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17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Meisterstück
In seinem seit langer Zeit besten Werk verbindet Martin Walser das, was auch seine schärfsten Kritiker ihm immer schon attestiert haben, sprachliche Virtuosität, mit einem Goethe-Porträt, das fasziniert. Zwar argwöhnt das Feuilleton zu Recht, im Grunde schreibe Walser ja immer dieselbe Geschichte, nämlich seine eigene, und das vornehmlich als...
Veröffentlicht am 3. Juli 2010 von film-o-meter

versus
4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Goethe als alte Labertasche liebt jungen Backfisch
Im August 1821 sah der 72 jährige Geheimrat von Goethe die 16jährige Ulrike von Levetzow im böhmischen Kurort Marienbad zum erstenmal, ein Jahr später wurde die Bekanntschaft des Meisters mit der Familie vertieft, 1823 dann kam Goethes Liebe in der Werbung um die Hand des jungen Mädchens voll zum Ausbruch. Sogar den Großherzog von Weimar hat...
Veröffentlicht am 23. August 2010 von euripides50


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17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Meisterstück, 3. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Ein liebender Mann (Taschenbuch)
In seinem seit langer Zeit besten Werk verbindet Martin Walser das, was auch seine schärfsten Kritiker ihm immer schon attestiert haben, sprachliche Virtuosität, mit einem Goethe-Porträt, das fasziniert. Zwar argwöhnt das Feuilleton zu Recht, im Grunde schreibe Walser ja immer dieselbe Geschichte, nämlich seine eigene, und das vornehmlich als Spiegelreflex von real erlebten Liebesbeziehungen. Im nur als La-Mettrie-Essay zu ertragenden Augenblick der Liebe sah man ihn zwischen der Lust auf Sex mit einem jungen Ding und ehelicher Treue, im satirisch fliehenden Pferd und vielen Werken davor und danach war es im Grunde nicht viel anders.

Nun ist Walser allerdings ein Geniestreich gelungen, indem er den bekanntlich libidinös äußerst beschlagenen, aber auch zerrütteten Meister aller literarischen Klassen zum Kristallisationspunkt von Herzensergießungen macht, die in Walsers eigenen vergangenen und gegenwärtigen Regungen ihren Ursprung haben. Dabei gelingt dem Autor, quasi so ganz nebenbei und mit erstaunlicher Leichtigkeit, ein überaus stimmiges Goethe-Porträt. Ob das nun wirklich Goethe ist, der da vor dem geistigen Auge des Betrachters ersteht, ob sich Walsers Liebeserfahrungen wirklich so eins zu eins auf den Weimarer Geheimrat und vor allem in die doch ganz andere Zeit übertragen lassen, da mögen Zweifel sich regen, aber doch nur ganz unerhebliche, denn nicht nur das gesellschaftliche Umfeld, das Ambiente und die Schauplätze stimmen; der männliche Leser kann letztlich auch keinen Zweifel daran haben, dass, wenn der Meister sich wirklich so in die blutjunge Ulrike verliebt hat und wenn sie sich wirklich so nahe gekommen sind, wie Walser uns glauben macht, dass dann genau die Stürme in ihm getobt haben müssen, die Walser mit so grandioser Sprachfinesse nicht nur beschreibt, sondern geradezu beschwört, heraufbeschwört. Man glaubt ihm sogar, dass Goethe - der Text legt das mehrfach nahe - ausgerechnet in die verspielte Ulrike tatsächlich das erste Mal wirklich und wahrhaftig verliebt war, dass alle anderen Liebesgeschichten nichts als ihm wie junge Katzen zugelaufene Gelegenheitsamouren waren, gegen die einer wie der berühmte Werther-Dichter sich eben nicht wehren konnte, dass jetzt also zum ersten Mal er begehrt und nicht bekommt, während es sonst doch allzu oft umgekehrt war. Ob es sich wirklich so zugetragen hat? Egal. Walsers Goethe-Interpretation macht einfach Vergnügen, weil ihre mal zarte, mal beißende Ironie ständig schmunzeln lässt und weil sie - der Titel verspricht hier wahrlich nicht zu viel - eine Menge über Männer und Liebe verrät, egal ob sie Goethe, Walser oder Otto Müller heißen.

Und darum geht es: Goethe, fast 74, und seine Urlaubsbekanntschaft Ulrike, die schnippische und tänzelnd-leichte Neunzehnjährige, verstehen sich, und zwar viel zu gut. Jeden Tag flanieren sie über die Promenaden des Kurortes Marienbad, dem Goethe wie die vornehmen von Levetzows den Vorzug vor dem aus der Mode gekommenen Karlsbad gegeben hat. Die Eintracht, das blinde Sich-Verstehen, könnte nicht größer sein. Doch dann drängt sich auf der Verlobungsfeier des Arztes Dr. Rehbein (ebenfalls mit einem blutjungen Mädchen) ein schmucker junger, dynamischer und buchstäblich steinreicher Herr namens de Ror zwischen ihn und Ulrike: Im Ballsaal tanzt der kühne Schmuckhändler wie ein junger Gott und erobert das Herz der zauberhaften jungen Dame im Sturm. Goethe sieht alle Felle davonschwimmen und versinkt in eine larmoyante Depression, während er sich ausmalt, wie der wilde Vornamenlose Ulrike im abgedunkelten Kämmerlein besteigt. An Schlaf ist nicht zu denken, höchstens an Tod.
Das Gefühl des Fiaskos ebbt wie bei allen Verliebten so schnell ab, wie es kam, nachdem der Nebenbuhler verschwunden ist. Doch dann stürzt der 73-Jährige während eines Maskenballs im Beisein der Angebeteten unglücklich im Garten und sieht mächtig ramponiert aus. Er, den doch alle für sein jugendliches Äußeres zu preisen pflegen, bekommt sein Alter unangenehm zu spüren. Aber Ulrike kümmert sich rührend um den Geprellten und Gestrauchelten. Es kommt sogar zu einem vierstündigen Ausflug: Es geht bergauf. Goethe ist selig. Er wagt das Äußerste: Ulrikes zu pompösen Auftritten neigende Mutter Amalie wird über einen Mittelsmann mit einem Heiratsantrag versehen. Kurz danach: Abreise. Ein schmerzlicher Abschied, eine Entlassung des alten Meisters in die Ungewissheit. In der Kutsche Richtung Eger und Jena entstehen die berühmten Marienbader Elegien, mit denen Goethe literarisch kompensiert, dass aus dieser Liebe wohl nichts wird. Hier wird Walser ganz er selbst: Denn auch er ist, wie Jörg Magenau in seiner Walser-Biografie zu berichten weiß, ein Meister darin, seine Innenwelt literarisch zu verarbeiten und zu verpacken.

Im dritten und letzten Buch des "liebenden Manns", in dem Walser den stillen Niedergang der Liebschaft schildert, greift der Autor, auch das ein gelungener Kunstgriff, auf die Technik des Briefromans zurück, zu dessen größten Vertretern Goethe mit seinem Werther wurde. Zu Hause in Weimar sinkt die Hoffnung auf den Nullpunkt. Eifersüchtig wacht Schwiegertochter Ottilie, die sich Goethe näher fühlt als ihrem weniger schillernden Ehemann, Goethes schwerfälligem Sohn August, darüber, dass die Skandalgeschichte, über die bereits alle Welt spricht, ein Ende hat. Briefe schmuggelt Goethe, der sich als gefügig verstellt, mit Bestechungsgeldern an seinen Sekretär hinaus. Von der inzwischen in ihr Straßburger Internat zurückgekehrten Ulrike kommen jedoch nur sporadisch Antwortschreiben, höfliche, liebenswerte, die dennoch im Missverhältnis zu Goethes gefühlsdurchtränkten Passionsepisteln stehen. Ein Desaster der Brief von Ulrike, in dem sie vage andeutet, dass sie den schmucken de Ror in Straßburg sehen werde: Panik, Atemnot, Unfähigkeit weiterzulesen, fast ein Herzstillstand sind die Folge. "Wenn ich der Einzige bin, der Deine Einzigartigkeit erlebt", lässt Walser den grausam Verliebten schreiben, "dann musst Du doch mein sein. Das ist die schönste [...] Märchenvorstellung: Jeder Mensch ist einzigartig, aber nur für einen einzigen Menschen. Und der bist Du für mich. [...] Bin ich einzigartig für Dich? Ich bin's nicht. [...] Diese Asymmetrie ist die Schere, die das Unglück misst. [...] Es gibt das Paradies: Zwei für einander. Es gibt die Hölle: Einer fehlt."

Das ist noch eine moderate Passage. Wenn der Literaturgigant mal wieder gedanklich Amok läuft, dann klingt das so: "Wenn du noch einmal wartest, gehörst du erschossen, von dir selbst. Sag es dir, wenn du noch einmal wartest auf sie, etwas erwartest von ihr [...]." Diese Unruhe, diese Gefühls-Achterbahn, dieser bis in jede Faser seiner Existenz dringende Ausnahmezustand der Seele - auch wer dergleichen nie erlebt hat, bekommt eine Ahnung davon, welche Stürme in Männern toben, wenn sie wirklich, wirklich, wirklich verliebt sind. Das Ende ist dabei so betrüblich wie banal: Die Liebe läuft aus wie aus einer lecken Milchtüte. Mit einer Pointe, die leider ziemlich vulgär ausfällt und das sprachliche Gesamtgefüge, das der Klassik viel Respekt zollt, beschädigt, lässt Walser den Roman ausklingen, als sich das Stimmungspendel seiner Hauptfigur auf einem neuerlichen, wenn auch nicht gerade neuen Tiefpunkt befindet: Nachdem er per Zufall herausgefunden hat, dass die Familie von Levetzow in Weimar Station macht, ohne ihn aufsuchen zu wollen, ist er einmal mehr demoralisiert. Doch an dieser Stelle nun hat Walser (und der Leser vielleicht auch) genug von der Goethe'schen Gefühlsachterbahn.

Wie eigentlich immer geht es Walser auch diesmal nicht um den Plot, sondern nur um das Innenleben seiner Hauptfigur, seines Alter Egos, das diesmal eben Johann Wolfgang von Goethe heißt. Dass er kein wirkliches Ende findet, ist die logische Konsequenz dieser Erzählanlage und unterstreicht: "Ein liebender Mann" ist kein großer Roman, kein Opus magnum wie man es von Walser ja immer vergeblich erwartet hat, aber sein Autor hat trotzdem Großes, Großartiges zu Papier gebracht.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ganz groß!, 1. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Ein liebender Mann (Taschenbuch)
"Meine Liebe weiß nicht, dass ich über 70 bin.", lässt Walser seinen Protagonisten, niemand geringeren als Johann Wolfgang von Goethe sagen.
Und Walser darf das. So zärtlich und bewegend, wie er die letzte große, unerfüllte Liebe des Dichterfürsten schildert, hat es nur Goethe selbst in seiner "Marienbader Elegie" vermocht.

Der 73-jährige Geheimrat verweilt im Juli 1823 in Marienbad. Seine Frau Christiane ist tot. Seine Augen ruhen auf der 19-jährigen Ulrike von Levetzow. Goethe buhlt um die junge Frau. Sie verehrt den berühmten Dichter, genießt seine Aufmerksamkeit und seine charmant-weltmännische Art, ihr die Welt zu erklären. Goethe schwankt. Er zweifelt. Dann geht er nach einem Kostümfest aufs Ganze, bei dem er unabgesprochen den Werther und Ulrike die Lotte gibt. Goethe lässt über seinen Freund, den Großherzog Carl August, um die Hand Ulrikes anhalten. Der Antrag erreicht sie, als Ulrike mit ihrer Mutter nach Karlsbad weiterreist. Die Familie hält ihn auf Distanz, ignoriert sein Ansinnen. Goethe kehrt nach Weimar zurück, schreibt unterwegs die "Marienbader Elegie" und bugsiert Briefe an Ulrike an seiner eifersüchtigen Schwiegertochter Ottilie vorbei. Ulrike antwortet mal klug, mal kindlich, mal keck. Goethe weiß um sein Alter. Er betrachtet sich im Spiegel und sieht den alten, wenngleich für sein Alter wohlbehaltenen, attraktiven Gran Senior. Er weiß aber auch um den Konkurrenten, den jugendlichen, stürmischen Verehrer, den Schmuckhändler de Ror, der Ulrike ungestüm verführen will. Er interveniert allenfalls mit dem Wort. Es hilft nichts. "Lieben darfst du noch, du musst dich nur daran gewöhnen, nicht mehr geliebt zu werden. (...) Lieben, ohne geliebt zu werden, das dürfte es nicht geben.", schlussfolgert Goethe recht bald und Schauer erfassen ihn, als er die Schubert- Komposition zu seinem Gedicht hört:

"Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!"

"Ein liebender Mann" besticht durch die lyrische Prosa. Das Zeitgeschehen und die Spielorte sind sehr liebevoll in eine wunderschöne Sprache gekleidet. Es geht um nichts Geringeres als die Liebe. Am Ende schützen Ruhm und allseitiger Respekt auch den großen Goethe nicht vor der Niederlage. Ihm bleibt die Kraft des Wortes, ihm bleibt die Elegie:

"Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,
Der ich noch erst den Göttern Liebling war;
Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,
So reich an Gütern, reicher an Gefahr;
Sie drängten mich zum gabeseligen Munde.
Sie trennen mich, und richten mich zu Grunde."

"Ein liebender Mann" ist ein wahres Lesevergnügen, anrührend und romantisch.
Walser zeigt, ohne voyeuristische Hintergedanken, dass das Alter vor Liebe nicht schützt, ja auch nicht schützen sollte.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Liebe - Alter - Peinlichkeit, 7. September 2012
Von 
Rezension bezieht sich auf: Ein liebender Mann (Taschenbuch)
Liebe kennt kein Alter, aber Peinlichkeiten, und davor war selbst der Geheime Rat Johann Wolfgang von Goethe nicht gefeit. Der Germanistin und Religionswissenschaftlerin Christiane C. Schachner gelang es in ihrer Magisterarbeit, das Liebesleben Goethes und seiner fiktiven Gestalten in ihrem historischen Kontext Martin Walsers Roman "Ein liebender Mann" (2008) gegenüberzustellen. Natürlich gehören dazu die Protagonisten Goethe und Ulrike von Levetzow, Werther und Lotte, und "Die Wahlverwandtschaften" (1809) dürfen selbstverständlich auch nicht fehlen, in denen der Konflikt zwischen Leidenschaft und Vernunft thematisiert wird.

Kaum jemand würde Theodore Ulrike Sophie von Levetzow (1804-1899) heute noch kennen, wäre sie nicht - einseitig nur - die letzte Liebe Goethes gewesen. Der traf nämlich 1821 während eines Kuraufenthalts im böhmischen Marienbad die damals siebzehnjährige Ulrike und verliebte sich - wie gewohnt - sogleich Hals über Kopf in die gut 54 Jahre (!) Jüngere. Zwei Jahre später bat der fast 74jährige Goethe seinen Freund und Chef, den Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, ernsthaft darum, für ihn bei Ulrikes Mutter Amalie von Levetzow um die Hand der Neunzehnjährigen anzuhalten.

Aus dem Schmerz über die Abweisung des Heiratsantrags resultierte die "Marienbader Elegie", die Goethe - ähnlich wie 1774 seinen "Werther" - in einer Stimmung von egozentrischem Selbstmitleid noch im September 1823 auf der Rückreise nach Weimar verfasste ("Sie trennen mich - und richten mich zugrunde"). Ulrike von Levetzow, die zeitlebens unverheiratet blieb, erfuhr davon erst nach Goethes Tod. Sie sah in ihm nie mehr als einen väterlichen Freund.

In Martin Walsers 288-Seiten-Roman "Ein liebender Mann" tauchen fingierte Goethe-Briefe an Ulrike auf, und es entsteht eine besondere Spannung dadurch, dass sie - entgegen der Historie - bereits zu Goethes Lebzeiten eine Abschrift der "Marienbader Elegie" erhält (vgl. Walser, S. 198-204). Genau diese Differenzen zwischen Realität und Fiktion in Walsers Roman versucht die verdienstvolle Arbeit von Christiane Schachner herauszuarbeiten.

Durch das Heranziehen historischer Quellen und die authentische Schilderung des goetheschen Kontextes gelingt es der Autorin in überzeugender Weise, den historischen Roman Walsers (geb. 1927) von den fiktiven Anteilen zu unterscheiden. Die literaturwissenschaftliche Analyse der Leiden des "alternden Werther" und seiner literarischen Adaption durch Martin Walser "liest sich wie ein Roman", so Walser selbst in einem der Magisterarbeit vorangestellten handgeschriebenen Brief (Schachner, S. 6).

Dr. Bernd A. Weil
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Glänzender Entertainer, 15. April 2008
Von 
Heike G. (Dresden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Ein liebender Mann (Audio CD)
Walsers "liebender Mann" wurde bereits viel besprochen, dabei hoch gepriesen, aber auch verrissen. Der Verlag "Hoffmann und Campe" brachte im März die akustische Version heraus, gelesen vom Autor höchstpersönlich.

Nun ist das mit Autorenlesungen so eine Sache. Nicht immer können sie als gelungen bezeichnet werde. Ist doch der Tonfall des Geschriebenen häufig wichtiger, als das Gesagte. Herausragende Sprecher von Hörbüchern erkennen diesen intuitiv und lassen den Rhythmus, die Satzmelodie in ihren Vortrag einfließen und erschaffen ein Gesamtkunstwerk, das weit über die Eigenlektüre des Buches hinausgeht.
Dem in Wasserburg am Bodensee geborenen Altmeister der deutschen Literatur ist dies allerdings vorbildlich gelungen. Walser liest nicht nur vor, er zelebriert und legt enormen Pathos in seinen Text, betont die Intensität und die virtuose Diktion seines Romans um ein Vielfaches.

Sein ureigenster " Walser-Ton" mit dem mächtigen rollenden "R" seines allemannischen Zungenschlages bringt dem Hörbuch eine besondere Atmosphäre, macht es zum lebendigen Schauspiel.
Walser moduliert, beschleunigt oder verlangsamt die Sprechgeschwindigkeit auf professionelle Art und Weise. Er präsentiert den munteren, humorvollen Goethe genauso prädestiniert wie den Verzweifelten, Enttäuschten; kontrastiert den schleppenden Gang des alternden Mannes mit einer Sprache, die gewaltig, rasant, atemlos daherkommt, in ihrer Tiefe und Klarheit aber ebenso liebevoll, herzlich und schmunzelnd ist, dass man meint, der alte Geheimrat selbst sitzt hinter dem Mikrofon und spricht aus seinem Leben. Sein Goethe lebt - in seinem Leiden und in all seiner Lächerlichkeit. Doch keineswegs ein "Lustgreis", sondern ein Mann, der sich seines Alters stets bewusst ist und der im Kopf immer wieder das gleiche Rechenspiel vornimmt: 74 minus 19 Gleich 55 - denn 55 Jahre liegen zwischen ihm und Ulrike, fast ein ganzes Leben.

Walser ist ein glänzender Entertainer - vor allem in der Rolle des leicht unwirschen Goethe. Es scheint, als ob er damit seine Lebensrolle gefunden habe. Aus dem "liebenden Mann" ist am Ende zwar ein desillusionierter Mann geworden - eine Alterstragödie, aber Martin Walser hat sie äußerst respektvoll und feinfühlig erzählt und in Szene gesetzt.

Als besonderes Highlight wartet das Hörbuch mit dem von Franz Schubert vertonten Gedicht aus Goethes "Wilhelm Meister" "Nur wer die Sehnsucht kennt" (D 877, No.4) auf, die an mehreren Stellen unter den gesprochenen Text gelegt wird oder als eigenständige Passage zu hören ist. Eingespielt von Mischa Maisky (Cello) und Daria Hovora (Piano).

Fazit:
Der Roman: Sicherlich einer der rührendsten und liebevollsten Walsers.
Das Hörbuch: Es hätte kein besserer Sprecher gefunden werden können.
Keine Altherrensentimentalität, sondern aufrichtige Auseinandersetzung in typischer Walser-Manier.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Goethe als alte Labertasche liebt jungen Backfisch, 23. August 2010
Von 
euripides50 (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Ein liebender Mann (Taschenbuch)
Im August 1821 sah der 72 jährige Geheimrat von Goethe die 16jährige Ulrike von Levetzow im böhmischen Kurort Marienbad zum erstenmal, ein Jahr später wurde die Bekanntschaft des Meisters mit der Familie vertieft, 1823 dann kam Goethes Liebe in der Werbung um die Hand des jungen Mädchens voll zum Ausbruch. Sogar den Großherzog von Weimar hat der alte Herr für seine Werbung eingespannt. Doch vergebens. Die junge Braut suchte mit ihrer Familie das Weite, und der alte Goethe blieb allein zurück. Erst die Marienbader Elegie verwandelte die Peinlichkeit in Weltliteratur.
Der alte Walser, wie man hört, selbst ein Schwerenöter, hat diese Geschichte aus der Perspektive des alten Goethe nacherzählt. Das liest sich über weite Strecken unterhaltsam und amüsant, wobei man nicht sicher ist, ob das Buch mal ironischen, mal zum Tragischen tendiert. Das Buch hält wohl insgesamt die Mitte und erfreut durch zahlreiche Aphorismen, die jedes Kalenderblatt bereichern würden. "Meine Liebe weiß nichts davon, dass über Siebzig bin", heißt es an einer Stelle. Das hat doch was. Oder ein andermal "Was ist der Neid anderes als eine zur Ungleichheit verurteilte Form der Bewunderung?" Am besten fand ich noch die folgende Sentenz: "In mir war eine Liebe daheim, ein Leben lang, die schlief, die träumte, die schweifte ein paar Mal aus, nannte sich anders, floh wieder zurück. Eigentlich wartete sie (...) Jetzt weiß ich, sie hat auf dich gewartet." Kein Zweifel, ein solcher Spruch eignet sich zum zeitlosen Einsatz.
Auf der anderen Seite kommt die Goethesche Innenwelt gar zu medioker einher. Goethe kalauert, parliert, taktiert, aber außer den guten Sprüchen ist von einer sonderlichen Tiefe nichts zu bemerken. Mit der Goetheschen Innenansicht, wie sie Thomas Mann in Lotte in Weimar" entfaltet, wird man die Walsersche Goethe-Psychologie also nicht vergleichen können. Auch Ulrike von Levetzow wirkt reichlich konstruiert. Nur Kapriziösen und altkluge Backfischsprüche - und das hat den Meister umgehauen?
Wirklich gut ist das Buch nur dort, wo sich der alte Goethe selbst (oder der alte Walser den alten Goethe - oder der alte Walser sich selbst? ) auf den Arm nimmt - etwa in der Tanzszene, in der ein fescher Grieche dem alten Goethe mal zeigt, wie man eine junge Frau durch den Ballsaal schwingt - oder in der wunderbaren Miniatur, in der sich der schon etwas tüttelige Olympier bei einem Waldspaziergang der Länge lang auf die Nase legt.
Über Elnbogen, Karlsbad und Marienbad ist aus dem vorliegenden Buch nichts Besonderes zu erfahren, was ich schade fand, weil ich Buch mitgenommen hatte, um es genau an diesen Orten zu lesen.
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23 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Unappetitlich, peinlich, ungenießbar, 11. August 2010
Von 
Lothar Müller-Güldemeister "Reißwolf" (Berlin Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Ein liebender Mann (Taschenbuch)
Walser macht sich in diesem Werk anheischig, die Goethe-Levetzow-Geschichte neu zu erzählen und en passant auch noch ein paar Goethe-Briefe zu schreiben.

Nun wäre wohl das Mindeste, was man von einem Büchner-Preisträger und selbsternannten Oberdeutschlehrer der deutschen Nation erwarten dürfte, ein gutes und vernünftiges und, soweit der Oberdeutschlehrer Herrn v. Goethe Worte in den Mund legt, auch goethesches Deutsch.

Weit gefehlt. Bereits der allererste Satz bleibt einem im Munde stecken: "Bis er sie sah, hatte sie ihn schon gesehen". Falsch. Es müsste heißen "Als er sie sah" oder "Bevor er sie sah". Oder: "Bis er sie sah, verging eine Weile". "Bis" beschreibt eine räumliche oder zeitliche Spanne, nicht eine räumliche oder zeitliche Relation.

Zwei Seiten weiter: "Sie hatte ihn entdeckt, als er sie noch nicht entdeckt gehabt hatte". Abgesehen davon, dass das nur eine überflüssige Wiederholung dessen ist, was der Autor mit seinem Einleitungssatz bereits gesagt hat, benutzt Walser hier den "doppelten Plusquamperfekt", den Sebastian Sick zu Recht als falsches Dumm- und Hausfrauendeutsch qualifiziert hat und der im Hochdeutsch schlicht ein Fehler und eine Degeneration ist. Walser-Verteidiger mögen sich bitte nicht damit herausreden, dass diese Form als regionale Besonderheit in den süddeutschen Dialekten erlaubt sein mag, in denen das Perfekt die einzige Präteritumsform ist. Denn weder benutzt Walser die Form im Kontext eines solchen Perfekts noch hat Goethe sie benutzt.

Auf Seite 16 sagt Goethe über zwei Stücke von Voltaire: "Keine ganz tollen Stücke". Als ob Goethe das Wort "toll" jemals nicht im Sinne von "närrisch", sondern im Sinne der heutigen Bedeutung "sehr gut" benutzt hätte. Kurz danach benutzt Bertha das Wort "prima", das noch nicht einmal Grimms Wörterbuch 1889 kennt. Und so weiter.

Soviel zur Form. Und nun zum Inhalt:

Goethes Leben war reich - an Schaffenskraft ebenso wie an Brüchen und Peinlichkeiten. Beide Phänomene lassen sich nicht voneinander trennen. Das gilt auch für Goethes Beziehung zu Ulrike von Levetzow. In Friedenthals Goethe-Biografie wird diese Affaire auf zehn Seiten in dürren Worten abgehandelt. Mehr kann und sollte man dazu nicht sagen. Die neuerliche Lektüre dieser zehn Seiten und der Marienbader Elegie hat mir weit mehr gebracht als die unappetitliche süßliche Pampe, die Walser hier aus Geschwätzigkeit, herablassendem Oberlehrergeschwafel und Larmoyanz zusammengerührt hat.
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Es gibt das Paradies: zwei für einander. Es gibt die Hölle: einer fehlt.", 17. Februar 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ein liebender Mann (Taschenbuch)
"Bis er sie sah, hatte sie ihn schon gesehen."
Er ist kein Geringerer als Goethe, berühmt, bewundert und verehrt. 74 Jahre alt, aber immer noch sehr aufrecht. Sie Ulrike von Levetzow, 19 Jahre alt, Tochter aus gutem Hause, jugendlich, klug, lebendig. Goethe ist sofort fasziniert. Verliebt. Verfallen.
"Als sein Blick sie erreichte, war ihr Blick schon auf ihn gerichtet. Das fand statt am Kreuzbrunnen, nachmittags um fünf, am 11. Juli 1823 in Marienbad."
Sie wird Goethes letzte große Liebe. Sein Tun, sein Denken, sein Handeln, alles geschieht nur noch aus einem Grund: Ulrike. "Wenn er, 74, sie, 19, heiraten würde, wäre sie, 19, die Stiefmutter seines Sohnes August, 34, und seiner Schwiegertochter Ottilie, 27. Mit solchen Rechnungen fand er sich beschäftigt, als er vor dem Frühstückstisch saß." Und wagt es doch. Gesteht ihr seine Liebe. Bittet um ihre Hand. Und wird abgewiesen. Das junge Fräulein hätte noch gar keine Lust zu heiraten, hieß es höflich. (ein wenig Wirklichkeitsverschönerung des Herrn W.) Für Goethe, sonst verwöhnt in Liebesdingen, eine bittere Niederlage. Und gleichzeitige ein Höhepunkt seiner Schaffenskraft, denn nur schreibend kann er sich wirklich zum Ausdruck bringen. Die Marienbader Elegie entsteht. (Hier hat Herr Walser die Wirklichkeit zu seinen Gunsten ein wenig gedehnt, denn tatsächlich erhielt Ulrike die Elegie erst nach seinem Tod) Diese leidvolle Erfahrung, zugleich Goethes letztes Erleben der Liebe und sein Abschied von ihr, hat Martin Walser in einen wunderbaren Roman gefasst: Ein liebender Mann.
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5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Erzähler muss ganz sicher in seinem Helden ruhen, um nicht aus der Rolle zu fallen. (Martin Walser), 1. April 2009
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Ein liebender Mann (Audio CD)
Nachdem ich das Buch selbst gelesen hatte, besuchte ich eine Lesung. Martin Walser war dort. Sich vorlesen lassen vom Autor ist anderes als es selbst zu tun. Warum? Die Stimme und die Betonung der Wörter und der Sätze gibt dem Ganzen einen ursprünglich zugeordneten Sinn. Man verfällt nicht in die eigene Tonart. Und doch muss man das Manko zulassen, sich die Selbsterzählung zu nehmen und damit die eigene Fortführung fremder Gedanken, die gerade auch Walser aus literaturkritischer Sicht gutheisst. Und doch bestimmt das Vor-Lesen eine andere Durchdringung, allein deswegen, weil Hören Grenzen überwindet und im Körper Resonanzen bildet. Und daher ist dieses Hörbuch auch angereichert durch "filmische" Kopfbilder, unterstützt durch das tatsächliche Cellospiel und man kann sich die Marienbader Ballnacht leibhaftig mit Franz Schubert vor Augen führen.

Walsers letztes Buch ist eine wunderbare Annäherung an Goethe, seinem Vorbild, welches er übertrumpfen wollte und nun in kafkaesker Form zur Deckungsgleichen brachte. Um hier nicht die Interpretation zu wiederholen, empfehle ich die Rezension mit all den Walser-Goethe Inspirationen. hier: --> Ein liebender Mann
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3.0 von 5 Sternen warmherzig und weitschweifig, 4. Mai 2014
Von 
WoGo (Hamburg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Ein liebender Mann (Taschenbuch)
Martin Walser beweist mit diesem Werk, dass er ein brillanter Schreiber ist. Allerdings dürfte das ohnehin niemand bezweifelt haben. Er nimmt den Leser mit, er findet die richtigen Worte, die richtigen warmen Worte und er findet sie ausnahmslos immer. Insoweit ist es einfach schön, dieses Buch zu lesen.
Inhaltlich ist das Ganze allerdings dünn geraten, viel zu dünn für meinen Geschmack, und ausufernd weitschweifig. Eine Kürzung um gut 50% hätte kaum geschadet. Hinzu kommt, dass ich nicht recht mitfühlen konnte, das ausgebreitete Liebesleid des Alten wirkte auf mich beim besten Willen nicht echt, sondern so, wie ein älterer Herr aus großer Distanz wohl darüber berichten würde. Das gilt auch fürs geschilderte Selbstmitleid.
Wer also an feiner, geschliffener und warmherziger Ausdrucksweise Freude hat, ist mit diesem 'liebenden Mann' sicher gut bedient, wer mitleiden und mitfiebern möchte, eher nicht.
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5.0 von 5 Sternen Sehr ergreifend und tiefgründig, 12. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Ein liebender Mann (Taschenbuch)
Walser beschreibt die Zeit, in der der alternde Goethe seine Elegien schrieb und die Reise nach Marienbad so anschaulich, so dass sich der Leser sehr gut in die Zeit zurückversetzt fühlen kann. Dann die plötzlich aufflammende Liebe zur jungen Ulrike, die anscheinend nicht ganz genau weiß, wie ihr geschieht. Hin und hergerissen zwischen Ablehnung zum alten Mann und Bewunderung zum großen Dichter.
Ich habe es sehr genossen.
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Ein liebender Mann
Ein liebender Mann von Martin Walser (Taschenbuch - 2. November 2009)
EUR 9,99
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