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am 21. März 2010
Die Natur, so scheint es, ist das Gegenbild unserer Gesellschaft. Während das menschliche Leben von Konflikten geprägt ist, herrscht in der Natur Harmonie. Während der Mensch verschwenderisch ist, setzt die Natur ihre Ressourcen optimal ein. Während der Mensch Zerstörung verursacht, befindet sich die Natur im Gleichgewicht. Die Schlussfolgerung drängt sich auf, ein großer Teil der Probleme unserer Zeit wäre lösbar, wenn wir uns die Natur zum Vorbild nehmen würden. Josef Reichholf, Professor für Ökologie in München, hat es unternommen, diese Vorstellung zu prüfen.

Alle Lebensformen, so beginnt Reichholf seine Ausführungen, verkörpern einen hohen Grad an Ordnung. Um existieren zu können, müssen sie fortwährend gegen die Zunahme von Unordnung (Entropie) in der Welt ankämpfen. Dies aber sei gleichbedeutend mit der Herstellung lokaler Ungleichgewichte. Näherten sich Lebewesen dem Gleichgewicht, gingen sie zugrunde. "Der Tod ist das Erreichen des (thermodynamischen) Gleichgewichts" (S. 39).

Die Evolution bestätige diesen Umstand. Je komplexer eine Lebensform sei, desto stärker habe sie sich von ihrer Umwelt gelöst. In besonderer Weise sei dies an jenen Tieren erkennbar, die neben dem Menschen das Höchstmaß an physischer Unabhängigkeit erreicht hätten: den Vögeln. Aus eigener Kraft könnten sie ganze Kontinente überfliegen und in die gleichen Höhen aufsteigen wie Langstreckenflugzeuge. Dafür seien sie gezwungen, das energetische Ungleichgewicht mit der Umwelt zu maximieren. "Die meisten Vogelarten ... halten ihre Körpertemperatur bei 42 Grad ganz knapp unter der Todesgrenze" (S. 84). Damit verbrauchten sie "viel zu viel Energie; das Fünf- bis Zehnfache eines gleichschweren Säugetiers und ein Vielfaches verglichen mit ihrer Reptilienverwandtschaft" (S. 42). Wenn das Prinzip vom sparsamen Umgang mit Energie in der Natur allgemeine Gültigkeit hätte, dürfte es Vögel gar nicht geben.

Was für den Stoffwechsel der Lebewesen gelte, treffe nicht minder auf ihr Verhalten zu. Wann immer sie könnten, neigten sie dazu, die verfügbaren Ressourcen komplett auszuschöpfen. Regelmäßig führe diese Strategie zum Ungleichgewicht zwischen der Zahl der Lebewesen und ihrem Nahrungsangebot und verursache schwerwiegende ökologische Einschnitte. So finde man in der globalen Nutzung der Landschaften einen charakteristischen Zusammenhang: Je attraktiver und einträglicher, desto unbeständiger (S. 70). "Wo immer es ... Massenentwicklungen gibt, da kommen auch sehr starke Schwankungen zustande. Auf gute Zeiten können rasch sehr schlechte folgen. Die hochproduktiven Zonen sind instabil" (S. 72). Demographische Zusammenbrüche seien demnach biologisch "normal". Sie gehörten ebenso zum Auf und Ab des Lebens, wie Phasen des Wachstums und der Stabilität.

Darüber hinaus seien im Verlauf der Erdgeschichte mehrfach Katastrophen aufgetreten, die zur Vernichtung eines Großteils der existierenden Arten geführt hätten. Auch sie müssten als "natürlich" betrachtet werden.

Überhaupt dürfe man sich Ökosysteme nicht wie Organismen vorstellen. Sie seien ungleich offener und nahezu unbegrenzt flexibel (S. 101). "Deshalb können Ökosysteme auch nicht wirklich geschädigt werden oder zusammenbrechen. Es gibt keine festgelegten Zustände, weil keine Instanz vorhanden ist, die solche Festlegungen trifft" (S. 51).

Diese Überlegungen machen deutlich, dass die vom Menschen verursachte Umweltzerstörung biologisch gesehen nichts Außergewöhnliches darstellt. Indem er Raubbau an der Natur betreibt, verhält sich der Mensch so, wie es alle in vergleichbaren Situationen befindlichen Arten tun. Weit entfernt davon, sich gegen die Natur zu wenden, erweist er sich gerade in seiner Rücksichtslosigkeit als ihr gelehriger Schüler. "Es mag in unserer Natur liegen, alles auszubeuten, was genutzt werden kann" (S. 79).

Zwar gebe es durchaus Ökosysteme, die sich dem Gleichgewicht annäherten, doch seien sie meist durch ausgesprochene Armut gekennzeichnet. Typisch dafür sei der amazonische Regenwald, ein "weitestgehend geschlossenes Ökosystem mit nahezu perfektem Recycling von Nährstoffen" (S. 62). Die Böden auf denen er wachse, seien seit Urzeiten ausgelaugt und fast frei von den Mineralien, die für Pflanzenwachstum benötigt würden. Infolgedessen lebten dort erstaunlich wenige Tiere. "Sie bringen zusammen kaum 200 Kilogramm pro Hektar auf die Waage, ein Fünftausendstel der Pflanzenmasse, nicht mehr" (S. 60). Dies sei weniger als ein Zehntel des Tieraufkommens in mitteleuropäischen Wäldern. Nur gezwungenermaßen, aus Not, habe sich in Amazonien der sparsame Umgang mit Ressourcen durchgesetzt.

Außerdem verlange er einen hohen Preis. Lebewesen, die mit kargen Bedingungen auskommen müssten, hätten die Tendenz, ihre Vermehrung einzuschränken. In der Regel erfolge dies auf dem Weg sozialer Unterdrückung. Ein großer Teil der Angehörigen einer Art werde von der Fortpflanzung ausgeschlossen oder falle der innerartlichen Konkurrenz zum Opfer, wie man am Beispiel der Bäume erkennen könne. "Die Ressourcen, die Bäume in ihren Stämmen ansammeln, sind den anderen, den Konkurrenten, weggenommen. ... Bäume, die schneller als ihre Nachbarn wachsen, übergipfeln diese und unterdrücken sie. Von Zehntausenden, die als Sämlinge angefangen haben, bleibt vielleicht einer übrig. Die anderen sind durch die zunehmende Konkurrenzkraft dieses einen Baumes erdrückt und verdrängt worden" (S. 76).

In der Natur dominierten also zwei Formen der Ressourcennutzung: hemmungslose Ausbeutung einerseits, die Unterdrückung von Artgenossen andererseits. "Die nach menschlicher Wertung mittleren, 'vernünftigeren' Bereiche sind nicht besetzt. Daraus folgt der Schluss, dass sie unter Naturbedingungen auch nicht wirklich überlebensfähig sind. Sie stellen keine ... 'evolutionär stabile Strategie' dar" (S. 83).

Somit erweist sich die Vorstellung einer zum Vorteil aller Lebewesen im Gleichgewicht gehaltenen Umwelt als eine in die Natur projizierte politische Utopie. Würden wir uns die Natur tatsächlich zum Vorbild nehmen, müssten wir entweder die Verbrennung fossiler Energieträger massiv beschleunigen, oder eine menschenverachtende ökologische Gewaltherrschaft errichten.

Angesichts dieser Perspektive hält Reichholf es für ratsam, die beliebten Illusionen über die Natur zu begraben. Wenn wir aufhören, sie zu idealisieren, werden wir erkennen, dass wir uns in Wirklichkeit nie von ihr entfernt haben. Harmonische Lösungen für unsere Probleme gibt es nicht. Wollen wir keine ökologische Weltdiktatur, werden wir uns mit hinreichend stabilen Ungleichgewichten behelfen müssen. Welche Zustände dafür in Frage kommen, kann die Menschheit nur durch Versuch und Irrtum ermitteln. Sollte sie dabei Fehler machen und Katastrophen verursachen, folgt sie ganz dem Beispiel der Natur.
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TOP 500 REZENSENTam 19. November 2011
Mit der Rezension zu diesem Buch habe ich mich sehr schwer getan. Dies mag einerseits daran gelegen haben, dass ich im Vorfeld zwei andere Besprechungen zum Buch bzw. eines anderen Essays von Reichholf zum Thema las, einerseits von Wolfgang Cramer (Spiegel, 13.06.2008: "Sprechblasen im Ungleichgewicht"), andererseits von Klaus Rohde (Google Knol, 27.02.2011: "Stabile Ungleichgewichte"). Erstere ist ein ziemlicher Verriss, Letztere deutlich wohlwollender.

Selten habe ich ein Buch eines Biologen in der Hand gehabt, das mir dermaßen deutlich gemacht hat, dass bestimmte Themen unter dem Paradigma der mittlerweile hoffnungslos veralteten Darwinschen bzw. Synthetischen Evolutionstheorie überhaupt nicht diskutierbar sind, speziell dann, wenn im Anschluss eine Übertragung der "Resultate" auf menschliche Gesellschaften erfolgt. Das Ergebnis ist dann - meistens - ein unpassender Biologismus.

Auf dem Umschlag steht, dass Josef H. Reichholf als "enfant terrible" des Umweltschutzes gelte, der manchen Ansatz radikal in Frage stelle. Man kann ihm nur anraten, insbesondere das Paradigma der Darwinschen Evolutionstheorie in Frage zu stellen und seine Arbeit stattdessen auf der moderneren und vermutlich auf alle Evolutionen gleichermaßen anwendbaren Systemischen Evolutionstheorie beruhen zu lassen. Denn viele seiner Aussagen sind in höchstem Maße interessant und zum Teil auch sehr tiefgründig, andere dagegen sehr problematisch.

Beispielsweise heißt es auf S. 39: "Das Leben muß dieser Gesetzmäßigkeit allein schon deswegen massiv entgegenwirken, um sich überhaupt erhalten zu können. Die Physik bezeichnet dieses Naturphänomen als Entropie und betont ihre unvermeidbare Zunahme mit der Zeit. Das Leben muss sich gegen diese Entropie stemmen. (...) Der Grundsatz besagt, daß Leben Energie aufnehmen muß, um beständig gegen den Zerfall, die Entropie, sich selbst immer wieder aufzubauen. Leben kann nur 'leben', also aktiv sein, wenn es sich mit Energie versorgt und diese 'verbraucht'."

Dies ist zweifellos richtig.

Auf der gleichen Seite heißt es dann aber: "Damit hebt sich das Leben aus dem allgemeinen Entropiegefälle heraus und wiedersetzt sich dem Zerfall. Der Physiknobelpreisträger Ilya Prigogine bezeichnete die Organismen daher als 'dissipative Strukturen', weil sie schneller, als es dem physikalischen Zerfall entspricht, Energie in Entropie umwandeln und davon selbst leben. Sie halten sich - solange sie leben, 'fern vom Gleichgewicht'."

Das ist bereits problematisch, da sich Leben nicht als dissipative Struktur charakterisieren lässt. Gemäß der Systemischen Evolutionstheorie sind lebende Systeme selbstreproduktive Systeme, die "bestrebt" sind, ihre Komptenzen (mit deren Hilfe sie Ressourcen in ihrer Umwelt erlangen können) zu bewahren. Sie besitzen folglich Reproduktionsinteressen. Sie verhalten sich nachhaltig gegenüber ihren Kompetenzen und ausbeutend gegenüber ihrer Umwelt. Daraus lässt sich bereits alles Weitere ableiten, insbesondere Selbsterhalt, Fortpflanzung und die von Reichholf angeschnittenen Themen.

Sehr überzeugend ist seine Darlegung, dass Ökosysteme keine Superorganismen sind (51f.): "Ökosyteme sind somit alles andere als 'Super-Organismen' mit einem Eigenleben. Was in diesen 'Systemen', die der menschlichen Vorstellung entstammen, tatsächlich lebt, das sind die Lebewesen selbst, nicht aber das System. Deshalb können Ökosysteme auch nicht wirklich geschädigt werden oder zusammenbrechen. Es gibt keine festgelegten Zustände, weil keine Instanz vorhanden ist, die solche Festlegungen trifft." Aus diesem zutreffenden Zusammenhang leitet Reichholf viele seiner treffenden Folgerungen ab, jedenfalls solange es ausschließlich um die Natur geht. Kommt er auf den Menschen zu sprechen, ergeben sich leider Fehlschlüsse. Dies zeigt sich gleich im Folgesatz auf derselben Seite (52): "Außer - der Mensch bemächtigt sich solcher Ausschnitte aus der Natur und 'regiert' sie nach seinem Gutdünken. Dann grenzt er sie ab, als Felder etwa oder als Gärten, übt auf seiner Fläche die zentrale Steuerfunktion aus und sorgt dafür, daß bestimmte Zustände erhalten bleiben oder wiederkehren, wenn sie Zeiten der Ruhe oder der Veränderung durchmachen müssen, um wieder das zu leisten, was sie erbringen sollen. In geradezu grotesker Umdrehung der Annahmen entsprechend damit die künstlichen (Agro-)Ökosysteme weit besser dem Wunschbild eines Super-Organismus als die natürlichen Lebensräume."

Hier offenbaren sich die Defizite des Darwinismus, dem es insbesondere an einem systemtheoretischen Fundament mangelt. Im Allgemeinen dürfte das künstliche (Agro-)Ökosystem nämlich einem Agrarbetrieb gehören. Im Sinne der Systemischen Evolutionstheorie ist jedoch der Agrarbetrieb als Unternehmen ein Superorganismus (nicht aber dessen Ökosystem!), welcher ein Reproduktionsinteresse bezüglich seinen Kompetenzen besitzt. Das Ökosystem ist nur Teil seiner Kompetenzen. Folglich verhält sich der Agrarbetrieb nachhaltig gegenüber seinen Kompetenzen (u. a. seinem Agro-Ökosystem) und ausbeutend gegenüber der Umwelt (außerhalb seines Hoheitsgebiets und damit seiner Anbaufläche).

Dieser konzeptionelle Unterschied mag klein wirken, er ist aber entscheidend. Ich will das einmal am Beispiel der Tragik der Allmende verdeutlichen, wie sie von Garrett Hardin erläutert wurde. In der Natur sind Ressourcen im Allgemeinen reine Gemeingüter. Eigentum kennt man noch nicht. Infolgedessen kommt es darin meist zur freien Ausbeutung der Ressourcen (83). In menschlichen Gesellschaften könnte man die Allmende aber einem Akteur (Staat, Unternehmen, Genossenschaft etc.) unterstellen. Der Akteur würde sie zu seinen Kompetenzen zählen und sie in der Folge nachhaltig behandeln. Dann käme es jedoch keineswegs mehr zur Tragik der Allmende und den von Reichholf behaupteten Ungleichgewichtsproblematiken.

Reichholf suggeriert in seinem gesamten Buch, dass man eigentlich gar nichts Richtiges tun könne und auch sollte. Seine Botschaft lautet: Man sollte den Dingen ihren Lauf lassen (127). Gelangen natürliche Populationen oder menschliche Gesellschaften an Grenzen, dann wird es zu Ungleichgewichten und in der Folge zu bereinigenden Zusammenbrüchen oder Kriegen kommen, doch danach wird es mit neuer Kraft weitergehen: "Ungleichgewichte sind die Zukunft" (125ff.).

Entsprechend fatalistisch wirkt sein Ausblick (133): "Die Unterschiede auszugleichen gebietet die Menschlichkeit. Doch in der Realität werden die Unterschiede zwischen arm und reich eher größer als geringer."

Und (135): "Aber wer im 'Gleichgewicht' die bessere Alternative sieht, müßte, um es zu erreichen, großen Teilen der Menschheit die Fortpflanzung verbieten. Denn nur wenn nicht mehr nachkommen als wegsterben und wenn nicht mehr gebraucht als (gerade) erzeugt wird, kann Stabilität in diesem Sinne zustande kommen. Daß dies einen totalitären Weltstaat der schlimmsten Sorte bedeuten würde, in dem Aldous Huxleys 'Schöne neue Welt' nachgerade schön wäre, liegt auf der Hand."

Dies ist völlig unzutreffend. Denn längst liegen Konzepte vor, die ein nachhaltiges Schrumpfen menschlicher Populationen ohne Zwangsmaßnahmen (d.h. auf völlig freiwilliger Basis) ermöglichen. Sie müssten lediglich wahrgenommen und diskutiert werden. Fatalistische Aussagen der Art, dass man sowieso nichts tun kann, werden die Menschheit mit Sicherheit nicht durch die kommenden schwierigen Zeiten bringen.

Reichholf ist sich des Fatalismus-Vorwurfs bewusst (127): "Wer eine solche Einstellung vertritt, wird als Fatalist eingestuft. Der Lebensprozeß selbst, die Evolution, wäre demzufolge fatalistisch." Nein, eben nicht! Das Unterbreiten von Vorschlägen ist Teil des evolutionären Prozesses. Das zeigt sich bereits am technischen Fortschritt. Der ereignet sich nämlich auch nicht dadurch, dass man den Dingen einfach ihren Lauf lässt. Dazu ist es erforderlich, dass Menschen Ideen entfalten und Vorschläge unterbreiten.

Manche Aussagen Reichholfs scheinen anzudeuten, dass er bewahrendes Verhalten sogar für eine Schwäche hält (135): "Gefühlsmäßig gehen wir daher von kommenden Veränderungen und nicht vom Stillstand aus. Rational möchten dennoch viele 'dem Augenblick Dauer verleihen', um das selbst Erreichte nicht wieder auf- und abgeben zu müssen. So eine Denkweise ist zutiefst egoistisch."

Nein, um Egoismus handelt es sich dabei nicht, sondern um das Grundprinzip des Lebens an sich. Reichholf erklärt es zu Beginn seines Buches selbst: Leben ist bestrebt, dem thermodynamischen Zeitpfeil des Universums zu entrinnen. Es möchte 'dem Augenblick Dauer verleihen', bevor es selbst zerfällt. Ohne ein solches Streben nach Kompetenzerhalt gäbe es kein Leben auf der Erde.
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am 29. Mai 2012
ALLGEMEIN: sehr gut zu lesendes Büchlein mit ca. 140 Seiten!!! Die beiden Hauptkapitel

1. Die Natur und
2. Die Menschenwelt

unterteilen sich in 14 bzw. 7 weitere Kapitel, in welchen ausgehend vom heutigen Paradigma Das "Haus der Natur" analysiert wird. Ebenso die Vorstellung von Ökologie, Evolution, vom Faktor Zeit, Stoffwechsel der Lebewesen u.v.m.

POSITIV: Es ist insgesamt sehr lesenswert, wenn man sich mit dem ganzen Themenkomplex auseinandersetzen will. Der Autor hat dazu sehr gut vorgelegt und breitet seine Sichtweisen über weite Strecken hin gut nachvollziehbar aus, so dass man seine Überlegungen neugierig unter die Lupe nehmen kann. Zu 80 bis 90% greift seine Logik bei mir auch, bevor er dann doch noch anfängt etwas groben Sand ins Getriebe seines gedanklichen Räderwerkes zu streuen.

KRITIKPUNKTE: ...ab dann knirscht es mächtig. Wie man einigen kritischen Rezensionen hier schon entnehmen kann, sind anderen Lesern auch mehrere Kritikpunkte aufgefallen, was die Schlussfolgerungen von Josef H. Reichholf betrifft, z.B. sein Fatalismus. Ich würde diesen noch etwas hinzufügen wollen.

Während er im 1. Teil des Buches ein überzeugendes Plädoyer für "stabile Ungleichgewichte" anstelle des alten Denkens in "Gleichgewichten" entwickelt, deutet er im 2. Teil zunächst an, dass sich "nachhaltiges Wirtschaften" nicht mit "Konkurrenz" auf "Märkten" verträgt, denn wer ökologisch umsichtig handelt und dabei auf Profit verzichtet, gerät im Markt ins Hintertreffen und schadet sich selbst, was wiederum dem Ziel der Evolution, für die eigene genetische Reproduktion und den Arterhalt zu sorgen, entgegen steht. (* Auf diesen Widerspruch komme ich unten noch zurück!!!)

Weiter hinten im Text benennt er dann sogar, dass "Kapitalismus" als Gesellschaftsmodell ein ernsthaftes Problem darstellt, da er sich nicht mit der energetischen Frage eines sinnvollen, Maß haltenden Stoffwechsels des Menschen mit der Natur verträgt. Er macht das an "Egoismus" (immer mehr haben wollen) fest. Ersteres kann ich 100%ig nachvollziehen. Letzteres finde ich als Grund allerdings unzureichend.

[Ich würde es anders formulieren: Kapitalismus (Prinzip des unendlichen Wachstum per Verwertung eines abstrakten Wertes) widerspricht der Evolution und den Grundprinzipien des Universums, weil sich Energie nur wandeln, aber nicht vermehren kann und gleichzeitig alle stofflichen Räume endlich sind.]

Daraus resultiert dann auch mein Kritikpunkt, weil weder im folgenden Kapitel wie "Ungleichgewichte sind die Zukunft" noch dem abschließenden "Ausblick" wird das vom Autor berücksichtigt.

Diese wichtige Erkenntnis, dass die Menschen sich nicht adäquat der Natur und Evolution gesellschaftlich konstituiert haben, wird komplett ausgeblendet. So bleibt Reichholf auch der Gedanke verborgen, dass die Menschen sich ja auch anders organisieren könnten. Seine fatalistischen Schlussfolgerungen wären nur dann richtig, wenn die Menschen das nicht erkennen und danach handeln - also die Wertkonstitution nicht ändern. Das hat mit dem energetischen Stoffwechsel selbst nämlich zunächst mal gar nichts zu tun, sondern vielmehr mit Machtverhältnissen und dem Ablauf der menschlichen Geschichte. Die macht Reichholf leider fälschlicherweise an einer Art Sozialdarwinismus fest. Seine Formulierungen erscheinen mir so, als würde er die Triebkraft der menschliche Geschichte ausschließlich am Energiestoffwechsel mit der Natur festmachen und daher einfach die Prinzipien der Natur und Evolution 1:1 auf die Gesellschaft übertragen können.

Wer sich etwas mit kritischer Gesellschaftstheorie auskennt wird bestätigen, dass dieser Ansatz inzwischen als unhaltbar gilt und x-fach widerlegt ist. Biologische Naturphänomene lassen sich eben gerade nicht 1:1 einfach auf soziale Verhältnisse und die Geschichte des Menschen übertragen, weil der Mensch selbstreflexiv denken und handelt kann. Er ist nicht nur auf seine Gene und Instinkte angewiesen. Er kennt abstrakte Entitäten wie Philosophie, Mathematik und Wissenschaften. Er schreibt seine Geschichte auf und könnte daraus einiges lernen, um Fehler nicht unnötig zu wiederholen. Somit kann er zwar nicht die Evolution an sich, aber zumindest die bisherigen Prinzipien der Evolution verändern, was eine neue Qualität darstellt und ihn von Tieren unterscheidet.

So meint Reichholf z.B. irrigerweiße, dass "Kommunismus mit seinem Gleichheitsprinzip" das Problem (Energiestoffwechsel Mensch/Natur) auch nie habe lösen können. Spätestens an der Stelle fragte ich mich, wie er darauf kommt? Das leitet sich logisch aus allen vorangegangenen Kapiteln nämlich nicht ab, sondern lässt vielmehr auf eine ideologische Voreingenommenheit und Fehlinterpretation schließen. Abgesehen davon, dass keine Gesellschaft bisher einen so hohen Produktivitätsstandard und Organisationsgrad der Vergesellschaftung erreicht hat, dass echter Kommunismus möglich gewesen wäre - von sozialen Machtverhältnissen und dem dazu nötigen Bewusstsein ganz zu schweigen - waren bisherige Systeme, die sich als "kommunistisch" oder "sozialistisch" bezeichnet und legitimiert haben, ebenso auf den kapitalistischen Basiskategorien (Arbeit, Ware, Geld) aufgebaut. Deshalb wurde dort die Natur oft ebenso ausgebeutet und Naturschutzgesetze missachtet, wie im normalen Kapitalismus auch, zumal man ja auf dem Weltmarkt immer in Konkurrenz mit dem vermeintlich "anderen System" blieb und irgendwie "mithalten" musste.

Seine finale Schlussfolgerung ist also leider zum Teil falsch. Sein Wissen bezüglich sozialer Verhältnisse scheint zu stark unterrepräsentiert zu sein. Da ist Reichholf leider (fast) betriebsblind. So ist das Buch leider nur sehr eingeschränkt als Referenz zu empfehlen und nicht die runde Sache, wie ich gehofft habe. Das gibt zwei Sterne Abzug. Schade.
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Dass es im Kapitalismus mit dem Wertschöpfungsprinzip und dessen allgemeiner Verkehrsform (Geld) etwas gibt, was ein rein gesellschaftlich konstituiertes, abstraktes Zahlenwerk ist - mit dem Ziel der Kapitalakkumulation - steht in völligem Gegensatz zur Natur des Universums - denn dort gibt es so etwas nicht. Das ist der Grund (siehe * oben), warum er diesen antagonistischen Widerspruch zwar erkennt und halbwegs formulieren, aber nicht auflösen kann. Nur wenn man glaubt, Kapitalismus sei quasi selbst naturwüchsig entstanden, ist man auch derart befangen und glaubt, es handele sich dabei um "Grundprinzipen der Welt", die man einfach auch auf "soziale Systeme" übertragen könne (wie auch ein anderer Rezent meint). Daraus erklärt sich also seine partielle Betriebsblindheit. Die teilt er ja leider mit politischen Parteien (DIE GRÜNEN) und weiten Teilen der Ökologiebewegung, die oft noch im Einklang mit dem Kapital ein "grünes Wachstum" postulieren. Ich hoffe neue Einsichten kommen bald - sonst kann es irgendwann wirklich zu spät sein.

FAZIT: ...abgesehen vom benannten Mangel an gesellschaftstheoretischen Zusammenhängen am Ende, ist dieses Büchlein sehr lesenswert, kurzweilig und bietet zahlreiche Stellen zum Zitieren...!!! Die Kernaussage mit den "stabilen Ungleichgewichten" als ein Lösungsansatz ist für mich nachvollziehbar. Eine Stelle gefällt mir besonders: '"...Zustände des Mangels (sind) die Antwort auf das Schwinden der Möglichkeiten." Das sagt er zwar in Bezug auf ökologische Systeme ' doch dass trifft auch für die schwindenden Verwertungsmöglichkeiten des Kapitalismus zu...kann ja jeder mal selbst drüber nachdenken warum das so ist...
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am 26. April 2009
Das Buch vermittelt auf knappem Raum Zusammenhänge, die nicht nur für das Verständnis der Natur, sondern auch für das sozialer Systeme von elementarer Bedeutung sind. Als Folge der Lektüre dieses überaus lesbar geschriebenen Buches stellen sich unweigerlich elementare Einsichten in die Natur der Welt ein. Unbedingt lesen!
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am 5. Juli 2008
Gleichgewichte erfreuen sich als gedankliches Konstrukt in vielen Wissenschaften grosser Beliebtheit - ganz gewiss ist das so in der Ökonomie und in der Ökologie. In der Ökonomie bestehen seit langem Zweifel am Nutzen des Denkens in Gleichgewichten. Mit seinem Buch schürt Reichholf die Zweifel am Nutzen des Gleichgewichtsdenkens in der Ökologie.
Ich bin kein professioneller Ökologe, habe das Buch aber dennoch mit grossem Interesse und Gewinn gelesen. Besonders gefallen haben mir die klare Sprache und die Kürze des Buchs. Reichholf hat mich überzeugt, dass der Nutzen von Gleichgewichten in der Ökologie ebenso begrenzt ist wie in der Ökonomie. Insbsondere verdeutlicht Reichholf, dass Gleichgewichte als solche keinen erstrebenswerten Zustand darstellen. Offenbar gilt in der Ökologie, was in der Ökonomie schon seit geraumer Zeit bekannt ist. Dort hatte vor einger Zeit Thomas Schelling recht plastisch verdeutlich, dass Gleichgewichte nicht stets erstrebenswert sind: Wenn man einen Mann erhängt und er nicht mehr schwingt ist er im Gleichgewicht. Man wird aber nicht sagen können, dem Mann ginge es gut.
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am 11. Oktober 2010
Reichholf legt überzeugend dar, dass die im Laufe der Zeit wechselnden Verfahren und Sichtweisen der Ökologie Ausdruck des jeweilig vorherrschenden wissenschaftlichen Mainstream sind. So weit, so gut, so alt. Reichholf führt dann vor, dass die angeblich so stabilen und in starre Modelle gegossenen ökologischen Verhältnisse nicht so harmonisch sind, wie das häufig gern dargestellt wird. Dabei setzt er beflissen die vorher erklärte und kritisierte Tradition einer von äußeren Leitbildern geprägten Verbiegung der Ökologie fort. Diese wird nun - mit teilweise grob fahrlässiger Parallelisierung menschlicher Gesellschaft und natürlicher Abläufe - vor den Karren der allenthalben verbreiteten neoliberalen Ideologie gespannt. So als entspräche dem ökologischen Kollaps in der Natur der dann ebenso gesetzmäßig vom Himmel fallende wirtschaftliche Zusammenbruch. So sei das nun mal, da könne man wohl nichts machen. Eine solche quasi naturgesetzliche Betrachtung der Märkte mag ganz im Sinne der neoliberalen Strategen sein, mit der Realität hat sie wenig zu tun. Bleibt nur die Frage, ob die neuerliche Instrumentalisierung der Ökologie von Reichholf beabsichtigt ist, oder unbemerkt passiert. Fatal wäre beides.
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am 14. Februar 2011
Herr Reichholf weiß viel. Z. B. über den tropischen Regenwald, über Landwirtschaft, über Geschichte. Manches kann er auch angemessen zu Papier bringen. Von Philosophie versteht er nun gar nichts, von sauberer Argumentation auch nicht. Und wenn's polemisch wird, wird besonders nervig, kurzum grauenvoll. Die fachlich seriösen Wissensteile wiegen das weltanschaulich krude Gelabere im philosophischen Teil nicht auf. Daher: nicht kaufen!
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