Kundenrezensionen


62 Rezensionen
5 Sterne:
 (25)
4 Sterne:
 (8)
3 Sterne:
 (13)
2 Sterne:
 (5)
1 Sterne:
 (11)
 
 
 
 
 
Durchschnittliche Kundenbewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel
Eigene Rezension erstellen
 
 

Die hilfreichste positive Rezension
Die hilfreichste kritische Rezension


27 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Extrem, bissig, aber gut
Die Klavierlehrerin Erika Kohut lebt mit über 30 Jahren immer noch bei ihrer Mutter.Von dieser wird sie dominiert, kontrolliert und unterdrückt. Dazu wird sie noch unter einen extremen Leistungsdruck gesetzt, so dass die Erziehung mehr einer Dressur gleicht.Zu einer herausragenden Pianistin soll sie werden. Auf der anderen Seite ist sie nicht mehr im...
Am 16. Juli 2000 veröffentlicht

versus
24 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Meisterwerk, das schwer im Magen liegt
Ich möchte vorausschicken, dass, auch wenn meine Rezension für dieses Werk nicht nur loben ausfällt, ich keiner von den gar nicht wenigen Menschen bin, die Elfriede Jelinek den Nobelpreis von Grund auf missgönnen. Ihre Sprache hat nicht ihresgleichen und das ist auch der Hauptpunkt, den ich diesem Buch zugute halte. Jelineks Sprache ist ungemein...
Veröffentlicht am 20. August 2007 von Michael Navratil


‹ Zurück | 1 27 | Weiter ›
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

24 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Meisterwerk, das schwer im Magen liegt, 20. August 2007
Rezension bezieht sich auf: Die Klavierspielerin (Taschenbuch)
Ich möchte vorausschicken, dass, auch wenn meine Rezension für dieses Werk nicht nur loben ausfällt, ich keiner von den gar nicht wenigen Menschen bin, die Elfriede Jelinek den Nobelpreis von Grund auf missgönnen. Ihre Sprache hat nicht ihresgleichen und das ist auch der Hauptpunkt, den ich diesem Buch zugute halte. Jelineks Sprache ist ungemein kompakt, subtil werden literarische Andeutungen eingestreut, die Worte und Sätze sind geschliffen und von expressionistischer Kraft und Sätze wie: "Kunst und Ordnung, die verfeindeten Verwandten.", oder "Derzeit bleibt der junge Mann lieber mit sich allein, einen besseren Kameraden kennt der Wolf nicht, bevor er die Ziege trifft.", sind einfach großartig.
Die absolute Kunstsprache, so gekonnt sie auch sein mag, kommt allerdings dem Lesefluss nicht zugute. Man muss schon sehr konzentriert lesen und kommt dennoch langsam voran. Erschwerend kommt hinzu, dass Jelinek darauf verzichtet, Anführungsstriche zu verwenden und auch den Sprecher nicht immer benennt, sodass man bei der wörtlichen Rede aus dem Kontext schließen muss, wer gerade spricht. Gelegentlich wird die Beschreibung geradezu zum Selbstzweck, wenn Metaphern so stark ausgebaut werden, dass ihr Bezug zur Realität verloren geht. Der Text zerfällt in Episoden, die wie Schaukastenbilder einzeln beleuchtet werden, aber nicht recht zusammenzugehören scheinen.
Die Handlung ist schnell erzählt und geht nur geringfügig über das hinaus, was auf dem Buchrücken steht. Der eigentliche Konflikt des Romans in weniger ein personeller als ein psychologischer.
Jelinek schreibt mit großer Verachtung und Zorn, an kaum jemandem wird ein gutes Haar gelassen. Durch eine Brille, die weniger rosa nicht sein könnte, wirft sie einen Blick auf Charaktere und Gesellschaft. Wenngleich sie die Vulgärsprache nicht scheut, rutscht sie sprachlich nie ins Geschmacklose ab, was sie inhaltlich durchaus tut. Das allerdings ist Teil des Programms des Romans. Sexuelle Abarten werden bis zum Ekel beschrieben. Ob das nun richtungweisend oder banal ist, kann ich nicht beurteilen. Fakt ist, dass, so krank das Erzählte auch sein mag, die Autorin mit der Sprache umzugehen versteht.
Insgesamt ist "Die Klavierspielerin" formal gesehen ein Werk von großer schriftstellerischer Meisterschaft - Spaß allerdings macht es keinen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


27 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Extrem, bissig, aber gut, 16. Juli 2000
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Die Klavierspielerin (Taschenbuch)
Die Klavierlehrerin Erika Kohut lebt mit über 30 Jahren immer noch bei ihrer Mutter.Von dieser wird sie dominiert, kontrolliert und unterdrückt. Dazu wird sie noch unter einen extremen Leistungsdruck gesetzt, so dass die Erziehung mehr einer Dressur gleicht.Zu einer herausragenden Pianistin soll sie werden. Auf der anderen Seite ist sie nicht mehr im geringsten fähig, gesunde menschliche Beziehungen zu knüpfen.Die anderen Menschen erscheinen in Erikas Vorstellungswelt wie Monster. Auf jede menschliche Nähe reagiert sie mit äußerster Agression.Als sie auf einen jungen Mann trifft, wiederholt sie unbewußt das schädliche Beziehungsmuster zu ihrer Mutter.Machtkämpfe werden bis aufs äußerste geführt, anstatt sich seelisch zu öffnen.Sexuelles Vergnügen empfindet Erika nur noch im Bestrafen und Bestraftwerden.Einen Ausweg aus ihrem Leid finder sie nicht.
Die ungeheuer verdichtete und oftmals entstellte Sprache des Romans unterstützt die starke emotionale Wirkung des Romans. Für "Positivdenker" ist der Roman sicherlich abstoßend, wer sich jedoch auch für die zwischenmenschlichen Abgründe interessiert, dem bietet sich ein interessanter und schonungslos offener Roman.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


61 von 71 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Faszinierend und erschreckend zugleich, 12. November 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Die Klavierspielerin (Taschenbuch)
Auf der Innenseite des Einbands der gebundenen Ausgabe der "Klavierspielerin" ist im Halbprofil das Gesicht einer Frau mittleren Alters abgebildet - Elfriede Jelinek, die Autorin des Buches. Es ist dies ein schönes, strenges, kaltes Gesicht.
Die 285 Seiten, die danach folgen, haben dann aber rein gar nichts Schönes mehr an sich, sondern sind nur streng und kalt. Mit unglaublich präziser Sprache, hart wie Stahl und scharf wie Kristall, und einem ganz eigenen Stil, der dem Seelenzustand der Protagonistin (und vielleicht dem Zustand der ganzen österreichischen Nation) angemessen ist, wird das Psychogramm einer Frau gezeichnet, die nie die Chance einer gesunden Entwicklung hatte und einen hohen Preis für den verfehlten Ehrgeiz ihrer Mutter zahlen muß; Erika Kohut, die Klavierlehrerin, kann nicht anders als in letzter Konsequenz auf tragische Weise zu scheitern.
Ich bin mir immer noch nicht im klaren darüber, ob das Buch schlicht zynisch zu nennen ist oder doch gnaden- und schonungslos ehrlich; bei den komischen, grotesken Stellen bleibt einem das Lachen schon beim Folgesatz im Hals stecken. Das Leben lehrt einen, daß es nichts gibt, was es nicht gäbe, und daß die Phantasie der Realität stets hinterherhinkt, und dieser Gedanke ist zutiefst erschreckend.
Alle bekommen hier ihr Fett weg - Mann und Frau in ihrer Unfähigkeit zu wahrer zwischenmenschlicher Beziehung, die Frau an sich in ihrer Rolle als Lustobjekt, Dienerin, Beute und Opfer des Mannes, der Mann an sich in seiner Unaufrichtigkeit und Impotenz, die Arbeiterklasse, die Ausländer in der Alpenrepublik, und auch die oberen Zehntausend in ihrer Bigotterie und heuchlerischer Doppelmoral. Das Sittengemälde, das Elfirede Jelinek in diesem Buch zeichnet, ist alle Schichten, alle Laster umfassend.
Ich denke nicht, daß Erika Kohut, die Protagonistin, nur noch in Bestrafung und Schmerz Lust empfindet; sie bemüht sich ehrlich, ihre Fesseln abzuschütteln, sie hofft auf Erlösung, sehnt diese herbei, und muß doch daran scheitern, was sie zur tragischen Gestalt macht - sie scheitert an dem, was eine Gesellschaft aus den Menschen gemacht hat oder machen kann.
Unversöhnlich, erschreckend und faszinierend zugleich, ist der Autorin ein großer Wurf gelungen: keine angenehme Unterhaltung, sondern Gesellschaftskritik kolossalen Ausmaßes, die aufwühlt, in der jeder das eine oder andere Stück von sich selbst finden kann, wenn er ehrlich ist. Die österreichische Literatur hat hier ein beinahe schon brutales Sprachrohr gefunden.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gewalt der Begierde und Gewalt der Sprache, 11. Mai 2005
Von 
marielan - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Die Klavierspielerin (Taschenbuch)
Erika Kohut, von ihrer Mutter zur Pianistin gedrillt, hat es nur zur Klavierlehrerin geschafft. Sie lebt noch mit Mitte 30 mit der Mutter in einer Hass-Liebe-Beziehung zusammen. Ihre "Befriedigung" zieht sie vor allem aus Schikane gegenüber ihren Schülern, Selbstverstümmelung und Voyeurismus.
Ganz gleich, welche Anzahl Sterne ich dem Buch gebe, das Resultat stellt nicht zufrieden.
Fünf Sterne für eine phanastische Sprache, für die Kunst, aus althergebrachten Redewendungen, Sprichwörtern und Floskeln Neuschöpfungen zu bauen, die genau ins Schwarze treffen und damit den Sinn des Alten verändern und beim Lesen aufhorchen lassen.
Vier Sterne für die Beobachtungsgenauigkeit, den Blick für Einzelheiten und das Verfolgen einer Szene bis zum Ende. Beispiel dafür ist die Beschreibung einer Eiskunstläuferin (S. 107), die Spünge übt und Pirouetten dreht, und deren Bewegung von der Autorin bis zur kleinsten Muskelanspannung wiedergegeben ist.
Aber - und daher keine 4 oder 5 Sterne - dieses detailgetreue Beobachten wird so auf die Spitze getrieben, dass es zum Sezieren wird. Jede Handlung, jeder Gedanke, jedes Gefühl der einzelnen Personen wird auseinandern genommen und negativ beleuchtet. Liebe ist nichts anderes als der Wunsch nach Machtausübung und Unterwerfung des anderen; Gefühle wie Freundschaft, Zärtlichkeit, Mitleid, Sympathie, Zuneigung, usw. werden ausgeklammert. Wenn man Büchern, die ihre Personen und deren Handlungen mit der rosaroten Brille der selbstlosen und allumfassenden Liebe ausstatten, Realitätsferne und Unglaubwürdigkeit vorwirft, so gilt das auch - wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen - für dieses Buch. Die von Jelinek beschriebene Seite des Menschen gibt es, aber es ist eine Seite und nicht das gesamte Wesen.
3 Sterne für das Buch sind also lediglich ein schlechter Kompromiss und nur rein rechnerisch zu werten.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


33 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Geschichte einer frigiden Künstlerin., 8. März 1999
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Die Klavierspielerin (Taschenbuch)
Elfriede Jelinek scheint in der "Klavierspielerin" absichtlich gegen fast alle Regeln des guten Schreibens zu verstoßen. Sie schreibt weder einfach und klar, noch knapp, oft anstrengend. Dabei verwendet sie lange Hauptwörter, Fremdwörter, Partizipien noch und noch. Oft erinnert ihre Sprache an steifes Beamten - und Behördendeutsch, Kanzleisprache. Immer wieder entfremdet sie Worte, verwendet sie in einem ungewohnten Zusammenhang, schafft - auch - dadurch Absurdität. Diese Sprache erzeugt ein Gefühl von Bitterkeit, Hoffnungslosigkeit, Perversion. Und genauso müssen die Gefühle der Protagonistin sein, die aber nicht explizit zum Ausdruck kommen, sondern indirekt in Form dieser Sprache, die demontiert, zerstückelt wird. Und genau darin liegt die Kunst Jelineks. Die Wirkung ist stark, man fühlt sich beim Lesen dieses Romans betroffen, man hat vielleicht sogar Mitleid mit der Klavierlehrerin und Verständnis, obwohl diese oft, wenn ihr Sadomasochismus seine sadistische Seite auslebt, sehr brutal sein kann, zum Beispiel als sie einer vermeintlichen Rivalin Glasscherben in die Manteltasche legt oder Leuten in der Tramway mit Absicht gegen das Schienbein tritt. Ick kann nicht behaupten, dass ich dieses Buch mit Genuss gelesen habe - aber es hat mich aufgewühlt und beeindruckt. Es ist irgendwie auf seine Weise doch genial.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


19 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vom Ekel und der Wortgewalt, 1. März 2005
Rezension bezieht sich auf: Die Klavierspielerin (Taschenbuch)
Auch ich - ich geb' es zu - habe Jellinek erst in die Hand genommen, nachdem die Nachricht über ihren Nobelpreis die Literaten-Nation gespalten hat. Und ich habe eine Goldgrube gefunden: kein zeitgenössischer Autor und keine zeitgenössische Autorin ist so wortgewaltig wie die Jellinek, keiner und keine kann so virtuos mit Worten umgehen. Sicher: die Geschichte der "Klavierlehrerin" ist nicht vergnüglich. Soll sie nicht, darf sie auch gar nicht sein! Eine Frau, gefangen in der eigenen Unzulänglichkeit, der anerzogenen Arroganz und der Tyrannei der Mutter, kann sich nicht selbst entkommen, kann nicht aus sich heraus - und inszeniert die eigene Vergewaltigung, durch die sie sich erhofft, die Verantwortung für sich selbst - das bisschen Verantwortung, das ihre Mutter ihr noch nicht aus der Hand gerissen hat - endlich auch abgeben zu können. Am Ende steht neben der seelischen Verletzung, die sie schon immer mit sich herumträgt, nur mehr auch noch eine physische.
Der Ekel und der Widerwillen, mit dem das Buch geschrieben wurde, ist gewaltig, und überträgt sich durchaus auch auf den Leser. Wertlose rückgratlose Frauen, abscheuliche lächerliche Männer und die verhasste Welt mitteleuropäischen Bürgertums - Jellinek wütet ihre Abneigung mit jedem Satz aus sich heraus. Aber diese Wut, und das ist das außergewöhnliche an diesem Buch und an Jellinek, befähigt sie zu einer großartigen Sprache, die nicht schön zu nennen ist, aber gewaltig, einmalig und meisterhaft.
Und dem verzagten Leser sei gesagt: die Depression beim Lesen vergeht nach ein paar Tagen wieder. Was bleibt, ist der Eindruck einer großen Meisterin der Sprache.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Vouyeurismus als Instrument der Erkenntnis?, 31. Juli 2009
Von 
euripides50 (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Die Klavierspielerin (Taschenbuch)
Gut, dachte ich mir, als ich unlängst in Wien war, dann lese ich endlich mal "Die Klavierspielerin", das Hauptwerk von Elfriede Jelinek, denn immerhin lebt die Autorin in Wien und auch die Handlung spielt in dieser Stadt.
"Die Klavierspielerin" erzählt die Geschichte von Erika Kohut, die mit ihrer herrschsüchtigen und betagten Mutter in einer beengten Wohnung lebt, im gleichen Bett schläft und mit ihr nahezu die gesamte Freizeit verbringt. Nachdem sich Erikas Hoffnungen auf eine Karriere als Pianistin zerschlagen haben, arbeitet sie als Musikdozentin am Wiener Konservatorium und quält dort, so gut es geht, ihre Schülerinnen und Schüler, die sie innerlich genauso verachtet wie sich selbst. Wenn sie mal in ihrer Freizeit gerade nicht mit der Mutter zu Hause vor dem Fernseher hockt, besucht sie Peepshows und als Spannerin den Straßenstrich im Wiener Prater, um ihre verödeten Phantasien zu stimulieren. Ihr Antagonist im vorliegenden Roman ist der Musikstudent Klemmer - jung, begabt, gut aussehend, mit sich selbst auf eine ungemein satte Art im Reinen - der sich das 35jährige Altfräulein als Experimentierfeld aussucht, um seine erotischen Strebungen zu befriedigen. Diesen personalisierten Zusammenprall sadomasochistischer Kontrollzwänge und narzisstischer Allmachtsphantasien entfaltet das vorliegende Buch auf insgesamt 300 Seiten mit beachtlicher sprachlicher und inhaltlicher Wucht. Nichts, was es hier zu lesen gibt, ist in irgendeiner Weise schön oder erbaulich, aber wie die Autorin die erste "Liebesszene" zwischen Erika Kohut und Klemmer in einer neopositivistischen Protokollsprache beschreibt, ist ein literarisches Meisterstück (S. 179ff.). In keiner Etappe der Geschichte keimt auch nur von Ferne die Hoffnung auf, die Handlung könnte ein "gutes" Ende nehmen, stattdessen rutscht das Paar mit jeder Episode tiefer in die menschliche Katastrophe, bis am Ende die lebensuntüchtige Dozentin seelisch geschändet zurückbleibt.
Auch wenn ich das Buch mit großer Anteilnahme und Bewegung gelesen habe, stellt sich doch am Ende die Frage: Wozu? Welchen Sinn" hat die meisterhafte Portraitierung derartiger seelischer Abnormitäten? Warum liest man so etwas? Um dieses menschliche Elend besser zu verstehen? Dann wäre das schriftstellerische Werk von Jelinek der Malerei von Egon Schiele verwandt, denn auch er enthüllt in genialischer Weise gerade das Abstoßende, Hässliche als untergründigen Bestandteil der menschlichen Existenz. Oder liest man ein solches Buch wie "Die Klavierspielerin" einfach nur aus dem gleichen Vouyeurismus heraus, der Eva Kohut als Spannerin in die Büsche treibt. Dann allerdings hätte die Autorin ihren Lesern unbemerkt einen Spiegel vorgehalten.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


28 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Fisch im Fruchtwasser der Mutter", 8. Juni 2003
Von 
zueribueb (Zürich) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Die Klavierspielerin (Taschenbuch)
Für mich ist "Die Klavierspielerin" (1983) von Elfriede Jelinek nach wie vor das wichtigste deutschsprachige Buch in den letzten 30 Jahren. Im Gegensatz zu ihren meisten anderen Romanen wird hier eine richtige Geschichte erzählt, nämlich die der Klavierspielerin Erika Kohut, die als Pianistin gescheitert, von ihrer Mutter unterdrückt, emotional zurückgeblieben und somit unfähig zur Liebe ist, insbesondere zu ihrem Klavierschüler Walter Klemmer. Die Geschichte kreist um folgende Themen: Abhängigkeiten zwischen Tochter und Mutter bzw. Mann und Frau, Frigidität, Sadismus, Masochismus, Selbstverstümmelung, sexuelle Obsessionen und Perversionen, Gewalt, Machogehabe und Impotenz (keine Omnipotenz des Mannes!). Es geht also um von der Norm abweichendes Verhalten. Darum sind die Charaktere auch psychisch gestört. Die Schilderungen sind zum Teil sehr explizit und krass. Das Geschehen wird überzeichnet und wirkt deshalb häufig sehr schrill.
Das Buch hat auch eine stark gesellschaftskritische, ideologisch gefärbte Seite, da das bürgerliche Wertesystem (Ehe, Familie, "Trautes Heim, Glück allein", Karriere, Leistungsprinzip) bzw. das Bildungsbürgertum (Musik) zertrümmert und lächerlich gemacht wird. Kalt und gefühllos seziert Elfriede Jelinek die ungeliebte Welt. Zudem lässt sie ihre Wut über die Trivialitäten des Lebens aus, wie namentlich den Sport. Sie zelebriert konsequent die Destruktivität, um das Bürgerliche und Triviale zu demaskieren und zu hinterfragen. Das Scheitern der Hauptfigur am Ende des Buches zeigt aber, dass die zornige Elfriede Jelinek den Lesern nach der Zerstörung keine Antwort parat hat.
Die sprachliche Ebene des Buches ist sensationell. Der Tonfall ist scharf, ätzend, beissend, spottend und illustriert so bestens den Inhalt des Buches. Elfriede Jelinek geht sehr spielerisch und witzig mit der Sprache um, indem sie verschiedene Jargons imitiert und abwandelt. So geht sie z.B. von einem Sprichwort aus, um nachher die Aussage ins vollkommene Gegenteil zu verkehren. Indem sie harte Begriffe in einem völlig unpassenden Zusammenhang verwendet, erzeugt sie eine sehr aggressive Wirkung.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


31 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Menschliche Beziehungsunfähigkeit? Normalität????, 16. Januar 2002
Rezension bezieht sich auf: Die Klavierspielerin (Broschiert)
Ich habe den Film gesehen, weil ich an diesem Abend ins Kino gehen wollte. Ich habe mir erst nichts weiter dabei gedacht. Musik, okay, Dramatik, okay, Liebe, auch nich schlecht. Aber es wurde zum Höllentrip durch die menschliche Psyche. Ich war gefesselt und abgestoßen zugleich von den unspektakulären, aber dennoch aufwühlenden Bildern dieser Dreiecksgeschichte. Es ist kein Film, aus dem man einfach herausgeht und weiterlebt; kein Buch, das man einfach so weglegt und vergisst. Nein, Ich habe jetzt gierig angefangen das Buch zu lesen und hier offenbahren sich noch tiefere Abgründe, als vorher geahnt. Ich hatte mich schon während des zweiten Genusses dieses Films gefragt, wie die Bilder wohl in Worte gefasst aussehen mögen. Ich wurde nicht enttäuscht. Die Worte dieses Buches sind noch um vieles grausamer und kälter, als es die Bilder des Filmes erahnen ließen. Es geht hier nicht vordergründig um Gewalt oder Sex. Es geht um Abhängigkeit, das Sich-selbst-im-Leben-verlieren. Und das fasziniert. Möglich, dass Menschen mit schwachen Nerven eher angeekelt sind, aber letztlich verlieren wir uns doch alle nur selber im Leben, in uns, in anderen. Wir machen uns abhängig von Menschen und Dingen, ob man das will oder nicht. Der Eine eben mehr, der Andere weniger. Erika Kohut ist nicht als gefühlloses Etwas auf die Welt gekommen, sie wurde dazu gedrillt. Ein Freund von mir, mit dem ich den Film ein zweites Mal gesehen hatte, ist geschockt und sprachlos nach Hause gegangen. Am Ende hat er nur gemeint: "Jetzt weiß ich: mein Leben ist DOCH schön!" Danach will man nie wieder lieben, glaubts mer! Das Buch zeugt von Vergänglichkeit und Zwang, besonders in der Liebe, die doch eigentlich immer positiv dargestellt wird (aber das ist sie nicht wirklich!), eben "weil immer etwas vergeht und selten etwas nachkommt". Denn "die Zeit vergeht, und wir vergehen in ihr".
Ein einzigartiges Werk, das es zu sich lesen lohnt.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Flach und trocken - nichts für "Gier"-Freunde, 11. November 2008
Rezension bezieht sich auf: Die Klavierspielerin (Taschenbuch)
Gleich voran: Ich halte Elfriede Jelinek für eine geniale Schriftstellerin.
Sie ist für mich eigentlich eine scharfsinnige Beobachterin, die ihre Erkenntnise meisterhaft in kreativem Umgang mit der deutschen Sprache auszudrücken weiß. Ich liebe ihren zynischen Witz. Nur nutzt sie in "Die Klavierspielerin" kaum eine ihrer besonderen Fähigkeiten.

Die Geschehnisse sind trocken aufeinander folgend beschrieben.
Sie taucht nur oberflächlich in die Charaktere ein. An die Stelle von psychologischem Tiefgang tritt unverständiges Lästern aus der Ferne. Sie verachtet die Charaktere konsequent und ist dabei nicht scharfsinnig, sondern beschreibt flach und einseitig. So konnte ich weder nachvollziehbare Motive entdecken, noch irgendwelche menschlichen Erkenntnisse daraus ziehen.
Das Sprachniveau ist gewohnt hoch, die Formulierungen sind aber nicht so treffend wie sie sein könnten.
Wortspiele sind hier etwas unterhaltsam und metaphorisch, haben jedoch nicht den philosophisch erkenntnisreichen Anstrich, den ich von ihr kenne.

Insgesamt hat das Buch mich nicht berührt. Es ist eine kalte Abfolge abstoßender Handlungen abstoßender Menschen. Weder konnte ich mich in jemanden einfühlen, noch hat mich der Inhalt bestürzt. Ich fand wenig Belohnung (wie sonst durch ihren trockenen Humor oder besonders kreative Formulierungen) für die langweilig-trostlose Stimmung des Buches und habe es erst nach einigen Unterbrechungen fertig lesen können.

Jelinek-Neulingen möchte ich ihr Werk "Gier" empfehlen. Es wäre zu schade, wenn jemand nach diesem Buch die Autorin (verständlicherweise) abhakt.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


‹ Zurück | 1 27 | Weiter ›
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

Dieses Produkt

Die Klavierspielerin
Die Klavierspielerin von Elfriede Jelinek (Taschenbuch - 2. Oktober 1986)
EUR 8,99
Auf Lager.
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Nur in den Rezensionen zu diesem Produkt suchen