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4.0 von 5 Sternen Walter Benjamin ohne Selbstzensur über sich und die Moskauer Physiognomie, 10. März 2008
Rezension bezieht sich auf: Moskauer Tagebuch (edition suhrkamp) (Broschiert)
In seinem Vorwort nennt Gershom Scholem Walter Benjamins "Moskauer Tagebuch" (Dezember 1926/Februar 1927) ein einzigartiges Dokument insofern, als es Benjamins persönlichstes Dokument aus diesem Abschnitt seines Lebens darstellt. Zum wiederholten Mal hat Scholem mit einer Feststellung recht: Das "Moskauer Tagebuch" stellt tatsächlich eine sehr persönliche Stellungnahme Benjamins dar. (Nicht, dass ich die Stellung des "Moskauer Tagebuchs" innerhalb von Benjamins Gesamtwerk einordnen könnte oder mir auch nur anmaßen wollte, dies zu können)
Auch wenn Benjamin Teile dieser Aufzeichnungen mehr oder weniger umformuliert später veröffentlichen sollte -- hier beobachtet er nicht nur das Moskau seiner Zeit, sondern auch sich selber, vor allem aber seine Beziehung zu Asja Lacis.

Damit wäre auch angedeutet, hinsichtlich welcher Interessen sich die Lektüre des vorbildlich edierten Bandes lohnt:
In bezug auf Walter Benjamins Biographie ist das "Moskauer Tagebuch" zweifellos besonders aufschlussreich: Immer wieder reflektiert er hier seine Beziehung zu Asja Lacis, die sich während seines Moskau-Aufenthalts in einem Sanatorium von einem Nervenzusammenbruch erholte und die Benjamin fast täglich besuchte. Breiten Raum nehmen auch seine teilweise nicht minder komplizierten Beziehungen zu anderen ein; insbesondere Bernhard Reich war als "Moskauer" einerseits beinahe überlebenswichtig für Benjamins Alltag und seinen Kontakt zu Lacis, andererseits deutet Benjamin häufig in seinen Aufzeichnungen Spannungen an. Recht häufig reflektiert Benjamin hier auch seine Überlegungen zu Kommunismus und Sozialismus -- und diese Überlegungen wirken wegen ihres unmittelbaren Stils unberührt von etwaiger Selbstzensur.

Schon etwas weniger umfang- und aufschlussreich sind diese Aufzeichnungen in bezug auf Benjamins Kontakte zu anderen Moskauer Intellektuellen seiner Zeit. Bereits in seinem Vorwort weist Scholem darauf hin, dass sich Benjamins Kontakte umständehalber und entgegen seinen Plänen vornehmlich auf solche Zeitgenossen beschränkten, die bald darauf unter stalinistischer Verfolgung zu leiden hatten, von langjähriger Verbannung bis zu Hinrichtung/Ermordung. Benjamins Aufzeichnungen lassen ahnen, dass die Betreffenden schon zu dieser Zeit vom Regime misstrauisch beäugt wurden -- vorsichtig formuliert. Seine allmählich zunehmende Distanz zur "offiziellen" Kulturpolitik dürfte nicht zuletzt auf diesen Beobachtungen beruhen. Nicht, dass diese Aufzeichnungen eine Meinungsänderung um 180° oder ähnliches enthielten, und Benjamin bleibt sogar sich selber gegenüber skeptisch, aber der wachsende Zweifel schimmert ungefähr ab der Hälfte des Buches immer deutlicher durch.

Am deutlichsten wird Benjamins unabhängiges Denken dann, wenn er seine Beobachtungen aus dem Moskauer Alltagsleben festhält und kommentiert. Nicht nur, dass man mit den betreffenden Passagen einen möglichst objektiven Augenzeugenbericht vom Moskau der 1920er Jahren erhält: Um 1926/27 hatte sich die russische Revolution innenpolitisch konsolidiert, konnte innenpolitisch unabhängiger handeln -- und zwar zunehmend mit offenem Visier.
Die Auswirkungen auf einzelne Menschen hält Benjamin immer wieder fest, auch wenn ihm ausdrücklich klar ist, dass er nur Ausschnitte wahrnehmen kann. Er kommt unvoreingenommen, sammelt zunächst einmal Eindrücke von allem, was ihm begegnet. Und diese Beobachtungen wiederum beeinflussen seine Begegnungen mit berühmten und unberühmten Zeitgenossen (soweit möglich, wie erwähnt).
Jedenfalls gehören diese Passagen zu den wenigen auf Objektivität bedachten Berichten über die Zeit unmittelbar nach der russischen Revolution und den ersten sozialistischen Staat der Erde. Hier muss man auf die Details achten; alle sind sie wichtig. Man bekommt das Moskau zu "sehen", wie es vor realsozialistischem Umbau aussah, sieht mit Benjamins Augen alle möglichen Straßenszenen, lernt die bereits überbordende Bürokratie ebenso kennen wie die landestypischen Besonderheiten des Alltags. Man liest Reflexionen über die Filmzensur und damit verbunden die Abschottung vom internationalen Film mit ihren Auswirkungen, aber auch skurrile Anekdoten mit nicht allzu komischem Hintergrund: Was man beispielsweise über Ernst Tollers zunächst unverständlichen Erlebnisse liest, als er zu einem Vortrag vergebens angereist kam, wirkt im ersten Moment wie eine absurde Schnurre -- aber die vermeintlich harmlose Anekdote entpuppt sich als symptomatisch für die Auswirkungen einer Zensur, die Abweichungen nicht dulden konnte. Und Walter Benjamin bemerkt zahlreiche Beispiele...

Dieses autobiographische Dokument ist vorbildlich ediert, enthält neben Scholems informationsreichem und moralisierender-Zeigefinger-freiem Vorwort und einem Namensregister einen ausführlichen Anmerkungsapparat, der einen den Hintergrund vieler Aufzeichnungen erkennen lässt. Außerdem sind drei Briefe Benjamins (an Scholem und Siegfried Kracauer) beigefügt, die seine Moskauer Aufzeichnungen ergänzen, und einen decouvrierenden Kommentar des Kulturbeauftragten Lunatscharskij zur Ablehnung von Benjamins "Enzyklopädie"-Artikel über Goethe.

Walter Benjamins "Moskauer Tagebuch" ist vor allem ein persönliches Dokument und daher vor allem biographisch interessant. Aber es erlaubt auch zahlreiche Einblicke in die "Moskauer Physiognomie", und zwar beileibe nicht nur in architektonischer Hinsicht. Auch wenn Leser, die sich vor allem für Letzteres interessieren, vielleicht mit Joseph Roths "Reise nach Rußland" noch besser bedient sind (Roth und Benjamin hielten sich zur selben Zeit in der Sowjetunion auf, begegneten sich sogar) -- die Aufzeichnungen ergänzen einander hervorragend.
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Moskauer Tagebuch (edition suhrkamp)
Moskauer Tagebuch (edition suhrkamp) von Walter Benjamin (Broschiert - 6. Mai 1980)
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