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12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Feinschliff
In aus allen Fugen geratenen Zeiten ein solches Buch zu schreiben, ist bereits eine Meisterleistung. Theodor W. Adorno sind hier über Jahre latent bewußtwerdende Gedanken zum Zeitgeschehen, zum Verlust einstmaliger zivilisatorischer Werte, zum Leben unter Bedingungen, die das individuelle Leben zur privaten Angelegenheit verkümmern lassen, zu...
Veröffentlicht am 10. Juli 2006 von Dieter Plep

versus
60 von 141 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Wortblasen
Wenn man bedenkt, dass die "Minima moralia" im Exil in den USA, genauer in Los Angeles entstanden sind, dann lesen sich die amerika- und die kriegs-kritischen Passagen wie ein schlechter Witz. Vor allem, wenn man zudem berücksichtigt, dass Adorno sich in den frühen Dreißigern den Machthabern in Berlin angebiedert hatte.

Sofort werden die...
Am 2. Februar 2004 veröffentlicht


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12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Feinschliff, 10. Juli 2006
Von 
Dieter Plep (Hamburg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Minima Moralia (Gebundene Ausgabe)
In aus allen Fugen geratenen Zeiten ein solches Buch zu schreiben, ist bereits eine Meisterleistung. Theodor W. Adorno sind hier über Jahre latent bewußtwerdende Gedanken zum Zeitgeschehen, zum Verlust einstmaliger zivilisatorischer Werte, zum Leben unter Bedingungen, die das individuelle Leben zur privaten Angelegenheit verkümmern lassen, zu Textminiaturen verdichtet, die zum besten zählen, was überhaupt je veröffentlicht wurde. Sprachlich und inhaltlich ein Meisterwerk!
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5.0 von 5 Sternen Ein sprachästhetisch gewaltiges Werk zur Kulturkritik, 5. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Minima Moralia (Gebundene Ausgabe)
Adorno setzt mit Minima Morala viele Grundlagen der modernen Kulturkritik, an der am Konsum- bzw. Kapital orientieren Unterhaltungsindustrie, die er zu analysieren und kritisieren nicht müde wird. Mag seine Aphorismenedition auch vor 70 Jahren geschrieben worden sein, in den Grundzügen hat sie Maßstäbe gesetzt und ist für viele Kultursoziologen und -philosphen eine Referenzgröße.
Seinen ästhetischen Urteilen muss man freilich nicht zustimmen. Adorno hat zum Beispiel nie (sofern es seine Schriften hergeben) den Jazz verstanden, vielleicht ihn nie verstehen wollen - zu sehr hatte er sich dem verschrieben, was man allgemein als »Klassik« bezeichnen kann. Ästhetisch wie politisch erschreckte ihn das Törichte, Aktionistische und Laute der Beat-Generation zuletzt. Er lieferte den 68er viele Motive - ihr Verbündeter im Sinne politischer Ziele und neuer kultureller Vorlieben in Musik und Literatur ist er nicht gewesen und er verbat sich auch deren Vereinnahmung - sofern er sie jedenfalls bis 1969 noch registrieren konnte.
Der konservativen Kritik, Adorno hätte dem Land, dass ihn als Emigranten aufnahm, den Vereinigten Staaten, statt mit Kritik mit mehr Achtung (also »Zustimmung«) begegnen sollen ist eine Absage zu erteilen. Adorno wendet sich gegen die konsumistische Industrie der Kultur des »Marktes«, die selbstverständlich in den USA seit den 1930er Jahren vom »Fließband« anlief. Ob der Kapitalismus moderner Prägung nun unbedingt "amerikanisch" sein muss? »Kapitalismus« oder meinetwegen »Marktwirtschaft« kennt letztlich keine Nation, kein Geschlecht, keine Rasse, keine Religion - sie kennt nur »Konsumierende« und bügelt die kulturellen Eigenarten und Unterschiede einfach platt. Dagegen wandte er sich. Adorno damit gleich antiamerikanische Polemik zu unterstellen ist falsch. Undankbarkeit gegenüber Amerika erst recht.
Selbstverständlich sind viele Aspekte in Minima Moralia der Zeit geschuldet. Das muss auch so sein - wie sollte es auch anders gehen? Immer wieder kombiniert er z.B. Kulturkritik und Emigrantenerfahrung. Dazu folgendes Beispiel: »Drastisch wird die Beobachtung an Intellektuellen, deren materielle Lage sich geändert hat: sobald sie sich nur einigermaßen einreden können, daß sie mit Schreiben und nichts anderem Geld verdienen müßten, lassen sie bis auf die Nuancen genau den gleichen Schund in die Welt gehen, den sie als Wohlbestallte einmal aufs heftigste verfemten. Ganz wie die Emigranten, die einmal recih waren, in der Fremde oft nach Herzenslust so geizig sind, wie sie es zu Hause schon immer gerne gewesen wären [...]« (Zitat nach der gebundenen Suhrkamp-SV-Ausgabe, S. 27).
Wer einen guten ersten Eindruck von Adornos Werk haben möchte, sollte dieses Buch durchaus kaufen - Spaß an feinster Textkomposition gibt es ebenso, wie heute immer noch knallige Aphorismen, einschließlich des berühmten: »Es gib kein richtiges Leben im falschen.«
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25 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen urmeter des modernen schreibens und denkens, 12. September 2002
Von 
FrizzText "frizz" (Wuppertal) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)   
adorno, zunächst behütet aufgewachsen, lernte das grauen erst ausserhalb des heimischen, friedlichen, musikerfüllten wohnzimmers kennen: zunächst in der schule, gehetzt und geprügelt als klassenprimus, sodann als jude - in den zeiten des auschwitz-erfindenden deutschlands. was ihm als verachtung durch die horde der mittelmäßigen als gymnasialschüler schon zu nahe gegangen war, erreichte durch die ideologischen konstruktionen des nationalsozialismus fast unerahnbare ausmaße - und doch meinte adorno, dies habe ihn schon nicht mehr überrascht, nach allem, was er als milieu-sturz in jugendjahren in den lehranstalten verdauen mußte. das ende seines lebens ähnelte traurigerweise dem beginn und der mitte seines horden-flüchtigen strampelns: die zur brüllenden masse sich kumulierende 68'er studentenschaft verstieß erneut gegen adornos stilempfinden, - und obwohl schon längst im sarg, wird ihm aus dieser richtung, welche elitäres verhalten niemals akzeptieren wollte, verachtung nachgeworfen - indem man in ihm nicht den denker zu erkennen behauptet, der wahrlich nutzbringendes zu tage gefördert habe. er hat. nicht nur stilistisch mit seinen "minima moralia". nicht nur mit dem denkerischen und schriftstellerischen imperativ, dass nur mehr essayistisch nach stichworten zu arbeiten sei, da die großen mega-philosophien ja doch immer wieder zusammenbrächen oder durch den arbeitsprozess der dialektik lautlos versickerten; sondern drittens mit der heutzutage immer deutlicher in ihrem gewicht werdenden einsicht, dass systemhöriges denken, egal innerhalb welcher nationen durchgepaukt, fast zwangsläufig zu katastrophen führen muß. es ist ein etwas verwirrender aber einprägsamer zufall, dass der adorno-geburtstag, der 11. september, als "9-11" nun hinterrücks zum mahnmal dafür geworden ist, dass ideologische aufgehetztheit nur eine schreckliche kette von eskalationen nach sich zieht. die bescheidenheit adornoschen denkens, die einzig sprachlich in kleinen kunstvollen schritten zu überzeugen suchte - sie wäre in einer welt der immer grober werdenden gewaltausübungen eine trostreiche besinnungshilfe - und das kleine büchlein eine wundervoll niveauvolle brücke dahin ...
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2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die schönste Ausgabe, 19. Mai 2012
Von 
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Suhrkamp ist ja nicht gerade für gutes Papier bekannt. So leiden Bücher aus den 1950-ern heute an so starkem Gilb und brechenden Buchrücken, dass ihre aktuellen Ausgaben als Anschaffung auf Lebenszeit kaum in Frage kommen. Man will ja ein Buch in einer intellektuellen Karierre mehrfach lesen und genießen, auch nach der Rente.
Auch sind viele Suhrkamp-Bücher eng bis an den Rand gedruckt: Für Anmerkungen bleibt dann kein Platz mehr. Die amerikanischen Universitätsverlage sind in Sachen Design, Papier und Druck weit voraus und dennoch äußerst konkurrenzfähig.

Wenigstens hat sich Suhrkamp für die Minima Moralia etwas mehr Mühe gegeben und die alte Ausstattung neu aufgelegt. Ärgerlich ist nur die Auflage: Man bekommt sie nur noch antiquarisch.

Das Layout ähnelt einer Zeitungsspalte, etwas breiter. So macht Lesen Sinn.

Inhaltlich ist es halt die Minima Moralia. Ein unverzichtbares Werk mit gelegentlichen peinlichen Ausrutschern, die einfach nicht hätten sein müssen.
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60 von 141 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Wortblasen, 2. Februar 2004
Von Ein Kunde
Wenn man bedenkt, dass die "Minima moralia" im Exil in den USA, genauer in Los Angeles entstanden sind, dann lesen sich die amerika- und die kriegs-kritischen Passagen wie ein schlechter Witz. Vor allem, wenn man zudem berücksichtigt, dass Adorno sich in den frühen Dreißigern den Machthabern in Berlin angebiedert hatte.

Sofort werden die Kritiker rufen: Das tangiert den Inhalt des Werkes nicht und Sätze wie den folgenden feiern: "Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen." (Minima Moralia, p.254) Klar, dass diesen Gedanken auch keiner versteht.

Man kann solches Kauderwelsch schick finden und tiefsinnig; oder man hält sich an Hannah Arendt, die über Adorno schreibt: "Was für ein Schwindel: soweit ich ihn gelesen habe, auch in seinen geistreichen, unermesslich viel wissenden, alles hin- und herwendenden Schriften, die er vom Standpunkt höchster Weisheit schreibt, scheint mir nichts glaubwürdig. Solch ein Durcheinander des Beliebigen ist mir unerträglich."
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5 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Genese und Kontext einer philosophischen Summe, 3. Dezember 2009
Von 
Dr. Horst Wolfgang Boger (Berlin & Potsdam, Germany) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Minima Moralia (Gebundene Ausgabe)
"Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen." (Theodor W. Adorno: Minima Moralia, # 122, S. 254)

Schweigen bleibet stumm davor, dass vor über einem Jahrhundert der erlösende Meisterdenker uns geboren ward, gewiss der Erste und ebenso gewiss der Letzte, der das Identische und das Nichtidentische zugleich in einem Denken einander zu versöhnen noch vermochte.

Im Anfang war ein Wort, und es war sein Wort, und wir sahen, dass es gut war.

Kraft verlieh es uns, sein mit leichter Zunge hingehauchtes und hingeworf'nes Wort aus einem freien Vortrag in einem Hinterhof der Bockenheimer Landstraße:

"Intransigentem Denken ist die Hoffnung auf Erlösung mimetisch beigesellt, weil der Widerstand der frühbürgerlichen Rancune gegen das abstrakt Seiende, dialektisch, bündig und triftig entfaltet und gewendet, die gebieterische Freiheit des spätbürgerlichen Subjekts, auch das am schlechten Schein des Äquivalententausches intendiert, was erst durch dessen Zurüstung zum Objekte diesem verloren ging, ohne dass der Bann der Barbarei zu lösen sich vermöchte."

Zärtlich verschwebende Netze waren's, aus zerbrechlichster Intersubjektivität gewoben, Netze, deren untergründ'ge Kraft, geheimnisvoll genug, alle Schrauben in uns'ren Köpfen mit linker Hand lockern zu vermochten.

Mit einem Wort, mit diesem Wort, waren die Existentialontologie Heideggers (vgl. Sein und Zeit), die philosophisch sich dünkende Anthropologie von Scheler, Plessner und Gehlen, die Früh- und Spät-'Philosophie' Wittgensteins, der US-amerikanische Pragmatismus, der Positivismus des Wiener Kreises, besonders aber dessen wichtigtuerisch 'Kritischer Rationalismus' (vgl. Traktat über kritische Vernunft) äffisch sich heißender Abklatsch, widerlegt, zerstört, vernichtet, ein für allemal.

Und uns're Eltern, uns're Lehrer gar? Sie sträubten, widersetzten sich - gefangen, verfangen und befangen im Alles durchdringenden Verblendungszusammenhang der Adenauer-Erhard-Restauration. Wir aber erkannten in Adorno, dem siebten Kinde einfacher Hauswartsleute, den Erlöser, den von der List der vernünft'gen Geschichte uns Gesandten, den Pfad zum Heile uns zu weisen.

Während die hämmernden Räder der Kultur- und Bewusstseinsindustrie von den Schlicks, den Carnaps, den Poppers (vgl. Logik der Forschung), den Reichenbachs, den Nagels (vgl. Structure of Science) und Hempels (vgl. Philosophy of Natural Science) zynisch neue Ölung stets erfuhren, sah Adorno gleichsam zum Trappismus sich genötigt: Den gleißnerischen Medien war er anathema, den verstaubten Universitäten persona non grata, der verhockten Schulphilosophie blieben seine großen und kleinen Summen terrae incognitae, falbe Flecken des gesellschaftstheoretischen und epistemologischen Kannitverstans auf den ohnehin schon verwelkenden Landkarten alteuropäischen Geistes.

Wie Spinoza einst in Amsterdam, so hauste er, vergesellschaftet seinen beiden Rottweilern bloß, "Minima" und "Moralia" zärtlich von ihm geheißen, im feuchten Kellerloche eines längst verlass'nen Frankfurter Brauereigebäudes, an den zarten Händen klob'ge Fäustlinge, um gegen die Kälte der antagonistischen Gesellschaft, die ihn ausgespieen hatte, hilflos, trotzig wie ein Kind mit großen Augen, anzuschreiben. Und hier entstanden sie, die Bruchlinien einer dialektischen Theorie der gesellschaftlichen Totalität, die das Mörderische allen Preisgegebenseins ans schlecht Konkrete durch die Eiswüsten der Abstraktion hindurch zu deklinieren wussten. Gewiss, zum hilflosen Troste in den Verliesen der falschen Welt ließen Arnold Hau, Clemens Blaubrot und Ernst August Dölle, die alten Kameraden aus bess'ren Amorbacher Kindergartentagen, bei ihm sich blicken, um Reste von Dippehas und Grie Soß, bisweilen auch einen Bembel dünnen Weines, ihm mitzubringen. Doch gezeichnet waren auch sie schwer vom beschädigten Leben. Während Hau zeitlebens nach dem Menschen frug (vgl. Die Wahrheit über Arnold Hau), aber erdulden musste, dass der so befragte Mensch zurückzufragen stets sich sträubte, und Blaubrot, der namhafteste Naturlyriker der Kaiserzeit, angesichts der heraufdämmernden ökologischen Katastrophe zu verstummen genötigt sich sah, vermochte Dölle (vgl. Dichotomie und Duplizität), der an Hegels Dialektik von Herr und Knecht methodisch streng geschulte Psychologe, mit seiner lebend'gen, der noumenalen Welt abgelauschten Unversöhntheit von Dichotomie und Duplizität gegen das Unheil Skinner'scher Abrichtungskäfige und Lewin'scher Felder nicht sich zu behaupten. Marginalisiert, vertrieben, verfolgt, so kauerten die Freunde beieinander, die Schaftstiefel der Geheimpolizei im Nacken stetig spürend.

Adornos verzweifelter Versuch, im Jahre 1934 noch die Herrschaft des Faschismus von innen dialektisch aufzusprengen, sollte fehlschlagen. Zwar war ihm es gelungen, seine Rezension von Herbert Müntzels Singstück "Die Fahne der Verfolgten. Ein Zyklus für Männerchor nach dem gleichnamigen Gedichtband von Baldur von Schirach" in die Zeitschrift "Die Musik" als Konterbande tollkühn-listig einzuschmuggeln, doch dem Spreng-Satze - "es wird dem Bild einer neuen Romantik nachgefragt; vielleicht von der Art, die Goebbels als 'romantischen Realismus' bestimmt hat" - blieb die Verwirklichung des Telos gleichwohl versagt. Die "obersten Führungssysteme" (Arnold Gehlen) des NS-Staates erwiesen, aufklärungsresistent genug, immun sich gegen die aufklärende Kraft des ridikülisierenden Argumentes.

So ward ihm schlüssig offenbar, dass ein Ausweg nur ihm blieb: der Weg in die dem Denken feindselig abholde Welt der "Händler", als die Sombart (vgl. Händler und Helden) hellsichtig schon zwanzig Jahre zuvor das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten von Amerika enthüllt uns hatte.

Im "Princeton Radio Research Project" des positivistischen Prozentrechners Paul F. Lazarsfeld vermochte er als Pförtner, Kopist und Bürobote eine ärmliche Nische sich zu richten, die Subsistenz zu gewähren im Stande ihm war. Und dort ward er, der Meisterschüler Alban Bergs, auch mit dem Jazz, der zeitlosen Kindermode der Kulturindustrie, konfrontiert.

Nach einem Besuch der Carnegie Hall, in welcher die damaligen 'Stars' dieser als revolutionär hinausgeplärrten Musizierform, der Fagottist und Schalmeienspieler Schnuggy Wortz ('the swingin' booman') und der Bandenführer Jack 'Hounddog' Henkelman, aufzutreten angeschickt sich hatten, notierte er in einem flüchtig skizzierten Memorandum an seinen Freund Max 'Reggie' Horkheimer, der, ebenfalls Emigrant, als Dockarbeiter verdingt sich hatte:

"Hegels noch hartnäckige Mühe, der Dialektik Residuen bürgerlicher Freiheit trotzig abzuschnöden, gerinnt unter den Falschmünzerhänden der Musik(ont)ologen zur fadenscheinigen Ansprache an die Hirten und Hüter des Seins, verkennend, dass die Antagonismen der Warenwelt die odysseische Archaik, aus deren Topoi sie untergründig, heimlich noch sich speist, längst schon zum schlechten Schein des Konkreten regredieren ließ. Ewig pupsen und sabbern die gleichen Babies und Barbies aus den immergleichen Magazinen, ewig stampft die Jazzmaschine. Pleistozänische Affekte heften an eine modernistisch sich gerierende Technik sich, feindlich allem Sinn. Das Alles durchdringende Profitinteresse der kapitalistischen Produktion frisst wie ein insatiabler Bandwurm in die Herzen der Dinge sich und löscht von dort her sie aus. Dass im Jazz unverdorb'ne Frische, unverstellte Authentizität zur Geltung sich brächten - dies gehört in's Ressort der kitsch'gen Negersklavenfabel der Harriett Beecher Stowe. Hinter den Rücken all der regressiv sich aufspielenden Jackies und Schnuggies und wie alle sie von einer den falschen Schein perpetuierenden Musikindustrie geheißen sein mögen, marschieren doch bloß die grölenden Sturmabteilungen und Saalschutzstaffeln des faschistisch-positivistischen Unheils. Selbst die harmonischen Rückungen, die fragmentierten Ostinati und irregulären Undezimparallelen, die motivlosen Wechsel von binärer und ternärer Metrik, sowie die enharmonisch erweiterten Akkordcluster über den Orgelpunkten Gis und Des, mühsam genug abgelauscht den Abspaltungen, Verdichtungen und Verkettungen in Pannacottas 'Krischan-Tetralogie' und Rebroffs mittleren Kindertotenliedern, und unbeholfen, stolpernd und eunuchenhaft quiekend, plärrend und blökend genug intoniert, vermögen an diesem Verdikt kein Jota noch zu ändern. Jazz ist, auf die bündigste Formel wohl gebracht, unsublimierte, repressiv aufgestachelte, ewige Vorlust, der keine Erfüllung zärtlich sich versöhnt."

Der Jazz konnte nach diesem, auf Partiturstudien und stundenlanger Hörforschung methodisch abgesichert sich stützenden Urteile nur noch als dumpfe Penumbra seiner selbst dahinkümmern, als quietschende Parodie auf eine nachgeahmte Substanzialität. Selbst Musikanten der Jahrtausendwende, welche die internationalen 'charts' dominieren, wie Joe 'Holy' Bedforleger, Big 'Butch' Krugel, Percival A. 'Stump' Evans, Salena 'Oink' Jones und Chester 'Hot Harp' Reardon vermögen dies Urteil nicht zu dementieren.

In den Fünfziger Jahren zurückgekehrt ins Alte Europa, nähert Adorno in einem letzten gewaltigen Aufbäumen "häretischen Überlieferungen des europäischen Untergrundes" (Gerd-Klaus Kaltenbrunner) sich: Negative Dialektik, seine fällige Abrechnung mit dem latenten Totalitarismus der Warentauschgesellschaft, die als liberal gründlich sich missversteht. "Negative Dialektik" - flüssig kalligraphiert auf unbedruckten Zeitungsrändern, die wir, die Freunde, Schüler und Gefährten der letzten Jahre, für ihn zu sammeln und ihm nächtens heimlich zuzustecken uns erlaubt hatten.

Wie stets ist der Hauptgang des Argumentes, geschult und entwickelt an den Kristall-Linien der diskursiven Logik Hegels, und hier synoptisch rekonstruiert, durchsichtig Jeder, die verständig zu lesen noch vermag:

Ohne Anamnesis an die noch verwilderte Selbstbehauptung des Subjekts, das später in die Sphäre heteronomer Naturhörigkeit verbannt sich findet, wäre die Idee der Freiheit nicht zu schöpfen. Im Schwesterbegriff der Freiheit, ohne die der der Freiheit schwerlich zu begreifen ist, der Spontaneität, die am höchsten das bloß Empirische zu transzendieren vermöchte, hallt noch das verschwieg'ne Echo dessen wider, was bis hin zur Vernichtung zu kontrollieren das unterdrückte Ich der verblendeten Philosophie des 'Marktes' für die Approbation seiner Freiheit hält.

Unredlichen Positivisten, den gedungenen Claqueuren des falschen Tausches, mögen solche Perspektiven das Lachen gewiss verschlagen. Und doch ist ihrem Falschwort zum Trotze an der perennierenden Wahrheit festzuhalten, dass, anders, gleichwohl identisch-nichtidentisch gewendet, Freiheit allein als polemisches Gegenbild zum Verdorren und Verdürsten unterm gesellschaftlichen Zwang und zugleich Unfreiheit als dessen Ebenbild konzipieren sich zu lassen vermögen.

Adornos unwiderrufliches Dahinscheiden im Sommer 1969 ließ nackt und ungeschützt uns zurück, als verscholl'ne Wesen wieder, als Mühselige, Beladene, Erniedrigte und Beleidigte wie je, deren schwärende Blößen lindernd zu bedecken auch das "Schweißtuch der Theorie" (Hans Magnus Enzensberger) nicht würde hinreichen können. Für Teddies schirmende Hände, in deren heilendem Schatten zu versammeln uns vergönnt war, ist kein Substitut in Sicht, kein noch so schmächtiges.

Literatur (Auswahl):

Theodor W. Adorno: Eingriffe, Impromptus, Modelle, Prismen, Stichworte und Summen - Reflexionen, Tagebücher und Briefe eines Verfemten. 66 Bände. Amorbach 1969 (Selbstverlag)

F. W. Bernstein: Reimweh - Gedichte und Prosa. Stuttgart 1994

Horst Wolfgang Boger: Glimpf und Getüm - Bausteine und Entgrenzungsflächen kategorialer politischer Ideengeschichte (in Arbeit)

Hans Magnus Enzensberger: Gedichte 1955-1970. Frankfurt am Main 1971

Robert Gernhardt, F. W. Bernstein und Friedrich Karl Waechter (Hrsg.): Die Wahrheit über Arnold Hau. Frankfurt 1966

Jochen Habergeiß: Emanzipation des Menschengeschlechtes qua Resurrektion der Natur. In: Versöhnen statt Spalten - Monatsschrift für Schamkultur, 5, 1967

Ders.: Odyssee der Dialektik durch die Untiefen der Vernunftkritik. In: Starnberger Volksfreund / Anzeigenblatt für den Arbeiterturnverein, 7. August 1969

Ders.: Die Einbeziehung des Ichs - Über jüngste Versuchungen der politischen Theorie. Hinterzarten 1996

Eckhard Henscheid: Wie Max Horkheimer einmal sogar Adorno hereinlegte - Anekdoten über Fußball, Kritische Theorie, Hegel und Schach. Zürich 1983

Theo Herrmann (Hrsg.): Dichotomie und Duplizität - Grundfragen psychologischer Erkenntnis. Ernst August Dölle zum Gedächtnis. Bern 1974

Gerd-Klaus Kaltenbrunner: Adornos "Negative Dialektik". Manuskript, gesendet im Juni 1969, Radio Autonomer Funk (RAF)

M. Rainer Lepsius: Dichotomie und Duplizität. In: Zeitschrift für Sozialpsychologie, 6, 1975

Susanne Nötties: Das versengende Feuer der dialektischen Logik - Häresie und Subversion im Werke Theodor W. Adornos. Göttingen 1996

Peter Rühmkorf: Kunststücke - Fünfzig Gedichte nebst einer Anleitung zum Widerspruch. Reinbek 1962

Franz-Josef Saftkühler: Materialistischer Überbau und idealistische Basis. Verlag Hegel-Studien. Frankfurt 1970

Harald Schmidt: Warum? Neueste Notizen aus dem beschädigten Leben. Köln 1997
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6 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Mmmh schwer zu lesen, schwer zu verdauen, 14. Januar 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Von manchen Zeitgenossen ja als "Jahrhundertwerk" gepriesen, bin ich kein Freund dieses Werks.

Warum?

Sicherlich glänzt es stellenweise mit Aphorismen und außergewöhnlichen Gedankengängen, meist entsteht jedoch der Eindruck das dieses Buch geschrieben ist, um die intelektuelle Überlegenheit des Autors über seine Umwelt und die Leser zu dokumentieren.
Es ist zäh zu lesen, es fehlt der Schwung und leider mittlerweile auch der richtige Zeitgeist.

Eher was für Germanisten...
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0 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen buch, 3. Januar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Minima Moralia (Gebundene Ausgabe)
da das buch nicht für mich war kann ich nicht wirklich was darüber sagen.aber da ich nichts gehört haeb denke ich das alles in ordnung ist.
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Minima Moralia
Minima Moralia von Theodor W. Adorno (Gebundene Ausgabe - 9. September 1969)
EUR 18,95
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