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24 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 27. Oktober 2002
„Eine Ampel in einer namenlosen Stadt springt auf Grün. Ein Auto bleibt dennoch stehen. Der Fahrer ist urplötzlich erblindet. Den freundlichen Helfer, der den Erblindeten nach Hause bringt und sich anschließend dessen Auto bemächtigt, ereilt das gleiche Schicksal. Wie eine Epidemie greift die Blindheit um sich. Der Staat reagiert brutal. Die Erblindeten werden in einem leerstehenden Irrenhaus interniert, wo sie sich selbst überlassen werden. Doch es gibt eine Sehende unter ihnen, die die Krankheit nur vorgetäuscht hat, um bei ihrem Mann zu bleiben. Mit ihrer Hilfe könnte der Ausbruch gelingen..."
Der Autor, Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 1998, beschreibt eine Welt, von der ich mich zu Beginn vor Grauen abwenden wollte, die mich jedoch kraftvoll wie selten ein anderes Buch in ihren Bann gezogen hat. Sein Schreibstil ist anfangs sehr gewöhnungsbedürftig, da Satzzeichen nicht im herkömmlichen Sinne verwendet werden. ;-) Ich konnte mich allerdings schnell eingelesen, nach einer kurzen Gewöhnungsphase wirkte es auf mich nicht weiter störend.
Selten habe ich ein so beklemmendes Buch gelesen. Man wird einerseits in die Welt der Blinden und deren alltägliche Probleme eingeführt, andererseits offenbaren sich die Abgründe der menschlichen Natur, die in derlei Extremsituationen offen zutage treten. Ich habe mich auf die Welt dieses Buches eingelassen, es miterlebt, mitgefühlt. Und mich dabei jede Minute gefreut, diese Zeilen lesen zu können. So manch alltägliche Probleme erscheinen während und nach der Lektüre dieses Buches in einem anderen Licht. Hut ab vor einem Menschen, der dies mit seinen Zeilen bewirken kann!
Fazit: Ein beklemmendes, aber sehr fesselndes Werk - unbedingt empfehlenswert, daher volle 5 Sterne!
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31 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 18. Juli 2008
Ein Mann erblindet plötzlich, am Steuer seines Autos, an einer Ampel auf Grün wartend, ihm wird geholfen, in rasantem Tempo erblinden immer mehr Menschen, bis sich die Regierung gezwungen sieht, die erblindeten Menschen von den sehenden Menschen zu trennen, die Erblindeten also in Lager zu stecken, die von Soldaten bewacht werden. José Saramago lässt den Leser an den Schicksal einer kleinen Gruppe von Menschen teilhaben, die "Namenlos"- der Augenarzt (oder auch nur der Arzt), die Frau des Arztes, die junge Frau mit der dunklen Brille, der schielende Junge, der erste Blinde und andere- bleiben. Einzig die Frau des Arztes behält aus unerklärlichen Gründen ihr Sehvermögen und bleibt bei ihrem Mann, indem sie Blindheit vortäuscht. Erst nachdem die ganze Stadt erblindet ist, gelingt der Gruppe die Flucht.
José Saramago lässt den Leser am Verfall der Moral (unter den Blinden erhebt z.B. eine "terroristische Gruppe" Anspruch auf die Herrschaft und verkauft das von ihr den anderen weggenommene Essen), ohne moralistisch zu sein, der Ethik, am Verfall des Menschseins per se teilhaben, er zeigt aber auch, dass es wohl möglich ist, in einer Situation wie dieser, Mensch zu bleiben, auch wenn die Umstände es fast unmöglich machen. Auch Liebe, und vorrangig, der Glaube an die Liebe, der ungebrochen bleibt, auch wenn man nicht sicher ist, ob man den nächsten Tag noch erleben wird. Ich denke, das ist auch genau die Botschaft (wenn man so will), die José Saramago dem Leser vermitteln will. Wenn man die Geschehnisse abstrakt betrachtet, merkt man rasch, wie sehr José Saramago mit Symbolik arbeitet. Beispiele für die gruppendynamischen Aktionen, für das Ausgrenzen von "Randgruppen", sowie für die opportunistische "Mitläufer-Täter-Rolle" findet man in den dunklen Kapiteln unserer Geschichte (und auch unserer Gegenwart) leider schnell. Großartig finde ich (anders als einige Rezensenten vor mir, die eben das als Schwachpunkt gesehen und bewertet haben), dass José Saramago gar nicht erst versucht, uns die alles erfassende Blindheit, bzw. die Nichterblindung der Frau des Arztes zu erklären, ich denke, die Ursache ist in diesem Fall nicht wichtig.
Wenn man bereit ist, diese beeindruckende und ungewöhnliche Prosa (falls "Die Stadt der Blinden" des Lesers erste Berührung mit José Saramagos Welt ist) auf sich wirken zu lassen, ist man schnell vom Sog dieser Prosa verzaubert und gefangen.
Ein beeindruckender, ein großer, ein wichtiger Roman, der zum Nachdenken anregt, ein Roman, der lange nachklingt. Ein Roman, der Stellung nimmt und kompromisslos auf seiner Linie bleibt. Ein Meisterwerk.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 4. Februar 2012
Ein Mann wartet in seinem Wagen vor einer roten Ampel. Die Ampel schaltet auf grün, doch der Mann fährt nicht los. Er hat ohne Vorwarnung sein Augenlicht verloren und sieht alles weiß, als ob er "in einem Nebel gefangen oder in einen milchigen See gefallen wäre". Ein barmherziger Samariter bietet an, ihn nach Hause zu fahren und stiehlt ihm danach das Auto. Seine Frau bringt ihn mit dem Taxi zur Untersuchung in eine nahegelegene Augenarztpraxis. Innerhalb eines Tages erblinden der hilfreiche Autofahrer, der Taxifahrer, der Augenarzt und alle Patienten, die sich in dessen Wartezimmer aufgehalten haben.

Die Blindheit greift um sich wie eine Epidemie und die Regierung gerät in Panik. Die Erkrankten werden in eine leerstehende Nervenheilanstalt transportiert und dort unter Quarantäne gestellt. Soldaten, die den Befehl haben, jeden zu erschießen, der zu fliehen versucht, bewachen die Blinden. Die Frau des Augenarztes behält als Einzige ihr Augenlicht. Sie verbirgt dies jedoch und begleitet ihren blinden Mann in die Nervenheilanstalt.

Die Zahl der Opfer wächst rasant. Das Asyl ist bald überfüllt und die Versorgung der internierten Blinden bricht zusammen. Toiletten verstopfen und laufen über, die Lebensmittellieferungen gelangen nur noch sporadisch in die Klinik, es gibt keine medizinische Versorgung für die Kranken und keine Möglichkeit, die Toten richtig zu begraben. Zwangsläufig beginnen die gesellschaftlichen Konventionen ebenfalls zu zerfallen.

Eine Gruppe der blinden Insassen übernimmt die Kontrolle über die schwindende Lebensmittelversorgung und beutet die Bewohner der anderen Schlafsäle aus. Um Nahrungsmittel zu erhalten, müssen die anderen Bewohner die Wertgegenstände, die sich bei sich führen, an die Kontrolleure abgeben. Nachdem alle Wertgegenstände gegen Nahrungsmittel getauscht sind, verlangen die Ausbeuter, dass die Frauen sich zu sexuellen Dienstleistungen zur Verfügung stellen.

José Saramogo wurde am 16. November 1922 als Sohn eines Landarbeiters geboren und ist einer der bedeutendsten Autoren Portugals. Sein Roman Hoffnung im Alentejo" wurde 1981 mit dem Preis der Stadt Lissabon ausgezeichnet. 1995 erschien sein bekanntester Roman Die Stadt der Blinden" und Saramago erhielt den Camoes-Preis, die höchste Auszeichnung für Literatur in portugiesischer Sprache. 1998 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt.

Die Stadt der Blinden" liefert eine erschreckend detaillierte Beschreibung des Zusammenbruchs der menschlichen Gesellschaft nach einer Katastrophe. Saramago erspart seinen Figuren und dem Leser nichts. Seine Beschreibungen der unhaltbaren hygienischen Zustände in der ehemaligen Nervenheilanstalt, des Streits um die besten Schlafplätze sowie die begrenzten Nahrungsmittel und der rohen Brutalitäten wie die Massenvergewaltigung der blinden Frauen sind in ihrer Drastik bisweilen kaum zu ertragen.

Und doch ist Saramago ein unbedingter Moralist, der daran glaubt, dass es grundlegende menschliche Werte und Qualitäten gibt, die sich noch unter extremen Bedingungen bewähren. Die Frau des Arztes, die ihren Mann aus Liebe in die Quarantäne begleitet, ist so eine Lichtgestalt. Sie leiht dem Leser ihre Augen und führt ihn durch diese Hölle aus unfassbarem Schmutz und unvorstellbarer Gewaltakte, in der trotz der unerträglichen Zustände einzelne Menschen dazu fähig sind, erstaunliche Akte der Nächstenliebe zu vollbringen. Die Frau des Arztes führt die Blinden ihres Schlafsaals zur Toilette, hilft ihnen beim Ankleiden, säubert sie von Schmutz und Kot, ohne ein einziges Mal zu klagen oder ungeduldig zu werden mit diesen hilflosen Opfern der Krankheit.

Saramago macht es dem Leser nicht leicht, in seinen Roman hineinzufinden. Die Stadt der Blinden" beginnt sperrig. Schachtelsätze ziehen sich über zwei oder drei Seiten, der Autor scheint Absätze und Satzzeichen nicht sonderlich zu schätzen und die eingeschobenen Dialoge sind nur schwer von der Handlung zu trennen und als solche erkennbar. Die Figuren sind keine Personen, mit denen sich der Leser identifizieren kann. Sie stellen Typen dar, reduziert auf eine einzige Eigenschaft: der Arzt, die Frau des Arztes, der erste Blinde, die Frau des ersten Blinden, die junge Frau mit der Sonnenbrille, der schielende Junge, der Alte mit der Augenklappe oder die Blinde, die nicht schläft.

Das ebenso verstörende wie faszinierende Szenario und Saramagos knappe und präzise Sprache lassen den Leser die stilistischen Zumutungen schnell vergessen. Die Stadt der Blinden" ist ein beängstigender und sehr eindringlicher Roman, dessen Wirkung auch nicht durch das reichlich abrupte Ende, das kaum Erklärungen liefert, geschmälert werden kann.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Klasse, erschreckend und lesenswert. Einen Punkt Abzug aber trotzdem, da die fehlende wörtliche Rede meinen Lesefluss sehr stark gehemmt hat. Alle Menschen erblinden plötzlich, außer der Frau des Augenarztes. Die Erblindeten werden weggesperrt und anfangs noch versorgt, doch nach und nach bleibt alles aus. Strom, Wasser, Essen. In der Irrenanstalt, in der unsere Gruppe gelandet ist, herrschen Zustände wie im Krieg und die Menschen organisieren sich mehr oder weniger. Ein Szenario, das man nicht miterleben möchte. Die Gruppe kann ausbrechen und stellt fest, dass draußen auch alle Menschen blind sind und sich mehr oder weniger schlecht als recht durchkämpfen. Die Frau des Augenarztes führt die kleine Gruppe an und muss aufpassen, dass niemand merkt, dass sie selbst noch sehen kann. Ich glaube den Film werde ich nicht ansehen. Die Szene, in der die Hunde den toten Menschen auf der Strasse fressen, reicht mir schon im Buch. Auch der ganze Dreck und der Schmutz, der sich überall ansammelt, muss nicht noch visualisiert werden. Die Vergewaltigungsszenen, die Morde, Erschießungen, das sind Dinge, die die Welt nicht braucht. Namen hat in dem Buch keiner, es gibt den Augenarzt, die Frau des Augenarztes, der Mann mit der Augenbinde, die junge Frau mit der dunklen Brille, der erste Blinde, die Frau des ersten Blinden, etc. Man weiß auch nicht, wo die Handlung spielt. Das Ende ist mir dann doch zu Happy-mässig, nach all dem Schrecken. Der erhobene Zeigefinger, der darauf deuten soll: und die Moral von der Geschichte, und was lernen wir jetzt daraus? Eine funktionierende Grundversorgung mit Wasser und Elektrizität hat schon was für sich. Es ist schön, dass wir sehen können, wenn auch nicht alles, was wir sehen, schön ist.
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13 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
TOP 500 REZENSENTam 18. August 2006
Ganz plötzlich erblindet ein Mann in seinem Auto. Ein Hilfsbereiter bringt ihn nach Hause, nützt jedoch anschließend die Blindheit des Mannes aus und stiehlt dessen Fahrzeug. Doch auch er erblindet. In der Augenarztpraxis multiplizieren sich die Opfer und dann geht es Schlag auf Schlag. Immer mehr Menschen erblinden und schließlich reagiert das Ministerium auf die erkennbare Epidemie und kaserniert die Blinden, bald sogar schon die vermutlich Infizierten in einer alten Irrenanstalt. Einzig die Frau des Augenarztes bleibt verschont, hält diesen Vorteil jedoch lange für sich, um zunächst einfach nur ihrem Mann beizustehen, später um die Blinden einigermaßen sinnvoll zu unterstützen.

In unnachahmlicher Weise beschreibt der Nobelpreisträger Saramago ohne Umschweife und mangels jeglicher Störung durch überflüssige Satzzeichen zu verfolgen in seiner Allegorie die Entwicklung der Zufallsgemeinschaft mit ihren individuellen Schicksalen und Hoffnungen, Enttäuschungen und den sich schnell ergebenden Erniedrigungen. Es ist erschreckend, zu erfahren, wie sich Menschen verändern (können) und vermutlich wirkt das auch deshalb so stark, weil sich der Leser, die Leserin schnell selbst zu entdecken glaubt beziehungsweise erschreckt die Möglichkeit der Wesensveränderung auch bei sich erkennt.

Grausam, Ekel erregend und erschütternd bekommt man den Untergang des Menschlichen, der Verantwortung, Liebe, Seele, Zivilisation und Würde vor Augen geführt. Zudem verfolgt man die absolute Entgleisung zivilisatorischer Kraft, die völlig abstrus aus einer vormals demokratischen, aufgeklärten Gesellschaft binnen Stunden zu einer diktatorisch unterdrückten Masse mit verborgenen, aber nun aufbrechenden Perversionen mutiert. Es wird schnell deutlich, dass die genutzte Metapher des Autors greift: Blind sein bedeutet nicht nur Nichts zu sehen!

Als die zusammengepferchte Ansammlung lediglich Sehbehinderter – was prinzipiell wahrlich nicht Bedrohliches oder gar Abstoßendes darstellt – beginnt, in niedrigster Weise sich gegenseitig unter Missachtung jeglicher Grundwerte und angeeigneter oder erlernter Verhaltenskodizes zu verletzen, zu unterdrücken und zu erniedrigen, sich gegenseitig in einem aussichtslosen Kampf und menschenunwürdigen Umgang miteinander auszurotten, offenbart sich die Frau des Arztes mit ihrer Fähigkeit zu sehen als scheinbare Befreierin.

Die wieder gewonnene Freiheit ist nur eine vermeintliche, denn die vorherigen Werte und Besitztümer erweisen sich letztlich als überflüssig und wertlos, Grundbedürfnisse auf den Rücken Anderer zu befriedigen wird zum täglichen und einzigen Überlebenskampf. Die unsinnig Eingesperrten betreten das Ende der Zivilisation, das überall vorherrschende Chaos, gegen das die Sehende mit unbändiger und unerschütterlicher Kraft angeht und so überzeugend wirkt, dass sich gegen Ende ein Hoffnungsstreif am Firmament der durch Exkremente, Müll und Zerstörung gezeichneten Stadt erahnen lässt.

Die in der Geschichte versteckte oder auch offensichtliche Allegorie auf die Unmenschlichkeit im menschlichen Alltag, auf die Blindheit der Sehenden und Herrschenden, ergreift, rüttelt auf und lässt über die Grundanliegen der Gesellschaft, des Menschlichen an sich und den Sinn eines würdigen Lebens oder besser noch über die Würde eines Lebens nachsinnieren. „Die Stadt der Blinden“ ist ein einzigartiges Buch, das zu lesen Pflicht sein müsste, um die Bedeutung des menschlichen Miteinanders, den Wert der Solidargemeinschaft und die Kraft von Würde und Liebe für jede und jeden Einzelnen nachhaltig zu vermitteln. © 8/2006, Uli Geißler, Freier Journalist, Fürth/Bay.
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TOP 1000 REZENSENTam 9. Januar 2006
Ein Autofahrer erblindet plötzlich, während er an der Ampel auf grün wartet. Es ist kein „normales“ Erblinden; der Mann sieht weiß, nur noch weiß, mit geöffneten wie geschlossenen Augen. Ein anderer Mann, der ihm hilft, seine Wohnung zu finden, klaut ihm danach das Auto, aber auch dieser Mann verliert seine Sehkraft, wie der Augenarzt, den der „erste Blinde“ aufsucht, und es folgen andere.
Die Regierung ergreift schnell drastische Schritte; die ersten sechs Blinden und alle Menschen, die mit ihnen Kontakt hatten, werden interniert, in ein ehemaliges Irrenhaus verbracht, im rechten Flügel die Blinden, im linken die vermeintlich Infizierten. Um weitere Infektionen zu vermeiden, beschränkt man sich darauf, den „Kranken“ Essen in Kisten bereitzustellen. Sonstige Hilfe gewährt man ihnen nicht. Wie sie sich im Irrenhaus organisieren, das bleibt ihnen überlassen, und man gibt ihnen nichts als das Essen – keine Medikamente, keine Informationen, und man wird nicht einmal ihre Leichen abtransportieren.
Rasch kommen weitere Blinde hinzu, und ebenso rasch eskaliert die Situation. Bald sind es mehrere hundert, die Essensausgabe gerät zum Drama, verunsicherte Wachsoldaten erschießen einige Insassen, die orientierungslos herumirren, die Gänge des Irrenhauses werden als Aborte genutzt, und schließlich ergreift eine Gruppe von Dieben die Initiative, reißt die Nahrungsversorgung an sich und erpreßt die anderen Blinden – zuerst um deren Wertsachen, dann um ihre Frauen. Währenddessen greift die Erblindung „draußen“ mehr und mehr um sich …
Die Frau des Augenarztes, der vom „ersten Blinden“ aufgesucht wird, ist als einziger Mensch vom Verlust der Sehkraft verschont geblieben, aber das weiß nur ihr Mann, den sie ins Irrenhaus begleitet hat. Sie hilft den Internierten heimlich, wo sie kann, aber sie fühlt die Blindheit auf gewisse Art noch viel stärker, weil sie all das sehen muß, was die Menschen in ihrer Hilflosigkeit und existentiellen Angst miteinander tun.
Diese apokalyptische Parabel liest sich anfangs recht sperrig, weil Saramago keinerlei Namen gebraucht, Sätze einfach aneinanderreiht, Dialoge nicht von Handlung trennt, und zuweilen philosophierend eingreift, aber das Buch vereinnahmt dann rasch, so rasch, daß man es kaum spürt und die vermeintlichen stilistischen Widrigkeiten schnell vergißt, sogar zu genießen beginnt. Das Szenario ist enorm dicht, beängstigend und spannend, von hoher Detaildichte und Glaubwürdigkeit. Vergleichbar mit Camus’ „Die Pest“ stellt der Literaturnobelpreisträger die Frage, wie weit Menschen zu gehen bereit sind, wenn die sozialen Strukturen zerbrechen, und die Antwort lautet: Beliebig weit.
Ein faszinierendes, beängstigendes, sehr eindringliches Buch, dessen erklärungsarmes Ende den Eindruck kaum schmälert.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
In einer unbekannten Stadt erblinden nach und nach immer mehr Menschen. Auch den freundlichen Helfern, die den Erblindeten zur Seite stehen, ergeht es nicht besser. Sie ereilt das gleiche Schicksal. Es ist keine gewöhnliche Blindheit, sondern die Welt erscheint den Probanden weiß.

Der Staat geht von einer Epidemie aus und reagiert mit Ausgrenzung. Die Blinden werden interniert und sich selbst überlassen. Wer sich den Anordnungen des Militärs widersetzt, wird erschossen.

Die Ordnung bricht allmählich zusammen und aus einer einst kultivierten Gesellschaft entwickelt sich ein Horrorszenario. Das gilt nicht nur für die Gewalt des Machtapparates gegenüber den Bürgern, sondern auch für die Verhältnisse der Blinden untereinander im Internierungslager.

Die Blindheit dient dem Autor als Metapher für eine tiefgehende geistige Blindheit. Die Gesellschaft löst sich auf und die Menschen verlieren ihre Moral. Aber ein Hoffnungsschimmer bleibt: So wie auch Diktaturen eine Gegenkraft erzeugen, gibt es unter den Blinden eine Sehende. Sie wird zur Leitfigur und zum Hoffnungsträger einer Gruppe von Blinden.

José Saramago, portugiesischer Literaturnobelpreisträger, stellt die Frage nach dem Kern des Menschseins, nach Gut und Böse und dem, was sich hinter der kultivierten Fassade verbirgt. Dies ist ihm auf beeindruckende Weise gelungen.
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am 30. April 2011
Nur vier Sterne, weil der Schreibstil ein bisschen affektiert wirkt.

Ich habe das Buch schon vor einiger Zeit gelesen, aber immer noch in guter Erinnerung.
Über die Handlung wurde genug geschrieben, deshalb nur meine Eindrücke:

Das Buch bleibt im Gedächtnis haften: Beklemmung

Die namenlosen Charaktere verstärken den Außenblick, die Distanz, um einen mit umso größerer Wucht zu überfallen, wie nah wir dem Mechanismus "der Stärkere überlebt" und "scheiß auf die Moral und überhaupt" sind.

Von der Erkenntnis her nichts neues. Gib einem Menschen Macht und du erkennst seinen Charakter. Dazu gehören auch Gräueltaten. Sie ereignen sich täglich. Moral ist ein Hindernis, wenn es ums Überleben geht. Etikette und Benimm sowieso. Alles Eigenschaften, die dem Menschen nicht innewohnen oder angeboren sind.
Aber die Fähigkeit, Mitleid zu empfinden, ist es wohl.
Eine kleine Gruppe von Menschen hält zusammen und unterstützt sich gegenseitig. Einander zuhören, sich umeinander zu kümmern und sorgen, vielleicht ist das die Botschaft. Sich einem Ego-Drang zu widersetzen, um Mensch zu bleiben oder zu werden.

Das beklemmende Gefühl lässt einen bis zu den letzten Seiten nicht los.
Gewöhnungsbedürftig ist der Schreibstil.
Es ist kein Buch, das man "mal so" liest.
Man sollte Lust haben, sich auf schwer zu lesende Lektüre einzulassen.
Allemal eine Erweiterung des Lesehorizonts. Ich finde, es lohnt sich.

Allzeit gute Lesezeit
Trine
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 5. Juli 2009
In Jose Saramagos Buch "Die Stadt der Blinden" geht es um eine seltsame Krankheit, die die Menschen plötzlich erblinden lässt. Da diese Krankheit höchst ansteckend ist, sperrt die Regierung die bereits Erblindeten und alle, die mit ihnen in Kontakt gekommen sind in eine stillgelegte Irrenanstalt. Nach und nach kommen immer mehr Blinde hinzu und während sich die "Weiße Seuche" draußen weiter verbreitet, beginnt in der Anstalt ein Kampf um Leben und Tod...

Wenn man sich erst einmal an den ungewöhnlichen Schreibstil (Saramago benutzt keine Ausrufe-, Anführungs-, oder Fragezeichen, was manchmal verwirrend sein kann) gewöhnt hat, ist es ein unheimlich spannendes, beklemmendes und philosophisches Buch. Alles in allem: sehr empfehlenswert.

"Das Buch zum Film" enthält, neben dem Roman, noch einige Bilder, Kommentare der Darsteller und des Regisseurs und Hintergrundinfos zum Film.
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am 2. Oktober 2010
Warum dieses Buch?
Die Idee hat mich fasziniert und die Bewertungen waren auch so gut. Drum.

Was mag ich?
Das Buch hat mich gefesselt. Wenn man sich richtig einliest und auf das Buch einlässt, steckt man mittendrin und kann beinah die Empfindungen der Hauptpersonen selbst fühlen. Die Atmosphäre ist durchgehend bedrückend und ich muss zugeben, dass ich manchmal auch Angst hatte zu erblinden (auch wenn das ohne Zweifel albern ist). Es zeigt aber, wie mich dieses Buch beeindruckt hat. Alle Geschehnisse, ob schön oder grausam sind recht nüchtern beschrieben, was die realistische Wirkung des Buches bestärkt. Nicht zu vergessen, der moralische Appell an die Gesellschaft.

Was mag ich nicht?
Die Sätze sind zum Teil beinah seitenlang. Wörtliche Rede ist nicht gekennzeichnet, sondern einfach in den normalen Text eingebaut. Dies erfordert es das Buch konzentriert zu lesen um alles aufzunehmen und nichts zu verpassen. Das Ende ist beinahe schon romantisch (entgegen der grundsätzlichen Stimmung des Buches)

Meine Empfehlung:
Wen die Geschichte interessiert, der sollte es lesen - sich aber unbedingt Zeit dafür nehmen. Es ist jedenfalls ein Buch, das man nicht vergisst - aber eben kein Buch für zwischendurch.
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