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11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Über den Prozess der so g. Zivilisation
Ich habe Elias' zweifelsohne monumentale Studie zum Zivilisationsprozess des Abendlandes mit gemischten Gefühlen gelesen. Ich denke, dass die zentrale These, die Elias verfolgt, die Behauptung aufstellt, dass es einen Fortschritt der Menschen (immer vor dem Hintergrund europäischer Geschichte) tatsächlich gibt, sich dieser im Begriff Zivilisation bzw...
Veröffentlicht am 17. Januar 2011 von Opernglas

versus
3 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Über den Prozess der Zivilisation
Offensichtlich eine sehr umfangreiche in weiten Teilen aber umständliche und langatmige wissenschaftliche Arbeit, die dem Leser Ausdauer und Durchhaltevermögen abverlangt. Die Botschaft hat vieles für sich, könnte aber besser und interessanter auf einen Bruchteil des Umfangs reduziert sein.
Ein Hinweis wäre hilfreich gewesen, hätte...
Veröffentlicht am 5. Februar 2010 von Hans-jürgen Rennack


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11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Über den Prozess der so g. Zivilisation, 17. Januar 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Über den Prozeß der Zivilisation: Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2 Bände in Kassette (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) (Taschenbuch)
Ich habe Elias' zweifelsohne monumentale Studie zum Zivilisationsprozess des Abendlandes mit gemischten Gefühlen gelesen. Ich denke, dass die zentrale These, die Elias verfolgt, die Behauptung aufstellt, dass es einen Fortschritt der Menschen (immer vor dem Hintergrund europäischer Geschichte) tatsächlich gibt, sich dieser im Begriff Zivilisation bzw. Zivilisierung verankern lässt und im Grunde keine lineare Abfolge von Wandlungen oder Veränderungen anstellt, sondern ein volatiler Prozess ist, der sich trendartig herausarbeiten lässt. Gesellschaftliche Entwicklung (also Soziogenese) ist aber nicht theoretisch fixier- und bestimmbar in dem Sinne, dass Menschen durch einen externen historischen Zivilisierungsprozess ihren eigenen strukturellen (persönlichen) Entwicklungen unterworfen sind; vielmehr ist der Mensch selbst maßgeblich am Figurationsprozess beteiligt, also aktives Element in der systemischen (und vor allem sukzessive rationalisierten) Gesellschaft ("fensterlose Monaden") mit all ihren Ausdifferenzierungen und Distinktionen. Kurz: Sozio- und Psychogenese sind schwer nach Ursache-Wirkung-Mechanismen zu analysieren und zu beurteilen, da es sich hierbei um Interdependenzrelationen und -verknüpfungen handelt.

Elias geht hierbei sehr induktiv vor, indem er faktische Sitten- und Handlungsmuster identifiziert und ihre historische Veränderung abzeichnet. Dabei wird schon deutlich, dass im Zuge normativ gesetzter Werte aber auch durch technische Innovation eine Form von psychogenetischer Internalisierung stattfindet, die das Individuum determiniert. Elias bezieht sich dabei auf komplexe Phänomene wie Sprache, aber eben auch auf Tischgewohnheiten, Spucken etc. Er erklärt das Zustandekommen von allmählichen "Peinlichkeitsschwellen" und dem unfrivolen Schamgefühl in der Sexualität zwischen Mann und Frau, dem "Zangeneffekt" infolge der Verschiebung von gesellschaftlicher und individueller Gewünschtheit resp. Wünsche. Gut auch, dass er auf das Christentum eingeht. Ist es heute so mächtig wie damals, ist offen ausgesprochen: "es hinderte sie auch nicht zu töten und zu plündern." Warum? Weil kirchliche Indoktrination eben weder zu Sitte noch zu Zivilisation führt, denn "Die Religion ist jeweils genau so 'zivilisiert', wie die Gesellschaft oder wie die Schicht, die sie trägt."

Dennoch bleiben viele Fragen offen. Was genau heißt Zivilisation? Ist der Archaische oder der Fernöstliche unzivilisiert? Wie korrespondiert dann der Begriff der Zivilisation mit dem der Kultur? Elias_ Denken bleibt zu sehr im Abendland verortet, schön wäre der Vergleich zum Morgenland gewesen. Und wie genau soll am Ende der so g. "Fortschritt" als terminus technicus definiert werden? Warum kam es denn nun zu sittlichen Sprüngen, oder zur notwendigen Umformung gesellschaftlicher Stati? Welche Medien haben dies begünstigt? Wie konnte eine hohe Kultur der Antike plötzlich in "Rücktritt" des Mittelalters verfallen? Worin sieht Elias hier ein Vorwärts der Menschheit?

Der zweite Band von Elias' Monumentalstudie zum Prozess der abendländischen Zivilisation ist grob in zwei Teile untergliedert. Zuerst erhält der Leser eine Geschichts-"Stunde" und damit Einblicke zur Soziogenese des Staates, d.h. der Entwicklung rational-bürgerlicher Herrschaftsformen nach Absolutismus und Feudalismus: Zentralisierung und Monopolisierung potenzieren Planbarkeit, also bewusste rationale Gestaltkraft. Im zweiten Abschnitt entwirft er seine Theorie der Zivilisation. Elias identifiziert eine Art Prinzip: "Es ist diese Verflechtungsordnung, die den Gang des geschichtlichen Wandels bestimmt." Der Einzelne ist gezwungen, sein Verhalten darauf abzustimmen. Elias entlarvt schon auch das faktische Nichtvorhandensein bzw. Anwesendsein der "Ratio" im soziogenetischen Figurationsprozess, "es gibt bestenfalls eine 'Rationalisierung'." (Triebregulierung, Affektreduktion, Scham und Peinlichkeit)

Doch wieder drängt sich dem Leser die Frage auf: gab es nicht auch vor der Feudalzeit und den mittelalterlichen Herrschaftssystemen hochkultivierte, rationalisierte Gesellschaftstypen? Worin liegt nun also der Unterschied zu den heutigen Gesellschaften? Ist es die Ausdifferenzierung von Wissen und entsprechenden Machtzentren, also die vom Staat unabhängige Genese dezentraler Institutionen mit Verfügungsrechten innerhalb ihres Subsystems, das dem Gesellschaftssystem untergeordnet ist? Das Streben hin nach Monopolisierung im Wettbewerb muss ganz klar auch für die Katastrophen des 20. Jahrhunderts argumentieren. Aber wieder wird nicht ganz deutlich, was Ursache ist, was Wirkung. Natürlich steht alles irgendwie in Abhängigkeit zueinander. Aber es MUSS einfach Gründe geben, die eine Folgeinterdependenz überhaupt erst verursachen. Elias bezeichnet z.B. die Technik als Folge. Ich gehe damit nicht d'accord. Viele Fragen bleiben offen...

Elias schließt wieder mit den psychogenetischen Phänomenen und seiner sehr interssanten Theorie von der vom Menschen gemachten Angst. Wie hoffnungsvoll ist doch aber seine letzte formale Evokation von "Glück" und "Freiheit": "ein dauerhaftes Gleichgewicht oder gar den Einklang zwischen seinen gesellschaftlichen Aufgaben, zwischen den gesamten Aufgaben, zwischen den gesamten Anforderungen seiner sozialen Existenz auf der einen Seite und seinen persönlichen Neigungen und Bedürfnissen auf der anderen."
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25 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Grundlegend, 5. März 2003
Rezension bezieht sich auf: Über den Prozeß der Zivilisation: Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2 Bände in Kassette (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) (Taschenbuch)
Elias begann die Arbeiten an diesem Buch bereits in seinem Pariser Exil 1935. Im Laufe der Jahre hat er dieses sein Hauptwerk jedoch permanent erweitert und ergänzt, so dass es auch heute noch grundlegend und wegweisend ist. Elias' historisch orientierte Soziologie ist besser geeignet, einen Prozess wie den der Zivilisation anschaulich zu machen, als beispielsweise statische Strukturansätze á la Talcott Parsons. Der Anspruch, Seiendes als Gewordenes und seinerseits Werdendes zu betrachten, wird hier konsequent verwirklicht. Ebenso der gut durchstrukturierte und induktiv entfaltete Argumentationsgang erfüllt alle wissenschaftlich wünschenswerten Ansprüche.
Ein wenig grundlegende Kenntnis über die Geschichte Deutschlands, Frankreichs und Englands vorrausgesetzt, gewinnt der Leser durch die Lektüre dieses Buches ein Deutungsinstrumentarium für die Hauptbegriffe wie Kultur, Zivilisation und Fortschritt ebenso, wie eine soziologisch-abstrahierende Form der Geschichtsbetrachtung, welche in beeindruckender Art die Veränderungen gesellschaftlicher Figurationen als kontinuierliche Prozesse von Integration und Desintegration begreift.
Ein Standardwerk welches zu lesen einigen Mehrwert verspricht.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein 'MUST HAVE' für Sozialwissenschaftler, 11. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: Über den Prozeß der Zivilisation: Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2 Bände in Kassette (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) (Taschenbuch)
Wer sich einem sozialwissenschaftlichen Studium verschrieben hat (bei mir ist es die Soziologie), der/die sollte sich dieses 'magnum opus' von Norbert Elias auf jedenfall zulegen/ausleihen und es eingehend studieren. Es verlangt dem Leser zwar alles ab, da es, wie hier schon mein Vorkritiker bemerkt hat, doch sehr langatmig ist; jedoch wird dieser erhebliche Zeitaufwand durch eine der umfangreichsten Erkenntnisse zur Zivilisationstheorie entlohnt. Elias bedient sich dabei einer exakten und vor allem klaren Sprache, die sich immer im Rahmen des Verständlichen bewegt und nicht in 'philosophische Spähren' abdriftet oder gar zu großen Irritationen führt.
Das Vorwort ist eines der wohl längsten, welches ich jemals bei einem Buch vorgefunden habe. Es lohnt sich aber auch genaustens zu lesen, wie das Buch selbst, da man hier wirklich relevante (bzw. auch zusammengefasste) Argumentationen von Elias vorfindet, die seine Theorie bzw. seine Ansätze noch weiter erläutern.
Von daher meine Empfehlung für potentielle Käufer: Bringt Zeit und Interesse mit und auch genügend Ausdauer, um euch dieses Werk zu erarbeiten und zu erschließen. Für all jene, die auf ein kurzes "Intermezzo" mit Norbert Elias aus sind (z.B. im Rahmen eines Seminars) oder sich nur halbherzig mit der Thematik beschäftigen wollen, lassen besser die Finger von diesem doch auch anspruchsvollen Doppelband. Man kann sich ja auch nicht einen solch komplexen Begriff, wie der 'Zivilisation' mal eben annähren. Dies erfordert Zeit!
Fünf Sterne hat dieses Buch aus meiner subjektiven Sicht dann trotzdem verdient, da es mich durchaus auch zum Weiterdenken angeregt hat und mir viele bisher unbekannte Sachverhalte erschlossen hat (Stichwort: Affektmodellierung).
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Klassiker mit kleinen Kritikpunkten, 1. September 2013
Von 
B. Gutleben (Oberhausen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Über den Prozeß der Zivilisation: Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2 Bände in Kassette (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) (Taschenbuch)
Die groß angelegte und in Deutschland erst mit Verspätung rezipierte Studie von Norbert Elias ist gewiss ein Klassiker. Man sollte die beiden Bände nicht nur im Regal stehen sondern sie auch irgendwann gelesen haben.
Gegen eine unbedingte Empfehlung sprechen bei mir jedoch drei Dinge, die ich anmerken möchte:
- Misstraut der Autor dem Verständnisvermögen seiner Leser oder seiner eigenen Darstellungskraft? Etliche seiner Beobachtungen und Erklärungen wiederholt er für mein Empfinden zu oft. Der Erkenntnisgewinn seiner Untersuchung wäre auch bei ein- bis zweihundert Seiten weniger Umfang kaum geschmälert.
- Da Elias seine Studie auf die Entwicklung in Frankreich konzentriert, wo sich die von ihm geschilderten Prozesse am deutlichsten nachvollziehen lassen, ist ein wesentlicher Teil der von ihm zitierten Quellen im französischen Original wiedergegeben, was für den einen oder die andere nicht ohne weiteres eingängig ist. Andere haben vielleicht auch ein Problem mit Mittelhochdeutsch oder älteren Sprachstufen des Englischen...
- Mich störte beim Lesen die uneinheitliche Druckqualität. Einige Seiten wirken relativ blaß, einzelne Buchstaben fallen nahezu ganz aus. Das gehört sich eigentlich nicht für eine Publikation in dieser renommierten Reihe.
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22 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Interpretationshilfe für die Realität, 26. Juli 2004
Von 
Rezension bezieht sich auf: Über den Prozeß der Zivilisation: Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2 Bände in Kassette (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) (Taschenbuch)
Kein anderes Werk hat meinen Blick auf die Welt so stark verändert und ergänzt wie Elias' "Prozess der Zivilisation". Elias Instrumentarium ist einfach hochinteressant. Merkwürdigerweise ist mir diese Interpretationshilfe für die Realität kaum dadurch geschwächt worden, dass mich einige Argumente heute nicht mehr voll überzeugen, natürlich unter dem Einfluss von Hans Peter Dürr.
Die Diskussion um Elias' Thesen nimmt kein Ende. Er hat so etwas wie eine Schule zur Folge. Immer wieder kann man Ergänzendes oder Kritisches kaufen. Ein hochinteressantes Buch in dieser Reihe ist Robert Muchembled "Die Erfindung des modernen Menschen".
Elias schreibt ausserdem sehr lesbar. Wer einen Einstieg sucht, der kann es ganz hinten versuchen, mit dem Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation. Faszinierend.
Hier muss es einmal gesagt sein: Warum Schrott lesen, wenn es solche Bücher gibt?
Prädikat: Zwingend!
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Warum sich die Lektüre noch immer lohnt, 30. Juli 2009
Von 
Fuchs Werner Dr (Zug Schweiz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(#1 HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Über den Prozeß der Zivilisation: Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2 Bände in Kassette (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) (Taschenbuch)
Weil 70 Jahre auch in der Geisteswissenschaft eine sehr lange Zeit ist, könnte man verständlicherweise der Versuchung erliegen, sich an den 750 klein geschrieben Textseiten vorbeizuschmuggeln, die Norbert Elias 1939 veröffentlichte. Zumal es ja mehrheitlich so ist, dass sich der Erkenntnisgewinn bei Pflichtübungen in Grenzen hält. Aber so wie Sigmund Freud ist eben auch Norbert Elias eine Ausnahme. Das heißt nicht, dass in den Gebieten dieser beiden Geistesgrößen nichts Neues hinzugekommen wäre, nachdem ihre Stimmen verstummten. Es gibt berechtigte Kritik und wichtige Variationen ihrer Modelle. Aber ich mache den Vergleich zwischen Freud und Elias, weil sie etwas verkörpern, was heute schon beinahe als unwissenschaftlich gilt. Sie geben nicht nur Antworten, sondern stellen auch die wesentlichen Fragen. Und diese Fragen formulieren sie so, dass wir sie im 21. Jahrhundert noch mit Genuss lesen können. Zudem sind sie Großmeister im Malen von Sprachbildern, in denen wir mögliche Antworten bereits erkennen können. Zwei Bilder sollen stellvertretend für unzählige sein. Das Bild der denkenden Statuen, die einander weder sehen, noch berühren oder hören können und dennoch dazu verurteilt sind, sich über sich und die anderen Gedanken zu machen. Oder der hohe Turm, in dem eine Menschengruppe mit jeder Generation höher steigt, bis sich niemand mehr daran erinnern kann, wie man überhaupt so hoch hinauf gelangen konnte. Ein Grund, weshalb sich die Lektüre dieser beiden Bände also noch immer lohnt, lautet: Der Leser lernt die Kunst des Fragens und das Formulieren starker Metaphern.

Unter den kultursoziologischen Werken von heute gibt es nur wenige, die auch von Lesern ohne Studium verstanden werden. Und wenn ich an gewisse Kritiker von Norbert Elias Theorien denke, kommt mir der Neurologe Gerhard Roth in den Sinn, der behauptet, dass Sprache primär zur Rechtfertigung des eigenen Verhaltens dient. Denn obwohl ich mit akademischen Verklausulierungen vertraut bin, habe ich große Mühe, diese Elias-Kritiker überhaupt zu verstehen. Ein weiterer Grund für die Überzeitlichkeit das Werk von Elias lautet demnach: Der Leser erhält Anschauungsunterricht in der Kunst des wissenschaftlichen Schreibens ohne unnötigen Fachjargon.

Das Stichwort Neurologie führt mich zu einem Aspekt, der leicht vergessen wird. Norbert Elias räumt dem Unbewussten eine Stellung ein, die es nach ihm weder in der Soziologie, noch in anderen Wissenschaften hatte. Erst seit einigen Jahren erinnert man sich wieder daran, dass in einem so komplexen Gebilde wie der menschlichen Gemeinschaft nicht alles rational zu und her gehen kann. In einem Interview, in dem ihn der Befrager darauf festnageln wollte, als Jude müsse er sich doch als Teil der jüdischen Gemeinde gefühlt haben, antwortete Elias: "Das, entschuldigen Sie, unterstellt eine Bewusstseinsebene, die ich sicher nicht hatte..." Auf nachträgliche Projektionen war Norbert Elias so allergisch, dass er seine Methode immer wieder überprüfte, um untaugliche Rückwärtserklärungen zu vermeiden. Der dritte Grund für ein Wiederlesen mit Elias lautet: Er sensibilisiert uns für die Macht des Unbewussten und erinnert uns daran, dass sich Erklärungen auf den Wissensstand beziehen müssen, die Menschen zur Zeit ihres Handelns haben.

Der vierte und im Rahmen einer solchen Rezension letzte Grund lautet: Norbert Elias lehrt uns die Kunst des Beobachtens. Wie ernst Elias es mit dem Beobachten nahm, zeigt eine Episode aus der Zeit seiner ersten Professur in Ghana. Um nachzuempfinden, was ein Grieche beim Opfern eines Stieres fühlte, nahm Norbert Elias an solchen Ritualen teil, sah hervorquellende Eingeweide und wurde vom Blut bespritzt. Wie wenig selbstverständlich diese Haltung ist, obwohl heute alle von Feldforschung sprechen, zeigt die Rezeption von Laura Maria Augustins soziologischen Arbeiten. Als die Autorin von "Sex at the Margins" einer NGO-Repräsentantin empfahl, wirklich mit Sexarbeiterinnen zu reden, entgegnete diese: "Wir müssen nicht mit Prostituierten reden, um zu wissen, was Prostitution ist."

Mein Fazit: Für Soziologen ist die Lektüre Pflicht. Und für andere Interessierte lohnt sich die Lektüre dieses Standardwerks noch immer, weil es mehr als nur vier gute Gründe dafür gibt.
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3 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Über den Prozess der Zivilisation, 5. Februar 2010
Rezension bezieht sich auf: Über den Prozeß der Zivilisation: Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2 Bände in Kassette (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) (Taschenbuch)
Offensichtlich eine sehr umfangreiche in weiten Teilen aber umständliche und langatmige wissenschaftliche Arbeit, die dem Leser Ausdauer und Durchhaltevermögen abverlangt. Die Botschaft hat vieles für sich, könnte aber besser und interessanter auf einen Bruchteil des Umfangs reduziert sein.
Ein Hinweis wäre hilfreich gewesen, hätte allerdings bei mir den Kauf verhindert.
H.-J. Rennack
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