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5.0 von 5 Sternen Anarchie des Körpers, 8. September 2007
Rezension bezieht sich auf: Buch der Erinnerung (Taschenbuch)
Mit seinem opulenten Werk ist es dem ungarischen Schriftsteller Peter Nadas gelungen, einen Meilenstein der europäischen Prosa zu schreiben, einen Entwicklungs- und Bildungsroman und vor allem einen Liebesroman von höchster sprachlicher und emotionaler Intensität und Modernität. Nadas erzählt in seinem Roman von einem jungen Ungarn, dem Ich-Erzähler, der sich in Ost-Berlin in den Deutschen Melchior verliebt, also die Geschichte einer homosexuellen Liebe in Ost-Berlin der 70er Jahre. Das ist der eine Teil dieses Buches, die Erinnerungen an diese intensive Liebe. Der andere Teil handelt von den Kindheitserinnerungen des Ich-Erzählers in dem kommunistischen Ungarn der 50er und 60er Jahre. Der dritte Teil dreht sich um einen fiktiven Ich-Erzähler, ebenfalls aus Ungarn stammend, der über seine inneren Konflikte und Erlebnisse Ende des 19. Jahrhunderts erzählt. Im vorletzten Kapitel "Es gibt kein Weiter" berichtet der ehemalige Jugendfreund Kristian über das tragische Ende des Ich-Erzählers.
Peter Nadas versucht in seinen Erinnerungen, anders als man vielleicht von einem Schriftsteller, der in einem Land geprägt von politischen Ideologien aufgewachsen ist, denken könnte, nicht die äußere, politische Welt zu erforschen, zu ergründen und zu hinterfragen, sondern in entgegensetzter Richtung sich auf seine innere Welt, seinen Körper zurückzuziehen und nimmt im wahrsten Sinne des Wortes dafür seinen Körper unter die Lupe. Nicht auf die Außenwelt kommt es ihm an, sondern auf seine Empfindungen und Selbsterkenntnisse. Er bezeichnet sich selber als einen Anarchisten des Körpers, "außer meinem Körper gibt es keinen Gott". Im Erleben der Liebe, der Sexualität, des körperlichen Kontaktes, ja sogar des Todes empfinden wir wie sonst nirgends "das Selbstbestimmungsrecht unseres Körpers", schreibt Nadas, "es ist das Erfühlen des archaischsten Zustands des menschlichen Körpers, hinfort hat der Körper keine Geschichte, keinen Gott, er verliert seine Schwere, seine Umrisse, er sieht sich in keinem Spiegel und hat auch kein Verlangen danach, er wird zu einem einzigen, steil explodierenden, leuchtenden Pünktchen in der Unendlichkeit der inneren Finsternis". So versteht auch Nadas unter Liebe "die Tiefe der Leidenschaft einer wechselseitigen Bindung", eine Suche "nach einer endgültigen Heimat", und nicht zuletzt eine Einheit und Ganzheit von Geist-Seele-Körper. Peter Nadas lehnt deshalb auch Begriffe wie Heterosexualität und Homosexualität strikt ab. Das Gefühl dass man jemanden liebt, legalisiert die gleichgeschlechtliche Liebe in einer Welt (nicht nur in der damaligen Zeit, wo Homosexualität unter Strafe stand), wo "das Gesetz der Geschlechter vielleicht doch stärker ist als die Gesetzte der Persönlichkeit". Nadas akzeptiert aber diese Gesetze nicht, "weil ich überzeugt war, daß es hier um meine Freiheit als Individuum und als Persönlichkeit ging". Die körperlichen Intimitäten, die erotischen Erfahrungen, die Einheit in der Zweiheit können die beiden Männer nur alleine, abgeschieden von der Außenwelt, in Melchiors Zimmer unterm Dach praktizieren. Selbstverständlich bleibt dieser ganze Ehrgeiz von dem Ich-Erzähler "ein anderes menschliches Wesen zu erkennen, zu erobern, zu erfühlen, an sich zu binden und zu besitzen..." eine Illusion, da Melchior sich nach seiner Flucht in den Westen an ein "normales", bürgerliches Leben anpasst, während der Ich-Erzähler diese "so schmerzliche Erfahrung" macht, "daß mein ganzes Leben, meine Vergangenheit mir sinnlos erschien". Nadas wagt in seinem Roman, den ich für einen der bedeutendsten und wichtigsten modernen Romane des 20. Jahrhunderts halte, sehr viel. Das Risiko, das er eingeht, wenn er sein Innerstes entblößt, seine Gedanken, Gefühle und Begierden aus seinem tiefsten Unterbewusstsein der Öffentlichkeit preisgibt, mit einer an die Schamlosigkeit gehenden Direktheit von seinen körperlichen Erlebnissen in einer poetischen, zugleich aber drastischen Sprache berichtet, kann sich natürlich gegen ihn wenden, wenn das Buch von denjenigen Menschen gelesen wird, die der Konvention und der christlichen Moral verhaftet sind, und dieses Werk als pornographisch abstempeln, wenn nicht sogar diffamieren werden. Diese Schamlosigkeit und Offenheit bezieht sich nicht nur auf seine homosexuelle Beziehung, sondern auch auf seine Kindheitserinnerungen. Wenn sich das Kind seines Körpers langsam in seinem Reifeprozess bewusst wird, verspürt es nicht nur eine Neugier auf seinen eigenen Körper, sondern auch auf den seiner Eltern. So beschreibt Peter Nadas in einer gewagten und hocherotischen Szene, seine von ihm ausgehende Berührung mit dem nackten Körper seines Vaters im Schlafzimmer der Eltern, gedrängt von dem Bedürfnis das Genital des Vaters einmal in die Hand zu nehmen. Dieses Wagnis darf bei Peter Nadas natürlich nicht fehlen, denn in einem Entwicklungsroman darf nichts fremd bleiben, "was menschlich ist", wissend, "daß jeder wenigstens einmal die Scham seines Vaters verletzen muß, vielleicht um selber unverletzlich zu bleiben, und daß das ein jeder mit Gewißheit auf die eine oder andere Weise tut".
Das Buch hat auch ergreifende Szenen, wenn zum Beispiel Peter Nadas in dem Kapitel "Das Jahr der Begräbnisse" den ungarischen Aufstand beschreibt. Aber auch hier geht es nicht primär um das geschichtliche Ereignis, nicht die Außenwelt interessiert Nadas, sondern der Körper seines soeben, auf der Straße in der Menge erschossenen Freundes Kalman, "von jenem unverwechselbaren Gefühl und dem Geruch seiner Haut, von der Einmaligkeit der Muskeln, der Haut, der Proportionen und der Ausstrahlung, an der wir einen Menschen erkennen, von dem weichen und warmen Dunkel, das uns plötzlich jedes geschichtliche Ereignis vergessen läßt und mit einer einzigen sanften Berührung aus der Fremde zurückführt ins Vertraute, in eine Vertrautheit der Berührungen, Gerüche und Empfindungen, in der man dann diese einmalige Hand zu erkennen vermag".
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5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mammutunterfangen, 29. August 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Buch der Erinnerung (Taschenbuch)
Dieses "Buch der Erinnerung" von Péter Nádas zu lesen und zu verarbeiten ist wahrlich ein Mammutunterfangen und m.E.für die vordergründig interessierte Mehrzahl der Leser nicht so ohne weiteres zu bewältigen. Wer es trotzdem schafft, sich in diese, sich auf ständig verschiebenden Zeitachsen und Orten bewegende Handlung hineinzudenken, ist sicher bestens gerüstet, um anschließend die "Parallelgeschichten" anzugehen. Ein großes Werk und sicher nur vergleichbar mit den literarischen Heroen Proust und Musil, um hier nur zwei Namen aufzuführen. Dem Inhaltverzeichnis folgend habe ich das Geschehen in 19 Handlungssträngen in kurzen Sätzen schriftlich fixiert,um den Überblick, den ich zwischenzeitlich zu verlieren drohte, zu wahren. Es würde diese Rezension sicher sprengen und wäre aus Platzgründen auch nicht vertretbar, diese meine Lesehilfe hier aufzuführen.
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10 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Körperlich intime Annäherungen und deren Entfremdungen, 28. Februar 2000
Von 
Hans Henkel (Graz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Buch der Erinnerung (Taschenbuch)
"Er aber redete vom Tempel seinen Leibes." Dieser dem Roman vorangestellte Satz aus dem Johannesevangelium ist eine Kurzbeschreibung dessen,was Péter Nádas versucht.Es ist ein Versuch einzudringen in den oszillierenden Mikrobereich von Emotionen. Oszillierend deshalb, weil er das von außen betrachtet einfache aufeinander Zugehen zerlegt in diese vielen kleinen ambivalenten Aufeinanderzu- und Voneinanderwegbewegungen, die einander wie in einem Tanz gegenseitig bedingen und einen gemeinsamen intimen Raum entstehen lassen. Diese Annäherungen beinhalten die Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit des Augenblicks und ein Teil dieser Intimität ist schon im Moment ihres Entstehens jene zerstörerische Kraft, die sich später in einander Fremdwerden oder auch in erbitterte Feindschaft verwandeln wird. In diesem Nichtaushaltenkönnen des sich Öffnens, des Ineinanderfließens, der Aufgabe von schützender Selbstkontrolle bestehen die Zusammenhänge zu den herrschenden politischen Verhältnissen, die bis in die intimsten Bereiche menschlichen Handelns hineinreichen und sie bestimmen. Péter Nádas schreibt von diesem Tempel seines Leibes mit einer tabubrechenden Schamlosigkeit, die neu ist und tief berührt. Vielleicht ist es das Wagnis dieses verletzlichen, entwaffneten Offenseins, das den Roman gegen Ende ein wenig ausfransen läßt, als gäbe der Autor uns Lesern die Zeit und die Möglichkeit unsere Kleider zusammenzusuchen und uns so aus dem Zentrum unserer eigenen Erinnerung zu entfernen.
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4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Körperlich intime Annäherungen und deren Entfremdungen, 5. März 2000
Von 
Hans Henkel (Graz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
"Er aber redete vom Tempel seines Leibes." Dieser dem Roman vorangestellte Satz aus dem Johannesevangelium ist eine Kurzbeschreibung dessen, was Péter Nádas versucht. Es ist ein Versuch einzudringen in den oszillierenden Mikrobereich von Emotionen. Oszillierend deshalb, weil er das von außen betrachtet einfache aufeinander Zugehen zerlegt in diese vielen kleinen ambivalenten Aufeinanderzu- und Voneinanderwegbewegungen, die einander wie in einem Tanz gegenseitig bedingen und einen gemeinsamen intimen Raum entstehen lassen. Diese Annäherungen beinhalten die Zerbrechlichkeit und die Vergänglichkeit des Augenblicks und ein Teil dieser Intimität ist schon im Moment ihres Entstehens jene zerstörerische Kraft, die sich später in einander Fremdwerden oder auch in erbitterte Feindschaft verwandeln wird. In diesem Nichtaushaltenkönnen des sich Öffnens, des Ineinanderfließens, der Aufgabe von schützender Selbstkontrolle bestehen die Zusammenhänge zu den herrschenden politischen Verhältnissen, die bis in die intimsten Bereiche menschlichen Handelns hineinreichen und sie bestimmen. Péter Nádas schreibt von diesem Tempel seines Leibes mit einer tabubrechenden Schamlosigkeit, die neu ist und tief berührt. Vielleicht ist es das Wagnis dieses verletzlichen, entwaffneten Offenseins, das den Roman gegen Ende ein wenig ausfransen läßt, als gäbe der Autor uns Lesern die Zeit und die Möglichkeit unsere Kleider zusammenzusuchen und uns so aus dem Zentrum unserer eigenen Erinnerung zu entfernen.
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4.0 von 5 Sternen Buch der Erinnerung, 4. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Buch der Erinnerung (Taschenbuch)
Die Zeit, in der dieses über 1000 Seiten lange Gesellschaftsgemälde spielt (in Ungarn und der DDR in den 50ger Jahren des vorigen Jahrhunderts) hat mich sehr interessiert. Probleme hatte ich anfangs mit dem Stil des Autors. Er schreibt seitenlange Schachtelsätze und trennt sie lediglich durch Komma und Semikolon ab. Allenfalls vor Abschnitten beendet er sie durch einen Punkt. Das bewirkt, dass man - auch bei langen Einschüben mit Bindestrich - sehr oft den "Faden verliert". Das scheint ein Stilmerkmal von Nádas in diesem Buch zu sein, da er in anderes Werken darauf verzichtet.
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Buch der Erinnerung
Buch der Erinnerung von Péter Nádas (Taschenbuch - 1. Oktober 1999)
EUR 14,99
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