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5.0 von 5 Sternen "Die Liebe muß neu erfunden werden, das liegt auf der Hand" (Arthur Rimbaud), 9. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Von der himmlischen und der irdischen Liebe (Taschenbuch)
Was ist Liebe? Trieb? Gefühl? Zustand? Tätigkeit? Dieser Frage geht der ungarische Schriftsteller in seinem erstmals 1991 in Ungarn erschienenen und veröffentlichten Essay "Von der himmlischen und der irdischen Liebe" nach. Dieses Buch ist anlässlich eines Vortrags, dass Peter Nadas 1989 an der Freien Akademie der Jungen Demokraten in Budapest über das Thema "Geschlechterrollen und das Prinzip der Geschlechter" hielt, entstanden. Der Text der Rede mit dem Titel "Von der Unmöglichkeit, von Liebe zu reden" bildet den dritten Teil dieses aus drei Teilen bestehenden Buches. Der Hauptteil sind die ausgearbeiteten Notizen, auf deren Grundlage Peter Nadas zu den Hypothesen gelangt ist, die er im Text seines Vortrages aufgestellt hat. Der erste kurze Teil mit der Überschrift "Abbilder von Urbildern" geht der These von Teilhard de Chardin nach, wonach der Mensch, seitdem er existiert, sich selbst zur Betrachtung gegeben ist und was Peter Nadas die Gelegenheit gibt die Frage zu stellen, seit wann ist seitdem? Der Mensch, den Chardin meint, kann nicht zeitlich festgemacht werden, aber das Wort "seitdem" bedeutet lediglich, dass seit der Mensch in dem sich darbietenden Anblick des eigenen Bildes sich selbst betrachtet, er ohne dieses Abbild zumindest als Mensch nicht existiert. Anhand der mythologischen Erzählung von Narziß und Echo, die in Ovids Metamorphosen geschildert wird, wird das Begebnis der Spiegelkonstruktion, die Bild und Begriff von einander verklammert, vertieft. Nadas stellt fest, dass Ovid einen anderen Menschenbegriff hat als Chardin und dass seine Welt der Verwandlungen, "in der Stoffe und Energien weder nach Geschlecht noch nach Eigenschaften, ja nicht einmal der inneren Struktur nach unterschieden sind, so dass es möglich ist, dass eines sich ins andere verwandelt" von der unseren dadurch unterschieden ist, dass es in dieser anderen mythischen Welt Sinneswahrnehmungen und Empfindungen gibt, die "nicht nach den Regeln der Abgrenzungen der Eigenschaften aneinander" haften.

Diese Diskrepanz zwischen der mythischen alten Welt und der mentalen modernen Welt, die sich unter anderem in unserem Geschlechterbild und Liebesbegriff zeigt, wird von Nadas in seinem kulturgeschichtlichen und philosophischen Essay, dass sich auf die Liebesgeschichte von Sokrates und Alkibiades in Platons Gastmahl, auf Barthes und Foucault, um nur einige zu nennen, bezieht, weiterverfolgt. Neben diesen Werken bezieht Peter Nadas auch seine eigenen persönlichen, körperlichen Erfahrungen mit ein, etwa wenn er über die Arbeit des Setzer seiner eigenen Texte reflektiert, die emotional und erotisch geladen ist oder wenn er das Verhalten der zusammengepressten und sich berührenden Körper in einem überfüllten Bus beschreibt. Wie schon in seinen Romanen "Buch der Erinnerung" und "Parallelgeschichten" versucht Nadas für unsere gewöhnlichsten und alltäglichsten Gefühle und Handlungen (vor allem die Sexualität und Liebe), die wir unbewusst vollziehen, eine Sprache zu finden und zu geben, jenseits aller Sprachreglements und Konventionen. "Wir haben der Sprache den Krieg erklärt", schreibt Nadas. Die Unzulänglichkeit und Trivialität unserer konventionellen und institutionalisierten Sprache wird vor allem am Beispiel des außergewöhnlichsten, menschlichen Phänomens deutlich: der Liebe. Jeder kennt den Zustand des Verliebt seins oder sehnt sich zumindest danach, aber wenn es darum geht unsere Liebesgefühle gegenüber einem anderen zu artikulieren und zu formulieren, sind wir gezwungen, "das Außergewöhnlichste mit allerallgemeinsten beziehungsweise allerbanalsten Ausdrücken zu benennen". All unsere Begründungen und Wörter warum wir eine andere Person lieben, etwa weil sie schön ist oder weil sie gut ist, sind keine Garantien für die Beständigkeit unserer Liebe in einer Welt, "wo wir der Anziehung von etwas ausgesetzt sind, für das wir weder als sicher noch als beständig zu nennende Wertmaßstäbe besitzen". Während Michel Foucault in seiner sprachphilosophischen Sicht sagt, dass wir über die Liebe in drei voneinander scharf abgrenzbaren, sich gegeneinander verschließenden Sprachen reden: in der Sprache des Obszönen, in der Sprache der Klinik und in der Sprache der Symbole, verweist Nadas daraufhin, dass unsere Alltagssprache, sofern sie über die Liebe sprechen muss, neben der Sprache der Selbsterkenntnis und der Wissenschaftssprache zweierlei Arten der Rede findet: "Die eine ist die magische, die geheime, die Sprache der Nacht, die andere ist die soziale, die öffentliche, die Sprache des Tages, und wer die eine spricht, versteht zwar auch die andere, vermag aber die eine nicht in die andere zu übersetzen. Denn der Liebesakt selbst versteht einzig und allein die magische Sprache, während die daran beteiligten Personen das Miteinanderreden allein in der Sprache der sozialen Sphäre erlernt haben." Die magische Sprache der Liebe kann man als einen archaischen Akt, ein Ritual (der amerikanische Soziologe Erving Goffman definiert "den Geschlechtsverkehr als ein Teil des Zeremonialsystems, als ein reziprokes Ritual, das ausgeführt wird, um symbolisch eine besondere Beziehung zu bestätigen.") bezeichnen, wo man "sich unwillkürlich mehrere zehntausend Jahre in der Geschichte des menschlichen Bewußtseins zurück" bewegt. Die soziale Sprache dagegen operiert mit Wörtern, die gesellschaftlich und wissenschaftlich vorgegeben werden. Beide Sprachen sind nicht übersetzbar, nach dem Liebesakt werden die beiden Liebende keine Worte finden für das, was soeben geschehen ist, oder sie finden Worte, die sich auf die Technik des Liebesaktes beziehen werden, nicht aber auf die andere Person.

Neben diesen sprachlichen, persönlichen und individuellen Unsicherheiten kommt noch ein soziologischer Faktor bei der Unmöglichkeit von der Liebe zu sprechen hinzu. Der Mensch ist, auch wenn er zweifelsohne biologisch vorgeprägt ist, ein kulturelles und soziales Wesen. In jeder Gesellschaft gibt es das Prinzip der Gegenseitigkeit und diese bildet sich "aus zwischen Menschen, von denen jeder einzelne zu Wechselseitigkeit fähig ist". Die Gesellschaft "kontrolliert und regelt (nun) die Verhältnisse und Beziehungen der Menschen, zwischen denen keine Wechselbeziehung besteht, wiewohl das unbedingte Ziel der Kontrolle und Ordnung gerade darin besteht, Institutionen für die Vielheit zu schaffen nach dem Muster der zwischen zwei Menschen möglichen Wechselseitigkeit." Die Ehe zwischen Mann und Frau ist die bekannteste und weltweit verbreiteteste Institution, um diese Möglichkeit der Wechselseitigkeit zwischen zwei Menschen (hier aber ausschließlich zwischen Mann und Frau!) zu schaffen. Die societas hat das Ziel, "die als geheimes Wissen verdeckte Wechselseitigkeit zu institutionalisieren" und sie zu "Norm und Maß des menschlichen Zusammenlebens" zu machen. Die auf Wechselseitigkeit beruhende Liebe hat aber im Staat nicht den gleichen Stellenwert wie Kriegführung, die Produktion von Gütern, der Handel, die Wissenschaft und die Politik, was allein schon daraus ersichtlich wird, dass wir den letztgenannten Tätigkeiten "beträchtlich mehr Zeit widmen als der Liebe."

Was ist also Liebe? Ein freies, individuelles Gefühl, in der die Partner austauschbar sind oder vielleicht sogar ein gesellschaftlicher Zwang? Peter Nadas entwirft einen eigenen Begriff der Liebe. Er zitiert den französischen Philosophen Roland Barthes, der geschrieben hat: "Ich errate, dass der wahre Ort der Originalität weder der Andere noch ich selbst bin, sondern unsere Beziehung." Die Liebe ist im Gegensatz zum bloßen Verliebt seins ein Dialog, ein Prozess in dem sich dynamische Formen der Seelen begegnen: "Ich bin in den Anderen lediglich verliebt, und der Andere ist in mich lediglich verliebt. Doch die Wechselseitigkeit, die zwischen uns ist, ist die Liebe." Um von Liebe überhaupt sprechen zu können, müssen wir das Feld der ästhetischen Urteile, ob wir unser gegenüber für schön, hässlich oder gleichgültig halten, verlassen und die Frage stellen, "wie der ethische Wert desjenigen ist, den man zuvor für schön, hässlich oder eben für reizlos befunden hat". Wenn der ästhetische Wert mit dem ethischen Wert kongruent ist, wenn mir die Eigenschaft des anderen zusagen, trete ich in den Dialog und die Wechselseitigkeit der Liebe ein. Das Seinselement der Eigenschaften ist aber nach Nadas die Seele.

Damit kommt Nadas zum Kernpunkt seiner Auffassung von Liebe. In der christlich-abendländischen Kultur ist die (geschlechtliche) Liebe ausschließlich über die Relation Frau-Mann an den Menschen gefesselt und gebunden und der einzig legitime Ort ihrer Verwirklichung ist die Ehe. Auch in der modernen, säkularen, mentalen Kultur ist die wechselseitige Liebe an den Sexus, an die Funktionen der Geschlechtsorgane gebunden, die Liebe wird in diesem Fall sogar mit Sexualität gleichgesetzt. Die Wissenschaft und die Biologie trägt vor allem dazu bei, dass wir uns in erster Linie nicht als Menschen begreifen, sondern als Geschlechtswesen. Das Geschlechterprinzip ist mit den Prinzip der Geschlechteridentität eng verbunden und dieser gesamte Erscheinungskomplex, der "bei besorgten Eltern, Moralpredigern und Gerichtssachverständigen üblicherweise unter die Rubrik Geschlechterrolle fällt", geht von der Vorstellung aus, "da wir nun einmal ein Geschlecht haben, müßte diesem doch auch irgendeine Wesensart zugehören, und wenn wir unser Verhalten nach dieser Wesensart ausrichten und so durchs Leben agieren, werden wir folgerichtig" vortreffliche Männer und Frauen sein. Peter Nadas kehrt die Sache aber um und fragt ob wir überhaupt ein Geschlecht haben? Zunächst einmal stellt er fest, dass Frauen und Männer ein gemeinsames Prinzip haben, "und das ist, dass sie Mensch sind. Dieser Begriff hat in unserem Denken aber gerade die Funktion, dass ich von ihnen nicht als Frauen und Männern, sondern ihrem grundsätzlichen Wesen nach sprechen kann." Die Menschen unterscheiden sich also nicht nach dem Geschlecht von einander, sondern in ihrer Wesensart, sprich Persönlichkeit: "Denn fürwahr, ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der nicht Frau oder Mann wäre, doch würde sich der eine ausschließlich nach dem Geschlecht vom anderen unterscheiden, so könnten wir nur von Frauen und Männern oder gar nur von Männchen und Weibchen reden, und weder der Unterscheidung zwischen Mensch und Tier noch dem Begriff Mensch käme irgendeine Bedeutung zu." Wer von dem simplen Tatbestand ausgeht, nach dem die Menschen Frauen und Männer seien, verliert er die jedem eigene Persönlichkeit, wer in wen verliebt ist, aus den Augen. Peter Nadas vertritt ein Menschenbild, dass gegen die allgemeine Auffassung "die Person des Menschen nicht aus seinem Sexus" ableitet, "sondern seinen Sexus als eine seiner Eigenschaften" betrachtet. In der jüdisch-christlichen Kultur und Religion sowie in den neuzeitlichen, medizinischen Wissenschaften werden die "Normen für Liebeslust und Liebeshandlung an den Sexus, das Geschlecht" gebunden (der einzige Unterschied besteht nur darin, dass diese Wissenschaften die Frauen und Männer "von der drückenden Last des Verbots der ehedem als Sünde geltenden Liebeshandlungen, die auf Lust zielen" befreit haben, in dem Maße aber, "wie sie sich bereit finden, das für die Geschlechter mittels Machtmechanismen aufgestellte Normensystem zu akzeptieren.").
Die Standardbegriffe Heterosexualität und Homosexualität, die Ende des 19. Jahrhunderts erfunden wurden und an die jeder felsenfest glaubt, sind für Peter Nadas sinnlos, weil sie dem Phänomen der Liebe überhaupt nicht gerecht werden: "Der Begriff der Sexualität faßt die Liebe als einen Dialog der Geschlechter auf, dabei ist die Liebe nicht nur kein Dialog der Geschlechter, sondern nicht einmal einer der Leiber." Wenn man die Liebe an den Sexus bindet, so müsste man dann auch von der Seele so sprechen, "als hätte sie erwiesenermaßen ein Geschlecht": "Wenn ich in der Lieb wirklich do durch mein Geschlecht determiniert wäre, wie der Begriff Sexualität unterstellt, so würde ich mich einerseits in nichts vom Tier unterscheiden, könnte also nicht verliebt sein, denn ich brauchte dem Umstand, dass es Menschen gibt, die schön sind, und solche, die hässlich sind, solche, die in meinen Augen gut, und solche, die in meinen Augen schlecht sind, keinerlei Bedeutung beizumessen, andererseits könnte ich Beziehungen ausschließlich mit Personen meines eigenen Geschlechts oder aber ausschließlich mit solchen des anderen Geschlechts eingehen, obgleich ein jeder empfinden wird, dass sich weder von dem einen noch vom anderen ausschließliche Geltung behaupten läßt."

Warum ist aber unsere Gesellschaft von einer solchen humanen Einsicht, die die Liebe ganzheitlich auffasst und nicht in sexuelle (heterosexuell oder homosexuell) und biologische (Mann oder Frau, männlich oder weiblich) Kategorien einsperrt und eingrenzt, so himmelweit entfernt? Neben den Religionen und der "sozialen Dressur, die Mimik, Mimikry, Gestik und Sprachgebrauch bestimmt", liegt der entscheidende Faktor in dem Ursprung des öffentliches Diskurses über Sex. Nadas verweist auf Foucault, der daraufhin gewiesen hat, "dass der "öffentliche Diskurs" über den durch Machtmechanismen und -Strategien repressiv gehandhabten Sexus mindestens ebenso wichtig geworden ist wie die Repression selbst, richtiger, dass die Repression nichts anderes als ein Mittel zur Kontrolle und Kanalisierung des Diskurses sei und dass gerade als Folge davon seit dem achtzehnten Jahrhundert die Analyse und Klassifizierung, die quantitative und kausale Untersuchung sowie Katalogisierung der später Sexualität genannten Verhaltensweisen eingesetzt habe." Seitdem betreibt die moderne, mentale Gesellschaft eine scientia sexualis, eine Wissenschaft vom Sex, vernachlässigt aber und besitzt keine ars erotica, Kunst der Erotik.

Auch am Ende seines Essays bricht Peter Nadas mit einem Tabu, indem er nicht den Inzest, "sondern dass wir ihn uns versagen, als widernatürlich" ansieht: Nicht dass wir in die eigene schöne, kluge Mutter oder den schönen, klugen Vater "nach menschlichen Gesetzen nicht verliebt sein dürften, müssen wir widernatürlich nennen, sondern dass wir, wenn sie schön und gut sind, trotzdem zu behaupten wagen, wir seien nicht in sie verliebt. So als würden wir behaupten, wir hätten keine Augen und unsere Ohren seien von Geburt so mit Blei verstopft." Jedoch kann auch die Kontrolle der Wahl der Sinne durch das Bewußstein nicht als widernatürlich bezeichnet werden, es macht aber einen Unterschied, "ob ich von etwas behaupte, dass es keine Wirkung auf mich hat, dass ich aber dennoch aus diesem oder jenem Grund bestrebt bin, dieser Wirkung zu widerstehen, und mich mit dieser Entscheidung natürlich seelischem Leiden aussetze." Aber gerade die leidende Seele unterscheidet uns von den Tieren und die Liebe ist vielleicht nur ein "Versuch, das Getrennte zu verbinden."
Der zentrale Gegenstand von Peter Nadas in all seinen Schriften, Romanen und Erzählungen ist der Körper, die Anarchie des Körpers. Der Körper als eigenständiger Beobachter unterliegt keiner moralischen, rechtlichen oder religiösen Kontrolle und Instanz. Weil eben der Körper als eigenständiger, autonomer Beobachter seine eigenen Regeln und Gesetze hat, muss er als größte Gefahr für jedes autoritäre und bürgerliche System, das auf Gehorsam und Befolgung von sexuellen Normen beruht, betrachtet werden.

Der Essay "Von der himmlischen und der irdischen Liebe" wirft jedenfalls einen anderen Blick auf die Liebe und die Geschlechterordnung, doch nur solche Bücher, die uns neue Einblicke in altbekannte Gegenstände geben, sind überhaupt noch lesenswert.
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Von der himmlischen und der irdischen Liebe
Von der himmlischen und der irdischen Liebe von Péter Nádas (Taschenbuch - 1. Oktober 1999)
EUR 7,50
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