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5.0 von 5 Sternen Zwischen Mut und Scham
Ich erinnere mich noch erstaunlich gut an meine Schluckimpfung. Ich sehe den blau eingefärbten Zuckerwürfel noch vor mir. Der Arm, der mir den Würfel reichte, war überraschend behaart. Der Würfel, der haarige Unterarm, die tiefe Männerstimme (die mich beruhigen wollte), die große Sporthalle in der das alles stattfand, die vielen, vielen...
Vor 23 Monaten von Bernhard Horwatitsch veröffentlicht

versus
10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Solide. Aber etwas blutarm.
Philip Roth erzählt in "Nemesis", einem in puncto Umfang überschaubaren, kurzen Roman, der eher eine Novelle gleicht, die Geschichte des engagierten jüdischen Sportlehrers Bucky Cantor. Das Besondere an diesem Buch speist sich auch aus dem geschichtlichen Kniff Roths, der zum einen von der Polio-"Epidemie", jener grassierenden "Kinderlähmung" in den...
Veröffentlicht am 21. Januar 2012 von Gordian Ezazi


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14 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zwischen Mut und Scham, 20. September 2012
Von 
Bernhard Horwatitsch "horwatitsch" (Muenchen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Nemesis: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ich erinnere mich noch erstaunlich gut an meine Schluckimpfung. Ich sehe den blau eingefärbten Zuckerwürfel noch vor mir. Der Arm, der mir den Würfel reichte, war überraschend behaart. Der Würfel, der haarige Unterarm, die tiefe Männerstimme (die mich beruhigen wollte), die große Sporthalle in der das alles stattfand, die vielen, vielen Kinder und all die Menschen – all das machte großen Eindruck auf mich und machte mir auch Angst. Eine Angst, die angemessen war, wenn man weiß, was die Kinderlähmung anrichten kann.
Der junge Sportlehrer Bucky Cantor erlebt in den 1940er Jahren, was diese Krankheit anrichten kann. Wegen seiner Kurzsichtigkeit kann der junge Mann nicht wie seine Brüder am Krieg in Europa teilnehmen, er darf keine „Japaner abknallen“, wie sein Schüler Donald es unbedingt möchte. Aber Bucky erlebt einen anderen Krieg. An der Heimatfront in Newark muss der junge, Sport begeistere Bucky erleben, wie Kinder von einer unheimlichen Seuche dahingerafft werden. Wie gesunde Kinder zu Krüppeln werden. Hilflos und in einem schwachen Moment sagt er seiner Geliebten zu, ihr nach Indian Hill zu folgen, um dort als Bademeister in einer anderen Welt arbeiten und leben zu können. War in Newark noch die unerträgliche Hitze und erdrückende Angst vorhanden, so kann Bucky in den kühlen Poconos im Nordosten Pennsylvanias endlich aufatmen. In dem den Indianern nachempfundenen Jugendlager herrscht eine heitere und lebensfrohe Stimmung. Die Kinder sind gesund und begeisterungsfähig, wie der junge Donald, dem Bucky dabei hilft, seine sportlichen Fähigkeiten zu verbessern. Doch wir Leser spüren bei aller Heiterkeit und Lebensfreude den dunklen Schatten der Nemesis, jener Göttin des gerechten Zorns, deren stete Begleiterin Aidos (die Scham) ist. Sie, Nemesis, bestraft menschliche Selbstüberschätzung, sie bestraft die Missachtung des göttlichen Rechts (Themis) und der Sittlichkeit. Bucky ist ein Deserteur. So fühlt er sich immer mehr, je heiterer und glücklicher sein Leben wird. Er steht auf dem Sprungbrett, die milde Sonne der Poconos auf der nackten Haut spürend, die Liebe seiner zukünftigen Frau Marcia ist ihm gewiss, und doch: Er darf das alles nicht genießen, denn er hat eine schwere Schuld auf sich geladen, er hat die ihm anvertrauten Kinder in Weequahic (Viertel im Südwesten Newarks) allein gelassen. Er müsste bei ihnen sein. Er müsste bei seiner herzkranken Großmutter sein. Nemesis ist eine göttliche Richterin. Sie richtet nicht so, dass der menschliche Verstand es begreift. Schließlich erkrankt der junge Schüler Donald an der Poliomyelitis. Plötzlich ist der dunkle Schatten aus Newark auch in Indian Hill. Und Bucky weiß: Er hat diesen Schatten mitgebracht. Am Ende erkrankt Bucky selbst an der Seuche und sein sportlicher Körper verändert sich. Roth hat eine Art Gegenroman zu Camus „Die Pest“ geschrieben. In Camus’ Roman sagt Rieux, der Arzt der die Pest bekämpft: „...bei allem handelt es sich nicht um Heldenmut. Es handelt sich um Anstand. Das ist eine Idee, über die man lachen kann, aber die einzige Art, gegen die Pest anzukämpfen, ist der Anstand.“ Bucky Cantor macht sich zum Vorwurf, dass er genau diesen Anstand nicht hatte. Vor der Polio zu fliehen, das war unanständig.
Im dritten Teil des Buches erfahren wir, wie Buckys weiteres Schicksal verlief. Bucky bestrafte sich selbst. Er verstößt seine zukünftige Frau, die ihn lieben will, die ihm immer wieder versichert, dass sie ihn liebt, nicht nur seinen Körper. Aber Bucky will nicht, dass sie ihr Leben einem Krüppel opfert. Er opfert sich selbst. Er lebt schließlich zurückgezogen und einsam, verbittert. Es ist Arnie Mesnikoff, der uns seine Geschichte erzählt. Wir sind ihm ganz kurz begegnet, im ersten Teil des Buches. Dort war Arnie einer der Kinder, die von der Polio infiziert wurden. Arnie Mesnikoff wird Architekt. Er macht das Beste aus seiner Behinderung, gründete eine Firma für behindertengerechten Umbau von Häusern und Wohnungen.
Als Erwachsener trifft er ihn zufällig wieder und sie verabreden sich einige Male in einem Cafe wo Bucky ihm alles erzählt (es sprudelte aus ihm hervor).
Philip Roth erzählt mehr als die Geschichte eines jungen Mannes, der an Poliomyelitis erkrankt. Er erzählt auch die Geschichte eines Zufalls („Jeder Lebensweg ist dem Zufall ausgeliefert; vom Augenblick der Zeugung an regiert der Zufall – die Tyrannei der Umstände – alles“). Menschen sterben. Im Krieg, an Krankheit. Bucky wird schwer geprüft. Seine Mutter stirbt bei seiner Geburt, sein Vater ist ein Dieb und er wird ihn nicht kennen lernen. Bucky hat aber dann auch viel Glück, er wächst bei liebevollen Großeltern auf. Bucky ist sportlich, diszipliniert, trainiert fleißig und will Verantwortung übernehmen. Aber das Schicksal hat etwas anderes mit ihm vor. Ich muss an diesen antiken Sinnspruch denken, den ich gerne mal auf den Lippen habe. Er stammt von einem unbekannten griechischen Dichter. „Den Willigen führt das Schicksal. Den Unwilligen schleift es hinter sich her.“
Roth erzählt das Schicksal von einem Willigen, den das Schicksal trifft und der es nicht annimmt und der trotzdem nichts dagegen tun kann. Ist es ein Trost, dass Arnie es besser macht? Nein, so einfach macht es uns der Autor nicht. Auch wenn sich Arnie über Buckys Wut auf Gott ein wenig lustig macht, bleibt ja doch das Ergebnis. Ob Gott oder irgendeine blinde Macht (der Zufall), wir haben keinen rationalen Zugang. Nemesis ist die Tochter der Nacht (Nyx). Zeus stellte ihr nach. Scham- und zornerfüllt war Nemesis von diesen Nachstellungen. Sie flüchtet vor dem Göttervater, verwandelt als Fisch, über das Meer bis zum Ende der Welt. Dort verwandelt sie sich in eine Ente. Aber Zeus findet sie, verwandelt in einen Schwan fällt er über sie her und zeugt mit ihr Helena. Nemesis ist die Mutter der Frau, um derentwillen schließlich der Trojanische Krieg geführt wurde.
Ich bin mir sicher, dass Roth diese Geschichte kennt und dass dieser Mythos für seinen Roman eine Rolle spielte. I’ll Be Seeing You singt Jimmy Durante, In All The Old Familiar Places. Buckys Mutter starb bei seiner Geburt, sein Vater war ein Dieb! Das ist einer Nemesis würdig.
Roth schließt diese berührende Geschichte, die er gewohnt souverän erzählt, mit einem olympischen Bild. Wir erleben den jungen Sportlehrer noch einmal in seiner ganzen würdevollen Pracht beim Speerwurf. „Wenn er, den Speer hoch erhoben, anlief, mit dem Wurfarm weit ausholte, ihn über die Schulter nach vorn riss und den Speer wie in einer Explosion losließ, erschien er uns unbesiegbar.“
Ich selbst gehörte ja mit zu denen, die Glück hatten. Als ich zur Welt kam, gab es bereits die Schluckimpfung, ein Lebendimpfstoff mit abgeschwächten Erregern. Heute wird diese Impfung mit Totvakzinen durchgeführt als Injektion, denn es gab mit dem Lebendimpfstoff Zwischenfälle. Heute gilt die Polio beinahe als ausgerottet. Die letzte größere Erkrankungswelle gab es 2010 in Tadschikistan. In Amerika unter den Amischen und auch vor einigen Jahren bei strenggläubigen Calvinisten in den Niederlanden. Sie lassen sich aus Glaubengründen nicht impfen.
Aber Nemesis hat viele Mittel, ihren gerechten Zorn walten zu lassen
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10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Solide. Aber etwas blutarm., 21. Januar 2012
Von 
Gordian Ezazi (Troisdorf, Nordrhein-Westfalen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Nemesis: Roman (Gebundene Ausgabe)
Philip Roth erzählt in "Nemesis", einem in puncto Umfang überschaubaren, kurzen Roman, der eher eine Novelle gleicht, die Geschichte des engagierten jüdischen Sportlehrers Bucky Cantor. Das Besondere an diesem Buch speist sich auch aus dem geschichtlichen Kniff Roths, der zum einen von der Polio-"Epidemie", jener grassierenden "Kinderlähmung" in den USA der 40er-Jahre erzählt, dessen tragischen Folgen viele Kinder und Jugendliche das Leben kostete; zum anderen die Schrecken und die Invasion des Zweiten Weltkrieges ("D-Day") aufblitzen lässt. Zwei Tragödien. Der agile und vitale Bucky Cantor geht nicht vor dem gegnerischen Nazikugelhagel in die Knie, sondern von ebenjener mysteriösen Poliomyelitis.

Der Kampf, vor allem innere Kampf, zwischen den Ansprüchen Cantors an sich selbst- und dem sich ausbreitenden Grauen, ist durchaus gekonnt, wie auch seitens Roth nicht anders zu erwarten, sprachlich präzise erzählt. Gleichwohl ist "Nemesis", das den - im wahrsten Sinne des Wortes - Niedergang des 23jährigen Buckys erzählt, auch ein wenig "leer", meiner Ansicht nach zu selbstreflexiv. Dialoge, strotzend vor Esprit à la "Der menschliche Makel" oder "Empörung", fehlen hier leider en gros.
Fazit: "Nemesis" ist ein solides, gutes Werk aus der Feder Roths. Ein düsterer, bisweilen nihilistischer Niedergang, dem es hie und da an einer Prise Humor und Spritzigkeit fehlt, die man gemeinhin von Roth gewohnt sein mag. Klagen auf hohem Niveau.
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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Jeder Lebensweg ist dem Zufall ausgeliefert...", 18. November 2011
Von 
Regina Berger "Gina" (Rottach-Egern) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Nemesis: Roman (Gebundene Ausgabe)
"...Was Mr.Cantor meinte, wenn er das schmähte, was er als Gott bezeichnete, war eigentlich die Macht des Zufalls."

Bucky Cantor, ein hingebungsvoller Sportlehrer mit hohen Idealen und einem ausgeprägten Verantwortungsbewußtsein vermittelt seinen Schülern Werte und ist ihnen ein Vorbild. Er setzt alles daran, seine Schützlinge durch intensiven Sport von Angst abzulenken. Denn die Angst ist allgegenwärtig im Jahre 1944, in dem noch nichts über die Übertragungswege der Polio-Krankheit bekannt ist. Die Unwissenheit der Ansteckung ist zugleich der Stein, der die Geschichte ins Rollen bringt. Schauplatz ist die Industriestadt Newark, in der bei mörderischen Hitze die krankmachende Stickigkeit fast spürbar ist. Die verheerende Epidemie macht vor dem Sportplatz im jüdischen Viertel Weequahic keinen Halt; Bucky muss tatenlos mit ansehen, wie ihm anvertraute Kinder an Kinderlähmung erkranken und sterben. Er selbst ist athletisch, wurde aber wegen seiner Kurzsichtigkeit nicht in den Kriegsdienst einberufen. Aufgewachsen ist er bei seiner liebenden Großmutter, da er seine Eltern zu früh verloren hat. Sein Pflichtgefühl und die Tatsache gebraucht zu werden, sind sein Antrieb. Das Streben nach Vortrefflichkeit und sein eigenes strenges Gefühl des moralisch Richtigen bestimmen sein Handeln. Das lässt ihn auch nur für kurze Zeit in ein Sommercamp nach Indian Hill fahren, in dem seine Geliebte in der kalten Reinheit des Sees badet, und er Kinder im Turmspringen unterrichtet. Er kehrt in die Schwüle der Stadt zurück, weil er sich verantwortlich fühlt. Das zieht sich durch die Handlung wie ein roter Faden: er hält sich immer für verantwortlich. Somit verwandelt sich eine Tragödie, deren Verlauf Bucky nicht ändern kann in Schuld, und das Schicksal schlägt erbarmunglos zu.
Die Frage nach dem Schicksal verknüpft Bucky mit der Frage nach einem gerechten, gnädigen Gott. Er sucht eine Notwendigkeit für das, was geschieht und beklagt die Ungerechtigkeit der feindlichen Gottheit bis hin zur Verbitterung.
Erst im Jahre 1971 bei einem Mittagessen mit dem einstigen Schüler Arnie kommt es zur Reflektion und erstmalig zur kompletten Lebensgeschichte im Rückblick.

Es steckt erbarmungslos Wütendes in >Nemesis<. Unerbitterlich führt Philip Roth den Leser durch die Handlung. Dabei bedient er sich einer prägnanten, klaren Sprache, die einer Aneinanderreihung von Aussagen gleicht. Er wertet nicht, er schweift nicht ab. Er stellt fest. Dabei lässt er den Leser die Machtlosigkeit des Einzelnen gegenüber den Umständen schroff und hart spüren.
Der Titel des Buches ist aussagekräftig gewählt; so ist im Duden hinter "Nemesis" zu lesen: ausgleichende, vergeltende Gerechtigkeit. Genau das ist es, was Bucky Cantor hinter all dem vermutet. "Denn nichts, was er tut, reicht an sein Ideal heran."

>Nemesis< habe ich im Rahmen unseres Literaturkreises gelesen. Ich war froh darüber, im Anschluß ausgiebig über das Buch sprechen zu können. >Nemesis< ist gehaltvoll und lesenswert - zu diesem Urteil kamen wir alle aus unsere Bücherrunde.
Deshalb meine Empfehlung: Lesen! (Und im besten Fall im Anschluß jemanden suchen, mit dem man darüber sprechen kann.)
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hiob und die Shoa, 20. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Nemesis (Taschenbuch)
Das sind die beiden großen Themen dieses Romans. Zumindest stellt es sich mir so dar. Wenn ein junger, gesunder Mann an Gott verzweifelt, weil eine Polioepidemie viele Kinder hinwegrafft, auch Kinder, die er kennt und liebgewonnen hat, dann fällt einem automatisch die Geschichte des Mannes aus dem alten Testament ein, der mit für ihn tragischen Ereignissen von Gott geprüft wird. Und wenn diese Polioepidemie vermehrt jüdische Kinder hinwegrafft und ausgerechnet zu dem Zeitpunkt ausbricht, wo der Genozid an den Juden in Europa seinen Höhepunkt erreicht, dann kann dies kein Zufall sein. Es geht hier eindeutig auch um die Shoa und Gefühle von Hilflosigkeit und Schuld, wie sie die amerikanischen Juden empfunden haben müssen, nachdem spätestens 1945 alles Schreckliche bekannt wurde. Der Hauptakteur Bucky glaubt sich schuldig, die Polio in ein Ferienlager für jüdische Kinder getragen und somit Kinder getötet zu haben. Er selbst überlebt, auch wenn die Krankheit ihn zeichnen wird. Ihm wird vergeben oder nicht einmal wirklich Schuld gegeben. Aber er selbst kann sich nicht verzeihen. Und spätestens hier läuft Philip Roth zur Hochform auf. Männer und ihre Wut, ihre Trauer, ihre Selbstgeißelung: Niemand kann das besser und eindringlicher beschreiben als er. Wieder mal ein Roth, der mich gefesselt hat.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Thymos und Hybris., 21. April 2011
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Nemesis: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Was ist Wahrheit? - Man kann tausend Gründe dafür finden, nur das für die Menschen
als wahr gelten zu lassen, was ihrer menschlichen Bedürftigkeit entspricht."
(Lou Andreas-Salomé)

"Alles ist besser als ein Leben, das nicht gelebt ist, [...]." So Max Frisch in seiner sehr persönlichen "Erzählung aus den Bergen". Diesen Topik findet man bei Philip Roth ebenfalls. Ihm gelingt hier ein Meisterwerk verschiedener Schichtungen des Lebens. In seinen drei Kapiteln entfaltet er einen Mann, Mr. Cantor, der jung, sportlich, zielstrebig, verliebt ins Gelingen, sich die Zukunft vorstellt. In einem Newark im Jahre 1944, es ist Kriegszeit in Europa und Virenzeit in Newark. Mr. Cantor kann wegen Kurzsichtigkeit nicht wie seine Freunde in den Krieg in Europa eingreifen, daheim greift Polio immer mehr um sich bis ins epidemische Ausmaß. Kinder sterben, Kinder der Sportgruppe, die Mr. Cantor täglich trainiert. Gleichzeitig ist seine Freundin Marcia im Sommercamp in Indian Hills, fern ab und in Sicherheit. Newark wird zur Sinnfrage der Existenz, zur erneuten Frage der Theodizee, des Glaubens an einen gerechten Gott und letztendlich zur Frage, wie ein eigenes Leben in neuen Situationen gemeistert werden kann.

Aufgewachsen ohne Vater (wegen Diebstahl verhaftet), aufgewachsen ohne Mutter, sie starb bei der Geburt und erzogen von den Großeltern, einem Großvater, dem die Pflicht Religion war und einer Großmutter, die mit mütterlicher Liebe den Enkel groß zog. In allem, was Bucky Cantor tat, wusste er um die Zustimmung seines Großvaters, weil er ihm verehrend folgte. Ihm und seiner Sicht auf diese Welt galt das gelebte Leben, oder anders: alles, was kam, war am Ideal zu messen. Sein Leben war das, was aus fremder Seele erwuchs.

So lag es nicht fern, zu hadern mit den Fragen der Schuld während der Epidimie, des Krieges, mit der großen Frage: WARUM? und sich anzumaßen, ein Sieger im Lebens sein zu wollen, der er im Sport immer war. Sein Ziel, die Verantwortung der Liebe vorzuziehen, scheiterte im Wunsche von Marcia. Für ihn war die Flucht aus Newark ein Gewissensbiss und für Marcia eine Beteuerung der Liebe. Aber auch diese lässt Roth scheitern im Himmel von Indian Hills. Selbst Bucky Cantor, der Held und Sieger, wird krank und nichts bleibt, wie es war.

Überall herrscht Krieg, die Amerikaner in der Normandie, die Viren in Newark und letztendlich ein Indianerspiel in Indian Hills. Roth schreibt das zweite Kapitel zur Persiflage auf den Krieg, auf ein Spiel, das an die Ureinwohner Amerikas erinnert und letztendlich zeigt, dass jede Idylle aus Bösem sich entstanden zeigen kann. Das Camp erinnert daran, dass heute noch 1% der Ureinwohner leben, eine wenig ruhmreiche Geschichte und doch wird wieder Mr. Cantor in die Welt der Siege gehievt, bis er sich selbst dort als Unheilbringender entlarvt. Die Welt von Gott verstoßen, sollte durch Bucky Cantor gerettet werden. Welch eine Hybris treibt diesen Mann, dem sein Großvater die Pflicht und die Selbstaufgabe zu Gunsten anderer aufgetragen hatte? Gekreuzigt durch eine ihm fremde Wahrheit zieht er sich zurück in eine eigene Welt, fern ab aller Lieben und Freundschaften. Seine Religion der Lebensdienlichkeit ist verfallen, seine vom Großvater initiierte Täuschung konvertiert in einen Selbstbetrug, den er, trotz intensiven Gesprächs mit einem ehemaligen Schüler Jahre später nicht offensichtlich ablegen wollte oder konnte.

Sein Bild nach außen war die Kopie einer Statue, eines Speerwerfers, der im Wurf die Kraft, die Leidenschaft, den Willen verkörperte zu wollen, zu schaffen und zu siegen. Dieses Bild bleibt ein Stand-Bild der Vergangenheit, das im Roman zuletzt gezeichnete Ich das eines Verlierers. Cantor hat sein Leben verloren an die Illusion einer Pflicht. Seine Produktivkraft ist in dem Moment zerfallen, als er die Lüge entdeckte. Wahrhaftig sei nur derjenige, so Nietzsche im Zarathustra, der sein verehrendes Herz zerbrochen hat und in götterlose Wüsten geht. Cantor zerbricht zwar sein Gottesbild mit den Fragen der modernen Theodizee und verklärt den gerechten Zorn (Nemesis), nicht jedoch den Abgott 'Großvater'; auf dem Wege zur Wahrheit bleibt er stehen, weil er sich selbst und seine Schwäche vergisst in der Idealisierung von Pflicht und Verantwortung gegenüber Allem außerhalb seines Selbst.

Ein wirklich lesenswerter Roman.
~~
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gerechter Zorn | gerächter Zorn, 10. Mai 2011
Von 
Rezension bezieht sich auf: Nemesis: Roman (Gebundene Ausgabe)
Die bittere Geschichte um einen Sportlehrer, der aufgrund seiner starken Sehschwäche nicht in den Krieg gegen die Nazis ziehen darf und sich umso mehr in seinen Job kniet: Er betreut die Ferienkinder im Sommer 1944 in einem Stadtviertel Newarks, in dem die Kinderlähmung (Polio) erbarmungslos ausbricht. Von Zweifeln über die Existenz Gottes geplagt, der den Tod von Kindern billigt, kämpft er einen aussichtslosen Kampf gegen diese damals oft tödlich endende Krankheit. Dieses Buch tröstet leider nicht, auch nicht am Ende - aber wie alles, was ich von Philip Roth bislang gelesen habe, ist dieses Buch unbedingt lesenswert - ein starker Roman!
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine amerikanische Tragödie, 25. November 2012
Von 
Lothar Müller-Güldemeister "Reißwolf" (Berlin Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Nemesis: Roman (Gebundene Ausgabe)
1944. In Europa kämpfen seine Freunde gegen Hitlers Armeen. Der Protagonist fühlt sich schuldig, ohne es zu sein: Er ist wegen seiner Kurzsichtigkeit vom Kriegsdienst ausgeschlossen und bleibt als Sportlehrer zu Hause. Dort wütet nicht der Krieg, aber eine Polio-Epidemie. Und so ungerecht wie der Krieg in der Normandie die Besten seiner ehemaligen Kommilitonen fällt, tut es die Epidemie mit den besten seiner Schüler an der Heimatfront im ärmlichen, staubigen, heißen Newark.

Die griechische Tragödie lässt ihren Helden unschuldig schuldig werden. Indem er sich gegen sein ihm vorbestimmtes Schicksal stemmt, führt es hierdurch eben erst herbei. In seiner amerikanischen Tragödie fügt Philip Roth dieser Konstellation einen weiteren Twist hinzu. Der Protagonist entscheidet sich im Zwiespalt zwischen Liebe und Pflicht für die Liebe und zerstört dadurch, ohne es zu wollen, alles: die Liebe, diejenigen, die ihm durch seine Pflicht anvertraut sind und schließlich auch sich selbst.

Eine düstere Geschichte voll bitterer Ironie gegenüber Gott ebenso wie gegenüber dem Glauben an das Machbare, der das Gute will und das Böse schafft, in klarer, uneitler Prosa. Wortakrobatik, intellektualistisches Geschwurbel oder manieriertes Sprachgetänzel à la Tellkamp oder Lewitscharoff haben einige Rezensenten bei Philip Roth offenbar vergeblich gesucht und ihm darum nur einen Stern gegeben. Aber zu mehr Sternen dürfte es für die dann auch bei Edgar Allan Poe oder Herman Melville nicht langen.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nemesis, 7. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: Nemesis: Roman (Gebundene Ausgabe)
Newark 1944: Mitten im 2. Weltkrieg bricht in der Kleinstadt Newark eine Polioepidemie aus, die für die Bewohner sehr viel bedrohlicher scheint als der ferne Krieg. Vor allem Kinder und Jugendliche sind von der gefährlichen Krankheit - ein Impfstoff ist noch nicht gefunden - betroffen.
Im Mittelpunkt des Romans steht der Highschoollehrer Bucky Cantor. Der besonnene und mutige Bucky wird kurzfristig zu einer Art Helden, als er jüdische Kinder vor einer Gruppe italienischstämmiger Rowdies beschützt, die in Verdacht stehen, die Polio vorsätzlich zu übertragen. Aber auch Buckys Einsatz verhindert nicht, dass immer Kinder sich anstecken, sterben oder unter lebenslangen Schäden leiden. Zunehmend verhärtet sich der Verdacht, dass Bucky selbst ein Überträger der Krankheit ist.
Mit gewohnter stilistischer Genauigkeit zeichnet Roth ein wunderbares Bild einer Stadt in Panik. Immer hysterischer werden die Reaktionen der Einwohner, auf einen Feind über den sie fast nichts wissen und gegen den sie nichts tun können.
Im Mittelpunkt des Romans steht jedoch nicht die Krankheit selber, sondern Buckys Umgang mit derselben. Bucky ist mit dem Ideal des self-made man aufgewachsen. Er ist fleißg, zuverlässig, verantwortunsgvoll und zutiefst optimistisch, dass ein gerechter Lebenswandel belohnt wird. Die Epidemie erschüttert sein Weltbild. Der Tod von unschuldigen Kindern lässt in an der Gerechtigekit Gottes zweifeln. Wie der bedeutungsschwangere Titel schon anzeigt, geht es in Roth' Roman wieder einmal um die großen Fragen: Gerechtigkeit, Verantwortung, Schuld und Sühne. Diese Themen werden jedoch nicht abgehandelt und auf unpräteniöse Weise dargestellt.
Ein typischer Roth, der sich jedoch erfrischenderweise dieses Mal nicht um die Ängste und Nöte alter Männer dreht.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ein Roman aus dem Klischee-Baukasten, 27. März 2013
Rezension bezieht sich auf: Nemesis (Taschenbuch)
Als hoch gepriesener US-amerikanischer Schriftsteller liefert Philip Roth mit «Nemesis» seinen, wie er selbst beteuert hat, letzten Roman ab. Die Idee dazu kam ihm durch eine Freundin, die Filmschauspielerin Mia Farrow, die als junges Mädchen an Kinderlähmung erkrankt war. Aber auch die Lektüre von «Die Pest», dem grandiosen Roman von Albert Camus, hat ihn wohl inspiriert. Schon lange als nobelpreiswürdig angesehen, ist ihm, wie auch vielen seiner erfolgreichen nordamerikanischer Kollegen, diese höchste Ehrung bisher versagt geblieben, und zwar wegen der Trivialität ihrer Literatur, so der pauschale Vorbehalt der Jury. Ist diese Kritik denn zutreffend, fragen wir uns.

Die Rachegöttin Nemesis dient dem Miesepeter aus New Jersey, wie der Autor wegen seiner eher trübsinnig machenden Romane mal genannt wurde, als aussagekräftiger Titel für seine düstere Geschichte einer Polio-Epidemie, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielt, als man der heimtückischen Krankheit also noch weitgehend hilflos gegenüberstand. Durch eine raffinierte Konstruktion in drei Kapiteln gelingt es Roth, seiner eher langweiligen Story eine gewisse Dramatik zu verleihen, die vermutlich manche Leser zu fesseln vermag. Arnie Mesnikoff, der Ich-Erzähler und überzeugte Atheist, steht dabei in krassem Gegensatz zur jüdischen Hauptfigur Bucky Cantor, einem blitzsauberen, hehren Sportmenschen, der leibhaftige Idealtypus des American Hero. Beide erkranken an Poliomyelitis, gehen aber, wie man in einer Art Showdown erst ganz am Ende der Geschichte erfährt, völlig unterschiedlich mit ihrem Schicksal um

Warum lässt Gott uns leiden, warum lässt er grausame Kriege zu, warum überzieht er uns mit solch verheerenden Epidemien? Alles Fragen, an denen sich die Theologen aller Religionen seit Jahrhunderten abarbeiten, ohne auch nur ansatzweise eine überzeugende Antwort zu finden. An genau dieser Frage scheitert auch der gläubige Romanheld, der nicht nur mit seinem Schicksal hadert, sondern, schlimmer noch, an seinen Selbstzweifeln leidet und sich eine Mitschuld an der Ausbreitung der Epidemie einredet. Was für den lebensklugen Ich-Erzähler die Tyrannei der Umstände ist, aus denen man pragmatisch das Beste machen muss, das ist für den vor lauter Moral- und Ehrgefühlen geradezu mystisch überhöhten Helden die pure Theodizee. Er steht der unheilvollen Melange von Schicksalsschlägen und nicht verifizierbaren Selbstvorwürfen jedenfalls völlig ratlos gegenüber.

Ein Abgrund des Trivialen tut sich auf in diesem Roman, Klischees im Übermaß jedenfalls, vom kriminellen Vater, im Kindbett gestorbener Mutter, wahren Gutmenschen als Großeltern, makellosem Doktor als Schwiegervater, bösen Italienern und guten Juden, idyllischem Indianercamp, selbstlosem Liebesverzicht bis hin zum göttergleichen Speerwerfer, der uns am Ende des Buches vorgeführt wird. Hollywood lässt grüßen! Schade eigentlich, denn der Stoff gäbe einiges her, erinnert in seiner Tragik ja durchaus an griechische Dramen. Erzählt ist diese holzschnittartige Geschichte von Idealen, Moral, Verantwortung, Vorurteilen, Schuld und Sühne in einer einfachen, knappen, humorlosen Sprache ohne Raffinesse und Esprit. Lesevergnügen sieht anders aus! Und was die künstlerische Qualität solcher literarischen Produkte anbelangt, hat das Nobelkomitee wohl ausgesprochen weise geurteilt.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Als Polio noch ein Schreckgespenst war, 9. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Nemesis: Roman (Gebundene Ausgabe)
Philip Roth hat die Angst eingefangen. Die Angst vor einer Krankheit die einen selber jeden Augenblick erreichen kann oder vielleicht schon erreicht hat. Dies zu einer Zeit, in der man dem Schicksal hilflos ausgeliefert war. Die detaillierte Beschreibung zeigt ein dramatisches, scheinbar unausweichliches Übel, dem die Menschen ausgesetzt sind. Lebensläufe ändern sich auf eine erschreckend radikale Weise.
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Nemesis von Philip Roth (Taschenbuch - 1. November 2012)
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