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Kundenrezensionen

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Mit Buchpreisträgern in den letzten Jahren bin ich nicht immer warm geworden: so fand ich "Du stirbst nicht" von Kathrin Schmidt annehmbar und "Der Turm" von Uwe Tellkamp sogar sehr lesenswert, tat mich aber schwer mit "Die Mittagsfrau" von Julia Franck und "Die Habenichtse" von Kathrin Hacker lies mich recht ratlos zurück.

Nach all den lobenden Rezensionen und Kritiken habe ich nun den neuesten Buchpreisträger gelesen. Schon allein das Thema reizte mich, handelt es sich doch um eine Familiengeschichte über mehrere Generationen und ihr individuelles Verhältnis zum Thema Sozialismus und DDR-Diktatur. Dies gelang bereits Tellkamp recht gut, wenn auch ein wenig zu spröde und intellektuell.

Ruges Werk liest sich bei Weitem geschmeidiger. Man folgt den Figuren auf einem recht eigenen Weg. Dies liegt wohl vor allem daran, dass Ruge in den Zeiten laufend springt und seine Figuren an ein paar Ereignissen teilhaben läßt, diese wiederum aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. So wird zum Beispiel der 90. Geburtstag des (Stief-Ur-)Großvaters aus Sicht desselbigen, aus Sicht des Sohnes Kurt und des Urenkels beschrieben. So geschieht dies auch mit anderen Fixpunkten. Zu Wort kommen auch noch Charlotte - die (Ur-)Großmutter, Irina - Kurts Frau und Alexander, genannt Sascha - das Alter-Ego von Eugen Ruge selbst.

An dieser Figur hangelt sich dementsprecht auch der Roman. Denn Alexander hat Krebs und keine Aussicht auf Heilung. So erlebt man die Geschichte irgendwie als Rückblick, auch wenn die anderen Familienmitglieder zu Wort und Gedanken kommen.

Wilhelm ist der alte Verfechter des Regimes, mit (vermutlicher) Stasi-Vergangenheit und Betonkopf-Ansichten. Kurt - die mittlere Generation - spiegelt die Widersprüchlichkeit der meisten heute älteren, in der DDR groß gewordenen, Generation wieder. Im Internierungslager in Russland lange verbracht, hat er ein gespaltenes Verhältnis zum Unrechtsstaat, schafft es aber nicht, gegen diesen zu rebellieren. Als sein Sohn Alexander kurz vor Maueröffnung in den Westen geht und nach der Wende diese verteidigt, kommen bei Kurt all die indoktrinierten anti-kapitalistischen Ideologien wieder hervor und bringen ihn gegen den Sohn auf.

Der (Ur-)Enkel am Ende hat gar keinen Bezug mehr zur Ost-West-Dramatik und kämpft vielmehr mit den Problemen eines Trennungskindes, wie sie zu allen Zeiten und in allen Welten vorkommen.

Für mich ein rundum gelungenes Buch zum Stimmungsbild der untergegangenen DDR. Vieles erinnerte mich auch an meine eigene Geschichte. Ich werde dieses Buch gern weiterempfehlen: 2011 in meinen Augen ein würdiger Buchpreisträger.
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am 6. September 2011
Dieses Buch werden nur wenige Leser hierzulande emotionslos lesen. Zu oft hat sich durch den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland das wiederholt, was Eugen Ruge hier spannend und brillant als Familienchronik regelrecht inszeniert.
Die Handlung selbst ist schnell erzählt. Wilhelm gerät von der USPD in die KPD und betreibt eine Geheimdiensttätigkeit für die Sowjetunion in einer Hamburger Scheinfirma. Die "Machtergreifung" Hitlers zwingt ihn mit seiner Frau Charlotte ins russische Exil, wo ihre Söhne Werner und Kurt geboren werden. Die Söhne bleiben in der UdSSR, während die Eltern vom Geheimdienst mit schweizerischen Pässen versehen in Mexico neuen Aufgaben nachgehen. Dort warten sie auf den Untergang des Reiches und das neue Deutschland, das dann aber infolge der Teilung Deutschlands nur aus der sowjetischen Zone als DDR entsteht.
Ihre Söhne sind während des Krieges wegen ihrer Kritik am Hitler-Stalin-Pakt in Straflagern verschwunden. Nur Kurt taucht wieder auf und findet am Ural seine Frau Irina, mit der er den Sohn Alexander bekommt. Die drei ziehen in den 50ern nach (Ost-) Deutschland, wo sie in "Neuendorf" auf Wilhelm und Charlotte stoßen. (Neuendorf greift den slavischen Namen auf, den der Ort wegen der dort in Preußen angesiedelten Hussiten führte: Nova Ves, den meisten Lesern heute als ein Stadtteil Potsdams unter dem Namen Babelsberg bekannt. Der S-Bahnhof Großkrienitz ist entsprechend Griebnitzsee.) Bei der Rückkehr aus Mexico ist Charlotte für ihre Dienste zu einer Direktorin einer eigens gegründeten Akademie für die Literatur Lateinamerikas ernannt worden. Der zu nichts zu gebrauchende Wilhelm bringt es immerhin zum Vaterländischen Verdienstorden in Gold für seine Dienste in der Partei. Kurt avanciert zum führenden Geschichtsforscher an der (richtigen) Akademie. Alles bestens also?
Leider nicht. Irina leidet an der Unfähigkeit der Protagonisten, eine Familie zu bilden, besonders. Sie sucht periodisch Befreiung in der Betäubung durch Alkohol, der nach dem Scheitern der Ehe Alexanders mit Melitta, aus der inzwischen Wilhelms Urenkel Markus hervorgegangen war, ihrem Leben ein frühes Ende setzt.
Wilhelm, ohnehin ohne intellektuellen Tiefgang, verfängt sich im Altersschwachsinn, sodass sein kritikloses Parteigeplapper vollends zu Infantilismus verkommt. Charlotte möchte ihre letzten Jahre noch einmal leben und betreibt seine Einweisung in die Psychiatrie zwar ohne Erfolg, verwechselt dann aber versehentlich die als Beimischung zu Wilhelms Tee gedachten 2 Löffel Baldrian mit ihrer nur tröpfchenweise verträglichen eigenen Medizin. Vom Tod des 90jährigen hört man später nur beiläufig, wenn Kurts Welt zusammenbricht. Auf Alexanders Flucht in den Westen und Irinas Tod folgt mit der deutschen Einheit die "Abwicklung" seiner Wissenschaft und ein Abrutschen des Enkels in die Szene. Alles entschwindet, zuletzt er selbst in Alzheimers Nebel.
Das alles ist vielen vertraut und ein Roman, der es einfach erzählte, vielleicht kaum der Rede wert. Nicht, was Ruge erzählt, sondern wie er es erzählt, ist sensationell. Die Geschichte eines Jeden wird scheinbar ohne Rücksicht auf den Kalender durch Wilhelms Geburtstagsfeier geordnet und dies alles durch Alexanders Abschlusshandlungen geklammert. Entstanden ist damit wahrscheinlich der definitive Roman zur deutschen Einheit aus der ostdeutschen Perspektive. Dies, natürlich nur bisher und obwohl die Mauer darin kaum vorkommt. Sie ist dem Kurt nur ein Ärgernis, weil sie die S-Bahnlinie von Potsdam nach Berlin unterbricht und ihn zur stundenlangen Umfahrung der geteilten Stadt auf dem Weg zur Akademie zwingt. Ruge verherrlicht nichts, sucht für das Handeln der Personen des Romans keine Schuldigen, allerdings pustet er den - manchem lieb gewordenen - Puderzucker fort, der einige hässliche Stellen in den Geschichten über die Geschichte überlagert. Er wird damit in den "Lagern" links und rechts ein Ärgernis sein. Bei aller Achtung vor dem Turm: Dieses Buch ist wahrscheinlich die vorläufig endgültige literarische Behandlung des großen Themas. Eine komplementäre westdeutsche Erzählung steht freilich noch aus.
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am 24. November 2011
Man kann jedes Buch mit jedem vergleichen, so auch Ruges Roman mit den "Buddenbrooks". Doch "In Zeiten des abnehmenden Lichts" geht es nicht um Aufstieg und Fall einer Familie, sondern um Menschen, die Zeit ihres Lebens in Rollen gezwängt werden, denen sie nicht gerecht werden können. Es wird eine ständige Überforderung aufzeigt. Es ist die schonungslose Abrechnung mit Versagern - und dieses Versagen ist vorbestimmt, denn nicht sie beherrschen dieses Land, sondern ein PHANTHOM: Die Partei. Und die Partei hat immer Recht! Wir haben zu DDR-Zeiten das Lied von Louis Fürnberg 'im stillen Kämmerlein' abgewandelt: "Und wird dir auch hin und wieder schlecht, die Partei hat immer Recht." Um ein Land, das seine Führung nicht nach intellektuellen Fähigkeiten sondern nach langjähriger Parteizugehörigkeit, bei gleichzeitiger Bevorzugung von Kadern aus der Arbeiterklasse, auswählt, ist es schlecht bestellt. 2001 stellt Alexander fest, dass die gesamte wissenschaftliche Arbeit seines Vaters aus DDR-Zeiten (Im Umfang entspricht sie in etwa den Werken Lenins) inzwischen Makulatur ist, denn sie besteht aus HALBWAHRHEITEN, was ja letztendlich bedeutet, jede Wahrheit wird durch eine Lüge entstellt. In der DDR ist es so wie in dieser Familie: Alles ist in leerlaufenden Ritualen erstarrt. Es ist eine schonungslose Abrechnung mit einem glücklosen Leben. Selbst der so gepriesene Humor des Romans entspringt aus der Beschreibung der aussichtslosen Tristesse des Dasein, das selbst in Funktionärskreisen von Versagen statt Siegen, Mangel statt von Überfluss, von Krankheit und Tod statt von Gesundheit und Leben bestimmt wird. Auch Mexiko, wo andere touristische Hochgefühle entwickeln, erlebt der von Krankheit gezeichnete Hauptheld Alexander auf der Suche nach Spuren des Lebens seiner Großeltern im Exil, nur lärmend und beängstigend.
Das alles ist spannend und beeindruckend aufgeschrieben. Der Romans ist auf hohem literarischem Niveau strukturiert. Ruge springt nicht nur zwischen den Zeiten, sondern verändert auch ständig den Blickwinkel auf die Geschichte (Der Neunzigste Geburtstag des Altkommunisten Wilhelm 1989 wird nacheinander aus der Sicht seiner Lebensgefährtin, des Sohnes, dessen Ehefrau, der russischen Schwiegermutter sowie des Enkels beschrieben). So entsteht ein vielstimmiges Bild dieser Familie. Der heitere, gelassene Blick auf die Vergangenheit allerdings ist Ruges Sache nicht. Erfolgsgeschichten und glückliche Momente (die es in der DDR vielleicht ja auch hin und wieder gegeben haben könnte?) wird man in seinem Roman vermissen. Aber es ist seine Geschichte, die endlich erzählt werden musste, und es steht ihm zu, sie ins abnehmende Licht zu stellen. Fazit: Große Literatur!
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am 2. Juli 2014
Nach dem Ende des Buchs bleibe ich einigermaßen ratlos zurück, woher die guten Bewertungen kommen. Für mich war das Buch über weite Strecken eine Enttäuschung. Langweilige Passagen über die Innenschau der Hauptperson Alexander, das Erzählen von irgendwelchen Träumen, da musste ich vorblättern, um keine schlechte Laune zu bekommen. Kurz interessant wird es da, wo eine Situation aus der Sicht verschiedener Personen erzählt wird und ihre verschiedenen Motivationen sichtbar werden. Leider bleibt es da, wo Spannung aufkommt, meist oberflächlich. Wie erging es Kurt im Gulag, was war Wilhelms Rolle im kommunistischen Geheimdienst (es wird eine Pistole erwähnt ... wozu?), wie fand Alexanders Wandlung durch die Beziehungen statt usw.
Stattdessen endlose Passagen über oberflächliche Erlebnisse von Alexander in Mexiko. Die beste Passage ist noch die Rückerinnerung der russischen Großmutter an ihre Kindheit und Jugend.
Schade, ich hatte mehr erwartet. Mehr Bezug zur Geschichte, weniger blabla.
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am 27. Januar 2013
Nicht erst seit dem Buch "Mutter, wann stirbst du endlich" ist bekannt, was für eine psychische und physische Belastung die Pflege eines dementen Menschen bedeutet. Mit dieser Situation sieht sich auch Alexander konfrontiert, wenn er seinen 78jährigen Vater Kurt besucht und ihn versorgt, obwohl er selbst gerade erst mit einer Krebsdiagnose aus dem Krankenhaus entlassen worden ist. Bestimmt keine leichte Lebenssituation. Dennoch hat man schon bald das Gefühl, dass die Gründe für den mit Tötungsfantasien verbundenen Hass auf den "alten, pedantischen Hund, diese Maschine" nicht in der gegenwärtigen Bedürftigkeit des Vaters, sondern in einem tiefliegenden Vater-Sohn-Konflikt zu finden sind. Dahin deutet auch Alexanders Verachtung für das wissenschaftliche Lebenswerk des DDR-Historikers, für das er jahrzehntelang die Familie "tyrannisiert" habe, das aber inzwischen nur noch "Makulatur" sei. Mit dem Geld des Vaters macht er sich auf eine Reise nach Mexiko, um vielleicht doch noch körperlich und seelisch zu gesunden und um den Mythen der Großmutter zu folgen, die hier während der Nazi-Zeit zusammen mit Wilhelm als kommunistische Emigrantin gelebt hat. Das Motiv für Alexanders Reise mag der Versuch sein, über die bewusste und einfühlende Wahrnehmung der Wirklichkeit zu verstehen, warum die Großeltern so geworden sind. Ein solches Verständnis kann nach Hannah Arendt letztlich zur Versöhnung und Neuorientierung im eigenen Leben führen. Doch das Verstehen misslingt, die Plätze, die er nach den Bildern der Großmutter aufsucht, sind für ihn ohne Aura und die Legenden von Wilhelms Agententätigkeit und dem Trotzki-Attentäter sind nicht mehr erzählbar. So wird die Reise ein Fiasko. Er streunt umher, wird ausgeraubt und "betrogen, so wie sein Leben lang", und auch noch krank.
Er fühlt sich fremd und findet keinen Zugang, weder zum ziemlich öde gezeichneten Land noch zu den Einheimischen und auch nicht zu anderen Touristen, wie z.B. den beiden Schweizerinnen Nadja und Kati, die das haben, was er nicht hat: Gottvertrauen und Gewissheiten. So bleibt er auch in Mexiko, was er sein Leben lang war: ein Paria, der zwar Liebe, Identität und Teilhabe sucht, aber letztlich vom Gefühl beherrscht wird, "nicht dazuzugehören". Die Gefühle der Unsicherheit, Isolation und Kommunikationsschwäche verdichten sich in einem Fiebertraum zu eindringlichen Bildern: "Gesichter, die zerplatzen, wenn er sie zu berühren versucht. Das ist mein Lebensfilm, denkt er".

Alexander ist als Teil der Generation Halb-und-Halb (halbes Leben in der DDR...) die interessanteste Figur in dem Buch, weil an ihm die sozialisationsbedingten Brüche und seelischen Verletzungen besonders deutlich werden. Schon als kleines Kind hat er die politischen Verheißungen des groben und amusischen Stiefgroßvaters Wilhelm empfangen und als Jugendlicher unter dem Druck des politisch angepassten Vaters gelitten. Dennoch verweigerte er sich dem ihm vorgezeichneten Weg und entzieht sich mit der Übersiedlung in den Westen der erdrückenden Präsenz der älteren Generationen. Die Mexiko-Reise im Jahr 2001, die die Gegenwartsebene des Romans darstellt, zeigt aber die irreparablen Schäden der ideologischen Indoktrination.
Wie ein Kaleidoskop werden auf der Vergangenheitsebene signifikante Bilder aus dem Leben von vier Generationen der Familie - Wilhelm und Charlotte, Kurt und Irina, Alexander sowie Markus - montiert, wodurch ihre Lebensprägungen erhellt werden. Durch polyperspektivisches Erzählen, eindeutig Eugen Ruges Stärke, wird der 90.Geburtstag von Wilhelm im Jahr 1989 aus unterschiedlichen Blickwinkeln beschrieben. Immer wieder blitzt ein hintergründiger Humor auf, zum Beispiel, wenn der Erzähler an anderer Stelle aus Alexanders Kinderperspektive assoziiert: "Das Schwein hieß einfach nur Schwein. So wie Wilhelm einfach nur Wilhelm hieß." Insgesamt wird deutlich, dass es keine Brücken zwischen den Generationen gibt und in der Familie auch keine Liebe. Jeder verachtet jeden, einzig die beiden russischen Frauen lieben Alexander.

Der Roman ist nur bedingt repräsentativ für das Leben in der DDR, denn er fokussiert sich nur auf das Leben der protegierten Funktionärsclique. Das allerdings ist gelungen, besonders in den Figuren Wilhelm, der nichts konnte und lebenslang "das Gefühl hatte, dass er für seine Dummheit bezahlt wurde", und Charlotte, die ebenfalls "keine Ahnung von nichts" hatte, aber als Parteigenossin öffentlich über "schädliche" Literatur schwadronieren durfte.
Wer keine DDR-Apologetik sucht, für den ist das Buch ein Gewinn.
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TOP 500 REZENSENTam 26. Dezember 2011
Der vorliegende uniso hoch gelobte Roman erzählt die Geschichte einer kommunistisch geprägten Familie vor dem Hintergrund der DDR-Geschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jhdts. Wenn man dem Klappentext glauben darf, handelt es sich um nicht weniger als eine Art DDR-Buddenbrock Roman, in dem über ein halbes Jahrhundert hinweg (1951-2001) Familiäres und Zeitgeschichtliches "überragend" (FAZ) und literarisch überzeugend verbunden wird. Der deutsche Buchpreis 2011 war die logische Folge dieser überschwänglichen Rezeption - auch die meisten amazon-Rezensenten überschlagen sich förmlich vor Begeisterung.

Ich kann diesem Urteil nur mit Einschränkungen zustimmen. Sicher, das Thema ist interessant, und die Abläufe des Buches werden im Detail anschaulich und einprägsam erzählt. Allerdings hat sich der Autor mit der formalen Konzeption seines Werkes selbst unnötig ein Bein gestellt. Denn Eugen Ruge präsentiert sein Buch als eine wahre literarische Zentrifuge, als ein Paket von zwanzig zeitversetzen Kapiteln, wobei die Erzählperspektiven von Kapitel zu Kapitel wechseln: mal erzählt Wilhelm der Altkommunist, dann seine genervte Frau Charlotte, schließlich deren Sohn Kurt und seine russische Frau Irina. Fünfmal sehen wir die Geschichte aus der Sicht Alexander Umnitzters, sogar der Urenkel Markus Umnitzer und die russische Schwiegermutter Nadescha Iwanowna kommen zu Wort.
Immerhin sind die zwanzig Kapitel in ihrer Gesamtheit so strukturiert, dass sie immer wieder auf zwei identische Zeitebenen verweisen: auf den 1.Oktober 1989, dem 90. Geburtstag des Altkommunisten Wilhelm Powileit, und das Jahr 2001, in dem der krebskranke Alexander Umnitzer auf den Spuren seiner Familie durch Mexiko reist. Die Schilderungen des Powileit-Geburtstages am 1. Oktober 1989 aus insgesamt sechs Perspektiven gehören für mich zu den stärksten Passagen des Buches. Der literarische Scharfblick und der feine Humor, mit der Ruge die private Wirklichkeit der kommunistischen Mentalität dekuvriert, zeigen den Autor als einen Erzähler von hohen Graden. Die fünf Kapitel über Alexander Umnitzer ( vier davon über seine Reise durch Mexiko ) sind als sentimentaler Reisebericht ganz gut zu lesen, sie tragen aber wenig zum eigentlichen DDR-Thema des Buches bei. In ihnen geht es um einen vereinsamten und kranken Erwachsenen, der sich aus reiner Perspektivlosigkeit in die Fremde flüchtet.
Neun Kapitel (1952,1959,1961, 1966, 1973,1976,1979,1991,1995) berichten an unterschiedlichen Stellen des Buches über die Entwicklung der Familie Powileit-Umnitzer - wieder aus verschiedenen Blickwinkeln, wobei die zeitgeschichtlichen Bezüge immer nur recht verhalten zu Wort kommen. Wirkliche Umbrüche werden in diesen Kapiteln nicht dargestellt, man erfährt immer nur retrospektiv, dass irgendetwas Neues geschehen ist, so dass man sich selbst nur mit einiger Mühe - immer unterbrochen durch die 1989er und 2001er Einschübe - beim Anlesen eines neuen Kapitels auf den letzten Stand bringen muss. Kein Wunder, dass bei diesem Verfahren die psychologischen Profile verschwimmen: Charlotte und Irina, obwohl sie sich gegenseitig keineswegs mögen, sind doch in ihrem Verhältnis zu Wilhelm und Kurt fast austauschbar, ebenso Kurt und Alexander in ihrer Beziehung zu ihren jeweiligen Vätern. Am Ende verfestigt sich der Eindruck, dass sich in diesem Roman neben einer DDR-Geschichte und einem melancholischen Reisefeuilleton auch eine Mann-Frau- und eine Vater-Sohn-Thematik befinden - aber wie alles nur beiläufig und verstreut dargeboten und darauf angewiesen, dass der Leser sich selbst aus dieser Ansammlung von Standbildern einen Film in seinem Kopf zurechtschneide. NUR wenn dieser hohe Anspruch an den Leser zugleich auch als Merkmal eines guten Buches gelten soll, handelt es sich bei dem vorliegenden Roman um ein gelungenes Werk.

Meiner Ansicht nach aber hat Ruge nicht nur mit dem Prinzip der Vor- und Rückblenden übertrieben, er hat seinem Roman neben der der Zeitebenenverschachtelung auch noch den permanenten Perspektivenwechsel hinzugefügt und damit einen wirklichen Spanungsbogen unmöglich gemacht.
Und das ist schade: denn die Figuren und die sich andeutende Handlung hätten mich, anders erzählt, extrem interessiert. Ruges humanistische Grundhaltung und sein erzählerischer Ton haben mich, unabhängig vom formalen Aufbau, beeindruckt - vielleicht lese ich den Roman deswegen noch einmal - diesmal aber so, dass ich nicht in der Zeit sondern im Inhaltsverzeichnis hüpfe und den Kapitel chronologisch folge.
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Bei so vielen Rezensionen, mit denen schon viel Richtiges gesagt wurde – hat es da überhaupt noch Sinn, eine weitere hinzuzufügen?
Naja, vielleicht aus einem etwas anderen Blickwinkel.
Ich lese populäre Bücher, die Preise gewinnen, meistens erst nach einiger Zeit, wenn sie in den Buchhandlungen vom 'Bestseller-Tisch‘ verschwunden sind und wie die anderen alphabetisch im Regal eingeordnet sind, wenn also der Hype vorbei ist und das Buch gut abgelegen ist.

So kam ich auch zu dieser Familienchronik des hochgelobten Eugen Ruge.
Dabei ist das keine Chronologie einer Familie in Zeiten der politischen Umwälzungen, wie es oft beschrieben wurde, sondern eine Aneinanderreihung von Einzelschicksalen, die durch Geburt und Zufall zu einer Familie zusammengewürfelt wurden und die trotz teilweise gemeinsam erlebten Schicksals keine Familie geworden sind.

Aus Wilhelm und Charlotte, die aus dem mexikanischen Exil in die DDR übersiedeln, wo sie als Widerstandskämpfer empfangen werden, und ihrem Sohn Kurt, der aus jahrelangem Gefängnis unter Stalin mit seiner russischen Frau Irina in die DDR entlassen wurde, wird nicht, wie man vermuten könnte, eine Familie die aus so verschiedenen Teilen der Welt in der neuen sozialistischen Heimat zusammenfindet oder dort gar gemeinsam ihre Erfüllung findet.
Das ist auch keine sozialistische Heimat als Hort des Fortschritts, sondern ein Ort der sinnentleerten Rituale, die sich bei den Geburtstagen des gefeierten Genossen Wilhelm durch nichts von den hohlen Phrasen bürgerlicher Feiern unterscheiden.

Es ist nur folgerichtig, dass der Autor das Leben dieser Personen nicht chronologisch beschreibt, denn diese Menschen scheinen keine Chronologie zu haben. Die Personen entwickeln sich nicht, sie bleiben das, was in ihnen angelegt ist, egal wie sich die Zeiten, oder die politischen Umstände, ändern.

Und selbst die politischen Umstände und Systeme ändern nichts an den Personen und bringen keine neuen Perspektiven.
Die Wende erfährt man dadurch, dass Alexander, Kurts Sohn, in den Westen abhaut, dass es im Osten im Supermarkt erstmals Aprikosen gibt, und dass Markus, der Urenkel, seine Laufbahn als Drogen konsumierender Punk beginnt.

Dieser trostlose Reigen, biographisch wie gesellschaftlich, endet in Mexiko, von wo Charlotte und Wilhelm einst hoffnungsvoll ins befreite Europa aufgebrochen sind und wo Alexander, auf familiärer Spurensuche, und auf dem Weg der versuchten Selbstfindung, einer Krankheit erliegt.

Das ist ein sarkastisches Buch mit dem Humor eines Samuel Beckett - und es liest sich auch, als hätte Beckett sich nach ‚Warten auf Godot‘ an einem Gesellschaftsroman versucht.

Kein Hoffnungsschimmer dringt in diese ‚Zeiten des abnehmenden Lichts‘.
Wenn wir zumindest den Buchtitel chronologisch weiterdenken, müssten wir heute ja bald von ‚Zeiten der zunehmenden Dunkelheit‘ sprechen.

Vielleicht ist uns das heute genauso wenig bewusst wie es den Figuren dieses Romans zu ihrer Zeit bewusst war.
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am 26. Januar 2014
EUGEN RUGE zeichnet hier - von einer Familienchronik umrahmt - eindrucksvolle Bilder der ehemaligen DDR, wobei sowohl das tägliche Leben als auch die damaligen politischen Umstände sehr plastisch geschildert werden.

DIE STORY:

IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS schildert die Geschichte der (fiktiven) Familie Umnitzer. Ausgangspunkt ist der 90. Geburtstag von Wilhelm Umnitzer am 01.10.1989, also unmittelbar vor dem Mauerfall. Gerechnet ab Wilhelm Umnitzer leben an diesem Tag noch Familienmitglieder aus 4 Generationen. In Rückblenden werden abwechselnd die Schicksale und Erlebnisse aller vier Generationen vor ihrem jeweiligen zeitlichen politischen und gesellschaftlichen Hintergrund geschildert. Nach den Wirren des 2. Weltkriegs verbrachten Wilhelm und seine Frau Charlotte einige Jahre in Mexiko. Deren Söhne, Kurt und Werner waren im Krieg, wobei der eine ganz gut durch diese Zeit durchgekommen ist, während das Schicksal des anderen ungewiß ist. Insbesondere Kurt, der Professor wird, gelingt es, sich mit den neuen politischen Kräften in der DDR zu „arrangieren“. Aus seiner Ehe mit Irina geht Alexander Umnitzer hervor. Er wächst in einer Zeit heran, in der es zunächst nur die DDR gibt, bekommt aber zusehends die starken Veränderungen in den 80er Jahren mit und setzt sich – kurz vor dem Mauerfall – in den Westen ab, weshalb er das einzige Familienmitglied ist, das am 90. Geburtstag Wilhelms nicht dabei ist. Markus Umnitzer, Alexanders unehelicher Sohn stellt schließlich den jüngsten Sproß der Familie dar, der die unmittelbar bevorstehenden einschneidenden Veränderungen durch den Mauerfall (eventuell als große Chance) bevorstehen.

FAZIT:

IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS ist eine sehr lesenswerte Familiensaga, die kurzweilig, menschlich einfühlsam und humorvoll geschrieben, vor dem turbulentem Hintergrund der geschellschafts-politischen Umstände der DDR spielt. EUGEN RUGE gelingt es, dem Leser mit einem gut leserlichen Schreibstil die damaligen Zustände sehr eindrucksvoll und authentisch nachvollziehbar nahezubringen. Dabei schildert er von Kapitel zu Kapitel zeitlich sprunghaft von den Einzelschicksalen der jeweiligen Generation der Familie Umnitzer. Rahmenhandlung ist der 01.10.1989, an dem das älteste Familienmitglied seinen 90. Geburtstag feiert. Erstaunlich ist, wie gut es dem Autor gelingt, auf den für einen derartigen zeitlich weiten Spanungsbogen eher geringen Seitenumfang (nur 426 Seiten – Taschenbuchausgabe), derart viel unterzubringen, ohne in eine „Auflistung von Fakten“ etc. zu verfallen. Ganz im Gegenteil dem Autor gelingt es anhand der Schilderungen einzelner Situationen beim Leser ein Gefühl für die Gesamtumstände und –zustände zu wecken, wobei nicht nur die globalpolitischen Umständen, sondern viel mehr auch alltägliche Situationen und Lebensumstände in Zeiten der „Diktatur des Proletariats“ plastisch geschildert werden. IN ZEITEN DES ABNEHMENDEN LICHTS ist meines Erachtens nicht unbedingt „Der große DDR-Buddenbrooks-Roman“ (Die Zeit) wie, auf der Buchrückseite zu lesen ist, aber auf jeden Fall eine sehr lesenswerte, menschliche und auch humorvolle Schilderung aus „Zeiten der DDR“ ohne diese zuverdammen oder aber zu verklären. Eine absolute Lesempfehlung.

Viel Spaß beim Nachlesen.
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am 2. März 2013
Es ist erfreulich, dass immer wieder neue Autoren mit ihren Debütromanen renommierte Literaturpreise erringen, auf Anhieb also gleich in den Olymp der Literatur aufsteigen. So auch Eugen Ruge, der 2011 mit seinem Erstling eine Familien-Saga ablieferte, die jenen deutschen Staat widerspiegelt, der den real existierenden Sozialismus zu höchster Blüte getrieben hat, nach eigenem Verständnis jedenfalls. Als "gelernter Ossi" hat der Autor manch Autobiografisches in seinem Roman verarbeitet, die Befindlichkeiten seiner Protagonisten, die vier Generationen repräsentieren, sind jedenfalls stimmig dargestellt in seiner kunstvoll aufgebauten Geschichte. Die mit ihren verschiedenartigen Kapiteln und einer Geburtstagsfeier im Zentrum übrigens ans Theater erinnert, - wen wundert's!

«Ich hab eigentlich genug Blech im Karton» oder «Bring das Gemüse zum Friedhof» lässt Ruge den senilen Patriarchen der Familie, Altkommunist und Betonkopf zugleich, bei seiner Geburtstagsfeier immer wieder sagen, wenn ihm wertloses Ordensblech und heuchlerische Blumen überreicht werden. Wir lesen von all den Unzulänglichkeiten des täglichen Lebens, da wird überzähliger Kaviar gegen fehlende Dachfenster getauscht, die Suche nach einer akzeptablen Gaststätte gerät zur Odyssee in klirrender Kälte und endet in einer Imbissbude. Mit subtiler Ironie wird das Alltagsleben in jenem dem Untergang geweihten deutschen Staate geschildert, dessen Ideologie keinesfalls absurder war als die des Turbokapitalismus, wie wir ihn heute im wiedervereinigten Deutschland zelebrieren.

Eugen Ruges DDR-Saga ist übrigens weder mit den Buddenbrooks noch mit Tellkamps «Der Turm» vergleichbar, wie verschiedentlich behauptet. Hier geht es um die Lebenswelt einer zunächst weitgehend systemkonformen Familie, bei Tellkamp um eine eher oppositionell eingestellte systemferne Bourgeoisie. Und bei Thomas Mann ist die Familie kein Vehikel, mit dem eine Staatsordnung vorgeführt wird, sondern alleiniges Thema, bei ihm geht die stolze Familie unter, nicht der Staat.

In den nicht chronologisch angeordneten zwanzig Kapiteln wird alternierend jeweils aus Sicht eines der Protagonisten erzählt, oft in Form innerer Monologe und als kleine, in sich abgeschlossene Geschichten. Mit Abstand die Beste war für mich das liebeswerte Kapitel über die geradezu archaisch wirkende russische Großmutter, für die «schon jedes Haus aus Stein eine Kirche war». Diese aufgefächerte Erzähltechnik sorgt einerseits für Spannung, erfordert andererseits aber auch viel Aufmerksamkeit, denn alle diese Mosaiksteine formen sich erst im Kopfe des Lesers zu einem kompletten Panorama, er muss also aufmerksam sein und mitdenken. Macht er sich diese Mühe, wird er mit einem großartigen Gesellschaftsbild einer vergangenen geschichtlichen Epoche bestens unterhalten. Ihm wird außerdem je nach Herkunft - als "Wessi" aber ganz bestimmt - der Horizont erweitert, und zwar auch ideologisch. Dass man nicht gerade in Hochstimmung gerät bei Ruges melancholischem Text, das liegt in der Natur der Sache, in Zeiten des abnehmenden Lichts also, im Herbst des Lebens, denn die Vergänglichkeit war noch nie ein vergnügliches Thema.
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am 9. Juli 2012
Endlich ein Lichtblick! Nach Erich Loest, Günter Grass, F.C. Delius, Thomas Brussig, Uwe Tellkamp und vielen anderen schreibt Eugen Ruge einen weiteren Nachwende-DDR-Roman. Kann all dem, was in den letzten 20 Jahren an literarischer Aufarbeitung von Zwangssozialismus, staatlich verordneter Einmauerung und brachialer Ostkolonialisierung auf den Büchermarkt kam, noch etwas Lesenswertes hinzugefügt werden? Es kann, wie Eugen Ruges Familienpanorama "In Zeiten des abnehmenden Lichts" beweist:

Ruge stellt anhand von prägnanten Einzelereignissen die privaten und historisch-gesellschaftlichen Verwicklungen, Kompromittierungen und Verstörungen von vier Generationen zwischen Weimarer Republik, Drittem Reich und Exil, Sowjetischer Lagerhaft, Aufbau und Niedergang der DDR und wiedervereinigtem Deutschland dar. Das gelingt einleuchtend, angefangen beim Altkommunisten und nicht ganz echten antifaschistichen Widerstandskämpfer Wilhelm, über dessen Sohn Kurt, der, obwohl er 20 Jahre in sibirischen Arbeitslagern zugebracht hat, dennoch von der Idee einer gerechten sozialistischen Gesellschaft beseelt ist, bis hin zum Enkel Alexander, der sich der Familientradition ernüchtert entgegenstellt und noch kurz vor der Wende in den Westen ausreist. Für den Urenkel Markus schließlich sind Urgroßvater Wilhelm mitsamt seinen Genossen eine Art Dinosaurierversammlung, der er mit einer Art belustigter Neugier und vor allem Unverständnis begegnet.

Ereignisse, Dialoge und Reflexionen der Protagonisten werden streiflichtartig anhand von vier Erzählsträngen dargestellt, die in ausgewählten Jahren stattfinden, die geschickterweise gerade nicht die Jahre der großen historischen Ereignisse wie 1945, 1949, 1963, 1989 sind, sondern Zwischenjahre wie 1952, 1966, 1995 und andere. Die teils launige Erzählhaltung verhehlt dabei nicht den schonungslosen und oft auch mitleidlosen Blick des Autors auf teils ideologisch bornierte oder zumindest zeitbedingt kurzsichtige Denkweisen und Einstellungen seiner Helden. Der Generationenkonflikt wird dadurch zu einer zyklisch immer wiederholten Abrechnung mit den Idealen der Vätergeneration, die aber gleichzeitig auch ein teils spöttisches teils sarkastisches Resümee historischer Verfehlungen des 20. Jahrhunderts darstellt.

Insofern schlägt Ruges Roman einen Mittelweg ein zwischen einer sachlich-ausgleichenden Haltung wie etwa in Wenderomanen von Erich Loest oder Christoph Hein und komisch-burlesken Darstellungen wie bei Thomas Brussig, Kerstin Hensel, Katja Lange-Müller. Durch seinen explizit unsentimentalen Blick, mit dem er - auch durch den die Perspektive wechselnden personalen Erzählstil - von den wechselnden Protagonisten aufgrund politisch-gesellschaftlicher Umstände erlittene und anderen zugefügte Leiden gnadenlos aufdeckt, gelingt Ruge eine faszinierende Gratwanderung zwischen individueller Schuldzuweisung und Literarisierung des historischen "Geworfenseins". Der Roman ist unbedingt lesenswert, sowohl als qualitätsvolle Leseunterhaltung als auch als literarische Aufarbeitung einer nun abgeschlossenen Epoche deutscher Geschichte. Er ist aber nicht unbedingt empfehlenswert für DDR-(N)ostalgiker; denn an diesem Teil deutscher historischer Realität läßt das Buch kaum ein gutes Haar.
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