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am 5. November 2015
Blühdorn verortet sich gleich zu Beginn seines Buches als Vertreter des Postdemokratieansatzes: „Die politische Agenda wird in immer stärkerem Maße von internationalen Verträgen und unvorhergesehenen Krisen bestimmt. Die Politik hat immer weniger Handlungsfreiheit…Aussichtsreiche Problemlösungsstrategien lassen, wenn überhaupt, nur auf internationaler Ebene entwickeln, doch dort gibt es nicht nur keinen Demos mit einem bürgerschaftlichen Zusammengehörigkeitsgefühl, sondern die Politikverflechtung in der Mehrebenenpolitik hebelt überdies systematisch das demokratische Gebot der Zurechenbarkeit und Verantwortlichkeit aus.“ (17 und18, das gleiche auch auf Seite 38f und 91) Außerdem gäbe es noch eine Ressourcenknappheit (wird nicht weiter erklärt), die es erforderlich mache, „dass die Bürger im Interesse der Handlungsfähigkeit, Effizienz und erhofften Output-Legitimität zunehmend von Verhandlung- und Entscheidungsprozessen ausgeschlossen werden müssen.“ (39) Demokratie erfordere Wirtschaftswachstum, führt Blühdorn mehrfach aus (z.B. auf Seite 93). Das könne es aber aus den bekannten Gründen nicht mehr geben. Weiterer Ärger: das „Identitäre Subjekt“ gehe verloren (132) Der Wahlbürger sei derartig vom Markt, Multitasking und Internet durchdrungen, dass er seine Meinung permanent ändere. Es sei „nichts Greifbares und Stabiles mehr da, was im traditionellen Sinne des Wortes authentisch repräsentiert werden könnte.“ Die Bürger entscheiden nur nach „momentanen Launen und situationsspezifischen Interessen“(135 u 142) Es gäbe ein ganzes Bündel von Gründen (Vgl. 153), weshalb die echte Demokratie, bei der die Bevölkerung zwischen unterscheidbaren Alternativen auswählen kann, ein Auslaufmodell sei.
Es wäre also in gewisser Weise sinnvoll, die Demokratie aufzugeben, was, wie der überaus belesene Autor aufzeigt, von immer mehr Politikwissenschaftlern empfohlen wird. Auch die großen Geister der Soziologie waren schon skeptisch gegenüber dem demokratischen Gedanken. Rousseau „hielt die Demokratie für eine Staatsform, die bestenfalls für wenig komplexe und relativ arme Kleinstaaten geeignet ist.“ (26) Auch Kant war ablehnend „gegenüber der Schwäche und Unvernunft des Alltagsmenschen“ (26) und John Stuart Mill „wollte nur qualifizierte Staatsbürger mit dem Stimmrecht ausstatten.“(27) So geht es weiter, über Nietzsche, Weber hin zu Schumpeter. Das liest sich recht interessant. Aber warum erzählt uns der Autor das? Will er die historischen Größen als Kronzeugen für seine demokratiekritische Auffassung benennen? Aber relativiert sich die postdemokratische Demokratiekritik nicht grade dadurch, dass man daran erinnert wird, dass in jeder geschichtlichen Epoche Demokratie wegen ihre unbestreitbaren Mängel in der Kritik stand, wegen ihrer unbestreitbaren Vorzüge sich aber doch fast überall durchgesetzt hat?
Wir kommen nun bald zu einem Kerngedanken des Autors, den er im weiteren Verlauf des Buches des Öfteren wiederholt (wie überhaupt das Buch zwar nicht einfach zu lesen ist, durch die häufigen Wiederholungen letztlich aber doch verständlich bleibt). Er behauptet nämlich, es gäbe ein demokratisches Paradox: Die jetzige Phase „unterscheidet sich von früheren Entwicklungsstufen der Demokratie in der paradoxen Gleichzeitigkeit von sich radikalisierenden Erwartungen und Positiveinstellungen einerseits und wachsender Desillusionierung…andererseits.“(36) Wie kann man diesem Dilemma entkommen? „Simulation – nicht zu verwechseln mit vorsätzlicher Täuschung oder bloßer Symbolik – bietet eine Perspektive zur Bewältigung dieses Paradoxes.“ (44) Daher stehe keinesfalls ein Ende der Demokratie bevor, beruhigt uns Blühdorn. Es handele sich um einen bloßen Formwandel. Die neue Demokratie sei halt eine lediglich simulierte Demokratie! Die Demokratie lebe weiter, als Simulation. Das freilich kann nicht wirklich beruhigen. Man stelle sich vor, nach einem Autounfall wird man informiert, es sei leider weit und breit kein Arzt zu finden. Es käme aber jemand, der einen Arzt hervorragend simulieren könnte.
Da fühlt man sich natürlich ein bisschen veräppelt und reagiert verärgert. Andererseits betont der Autor mehrmals, zum Beispiel auf Seite 47, 57 und 58, dass er die Dinge nur beschreiben will, wie sie sind. Man dürfe ihn nicht so verstehen, als ob dies fordere oder gutheiße. Und als Beschreibung der Realität finde ich den Begriff durchaus treffend. Eine Parlamentsdebatte zum Beispiel simuliert ganz offenkundig nur eine richtige Diskussion. Alle Argumente sind allen Anwesenden längst bekannt, das Ergebnis der Debatte, also das Abstimmungsverhalten, wurde vorher schon auf den Fraktionssitzungen festgelegt. Es wird also nur für die Öffentlichkeit so getan, als ob man Meinungen austauche, um zu überzeugen und zu einem Konsens zu kommen. Ähnlich bei den vielen Bürgerbeteiligungsverfahren. Die Bürger können alle möglichen Vorschläge machen, zum Beispiel über Bürgerhaushalte, die Repräsentanten suchen das heraus, was sie sowieso machen wollten und so wird der Schein erweckt, die Bürger hätten Einfluss genommen. Für Verärgerung sei sowieso kein Grund, so Blühdorn, denn die Bürger wollten gar nicht anders. Es gäbe ein „stilles Einvernehmen …zwischen denjenigen, die Täuschungsmanöver unternehmen, und denen, die von ihnen betroffen sind.“ (183). Es sei ein „Projekt der kollektiven Selbstillusionierung“. (185) Merkwürdige Idee.
Wie gesagt, der Begriff der „simulativen Demokratie“ ist durchaus erhellend. Auch ist der Autor sehr fundiert und weiß, nicht immer in leichter Sprache, dem Leser die verschiedenen soziologischen Denkschulen zu vermitteln. Hinzu kommt ein ganzes Bündel origineller und zutreffender Beobachtungen. Dass Blühdorn nur beschreiben, nicht therapieren will, ist schade, aber muss akzeptiert werden, zumal sich aus seinem Ansatz eigentlich ergibt, dass Therapie sowieso nicht machbar ist. Immerhin wendet er sich ausdrücklich gegen die Ökodiktatur als Alternative zur Demokratie (149)
Dass mich das Buch trotzdem nicht überzeugt, hat verschiedene Gründe. Zum einen sind viele Prämissen nicht recht nachvollziehbar. Wieso gibt es eine „Ressourcenknappheit“, und selbst wenn es so wäre, dass beispielsweise das Erdöl knapp würde, wieso sollte das die Demokratie unmöglich machen? Und was ist das für eine seltsame Idee von der Auflösung der politischen Identität der Bürger, die eine Repräsentation unmöglich mache? Umfragen zeigen immer, dass die meisten Bürger sich sehr wohl und auch stabil auf einer Links/Rechts Skala einzuordnen wissen, dass sie sogar stabile Parteipräferenzen haben. Richtig ist wohl, dass die Internationalisierung, die Abgabe politischer Kompetenzen an internationale Organisationen oder private Konzerne, zu einer Aushöhlung der Demokratie führen. Nichtsdestotrotz bleibt, zumindest in den großen Staaten, immer noch eine Menge an Entscheidungen übrig, über welche in nationalen Parlamenten oder per Volksentscheid entschieden werden kann. Und auch die Internationalisierung sowie die zunehmende Macht der Märkte sind keine quasi naturwüchsigen Erscheinungen, wie von den Postdemokraten immer unterstellt, sondern Folge politischer Entscheidungen. Siehe die aktuelle Auseinandersetzung um TTIP.
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am 9. Mai 2015
Sehr lesenswert und vor allem sehr zutreffend! Blühdorn beschreibt in seinem Buch die Selbstentmündigung des Bürgers und bietet somit eine demokratietheoretische Alternative zum Modell der Postdemokratie nach Crouch (Fremdentmündigung).
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am 23. Mai 2013
Auch wenn ich den Eindruck habe, dass die Theorie noch nicht gänzlich ausgereift ist denke ich, dass die Begriffe die Dr. Blühdorn vorschlägt sinnvoll und wichtig für den politischen Diskurs sind.
Jeder der sich Gedanken über Postdemokratie und/ oder die Zukunft der Demokratie macht sollte dieses Buch kennen.
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am 2. Januar 2015
Dieses Buch ist erschöpfend im wahrsten Sinne des Wortes. Unendliche Schachtelsätze, angereichert durch monströse Wortschöpfungen, Tabellen in einer Schriftgrösse die nur mit der Lupe lesbar ist - kurzum eine Zumutung.
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