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5.0 von 5 Sternen Zu Seels Ethik der Ästhetik, 30. Dezember 2011
Von 
Hans-Uwe Rösner (Trier, Rheinland-Pfalz) - Alle meine Rezensionen ansehen
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Rezension bezieht sich auf: Eine Ästhetik der Natur (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) (Taschenbuch)
Martin Seel entwickelt hier nicht nur eine "profane Apologie des Naturschönen" (9): sein Buch zielt darüber hinaus darauf, den Nachweis zu liefern, dass es ein ethisch-existenzielles Angesprochensein durch die Natur gibt und diesem moralische Bedeutung zukommt. Es beginnt mit der feingesponnenen Analyse einer Naturästhetik und endet mit dem Ausflug in eine eudämonistische Ethik. Seel wendet sich nicht nur gegen eine Tradition, in der die Anschauung der Natur als erinnernde Teilhabe an ihrem eigentlichen Zustand - kosmische Ordnung, göttliches Buch der Natur, Schau der Ideen usw. - verstanden wurde. Er ist auch nicht bereit, der Natur in irgendeiner Weise - wie u.a. Arthur Schopenhauer, Ernst Bloch, Joachim Ritter oder Theodor W. Adorno - eine metaphysische Weihe zuzusprechen. Seels kantisches Credo lautet: "Die Kriterien unserer Erkenntnis der Natur, auch wo es naturalistische sind, sind keine Kriterien der Natur. Nur unsere Maßstäbe können für uns Maßstab sein: hinter dieses kantische Bewusstsein kann heute niemand zurück." (14) Darüber hinaus kritisiert Seel am Rand aber auch (sozial-)konstruktivistische Ansätze, in denen sich die Natur seines Erachtens in eine Konstruktion des menschlichen Geistes auflöst.

Seels in sich verschachtelte Argumentation verlangt vom Lesenden einen langen Atem. In Kap. I-III beschreibt er die unterschiedlichen ästhetischen Wahrnehmungsmöglichkeiten, in Kap. IV wird der Zusammenhang ästhetischer Wahrnehmungsmöglichkeiten im Naturschönen als eine ausgezeichnete Lebensmöglichkeit vorgestellt, in Kap. V werden die ästhetischen Wahrnehmungsmöglichkeiten einer komparativen Analyse unterzogen, in Kap. VI und seinem Schlusswort verortet Seel seine Ästhetik der Natur in den Kontext einer eudämonistischen Ethik. Das Ergebnis von Kapitel I-III fasst er folgendermaßen zusammen: Die Natur ist ein besonderer Bereich jeweils der kontemplativen, der korresponsiven und der imaginativen Wahrnehmung. Das Ergebnis des Kapitels IV lautet: "Das Naturschöne erweist sich in seiner Einheit als einzigartige Verbindung dieser drei Dimensionen." (235)

Seel veranschaulicht seine begrifflich abstrakte Phänomenologie ästhetischer Wahrnehmung mit zahlreichen Ausflügen in die Philosophie, Literatur und Malerei. So kritisiert er z.B. Pascal, Kant und Nietzsche, insofern sie aus der Erfahrung der Kontemplation eine falsche Lehre ziehen, nämlich dass es zum Wesen der Kontemplation gehöre" (78), das Unvergängliche zu schauen. Gernot und Hartmut Böhmes "ökologische Naturästhetik" wird problematisiert, insofern sie ästhetische Naturerfahrung auf die harmonische Korrespondenz zwischen Mensch und Natur reduzieren und nicht erkennen, wie hoffnungslos partial diese Sichtweise ist. Auch Adornos "Ästhetische Theorie" stellt für ihn letzlich den Rückfall in eine vorwiegend an der Imagination orientierten Metaphysik der Natur dar. In Kapitel V werden die Erkundungen der ästhetischen Naturbeziehung durch vergleichende Betrachtungen über "Kunstschönes", "Naturschönes" und "Technik" zum Abschluss gebracht.

In Kapitel VI kommt Seel auf ethische Aspekte außerhalb der ästhetischen Naturwahrnehmung zu sprechen. Dabei trifft er eine heute gängige Unterscheidung, wonach sich "Moral" auf das individuell Gute wie auch auf das sozial Richtige beziehen kann. Seel teilt zwar Habermas' Überzeugung, dass der kommunikativen Teilnahme am kommunalen Leben universaler ethischer Wert zukommt. Im Vergleich zu ihm lässt er aber deutlich werden, warum es notwendig ist, dem individuell Guten in der praktischen Philosophie eine gleichwertige Rolle zukommen zu lassen. Seine Bestimmung der "allgemeinen Struktur guten Lebens" weist dabei eine Übereinstimmung mit der Struktur der ästhetischen Wahrnehmung des Naturschönen auf. Gelingendes Leben heißt für Seel, "an einem kommunalen Leben teilzuhaben, das für kontemplative und imaginative Distanzierungen aufgeschlossen ist." (350) Dem Naturschönen räumt er insofern eine paradigmatische Rolle im Rahmen einer eudämonistischen Ethik ein, ohne die sich Fragen über das moralisch Richtige nicht hinreichend beantworten lassen.

Fazit: Ein dichtes Buch, dessen Titel weniger verspricht als sein Inhalt hält - voller komplexer und weitverzweigter Gedanken, die intellektuell herausfordern, am Ende aber auch denjenigen bereichern, der Seels phänomenologischer (und damit unhistorischer) Vorgehensweise mit gewissem Abstand begegnet.
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Eine Ästhetik der Natur (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Eine Ästhetik der Natur (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) von Martin Seel (Taschenbuch - 29. Januar 1996)
EUR 14,50
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