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118 von 127 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Pornographische Gesellschaftssatire
"Plattform" ist zur einen Hälfte ein gut geschriebener Porno und zur anderen Hälfte eine Ansammlung von zynischen Aphorismen über unsere Gesellschaft.
Laut Michel Houellebecq sind die Menschen in der westlichen Welt zu einer erfüllten Sexualität nicht mehr in der Lage. Das Ideal der individuellen Selbstverwirklichung, der Narzissmuskult und...
Veröffentlicht am 20. Januar 2002 von Der Pennäler

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17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Die Ware Sex
Ein Mann um die Vierzig, einsam, geistig und sexuell unbefriedigt, Sohn eines ungeliebten Vaters, wird durch dessen gewaltsamen Tod Erbe eines kleinen Vermögens und beschließt, einen Urlaub in Thailand zu verbringen, um dort seiner Leidenschaft für die zärtlich devote Zuwendung thailändischer Prostituierter zu frönen. Er will gut...
Veröffentlicht am 28. Februar 2002 von Peter Hünten


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118 von 127 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Pornographische Gesellschaftssatire, 20. Januar 2002
Rezension bezieht sich auf: Plattform (Gebundene Ausgabe)
"Plattform" ist zur einen Hälfte ein gut geschriebener Porno und zur anderen Hälfte eine Ansammlung von zynischen Aphorismen über unsere Gesellschaft.
Laut Michel Houellebecq sind die Menschen in der westlichen Welt zu einer erfüllten Sexualität nicht mehr in der Lage. Das Ideal der individuellen Selbstverwirklichung, der Narzissmuskult und der auszehrende Behauptungskampf in der freien Wirtschaft stehen im Weg, eine natürliche und sexuell befriedigende Beziehung mit einem anderen Menschen einzugehen.

Im Kontrast dazu beschreibt Houellebecq die Bewohner der armen Ländern der Welt. In diese Länder - exemplarisch Thailand und Kuba - reist der Ich-erzählende Protagonist als Sex-Tourist und entwirft dabei die Theorie, dass der Sex-Tourismus die Lösung für das sexuelle Problem der einen und das materielle Problem der anderen ist, sozusagen eine beiderseitige Nutzenmaximierung:
Auf der einen Seite die Menschen (Männer wie Frauen) des Westens, die alles haben - Geld, Erfolg, Freiheit, Sicherheit - alles außer einer erfüllten Sexualität. Und auf der anderen Seite die Menschen (Männer wie Frauen) der armen Länder, die nichts haben, außer der Fähigkeit, befriedigenden sexuellen Genuss zu bereiten.
Um seine ätzenden Ansichten dem Leser zu vermitteln, bastelt sich Houellebecq (gewollt?) die flache Rahmenhandlung eines Hollywood-B-Movies zurecht. Der Ich-Erzähler reist nach Thailand, um dort dem Sex mit thailändischen Prostituierten zu frönen, verliebt sich aber in eine westliche Touristin, die zufällig einen hohen Posten in der französischen Tourismus-Industrie bekleidet. Zusammen mit ihr und ihrem Chef baut er dann ein Unternehmen auf, das versucht, den Sex-Tourismus nach allen Regeln der Marktwirtschaft zu rentabilisieren. Auch das schreckliche Ende des Buches ist kein Meisterwerk der Originalität, allerdings muss man es nach den Ereignissen des 11. September 2001 als visionär bezeichnen.
Die drei Hauptpersonen sind mit Klischees durchsetzt und dienen Houellebecq nur als Medien seiner gesellschaftlichen Thesen und sexuellen Fantasien:
Jean-Yves ist der erfolgreiche, dynamische BWLer, der ausschließlich für die Karriere lebt und dessen Privatleben und persönliches Glück dabei den Bach runter gehen.
Valérie ist eine Frau, die sich gegen die reißende Strömung des Kapitalismus nicht wehren kann und deswegen äußerst erfolgreich mitschwimmt. Und gleichzeitig vom Autor mit einem absolut reinen, urtümlichen und umwerfenden Libido ausgestattet worden ist. Zusammen mit ihrer moralisch einwandfreien Lebenseinstellung und ihrer Intelligenz ist sie damit die Traumfrau aller Männer des Westens, die durch die Feminismus-Bewegung einen Schaden abbekommen haben.
Der Ich-Erzähler schließlich ist die fleischgewordene Stimmung, die jeder von traurigen und langweiligen Sonntagnachmittagen im Herbst kennt - nur zehnmal schlimmer.
"Plattform" ist ein Buch das aufwühlt, weil es moralische Grundfeste angreift, die wir alle mit unserer politisch korrekten Muttermilch aufgesogen haben. Wir wehren uns dagegen, die Prostitution armer thailändischer Mädchen NICHT als perverse Ausbeutung und Demütigung zu sehen. Und können doch die Dauer-Erektion in unseren Hosen nicht verhindern, wenn wir das Buch lesen. Es ist ein Buch, das uns mit Wahrheiten konfrontiert, wenn auch mit überspitzten und satirisch verzerrten. Natürlich betreffen diese Wahrheiten nicht uns selber, sondern nur die anderen.
Auch in Deutschland wird "Plattform" sicherlich Stoff für viele erregte Diskussionen liefern.
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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kongeniales Hörspiel, 9. Januar 2004
Rezension bezieht sich auf: Plattform: Hörspiel (Audio CD)
Es gibt Hörspiele, die setzten Romane "einfach" mit verteilten Rollen um und fertig. Und es gibt Hörspiele wie dieses, die in der Auswahl der Texte, der Sprecher und der Musik den Geist des Romans einzufangen versuchen und das auch noch hinbekommen. Die sprechenden Schauspieler (u.a. Jürgen Tarrach und Ulrich Noethen) und nicht zuletzt die wirklich außergewöhnliche und ganz im Sinne Houllebeqcs stehende Musik schaffen ein wirklich kongeniales Gesamterlebnis aus Houllebecqs Text. Leider (?!) vermag wohl auch das beste Hörbuch nicht die unerträgliche Tristesse einzufangen, die nur das Lesen von Houellebecq vermitteln kann. Aber hier ist man verdammt nah dran.
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20 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein ehrlicher Erzähler, 18. Februar 2002
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Plattform (Gebundene Ausgabe)
Houellebecq ist vor allem eines: ein ehrlicher Erzähler. Kein Volkspädagoge wie Grass und kein eingebildeter Alltagspoet wie die deutschen Jungliteraten. Mal ist er aggressiv und destruktiv, mal einfach nur lakonisch und resigniert, mal höchst poetisch und philosophisch. Während in Deutschland Grass wegen eines angeblichen Tabubruchs (der Vertreibungsdiskussion) auf den Schild gehoben wird, beweist Houellebecq nun schon zum dritten Mal, daß ein guter Autor keine Tabuas kennt, zumal wenn sie durch eine Doppelmoral gekennzeichnet sind. Die Vergötterung des Individualismus, von ihm in allen Facetten bloßgelegt, hat tatsächlich dazu geführt, daß viele Zivilisationsgeschädigte an geistiger Armut kaum zu übertreffen sind. Familien gehen kaputt, Ehen zerbrechen, Berufswelten werden zur Folterkammer, Urlaub wird zur Gruppentherapie und Sex ist nur mehr unter pathologischen Gesichtspunkten zu erklären. Gleichwohl kritisiert Houellebecq dies nicht oder predigt einen paradiesischen Gegenentwurf, sondern er plädiert einfach für eines: eine gewisse Form der Ehrlichkeit gegenüber uns selbst. Dabei sind seine Szenen von kaum zu übertreffendem Witz, auch sprachlichem. Doch der Erzähler fällt einem nie auf die Nerven, er ist nicht zynisch, sondern bezieht sich selbst stets in die schonungslos offene Bespiegelung mit ein, und an Selbstmitleid fehlt es ihm genauso. Man könnte die Einstellung des Ich-Erzählers als fatalistisch bezeichnen: So ist es, also laßt uns nicht um den heißen Brei herumreden, das ganze in eine Moral verpacken oder versuchen, eine Welt auf Grund unserer Psychosen zu verschlimmbessern. Man könnte sich Houellebecq schwerlich bei einem "Aufstand der Anständigen" vorstellen; denn dafür ist er zu ehrlich und schaut ab und zu in den Spiegel.
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17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Die Ware Sex, 28. Februar 2002
Rezension bezieht sich auf: Plattform (Gebundene Ausgabe)
Ein Mann um die Vierzig, einsam, geistig und sexuell unbefriedigt, Sohn eines ungeliebten Vaters, wird durch dessen gewaltsamen Tod Erbe eines kleinen Vermögens und beschließt, einen Urlaub in Thailand zu verbringen, um dort seiner Leidenschaft für die zärtlich devote Zuwendung thailändischer Prostituierter zu frönen. Er will gut vögeln, ohne sich den Bewertungskriterien gefühlsarmer westlicher Frauen zu unterwerfen.

In einigen expliziten Beischlaftszenen beschreibt Houellebecq anschaulich den schönsten Traum des westlichen Freiers, den Orgasmus der bezahlten Partnerin, die - anders als ihre westlichen Kolleginnen - zur Hingabe fähig ist, und die Vergütung als gerechten Lohn für eine gute Leistung ohne moralischen Vorbehalt oder geheime Verachtung entgegennimmt. Houellebecqs Held Michel erwartet nichts mehr vom Leben als diese gelegentlichen Aufhellungen seinen langweiligen, unerfüllten Daseins.
Doch im Verlauf der Reise trifft er Valérie, eine junge, intelligente Frau, die mit viel Erfolg für einen internationalen Reiseveranstalter tätig ist. Michel fühlt sich auf unbestimmte Weise zu Valérie hingezogen, scheut aber die mögliche Zurückweisung und den Aufwand der Werbung. Zurück in Frankreich ergreift Valérie die Initiative und Michel findet in ihrem Bett überwältigende sexuelle Erlösung und das Versprechen persönlichen Glücks. Zusammen mit ihrem Chef wechselt Valérie bald darauf den Arbeitgeber und steht vor dem Problem, ein neues Reiseprodukt auf den Markt zu bringen, daß das stagnierende Geschäft der klassischen Ferienclubs ablösen soll. Aufgrund seiner Erfahrungen in Thailand entwickelt Michel die Idee des professionellen Sexurlaubs, der von Valéries Konzern als Produkt vertrieben werden soll. Das Konzept wird angenommen und mit einem deutschen Partner auf den Markt gebracht. Aber sowohl die Utopie vom persönlichen Glück als auch die Idee des wirtschaftlichen Fortschritts durch Ausgleich der Bedürfnisse scheitern grausam durch den islamischen Fundamentalismus.

In Michel Houellebecqs Roman wird die menschliche Sexualität zum internationalen Wirtschaftsgut mit hohem Tauschwert. Dieser Tausch ist wichtig für die 'Geberländer' und ihre Menschen beiderlei Geschlechts, da der Verkauf sexueller Dienstleistungen große Devisenströme nach sich zieht, aber er ist ebenso wichtig für die 'Nehmerländer', die westlichen Gesellschaften und ihre unbefriedigten, sexuell frustrierten Menschen, die der zunehmenden Unerträglichkeit des Seins durch Kauf von sexueller Zuwendung wenigstens für die Zeit des Urlaubs zu entkommen hoffen. In der Tradition ökonomischer Tauschwerttheorien entwirft Houellebecq eine Welt, worin die intimsten menschlichen Bedürfnisse wirtschaftlichen Zusammenhängen unterworfen werden. Dabei erscheint die Verweigerung einer auf der Grundlage sexueller Leistungen finanzierten wirtschaftlichen Entwicklung unmoralischer, als die Akzeptanz der Realität und ihre professionelle Handhabung.

Obwohl schwächer als sein letztes Werk Elementarteilchen ist Houellebecqs Plattform lesenswert und unterhaltend. Provokativ und gelegentlich durchaus pornographisch wird das politisch Korrekte angegriffen und der Befragung ausgeliefert.
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35 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Oversexed and underefucked, 8. Februar 2004
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Plattform (Taschenbuch)
Nur ein Reise-Führer durch die Prostituierten-Hochburgen Thailands oder ein Roman aus der Sicht eines Touristen, der seine semi-autobiografischen Erlebnisse verarbeitet? Stehen im Vordergrund, die im Roman verarbeiteten Reflexionen der Protagonisten oder die Auffassungen des Autoren, die dieser mit welchen Absichten auch immer zu verbreiten sucht? Ein Buch über die Getriebenen der Kulturen. Die einen, die Prostituierten aus der Dritten Welt als die Opfer und die anderen, die „Erstweltler", als die Täter oder Kunden, die das Geld haben? Wer benutzt wen? Sind die Opfer wirklich nur Opfer und die Täter wirklich nur Täter? Haben die Akteure des Sextourismus nur scheinbar keinen Einfluss auf das Geschehen? Vertun oder reduzieren alle ab Dreißig ihr Leben „oversexed and underfucked"?
Selten ein Buch bei dem es so schwer fällt, eine Meinung dazu zu formulieren. Aber gerade damit ist dem Autoren das gelungen, was sich jeder Schriftsteller erhofft, der sich schließlich mit jeder Zeile, wie gut oder wie schlecht beim Publikum ankommend, preisgibt. Houellebecq hat sein Publikum nicht nur erreicht, sondern auch interessiert. Dabei ist es gleich, ob er zu der Gruppe der Autoren zählt, die ihr Publikum lediglich unterhalten wollen oder zu denen, die die Welt verändern möchten oder ob er der dritten Gruppe zugehörig ist, die schreibt, um die Welt zu ertragen.
Letztendlich ist es ohne Bedeutung, welcher Gruppe ein Autor angehört, zumal dies nichts über seinen Intellekt oder seine moralische Wertigkeit aussagt, sondern eher über sein Naturell, sein künstlerisches Temperament. Das gleiche gilt für die „Verbraucherseite", die Leser.
Folglich ist es überflüssig darüber zu räsonieren, ob der Roman eher satirisch, systemkritisch oder rassistisch und frauenfeindlich aufzufassen ist.
Natürlich polarisiert Houellebecq die Lager. Und das genüsslich. Wer hat je die Gemüter dermaßen erregt, mit einem so einfachen Plot: Michel, der Ich-Erzähler - der sinnigerweise den Vornamen des Autoren trägt, womit sich dieser interessanter macht als seine Romanfigur ist - ist Anfang Vierzig und weiß mit sich, dem desillusionierten Buchhalter im Amt des Kulturministeriums, wenig anzufangen. Der Single besucht regelmäßig Peepshows, weil es ihn drückt und legt lieber selber Hand an sich, als sich einer französischen Frau oder Prostituierten anzuvertrauen, von denen er allesamt nichts hält, weil die längst egoistisch-entkörpert sind und nur noch so tun, als ob. Und da fährt er halt mal nach Thailand und bumst vergnügt herum, weniger enthemmt als man erwarten könnte.
Und da haben wir es. Das schlimme Wort vom „Sextourismus" steht im Raum. Und das Buch dreht sich auch im weiteren Verlauf mehr oder weniger deutlich alleine darum. Kritisiert der Autor oder verherrlicht er? Mehr eine ästhetische Frage. Und vielleicht verspürte der Houellebecq beim Schreiben eher ein genüssliches als ein sozialkritisches Empfinden. Wegen mir, diese Freiheit sei erlaubt. Und es ist mir ziemlich egal, ob manch einer behauptet, das Buch seine eine „Rechtfertigung schmutzigen Geschäfts" oder gar „peinliche Ausfälle gegen den Islam" anprangert. Äußerungen, die, lebt man wie ich unter Moslems, einzeln und für sich gesehen bestätigen kann, wenngleich damit natürlich kein allgemeingültiges Urteil abgegeben sein darf.
Houellebecq in einem Interview: „Das Schreiben ist viel spielerischer als das Leben. Das ist eine traurige Tatsache."
Ein Satz, über den es sich lohnt nachzudenken. Ich empfehle das Buch. Ich habe es mit Interesse gelesen und kritischen Abstand behalten. HMcM
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Philosophie eines Realisten, 27. November 2006
Von 
Michael Dienstbier "Privatrezensent ohne fina... (Bochum) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Plattform (Taschenbuch)
Verherrlichung von Sextourismus hat man Houellebecq nach Veröffentlichung seines dritte Romans "Plattform" 2001 vorgeworfen. Vulgär und belanglos sei dieses Machwerk und sonst nichts. Dies ist totaler Quatsch und ich versuche aufzuzeigen warum.

Der Beamte Michel führt eine lustlose Mittelklasseexistenz. Er hat keine Familie, was ihn auch nicht sonderlich mit Trauer erfüllt, und auch keine wirklichen Freunde. Die Nachricht vom Tod seines Vaters empfängt er ebenfalls ohne größere Emotionen, da sie sich sowieso nichts mehr zu sagen hatten. Trotzdem beschließt er sich eine kleine Auszeit zu nehmen und bucht eine Art Abenteuerurlaub in Thailand. Mit den anderen Teilnehmern der Reise verbindet ihn nicht besonders viel und seine persönlichen Höhepunkte erlebt er mit kunstfertigen Prostituierten. Nur mit Valerie tauscht er am Ende der Reise Telefonnummern aus und trifft sie auch bald danach in Paris wieder. Es kommt sofort zum Sex und es entwickelt sich eine innige Beziehung. Bald darauf ziehen die beiden zusammen.

Valerie arbeitet in der Tourismusbranche und hat mit einem Kollegen die Aufgabe übernommen, ein innovatives und einträchtiges Konzept für Mittelklasseurlauber zu entwickeln. Die entscheidende Idee kommt von Michel: Hotels sollen Prostituierten freien Zugang zu ihren Anlagen gewähren, so dass käuflicher Sex im Mittelpunkt des Urlaubes stehen soll. Die Idee geht auf, bis...

Houellebecqs Sprache ist drastisch, pornographisch, verletzend und alles andere als platt und oberflächlich. Hier nur ein Beispiel: "Womit lässt sich Gott vergleichen? Zunächst natürlich mit der [ZENSIERT] einer Frau. [...] Auf jeden Fall mit irgend etwas, bei dem der Geist zu einer konkreten Möglichkeit werden kann, weil der Körper mit Zufriedenheit und Lust gesättigt und jegliche Besorgnis verschwunden ist" (154f.).

Der Mensch in den Romanen Houellebecqs unterscheidet sich wenig von primitiven Herdentieren, die sich nur von ihren Trieben steuern lassen. Doch können sich die meisten Menschen dies nicht eingestehen und suchen Zuflucht in körperfeindlichen und jenseitsorientierten Ideologien und Kulturen. Michel akzeptiert sein Dasein als triebgesteuerter Lustmensch und gelangt zu so etwas wie Zufriedenheit und sogar Liebe. Die detaillierten Sexszenen des Autors dienen somit dazu, die Beschaffenheit, die Grundeszenz, des Menschen zu betonen. Das stößt vielen Menschen vor den Kopf, die dann reflexartig in Verdammungsorgien ausbrechen. Dies passiert aber nicht aus dem Grund, da sie Houellebecqs Philosophie verstanden haben, sondern das Stilmittel der Erotik nicht als solches erkennen und somit die Tatsache der Prostitution politisch korrekt verdammen.

Fazit: "Plattform" ist weniger ein Roman als eine Bewertung des triebhaften Menschen in einer zivilisierten Welt. Wer das nicht versteht, ist selbst schuld!
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14 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schonungslose Gesellschaftsanalyse, 24. August 2003
Rezension bezieht sich auf: Plattform (Taschenbuch)
"Plattform" ist nach "Ausweitung der Kampfzone" das zweite Buch, das ich von Houellebecq gelesen habe. Ich habe es fast in einem Zug durchgelesen, es hat mich sehr positiv beeindruckt - und dieser Eindruck ist auch der überwiegende - aber es gibt auch einige Dinge, die mich stören.
Zunächst das Positive: Houellebecq hat einen unglaublich präzisen, analytischen Blick für Befindlichkeiten der Gesellschaft, ob es um Konsumterror, soziale Rollenbilder, die Vereinsamung des Einzelnen in der Eigenständigkeit, die Rolle der Kunst oder der Religion geht (hervorragend, wie er einen alten Ägypter den Islam erklären läßt). Kaum ein gesellschaftlich relevantes Thema läßt er aus, beschreibt dabei den Zustand der westlichen Zivilisation aber nicht aus Sicht des Zynikers sondern läßt Trauer und Betroffenheit über diesen Zustand spüren und darüber, daß das eigentlich humane verlorengeht. Der Zynismus liegt nicht in der Betrachtungsweise des Autors, sondern in der Zwangsläufigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung: der Professionalisierung aller Lebensbereiche, der konsequenterweise und nach marktwirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten als letzter Bereich auch die Sexualität folgt (eigentlich ein Widerspruch, da man ja immerhin vom "ältesten Gewerbe der Welt" spricht). Synonym hierfür ist der offen beworbene Sextourismus für die riesige Zielgruppe all jener westlich Zivilisierten, die sich in unserem komplizierten Beziehungsgestrüpp verfangen haben.
Er zeigt zwar, wie es dem Ich-Autor gelingt, für sich einen Weg aus dieser Entwicklung heraus zu finden - natürlich über die Liebe, wie auch sonst? Aber schon während des Buches ist klar, daß dieser Weg in seiner Einmaligkeit und Nicht-Wiederholbarkeit letztlich nur die Ausnahme ist, welche die Regel bestätigt. Und schließlich führt auch er in die Katastrophe und in den resignativen Schluß. Die Erfahrung, etwas wirklich Großes und Wichtiges zwar erlebt aber wieder verloren zu haben traumatisiert und immunisiert auch gegen die kleinen Freuden, die sein Leben vorher erträglich gemacht hatten. Was bleibt, sind Hoffnungslosigkeit und Leere.
Houellebecq gelingt es dabei perfekt, Stimmungen zu vermitteln und er zeichnet seine Charaktere sehr plastisch. Das Thema ist relevant und unterhaltsam erzählt. Wenn es zwischendurch mal etwas langatmig wird, dann mag das zwei Gründe haben. Zum einen liegt für den Leser die Idee des Sexclub-Urlaubs viel früher in der Luft als sie im Buch offen ausgesprochen wird und man wird etwas ungeduldig, bis es endlich zur Ausführung kommt. Zum anderen sind die ziemlich unverblümt pornographischen Szenen irgendwann einfach nur noch langweilig und behindern den Erzählfluß der Geschichte, weil es auch Houllebecq nicht gelingt, bei der sechzigsten oder siebzigsten Sexszene noch so etwas wie Spannung zu erzeugen. Natürlich passen die Szenen zum Thema und zum Ductus, aber es wird irgendwann einfach zu viel und man wird den Eindruck nicht los, daß hier ein literarisches Werk doch etwas über Gebühr als Werkzeug für eine Provokation strapaziert wird und unter einer gewissen Fixierung des Autors leidet. Dann hilft nur noch querlesen und die Stelle mit der Zigarette danach zu suchen, auf daß es mit der Geschichte weitergehe.
Das kann jedoch nichts daran ändern, daß ich dieses Buch als unbedingt lesenswert einstufen würde.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Armutszeugnis: Nackte Wahrheit über die Gesellschaft, in der wir (leider) leben., 11. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Plattform (Taschenbuch)
Selten hat ein Buch bei mir so viele unterschiedliche Emotionen ausgelöst wie dieses. Was zunächst als einfache Reise durch Thailand beginnt, entpuppt sich schnell als eine Offenbarung über unsere heutige Gesellschaft und die Rolle des Individuums in dieser. Und je weiter man liest, desto stärker kristallisiert sich dann auch eine der tragenden Botschaften des Buches heraus, die Houellebecq auch in seinen Text mit einfließen lässt: "Nach und nach wird alles schwierig; darin lässt sich das Leben zusammenfassen." Ja, dieses Buch handelt von Sextourismus - und das in einer Sprache, wie es deutlicher wohl kaum sein könnte - hat aber im Endeffekt gar nichts damit zu tun. Würde jeder Mensch auf der Welt dieses Buch lesen, verstehen und die Konsequenzen daraus ziehen, so würden wir vielleicht nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und uns fragen, wo das alles noch enden soll.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der globalisierte Tod als Zukunft ?, 8. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Plattform (Taschenbuch)
Das Buch von Houellebecq steht für das Leben von Michel einen 40 Jahre alten einsamen farblosen Beamten.

Nach der Arbeit sieht er viel TV und besucht Peepshows.

Höhepunkt des Jahres soll eine Gruppenreise nach Thailand werden wo er vor allem Sextourismus betreiben will. Dort lernt er Valerie kennen und gemeinsam entwickeln Sie eine kurze Liebe und das Konzept des gesteuerten sanften Sextourismus.

Für Houellebecq sind Michel und Valerie Mitglieder der noch arbeitenden Generation der Übergangszeit. Ihr folgt die Generation der arbeitslosen Börsenspekulanten die ein Leben ohne geregelte Arbeit außerhalb des Staatsdienstes und der Unternehmen führen tut, nur noch auf der Jagd nach dem leichten Geld.

Das Buch ist für den Leser leichter zu konsumieren als vorherige Werke Houellebeccqs. Die Menschen sind darin auf der Jagd nach Arbeit, Markenklamotten, Geld und Sex, gewürzt mit eine Prise Gewalt und guter Alltagsbeobachtung.

In Paris herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Leute werden einfach erschlagen, Frauen bei Fahrten mit der U-Bahn vergewalttätigt. Die die noch Arbeit haben, verschanzen sich in Bürohochhäusern während Ihrer 80- 90 Stundenwochen und danach in Ihren Häusern und Wohnungen. Sie haben keine Lebenskraft mehr für das gründen und erhalten von Familien. Es reicht allenfalls noch zu Verwirklichung als Sextourist in Ländern der dritten Welt. Aus der globalisierten Gesellschaft ist Flucht jedoch ausgeschlossen. Nirgends ist man mehr sicher. Houellebecq der den Sextourismus als letzten Ausweg der Menschheit im streben nach Liebe darstellt zeigt auch gleichzeitig, das auch dieser Weg durch den Terror versperrt ist, der überall auf der Welt um sich greift.

Ein provokatives Buch, ohne Lösungsvorschläge.

Vieles darin beschriebene wird von vielen Menschen wirklich erlebt anderes bedient Ihre Zukunftsängste und ihre zwiespältigen Verhaltens- und Moralvorstellungen.
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9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Für seine Verhältnisse: Unbedeutend, 25. Februar 2002
Von 
Rezension bezieht sich auf: Plattform (Gebundene Ausgabe)
Was steht in diesem Buch über die Liebe, was nicht schon in "Lanzarote" oder "Elementarteilchen" stand? Die kleinen Einsprengseleien von Islamismus und die Probleme eines Hedonisten mit Altruisten? In seinem Essaywerk "Die Welt als Supermarkt" ist M.H. scharfzüngiger und sprachlich eleganter. Der Wert dieses Buches mag darin liegen, daß der romantische wie liebeshungrige Metropolenjünger in Stücke gerissen wird, dabei läßt mir M.H. aber die notwendige Versöhnlichkeit von Erich Fromm vermissen. H. zieht es vor, den Leser in einem Trümmerhaufen aus zerstörten Illusionen liegen zu lassen. Dafür gebührt ihn wenig Ehr, den kaputtmachen ist nicht schwer. Man kann über die Unsinnigkeit und Vergeblichkeit des "Marketingcharakters" schreiben, der sich ohne fremde Huldigung in seiner Vorstellung von "Liebe" in Nutzlosigkeit und Ekel stürzt, den er bereitwillig über sich ergiessen mag. Aber mit welcher Freude und welchem Gewinn lese ich dies? Houellebecq ist seinem amerikanischen Kollegen Easton Ellis stilistisch sehr nahe: Er beschreibt den Ekel in seinen Details, wiederholt die Armut und die Tiefe seelischer Depression, so daß jeder psychisch verwundete Leser sich aus der Seele gesprochen fühlt. Ekel wird Stilmittel, mit der Autorenhoffnung, nun im Umkehrschluss Ekel über die funktionale und herzlose Gesellschaft zu streuen, die solch ekelhafte Menschen erzeugt. Easton Ellis ist darin ein Meister, angenehm zu lesen ist das nicht. Bei Houellebecq handelt es sich wohl um einen Eiferer, der aus einem Stilmittel Nihilismus erzeugt. Schade, als Wiederholung macht das wenig Freude. Wie gerne hätte man sich eine Katharsis gewünscht, so überraschend und verrückt wie am Schluss von "Elementarteilchen", in der die Menschheit beschliesst, einer neuen Rasse den Vorzug zu geben. Das war damals zwar keine geniale Idee und eher gut kopiert, doch guter Eklektizismus ist mir lieber als eine langweilige Geschichte. Vielleicht gibt es ja bald wieder Essays oder Gedichte von Ihm: "Pénétrer, sûr la plage: Triste!"
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Plattform von Michel Houellebecq (Taschenbuch - 1. August 2003)
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