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am 31. Juli 2008
Bernard Stiegler hat ein Buch geschriben ' ein wichtiges Buch. Und doch bleibt die Frage: Für wen? Die Leute, die es lesen müßten, wird es wohl kaum erreichen. Und das liegt nicht am Thema: Inhaltlich geht es um die geistige Regression des aufgeklärten Bürgers zum triebgesteuerten Konsumenten durch die Verwendung moderner Psychotechniken von Seiten der Medienkonzerne. Dieses Thema ist seit Heinrich Böll ziemlich aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden. Statt dessen engagiert sich der denkende Mensch der Postmoderne für oder gegen Atomkraft, Umweltschutz, Sterbehilfe, Nanotechnologie - um nur einige zu nennen. Aber kaum einen interessiert, wie die Wirtschaft die Wirkung des Bildungssystem aushebelt und die Autorität der Erziehungsberechtigten untergräbt ' also einen Großangriff auf unsere Gehirne startet ' und damit gleichzeitig die Demokratie in Gefahr bringt. Wie gesagt: Ein heißes Thema! Und doch hat Herr Stiegler alles dafür getan, daß das Buch möglichst wenige Leser findet. Einstein hat einmal gesagt, man solle eine Sache so einfach wie möglich darstellen, aber auch nicht einfacher. Statt dessen wählt er den entgegengesetzten Weg und fährt in einer komplizierten Sprache alles auf, was die europäische Geistesgeschichte so hergibt, von Platon über Freud bis Focault und Derrida. Das Kant ausführlich zitiert wird, wenn es um die Rettung der Aufklärung geht, erwartet man. Doch das Schwelgen in der Antike erscheint in diesem Zusammenhang nicht wirklich angebracht. Und um den an Anglizismen gewöhnten deutschen Leser gleich doppelt zu verprellen, wird tief in die Kiste griechischer und lateinischer Wortschöpfungen gegriffen. In Ermangelung eines Glossars sollten die entsprechenden Wörterbücher möglichst in der Nähe liegen. Da komme ich mir als Geisteswissenschaftler ' der noch ohne Fernsehen, dafür mit einer sehr großen Bibliothek aufgewachsen ist ' vor, als sei ich selbst schon zu einem jener geistig verkümmerten Konsumenten regrediert. Dabei gibt es heute psychologische Lerntheorien, die wissenschaftlich besser abgesichert sind als Freuds Psychoanalyse, mit der Bernard Stiegler den Triumph der audiovisuellen Trivialinhalte über die verschriftete humanistische Bildung beim einzelnen Bürger begründet.
Doch hat dieses Buch auch seine Stärken, nämlich da, wo es Philosophie und Psychoanalyse verläßt und sich eher auf soziologisches Terrain begibt. So beschreibt der Autor sehr gekonnt wirtschaftliche und Machtstrukturen und illustriert sie mit treffenden Beispielen aus den letzten Jahren. Außerdem zitiert er empirische Studien, welche den Einfluß des verstärkten audiovisuellen Medienkonsums auf neurologische Veränderungen des Gehirns belegen. Dies würde funktional bei jüngeren Menschen mit einer eher flachen, sprunghaften Aufmerksamkeit einhergehen, im Gegensatz zu früheren Generationen, die fähig waren, ihre Aufmerksamkeit ausdauernd auf einen Gegenstand zu konzentrieren. In diesem Zusammenhang diskutiert er auch das massenhaft auftretende Phänomen der ADHS (Aufmerksamkeitsdefzit-Hyperaktivitäts-Störung) als ein Resultat des übermäßigen Medienkonsums im Kindesalter ' die erste einleuchtende Erklärung, die mir dazu untergekommen ist.
Nun wartet man natürlich am Ende auf die befreiende Nachricht: Wie kann die Aufklärung doch noch gerettet werden? Bernard Stiegler macht zwar deutlich, daß der massive manipulative Einsatz der Medien durch die spätkapitalistische Wirtschaft systemimmanent ist, kann sich aber doch nicht zu der These durchringen, daß es auch eine nachkapitalistische Alternative geben könnte. Immerhin hat es in der Vergangenheit schon so viele Umbrüche gegeben, daß man keine Angst haben muß, daß unser derzeitiges Entwicklungsstadium der Endpunkt sei. Statt dessen ermutigt er den Staat, die neuen Psychotechniken in dem ihm unterstellten Bildungssystem selbst anzuwenden, um damit der Wirtschaft beim Kampf um die begrenzte Ressource Aufmerksamkeit Konkurrenz zu machen. Damit ignoriert er, daß der Staat ja selbst Teil des Systems ist und schon längst in Form des Infotainments diese Techniken anwendet ' und damit lediglich zur Verflachung der Kultur beiträgt. Außerdem setzt er vage Hoffnungen in die Selbstermächtigung der Bürger durch die digitalen Medien, speziell das Internet (wozu diese Rezension gleich als unwillkommener Beweis dienen kann) und eine eventuelle Zusammenführung der verschiedenen Aufmerksamkeitsformen in der Evolution zukünftiger Generationen. Diese Aussichten können nicht wirklich befriedigen.
Zusammenfassend möchte ich sagen: Ein heißes Thema, eine gute Beschreibung der aktuellen Situation, manchmal sehr weit hergeholte Begründungen, keine wirkliche Alternativen ' und eine Sprache, die in einer Fachzeitschrift für Philosophie angemessen wäre, aber nicht in einer Edition, die sich ausdrücklich an größere Leserkreise wendet. Schade!
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Verliert die Menschheit ihre Dichter und Denker und begibt man sich in eine unfreiwillige Abhängigkeit eines weltumspannenden Mediums?
Von wenigen gesteuert, werden die Auswirkungen der Medien im weiterten Sinne weder von der Politik, noch von den Bürgern ausreichend kontrolliert.
Inhaltlich sehr konzentriert und fachlich fundiert und treffend analysiert der Autor mit Gedanken von Freud, Kant, Platon, Foucault unsere Medienkultur und die Auswirkungen.
Der autor schildert die wichtige Sozialisierung der Kinder, im Alter von 1-5 Jahren und zeigt wie diese Zeit den Menschen dann für sein späteres Leben entscheidend prägt. Früher erfolgte eine Wertevermittlung durch vorleben der Werte. Heute haben die Kinder, zum überwiegenden Teil, einen eigenen Fernseher in ihrem Zimmer, der sie beschäftigt, da die berufstätigen Eltern meist überlastet sind und weniger Zeit für die Kinder haben. Aufmerksamkeitsdefzit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS)sieht der Autor z.B. als Hauptursache des Fernsehkonsums im Kindesalter an.
Der Autor zeigt wenn sich die Menschen immer mehr von Kino, Fernsehen und dem Internet ablenken lassen. So wird über die Jahre die geistige Selbständigkeit in einen reinen geistigen Konsum von Unterhaltung umgemünzt und die eigene analytische Denkfähigkeit wird radikal reduziert!
Die Medien erhalten so tagtäglich einen unglaublichen Einfluß auf unser Denken. Ganz bewußt zielt die Wirtschaft über die Medien auf die Kinder, um sich diese auch für die Zukunft als Zielgruppe zu bewahren.
Die Medien gerieren darüber hinaus z.B. Bedürfnisse die gar nicht bestehen und nutzen dabei alle psychologischen Tricks um bestimmte Produkte zu vermarkten.
Eigentlich ist dies, sachlich betrachtet, ein Großangriff der Medien auf unsere Entscheidungsfreiheit und auch auf das gesamte Wertedenken der Gesellschaft.
Der Autor zeigt uns viele der Gefahren die dadurch entstehen können auf. Mit Statistiken weist er z.B. nach, dass sich die Zahl der Gewalttaten von Jugendlichen, z.B. in den letzten 5 Jahren, um 18 % erhöht hat.

Fazit: Kritisch,anspruchsvoll und sehr lesenswert!
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am 7. Juli 2008
Der Originaltitel war "Prendre soin. De la jeunesse et des générations". (Deutschen Verlage gehen mit ausländischen Buchtiteln oft recht eigenwillig um.) Aus dem Original finden sich die ersten sechs Kapitel ins Deutsche übersetzt in diesem Buch wieder. Es geht um die Vermeidung von Verantwortung für und die Sorge um Unmündige. So kann man sie als Konsumenten besser in der Griff bekommen.

Der Verfasser entmündigt die Menschen der jungen Generation nicht, sondern respektiert sie gerade in ihrer Unmündigkeit. Sie haben nämlich Anspruch auf Sorge. Stattdessen wird heute Unmündigkeit zur Ressource für Geschäfte. Eigentlich Strafunmündige Täter zunehmend nach Erwachsenenstrafrecht zu behandeln ist ein Teil unseres Versagens gegenüber jungen Menschen. Bernard Stiegler ist nicht nur professoraler Philosoph, sondern blickt auch als Praktiker auf eigene Erfahrung zurück: Auf seine 5 Jahre Haft als junger Erwachsener wegen bewaffneten Raubüberfalls weist er offen hin.

Noch eine Nebenbemerkung: Waren bei Vergil z.B. die zur bösen Tat verleitenden Sorgen der Hunger, der Mangel, die Not und der Tod, so suchten bei Goethe "vier graue Weiber" den alten Faust heim: Mangel, Schuld, Sorge und Not. Die Sorge selbst erhielt hier also Gesicht. Und von den Vieren drang nur noch die Sorge zu dem erfolgreichen Unternehmer durch, der keinen Mangel, keine Schuld und keine Not mehr kannte - und auch den Tod verkannte. Auf der Suche nach Hebeln zur Bewegung von auch die politische und geistige Führung zunehmend beeinflussenden Wirtschaftsführern ist die "Sorge" und ihre Logik sicherlich eine nähere Betrachtung wert.
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Dieses Werk tritt uns mit einer sehr komplizierten Sprache entgegen. Es will präzise sein in seiner Erläuterung psychogenetischer, Ich-bildender Prozesse und rekurriert deshalb auf feste Begrifflichkeiten verschiedenster philosophischer und psychologischer Schulen. Es entlehnt Begriffe der Husserl'schen Phänomenologie, der Lacan'schen Psychoanalyse, bedient sich bei Deleuze und den Kategorien der Transzendentalphilosophie Immanuel Kants. Wesentlich zum Verständnis von Bernhard Stieglers "Sorge" sind die Begriffe "Retention" und "Protention". Sorge macht sich der Französische Kulturphilosoph über die Wirkung des Massenmediums Fernsehen auf die psychische Entwicklung der heranwachsenden Jugend. Das Fernsehen mit seiner aufmerksamkeits-ablenkenden Wirkung, aber auch vermittels der simpflizierenden Botschaften von Massenprogrammen und Werbung, führe zu einer Infantilisierung der erwachsenen Psyche. Sie lenke von der Notwendigkeit der "Sorge" um die Mit- und Umwelt ab, indem sie in die Psyche des Heranwachsenden ihre eigenen, und hier tauchen diese wichtigen Begriffe auf, Retentionen und Protentionen "einpflanze". Mit Retention meint die Bewusstseinsphilosophie jene Fähigkeit des Geistes in den Gegenwärtigen Moment auch das unmittelbar Vorangegangene zu integrieren. Protention meint die Fähigkeit, das Zukünftige in das gegenwärtig Bewusste einschließen zu können. Diese Fähigkeiten, deren Benennung Stiegler von Husserl übernimmt, würden unter günstigen Bedingungen von den Eltern auf die Kinder übermittelt, über die sogenannten intergenerativen Beziehungen, im Laufe der Ich-Bildung des Kindes. Sie seien notwendig, um eine tiefe, auf reale Probleme gerichtete Aufmerksamkeit zu ermöglichen, also Sorge zu tragen für die gemeinsame Gesellschaft. Die modernen Medien unterliefen jedoch mit ihrer Logik des ständig gegenwärtig Verfügbaren, der Verwöhnung durch stetiges Entertainment und Infotainment, der andauernden anspruchslosen Befriedigung banalster Bedürfnisse diese transgenerative Kulturleistung. Der Abbruch der Übertragung dieser basalen Kulturfähigkeit, der Fähigkeit des mündigen, reifen Erwachsenen, sich um seine Gesellschaft, sein Staatswesen zu kümmern, also Sorge zu tragen, untergrabe letztlich die Fundamente der aufgeklärt-säkularen Demokratien, welche auf die Mitarbeit, das Mit-Denken reifer Bürger angewiesen sei.
Man kann nun Stiegler vorwerfen, dass er sich einer zu komplizierten Semantik bedient. Es ist aber sein Anspruch, das Problem nicht nur zu benennen - das haben viele schon vor ihm getan -, er möchte vielmehr den Prozess in seinen Details begreifbar machen. Da die Prozesse des Ichs und seiner Genese aber im Alltags-Diskurs nicht präzise semantisch erfasst werden, muss er sich bei den verschiedensten Denktraditionen bedienen. Wenn man ihn wohl-versteht ist Stiegler in dem, was er beschreiben möchte, von einer großen, man möchte sagen, anatomischen Präzision. Dafür lohnt es aber, sich um diesen Autor zu bemühen.
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am 4. September 2008
In dieser modernen Welt sind nicht viele Dinge nicht zu haben. Der Individualismus wird in den Medien, sei es als Buch, Zeitschrift, Internet oder Fernsehen sehr wohl gefördert. Doch die Wahl des Mediums und im Medium selbst das Spezielle ist zwar frei im Prinzip, doch in der Lenkung Aufgabe von Marketingstrategen, die in ihrer Profession um die Aufmerksamkeit des Einzelnen ringen. Diese Werbebotschaften treffen jede Generation.

Am Beispiel des Fernsehsenders Canal J gelingt es Bernard Stiegler (1952-) auf ein Defizit aufmerksam zu machen, was gesellschaftlich von hoher Relevanz ist. Mit der Werbung, Großvater, Vater und Kind auf einem Bild, vom Sender untertitelt mit: "mieux que ca - Besseres als das" verheisst das Plakat dem Kind, das Fernsehen bietet mehr als der Kontakt zur Familie über die Generationen hinweg. Unverblümt wird deutlich gemacht, dass das Fernsehen den Anspruch auf Aufmerksamkeit in der verfügbaren Zeit der jungen Hirne rechtmäßig einfordert und besser als Familie diese Aufgabe der Sorge übernehmen kann. Weiter gedacht wird die Botschaft laut, das Erwachsene durch das Fernsehen in die Unmündigkeit gedrängt werden sollen, ungeachtet ihrer eigentlichen Aufgabe, als Mündige die nächste Generation aus der minderjährigen Unmündigkeit zum sozialen und mündigen Mitglied der Gesellschaft zu formen. Kinder werden so zu früh, nicht konform ihrer psycho-sozialen Entwicklung nach Piaget oder Freud als quasi-erwachsen behandelt, in eine Verantwortung entlassen, die sie nicht übernehmen können. Daduch wird der Zusammenhang und der Zusammenhalt, durch Generationen hinweg gebildet und geprägt nun medial und psychotechnisch individualisiert, auseinander gebrochen. Die notwendige soziale Verantwortung bleibt unausgebildet, Verwahrlosung und Kriminalität nehmen zu und führen so zu neuen Gesetzen in Frankreich, die den jugendlichen Tätern schon früh mit einem Strafmaß vergleichbar Volljähriger aburteilen. Grund dafür ist, dass die bisherige Regelung ein Gefühl der Straflosigkeit erweckte. Deutlich jedoch wird die Unfähigkeit der Gesellschaft, sich Jugendlicher entwicklungsgerecht und -konform anzunehmen.

Stiegler geht es um die Entwicklung eines neuen Gespürs, wie moderne mediale Technik Einfluss auf die Aufmerksamkeit Jugendlicher beansprucht. Er zieht daraus Schlüsse mit Rückblick auf die Geschichte, bis auf Platon zurückgehend. Er nimmt von dort Platons Phaidros und die dort vertretene Ansicht, Schrift sei nur eine taktische Vorbereitung für eine Rede und verseiche das Denken, als Start, um den Sinn der Aufklärung, den Austritt aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit nochmals zu wagen und zu einem zwar selbstbestimmten, aber sozialen Menschen zu werden. Ganz im Sinne Kants vertritt er die persönliche wie die gesellschaftliche Vernunft, setzt auf die dauerhafte Verantwortung im Sinne des Gemeinwesens wie der eigenen Person in diesem. Insgesamt fordert er mit den Tugenden der Vergangenheit, insbesondere dem Gedankengut der Antike den selbstbewussten Menschen, der einer Aufmerksamkeitsdroge dritter nicht unterliegt, sondern sich selbst aufmerksam den wahren Interessen widmet. So ist das Buch eine Teilhabe an anderem Denken, führt zur Reflexion und zur Kenntnis allgemeiner Werturteile. Die psycho-technische mediale Welt wird bei hoher Reflexion verbunden mit dem eigenen Denken, man wird Teil einer Noosphäre im Sinne von Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955).

Seine Aufgabe sieht Stiegler darin, Erkenntnisse zu vermitteln, wo Aufklärung und deren Ideale zerstört werden durch mediale Aufmerksamkeitshysterie, durch Entmündigung von Erwachsenen und zu frühes Mündigmachen von Jugendlichen. Er will die Infantilisierung der Gesellschaft verhindern, deren aufgeklärte Haltung wiederbeleben durch Reduzierung medialer Übermacht und Stärkung der familären Bindung und der Sozialkontrolle in ihr. Kultur und Bildung sind seine Pfeiler gegen die globalisierten Psychotechnologien und deren Aufmerksamkeitsvereinnahmung, die in den Dienst der Aufrechterhaltung einer Unmündigkeit gestellt werden.

Stiegler schreibt in der Tat nicht für ein breites Publikum, ganz sicher nicht für die Gruppe, die er anspricht. Hätte er für alle geschrieben, wäre er dort gelesen worden? Wahrscheinlich nicht. Kant hat nicht für die Allgemeinheit geschrieben, aber seine Gedanken und insbesondere die der Aufklärung und der Vernunft hat die breite Masse über die Vermittlung erreicht. Man weiss um ihn. So möge man Stiegler auch lesen, als Mahner in einer Zeit, in der das Feuer der Tradition gelöscht wird ohne das Wertvolle zuvor zu retten.

Dieses Stiegler Buch empfehle ich als "Schlacht für die Intelligenz" auch allen, die Winterhoffs Tyrannenbuch gelesen oder besprochen haben. Denn Stiegler zeigt wie Winterhoff auf Defizite, so beginnt der erste Schritt.

Dieses Buch ist Teil der unseld edition, seit 2008 neu bei suhrkamp. Diese Reihe widmet sich den aktuellen Themen der Zeit und den Welterklärungen.
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Werbung in Frankreich: Ein Spot des Senders Canal J zeigt ein Kind, welches von seinen Eltern und Großeltern umgeben ist. Der entsprechende Titel lautet: "mieux que ca - Besseres als das" (14). In was für einer Welt leben wir da eigentlich, fragt sich der Technologiesoziologe Bernhard Stiegler, in der ein Teil der Medien aktiv die Zerstörung der ursprünglichen Familienbindungen betreibt und sich selbst an diese Stelle setzen will. Stiegler unternimmt in seiner Darstellung "Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien" eine radikale Kritik unserer Konsumkultur, die unter anderem auf der künstlichen Verkindlichung der Erwachsenengeneration beruht: "Ich bin der Auffassung, daß diese Unterschiedslosigkeit zwischen Minderjährigen und Volljährigen die Grundlage unser Konsumgesellschaft bildet, die die minderjährigen wie die volljährigen Konsumenten in ein strukturelles Gefühl der Unverantwortlichkeit versetzt" (12).

Diese geistig-intellektuelle Regression bewirke einen Verlust dessen, was den Mensch erst zum Menschen mache, "nämlich der Geist, dessen moderne Form das kritische Bewußtsein ist" (69). Hinter diesem Phänomen vermutet Stiegler eine unser politisches System gefährdende Bedrohung, die er mit der Bezeichnung Telekratie umschreibt: "Die Telekratie hat heute die Demokratie ersetzt - und es wird immer deutlicher, daß die Telekratie, die die ökonomisch-politische Konkretisierung der Psychomacht darstellt, jegliches Gefühl der Verantwortung zerstört, was insbesondere für die Jugend und die Kinder zunehmend katastrophale Folgen zeitigt" (84).

Die Grundthese dieses Buches ist interessant, wenn auch nicht wirklich neu: Fernsehen verblödet, kastriert die Fähigkeit zur kritischen Reflexion, treibt uns in die Unmündigkeit und bedroht damit letztendlich unser politisches System. Oder um es mit den Worten Marcel Reich-Ranickis zu sagen: "Das ist alles falsch, schlecht und übel." Allerdings steigert sich Stiegler im Lauf seiner Darstellung derart in seinen eigenen Sprachkosmos hinein, dass er für den durchaus interessierten Leser kaum mehr verständlich ist. Hier nur ein Beispiel: "Das sich in unser Zeit grammatisierende Milieu gleicht einer Sammlung toxisch gewordener pharmaka, dessen Toxität systematisch ausgebeutet wird" (130). Vielleicht liegt es ja auch an der Übersetzung aus dem französischen Original ins Deutsche, dass der Text für den Laien kaum mehr zu verstehen ist. So ist Stieglers Konsum- und Medienkritik, die auf der Zerstörung der menschlichen Kritikfähigkeit und somit eines wesentlichen Teils des Erbes der Aufklärung abzielt, zwar vom Ansatz her interessant, ist aber für den Laien aufgrund des speziellen Vokabulars nur bedingt zu empfehlen.
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am 26. Januar 2015
Behandelt die Industriealisierung, den Fortschritt, der unterm Strich keiner ist
und will bewusstmachen, wie wir und langsam aber sicher ganz 'entmündigen'.

Andreas van Appeldorn (avafoto.tl.de)
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am 13. Oktober 2009
..und auch durchaus analytisch und reflektiv,aber viel zu interlektuell umzäunt,dabei stellt sich mir keine schuldfrage,aber trotzdem bleibt es der individuellen disziplin geschuldet,was aus uns wird und schon ist,ein riesiger haufen aufmerksamkeitsdefizitgeschädigter zombies,welche aber auch immer wieder aufs neue ihre eigenen henker wählen....anspruchsvoll und der mühe wert....lesen
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