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am 20. Januar 2002
"Plattform" ist zur einen Hälfte ein gut geschriebener Porno und zur anderen Hälfte eine Ansammlung von zynischen Aphorismen über unsere Gesellschaft.
Laut Michel Houellebecq sind die Menschen in der westlichen Welt zu einer erfüllten Sexualität nicht mehr in der Lage. Das Ideal der individuellen Selbstverwirklichung, der Narzissmuskult und der auszehrende Behauptungskampf in der freien Wirtschaft stehen im Weg, eine natürliche und sexuell befriedigende Beziehung mit einem anderen Menschen einzugehen.

Im Kontrast dazu beschreibt Houellebecq die Bewohner der armen Ländern der Welt. In diese Länder - exemplarisch Thailand und Kuba - reist der Ich-erzählende Protagonist als Sex-Tourist und entwirft dabei die Theorie, dass der Sex-Tourismus die Lösung für das sexuelle Problem der einen und das materielle Problem der anderen ist, sozusagen eine beiderseitige Nutzenmaximierung:
Auf der einen Seite die Menschen (Männer wie Frauen) des Westens, die alles haben - Geld, Erfolg, Freiheit, Sicherheit - alles außer einer erfüllten Sexualität. Und auf der anderen Seite die Menschen (Männer wie Frauen) der armen Länder, die nichts haben, außer der Fähigkeit, befriedigenden sexuellen Genuss zu bereiten.
Um seine ätzenden Ansichten dem Leser zu vermitteln, bastelt sich Houellebecq (gewollt?) die flache Rahmenhandlung eines Hollywood-B-Movies zurecht. Der Ich-Erzähler reist nach Thailand, um dort dem Sex mit thailändischen Prostituierten zu frönen, verliebt sich aber in eine westliche Touristin, die zufällig einen hohen Posten in der französischen Tourismus-Industrie bekleidet. Zusammen mit ihr und ihrem Chef baut er dann ein Unternehmen auf, das versucht, den Sex-Tourismus nach allen Regeln der Marktwirtschaft zu rentabilisieren. Auch das schreckliche Ende des Buches ist kein Meisterwerk der Originalität, allerdings muss man es nach den Ereignissen des 11. September 2001 als visionär bezeichnen.
Die drei Hauptpersonen sind mit Klischees durchsetzt und dienen Houellebecq nur als Medien seiner gesellschaftlichen Thesen und sexuellen Fantasien:
Jean-Yves ist der erfolgreiche, dynamische BWLer, der ausschließlich für die Karriere lebt und dessen Privatleben und persönliches Glück dabei den Bach runter gehen.
Valérie ist eine Frau, die sich gegen die reißende Strömung des Kapitalismus nicht wehren kann und deswegen äußerst erfolgreich mitschwimmt. Und gleichzeitig vom Autor mit einem absolut reinen, urtümlichen und umwerfenden Libido ausgestattet worden ist. Zusammen mit ihrer moralisch einwandfreien Lebenseinstellung und ihrer Intelligenz ist sie damit die Traumfrau aller Männer des Westens, die durch die Feminismus-Bewegung einen Schaden abbekommen haben.
Der Ich-Erzähler schließlich ist die fleischgewordene Stimmung, die jeder von traurigen und langweiligen Sonntagnachmittagen im Herbst kennt - nur zehnmal schlimmer.
"Plattform" ist ein Buch das aufwühlt, weil es moralische Grundfeste angreift, die wir alle mit unserer politisch korrekten Muttermilch aufgesogen haben. Wir wehren uns dagegen, die Prostitution armer thailändischer Mädchen NICHT als perverse Ausbeutung und Demütigung zu sehen. Und können doch die Dauer-Erektion in unseren Hosen nicht verhindern, wenn wir das Buch lesen. Es ist ein Buch, das uns mit Wahrheiten konfrontiert, wenn auch mit überspitzten und satirisch verzerrten. Natürlich betreffen diese Wahrheiten nicht uns selber, sondern nur die anderen.
Auch in Deutschland wird "Plattform" sicherlich Stoff für viele erregte Diskussionen liefern.
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am 28. Februar 2002
Ein Mann um die Vierzig, einsam, geistig und sexuell unbefriedigt, Sohn eines ungeliebten Vaters, wird durch dessen gewaltsamen Tod Erbe eines kleinen Vermögens und beschließt, einen Urlaub in Thailand zu verbringen, um dort seiner Leidenschaft für die zärtlich devote Zuwendung thailändischer Prostituierter zu frönen. Er will gut vögeln, ohne sich den Bewertungskriterien gefühlsarmer westlicher Frauen zu unterwerfen.

In einigen expliziten Beischlaftszenen beschreibt Houellebecq anschaulich den schönsten Traum des westlichen Freiers, den Orgasmus der bezahlten Partnerin, die - anders als ihre westlichen Kolleginnen - zur Hingabe fähig ist, und die Vergütung als gerechten Lohn für eine gute Leistung ohne moralischen Vorbehalt oder geheime Verachtung entgegennimmt. Houellebecqs Held Michel erwartet nichts mehr vom Leben als diese gelegentlichen Aufhellungen seinen langweiligen, unerfüllten Daseins.
Doch im Verlauf der Reise trifft er Valérie, eine junge, intelligente Frau, die mit viel Erfolg für einen internationalen Reiseveranstalter tätig ist. Michel fühlt sich auf unbestimmte Weise zu Valérie hingezogen, scheut aber die mögliche Zurückweisung und den Aufwand der Werbung. Zurück in Frankreich ergreift Valérie die Initiative und Michel findet in ihrem Bett überwältigende sexuelle Erlösung und das Versprechen persönlichen Glücks. Zusammen mit ihrem Chef wechselt Valérie bald darauf den Arbeitgeber und steht vor dem Problem, ein neues Reiseprodukt auf den Markt zu bringen, daß das stagnierende Geschäft der klassischen Ferienclubs ablösen soll. Aufgrund seiner Erfahrungen in Thailand entwickelt Michel die Idee des professionellen Sexurlaubs, der von Valéries Konzern als Produkt vertrieben werden soll. Das Konzept wird angenommen und mit einem deutschen Partner auf den Markt gebracht. Aber sowohl die Utopie vom persönlichen Glück als auch die Idee des wirtschaftlichen Fortschritts durch Ausgleich der Bedürfnisse scheitern grausam durch den islamischen Fundamentalismus.

In Michel Houellebecqs Roman wird die menschliche Sexualität zum internationalen Wirtschaftsgut mit hohem Tauschwert. Dieser Tausch ist wichtig für die 'Geberländer' und ihre Menschen beiderlei Geschlechts, da der Verkauf sexueller Dienstleistungen große Devisenströme nach sich zieht, aber er ist ebenso wichtig für die 'Nehmerländer', die westlichen Gesellschaften und ihre unbefriedigten, sexuell frustrierten Menschen, die der zunehmenden Unerträglichkeit des Seins durch Kauf von sexueller Zuwendung wenigstens für die Zeit des Urlaubs zu entkommen hoffen. In der Tradition ökonomischer Tauschwerttheorien entwirft Houellebecq eine Welt, worin die intimsten menschlichen Bedürfnisse wirtschaftlichen Zusammenhängen unterworfen werden. Dabei erscheint die Verweigerung einer auf der Grundlage sexueller Leistungen finanzierten wirtschaftlichen Entwicklung unmoralischer, als die Akzeptanz der Realität und ihre professionelle Handhabung.

Obwohl schwächer als sein letztes Werk Elementarteilchen ist Houellebecqs Plattform lesenswert und unterhaltend. Provokativ und gelegentlich durchaus pornographisch wird das politisch Korrekte angegriffen und der Befragung ausgeliefert.
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am 12. Juni 2015
Das dachte ich, als ich den letzten Satz in -Plattform- gelesen hatte. So, wie es einst Philippe Djian meisterhaft verstand in unterhaltsame Geschichten tiefschürfende Erkenntnisse zu verpacken, so lässt uns Houellebecq eine Story über Sex-Tourismus und Prostitution lesen, um uns ganz nebenbei das Miteinander der Menschen auf dieser großen blauen Kugel zu beschreiben. Er macht das, meiner Ansicht nach, so genau und perfekt, wie das keine Dokumentation jemals schaffen würde. Houellebecq ist ein präziser Beobachter, der dazu noch in der Lage ist, seine Betrachtungen in geschliffenen literarischen Werken zum Besten zu geben. Das zu lesen ist allein schon eine Freude. In -Plattform- hat mich vor allem die komplett neutrale Betrachtungsweise Houellebecqs fasziniert. Das kann nicht jeder...

Michel ist ein französischer Durchschnittsbeamter, der sich im Urlaub gern den Freuden des fernöstlichen Sex-Tourismus hingebt. Auf einer Reise nach Thailand lernt er Valerie kennen. Sie ist in einem Reisebüro angestellt. Zunächst funkt es nicht zwischen den beiden, doch zurück in Frankreich wird aus Valerie die große Liebe in Michels Leben. Valerie, die zusammen mit Jean-Yves versucht ein neues Reiseprogramm auf den Markt zu bringen, ist von der Idee, Fernreisen mit Sexualität zu verbinden, begeistert. Auch Michel ist davon angetan. So starten die ersten Programme in Thailand als voller Erfolg, bis das Schicksal zuschlägt...

-Plattform- ist ein sehr erotisches Buch geworden. Für manchen Leser wird es nicht nachvollziehbar sein, dass Houellebecq sich diesem Thema lediglich als Beobachter nähert und keine Position in moralischer Hinsicht bezieht. Das wurde auch in den Kritiken zu -Plattform- deutlich. Allerdings ist Houellebecq genau dafür bekannt. Er berichtet, wir bilden uns unserer Meinung. Vielleicht ist das sogar der bessere Weg, als ein Gut und Böse starr vorzugeben. Mir hat das unendlich gut gefallen. Sie dürfen wieder mal selbst entscheiden, was sie davon halten. Viel Spaß dabei...
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am 11. Juli 2010
Selten hat ein Buch bei mir so viele unterschiedliche Emotionen ausgelöst wie dieses. Was zunächst als einfache Reise durch Thailand beginnt, entpuppt sich schnell als eine Offenbarung über unsere heutige Gesellschaft und die Rolle des Individuums in dieser. Und je weiter man liest, desto stärker kristallisiert sich dann auch eine der tragenden Botschaften des Buches heraus, die Houellebecq auch in seinen Text mit einfließen lässt: "Nach und nach wird alles schwierig; darin lässt sich das Leben zusammenfassen." Ja, dieses Buch handelt von Sextourismus - und das in einer Sprache, wie es deutlicher wohl kaum sein könnte - hat aber im Endeffekt gar nichts damit zu tun. Würde jeder Mensch auf der Welt dieses Buch lesen, verstehen und die Konsequenzen daraus ziehen, so würden wir vielleicht nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und uns fragen, wo das alles noch enden soll.
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am 15. Oktober 2013
Michel Houellebecq hat mit seinem dritten Roman "Plattform" im Jahr 2001 hellseherische Fähigkeiten bewiesen. Das Buch endet mit einem schrecklichen terroristischen Anschlag auf einer Ferienanlage im von Prostitution verseuchten Thailand. Wenige Monate nach Veröffentlichung in Frankreich gab es die Ereignisse vom 11.September und alle nachfolgenden Konsequenzen daraus. In drastisch-ironischer Weise, aber immer in einer Atmosphäre von Tristesse und Niedergeschlagenheit prangert der Autor mit seinem Ich-Erzähler die westlich-dekadente Konsumgesellschaft an. Weil es in diesem Buch islamkritische Äußerungen gibt, strengten muslimische Verbände einen aufsehenerregenden Prozess in Frankreich an. Dieser endete jedoch mit einem Freispruch für den Autor. Nun kann man sicherlich meinen, Houellebecq seziert mal wieder die schäbige Welt von Vertretern, Angestellten, Beamten, schlicht Frustierten oder Zukurzgekommenenen (wie Roman Leick in "Der Spiegel" schrieb). Dieser Roman prangert aber auch die Intoleranz und Sinnesfeindlichkeit des Islamismus an. Der Autor trifft mit diesem Roman den Nerv der Zeit. Kein Wunder, dass seine Romane gern und oft gelesen werden. Es steckt viel Wahrheit darin. Für mich, der dieses Buch zum zweiten Mal bereits gelesen hat, ein erneuter Gewinn und Erkenntniserweiterung.
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am 12. Dezember 2011
Nachdem ich bereits "Elementarteilchen" gelesen habe, fiel mir zwangsläufig auch einmal dieses Buch in die Hände. Der Autor bleibt seinem großen litararischen Thema erneut treu und schafft es wieder ein Zustandsbild der westlichen Zivilisation, mit allerlei Abgründen und sozialen und gesellschaftlichen Problemen, zu entwickeln.
In der Hauptfigur findet sich, detailliert und vielschichtig beschrieben, ein typischer Getriebener der Gesellschaft den der Autor durch seine Romanwelt "wandern" lässt.
Nach den ersten Seiten drängte sich mir diese Desillusion der Welt und des Menschen geradezu penetrant auf, die aber dann spätestens als die Liebe bzw. der Sex ins Spiel kommt, einem stärkeren Gefühl des Realismus im Leben der Figur gewichen ist. Die Reduzierung auf die elementaren Triebe (Sex) der Hauptfiguren gewährt ihnen eine kurze Zeit des Glücks, bevor dann alles in der Katastrophe endet und der resignative Schluss des Buches dazu führt, dass nur die Hoffnungslosigkeit, Leere und der Sex bleiben.
Das ganze Buch würde ich als typischen Houellebecq bezeichnen. Der eine Leser wird das Buch bald wieder aus den Händen legen und sich kopfschüttelnd abwenden, für den anderen Leser ist das Buch dagegen lesenswert, trotz mancher Längen im Buch (ab der Mitte des Buches hat man irgendwann einmal die vielen Sex-Beschreibungen satt), die sich negativ auf den Erzhälfluss auswirken.
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am 8. Januar 2007
Das Buch von Houellebecq steht für das Leben von Michel einen 40 Jahre alten einsamen farblosen Beamten.

Nach der Arbeit sieht er viel TV und besucht Peepshows.

Höhepunkt des Jahres soll eine Gruppenreise nach Thailand werden wo er vor allem Sextourismus betreiben will. Dort lernt er Valerie kennen und gemeinsam entwickeln Sie eine kurze Liebe und das Konzept des gesteuerten sanften Sextourismus.

Für Houellebecq sind Michel und Valerie Mitglieder der noch arbeitenden Generation der Übergangszeit. Ihr folgt die Generation der arbeitslosen Börsenspekulanten die ein Leben ohne geregelte Arbeit außerhalb des Staatsdienstes und der Unternehmen führen tut, nur noch auf der Jagd nach dem leichten Geld.

Das Buch ist für den Leser leichter zu konsumieren als vorherige Werke Houellebeccqs. Die Menschen sind darin auf der Jagd nach Arbeit, Markenklamotten, Geld und Sex, gewürzt mit eine Prise Gewalt und guter Alltagsbeobachtung.

In Paris herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Leute werden einfach erschlagen, Frauen bei Fahrten mit der U-Bahn vergewalttätigt. Die die noch Arbeit haben, verschanzen sich in Bürohochhäusern während Ihrer 80- 90 Stundenwochen und danach in Ihren Häusern und Wohnungen. Sie haben keine Lebenskraft mehr für das gründen und erhalten von Familien. Es reicht allenfalls noch zu Verwirklichung als Sextourist in Ländern der dritten Welt. Aus der globalisierten Gesellschaft ist Flucht jedoch ausgeschlossen. Nirgends ist man mehr sicher. Houellebecq der den Sextourismus als letzten Ausweg der Menschheit im streben nach Liebe darstellt zeigt auch gleichzeitig, das auch dieser Weg durch den Terror versperrt ist, der überall auf der Welt um sich greift.

Ein provokatives Buch, ohne Lösungsvorschläge.

Vieles darin beschriebene wird von vielen Menschen wirklich erlebt anderes bedient Ihre Zukunftsängste und ihre zwiespältigen Verhaltens- und Moralvorstellungen.
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am 18. Februar 2002
Houellebecq ist vor allem eines: ein ehrlicher Erzähler. Kein Volkspädagoge wie Grass und kein eingebildeter Alltagspoet wie die deutschen Jungliteraten. Mal ist er aggressiv und destruktiv, mal einfach nur lakonisch und resigniert, mal höchst poetisch und philosophisch. Während in Deutschland Grass wegen eines angeblichen Tabubruchs (der Vertreibungsdiskussion) auf den Schild gehoben wird, beweist Houellebecq nun schon zum dritten Mal, daß ein guter Autor keine Tabuas kennt, zumal wenn sie durch eine Doppelmoral gekennzeichnet sind. Die Vergötterung des Individualismus, von ihm in allen Facetten bloßgelegt, hat tatsächlich dazu geführt, daß viele Zivilisationsgeschädigte an geistiger Armut kaum zu übertreffen sind. Familien gehen kaputt, Ehen zerbrechen, Berufswelten werden zur Folterkammer, Urlaub wird zur Gruppentherapie und Sex ist nur mehr unter pathologischen Gesichtspunkten zu erklären. Gleichwohl kritisiert Houellebecq dies nicht oder predigt einen paradiesischen Gegenentwurf, sondern er plädiert einfach für eines: eine gewisse Form der Ehrlichkeit gegenüber uns selbst. Dabei sind seine Szenen von kaum zu übertreffendem Witz, auch sprachlichem. Doch der Erzähler fällt einem nie auf die Nerven, er ist nicht zynisch, sondern bezieht sich selbst stets in die schonungslos offene Bespiegelung mit ein, und an Selbstmitleid fehlt es ihm genauso. Man könnte die Einstellung des Ich-Erzählers als fatalistisch bezeichnen: So ist es, also laßt uns nicht um den heißen Brei herumreden, das ganze in eine Moral verpacken oder versuchen, eine Welt auf Grund unserer Psychosen zu verschlimmbessern. Man könnte sich Houellebecq schwerlich bei einem "Aufstand der Anständigen" vorstellen; denn dafür ist er zu ehrlich und schaut ab und zu in den Spiegel.
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am 8. Februar 2004
Nur ein Reise-Führer durch die Prostituierten-Hochburgen Thailands oder ein Roman aus der Sicht eines Touristen, der seine semi-autobiografischen Erlebnisse verarbeitet? Stehen im Vordergrund, die im Roman verarbeiteten Reflexionen der Protagonisten oder die Auffassungen des Autoren, die dieser mit welchen Absichten auch immer zu verbreiten sucht? Ein Buch über die Getriebenen der Kulturen. Die einen, die Prostituierten aus der Dritten Welt als die Opfer und die anderen, die „Erstweltler", als die Täter oder Kunden, die das Geld haben? Wer benutzt wen? Sind die Opfer wirklich nur Opfer und die Täter wirklich nur Täter? Haben die Akteure des Sextourismus nur scheinbar keinen Einfluss auf das Geschehen? Vertun oder reduzieren alle ab Dreißig ihr Leben „oversexed and underfucked"?
Selten ein Buch bei dem es so schwer fällt, eine Meinung dazu zu formulieren. Aber gerade damit ist dem Autoren das gelungen, was sich jeder Schriftsteller erhofft, der sich schließlich mit jeder Zeile, wie gut oder wie schlecht beim Publikum ankommend, preisgibt. Houellebecq hat sein Publikum nicht nur erreicht, sondern auch interessiert. Dabei ist es gleich, ob er zu der Gruppe der Autoren zählt, die ihr Publikum lediglich unterhalten wollen oder zu denen, die die Welt verändern möchten oder ob er der dritten Gruppe zugehörig ist, die schreibt, um die Welt zu ertragen.
Letztendlich ist es ohne Bedeutung, welcher Gruppe ein Autor angehört, zumal dies nichts über seinen Intellekt oder seine moralische Wertigkeit aussagt, sondern eher über sein Naturell, sein künstlerisches Temperament. Das gleiche gilt für die „Verbraucherseite", die Leser.
Folglich ist es überflüssig darüber zu räsonieren, ob der Roman eher satirisch, systemkritisch oder rassistisch und frauenfeindlich aufzufassen ist.
Natürlich polarisiert Houellebecq die Lager. Und das genüsslich. Wer hat je die Gemüter dermaßen erregt, mit einem so einfachen Plot: Michel, der Ich-Erzähler - der sinnigerweise den Vornamen des Autoren trägt, womit sich dieser interessanter macht als seine Romanfigur ist - ist Anfang Vierzig und weiß mit sich, dem desillusionierten Buchhalter im Amt des Kulturministeriums, wenig anzufangen. Der Single besucht regelmäßig Peepshows, weil es ihn drückt und legt lieber selber Hand an sich, als sich einer französischen Frau oder Prostituierten anzuvertrauen, von denen er allesamt nichts hält, weil die längst egoistisch-entkörpert sind und nur noch so tun, als ob. Und da fährt er halt mal nach Thailand und bumst vergnügt herum, weniger enthemmt als man erwarten könnte.
Und da haben wir es. Das schlimme Wort vom „Sextourismus" steht im Raum. Und das Buch dreht sich auch im weiteren Verlauf mehr oder weniger deutlich alleine darum. Kritisiert der Autor oder verherrlicht er? Mehr eine ästhetische Frage. Und vielleicht verspürte der Houellebecq beim Schreiben eher ein genüssliches als ein sozialkritisches Empfinden. Wegen mir, diese Freiheit sei erlaubt. Und es ist mir ziemlich egal, ob manch einer behauptet, das Buch seine eine „Rechtfertigung schmutzigen Geschäfts" oder gar „peinliche Ausfälle gegen den Islam" anprangert. Äußerungen, die, lebt man wie ich unter Moslems, einzeln und für sich gesehen bestätigen kann, wenngleich damit natürlich kein allgemeingültiges Urteil abgegeben sein darf.
Houellebecq in einem Interview: „Das Schreiben ist viel spielerischer als das Leben. Das ist eine traurige Tatsache."
Ein Satz, über den es sich lohnt nachzudenken. Ich empfehle das Buch. Ich habe es mit Interesse gelesen und kritischen Abstand behalten. HMcM
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Verherrlichung von Sextourismus hat man Houellebecq nach Veröffentlichung seines dritte Romans "Plattform" 2001 vorgeworfen. Vulgär und belanglos sei dieses Machwerk und sonst nichts. Dies ist totaler Quatsch und ich versuche aufzuzeigen warum.

Der Beamte Michel führt eine lustlose Mittelklasseexistenz. Er hat keine Familie, was ihn auch nicht sonderlich mit Trauer erfüllt, und auch keine wirklichen Freunde. Die Nachricht vom Tod seines Vaters empfängt er ebenfalls ohne größere Emotionen, da sie sich sowieso nichts mehr zu sagen hatten. Trotzdem beschließt er sich eine kleine Auszeit zu nehmen und bucht eine Art Abenteuerurlaub in Thailand. Mit den anderen Teilnehmern der Reise verbindet ihn nicht besonders viel und seine persönlichen Höhepunkte erlebt er mit kunstfertigen Prostituierten. Nur mit Valerie tauscht er am Ende der Reise Telefonnummern aus und trifft sie auch bald danach in Paris wieder. Es kommt sofort zum Sex und es entwickelt sich eine innige Beziehung. Bald darauf ziehen die beiden zusammen.

Valerie arbeitet in der Tourismusbranche und hat mit einem Kollegen die Aufgabe übernommen, ein innovatives und einträchtiges Konzept für Mittelklasseurlauber zu entwickeln. Die entscheidende Idee kommt von Michel: Hotels sollen Prostituierten freien Zugang zu ihren Anlagen gewähren, so dass käuflicher Sex im Mittelpunkt des Urlaubes stehen soll. Die Idee geht auf, bis...

Houellebecqs Sprache ist drastisch, pornographisch, verletzend und alles andere als platt und oberflächlich. Hier nur ein Beispiel: "Womit lässt sich Gott vergleichen? Zunächst natürlich mit der [ZENSIERT] einer Frau. [...] Auf jeden Fall mit irgend etwas, bei dem der Geist zu einer konkreten Möglichkeit werden kann, weil der Körper mit Zufriedenheit und Lust gesättigt und jegliche Besorgnis verschwunden ist" (154f.).

Der Mensch in den Romanen Houellebecqs unterscheidet sich wenig von primitiven Herdentieren, die sich nur von ihren Trieben steuern lassen. Doch können sich die meisten Menschen dies nicht eingestehen und suchen Zuflucht in körperfeindlichen und jenseitsorientierten Ideologien und Kulturen. Michel akzeptiert sein Dasein als triebgesteuerter Lustmensch und gelangt zu so etwas wie Zufriedenheit und sogar Liebe. Die detaillierten Sexszenen des Autors dienen somit dazu, die Beschaffenheit, die Grundeszenz, des Menschen zu betonen. Das stößt vielen Menschen vor den Kopf, die dann reflexartig in Verdammungsorgien ausbrechen. Dies passiert aber nicht aus dem Grund, da sie Houellebecqs Philosophie verstanden haben, sondern das Stilmittel der Erotik nicht als solches erkennen und somit die Tatsache der Prostitution politisch korrekt verdammen.

Fazit: "Plattform" ist weniger ein Roman als eine Bewertung des triebhaften Menschen in einer zivilisierten Welt. Wer das nicht versteht, ist selbst schuld!
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