aber eines, das einen kognitiv verändert für den Rest des Lebens....
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5 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Die Richtung stimmt, 27. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens: Zur Evolution der Kognition (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) (Taschenbuch)
Das große Thema, das Tomasello mit Recht behandelt, ist die Akkumulation kultureller Errungenschaften. Je mehr man davon einbezieht, desto weniger wird man für angeboren halten.
Kausalität wird abgeleitet aus sozialen Beziehungen, die auf Unbelebtes projiziert werden - das ist altbekannt (Ernst Mach usw. - Vgl. Stegmüller: "Der Begriff der kausalen Notwendigkeit ist nichts anderes als ein letzter Rest einer animistischen Weltauffassung.")
T. ist der Ansicht, "daß das früheste kausale Verständnis physischer Ereignisse auf dem intentionalen Verständnis externer psychosozialer Ereignisse beruht."
Das heißt einfacher: Wir deuten Ereignisse nach dem Muster von Handlungen, also gewolltem und daher zurechenbarem Verhalten. Dabei wird allerdings die Werkzeugintelligenz übersehen, die sich in einfachen mechanischen Manipulationen herausbildet. Unsere Hände haben sozusagen schon einen Kausalbegriff, bevor wir uns darüber Gedanken machen.
Für schwach halte ich die zentrale These über die kindliche Entwicklung: Dramatische Veränderung im 9. Monat, weil der Säugling dann zur Erkenntnis kommt, daß der andere ein intentional handelnder Akteur ist, und sich in dessen Perspektive versetzen kann. Das Kind bilde sich eine "Theorie des Geistes". Von einer solchen Neun-Monats-Revolution haben andere Eltern anscheinend nichts bemerkt, ich selbst übrigens bei meinen Kindern auch nicht.
Die "Theorie des Geistes", die das Kind angeblich herausbildet, ist genau dieselbe naive Theorie, die Tomasello selbst teilt: der Mensch ist ein "intentionaler und geistbegabter Akteur". Auch die alte Lehre von der analogischen Übertragung der eigenen Geistigkeit auf andere (Fremdseelisches) übernimmt Tomasello: Das Kind erkennt zuerst sich selbst als geistbegabt, schließt dann, daß andere es auch sind. Auch die Lehre von den mentalen Repräsentationen, kognitiven Karten usw. wird ohne Bedenken übernommen. Das ist alles nur gehobene folk psychology. Die Erklärungskraft ist entsprechend gering. Dabei ließe sich die Entstehung der "Intentionalität" sehr wohl naturalistisch, also in reinen Verhaltensbegriffen erklären.
Seine neueren Arbeiten zeigen Tomasello klar auf dem Weg zum Behaviorismus; er hat es nur noch nicht gemerkt. Freilich müßte er sich dazu überwinden, einmal Skinners "Verbal Behavior" zu lesen, das er wie viele andere aus Chomskys Rezension zu kennen glaubt.
Im vorliegenden Buch kommen auch andere bedeutende Autoren noch nicht vor: Stern/Stern, Bühler, Papousek/Papousek usw.
Gut sind die Abgenzungen zwischen menschlichem Verhalten und dem der Menschenaffen; auf diesem Gebiet hat Tomasello weitergeforscht. Demnach gibt es bei anderen Primaten
kein Hindeuten auf Gegenstände (Zeigen) [dazu jetzt seine Arbeiten über pointing]
kein Hochhalten von Gegenständen, um sie anderen zu zeigen
kein Hinführen zu anderen Orten, damit die Artgenossen etwas sehen können
kein Vorzeigen von Gegenständen zum Anbieten
kein Lehren durch Vormachen.
(Hinzufügen wären gegenständliches Zeichnen, Musik und Tanz.)
Das ist gute Verhaltenswissenschaft, das "Kognitive" wird nicht gebraucht, erst recht nicht die realistisch interpretierten Grice-Maximen.
Die neueren Arbeiten zeigen Tomasello ein gutes Stück weiter auf dem Weg zum Behaviorismus. Das halte ich für sehr aussichtsreich.
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10 von 52 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Neue Konzepte sind dringend nötig, Tomasello bietet eins, 12. Oktober 2002
Seit etwa 200 Jahren leben wir in einer Welt des Materialismus - und die modernen Naturwissenschaften lassen uns gerne glauben, zumindest die wichtigsten Säulen der Erkenntnis für sich bereits erschlossen zu haben. Dem ist wohl sicher nicht so, heute genausowenig, davon bin ich überzeugt, wie zu früheren Zeitpunkten der Weltgeschichte, als man oft nicht anders dachte, und wir heute darüber lachen. Auch die Vorstellungen zur Evolution bedürfen nach meiner Auffassung einer breit gefächerten Überarbeitung; denn sie führen mittlerweile zu mehr Fragen, als dass sie plausible Erklärungen bieten können.
Tomasello entwickelt eine erfrischend neue Theorie darüber, woher der mesnchliche Geist gekommen sein soll. Er verlässt damit auch ein gewisses Maß den Materialismus, und das ist gut so. Zudem ist ein sein Buch spannend und gut lesbar.
Auch ich habe in meinen früheren Büchern und zuletzt im zweiten Band mit dem Untertitel "Das Leben" der dreiteiligen Buchreihe "Eine bessere Geschichte unserer Welt" (2001) bereits ein alternatives und, wie ich meine, sehr schlüssiges Konzept entwickelt, dass u.a. die Entwicklung des Nervensystems als eine entscheidende Konstante und Basis der Evolution des Lebens macht, und Evolution auch als Evolution ihrer Mechanismen betrachtet.
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