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am 12. Oktober 2014
Minima Moralia, die Protagonistin in dem Roman von Theo Adorno, ist ein etwas prätentiöses Frauchen. Je nach Laune wirft sie brillante Bonmots in die Runde, die es wert sind, aufgeschrieben, von der Mitwelt überliefert und der Nachwelt zum Nachdenken überlassen zu werden. Dann aber, so sind nun einmal diese intellektuellen Zicken wie unsere gute Minima, steigert sie sich in ihre einmal für knorke erklärte Ideologie - in diesem Fall den Linkshegelianismus, es könnte aber auch etwas anderes sein – hinein, übertreibt alles bis zum Exzeß, so daß Wohltat Plage wird und Sinn Unsinn, und schon ist unsere gute Mini zum Gespött ihrer Freunde geworden, mit Ausnahme der fanatischen, beschränkten und autoritätsgläubigen, die ihr immer noch alles nachbeten.

Ein Roman wird weitergeschrieben

Wer kennt nicht solche Weiberln wie die Mini aus seinem Freundeskreis? Dem Wiedererkennungseffekt verdankt Theo Adornos Roman seine nun schon über zweieinhalb Generationen unverminderte Beliebtheit, so daß man von einem deutschen Hausbuch sprechen und den Roman neben Effi Briest, Frau Jenny Treibel und Fräulein Else stellen kann, wenn sich das Romänchen bei Erscheinen in der jungen Bundesrepublik auch gegen Romane von Böll und Simmel (Johannes, nicht Georg) behaupten mußte.

Nun kommt die Mini langsam ins gewisse Alter, und da sie eitel ist, will sie sich ihre Aktualität und Attraktivität bestätigen lassen. Was lag da näher, als im Jahre 2003, über sechzig Jahre nach der Niederschrift durch den fleißiger Romanschreiber Theo Adorno und nahezu ein halbes Jahrhundert nach der Publikation, ein paar Leute einzuladen, sich jeweils ein Kapitel aus dem Roman herzunehmen und zu diesem ihren Senf abzugeben?

Die Leute, die hier zu Wort kommen, gliedern sich in zwei Gruppen:
Erste Gruppe: Prominente.
Zweite Gruppe: Unbekannte.

Gruppe 1 besteht aus einer Person: Robert Gernhardt.
Gruppe 2 besteht aus dreiundzwanzig Personen.

Natürlich ist Robert Gernhardts brillanter Kommentar zu Minis Klage über den Niedergang der europäischen Hotelgastlichkeit nicht mit den herzerwärmenden, z. T. gravitätischen Äußerungen der dreiundzwanzig unbescholtenen Bürger zu vergleichen. Aber man sollte hier gar nicht werten. Die Kombination eines brillanten Dichters mit einem Durchschnitt der BRD-Bevölkerung macht gerade den Reiz des Büchls aus.

Die Frage ist nun, ob sich in der Auswahl der Kapitel und in der Richtung der Kommentare eine bestimmte Tendenz offenbart, die es erlaubt, etwas über die Rezeption des Mini-Romans oder die Atmosphäre in der BRD zu Beginn der Zweitausenderjahre zu sagen. Erfreulicherweise bleibt ein solche Tendenz aus. Nur eines zeigt sich, und auch dies ist erfreulich: Leser wie früher, die im Stil des Romanautors Adorno quakten, scheint es inzwischen nicht mehr zu geben. Keiner der zufällig aufgelesenen Passanten denkt oder schreibt in der Art der superschlauen Zicke Minima oder ihres Autors Theo. Hier und da äußert sich bei allem Respekt vor dem Romancier, dessen Klugheit und Produktivität gerühmt werden, doch auch eine milde Kritik an seiner Einseitigkeit und seinem verkorksten Jargon, welcher aus jener hervorgegangen ist.

Falsches Bewußtsein haben immer die anderen

Adornos Slang war nicht nur zeitbedingt, er kam auch aus der Neigung dieses Romanciers, an sich nicht unzutreffende Einsichten so weit zu übersteigern, daß sie ins Absurde kippten. Dies wiederum war nur möglich aufgrund der Tatsache, daß dieser Schriftsteller kein solides philosophisches Fundament besaß, sondern sich auf eine abgelebte Form des Linkshegelianismus bezog, die er sich nach Bedarf jeweils zurechtbog. Damit war Adorno typisch für seine Zeit, die ja auch an anderen unbrauchbaren Erbschaften des neunzehnten Jahrhunderts krankte, wie Darwinismus, Liberalismus, Marxismus und Kapitalismus. In diese Szene des Totalitären paßte Adorno voll und ganz hinein, besonders mit seinem Konzept des Falschen Bewußtseins, welches nach seiner Meinung jeder hatte, der nicht mit ihm und seinen Freunden Horkheimer und Habermas übereinstimmte.

Passend dazu war der Stil Adornos über weite Strecken prätentiös und sektiererhaft, reine intellektuelle Masturbation. Er baute sein literarisches Instrumentarium zu einem Folterwerkzeug für Leser aus. Oft genug schraubte er Banalitäten ins Hyperkomplizierte, nur um Leser zu quälen. Diese ließen sich begeistert sekkieren. Der Meister sprach ihren Masochismus an und gab ihnen den Stoff, mit dem sie ihre Ichschwäche zudecken konnten. Die Adorno-Adoranten müssen über Jahrzehnte eine noch größere Bremse gewesen sein als Adorno selbst. Leider enthalten die Schriften Adornos auch viel Geniales, etwa seine Analyse des Kulturbetriebes, sonst könnte man sie einfach als sadistische Manipulationen eines auf allerlei Ebenen zu kurz gekommenen Mannes abtun. Man muß Adorno lesen, aber dieses Lesen bereitet nicht immer Freude, sondern oft Ärger über den affigen Stil und des Autors permanente Versuche, den Leser zu manipulieren.

Adorno und sein verkorkster Jargon

Das Gute ist: Bei Robert Gernhardt und den dreiundzwanzig auf der Straße aufgelesenen Unbekannten finden wir nirgends Gefolgschaft an Adorno, dessen Romane vor langer Zeit einen echten Fanclub besaßen, aber ebensowenig Abrechnung. Dies zeigt uns, wieviel Wasser inzwischen den Main heruntergeflossen ist. Aus der Sicherheit des zeitlichen Abstandes kommentieren die Bürger-Schriftsteller z. T. ganz schlau die Monologe der alten Minima.

Die Kommentare der Passanten sind alle sehr klug, besonders imponiert mir ein Herr Bernhard Böschenstein, der zu Adornos Kommentaren zum Freien Vers Stellung bezog. Hier wird das Genre des Kommentars besonders fruchtbar, und es bestätigt die Initiative der beiden Herausgeber Andreas Bernhard und Ulrich Raulff diese gerade etwa 120 Seiten umfassenden Büchls; in der Tat war es eine gute, produktive Idee, einzelne Kapitel dieses Romans kommentieren zu lassen, und man könnte sich noch andere Spielarten vorstellen, etwa, den Roman weiterzuschreiben. Leider muß ich gestehen, gerade hier in Adornos Überlegungen zum Freien Vers nicht alles verstanden zu haben, denn Theo Adornos Manie, alles noch etwas komplizierter zu machen als nötig steht an vielen Stellen der Verständlichkeit unnötigerweise im Wege. Es ist auch das Imponiergehabe des Kleinbürgers, der sich durch prätentiöse Ausrucksweise interessant machen will. Dabei sind Adornos Überlegungen von Haus aus interessant genug.

Rudolf Schottlaender wird gelobt, weil er kein Antisemit ist!

Als besonderer dialektischer Dreh der alten Minima kann gewertet werden, daß diese die Tusse selbst eine Tussenfeindin ist. Und hier wird der Roman echt spannend, wenn sie über ihre Mittussen herzieht: »Wofern ihnen nur eine gewisse Fülle von Waren gewährt wird, stimmen sie in ihr Los begeistert ein, überlassen das Denken den Männern, diffamieren jegliche Reflexion als Verstoß gegen das von der Kulturindustrie propagiert weibliche Ideal und lassen überhaupt es sich wohl sein in der Unfreiheit, die sie für die Erfüllung ihres Geschlechts halten.« Nicht schlecht beobachtet, man muß nur Samstags vormittags durch die Maximilianstraße gehen um zu sehen, daß diese Beobachtung von 1944 nichts an Aktualität eingebüßt hat. Und Minima erläutert: »Willig, ohne Gegenimpuls, spiegeln sie die Herrschaft zurück und identifizieren sich mit ihr.« Die Identifikation mit dem Aggressor ist eine der gefährlichsten Vertracktheiten der menschlichen Natur, und was sich hier nur auf der Ebene des Tussentums manifestiert, zeitigt auf der politischen die grauenhaftesten Ergebnisse.

Ulrich Raulff wäre nicht Ulrich Raulff, wenn er nicht auch als Herausgeber dieses Büchls wieder mit frappanten bibliographischen Trouvaillen aufwarten würde. Im Nachwort präsentiert er eine Besprechung der Minima Moralia von Rudolf Schottlaender, dem ersten Proust-Übersetzer, der als Jude das »III. Reich« überlebte, zuletzt Im Versteck. Seltsam ist nur, daß Raulff ihm hoch anrechnet, Schottlaender habe Adornos Büchl »ohne antisemitischen Zungenschlag« besprochen.

Volksbefragung über Adorno in der Münchner Fußgängerzone

Außerdem stört, daß Raulff den Roman ein »philosophisches Volksbuch« nennt; denn erstens ist ein solcher Begriff ein Widerspruch in sich selbst, zweitens dürfte der Gebrauch des Begriffs Volk, wie Raulff ihn hier übt, eine ethnologischen Prüfung kaum standhalten, und drittens darf man sich über die Popularität der Minima Moralia auch keinen Illusionen hingeben. Zwar hatten die beiden Herausgeber bei ihrem Projekt Glück, indem die von ihnen in der Münchner Fußgängerzone befragten Passanten alle den Roman von Theo Adorno kannten oder doch so taten, tatsächlich aber dürfte es viele Volksgenossen geben, die von dem Roman noch nie gehört haben.

Warum wurden nur Deutsche eingeladen, obgleich der Roman in viele Sprachen übersetzt ist und man sicher auch interessante ausländische Kommentatoren gefunden hätte? Nur ein einziger ausländischer Mitbürger wurde auf der Straße abgefangen, ein gewisser Slawoj, der aber offenbar den Roman nicht gelesen, sondern nur die Verfilmung gesehen hatte. Es mag auch ein Sprachproblem gewesen sein, aber man hatte den Eindruck, dieser Slawoj hielte Minima Moralia überhaupt für einen Film und kennte den Roman gar nicht. (Es bleibt offen, ob der schwer artikulierende Slowene sich auf die Verfilmung aus den fünfziger Jahren bezog, Regie: Helmut Käutner, mit Romy Schneider als Minima und Alain Delon als Falsches Bewußtsein, oder ob er die Siebzigerjahre-Verfilmung von Schlöndorff meinte, mit Rosel Zech als Mini und R.-W. Faßbinder als Falsches Bewußtsein.)

Deutsch lernen mit einem Pornschlegel

Es wäre sicher interessant, nachzuschauen, ob aus dem einen oder anderen Unbekannten des Jahres 2003 etwas geworden ist. Ich habe nur eine einzigen Person gegoogelt, einen Herrn Clemens Pornschlegel, weil ich mir nicht vorstellen konnte, daß es eine Person dieses Namens wirklich gibt. Doch es gibt den Herrn, und er ist inzwischen Satyriker geworden. Auf seiner satyrischen Website bietet er in einer angeblichen »Bayerischen Akademie des Schreibens« folgendes an: »Die Bayerische Akademie des Schreibens bietet in Kooperation mit dem Literaturhaus München und mit fünf weiteren bayerischen Universitäten kreative Schreibkurse für Studierende aller Fachrichtungen an. Diese werden jeweils von einem/r professionellen Lektor/in und einem/r professionellen Autor/in betreut und geleitet.«

Da lerne ich bestimmt Schreiben.

gez. Magistra Doktoressa Anja Friedrich, ehem. Studierende bzw StudentIn der LMU, jetzt Alumna; niemals Fräulein gewesen, schon als Frau Friedrich zur Welt gekommen
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HALL OF FAMEam 26. Mai 2003
"der elegante, bisweilen zart das lyrische streifende, dann wieder hart in die polemische pointe fallende ton der minima ..." - er hat es ulrich raulff derart angetan, dass er ein wunderbares bändchen herausgebracht hat, in welchem sich adorno-leser zu dem vor 50 jahren erschienenen moralia-fragmenten äußern. und natürlich wäre mittlerweile einiges von adorno angerissene ausführlicher fortzuschreiben. so verweist zum beispiel jan philipp reemtsma auf die völkermorde in srebrenica oder ruanda - und wie sich die vereinten nationen oder der den haager gerichtshof mit der definition herumplagen müssen, was GENOZID sei und was man dagegen tun könne - ein dilemma der ohnmacht und des (kostengünstigen) wegsehens, das adorno vorausgeahnt hat. dem begriff der MUSTERUNG kann friedrich balke die aktuellen entwicklungen in der personalpolitik nachreichen. prüfung, ranking, eignungstests, eliminieren der als heterogen markierten, reinigung von allem fremden - es hat sich inzwischen einiges getan. "es gehört zum mechanismus der herrschaft, die erkenntnis des leidens, das sie produziert, zu verbieten..." hatte einst adorno geschrieben. heute rutschen wir in zeiten wieder hinein, in denen politiker meinen, machtworte sprechen zu müssen (mit rücktrittsdrohungen inflationär um sich werfend), wenn man - statt eilfertig zu folgen - sich ins diskutieren verliert. nie war adorno so notwendig wie heute, will man da wohl gern flüstern ...
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