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35
4,1 von 5 Sternen
Tagebücher: Jahre 1982 - 2001
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14 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Fritz J. Raddatz (Jahrgang 1931) ist der widersprüchlichste Geist, ja der bunteste Vogel im deutschen Literaturbetrieb. Der Feuilletonist, Biograf, Verleger und Schriftsteller war einige Jahre - von 1977 bis 1985 - Chef des Feuilletons der Wochenzeitschrift "Zeit". Er kennt den deutschen Kultur- und Literaturbetrieb also wie kaum ein anderer.

Nun legte Raddatz bei Rowohlt, er in den 60er Jahren stellvertretender Verlagschef war, seine Tagebuchaufzeichnungen der Jahre 1982 bis 2001 vor. Sie beginnen am 13. Mai mit dem Vorhaben: "Ein Tagebuch. Es schien mir immer eine indiskrete, voyeurhafte Angelegenheit, eine monologische auch - ich möchte nie hinterher, wenn die Gäste weg sind", aufschreiben, wie sich Augstein oder Biermann, Grass oder Wunderlich benommen haben."

Eine löbliche Absicht, die jedoch nicht immer eingehalten wird. Raddatz beobachtet scharf, erzählt in zahllosen Anekdoten und Begebenheiten von dem kleinbürgerlichen Getue der kulturellen Intellektuellen dieser Bundesrepublik. Doch mitunter haben seine Notizen den Charakter von "Klatsch royal". Scharfzüngig hält er die Verlogenheit des Literaturbetriebs, die Eitelkeiten der Verantwortlichen und Künstler und ihre biederen Haus- und Wohnungseinrichtungen fest, schüttet Häme über die Partyallüren und die plumpe Anbiederei aus. Da wird Reich-Ranicki zur "Verona Feldbusch der deutschen Literaturkritik", Enzensberger ein "Scharlatan", Dürrenmatt ist "etwas dumm" und "die Dönhoff ganz verlogen". Irgendwie bekommen alle ihr Fett weg. Die selbst gestellte Frage "Darf ein Biograf die persönlich-intimen Dinge ganz auslassen?" lässt Raddatz leider unbeantwortet.

Raddatz ist bissig, aber am gnadenlosesten ist er mit sich selbst. Es scheint, als müsste er stets die gnadenlose Wahrheit sagen, doch dann leidet er am Echo. Dann möchte er den Journalisten und Kritiker hinter sich lassen ("Seit wann macht dieser Krimskrams glücklich?"), dann flüchtet er sich in das eigene Schreiben, in einen Roman. Dieser persönliche Vorgang bereitet ihm Spaß - viel mehr als das journalistische Schreiben. Hier kann er sich seine eigene Welt bauen und darin versinken.

Die knapp tausend Seiten präsentieren sich so auch als das Eingeständnis eines einsamen und verletzlichen Menschen, der nach Anerkennung schmachtet: "Mich wählt ja niemand in eine Akademie, mir hat auch noch nie irgendjemand einen Preis zuerkannt."

Für den Münchner Hörverlag hat Fritz J. Raddatz nun Auszüge aus seinen Tagebüchern auf zwei CDs (Laufzeit 155 min) gelesen. Mit dem Ausdruck eines Hochempfindsamen macht er die feinen Nuancen seiner Tagebucheintragen und seiner klugen Gedanken hörbar.

Manfred Orlick
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12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 3. Januar 2011
Um dieses Buch mit einem altbewährten Spruch zusammenzufassen: "Die Menschen sind schlecht, sie denken an sich, nur ich denk' an mich." Warum trotzdem fünf Sterne?

In vorsichtigen Dosen genossen, ist das hier verspritzte Gift ein Genuss (zuviel davon auf einmal kann Übelkeit verursachen, also Vorsicht!). Dieser Karneval der Eitelkeiten, in dessen Zentrum FJR rauschende Feste feiert (und sich zugleich darüber beklagt, dass die eingeladenen Bofkes die Qualität seiner Speisen und Getränke - oder gar seiner Vasen und Bilder - nicht zu schätzen wissen; unklar bleibt - auch ihm -, warum er diese Idioten trotzdem immer wieder einlädt), geschliffene Sottisen abfeuert, um das eine oder andere "Bürschchen" (Originalton FJR) zum Schweigen zu bringen, sich über die Dürftigkeit fremder Abendeinladungen, Wohnungseinrichtungen, Tischgespräche mokiert (wobei wiederum Autor und Lesern unklar bleibt, warum er dennoch immer wieder hingeht), wundervoll klischeegerechtes Schwulen-Bitching ablässt (einschließlich des Berichts über eine Nacht mit Nureyev - soll man das glauben?) - das ist einfach köstlich, wie die Parodie eines Intellektuellen-Tagebuchs, dabei in seiner gewollten Weltläufigkeit (Hamburg ist der Mittelpunkt des geistig-gesellschaftlichen Universums, Boston natürlich langweilig, Englisch und Französisch behauptet man so lange zu können, bis man es tatsächlich gut genug kann, um - allerdings leider minderwertige - Literaten in diesen Sprachen zu interviewen etc etc) herrlich provinziell (was FJR wiederum den Zeitgenossen vorwirft, denen er begegnet, sei es in Hamburg oder in Paris). Auf jeder Seite findet sich mindestens eine wunderbar gelungene Unverschämtheit, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss, um anschließend mit leichtem Schaudern daran zu denken, aus welcher Geisteshaltung sowas wohl entsteht. Tucholsky, mit dem FJR sich offenbar ganz stark identifiziert, hätte seine Freude daran gehabt, das zu analysieren und das anmaßende "Bürschchen" auf seinen Platz zu verweisen, nicht ohne ihm aber auch zu seiner scharfen Zunge zu gratulieren.
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29 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 22. November 2010
Die ersten 500 Seiten des rund 1000 Seiten starken Tagebuchs von Fritz J. Raddatz habe ich nahezu jeden Abend und dabei ungläubigst verschlungen, mochte ich doch gar nicht glauben, dass es hierzulande möglich ist, Namen zu nennen, über bekannteste Intellektuelle, Künstler, Politiker zu lästern, über Seitensprünge, Geiz, Falschheiten und Geschmacklosigkeiten so offenherzig zu schreiben - ohne irgendeine einstweilige Verfügung! Schließlich sind die Protagonisten in Raddatz' Buch allesamt weltbekannt, zumindest in Deutschland ganz große Namen, nicht nur im hiesigen Kulturbetrieb.

Es macht zunächst großen Spaß zu lesen, wie sehr Grass und Co um sich selbst kreisen, ausschließlich ihre eigenen Bedürfnisse im Sinn haben und wie sie die anderen (Freunde, Kollegen) jeweils zum Publikum für das eigene Genie erklären.

So gibt es jede Menge Kränkungen zu verkraften, da jeder nur sich selbst im Blick hat und der Narzissmus eines jeden nie genügend Futter erhält.

Nach der Hälfte der Tagebücher jedoch fiel es mir schwer, weiterhin so großes Vergnügen beim Lesen zu empfinden, wiederholten sich die Erlebnisse doch oftmals (wieder keine Mitbringsel der Gäste bei einer Essenseinladung von FJR; wieder einmal musste allein FJR den Champagner für alle bezahlen; wiederholt wird seine Begabung als Literat verkannt...).

Zudem ist die immense Eitelkeit des Autors nicht immer ganz leicht zu ertragen, auch wenn es rührend ist, wie offen er mit dieser "Schwäche" umgeht und er sich selbst auch nie verschont in seiner - mitunter nahezu hellsichtigen - Klarheit und Reflexionsfähigkeit.

Klingt jetzt vielleicht ein bisschen böse, ist aber nicht so gemeint: Wer den Klatsch in der *Bunte* liebt, der dürfte auch hier auf seine Kosten kommen, denn hier stehen Deutschlands und Europas hochdekorierte Kreative im Fokus der Betrachtungen, keine kurzlebigen TV-Seriensternchen.
Die Intensität des Um-Sich-Selbst-Kreisens in den Tagebüchern ist einer Soap-Opera jedoch durchaus ebenbürtig.

Allerdings - und dafür die Sternchen - hat Raddatz oft einen hinreissenden Wortschatz und eine eigene, schöne (literarische) Sprache. Und: Wir erfahren wohl zum allerersten Mal in Ausmaßen Dinge, die wir uns in unseren kühnsten (Alp)Träumen über unsere "Großen" in der Kultur nie hätten vorstellen mögen und wir erhalten ungeschützte Einblicke in das Herz und das Seelenleben des Fritz J. Raddatz.

Für Menschen, die Bescheidenheit für eine Zier halten, ist dieser Lesestoff nur bedingt empfehlenswert.
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26 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 9. Oktober 2010
Die "Tagebücher" sind ein literarisches Ereignis, eines, das es so in den letzten Jahrzehnten nicht gegeben hat, sowohl sprachlich wie inhaltlich. Der Leser/die Leserin, der/die einige Bücher und Essays von Raddatz bereits kennt, z.B. "Unruhestifter", legt die "Tagebücher" nur noch aus der Hand, um existenziellen Bedürfnissen nachzugehen. Und nein, es handelt sich eben nicht nur im Klatsch in Literatenkreisen, sondern hauptsächlich um Gefühle, Raddatz' Gefühle, Versagensängste, Hochmut,Ekel, Enttäuschung wegen allzu großer Erwartungshaltung, überhaupt um Reflexionen über die eigene Person (warum auch nicht, es sind ja TAGEbücher!), Beschreibungen von Ursache und Wirkung. Und seine Sprache - eine deutsche Kostbarkeit!
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52 von 59 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 20. September 2010
Man soll doch nichts beschreien: Gerade war ich am Lesen der "Sartre"-Biographie von Robert-Henry Lévy und dachte beim Lesen immer, es ist doch wahrlich nicht zu fassen, in welch unnachahmlicher Weise die französischen Intellektuellen und Absolventen der Grande Ècoles miteinander umgehen, die Elite Frankreichs also - literarisch - unter sich: so gehässig wie gebildet, so liebevoll über einander unterrichtet wie hinterhältig, so etwas könnte es doch wohl in Deutschland gar nicht geben, und gibt es doch wohl auch gar nicht, dachte ich jedenfalls, aber der grosse und nun doch einmalige und eben auch unnachahmliche Fritz J. Raddatz hat mich mit seinen soeben erschienenen "Tagebüchern" eines sehr guten Besseren belehrt. Ich bin überzeugt, man darf ihm, ohne zu stolpern, in jedem seiner Sätze vertrauensvoll folgen.

Dreissig Jahre lang hatte ich einmal die Zeit gelesen, ihre "Bücher" stets sorgfältig auseinander haltend: Die "Politik" zum lernenden Vergleichen, die "Wirtschaft" zum kopfschüttelnden Wundern über soviel versteckter Verlogenheit und Systemstütze, aber das Feuilleton, das war immer - von 1960 bis zum Rausschmiss von FJR - unübertreffbar, und das war für jeden Leser einsehbar das Werk zuerst von Rudolf Walter Leonhardt und dann eben von Fritz J. Raddatz. Diese FeuilletonZEIT, das war für mich der vollgültige Ersatz für die versäumten zehn Semester Germanistik und Deutsche (und internationale) Literaturgeschichte.

Jetzt räumt FJR sorgfältig und immer noch sowohl mit leichter Hand als auch in allem sehr fundiert mit der deutschen Elite auf, und zwar auf allen Gebieten der sogenannten Kultur, der Gesellschaft und der Politik. Alle werden sie sich drängeln und lauthals fragen, ob sie denn auch in Raddatz' Buch vorkommen mögen. Denn wer hier nicht erwähnt wird, der kann sich gleich selber die Kugel geben. Er verprügelt sie alle, die es verdient haben, weil sie ihn nicht genug liebten, aber er lässt ihnen auch allen mit ihren menschlichen Macken Gerechtigkeit widerfahren, denn: Er hat sie alle, für die er sich - schreibend - krumm gelegt hat, am guten Ende auch selber geliebt, die vielen Autoren und ihre geliebten und verfluchten Bücher. Das eleganteste in diesem wunderschönen Buch, das ist FJR's subtile Rache am grossen Bucerius, am noch grösseren Schmidt, an Theo Sommer und - sehr herrlich - an der sich selbst vergöttert habenden Gräfin. Ein Nachschlagbuch, das man/frau sich unbedingt in den Bücherschrank stellen müssen, weil es leider so leicht ist, zu vergessen, was uns allen diese Elite in der Vergangenheit angetan hat. Möge er, der FJR, bitte einhundert Jahre alt werden.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Die vielen eindringlichen Anekdoten und Szenen in diesen Tagebüchern zeichnen indirekt so etwas wie ein Psychogramm des literarisch-journalistischen Betriebs der Bundesrepublik in den achtziger und neunziger Jahren, denn Raddatz war in jenen Jahren ein einflussreicher Cheflektor, Feuilletonchef, Essayist, Kritiker, Biograph und nicht zuletzt Schriftsteller. Entsprechend dem Charakter von Tagebüchern sind die Eintragungen über die verschiedenen Freunde und Feinde subjektiv, rücksichtslos und persönlich. Diese Grass, Hochhuth, Kempowski, Enzensberger und die vielen anderen erscheinen mit ganz wenigen Ausnahmen als Menschen, die sich jeweils nur ihren eigenen Kosmos mit genügend Bewunderern und Erfolg schaffen, aber im Übrigen für ihre Kollegen kaum Toleranz oder wirkliches Interesse aufbringen. Geistige Leistung erscheint als Ausdruck der ausschließlichen Selbstbezogenheit, eine Kultur des gegenseitigen Respekts und der Kommunikation existiert offenbar nicht oder kaum - wobei unser Autor auch noch weitgehend eine rühmliche Ausnahme zu sein scheint, beklagt er doch selbst immer wieder das Scheitern von Kommunikation und das narzisstische Verhalten seiner Zeitgenossen.
Man ist als Leser interessiert, oft amüsiert, auch gelegentlich abgestoßen. Aber am Ende bleiben bei mir generelle Zweifel am Sinn des Schreibens und Veröffentlichens von Tagebüchern - zumindest zu Lebzeiten des Verfassers. Ab S. 734 lesen wir, dass Raddatz an eine Veröffentlichung seiner Tagebücher denkt, aber er zögert, "zumal ja nach wie vor private Einsprengsel drin". Das hält ihn aber nicht ab, wenige Seiten später seine intimsten Gefühle über den Verlust eines seiner Geliebten, Ekfried, darzustellen, also im vollen Bewusstsein von deren Veröffentlichung. Und so gibt es auch eine Reihe von allerpersönlichsten, geradezu exhibitionistischen Bekenntnissen, ohne jede Distanzierung und literarische "Härtung", wie es eben für das Tagebuch charakteristisch ist. Dazu am besten nur Originalton Raddatz: "Hm".
Unser Autor erscheint bei aller Sympathie für seinen streitbaren, rastlos bohrenden Intellekt und seine Selbstzweifel doch auch so verschieden nicht von den Kollegen, die die Welt nach ihrem Willen und ihrer Vorstellung formen. Man darf nicht daran zweifeln, dass jede(r) der Beklagten eine für ihn/sie günstige Selbstdarstellungen geben würde (wir hören diese Versionen z.T. in der Raddatz'schen Wiedergabe) - vielleicht führt jede(r) von ihnen Tagebuch wie Raddatz. Deswegen erscheint das Tagebuchschreiben, die monologische Weltdarstellung wie ein Hamsterrädchen, aus dem der Schreiber nicht herauskommt. Die Methode hat bis zu einem bestimmten Punkt offensichtlich den Vorteil, sich über vieles im Klaren zu werden, sogar hilfreiche Selbstkritik zu üben, aber alles bleibt doch stets im eigenen Herrschafts- und Vorstellungsbereich eingesperrt. Es fehlt eine radikale und vitale Infragestellung und Kritik von außen (eine Auseinandersetzung, deren Fehlen Raddatz selbst oft genug beklagt). Hängt es mit diesem Leerlauf zusammen, dass der Verfasser schon früh und oft genug von Erschöpfung und Ekel vor dem ganzen Gebarme des literarischen und journalistischen Betriebs erfüllt ist, schon früh von Gedanken an Alter und Tod heimgesucht wird?
Inzwischen ist Raddatz fast 80 Jahre alt, was kann also noch folgen? Das vorliegende Tagebuch endet jedenfalls versöhnlich mit einer seitenlangen Beschreibung der vielen Ehrungen, die ihm zum siebzigsten Geburtstag zuteil wurden. Es ist indessen kaum anzunehmen, dass der Autor die letzten zehn Jahre im rosigen Schein dieser so oft ersehnten Genugtuung verbracht haben wird.
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20 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 11. Oktober 2010
Wenn eine homme de lettres wie FJR seine Tagebücher vorlegt, kommen darin naturgemäß Kollegen vor, Dichter, Künstler, Freunde, Feinde. Die kleinliche Kritik am Großkritiker plappert dann sofort etwas von Klatsch und Tratsch - mal fasziniert, mal abgestoßen. Nur ist es eben kein Klatsch, was Raddatz über die Großen des geistigen Lebens der 70er bis 90er Jahre zu berichten hat. Sondern Splitter, Beobachtungen - auch Selbstbeobachtungen! - aus dem Leben derer, die nicht leben, um zu konsumieren, sondern um etwas zu schaffen. Künstler mögen bei näherer Betrachtung selten nett sein, und Raddatz führt sie uns in ihren Abgründen vor - auch den eigenen. Wer das nun aber nur als Gruselkabinett liest, hat nichts verstanden. Nicht Denunziation ist dieses Buch, sondern eine einzige Liebeserklärung. Hier hat einer radikal gelebt, im Ästhetischen immer das Politische und Moralische gewollt, hat sich als Außenseiter wundgerieben an der dickfelligen Mehrheitsgesellschaft, hat wie ein Kind nie aufgehört sich zu wundern über die Niedrigkeit - auch die Eigene! -, hat sich oft lustig gemacht über die Eitelkeiten der Zeitgenossen - auch die eigene! - und hat es sich doch nie leicht gemacht. Davon handelt dieses gar nicht sehr skandalöse, viel eher oft stille und verzagte und dabei zärtlich lebenskluge Buch: Von einem Leben in und für die Kunst; vom Leben als Kunstwerk. Allen, die in ihrem eigenen Leben mehr sein wollen, als ein Ver- und Entsorgungsproblem wärmstens ans Herz gelegt!
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15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 2. Oktober 2010
Dieses pralle, grelle, göttliche Tagebuch zelebriert sein Hauptthema Narzissmus & Eitelkeit so spannend, dass ich es in einem Rutsch und Rausch durchgelesen habe. Man darf nur nicht zimperlich sein. Was bei dieser Materialschlacht fehlt, ist allerdings die Selbstironie, die sich aus den Komponenten Spottlust, Schmerz und Selbsthass heraus offenbar für FJR nie ergeben hatte. Das ist andererseits wieder spezifisch. Jetzt mache ich mich nahtlos an den "Unruhestifter" heran.
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Fritz J. Raddatz, Jahrgang 1931 und im angebrochenen Jahr seinen 80. Geburtstag feiernd oder auch nicht feiernd, ist / war ein deutscher Feuilletonist, Essayist, Biograph und Schriftsteller. Und zwar in dieser Reihenfolge. Bereits mit 23 Jahren promoviert, war er fünf Jahre in leitenden Positionen beim Verlag "Volk und Welt" in Ost-Berlin. Er siedelte 1958 nach Westdeutschland um und wurde 1960 Cheflektor des Rowohlt Verlages. Von 1976 bis 1985 leitete er das Feuilleton der "Zeit", der er bis 2001, dem Ende der hier veröffentlichten Tagebücher, angehörte. Nach seinem 70. Geburtstag schied er bei der "Zeit" aus.

Die vorliegenden Tagebücher sind ein Kaleidoskop der Kulturlandschaft Deutschlands - und darüber hinaus -, angefangen in der Nachkriegszeit (in Rückgriffen) bis zum Jahrtausendwechsel. Raddatz kennt / kannte nahezu jeden in der deutschen Verlagslandschaft, Literatur, bildenden Kunst. Ein sehr subjektives Kaleidoskop, wie das bei Tagebüchern auch erwartet werden kann, nein muss. Frank Schirrmacher wird auf dem Umschlag zitiert mit den Worten: "Dies ist er endlich, der große Gesellschaftsroman der Bundesrepublik."

Dass Frank Schirrmacher, der Mitherausgeber der FAZ, auf dem Umschlag zitiert wird, ist kein Zufall: Schirrmacher ist eine der wenigen Persönlichkeiten, die im Buch positiv und nahezu ungeschoren davonkommen. Gleich, ob Personen der aktuellen Zeitgeschichte oder der Geschichte, alle bekommen "ihr Fett weg". Es ist schon verwunderlich, wie Raddatz im Laufe der Jahre selbst an Autoren wie Marcel Proust, Bertold Brecht oder Theodor Fontane herummäkelt (nicht, dass das verboten oder völlig verfehlt wäre!), bis wenig Gutes übrig bleibt. Er bemängelt Schriftsteller wie Walter Kempowski, Hubert Fichte, Siegfried Lenz, Thomas Bernhard, Peter Weiss, Hans Magnus Enzensberger, Peter Rühmkorf, Rolf Hochhuth, John Updike, Ulla Hahn, Stephan Hermlin oder Martin Walser genauso wie Personen aus der Welt der Publizistik wie Rudolf Augstein, Siegfried Unseld, Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, Gerd Bucerius, Marcel Reich-Ranicki (und wie!), Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler oder Günter Gaus, die Philosophen Hans Meyer und Ernst Bloch, sowie Regisseure (Peter Zadek) und Künstler. Und "bemängeln" ist in vielen Fällen ein Euphemismus.

In seiner Bewertung geht er bei zwei Persönlichkeiten noch einen Schritt weiter: bei Marion Gräfin von Dönhoff und bei Helmut Schmidt nämlich, beide Herausgeber der "Zeit". Die Einträge zu diesen beiden schwanken zwischen Verachtung und Hass, andere Töne habe ich nicht gelesen.

Unter dem Strich bleiben mir folgende Persönlichkeiten in Erinnerung, zu denen sich Raddatz weitestgehend positiv äußert: allen voran Günter Grass, zu dem ihn eine jahrzehntelange Freundschaft verbindet, die nicht frei von Spannungen war - undenkbar auch bei Personen wie Grass und Raddatz -, die aber überdauert und von gegenseitigem Respekt geprägt war. Wie schon erwähnt Frank Schirrmacher, auch wenn dieser, auch aufgrund seines Alters, eher eine "Nebenrolle" einnimmt. Die Schriftsteller Thomas Mann - den er bewundert -, Kurt Tucholsky - Raddatz ist Vorsitzender der Kurt-Tucholsky-Stiftung und war über Jahrzehnte mit Tucholskys Witwe Mary befreundet, die ebenfalls zu den Geschonten" zählt -, und Gottfried Benn, sowie einige Personen aus seinem näheren Umfeld, insbesondere seine Ex-Geliebten, allen voran Bernd Kaiser, der Künstler Paul Wunderlich und der Schriftsteller Thomas Brasch (geschont passt bei Letzterem allerdings schon nicht mehr wirklich).

In den vorliegenden Tagebüchern der Jahre 1982 - 2001, die ausgewählt wurden, "weil sie einen besonders markanten Zeitraum im Leben des Diaristen umfassen" (Editorische Notiz) (gekürzt, sollte hinzugefügt werden), thematisiert Raddatz vor allem seine Nichtanerkennung in weiten Kreisen des ihn interessierenden Umfelds - Publizistik, Literatur - und sein Älterwerden. Er neigt, nicht ohne das selbst aufzugreifen, auch mit ironischem Unterton, zum Selbstmitleid, das mit den Jahren spürbar zunimmt. Er beanstandet ohne Unterlass, dass niemand ihm richtig zuhört, er der unter Hand als Langspielplatte" bezeichnet wurde, weil er sehr lange reden konnte / kann, kritisiert aber ununterbrochen, dass ihm andere vorrangig über sich und ihr Schaffen im Ohr liegen. So harsch er mit anderen ins Gericht geht, so empfindlich, ja überempfindlich ist er bezüglich Kritik an der eigenen Person.

Sein Leben galt der Kunst, insbesondere der Literatur und dem Schönen darin. Vielleicht weiß er, dass bis auf ganz wenige Ausnahmen niemand, was Lebensstil und Bildung angeht, seinen Ansprüchen gerecht werden kann, schon aufgrund der jeweiligen Vita, aufgrund der Tatsache, dass nicht viele ihre Lebenszeit darauf verwenden können, sich mit den schönen Künsten zu beschäftigen, sondern ganz im Gegenteil körperlich arbeiten müssen, um ihren und auch Herrn Raddatz' Leben zu ermöglichen. Gerechtigkeit war nicht das Ziel des Fritz J. Raddatz in seinen Tagebüchern, was diese letztendlich so lesenswert und interessant macht. "Misanthrop könnte man werden." schreibt Raddatz am 30 September 1989 in Kampen auf Sylt in sein Tagebuch. Misanthrop könnte man werden, wenn man's nicht schon wäre.
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 1. Januar 2011
...das sagt ein Student, als FJR bei der Einweihung einer Kurz-Tucholsky-Schule spricht. Wer dieses Buch gelesen hat, wird sicher zum selben Ergebnis kommen. Zwanzig Jahre Kulturbetrieb, das ist das Vordergründige des Buches. Knapp 30 Seiten Personenregister belegen die Größe dieses Aspektes. Allerdings wird nicht nur dieses Interesse reich bedient. Vielmehr geht es um eine "Nachkriegsratte" mit einem "Kotzberuf", die hin- und hergerissen ist zwischen Eitelkeit und Selbstüberschätzung, ausgestattet mit einem unglaublichen Blick für Details, sprachgewandt und kulturbesessen. Leidend an der eigenen Überlegenheit, nicht nur Rezensent sondern selbst auch Schriftsteller. Dringend gebraucht im deutschen Kulturbetrieb, nicht nur von der ZEIT und doch immer wieder zurückgestoßen von Freunden, Autoren und Kollegen. Erkennend, dass vielfach Neid und das Bestreben, ihn zu verletzen, Triebfeder war, und doch immer wieder verletzt. Beeindruckend auch der Mut, dem Leser so offen Rechenschaft abzulegen und die vielen Brüche, aber auch Fehler und Enttäuschungen zu zeigen. Hut ab. Lesevergnügen pur. Neue Lust am Lesen und an der Kultur. Geschliffene Sprache, viel Humor und entwaffnend ehrlich. Es endet mit dem 90. Psalm..." und wenn es köstlich war, ist es Mühe und Arbeit gewesen".
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