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5.0 von 5 Sternen Ungeahnte Aktualität angesichts obwaltender Technokratie, 4. Dezember 2011
Rezension bezieht sich auf: Technik und Wissenschaft als »Ideologie« (edition suhrkamp) (Sondereinband)
Mit "Technik und Wissenschaft als Ideologie" leitete Habermas 1968 den Übergang von der Ideologiekritik zur Kommunikationstheorie ein. Bereits hier kündigt er an, den Prozess des Auseinandertretens von formaler Rationalität (gesellschaftlicher Basisinstitutionen und Prozesse) sowie einer nach anderen Kriterien organisierten Öffentlichkeit und Lebenswelt zu synthetisieren.

Der Band enthält folgende fünf Aufsätze:

1. Arbeit und Interaktion. Bemerkungen zu Hegels Jenenser 'Philosophie des Geistes'
2. Tehchnik und Wissenschaft als 'Ideologie'
3. Technischer Fortschritt und soziale Lebenswelt
4. Verwissenschaftliche Politik und öffentliche Meinung
5. Erkenntnis und Interesse

Der letzte Beitrag ist zugleich Antrittsvorlesung anlässlich der Berufung auf den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Frankfurt/Main. Ironie am Rande: Habermas musste Frankfurt Ende der 1950er noch auf Drängen Horkheimers wegen einer vermeintlich zu kritischen Haltung verlassen; es ist dessen Lehrstuhl, den Habermas nun antritt.

Der fünfte Beitrag, dem er im gleichen Jahr (1968) eine eigenständige Monographie gewidmet hatte, umreißt noch einmal das erkenntiskritische Programm einer standpunktgebunden Wahrnehmung und Beurteilung von gesellschaftlichen Phänomenen und damit ein unausgesprochens Apriori der Sozialwissenschaften. Habermas unterscheidet darin drei grundlegende "Erkenntnisinteresse" (selbst heute ein geflügteltes Wort in der akademischen Landschaft), die zwischen einer rein deskriptiven Beschreibung, einer kausalanalytischen Ermittlung von Gesetzeszusammenhängen sowie einem emanzipatorischen Anspruch variierten. Er positioniert sich damit sogleich zur Frage, ob und wenn ja wie Wissenschaft Stellung nehmen kann zu gesellschaftspolitischen Themen und inwiefern Webers Diktum der "Wertfreiheit" von wissenschaftlicher Forschung in der Praxis umgesetzt werden kann. Habermas nun verfasst seine Arbeiten zur Zeit der Studentenbewegung, mit der er sich stets kritisch solidarisierte, nicht ohne deren Rekurs auf eine Politisierung der Wissenschaft als solche infragezustellen. Das Hinüberretten eines emanzipatorischen Erkenntnisinteresses ist Ferment der Kritischen Theorie, die 1968, ein Jahr vor Adornos Tod, schon in der Auflösung begriffen ist. Das Konzept hatte Habermas bereits in seiner Habilitation "Strukturwandel der Öffentlichkeit" ausgebreitet, dort aber noch den kritischen Diskurs der informierten und politisch interessierten Öffentlichkeit angemahnt, die in einer "strukturell entpolisierten Gesellschaft" immer mehr marginalisiert würde.

Zentral für das Verständnis des gesammten Buches und des Übergangs zur Kommunikationstheorie ist der Hegel-Aufsatz, in dem Habermas erstmals Grundkategorien seiner weiteren Forschungsarbeit expliziert. Als "Arbeit und Interaktion" identifiziert er bereits bei Hegel und später Marx den Dualismus von kapitalistischer Warenproduktion und bürgerlicher Öffentlichkeit. "Arbeit" repräsentiert dabei alle gesellschaftlichen Institutionen, die sowohl Produktion und Reproduktion als auch Vermittlung von Arbeitsergebnissen in Warenform bedeuten. Die Sphäre der Interaktion hingegen solle nicht-kommerzialisierte Momente in Form der sozialen Selbstvergewisserung aufgeklärter und aufzuklärender Bürger meinen. Bereits Hegel habe ein Auseinandertreten (er fasst Gesellschaft noch als holistisches System mit gegliederten, aus den gesellschaftlichen Institutionen sich ergebenden, Bedürfnissen) von ökonomischer Formation und gesellschaftlicher Verständigung erkannt, ohne an eine realpolitische Auflösung dieses Konflikts gedacht zu haben. Die Aufhebung erfolgte ja im Wege der Philosophie, konserviert in der Kontigenz der bürgerlichen Gesellschaft.

Von Marx ist der revolutionäre Konflikt zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften um dieses realpolitische Instrument vermittelt worden: als Auflösung von sozialer Entfremdung (Habermas knüpft hier an die Marxschen Frühschriften an!) könne demnach nicht mehr die Philosophie dienen, sondern nur der politische Kampf (zusammengefasst im historisch kontingenten Klassenkampf). Habermas interessiert sich jedoch an dieser Stelle nicht weiter für die ökonomische oder politische Konstellationsanalyse des 19. Jh. Ihm ist allein an der analytischen Unterscheidung gelegen, dass bereits in der Theoriegeschichte von Hegel über Marx ein angeblicher Bruch zwischen Sein und Sollen der Gesellschaft (als aufgeklärte Gesellschaft) zu erkennen sei. Schließlich habe sich Weber an der Aufarbeitung dieses Phänomens versucht, aber mit seinen religionssoziologischen Untersuchungen zur Besonderheit des protestantischen Arbeitsethos und der Verabsolutierung von Zweckrationalität das Dilemma nur in soziologischen Kategorien reformuliert. Habermas endlich möchte die gesellschaftliche Synthese leisten und aufzeigen, dass nach wie vor ein grundlegendes Verständigungspotential in der Gesellschaft realisierbar sei. Die dafür erforderlichen politischen Institutionen und Formen diskutiert er nur kurz. Der Aufsatz "Erkenntnis und Interesse" führt dazu die Mittel des authentischen Diskurses, des intersubjektiven Konsenses zur Ermittlung gesamtgesellschaftlich verallgemeinerungsfähiger Interessen an. Gleichwohl wird an dieser Stelle noch nicht auf die spätere, etwas umständliche Herleitung über die Sprachphilosophie und Gesellschaftsphilosophie des Pragmatismus zurückgegriffen. Mir scheint es auch in der heutigen Rückbetrachtung zweifelhaft, ob dieser Exkurs Habermas wirklich näher an sein Ziel geführt hat, denn der moralischer Kern sowohl von "Technik und Wissenschaft als Ideologie", als auch späterer Hauptwerke wie "Theorie des kommunikativene Handelns" (1981) und "Faktizität und Geltung" (1992), ist über die Zeit identisch geblieben.

Um noch einmal konkret auf das vorliegende Buch zu sprechen zu kommen und eine historische Würdigung vorzunehmen: Gerade angesichts des Publikationsdatums 1968 hat "Technik und Wissenschaft als Ideologie" zwei Qualitäten, von denen eine eher ungeahnt erst heute wieder manifest wird. Zum einen ist es ein Zeitdokument, das veranschaulicht, inwieweit Habermas versucht, aus den theoretischen Engführungen der alten Frankfurter Schule hinauszuweisen, ohne dabei die historisch Besondertheit der Studenten- und Zivilrechtsproteste Ende der 1960er Jahre zu verkennen. Dies wird er 1973 in "Legitimationsprobleme des Spätkapitalismus" auch zeitdiagnostisch rekonstruieren. Zum anderen hat das Buch eine Aktualität aufgrund der inhaltlich äußerst spannenden Diskussion von politischen Krisenszenarien, die bereits damals ausgemalt wurden, um eine verknappte demokratische Regierungsform formalrechtlich zu legitimieren. In keiner späteren Arbeit wird schärfer die Verkürzung der politischen Diskussion auf vorgebliche "Sachzwänge" diskutiert und im Wege der Ideologiegritik ihres immanenten politischen Gehaltes offengelegt, als hier. Technik und Wissenschaft geraten zur Ideologie, da sich die Wissenschaft als System keine Rechtfertigung mehr leistet über ihren gesellschaftlichen Stellenwert jenseits rein technokratischer Expertise und Beratung. Habermas kritisiert an dieser Stelle vehement die Reduktion von Wissenschaft auf die Zubereitung von bloßem Herrschaftswissen für eine Elite politischer Ingenieure. Umgekehrt zeigt er auf, dass der Rekurs auf "Technik", also auf vermeintlich um moralische Einwände neutralisierte Gegebenheiten mit dem Ziel der effektiven Fernsteuerung gesellschaftlicher Konfliktlagen, zu kurz greifen und unweigerliche Folgeschäden in der politischen Öffentlichkeit hinterlassen muss. In "Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus" bildet diese Diagnose dann die Grundlage für vier konkrete Krisenphänomene, die den gesamten politischen Prozess beträfen und nach einer alternativen Ordnungsweise verlangen würden.

Fazit: Im Angesicht einer auch heute allenthalben proklamierten Politik des "Sachzwangs" (z.B. unumgänglicher Austerität) und der faktischen Neutralisierung demokratischer Legitimation zur Implementation von bspw. finanztechnischen Steuerungsmaßnahmen (man vergleiche nur die Einsetzung von selbst ernannten Technokratenregierungen in Griechenland und Italien!), erhalten Habermas Ausführungen erschreckende Aktualität. Daneben finden sich in "Technik und Wissenschaft als Ideologie" zugleich noch einige Analyseinstrumente und Argumente, wie diesem Prozess im kritischen Austausch entgegengetreten werden kann.
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4.0 von 5 Sternen gut, 27. November 2013
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Rezension bezieht sich auf: Technik und Wissenschaft als »Ideologie« (edition suhrkamp) (Sondereinband)
Sehr gut, Die Beschreibung betrifft das Produkt ganz genau.
Die Lieferungszeit passt auch zu dem gegebenen Termin.
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Technik und Wissenschaft als »Ideologie« (edition suhrkamp)
Technik und Wissenschaft als »Ideologie« (edition suhrkamp) von Jürgen Habermas (Sondereinband - 11. November 1968)
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