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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Archaische Lebenswelten, 5. Juli 2011
Rezension bezieht sich auf: Die Grande Beune (Gebundene Ausgabe)
In seinem düsteren kleinen Roman "Die Grande Beune" beschwört Pierre Michon eine archaische Welt herauf, die fern unserer Zivilisation im Distrikt Dordogne - Périgord und dem Flüsschen Beune ein ursprüngliches Leben verspricht. Hier lebt der junge Lehrer, der sich ungeahnte sinnliche Genüsse von den üppigen Gestalten zweier Frauen erträumt. Helène und Yvonne bieten körperliche Anblicke, von denen er hingerissen ist. In geheimnisvollen Sätzen mit Vergleichen zur Mythologie sieht er die Zigarettenverkäuferin Yvonne, die in ihm unendliche Lüste erweckt.

P.Michon bedient sich einer überbordenden Sprache, in der Landschaft und Natur zur sinnlichen Fleischeslust zu passen scheinen.
Die gefühlvolle und sehr realistische Ausdrucksweise wirkt teilweise altmodisch und zugleich stark erotisch durchsetzt. Von Regen, wilden Wassern, toten Füchsen und laichenden Fischen ist die Rede ebenso, wie vom weißen verlockenden Fleisch Yvonnes, das gelegentlich Merkmale von Verletzungen aufweist. Diese heizen die Fantasie des jungen Lehrers an, der sich immer wieder an Yvonnes Fersen heftet.
Der Lehrer symbolisiert den Eros, der, getrieben von seinen ausschweifenden inneren Bildern, das Objekt seiner Begierde sprachlich in Teile zerlegt.
Angereichert von Stimmungen der Natur, von Regen und glitzernden Wassern, durchströmt den Roman eine unheilvolle Tiefe, die auf kein glückliches Ende hoffen lässt.

In einem Nachwort kann man lesen, dass Michon sich gerne und viel in Bildergalerien aufhielt. Auch seine Darstellung der triebhaften und ungebremsten sexuellen Lüste gleichen teilweise Gemälden. Hier sei nur an Courbets "Der Ursprung der Welt" erinnert.

Insgesamt ist der Roman ein schwer verdauliches aber literarisch sehr anspruchsvolles Werk, dem man eine gewisse Hochachtung nicht verweigern kann.Die Übersetzung ist von einmaliger Prägnanz und hoch zu loben!
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die weiße Venus im Wechsel archaischer Bestimmtheit und zeitloser Phantasie., 26. Februar 2012
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Die Grande Beune (Gebundene Ausgabe)
"Oft habe ich im Geiste jenen Zaubermond angerufen, jene Stille, jenes Schmachten,
jenes seltsame Geständnis, hingeflüstert im Beichtstuhl des Herzens."
(Charles Baudelaire; Confession)

Mit Pierre Michon (1945-) wagt man einen erneuten Blick auf unseren Nachbarn Frankreich. In diesem Blick wird deutlich, dass durchaus das ländliche Frankreich gegenüber Paris eine gewisse Bedeutung hat, mit dem Blick auf diese kleinen besonderen Landschaften erhellt das Besondere, das Ursprüngliche. Dieser Kurzroman führt den Leser in die kleine Gegend entlang der Beune, einem kurzen Fluss, der der Große genannt wird und damit ins Périgord, einer historisch bedeutenden, kulinarisch erlebnisreichen Gegend des Südwestens.

Michon verführt den Leser in Begleitung eines 20jährigen Lehrers, des Protagonisten und Erzählers dieses Romans, in eine Welt, die das Archaische verbindet mit dem Augenblicklichen, die das Leben mit der Herkunft ausmalt und in der die Begierde aus der Phantasie verliert gegenüber der Berührung. Genuss ist, wenn vollendet, fad, schrieb Shakespeare in einem der Sonette und so trägt auch diese nie enden wollende Leidenschaft des Junglehrers gegenüber der schönen Tabakverkäuferin Yvonne diese Geschichte neben all den Einheimischen, die ihre Geschichten der Vergangenheit, der Tradition, der Menschen erzählen in einem von Regen verhangenen Dorf in der Winterzeit, jedoch warm behütet in dem kleinen Lokal bei "Chez Helene". Anders als Beatrice bei Dante und Laura bei Petrarca und Schiller, wird Yvonne nicht zum Gipfel der vollendeten aber geistig überhöhten Liebe. Michon belässt diese begehrende körperliche Liebe im Stadium der unerfüllten, der unberührten Begierde und im ungestillten Schmachten.

Daher führt er seinen Protagonisten, Lehrer und Erzähler über pointierte Sexualität, Leidenschaft und Phantasie nah an die Grenzen der Obszönität und doch überschreitet er sie nie, weil in allem, auch im Übertriebenen, ein intelligenter Geist webt, eine bewundernswerte angemessene Sprache mitteilt, um im Kontext alle reizvollen Begierden zwischen Stammhirn und Gesellschaft plausibel zu halten. Dort, wo es um praktizierten Sex geht, muss ein alter Renault wie ein Korsett herhalten und mit dem Auto seine tatsächliche Freundin. Beide sehen sich ab und zu. Vielmehr als sie bewegt den Lehrer jedoch seine neue Erlebniswelt zwischen dem kurzen Fluss, den Nebel verschleierten Wegen, den von einer anderen Welt kommenden Menschen und letztendlich seine Leidenschaft zu Nylon, Bein und Schuh. Yvonne zu betrachten, ihre geheimen Wege zu ergründen, ihre befriedigte Fleischeslust in seiner Vorstellung führen ihn zu den Menschen, dem Fischfang und wie metaphorisch notwendig in die Höhlen von Lascaux. Die damaligen Rituale der Menschen aus Leben, Liebe, Tod und Blut mit daraus folgenden Malereien verbindet dieser Roman mit den subtilen Strängen einer Geschichte junger Menschen, die sich wiederfindet in einer archaischen Herkunft in der Tonlage von "Mäuseschreien" ohne aber auf die Banalität von Neandertal-Geschichten zu verfallen.

Alles, was hier lesend erlebt wird, scheint elementar. Es ist dunkel, kein Licht, Nebel und Regen, die Menschen wie in der Zeit stehen geblieben und selbst die Begierde des Dazugekommenen: "Ich glaube nicht an langsam sich enthüllende Schönheiten, wenn man sie unbedingt erfinden muss, mich packen nur Erscheinungen. Diese hier jagte mir sofort ganz unanständige Gedanken ins Blut. Sie war gelinde gesagt ein Prachtweib. Sie war groß und weiß, Milch. Voll, üppig wie die Huris im Paradies, ausladend, aber eingeschnürt, mit korsettierter Taille, und wenn der Blick der Tiere durchaus von ihrem eigenen Körper spricht, dann war sie ein Tier ..."

Vielleicht geht es Michon darum, altes Feuer um die Frage der Geschlechter neu zu entfachen. Oder doch eher, wie der ursprüngliche Zyklus seines Werkes heißen sollte, "Um den Ursprung der Welt". Denn es ist nicht zu leugnen, das die Rollen und die Besitzverhältnisse hier unumstößlich sind. Seine Begierde gegenüber Yvonne bleibt nur phantasievoller Fluchtpunkt, solange JeanJean, ein bedeutender Mann im Ort und Yvonnes Liebhaber, sie bei jeder Begegnung erröten lässt. Und so wird die dauerhaft Begehrte kein einziges Mal berührt.

Berührt wird jedoch all das Weiße, sei es der Körper in der Phantasie, sei es die Begierde selbst im Fluchtpunkt des Weißen und sei es die Wand der Höhle. Denn alles Weiß ist Voraussetzung der Kunst, der Malerei, des Neuen, was darauf geschieht. Weiß ist wie beglaubigte Unwahrheit, weiß erhöht die Schönheit und damit den Grad des Wertes, weiß - darin liegt das Unfassbare verborgen, die Summe aller Farben, selbst das Bedrohliche. Das Weiß in den Augen der Fische in der Höhle war ihr Tod, als das Licht kam.

Eine sprachlich brillante, in der Dichte bedeutende Fassung eines Kurzromans empfiehlt sich selbst. Der Leser vermag ob der Kürze die Lust zu spüren, von vorn zu beginnen.
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2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ich denke oft an Piroschka, 14. August 2011
Von 
Martin Bender (Heidelberg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Die Grande Beune (Gebundene Ausgabe)
"Die Grande Beune" ist ein Kurzroman von Pierre Michon, einem zeitgenössischen Schriftsteller, der seine Geschichte 1961 in der Dordogne angesiedelt hat. Der dorthin in ein Dorf am Fluss Grande Beune abgeordnete Junglehrer (und Ich-Erzähler) verzehrt sich in unerfülltem, ihr gegenüber kaum angedeuteten Verlangen nach der örtlichen Tabakverkäuferin. Sie und ein einheimischer Jungbauer auf einem nahen Gehöft unterhalten eine Liaison mit wohl sado-masochistischer Note. Zu ihm geht sie zu Fuß über Feldwege und kehrt stolz mit Striemen und Bissmalen ihrer Züchtigung nach Hause zurück. Außer beim Kauf von Zigaretten kommt es auch auf offener Flur zu regelmäßigen Blickbegegnungen zwischen dem Schullehrer und der Schönen, zu er er entflammt ist; so weiß er seine Spaziergänge durch die als düster und klamm geschilderte Landschaft so zu arrangieren, dass sich ihre Wege wie zufällig kreuzen.

Eigentlich hat der Pädagoge ja eine moderne Freundin aus der Großstadt, eine Studentin mit Namen Mado, die ihn in ihrem Renault Dauphine dann und wann in dem abgelegenen Nest besuchen kommt. Mit ihr pflegt er sozusagen eine medizinisch und sozial vernünftige Sexualität. Die Rückbank ihres PKW wird regelmäßig zur Stätte, da sie ihren Trieb stillen. Doch geschieht derart Gymnastisches nicht, weil es ihnen einen Extrakitzel verschaffte, sondern wohl eher aus Raumnot, denn die Pension, in der unser Lehrer unterkam, ist eine Räuberhöhle am Abhang zur Grande Beune mit wortkargen Trinkern und Flussfischern an rohen Holztischen: In seinem Zimmerchen überm Gastraum dieses "Wirtshauses im Spessart" kann er nur schwerlich die Moderne, die Aufklärung, die Zivilisation, ja Liberté, Egalité, Fraternité in Gestalt seiner studentischen Freundin Mado installieren. Ich glaube, nicht von ungefähr erzählt Michon eine Geschichte gerade aus dem Jahr 1961; diese Jahreszahl assoziiert jeder in Frankreich sofort mit dem Höhepunkt des (im Roman mit keiner Silbe erwähnten) Algerienkrieges, als in der nordafrikanischen Kolonie die Werte der Grande Nation geradezu tobend hochgehalten werden sollten und just darum in rasender Gewalt kollabierten. So sieht sie also aus, Eure Moderne!

Den Gegenpol, der sich dazu in diesem Roman formt, ist ersichtlich das "Archaische". In der Dordogne, der Gegend, wo unserer Geschichte handelt, finden sich bekanntlich altsteinzeitliche Höhlen wie etwa in Lascaux, in denen atemberaubend schöne Felszeichnungen aus dem Paläolithikum Zeugnis geben vom Leben der Menschen aus einer Zeit bis zu 20.000 Jahre vor der unseren. Eine dieser Stätten bildet in dem Buch von Michon den Schauplatz der Schlüsselszene: Hier lässt der Jungbauer und Lover der Tabakverkäuferin dem Lehrer und dessen schicker Freundin eine Führung nach Art des Fremdenverkehrs durch eines dieser Höhlengewölbe zuteil werden, in das man von der Scheune seines Gehöfts aus einsteigt.

Mit solchen Kontrasten - hier die üppige Yvonne mit ihren Striemen, dort die Studentin im Renault - arbeitet aber auch die Trivialkunst, etwa in dem rührenden Film "Ich denke oft an Piroschka" (1955), wo der Herr Student auf ländlichem Ungarnurlaub den derben Lockungen des patenten Puszta-Mädels erliegt, das mit nackten schmutzigen Füßen die Gänse hütet. Seine gebildete und aseptische Braut indessen, die feine Greta aus dem fernen Berlin, würde ganze provinzielle Bahnhofsstation Hódmezövásárhelykutasipuszta und seine Bewohner nicht einmal mit spitzen Fingern anfassen wollen.

Statt Welten derart aufeinanderprallen zu lassen, die unvereinbar erscheinen, wäre es mir lieber gewesen, Michon hätte die These illustriert, wie wenig uns von den Steinzeitjägern und -künstlern aus Altamira, Lascaux oder Cosquer trennt und wie ihre Welt und unsere heutige in jedem von uns unsichtbar ineinander verwoben sind. Das nämlich ist, wenn ich recht sehe, Thema des ebenfalls in der Dordogne angesiedelten, mit Anspielungen auf die dortige frühgeschichtliche Höhlen- und quasi "Unterwelt" unseres Bewusstseins gedrehten Films "Der Schlachter" von Claude Chabrol aus dem Jahr 1970. Dort erleben wir die die wunderbare Stéphane Audran in der Rolle einer Intellektuellen in Freundschaft und Liebe zu dem im Indochinakrieg traumatisierten Dorfmetzger und bestialischen Frauenmörder Paupaul. Chabrol sagt: Das Archaische ist in uns. Michon aber scheint sagen zu wollen: Das Archaische ist das Fremde, das Große Andere, in brennender Sehnsucht Unerreichte - und das glaube ich nicht.
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Die Grande Beune
Die Grande Beune von Pierre Michon (Gebundene Ausgabe - 17. April 2011)
EUR 12,90
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