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83 von 89 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unglaublich glaubwürdig
"Menschlich", das Adjektiv vor dem Makel, auf dem Umschlag etwas kleiner gedruckt als das Substantiv, ist - natürlich - der Kern der Angelegenheit. "Menschlich", so gern benutzt, dieses überaus freundliche Wörtchen, "humanitär", sofern es um größere Gruppen geht, und ach so häufig in seiner Negation - un-menschlich. Es ist ein seltsames...
Veröffentlicht am 15. März 2002 von Thomas Liehr

versus
27 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der Fleck auf dem Kleid
Der 71jährige Coleman Silk hat eine beachtliche Laufbahn hingelegt. Als Dekan des Athena College in Neuengland krempelte er, der erste jüdische Dekan, erfolgreich den verstaubten Lehrbetrieb um und gelangte zu beachtlichem Ansehen. Doch kurz nachdem er sich von seinem Posten zurückgezogen hatte um in seine Amtszeit mit dem Unterrichten ausklingen zu lassen,...
Veröffentlicht am 19. März 2006 von Bella219KF


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83 von 89 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unglaublich glaubwürdig, 15. März 2002
Von 
Thomas Liehr (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Menschlich", das Adjektiv vor dem Makel, auf dem Umschlag etwas kleiner gedruckt als das Substantiv, ist - natürlich - der Kern der Angelegenheit. "Menschlich", so gern benutzt, dieses überaus freundliche Wörtchen, "humanitär", sofern es um größere Gruppen geht, und ach so häufig in seiner Negation - un-menschlich. Es ist ein seltsames Wort, quasi selbstdefiniert, aber eigentlich qualitätslos, genaugenommen völlig aussagefrei, denn Menschen sind *alles*: Gut, böse, neidisch, freundlich, brutal, feindselig, kleingeistig, heimtückisch, geil, machtversessen, sozial, unsozial, asozial. Der Begriff sagt nichts, außer: Er gilt nur für Menschen. Denn Menschen sind - natürlich - einzigartig auf der Welt. Jeder Mensch ist menschlich. Das Menschsein ist der Makel, der Titel eine Tautologie.
Der einundsiebzigjährige Coleman Silk blickt auf eine großartige akademische Laufbahn zurück, war jahrelang reformfreudiger Dekan des - durch seine Arbeit - hochreputierten Colleges von Athena, irgendwo in den Berkshires, und Professor für klassische Literatur, beliebt, geachtet, fast berühmt. Doch die Karriere endete abrupt. Ein eigentlich harmloser Satz, fallengelassen beim Überprüfen der Anwesenheitsliste, rief die selbsterkorenen Moralwächter, die Neider, die Karrieristen auf den Plan. Als Coleman von "dunklen Gestalten, die das Seminarlicht scheuen" deklamierte, um sich über zwei Studenten lustig zu machen, die noch keine der Vorlesungen im laufenden Semester besucht haben, brach eine Welle der moralischen Entrüstung über ihm zusammen. Denn jene Studenten waren Schwarze. Der Rassismusvorwurf, zunächst von Silk verlacht, der nichts von der Hautfarbe seiner Schützlinge wußte, aber in kurzer Zeit zur massiven Bedrohung angewachsen, zerstörte nicht nur die Laufbahn, negierte in kurzer Frist alle Erfolge des langen, fruchtbaren Lebens, sondern führte auch zum Tod von Colemans Frau.
Roths Alter Ego, Schriftsteller Nathan Zuckerman, freundet sich mit Silk an, Monate nach dessen Rückzug aus dem College, Wochen nach dem Tod von Iris Silk. Beide alten Männer, Zuckerman inzwischen diogenesisch zurückgezogen lebend und seit einer Prostataoperation impotent, nähern sich behutsam an, nachdem Zuckerman abgelehnt hat, die Geschichte Silks zu schreiben, was jener inzwischen selbst versucht. Bei langen Gesprächen enthüllt sich das Leben Silks, der währenddessen - unter anderem dank Viagra - ein Verhältnis mit einer 34jährigen Putzfrau pflegt. Highschool, Navy, viele Frauen, heimliches Boxen, das erste College, eines nur für Schwarze. Denn Coleman Silk ist selbst ein Schwarzer. Nach dem Tod des strengen, hochgeschätzten Vaters entschied Coleman, sich die ungewöhnlich helle Farbe seiner Haut zunutze zu machen - und gab sich als Weißer aus. Fünfzig Jahre trug er dieses Geheimnis mit sich, verborgen auch vor der eigenen Frau, bis ausgerechnet der Vorwurf des Rassismus ihn dazu bringt, sich einer einzigen Person zu offenbaren: Dem selbst mehr und mehr in den Hintergrund tretenden Erzähler Nathan Zuckerman.
Während im Weißen Haus die Lewinsky-Affäre tobt, seziert Roth, fantastisch erzählt, die Biographien seiner eindringlichen Protagonisten, diejenige des leidenden Professors, seiner Familie, seiner jungen Freundin, einer Analphabetin, die bereits jede Form von Leid erlebt hat, der neidischen Karrierefrau Delphine Roux, Silks Hauptwidersacher, Vertreterin des energischen, mitleidlosen Feminismus - und des durchgeknallten Vietnam-Veterans, mit dem Silks junge Freundin verheiratet war.
Aufgesetzte Moral, von gewaltiger Zerstörungskraft, Scheinheiligkeit, Vordergründigkeit. Philip Roth entwirft mit leisen, aber mächtigen Worten ein Bild der Gesellschaft, die nicht mehr unterscheiden kann oder *zu sehr* unterscheidet zwischen der inneren und der äußeren Moral, die Schwierigkeiten damit hat, zu differenzieren zwischen medialen und realen Persönlichkeiten, die angesichts der Inflation von Öffentlichkeit keine Privatheit mehr zuläßt oder anerkennt. Roth dringt in seine Figuren ein, läßt *Menschen* wachsen auf diesen 400 Seiten, von unglaublicher Plastizität, Authentizität, weckt Mitgefühl, Verständnis, sogar für die Antagonisten.
Unglaublich.
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18 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Selbstverwirklichung im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, 25. November 2002
Vereinnahmend ist diese Geschichte und komplett desillusionierend, was die Selbstverwirklichung im törichterweise am meisten bewunderten Land der Welt betrifft. Ganz im Gegensatz zu anderen Kommentatoren bin ich der Meinung, alles daran ist realistisch - so ist das Leben, zumindest kann es so sein, ohne sich dabei anzustrengen. Geradezu genial ist die plötzliche Enthüllung, daß man es bei der Hauptfigur mit einem Schwarzen zu tun hat... es ist, als müßte man sich immer wieder die Augen reiben, um es denn doch zu begreifen und das eigene Gelinktsein als persönliche Vorurteilsbereitschaft anzuerkennen. Man muß eine Weile darauf herumbeißen. Das hatte pädagogischen Pfiff, obwohl es einige Kommentatoren vielleicht gar nicht bemerkt haben. Schön und tiefsinnig die Aussage am Ende, daß es der Würgegriff der Geschichte sei, der uns leicht zum Schicksal wird. Andererseits lehrreich und wahr, daß niemand hoffen darf, derart hartherzig und karrierezentriert spielen zu dürfen mit den Koordinaten seiner Geburt, ohne dafür zahlen zu müssen. Als jemand, der schon ein paar Jahrzehnte auf diesem Planeten ist, rufe ich es den Jüngeren zu: Schaut's euch genau an, diese Hybris kommt vor den Fall; die Maßlosigkeit des Zorns sowieso. Also, es ist eine moralische Geschichte, die unsere Vorstellung vom Leben sowohl problematisieren als auch voranbringen und "bilden" kann.
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10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Bandbreite der menschlichen Makelhaftigkeit und Worte zur Verfilmung, 14. Februar 2008
Von 
*doris* (Hessen, Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Der menschliche Makel (Taschenbuch)
"Der menschliche Makel" gehört zu Roth's besten Romanen, wie ich finde.

Als die Geschichte verfilmt wurde, war ich zunächst kritisch. Die Verfilmung konnte nicht an das Buch heranreichen (eine Verfilmung kann dies schon aufgrund der begrenzten Zeit nicht), aber ich war positiv überrascht. Selten habe ich so eine gekonnte Auswahl von Buchinhalten in einer Verfilmung wiedergefunden. Hinzu kamen hervorragende Schauspieler... Sir Anthony Hopkins, Nicole Kidman, Gary Sinise, Ed Harris.

In einer Kritik zur Verfilmung ([...]) schrieb die Autorin, die Beziehung der "mondschönen, glatten" Nicole Kidman zu dem alten Herrn sei unglaubhaft. Doch es ist im Film wie im Buch eine der Besonderheiten, die so unglaublich für die Ahnungslosen wie wahr für die Wissenden erscheinen. Die Enthüllung, dass der weißhäutige Coleman Silk von dunkelhäutigen Eltern stammt, war jedenfalls mindestens so überraschend, ob im Roman oder im Film. Auch die Romanfigur muss offensichtlich "weiß" genug gewesen sein, um überzeugen zu können.

Der Roman enthüllt eine Reihe von menschlichen Makeln. Sie sind zwar nicht alle so offensichtlich wie der Rassismus, der Antisemitismus und die Verlogenheit einer äußerlich prüden Gesellschaft im Zusammenhang mit dem Clinton-Lewinski-Skandal, aber für den sexuellen Kindesmissbrauch und die im-Stich-gelassenen PTBS-Betroffenen gibt es ebenso hervorstechende wie auch subtile, feine Hinweise.

Wie treffend ist da der Titel, der unter anderem auch dafür steht, was Menschen wie Faunia fühlen, die missbraucht wurden: Ein Leben lang mit einem Makel besetzt sein, sich gebrandtmarkt fühlen. Daher die Identifikation mit der Krähe, die ebenso wie Faunia "angefasst" wurde. Faunia fühlt sich genauso gefangen, und abgegrenzt von ihresgleichen. Sie fühlt sich nur von der Krähe verstanden, weil diese in ihren Augen ihr Schicksal teilt. Ihre Beziehung zu dem wesentlich älteren Coleman Silk passt zu ihrem Leben; sie sucht permanent, die Kontrolle über ihr Leben zu erlangen, muss aber immer wieder scheitern, da sie das Trauma nicht verarbeitet, sondern sich damit abgefunden hat. Wohl auch aufgrund des zusätzlichen schweren Schicksalsschlages durch den Tod ihrer Kinder.

Auch das ständige Wiedererleben von Kriegserlebnissen oder anderen einschneidenden Ereignissen wird als "Makel" von den Betroffenen empfunden. Insbesondere bei den Vietnam-Veteranen kam zu den ohnehin vorhandenen Gefühlen, man werde - oder gelte auch nur als - verrückt, die tiefe Erschütterung der gesellschaftlichen Ächtung hinzu, die das Trauma in den meisten Fällen verstärkte oder sogar erst hervorrief.
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35 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Werk eines Altersweisen, 4. Oktober 2003
Von 
euripides50 (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der menschliche Makel (Taschenbuch)
Das Buch erzählt die Geschichte von Coleman Silk, einem amerikanischen College Professor, der kurz vor seiner Pensionierung wegen einer missverständlichen und politisch inkorrekten Äußerung in das Fadenkreuz der Heuchler und Superguten gerät und im Zorn das Institut verlässt, das er Jahrzehnte hindurch maßgeblich geprägt hatte. Als enttäuschter und verbitterter Pensionär beginnt er eine Liaison mit der vierunddreißigjährigen Putzfrau Faunia Farley, was sowohl bei seinen Kindern wie auch bei der akademischen Umgebung zum Anlass für Abscheu, Entsetzen und Abgrenzung wird. Doch die späte Liebe, so Coleman Silk, ist die wahre und ultimative Leidenschaft, denn es gibt nicht mehr viel außer ihr, und so verklammern sich Professor und Putzfrau, „einer Frau, die nicht mehr reift, aber auch noch nicht welkt", in einer weltlosen Symbiose ineinander, bis sie beide einem raffnierten Mordanschlag von Faunias geschiedenem Mann, dem gestörten Vietnam Veteran Lester Farley erliegen. Das ist im wesentlichen die Geschichte, und doch ist damit das Wesentliche über das vorliegende Buch gerade nicht gesagt. Das wesentliche an dem vorliegenden Buch ist zweierlei: zunächst die staunenswerte Imagination, mit der sich Roth in die Innenwelt der Protagonisten hineinversetzen kann. Coleman und Faunia, das weltlose Liebespaar, die bigotte Dozentin Delphine Roux, der gestörte Lester Farley und ein fiktiver Autor, der die Geschichte miterlebend-kommentierend entwickelt, werden in ihren komplexen Motiven und Werdgängen so transparent, dass der Leser am Ende einen jeden verstehen kann, sogar den Professor, der seine negride Herkunft als „menschlichen Makel" sein Leben lang vor seiner Umgebung zu verbergen wusste. Das ist mehr als die meisten Bücher mit literarischem Anspruch leisten. Noch beeindruckender aber ist ein zweites: der leichte, dahinschwebende Stil, die geschliffene und von tiefer Lebenseinsicht durchtränkte Sprache, in der Roth erzählt und fabuliert, ein schier unendliches Labyrinth von Metaphern, Assoziationen und Verweisen, meisterhaften Miniaturen und einer kaum noch steigerungsfähigen Anschaulichkeit. „Einsamkeit", so heißt es an einer Stelle des Buches, wird erträglich, wenn es gelingt, „die Stille in Fülle zu verwandeln". Man könnte ergänzen: Oder wenn man ein so wunderbares Buch wie das vorliegende liest.
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27 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lügen - nichts als Lügen, 1. Mai 2002
Wer Philip Roth kennt, weiß wie ausführlich er erzählen kann, manchmal hart und heftig, vor allem in der Sexualität mit Wörtern, die andere Autoren nicht so gern in den Mund nehmen. Also, machen Sie sich auf was gefasst! Aber wenn Sie mehr wissen wollen über die Unterdrückung und die Lebensatmosphäre der Schwarzen in der Zeit vor und nach dem 2. Weltkrieg, wenn Sie die Lebensgefühle eines Vietnamveteranen verstehen wollen und wenn Sie die Absurdität der "political correctness" erkennen möchten, dann sind Sie bei P. Roth gerade richtig. Ohne im Detail auf den Inhalt einzugehen, das können Sie bereits in den anderen Rezensionen treffsicher nachlesen, bleibt eine ausführliche Beschreibung der Kleinstadtatmosphäre in Neuengland in der Gegenwart. Präzise beschreibt Roth die Lebensumstände und Gedankenwelt der beteiligten Personen. Er führt uns in die politische Debatte der Vereinigten Staaten der letzten 50 Jahre und beteiligt uns an der Auflösung eines Kleinstadtkrimis, der wahrlich kein Kriminalroman ist. Roth zeigt, wie in seinen letzten Büchern, das er zu den größten lebenden Autoren der Gegenwart gehört: Auf einer Stufe mit Marquez, Kundera und den vielen andere Literaten aus den USA. Unbedingt zu empfehlen!
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27 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der Fleck auf dem Kleid, 19. März 2006
Von 
Bella219KF (Bremen, Bremen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Der menschliche Makel (Taschenbuch)
Der 71jährige Coleman Silk hat eine beachtliche Laufbahn hingelegt. Als Dekan des Athena College in Neuengland krempelte er, der erste jüdische Dekan, erfolgreich den verstaubten Lehrbetrieb um und gelangte zu beachtlichem Ansehen. Doch kurz nachdem er sich von seinem Posten zurückgezogen hatte um in seine Amtszeit mit dem Unterrichten ausklingen zu lassen, zerstört eine unbedachte Äußerung seine Karriere. Coleman Silk zerbricht fast daran, bis er nach zwei Jahren wieder Halt in der Beziehung zu einer weit jüngeren Frau, Faunia, findet. Doch dann werden beide nicht nur von Faunias Vergangenheit eingeholt, sondern auch von dem Geheimnis, das Coleman seit seiner Jugend mit sich trägt.
Philip Roth entwirft ein umfassendes Bild einer Gesellschaft, die nicht skandalöser findet, als ein Fleck auf dem Kleid von Monika Lewinsky. Und einer Kleinstadt, die jeden verspottet und verachtet, der sich nicht in die Rolle fügen will, die ihm bei der Geburt zugedacht wurde.
"Der menschliche Makel" ist voller überraschender Wendungen, die sich leise ankündigen und so unauffällig in den Vordergrund treten, dass man sie erst gar nicht glauben kann. Diese geisterfrischenden Abschnitte sind allerdings den anderen, sehr langatmigen Passagen zahlenmäßig unterlegen. Durch große Teile des Romans musste ich mich leidlich durchquälen, daher gibt es insgesamt nur drei Sterne.
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Außergewöhnlich gut, 13. Oktober 2005
Rezension bezieht sich auf: Der menschliche Makel: Hörspiel (Audio CD)
Der Roman:
Der Roman spielt in den späten 90er Jahren, während ganz Amerika über Bill Clinton und Zigarren diskutierte. Der Icherzähler der Geschichte ist Nathan Zuckerman, wobei dieser eher als Erzähler denn als Protagonist auftritt. Der eigentliche Protagonist ist Coleman Silk, der eines Tages zu Zuckerman kommt und ihn beauftragt seine (Silks) Geschichte zu schreiben. Silk musste auf der Universität seinen Hut nehmen, weil er zwei Studentinnen - die das ganze Semester über fehlten - 'dunkle Gestalten' (im Original 'spook' = Gespenst aber auch eine alte abwertende Form für Schwarze) nannte. Roth schießt sich hier auf die übertriebene Political Correctness ein, und so stellt er es auch dar: von den vielen Millionen Worten die sein Protagonist auf der Universität von sich gab, reichen zwei - in ihrer Doppeldeutigkeit nicht durchdacht - um seiner Karriere ein Ende zu setzen und ihn als Rassisten abzustempeln. Bald darauf stirbt Silks Frau und er bricht praktisch zusammen. Der inzwischen 71jährige fängt sich erst wieder als er eine Beziehung zu einer Frau aufnimmt die nicht halb so alt ist wie er. All das schildert uns Nathan Zuckerman und er erzählt weiterhin alles bis zum Tod Silks und darüber hinaus. Er berichtet von der Lebenslüge des alten Mannes und er kritisiert die Scheinheiligkeit seines Landes.
Die Personen sind wunderbar herausgearbeitet, wie man es bei Roth gewöhnt ist. Ihre Entwicklung ist nicht nur glaubwürdig, sondern auch mit Liebe zum Detail gearbeitet. Ebenso ist die Sprache sehr schön zu lesen, auch das ist keine Neuigkeit bei den Büchern des großen amerikanischen Autors.
Das Hörbuch:
Das als Hörspiel gestaltete Buch ist in seiner Umsetzung phänomenal. Ich habe schon einige sehr gute Hörspiele gehört, aber dieses gehört ganz bestimmt zu den allerbesten. Die Darstellung der Geschichte ist ungewöhnlich - mag dem Einen oder Anderen sogar avantgardistisch erscheinen -, aber sie ist vor allem ungewöhnlich gut. Die Stimmen und die Art wie sie eingesetzt werden könnte besser nicht mehr sein. Die Hintergrundgeräusche, die manchmal durchaus auch den Geräuschvordergrund bilden, sind sehr überlegt, geradezu künstlerisch in das Gesamtwerk eingebettet. Bei diesem Hörbuch darf man von einem echten Kunstwerk sprechen. Ein hervorragender Roman wurde klangtechnisch perfekt umgesetzt. Das muss man gehört haben.
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einer der großen amerikanischen Romane der Gegenwartsliteratur, 15. April 2007
Von 
A. Wolf (Wiesbaden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Ach, was waren das noch für traumhaft schöne Zeiten, damals im Jahre 1998. Wir mussten noch über einen amerikanischen Präsidenten namens Bill Clinton schmunzeln, dessen Makel es war, eben doch nur ein Mensch zu sein. Doch seine eher harmlose "Sexkapade" beschädigte den Präsidenten nachhaltig.

Philip Roth nahm das Geschehen zum Anlass, die Geschichte um den Gehalt des Falls Clinton in einem etwas kleineren Rahmen aufzunehmen. Erzähler seines Romans ist der Autor Nathan Zuckerman, eine Instanz, die schon in einigen anderen Werken Roths zum Zuge kam. Zuckerman kann einem wahrlich leidtun, leidet er doch an Impotenz und Inkontinenz, aber dieser beobachtet und schildert nur das Leben seines Nachbarn, eines ehemaligen Professors namens Coleman Silk.

Wie sich das für einen Schristeller erster Güte gehört, tagen Roths Figuren interpretierbare, sprechende Namen. Coleman Silk, ein Name, den man sich auf der Zunge zergehen lassen muss, drückt er doch alle nur denkbare Widersprüchlichkeit in Konsistenz und Farbe aus (Cole, das erinnert an Kohle, schwarz und fest; silk, die Seide, samt und geschmeidig). Hiermit spielt Roth sehr subtil auf das Thema seines Romans an, den menschlichen Makel.

Coleman Silk ist durch eine Äußerung unter Universitätskollegen in Misskredit geraten, denn irrsinnigerweise wurde eine unbedachte Äußerung gegenüber stets abwesender farbiger Studenten als Rassismus ausgelegt. Silk nimmt nach den Verunglimpfungen freiwillig seinen Hut, doch als schließlich seine Frau stirbt, gerät sein Leben vollends aus der Bahn.

Es dauert ganze zwei Jahre, bis sich sein Leben zu stabilisieren scheint. Er fängt eine Affäre mit der 34-jährigen Faunia Farley an - auch in diesem Vornamen steckt einiges von der menschlichen Natur. Doch auch dieser Liaison haftet ein Makel an.

Jeder Mensch hat seine Schattenseite, seine Vergangenheit, Stellen in seiner Biographie, die er lieber verschweigen möchte. Die Privatsphäre eines Menschen ist ein höchst sensibles Gebilde, das sehr leicht anzugreifen ist. Und so zeigt dieser Roman menschliche Schattenseiten auf, analysiert gleichsam die menschliche Natur.

Wenn Nathan Zuckerman beobachtet "the anarchy of the train of events, the uncertainties, the mishaps, the disunity, the shocking irregularities that define human affairs", dann drückt dieser Satz mehr als deutlich den Kreislauf des Lebens aus, den Roth in "The Human Stain" darstellen möchte.

"The Human Stain" ist ein sprachlich exzellentes Buch, einer der großen Romane der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Roth ist einer der wenigen Schriftsteller, die der Welt vieles zu sagen haben und ihre Botschaft nicht nur einmal grandios vermitteln, um dann in der Mediokrität zu verschwinden. "The Human Stain" ist eines von vielen Werken eines der größten Schriftsteller unserer Zeit!
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13 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Menschlicher Makel vs. politische Korrektheit, 16. April 2002
Von 
Frank Neubüser "neubuser" (Limburg, Hessen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Eine grossartige und scharfsinnige Schilderung des Zustands der amerikanischen Gesellschaft zu Zeiten des Clinton/Lewinsky-Skandals 1998 (und vermutlich darüber hinaus). Roth hält sich nicht mit Oberflächlichkeiten auf - es dominieren die Zwischentöne, erbarmungslos kolportiert aus den Sicht von Figuren, die der Autor geschickt so angelegt hat, dass sie zum Einen sowohl ein ganz allgemeines Gesellschaftsprofil des modernen Amerika verkörpern als auch in ihrer individuellen Einzigartigkeit zerbrechen an den Anforderungen, die die überzogene "politische Korrektheit" der amerikanischen Gesellschaft an sie stellen (im Grunde ist wohl Clinton selbst gemeint, auch wenn ein ziemlich buntes Figurenkabinett den Roman bevölkert). Wie kann jemand in der vermutlich individualistischsten Gesellschaft der Welt überhaupt an dem Versuch scheitern, doch nur seine eigenen, individuellen Vorstellungen vom Leben zu verwirklichen? Die Clinton/Lewinsky-Affäre projiziert wohl bloss den im Grunde typisch amerikanischen Konflikt zwischen dem allgegenwärtigen und unverdrängbaren "menschlichen Makel" (dem natürlichen Zug des Charakters zur Verderbtheit) und dem überhöhten Anspruch einer Gesellschaft, die glaubt, dem Individualisten durch überzogene "politische Korrektheit" beikommen zu können. Warum dieser Konflikt so schäbig und tragisch ist, erfahren wir hier. Ausgezeichnet und unbedingt empfehlenswert.
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8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine verhängnisvolle Affäre, 27. Juni 2004
Von 
Carl-heinrich Bock "Literatur- und Kinofan" (Bad Nenndorf) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Der menschliche Makel (Taschenbuch)
Vorurteile, Lügen und Geheimnisse kommen durch eine unkonventionelle Liebesgeschichte ans Tageslicht. Philip Roth gilt als Autor, der sich auf obsessive Weise mit Sexualität, und in „ Der menschliche Makel" unternimmt er gar nichts um diese Einschätzung zu widerlegen. Gleich der erste Satz in dem Roman berichtet von Coleman Silks Affäre mit der siebenunddreißig Jahre jüngeren Putzfrau Faunia Farley. Im weiteren Verlauf werden dann im Rückblick auch alle anderen Liebschaften des Professors Coleman Silk, Dekan der Universität, erzählt. Man tut jedoch gut daran dem allzu Offensichtlichen zu misstrauen. Denn wenn bei diesem Autor von Sex die Rede ist, dann geht es nie nur um Sex, schon überhaupt nicht im Fall Coleman Silk. Es geht hier sogar um etwas ganz anderes. Es geht um das Überschreiten einer Grenze, um den Wunsch, ein anderer zu sein und sich in diesem Anderssein zu finden. Diese Grenze hat Coleman Silk in seinem Leben schon häufig überschritten, seit dem er sich als junger Mann entschloss auf dem Anmeldeformular der U,S, Navy bei der Frage nach der „Rassenzugehörigkeit" das Wort „weiß" anzukreuzen. Als Dekan der Universität wird er später wegen eines dummen Wortspiels angezeigt. Keiner seiner Kollegen tritt für ihn ein. Er verliert seinen Job, seine Frau stirbt an der Aufregung, er selbst zieht sich verbittert zurück. Sobald man aber den Zirkel der Erfolgreichen verlassen hat, trifft man all die anderen Menschen, die ebenfalls Verletzungen mit sich herumtragen. Schließlich liest er an der Straße die Putzfrau Faunia Farley auf. Mit ihr überschreitet er die Grenze nun ein letztes Mal. Der Dämon ergreift von ihm Besitz als er die Treppe zur Dachkammer emporsteigt, in der Faunia splitternackt auf ihrem Bett auf ihn wartet. Aus der sexuellen Eskapade entwickelt sich eine tiefe Liebe zwischen einem alten Mann und einer jungen Frau. Von diesem Dämon, der" Identität „heißt, handelt der Roman. Sie ist das Leitthema in allen Romanen dieses Autors. „ Der menschliche Makel" erzählt von einem Mann, der sich selbst findet, indem er sich verleugnet. In dem Buch kann man den Erscheinungen ebenso wenig trauen wie den Gefühlen. Das wirklich einzige, dem man trauen kann, ist der Sex, weil er die Sehnsüchte der Menschen zum Vorschein bringt. Das Buch geht nicht gut aus, aber es bietet, den Trost der Gelungenheit, der vollendeten Form wie dies bei vielen großen Büchern zu finden ist.
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Der menschliche Makel
Der menschliche Makel von Philip Roth (Taschenbuch - 1. März 2003)
EUR 9,99
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