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51 von 55 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein großes Werk
Das Buch hat bisher hier polarisiert und auch ich entscheide mich mit fünf Sternen für ein Extrem. Ich hätte auch mehr Sterne vergeben. Denn dies ist ein Buch, das bleibt, ein absoluter Jahrhundertroman, den ich ohne Zögern neben Ulysses, Mann ohne Eigenschaften, Suche nach der verlorenen Zeit, Zauberberg, Strudlhofstiege usw. stelle. Wie bei anderen...
Veröffentlicht am 4. Juli 2012 von M. Werneburg

versus
41 von 47 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Camera obscura für Fortgeschrittene
"In der literarischen Landschaft von heute ist dies Werk ein Gigant" schreibt die Zeit. Das ist bestimmt richtig - was die Quantität angeht. Mit über 1700 Seiten sind die Parallelgeschichten ein Buch der Superlative, welches dem Leser einiges an Geduld abverlangt. Der Inhalt hingegen ist weniger gigantisch - und dabei könnten die Voraussetzungen fast nicht...
Veröffentlicht am 19. Juni 2012 von Mátyás


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51 von 55 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein großes Werk, 4. Juli 2012
Von 
M. Werneburg (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Parallelgeschichten (Gebundene Ausgabe)
Das Buch hat bisher hier polarisiert und auch ich entscheide mich mit fünf Sternen für ein Extrem. Ich hätte auch mehr Sterne vergeben. Denn dies ist ein Buch, das bleibt, ein absoluter Jahrhundertroman, den ich ohne Zögern neben Ulysses, Mann ohne Eigenschaften, Suche nach der verlorenen Zeit, Zauberberg, Strudlhofstiege usw. stelle. Wie bei anderen großen Werken ist es aber kein Buch für jedermann.

Der Titel ist Programm. Nadas erzählt parallel verlaufende Geschichten, wobei Hauptpersonen einer "Geschichte" oft als Nebenpersonen in anderen "Geschichten" auftauchen. Der Haupterzählstrang spielt 1961 in einer jüdischen Budapester Familie, mit Rückblicken nach 1957 und 1938 und auch 1945; daneben spielen wesentliche Teile 1938 in Berlin und 1990 ebenfalls in Berlin. Die Geschichten fangen irgendwo an und hören irgendwann auf, hätten aber auch früher anfangen können oder später aufhören. Also kein Roman, der irgendwann seinen Höhepunkt hat, zum Schluss spannend wird und einen auf der letzten Seite noch mal überrascht.

Nadas beschreibt vor allem die Beziehungen seiner Protagonisten zueinander. Keine seitenlangen Landschafts- oder Personenbeschreibungen, sondern Zwischenmenschliches. Viele der Personen fühlen sich zum gleichen Geschlecht hingezogen, dann aber auch wieder abgestoßen. Das erzeugt eine sehr starke Körperlichkeit des Romans. Nichts für Prüde. Wer sich darauf einlässt, wird beim Lesen einen verstörenden Blick auf sich selbst spüren.

Das Buch ist - verglichen mit anderer großer Literatur - "leicht zu lesen" (so steht es auch hinten auf dem Umschlag drauf). Es "unterhalten" sich also nicht in Thomas Mann-Manier Personen in nie enden wollenden Monologen und unterbreiten sich gegenseitig ihre philosophischen Traktate. Es werden keine - wie bei Tolstoi - endlosen Beschreibungen der Gesellschaft oder des Kriegs usw. abgegeben. Es wird nicht - wie in Tellkamps Turm - ein Geruch, eine Farbe auf über zwei Seiten geschildert. Was passiert ist, dass Nadas oft die Erzählperspektive wechselt und auch innerhalb eines Kapitels oder gar eines Absatzes zwischen erster und dritter Person Singular changiert oder Zeitebenen wechselt, indem er Rückblicke einfügt. Die hier schon angesprochenen 100 Seiten lange Sexszene (unglaublich gut!) wird also z.B. aus der Perspektive beider Personen beschrieben, wobei beide auch bestimmte Szenen aus der Vergangenheit reflektieren. Während ein solcher Wechsel der Erzählperspektive bei anderen Autoren oft den Lesefluss erschwert und das Lesen anspruchsvoller macht (mir fallen da gerade Uwe Johnson oder auch Max Frisch ein), schafft es Nadas - ich weiß nicht wie -, dass die Erzählung ganz natürlich fließt.

Zum Schluss noch etwas zur Aufmachung: Das Buch ist im Dünndruck gedruckt, daher für seine über 1700 Seiten nicht besonders dick. Die Seiten sind sehr ansprechend formatiert (großzügiger Seitenabstand, angenehm lesbare Schriftgröße). Leider kein Leineneinband.
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41 von 47 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Camera obscura für Fortgeschrittene, 19. Juni 2012
Rezension bezieht sich auf: Parallelgeschichten (Gebundene Ausgabe)
"In der literarischen Landschaft von heute ist dies Werk ein Gigant" schreibt die Zeit. Das ist bestimmt richtig - was die Quantität angeht. Mit über 1700 Seiten sind die Parallelgeschichten ein Buch der Superlative, welches dem Leser einiges an Geduld abverlangt. Der Inhalt hingegen ist weniger gigantisch - und dabei könnten die Voraussetzungen fast nicht besser sein. Das Buch spielt im Berlin nach dem Mauerfall, in Budapest 1961 sowie vor und während dem zweiten Weltkrieg zur Zeiten des Horthy-Regimes. Alles in allem viel historisches Material, das einiges an Themen bieten könnte.
Als Leser taumelt man stattdessen in einer permanenten Camera obscura herum, in der man über Seiten nicht recht weiss, von wem die Rede ist. Es mag einmal lustig sein, 20 Seiten nur mit dem Pronomen "er" zu lesen, beim x-ten Mal geht es aber deutlich auf die Nerven. Hinzu kommt, dass oftmals auch keine Angaben über Ort und Zeit stehen. Nach vielen Seiten erfährt man dann aus einem Nebensatz, dass sich der Plot z.B. nicht in Berlin sondern in Budapest abspielt. Zudem hat man oft das Gefühl, eine Seite übersprungen zu haben - nach nochmaligem Lesen merkt man, dass Nádas im neuen Abschnitt das Thema gewechselt hat.
Kennt man sich in der ungarischen Geschichte ein wenig aus, ist das Buch einfacher zu lesen. Aber auch da gilt: Anstatt dass sich Nádas ein wenig in die Tiefe seiner Figuren begeben würde, werden viele nur angetippt und wieder vergessen - oder tauchen nach über 1000 Seiten plötzlich wieder auf - wie z.B. der Herr Balter aus der Dienstwohnung. Als Leser fühlt man sich auf den Arm genommen, da man sich unmöglich alle Namen merken kann.
Sehr oft wird ein "stream of consciousness" der Figuren beschrieben, häufig kann man aber kaum folgen, da auch dort wieder weitere Themen aufgenommen und angeschnitten werden, die im Anschluss wieder verloren gehen. Als Leser kann man sich unmöglich alles merken. Man wünschte sich da die Konzentrierung auf weniger Stränge.
Auch die versprochene Auflösung, die in den letzten Seiten folgen soll ("Péter Nádas Lesen", Rowohlt), ist eine Enttäuschung. Auf Seite 1690 wird noch rasch Gyöngyvérs Ziehvater eingeführt, der wiederum in einem Internierungslager in Pfeilen war (wo Döhring herstammt). Es wäre interessanter, etwas mehr aus Kristofs oder Madzars Leben zu erfahren (wie gelingt zum Beispiel ihre Emigration?) - oder was passiert noch mit Döhring und seiner Tante?
Alles in allem ist das Buch eine herbe Enttäuschung, es wimmelt von Banalitäten und Gemeinplätzen, mikroskopisch langweilige Sexszenen (über 100 Seiten lang), Fäkalien, Homosexualität (praktisch jede Figur im Roman macht Erfahrungen mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen...)
Man hat fast den Eindruck, Nádas habe sich vorgenommen, um jeden Preis 1700 Seiten zu füllen.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Durchhalten lohnt sich, 9. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Parallelgeschichten (Taschenbuch)
ein Monstrum, ein Koloss, ein Labyrinth voller unvollendeter Geschichten. Mir ist es ähnlich ergangen, wie Viktoria Radics, die im Band "Lesen- Bilder und Texte zu den Parallelgeschichten" schreibt, dass sie nach der ersten Lektüre mit grossem Genuss frustriert gewesen sei. Als Leser brauchte ich zirka 6 Monate für dieses Werk, Nadas als Autor 18 Jahre. Wie es der Titel bereits erzählt, springt Nadas von Geschichte zu Geschichte, von Zeit zu Zeit, von Figur zu Figur. Nach dem Zuschlagen der letzten Seite erinnert man sich dennoch an unvergessliche Figuren und Episoden, an die Fähigkeit Nadas, den Leser in einen Sog zu ziehen- ohne dass man genau weiss, wie er das macht. Es gibt in diesen Geschichten wohl einen Anfang (ein Mord in einem Park) und ein Ende (in einem von Zigeunern bewohnten Wohnwagen finden sich ungewöhnlich edle Kleidungsstücke) aber keine Geschichte, kein Plot findet ein Ende, nur wenige Figuren werden anschaulich und greifbar porträtiert. Die Geschichten sind auf eine Art wie unser Leben oder unsere Geschichte , die auch nicht linear verläuft, erklärbar ist, im Nirgendwo beginnt und im Nirgendwo zu Ende geht.Schwarz und weiss, gut und böse existieren in diesem Buch nicht auf den ersten Blick. Nadas lockt, reizt, schafft Strukturen- nur um diese auf der nächsten Seite wieder fallen zu lassen. Figuren tauchen kurz auf und verschwinden endgültig oder zumindest für lange Zeit wieder.
Trotzdem bleiben Figuren und Episoden haften: etwa der homosexuelle Kristof Démen, der in einer unvergesslichen Episode bei Einbruch der Dunkelheit auf der Budapester Margaretheninsel seinen sexuellen Gelüsten nach langem Kampf erliegt und in einem unterirdischen WC in ritueller Manier von einem Riesen und seinem Gehilfen "entjungfert" wird. Oder Alajos Mazdar, ein begabter Architekt, der sich in Irma Szemszo, eine jüdische Psychologin verliebt.
Eine Art verkleinerte Welt des grossen Universums und Orientierungspunkt im Roman bildet die Budapester Familie Lehr-Lippay, in der sich quasi sämtliche Facetten bündeln: der Vater, Doktor Lehr, eine wichtige Figur, von Anfang bis zum Ende sterbend, Pfeilkreuzler, die Mutter Erna, homoerotisch angehauchte Edeldame, der Sohn Agost, bürgerlich, für den Geheimdienst arbeitend, sexuell ausdauernd aber konstant unbefriedigt, zuweilen depressiv und unverständlicherweise mit dem plumpen und musikalisch unbegabten Waisenmädchen Gyöngyver liiert, sein Cousin Kristof, elternlos, bisexuell, geduldet.
Allen Personen gemeinsam ist eine Art meist unausgesprochenes Trauma in ihrer Vergangenheit. Oftmals spielt dabei die Sexualität eine wichtige Rolle, auch das 20.Katastrophenjahrhundert schimmert allerorten durch. In Nadas Universum treten auf: auseinandergerissene Familien, brutale Mörder und Tyrannen, Geheimräte, Pfeilkreuzler, Kriegsversehrte, Aufständische, Verräter, Heiden, Erbforscher, Behinderte und Verrückte.
Am Ende ergibt all das Sinn, da immer wieder an tatsächliche geschichtliche Ereignisse angeknüpft wird: den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust, die Pfeilkreuzler-Herrschaft in Ungarn, den Aufstand von 1956, die sozialistische Epoche und schliesslich der Mauerfall. Am Schluss blieb- zumindest bei mir- eine Art Vakuum oder Desillusion zurück: wir bewegen uns orientierungslos in Raum und Zeit, erleben kurze, meistens sexuell bedingte Momente des Glücks, um im nächsten Moment wieder am Wahnsinn und an der Realität zu Grunde zu gehen. Wahrlich kein erheiternder Gedanke. Aber grosse, kluge Literatur und ein trostspendendes Buch, das danach verlangt, ein zweites Mal gelesen zu werden.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Für viele Leser schwer einzuordnen, 7. Januar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Parallelgeschichten (Gebundene Ausgabe)
Dass dieses großartige literarische Werk leicht zu lesen sei, dieser Meinung würde ich mich nur eingeschränkt anschließen. Die mehr als 1700 Seiten umfassenden zahllosen Handlungsstränge gleiten zwar an vielen Stellen in die angenehm verständliche Erzählweise über, sind aber in ihrer Komplexität nicht so einfach zu erfassen.
Die Verflechtungen der an die zwei Dutzend auftretenden Personen an verschiedenen Orten in den unterschiedlichsten Situationen sind nur annähernd überblickbar, wenn man sich ein Erinnerungsgerüst (-register) fertigt, da ohne ein solches der Leser unweigerlich in Schwierigkeiten gerät und mit Orientierungsproblemen zu kämpfen hat.

Ohne auf die einzelnen, sicher oftmals "parallel" verlaufenden "Geschichten", näher einzugehen oder die eine oder andere Figur herauszugreifen und umrissmäßig zu beleuchten, bleibt festzustellen, dass Nádás eine meisterhaftes Kaleidoskop gelungen ist, das sicher einmalig sein dürfte. Als Protagonist ist zweifellos der seine sexuelle Orientierung suchende Kristóf Démen zu sehen, in dem sich wahrscheinlich Nádás selbst widerspiegelt. Das unbestritten bisher wohl noch nie so freimütig vollzogene Experiment, in Worte zu fassen, was einem jeden Leser, eingezwängt in die ihm anerzogenen Konventionen, nicht einmal andeutungsweise über die Lippen kommt, ihm lediglich gedanklich und gefühlmäßig vor die Augen gerät, sucht Seinesgleichen.
Einige Figuren werden in den diversen Geschichten plötzlich aus völlig anderer Perspektive gezeigt, die oft, aber nicht immer, an vorherige Handlungen anknüpft. Andererseits ergeben sich mit fortlaufendem Text personenbezogene Erkenntnisse und Zusammenhänge, die, in der Gänze zu erfassen, ein Zurückblättern und / oder aber einen Blick in das eigene Erinnerungsgerüst unumgänglich machen.
Für die hohe Qualität des Buches spricht m.E. die sehr stark auseinandergehenden Leserurteile, die aber leider oftmals von mangelndem Literaturverständnis zeugen.

Meine 23 Seiten umfassende Erinnerungs- und Orientierungshilfe, die an dieser Stelle mitzuteilen sich aus Platzgründen verbietet, hat mir mein Lesevergnügen erst so richtig versüßt.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Leidenschaft in voller Kraft..., 5. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Parallelgeschichten (Gebundene Ausgabe)
Mit Interesse habe ich die negativen Kritiken gelesen. Aber so einfach ist es nicht.
Das Buch ist zutiefst menschlich, den Menschen-Frauen und Männern- auf den Leib geschrieben.
Dieses Meisterwerk enthält alle menschlichen Gefühle und Stimmungen im Extrem des Lebens.
Peter Nadas ist ein Ewig-Schreiber. Entsprechend leidenschaftlich, langatmig, ausführlich, dauerhaft, streitbar ist sein Schreibstil.
Belohnt wird der Leser mit wunderbaren Sätzen und Weisheiten...
Nadas beschreibt seine Personen im Roman mit Röntgenblick, er schaut ihnen bis aufs Rippenfell.
Das Buch beschreibt Menschen mit all ihren Leidenschaften,Sehnsüchten, Wut, Hass, Schande,Blamagen, im Dreck liegen, ganz unten sein...

Und der ausführlich beschriebene heterosexuelle, schwule, lesbische Sex der Personen im Roman gehört in allen Formen, im Leben absolut dazu.
Die Beschreibung der Art und Weise des menschlichen Zusammenlebens in dem Buch ist absolut aktuell, auf heute übertragbar. Widerwärtigkeiten und "Feinheiten" von Krieg, Rassismus .... erklären das Wesen des Menschen.
An viele Passagen /Stellen im Buch , gut geschriebene Sätze / Seiten/ Überraschungsmomente werde ich noch lange zurück denken.

Tipp zum Lesen: Wer zum Lesen der 1700 Seiten länger als drei Tage braucht, sollte von vornherein sich einen Merkzettel mit Personennamen anlegen- dazu Verbindungs-Skizzen zu anderen Personen im Text machen-, sonst wird ab Seite 1000 wieder nach vorne geblättert, um die Zusammenhänge zu begreifen.

Für dieses weise Meisterwerk gebe ich überragende 5 Sterne.
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90 von 108 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einer der größten Romane aller Zeiten, 18. Februar 2012
Rezension bezieht sich auf: Parallelgeschichten (Gebundene Ausgabe)
Péter Nádas ist 20 Jahre nach seinem Opus Magnum "Das Buch der Erinnerungen" das Unglaubliche gelungen, und er hat sich mit "Parallelgeschichten" noch einmal - bei weitem - selbst übertroffen.

Was wir hier vorliegen haben, ist m.E. einer der größten Romane aller Zeiten und wird wohl - und diesmal ausnahmsweise zu Recht - einmal mehr mit Proust & Co. verglichen werden, aber auch, wie zu hoffen ist, breiter als Nádas' bisheriges Werk rezipiert (und nicht, wie bisher, dem engeren Kreis von literarischen FeinschmeckerInnen und LiteraturkritikerInnen vorbehalten).

Die Erzählung mäandert über historische Zeiten (des 20. Jahrhunderts) und geographische Räume (Europas) hinweg, subtile Kriminalgeschichten wechseln sich mit Liebes- und Sexualdramen, Vivisektionen politischer Diktaturen und persönlicher Machtspiele und mehr ab. Ein regelrechtes Figurenarsenal wird dargeboten, wobei keine der Figuren an Kontur einbüßt, sondern sich im Gegenteil psychologisch messerscharf vor dem historischen Panorama des Romans (von der Nazi-Rassengenetik der frühen 30er-Jahre, über die ungarische Revolution von 1956 und das nachfolgende kommunistische Regime bis zum Nachwende-Deutschland) abzeichnet.

Die Narration ist erzähltechnisch hochkomplex und zugleich perfekt ausgeführt, sodass - ebenso wenig wie die Figuren selbst - auch die LeserIn sich nie in den episodisch verknüpften Erzählsträngen verliert. Kritisch anzumerken ist vielleicht nur, dass das Schlusskapitel recht unvermittelt einen neuen Strang aufnimmt und der Roman etwas unerwartet abbricht (eine narrative (Anti-)Strategie (?), die schon beim "Buch der Erinnerungen" ähnlich vorlag).

Nicht zuletzt finden wir hier die wohl größten (und wohl auch explizitesten und längsten der jüngeren europäischen Literatur) Beschreibungen erotisch-(homo und hetero-)sexueller Begegnungen, stets stilsicher am feinen Grat zwischen Pornographie und Psychologie - eine literarische Auseinandersetzung mit Sexualität, wie man sie noch nie gelesen hat.

Die Qualität der Übersetzung ist noch im Detail zu prüfen (ich habe das ungarische Original 2005 gelesen), die Übersetzerin Christina Viragh ist jedenfalls eine versierte Übersetzerin zahlreicher wichtiger ungarischer Autoren (Kertész, Kosztolányi, Krasznahorkai, Szerb), von daher ist diesbezüglich Gutes zu erwarten. Jüngst hat sie auch den renommierten Leipziger Buchpreis für die Übersetzung erhalten. (Siehe dazu auch meine ausführliche Reaktion auf einen Kunden-Kommentar betreffs der Übersetzung.)

Ein Roman als Parallgeschichten darüber, wie sich die kollektive (Schreckens-)Geschichte des 20. Jahrhunderts in die Körper von Individuen einschreibt.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dieser Jahrhundertroman erfüllt die Erwartungshaltung, 15. Februar 2013
Von 
Carl-heinrich Bock "Literatur- und Kinofan" (Bad Nenndorf) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Parallelgeschichten (Gebundene Ausgabe)
Für sein vor zwanzig Jahren publiziertes, 1300 Seiten umfassender Roman "Buch der Erinnerungen", erhielt Péter Nádas zahlreiche Literaturpreise. Das Buch, welches die äußere Geschichte des 20. Jahrhunderts mit drei, an unterschiedlichen Orten spielenden, ineinander verflochtenen, persönlichen parallelen Erzählsträngen spiegelt, gilt als herausragendes Werk der ungarischen Nachkriegsliteratur. Die Handlungen spielen in der DDR der 70 er Jahre, in Heiligendamm und in Ungarn zur Zeit des Volksaufstands 1956. Schon damals war es sein Anliegen, parallele Erinnerungen unterschiedlicher Personen zu unterschiedlichen Zeiten niederzuschreiben. Ähnliches finden wir jetzt auch in dem 2005 erschienen dreibändigen Roman "Parallelgeschichten". Das Personal trägt die Last einer schwierigen und wechselvollen Vergangenheit.

Nach jahrelanger Übersetzungsarbeit erschien dieser 1728 Seiten umfassende Roman jetzt, in der mit epischen und impressionistischen Sätzen garnierten glänzenden Übersetzung von Christina Viragh, auf Deutsch im Rowohlt Verlag. In Rezensionen wurden die "Parallelgeschichten" oft als "Krieg und Frieden des 21. Jahrhunderts" bezeichnet. Ob zu Recht, davon mag sich jeder Leser nach der "Bewältigung" ein eigenes Bild machen. Péter Nádas wird international, wegen seiner scharfsichtigen, glasscherbenscharfen und peinlich genauen Szenerien, seiner bis ins kleinste Detail herausgearbeiteten Personengestaltungen und seiner raffiniert geformten, miteinander verflochtenen, Augenblicke und Übergänge beschreibenden langen Sätze, häufig mit Musil, Tolstoi, Balzac oder Proust verglichen. Mit Marcel Proust, der das legendäre Opus "Auf der Suche nach der verlorenen Seite" geschrieben hat, verglichen zu werden, ist für jeden Erzähler eine große Ehre.

Péter Nádas hat an dem Roman 18 Jahre gearbeitet und nun mit "Parallelgeschichten" ein Jahrhundertpanorama geschaffen, das im Kern eigentlich mit allen konventionellen Erzähltraditionen bricht, weil der Autor bei seinem unzähligen Personal keine feste Aufteilung in Haupt- und Nebenfiguren vornimmt. Scheinbare Nebenfiguren werden dann zu Hauptfiguren, wenn sie im Erzählkosmos plötzlich im Fokus stehen. Sie werden vom Autor nicht ernannt, sondern sie machen sich in den jeweils im Brennpunkt stehenden Zeitzonen wichtig. Diese Zeitzonen, in denen die deutsche und ungarische Geschichte des 20. Jahrhunderts gespiegelt wird, sind die dreißiger Jahre in Berlin, die Deportation der Juden in den Jahren 1944 und 1945, die ungarische Revolution 1956, der ungarische Nationalfeiertag am 15. März 1961 und das Ende der 80 er Jahre in Deutschland mit dem Mauerfall in Berlin. Ob eine Taxifahrt in Budapest, eine Schifffahrt, das Umherstreifen in der Schwulenszene, homosexuelle oder heterogene Sexspiele, lesbische Träumereien, Sex mit Sekt, Ausscheidungen und Ausdünstungen unterschiedlichster Art, homosexuelle Akte mehrerer Männer, bis zum Orgasmus getriebene Selbstbefriedigung , das alles wird sehr deutlich und schonungslos, mit einem dünnen Faden verbunden und in großer, weitausholender detailgenauer Schilderung beschrieben. Muß man das wirklich alles in dieser Ausführlichkeit lesen? Muss man diese grenzenlose Intimität ertragen?

Nádas wurde kürzlich auf seine schonungslose Tabulosigkeit angesprochen - seine stoische Antwort darauf: "ich würde gegen Pornografie nicht direkt protestieren. Worauf wir neugierig sind, kann häufig nicht gezeigt werden, kann aber vielleicht geschrieben werden. Das wäre eigentlich die Hausaufgabe der Literatur. Das das bisher ausgeklammert wurde, hat mich geärgert."

Péter Nádas spielt nicht nur auf der Klaviatur der Diktatur, entwirft unzählige Geschichten wobei der männliche und der weibliche Körper, sowohl in Spiritualität als auch in Sexualität, die Lebens Faktizitäten bilden. In vielen Rezensionen ist von dem "längsten Geschlechtsverkehr der Weltliteratur zu lesen", denn Nádas lässt im Frühjahr 1961 zwei Geliebte vier Tage miteinander im Bett verbringen. Es kommt zwischen zwei Körpern und zwei Seelen auf 140 Seiten zu einer Reihe pornografischer Szenen, Verschmelzungen von Trieben und Gelüsten, Kopulation in der Komplikation, verschwommen, klischeehaft und explosiv, wie es sie in dieser Form in der Literatur noch nicht geben hat. Bei Nádas bleibt erstaunlich wenig Erotik dabei übrig, denn trotz aller erotischer Schwärmereien überwiegt die genaue wissenschaftliche Ausrichtung der beschriebenen Handlungen.

Der Roman beginnt damit, dass der Ich Erzähler, der Student Döhring, im Jahr 1989 im Berliner Tiergarten auf einer Parkbank eine Leiche findet. Auffällig ist sein Verhalten beim Verhör durch den Kripobeamten Dr. Kienast, so dass sich der
Leser in irgendeiner Form zum Ermittler aufgerufen fühlt. Der Ich- Erzähler begibt sich nach diesem kriminalistischen Einstieg auf die Suche nach der Budapester Familie Demén. Sowohl deren Schicksal, das der Verwandten und weiterer Freunde ist mit der ungarischen und deutschen Vergangenheit verkettet. Der Ich- Erzähler, von dem es in Rezensionen heißt, er sei das Alter Ego von Péter Nádas, erlebt eine intensive körperliche Komplikation, mit einer homoerotischen Note, wobei man den Eindruck hat, dass in der Diktatur eine maßlose Körperlichkeit auch Widerstand bedeutet, den Wunsch auf diese Art und Weise eine Form von Freiheit zu erlangen. Das Sexuelle ist nicht ohne das politisch Diktatorische denkbar. Unordnung im 20. Jahrhundert gespiegelt im anarchischen Sexus.

Die Lektüre ist anstrengend, denn nicht selten werden die Erwartungen des Lesers, der einen herkömmlichen Verlauf der Erzählstränge erwartet, durchkreuzt und damit enttäuscht, weil die Szenen in sich noch gar nicht abgeschlossen sind. Also, sowohl Zeit- wie Handlungssprünge erfordern vom Leser viel Geduld und Bewältigung. Auf diesen Umstand angesprochen, erklärte Péter Nádas, er schlage bewusst diese Zick Zack Kurse, um das Interesse des Lesers nicht erlahmen zu lassen. Sein Ziel sei es "realen Vorgängen zu folgen und realistisch sei Geburt nicht ein Anfang und Tod ein Ende". Das könnte man auch auf das Personal übertragen, das über die Maßen neurotisch veranlagt ist. Durch seinen Erzählstil, trotz ständiger mäandernder Wiederholungen, bleibt vieles schemenhaft und Nádas zwingt den Leser förmlich dazu das Entworfene selbst zusammenzufügen. Dabei hätte man am Ende doch die Hilfe von Péter Nádas insofern gebraucht, um die Frage nach dem Verbleib des Tiergarten Toten, beantworten zu können.

Einer der bedeutendsten Intellektuellen Ungarns, der ungarische Essayist und Literaturkritiker László F. Földényi hat in einem sehr klugen Artikel die Ansicht vertreten, dass die Einheit dieses großen Romans im Transzendentalen liegt und dass die Figuren die sich einander gegenüber in einer gewissen Gleichgültigkeit verhalten , vom Autor geschickt geformte, leidende Identitäten sind. Jeder Mensch ist ein Unikat, alle Menschen sind verschieden, aber sie haben doch Eigenschaften, scheinbar unsichtbare Leiden, die hier alle Figuren sie miteinander verbinden.

Und auf Grund dieser Erkenntnis kann man zu dem Schluss kommen, dass der gemeinsame Kern all dieser Geschichten, bei denen ja die Geschlechteridentitäten irgendwie verschwimmen, eine Passionsgeschichte im Fokus hat. Eigentlich haben die unzähligen Geschichten ansonsten nur sehr wenig miteinander zu tun, denn man sucht bis zum Schluss den Zusammenhalt der die Geschichten miteinander verbindet. Einen Sog entwickeln sie auch nicht, sie ermüden ob ihrer Langatmigkeit, daran können auch die vielen wunderbaren epischen Sätze nichts ändern. Man sucht den Zusammenhang.

Péter Nádas erhielt für "Parallelgeschichten" den Preis der SWR Bestenliste. In der Urkunde heißt es:"Péter Nádas verknüpft mit großer Kraft die deutsche und die ungarische Geschichte des 20. Jahrhunderts und schlägt seine Figuren wie seine Leser in den Bann einer Prosa, die alle Lüste und Laster, Gedanken und Empfindungen, Leiden und Leidenschaft zur Sprache bringt und in der Kunst des Erzählens ein neues Kapitel aufschlägt, in dem sie den Bewusstseinsroman zum Roman der Sinne und des Körpers erweitert".

Die Kritik ist sehr unterschiedlich mit diesem Jahrhundertroman umgegangen. Man sollte diesen Roman lesen, aber man sollte sich auch keine Vorwürfe machen, wenn man ihn nicht zu Ende liest, denn die schonungslose Zurschaustellung von Körpern, mit ihren unterschiedlichsten Trieben und Gelüsten, ist nicht Jedermanns Geschmack, wenn er auch ein neues literarisches Zeitalter einzuläuten scheint, denn eines ist Fakt, Literatur in dieser Form hat es bisher noch nicht gegeben. Ist Péter Nádas vielleicht deshalb der Kandidat für den Literatur Nobelpreis?
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Jahrhundertwerk???, 31. Januar 2013
Von 
Xirxe (Hannover) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Parallelgeschichten (Gebundene Ausgabe)
Ich glaube es kaum, ich habe es geschafft. 1724 Seiten sind gelesen - und die waren nun wirklich keine Wonne. Wer immer sich an dieses Buch heranwagt, der/dem sollte klar sein, dass es sich um keine durchgängige Geschichte handelt. Einzelne Personen bzw. Familien tauchen zwar immer wieder auf, doch stets wird auch die Gelegenheit genutzt, den Spuren anderer Personen zu folgen. Hauptsächlich ereignen sich die Begebenheiten in Ungarn zu Ende der 60er Jahre und kurz oder während des Ungarnaufstandes 1956/57 sowie in Deutschland kurz vor (oder nach) der Jahrtausendwende und während des Dritten Reiches. Die Geschichten springen hin und her und das einzig Verbindende sind insbesondere im ersten und zweiten Teil die Fixiertheit des Autors auf die Beschäftigung mit Geschlechtsorganen und der Verdauungstätigkeit. Ach ja, und die fast durchgehend meist zutiefst unglücklichen Protagonisten, eingebunden in Zwänge und Pflichten die sie nicht wollen. Zudem sind sie fast alle zumindest latent schwul oder lesbisch. So etwas mag im Einzelfall vielleicht schön zu lesen sein, aber über 1724 Seiten wieder und wieder - sorry, das ist einfach nervig.
Falls es so etwas wie einen roten Faden oder einen Mittelpunkt gibt, ist der vielleicht am ehesten bei der Familie Lehr aus Budapest zu finden. Professor Lehr, frührer Berater der Nazis, jetzt der Kommunisten, liegt im Sterben. Seine unglückliche Ehefrau Erna trauert der Liebe zu einer Niederländerin nach, die einzige Tochter wurde verschleppt und tauchte nie wieder auf und Agóst, der einige Sohn, lebt seit seiner Rückkehr aus dem Ausland, wo er als Spion arbeitete, mit seiner momentanen Freundin Gyöngyver wieder daheim. Dazu kommt noch Kristof, der Neffe Ernas, dessen Mutter mit einer Frau nach Paris verschwand und dessen Vater von seinen Genossen hingerichtet wurde. Er träumt von Erlebnissen mit Männern, traut sich aber kaum, diese Träume auch zu verwirklichen. Gyöngyver träumt von einer Karriere als Sängerin, bisher aber recht erfolglos und fühlt sich erstaunlicherweise von Erna angezogen, wie auch andersherum. Dann gibt es noch Agósts Freunde, von denen aus eine Verbindung ins Dritte Reich besteht, die ebenfalls erzählt wird. Ernas Kartenrunde, ein deutsches KZ mit Wärtern und Aufsehern, deren Nachkommen ebenfalls eine Rolle spielen undundund. Dies könnten alles wirklich spannende und unterhaltende Geschichten sein, wenn Nádas nicht so unglaublich langatmig erzählen würde. 50 Seiten über einen Geschlechtsakt, der weder unterhaltsam noch erotisch ist sondern schlicht sachlich technisch und unterkühlt. Seitenlange Pseudobeziehungsgespräche oder Selbstreflexionen, die ohne Ergebnis enden - 700 bis 800 Seiten weniger hätten dem Buch sicherlich gut getan.
Dass Nádas jedoch gut erzählen kann, merkt man auch in diesem Mammutwälzer: Einzelne Kapitel sind packend und fesselnd erzählt und immer wieder kommt es vor, dass man vor Spannung oder Abscheu die Luft anhält. Leider viel zu selten.
Zuguterletzt kann ich nur noch schreiben dass ich hoffe, dass der Autor nicht dieselbe Überzeugung hat, die dieses Buch mir vermittelt. Dass die Menschen grundsätzlich triebhafte Lebewesen sind, die nur durch Zwänge von außen bzw. selbstauferlegte unter Kontrolle zu halten sind. Fallen diese Zwänge weg, bricht das Animalische aus, dass sich ansonsten nur beim Sex oder diesen vielfach beschriebenen Verdauungstätigkeiten einen Weg bahnt. Und dieses Animalische endet dann in einer Katastrophe, wie uns das Schicksal Balters im letzten Kapitel zeigt, oder beispielsweise die Geschichte der Juden im Dritten Reich. Denn machten sich die Nazis nicht frei? Arbeit macht frei?
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Unverhülltheit menschlicher Gefühle oder Auf der Suche der wahren Welt hinter dem Schein, 15. April 2012
Von 
MyandMar - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 100 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Parallelgeschichten (Gebundene Ausgabe)
"Es ist mir das Gleiche, woher ich ausgehe; denn dort werde ich auch ankommen." Dieses, dem Roman vorangestellte Zitat des griechischen Philosophen Parmenides, drückt in einem Satz den Duktus des epochalen Opus Maximus von Péter Nádas aus. Der ungarische Autor hat sich in seinen "Parallelgeschichten" wirkungsvoll der Denkweisen dieses Vorsokratikers bedient. Denn genau wie Parmenides geht es Nádas darum, die Alltagswahrnehmung der Welt als eine Scheinwahrheit aufzudecken, während die wirkliche Welt ein unveränderliches, ungeschaffenes, unzerstörbares Ganzes sei.

18 Jahre schrieb der ungarische Autor an diesem Dickicht aus Lebensgeschichten, die in ein globales Ganzes eingewoben sind. Der Leser trudelt aus dem Berlin der Wendezeit, nach Budapest ins Jahr 1961, fällt zurück in grausam-erschütternde Schilderungen der letzten Tage des 2. Weltkrieges oder findet sich gar in der k. u. k.-Zeit Österreich-Ungarns wieder. Als "gehörten zu jeder Einzelheit weitere hundert Einzelheiten, als erheische jeder Satz eine Erklärung und als enthülle er mit jeder Erklärung ein hochbrisantes Geheimnis, während er seine eigenen Geheimnisse für sich behielt." Alle Personen, die auf latente Art durch ihre Vergangenheit miteinander verbunden zu sein scheinen, leiden an unterschiedlich ausgeprägten Arten von Verfolgungswahn. Ihr zwanghaftes Sichverstecken, ihre berechtigte oder ungerechtfertigte Angst oder Rastlosigkeit haben nur ein Ziel: den Wunsch nach Spurenlosigkeit, spurlos unter den Menschen zu verschwinden. Dabei ist der Tod immer allgegenwärtig. Sei es der gleich zu Beginn des Romans von einem jungen Mann gefundene Tote, die Verbrennenden eines hektisch aufgegebenen Konzentrationslagers oder aber die Niedergeknüppelten des ungarischen Aufstands von 1956.

Ein weiteres wichtiges Augenmerk richtet Péter Nádas auf Körperlichkeiten, gepaart mit einem sensiblen olfaktorischen und visuellen Gespür. Manche Beschreibung rund um das männliche Geschlechtsorgan oder aber die minutiöse Beschreibung eines Beischlafes über 70 Seiten mögen den Leser irritieren. Allerdings gleiten sie niemals ins Pornographische ab, sondern gleichen eher einer Offenlegung tabuisierter Ästhetik: Lust und Schmerz als Einheit, sich kreuzende Qualen und Glücksgefühle, "kein Unterschied mehr zwischen Innen- und Außenwelt (...) im chaotischen Reich der unbekannten Handlungen und heimlichen Antriebe". Nádas zeichnet eine ungeheure Neugier aus, auf das, was den Menschen verbindet, "und ob das, was sie verbindet auch haltbar ist und sie vor der zähneklappernden Einsamkeit bewahrt". Zumeist bleiben die Schicksale seiner oftmals egozentrischen Figuren im wahrsten Sinne des Wortes Parallelgeschichten. Nicht Liebe und Erfüllung wird ihnen zugegen, sondern Leere und Sehnen. Einzig Klára und Kristóf (das offensichtliche Alter Ego des Autors, bei dessen Schilderungen von der ansonsten auktorialen Form abgewichen und in die Ich-Form gewechselt wird) können sich aus dem lähmenden zwischenmenschlichen Befremden herauslösen.

"Ich trage Leute in mir, die nicht ich sind, und blicke mit ihnen in Zeiten und auf Orte zurück, die es für mich gar nie geben konnte, oder ich blicke in Zeiten voraus, die ohne mich für niemanden kommen würden." Péter Nádas beschreitet viele ineinander verschlungene, verkettete Pfade. Wege, die sich manchmal kreuzen, manchmal nur berühren, mal vertraut, dann wieder völlig fremd sind, letztendlich aber trotzdem von einem Menschen zum anderen hinüberführen. Er offeriert eine "Topographie der unverständlichen Sehnsüchte, der auf dieser dreckigen Erde hinterlassenen Spur gehätschelter Phantasien und unerfüllter Wünsche." Am besten kann man die Struktur des Romans vielleicht mit einem Film vergleichen, der manchmal reißt, dann wieder an ganz anderer Stelle aufblitzt und weiterläuft. Ein Film über das vergangene Jahrhundert, über die Menschheit, über "verflochtene Iche".

Der Text liest sich trotz dieses Figurenkonglomerates, der mitunter mitten in einem Satz wechselnden Zeit- und Handlungsebene, ausnehmend gut. Mit ein bisschen Konzentration verliert der Leser auch niemals die Orientierung. Dies ist zu einem nicht unerheblichen Anteil das Resultat der hervorragenden Übersetzung durch Christina Viragh, die dafür völlig zu Recht den Preis der Leipziger Buchmesse 2012 erhielt. Ihre kongeniale Übertragung erhält die feinen Spannungen und Schattierungen des Tonfalls, das "Summen und Rauschen der klatschenden Erfülltheit, Leere, Dichte, Fläche der Welt", mit der der Autor das epochale Werk durchzogen hat. Vielleicht sollte sich der Leser ganz auf die Fühler seiner Fantasie verlassen, um die situativen Wechsel einer Szene "unbeschadet zu überstehen". Wer allerdings "ungeschützt" in diesen literarischen Koloss hineinsieht, gerät unweigerlich in ein Labyrinth, aus dem er, wenn er nicht aufpasst, nicht wieder herausfindet. Denn: "So viele aufeinanderfolgende, sich berührende Veränderungen vermag der Blick nicht aufzunehmen. Und das Bewusstsein schnappt leer nach Luft, wenn es über der schaurigen Tiefe nichts zum Erfassen hat."

Péter Nádas' "Parallelgeschichten" zeigen die "Schönheit und Schrecklichkeit der zwischenmenschlichen Osmosen, des Identitätstausches und der wechselseitigen Zersetzung". Es ist ein Buch, das den Zusammenhang zwischen dem Individuellen und Geschichtlichen erspürt. Ein Buch, das das Fühlen und Denken gleichermaßen anregt. Denn vielleicht ist das ganze Leben nichts anderes als eine spezifische Sinnestäuschung, da "sich die Welt in noch so vielfältiger und reichhaltiger Gestalt präsentieren mag, sie ist letztlich doch einfach ein Gesamt, ein Haufen immer gleicher Materialien..." Oder um noch einmal mit Parmenides zu sprechen: "Das Sein ist ungeworden, und unzerstörbar ... es war nicht und wird nicht sein, denn im Jetzt ist es als Ganzes, Zusammenhängendes."
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2.0 von 5 Sternen Der gescheiterte Schwätzr, 30. Juli 2013
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Rezension bezieht sich auf: Parallelgeschichten (Gebundene Ausgabe)
Das war eine Aufgabe, ich habe nicht aufgegeben, sondern durchgehalten und die 1700 Seiten bis zum bitteren Ende gelesen. Die Eindrücke sind vielschichtig, aber es überwiegt doch der Ärger über quälend lange Passagen, die sich mit teils doch recht ekligen Schilderungen von Körperfunktonen auseindersetzen. Das geht, wenn es um Sexualität geht, dann schon ins Pornographische, und was ganz und gar dabei fehlt, ist Erotik. So genau habe ich über die Funktionen des menschlichen Körpers gar nicht Bescheid wissen wollen. Und der angelich längste GV der Literaturgeschichte (140 Seiten) besteht zu einem großen Teil ja aus den inneren Monologen der Protagonisten. Bin ich nun prüde, wenn mir nicht gefällt, wie mehrere Männer auf einer öffentlichen Toilette einen jungen Mann mir ihrem Sperma bespritzen, oder wenn ich nicht genau lesen will, wie sich ein gemischtes Paar beim oder nach dem Liebemachen - so genau erschließt sich das mir nicht - gegenseitig vollpinkelt, wobei auch noch kräftig gefurzt wird. Schocking, indeed! Ach nein, das brauche ich nicht, ich brauche ja auch keine Feuchtgebiete.
Aber, um Missverständnissen vorzubeugen, der Roman ist nun nicht durchgängi ein Porno der ekligeren Machart. Nein, Nadas ist sicher ein großer Stilist, es gibt Passagen, die lassen einen nicht aufhören zu lesen. Er beschreibt z. B. die Donau auf eine Art und Weise, dass man direkt nach Budapest fahren möchte, und beweist, dass er ein großer Schriftsteller ist. Aber das ganze Buch, das ist denn doch ganz und gar gescheitert. Woran liegt das aus meiner Sicht?
1. Nadas' oben schon erwähnter Hang zur genauesten Schilderung der physiologischen Vorgänge. Warum tut er das? Glaubt er, dass stimuliere irgendeinen sexuell? Mich in jedem Falle nicht.
2, Den Inhalt des Romans nachzuerzählen, ist schlechterdings nicht möglich, weil Nadas wohl gar nicht daran gelegen ist, die offenen Enden der Parallelgeschichten miteinder zu verbinden und irgendwo enden zu lassen. Nun gut, das Leben ist kein Roman, es gibt weiß Gott Geschehnisse, die zu keinem richtigen Ende kommen, aber warum dann überhaupt erzählen. Ich habe den Eindruck, Nadas hat über die 20 Jahre, die er angeblich für diesen Roman gebraucht hat, den Überblick verloren. Oder er hat gar nie einen haben wollen1 Vor Jahren las ich mal ein Buch, dass sich mit dem "Ende des bürgerlichen Romans" befasste, hier gibt es dafür neue Nahrung. Ich will nicht mit auf diesen Trip, ein Romancier muss etwas zu erzählen haben, anosnsten lässt er Leser und Zuhörer enttäsucht zurück. Ja, man kann dann sagen, das sei aber doch große Kunst, aber für wen? Art for art's sake! Man müsste den Roman sicher noch einmal lesen, um gewissse Vorgänge besser verstehen zu könnnen, aber wer ist dazu willens, angesichts von 1700 Seiten.
3. Nadas ist oft ein unertärlicher Schwätzer, dem es nicht nur nicht genügt für einen Vorgang, einen Gedanken, was auch immer, minedsterns drei Metaphern anzubringen, obschon dem Leser schon nach der ersten klar ist, was er vermittlen will. Nein, es wird sogar noch schlimmer, denn etliche Metaphern oder Vergleiche treffen einfach nicht, sind mitunter sogar voll daneben. Das ist dilettantisch, da hätte ein Lektor viel gute Arbeit leisten können. Aber auch einem Thomas Mann wird man nicht mehr reingeredet haben, doch der wusste, was er tat.
Alles in allem ist das ein sicher auch faszinierendes Buch, das aber zumeist nur den Wunsch auslöst, dass es doch bald vorbei sein möge. Es ist so anstrengend, es zu lesen. Nun mag eingewendet werden, dass dies ja nicht gegen große Kunst spreche, die es einem Rezipienten nicht unbedingt einfach machen will. Geschenkt. Auch der Stil eines Uwe Johnson war mitnichten einfach, aber es erstand am Ende etwas, es waren da Personen, die man sich vorstellen konnte, deren Gefühle einem klar wurden. Nadas dagegen hüpft von einem zum anderen, mitunter in einem Satz, sodass man sich immer neu orientieren muss, wer da denkt, um wen es da auf welcher Zeiebene geht. Das ist bemüht avantgardistisch, das hat aber keine wirkliche Klasse.
Lohnt es sich denn nun, Nadas "Buch der Erinnerungen" zu lesen? Vielleicht kann mir einer weiterhelfen. Dieses Buch - die "Parallelgeschichten" -kann ich eigentlich niemandem empfehlen. Dafür ist unser Leben zu kurz, in gleicher Zeit kann man andere schöne Dinge tun, z. B. einen äteren Roman von Martin Walser lesen.
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Parallelgeschichten
Parallelgeschichten von Péter Nádas (Taschenbuch - 2. September 2013)
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