Kundenrezensionen


102 Rezensionen
5 Sterne:
 (72)
4 Sterne:
 (21)
3 Sterne:
 (4)
2 Sterne:
 (2)
1 Sterne:
 (3)
 
 
 
 
 
Durchschnittliche Kundenbewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel
Eigene Rezension erstellen
 
 

Die hilfreichste positive Rezension
Die hilfreichste kritische Rezension


13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Dritte Generation
„Was ist Familie, das, was wir erben, oder das, was wir miteinander teilen?“ Jennifer Teege weiß es nicht mehr, sie distanziert sich zunächst von ihrer Adoptivfamilie als sie in ihrem achtunddreissigsten Lebensjahr durch reinen Zufall erfährt, dass sie die Enkelin von Amon Göth, dem Kommandanten des Arbeits- und Konzentrationslagers...
Vor 17 Monaten von wandablue veröffentlicht

versus
12 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Starker Beginn, dann Enttäuschung
Als ich erste Ankündigungen über das Buch in der Presse las, war ich mehr als gespannt.
Der Anfang ist auch wirklich gut, die Fakten geschichtlich interessant, aber dann zerfließt Frau Teege
leider in Selbstmitleid und man beginnt querzulesen, um es schnell zu beenden. Schade.
Vor 16 Monaten von gathosiru veröffentlicht


‹ Zurück | 1 211 | Weiter ›
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Dritte Generation, 27. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen (Gebundene Ausgabe)
„Was ist Familie, das, was wir erben, oder das, was wir miteinander teilen?“ Jennifer Teege weiß es nicht mehr, sie distanziert sich zunächst von ihrer Adoptivfamilie als sie in ihrem achtunddreissigsten Lebensjahr durch reinen Zufall erfährt, dass sie die Enkelin von Amon Göth, dem Kommandanten des Arbeits- und Konzentrationslagers Plaszów in Polen ist, von Amon Göth, dem Schlächter, einem psychopathischen und sadistischen Mörder: so ist er in die Geschichte eingegangen.

Sie reagiert verstört und vorwurfsvoll, warum hat man ihr die Familiengeschichte verschwiegen? Als Kind hat sie, vierwöchig in ein katholisches Kinderheim, mit drei Jahren in die Pflegefamilie gegeben, mehrmals engste Bezugspersonen verloren, die Mutter, die Großmutter, Schwester Magdalena, sie alle haben sich in Luft aufgelöst, sind wortlos verschwunden. Zwar haben die Adoptiveltern den Kontakt zur leiblichen Mutter und zur Großmutter nicht sofort und vollständig unterbunden, aber zum vermeintlichen Wohl des Kindes auch nicht gern gesehen oder unterstützt. Erklärungen gab es nicht. Es war nicht die Zeit der Erklärungen, die Menschen und die Psychologie waren noch nicht soweit.

Jennifer geht nach dem Abitur nach Paris, dort lernt sie junge isralische Frauen kennen, sie besucht Israel, bleibt und studiert in Tel Aviv Afrikanistik und die Geschichte des Mittleren Ostens, hebräisch lernt sie auch. Sie ist unbefangen, denn sie weiss noch nichts davon, dass sie zu der dritten Generation der Täter gehört.

Jennifer leidet unter Depressionen. Sicherlich hängt ihre Krankheit, die sie sich nicht erklären kann, auch mit den Verlusterfahrungen ihrer Kindheit zusammen. Aber da ist noch mehr: das Schweigen, das sie belastet, eine dunkle sie umgebende Wolke: diesem angstmachenden Nebel will Jennifer nachgehen, ihn auflösen, sie macht sich an den quälenden Weg der Aufarbeitung: besucht die Orte des Schreckens, spricht mit Zeitzeugen, spürt die leibliche Mutter auf und erzwingt Gespräche. Den Vater hat sie schon viel früher gefunden, er kommt ihr nicht nahe, sie fühlt sich überfordert von seiner zahlreichen Familie.

Jennifer Teege hat sich die Zeit genommen, die sie brauchte, um sich zu nähern, um zu verstehen, wenigstens ansatzweise, um ihre eigenen Gefühle zu spüren, zuzulassen, zu akzeptieren, um die Schuldfrage zu klären. Ist da eine Schuld, die auch sie betrifft? Um sich zu versöhnen? Um authentisch zu werden, authentisch bleiben zu können, gerade auch im Umgang mit ihren israelischen Freunden.

Und um zu wissen, wohin sie gehört. Letztendlich. Und um weiterzuleben, ohne dass der Nationalsozialismus das Leithema des Lebens wird, wie es bei der Mutter der Fall war.

Die Autobiografie Jennifer Teeges und deren Verarbeitung durch Nikola Sellmaier zeichnet sich durch eine hohe Sach- und Sprachkompetenz aus, die es ermöglicht, die schmerzhafte und schuldhafte Geschichte des Holocaust, - seines Schreckens, seiner Grausamkeit, seiner Unmenschlichkeit -, dessen Auswirkung bis in die heutige Generation hinein spürbar ist , ohne emotionale Überzeichnung, ohne Rührseligkeit und ohne künstliche Zerknirschung, jedoch mit grosser Betroffenheit und tiefer Einsicht anhand eines Einzelschicksals zu vermitteln. Dafür gebührt Jennifer Teege Respekt. Denn nie dürfen wir vergessen!

Den einzigen Kritikpunkt bildet der reißerische Untertitel, ihn hätte es wirklich nicht gebraucht, das Buch spricht für sich.

Fazit: Dieses Buch ist sehr leicht lesbar, lesbar für jedermann, und doch stehen die Autoren meiner Meinung nach thematisch beinahe in einer Reihe mit Herta Müller. Daher gebe ich eine unbedingte und hundertprozentige Leseempfehlung.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


80 von 94 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen sehr empfehlenswert, 22. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen (Gebundene Ausgabe)
Viele Millionen Menschen haben in dem Spielfilm "Schindlers Liste" Amon Göth gesehen, der von seinem Balkon aus zum Zeitvertreib jüdische Lagerinsassen erschießt. Wie Amon Göth seinen Sadismus und seine Bestialität als Lagerkommandanten des Lagers in Plaszow hemmungslos auslebt, hat sich den meisten Zuschauern tief ins Gehirn gebrannt.

Jennifer Teege entdeckt 2008 zufällig bei einem Bibliotheksbesuch mit 38 Jahren, dass Amon Göth ihr Großvater ist. Diese Erkenntnis wirft sie aus der Bahn, ihre schon früher auftretenden Depressionen brechen wieder hervor. Dieses Buch schildert, wie sie ihre Biographie vor diesem Hintergrund aufarbeitet.

Täter- wie Opferfamilien ist in den meisten Fällen gemein, dass sie in der ersten und zweiten Generation das Thema totgeschwiegen und/oder bagatellisiert haben. Erst die dritte Generation fängt zaghaft mit einer Aufarbeitung an. Doch die zweite und dritte Generation ahnten, dass etwas nicht stimmte, sie spürten das Schweigen, die Spannungen und oftmals war auch bekannt, dass der eigene Angehörige in die Verbrechen in irgend einer Weise verstrickt war, doch thematisiert wurde es auch dann nicht.

Bei Jennifer Teege ist das anders, sie kam einen Monat nach ihrer Geburt in ein Kinderheim und mit drei Jahren in eine Pflegefamilie. Sie war nicht nur ahnungslos, sie war zudem den Familieneinflüssen weitgehend und ab ihrem siebten Lebensjahr durch ihre Adoption ganz entzogen.

Teege beschreibt in diesem Buch, wie sie die Entdeckung erlebt, wie es ihr dadurch geht und wie sie Schritt für Schritt um die Aufarbeitung kämpft. Dabei kommt ihre gesamte Lebensgeschichte, die sehr stark geprägt ist, dass ihre Eltern sie verlassen und sie adoptiert wird, zur Sprache. Die gut geschriebenen Abschnitte von Teege werden durch Erklärungen der Stern- Redakteurin Nikola Sellmair unterbrochen.

Diese Unterbrechungen habe ich an den meisten Stellen als störend empfunden. Die sehr persönlichen Abschnitte von Teege waren sehr bewegend und wurden häufig durch die sachlichen Einschübe von Sellmair zerhackt. In den Momenten wollte ich einfach wissen, was Teege zu sagen hat.
Die Ausführungen von Sellmair sind äußerst interessant, zumal wenn sie auf die Person Teege oder die Menschen eingehen, die eng mit Jennifer Teege verbunden sind. Dann sind sie auch an den jeweiligen Textstellen angebracht. Alles andere hätte man etwas mehr vom fließenden Text trennen sollen. Die Beschreibungen über die Lage in Israel fand ich regelrecht störend, nicht dass es nicht interessant wäre, doch in dem Buch geht es um Jennifer Teege und ihren Weg, auch wenn der mit Israel stark verbunden ist.

Die Beschreibungen von Teege fand ich äußerst interessant und bewegend. Die transgenerationelle Weitergabe von Traumata, Taten und Erlebnissen der Vorfahren ist ein höchst wichtiges Thema. Nur die Aufarbeitung verhindert die Weitergabe an die folgende Generation. Gerade da Teege so lange ahnungslos und von ihrer Familie weitgehend isoliert war. Sie sagt, sie habe immer gespürt, da ist noch etwas, was ihr Leben negativ beeinflusst, etwas Unbekanntes, etwas Großes. So zeigt diese Lebensgeschichte besonders deutlich, wie stark das Leben der Vorfahren auf uns wirkt.

Doch es ist in diesem Fall vermutlich auch schwer zu trennen, was wie gewirkt hat, denn Jennifer Teeges Leben ist durch seit frühster Kindheit durch dramatische Ereignissen und Traumata schon schwer belastet. Was gibt es schlimmeres für ein Kind, von den Eltern im Stich gelassen zu werden. So ist nicht leicht zu trennen, was hat damit zu tun und was mit der Zugehörigkeit zu einer Täterfamilie.

Teege schafft es, ihre Lebensgeschichte aufzuarbeiten. Ihr Weg dahin ist sehr beeindruckend und äußerst lesenswert. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen und die Analyse ist höchst interessant. Auch die Auseinandersetzung mit der Großmutter, der Geliebten von Ammon Göth in Plaszow, ist sehr berührend, zeigt sie doch wie groß der Konflikt ist, dass ein Mensch den man liebt (Teege hatte bis zu ihrem siebten Geburtstag Kontakt zur Großmutter) Dinge getan hat, die einem selbst zutiefst zuwider sind und die man nicht nachvollziehen kann.

Die Auseinandersetzung mit der Mutter, die als Nachgeborene ebenfalls mit der Bürde versucht zu leben und oft genug daran verzweifelte, ist insofern weitaus schwieriger, weil diese Auseinandersetzung durch die Tatsache belastet ist, dass die Mutter ihr Kind verließ. Mutter und Tochter leiden an den Taten ihres Vaters/Großvaters und können doch nicht zusammenfinden.

Amon Göth schwebt durch seine unmenschlichen Taten über der Familie. Sellmair beschreibt ihn detailliert, doch Teege setzt sich im Buch nur sehr wenig mit ihm und ihren Gefühlen ihm und seinen Taten gegenüber auseinander. Sie betont, wie sehr sie seine Taten verabscheut, aber wie sie lernt, mit diesem Großvater zu leben, hat sich mir nur sehr begrenzt erschlossen. Ich akzeptier, wenn jemand über diesen schweren Prozess nicht im einzelnen sprechen kann. Doch wenn Teege eine Weg gefunden hat, damit umzugehen und es für sich zu klären, wäre es sicher eine große Hilfe für andere Betroffene.

Das Buch zeigt wie die anderen auch zu diesem Thema deutlich, wie schwer sich Nachfahren von Tätern tun, ihr Leben zu meistern, mit den Taten ihrer Vorfahren zu leben und die von ihnen übernommene Schuld zu bewältigen. Sie leben mit dem eigenen Impuls und dem Impuls der anderen, die Täter waren die Verbrecher und so hätten die Nachkommen kein Recht auf Leiden oder Verständnis. So tragen die meisten an der vom Täter übernommenen Schuld, kämpfen mit schweren Problemen im Leben und begeben sich selbst in eine Art Sippenhaft der Täterschaft.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


22 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Intelligent und anrührend, 11. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen (Gebundene Ausgabe)
Intelligent, anrührend, spannende Themen: Adoption, Holocaust, Familie, Schuld, Freundschaft
Ich hatte schon den Stern-Artikel von Frau Nikola Sellmair über Frau Teege kopiert und im Unterricht verwendet, denn ein solches Schicksal, das den Holocaust noch einmal ganz nah an die jetzige Generation heranrückt, ist auch für die Jüngeren faszinierend. Auch in ihrem Buch hat die Stern-Journalistin die Geschichte der Frau Teege gründlich recherchiert und anrührend aufgeschrieben, und das immer im Wechsel zweier Erzählstile. Ich fand das eine gelungene Abwechslung. Es ist kein Buch nur über Frau Teege oder ihren Großvater, den KZ-Kommandanten Amon Göth: Es geht auch um Themen wie Familie, Adoption, Geheimnisse, das heutige Israel und das Wesen von Freundschaft.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


18 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Im Feuer des Traumas..., 16. Oktober 2013
Von 
A. Zanker (CH) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen (Gebundene Ausgabe)
Jennifer Teege hat ein ausserordentliches, ehrliches, authentisches, Buch geschrieben, das beeindruckt und dieses Buch so lesenswert macht. Da dieses Buch verschiedene Facetten hat, verschiedene Blickwinkel, verschiedene Themenbereiche, kann man es auch völlig unterschiedlich lesen. Was mir persönlich an diesem Buch so besonders gefällt, dass hier eine Frau, sich mit der Wahrheit konfrontieren will, hier schreibt eine Frau, darüber wie sie mit einem erlebten Trauma umgehen will und muss, auch wenn es ihr dabei alles andere als gut geht. Hier will jemand wirklich wissen wer er ist, wo er herkommt, und welche Bedeutung die eigene Herkunft für das eigene Leben spielen kann. Jennifer Teege tut dies auf eine Art und Weise, die anrührt, betroffen und traurig macht, doch sie lässt den Leser auch an ihrer eigenen Auseinandersetzung, dem eigenen Leiden, der eigenen Suche und dem was ihr zu schaffen macht, teilhaben. Insofern hat für mich dieses Buch auch etwas sehr Persönliches und Intimes. Wenn man weiss, dass ihre Kindheit mit Verleugnen, banalisieren und schweigen gepflastert war, erstaunt es umso mehr, wie unerbittlich, hier jemand auf der Suche ist, vor allem dann, wenn das bisherige Leben, aufgrund eines Buches, das sie zufällig entdecken sollte, völlig aus den Angeln gehoben wurde. Wir leben in einer Gesellschaft, in der immer wieder Traumen erzeugt und geschaffen wurden. Hier wuchs eine junge Frau in einer traumatisierten Familie und Umgebung auf, in der gleichzeitig, alles totgeschwiegen wurde, was natürlich zu der damaligen Zeit und zu dem Thema passte und so war, wie es eben war.

Als die Autorin in einer Hamburger Bibliothek auf das Buch "Matthias Kessler: Ich muss doch meinen Vater lieben" stösst, wird sie mit der Biographie über Ihre Mutter konfrontiert und erfährt dabei, die Enkelin von Amon Göth zu sein, einem ehemaligen Nazi-Kommandanten in Polen. Sie wird in Depressionen fallen, wird die Vergangenheit beginnen auszugraben und Fragen zu stellen. Die Ahnung, dass etwas in ihrer Familie nicht stimmte, wird plötzlich bestätigt! Doch schnell wird für sie klar, wie wenig sie von ihrer Mutter, deren Mutter und jenem Mann wusste, der Hunderte von Häftlingen im damaligen Lager in Plaszow / Polen selbst tötete. Jennifer Teege wurde zunächst in ein Kinderheim gesteckt das von Nonnen geführt wurde, später wurde sie in einer Adoptionsfamilie aufgenommen und hat auch deren Namen angenommen. Was bedeutet es für ein kleines Mädchen, von der Mutter weggegeben zu werden und adoptiert zu werden? Über lange Strecken hatte sie keinen Kontakt zu ihrer Mutter, der bis heute nie ein richtiger wurde, zu ihrer Grossmutter hatte sie schon fast eine nähere Beziehung, der Frau von Amon Götz, Ruth Irene Kalder. Für Jennifer Teege wird ihre Suche in der eigenen Familie, in der vieles verschwiegen wurde, eine Reise ins Grauen. Sie konfrontiert sich mit der Grausamkeit ihres Grossvaters, dessen Leben auch im Film "Schindlers Liste" einen recht wichtigen Platz einnahm. Ein Mädchen, das man von der Wahrheit abblockte, die in Israel zu leben begann und sogar hebräisch zu sprechen begann...Was mit 20 schon latent spürbar war, kommt dann mit 38 Jahren voll zum Ausdruck, was schon vorher intuitiv spürbar war, findet durch ein Buch seinen Weg zur Wahrheit, die für Jennifer Teege immer wichtiger wird.

All das Unausgesprochene, sucht einen Weg der Auseinandersetzung, Schindler wird ein Thema, wie Juden damals im dem Lager und unter welchen Bedingungen leben mussten, je mehr sie sich in die verschwiegene Vergangenheit stürzt, desto mehr traut sie sich gar nicht mehr, anderen Menschen ihre Identität zu offenbaren. Sie fährt nach Krakau, lässt sich alles zeigen, sieht sich Filme an, liest Bücher, trifft Menschen, wie eine Welle rollt die ganze Informationsflut über sie hinweg. Doch ist dieses Buch nicht nur eine Auseinandersetzung, mit dem Leben eines Nazi-Kommandanten, sondern eben auch was bedeutet es von der Mutter wegegeben zu werden, keinen Kontakt mehr zu ihr zu haben, welche Kraft haben Freundschaften und vor allem: Welche zerstörerische Kraft haben sorgsam gepflegte Familiengeheimnisse??? Jennifer Teege bricht auf, geht in Therapie, stellt sich dem eigenen Familientrauma, möchte genau das ihren beiden Söhnen ersparen. Sie begibt sich im wahrsten Sinne in das Feuer des Traumas. Für den Leser bringt das eine hohe Leseintensität mit sich, dass man dieses Buch gar nicht mehr aus der Hand geben möchte, zumindest mir ging es so. Gleichzeitig wird in diesem Buch wie von einer dritten, sachlichen Position aus, das persönlich erzählte, auf eine sachliche Ebene gebracht, die vermutlich von Nicola Sellmair verfasst wurde, da sie beide dieses Buch ja zusammen geschrieben haben.

Das kann zwar anfangs ein wenig stören, doch gibt es dem Ganzen auch eine gesunde Distanz, und eine Ordnung die gut tut. Wir erfahren in diesem Buch, wie eine Zweit- und Drittgeneration eines Nazi-Verbrechers umgeht. Nicht selten haben sich Nazi-Angehörige, ehemaliger Kriegsverbrecher suizidiert, auch die Grossmutter von Jennifer Teege wird dies tun. Vielleicht kann man das als ein Zeichen werten, dass das alleinige Totschweigen von erlebtem das traumatisch war, Menschen innerlich auffressen konnte...Jennifer Teege will dies jedoch weder für sich, noch für ihre Familie zulassen. Man bekommt viele Informationen und Hinweise in diesem Buch, erfährt vielleicht Dinge, die man noch gar nicht wusste. z.B. kann man sich heute noch immer die Exekution von Aman Göth auf youtube ansehen, so makaber das klingen mag. Hier wird wirklich eine Ausandersetzung von Opfer und Täteridentitäten reflektiert, hier erfährt man wirklich wie es diesen Menschen ging, wie etwa ihrer Mutter Monika oder ihrer Grossmutter Ruth. Trotz aller Schwere, Betroffenheit, Trauer, und Anrührung, macht dieses Buch trotz alledem so etwas wie Mut und Hoffnung, was dieses Buch zu einer faszinierenden Lektüre macht, weil hier Jennifer Teege etwas durchlebt und die Vergangenheit hinter sich lassen möchte, um das eigene Leben leben zu können. Daneben geht dieses Buch auch auf die Kraft von Freundschaften ein. Hier geht eine Frau entschieden, gegen die angestammte Verschwiegenheit und das Besondere: Zusammen mit Anderen! Das finde ich beachtlich und bereichernd, volle Punktzahl für dieses starke Buch, das viel mehr ist als eine Holocaust-Verarbeitung einer Nachgeborenen! Für mich hat Jennifer Teege nicht nur Lebensgeschichte, aufgearbeitet, sondern sie hat sich mit dem Feuer des Traumas mit aller Konsequenz konfrontiert, und sich damit auch befreit. Befreit von gebundener Energie, die wieder für das jetzige Leben zur Verfügung steht. Das ist doch genau das, was wir heute brauchen. Das ist konkrete Heilarbeit, mit dem Bewusstsein, Altlasten nicht an unsere Kinder weitergeben zu wollen. Ich persönlich, kann darin nur meine tiefste Wertschätzung und Berührung darin ausdrücken, was für eine Frau, was für ein Leben, was für eine Entschiedenheit, was für ein Buch!!!

Empfehlung.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


5.0 von 5 Sternen Der böse Wolf...., 10. November 2013
Von 
Kalamaria - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen (Gebundene Ausgabe)
kann, darf nicht Teil der eigenen Verwandtschaft sein?

Nun, bei Jennifer Teege ist es so und er hat nicht nur Rotkäppchen, sondern gar viele arme Seelen auf dem Gewissen: ihr Großvater war nämlich Amon Göth, der "Schlächter von Plaszów", vielen bekannt aus "Schindlers Liste". Spät wurde die Autorin mit diesem Teil ihrer Vergangenheit, besonders makaber der persönliche Hintergrund: Amon Göth hat als Kommandant von Plaszów nicht nur Juden, sondern alle andersartigen Menschen skrupellos umgebracht: ganz egal, ob die Andersartigkeit durch Herkunft, Gesinnung oder Aussehen bedingt war -zynisch ist er dabei vorgegangen und erbarmungslos.

Seine Enkelin Jennifer ist aus der damaligen Sicht auch anders, nämlich dunkel: sie hat einen wunderschönen Teint, den sie ihrem Vater, einem Nigerianer verdankt - einem Untermenschen aus der Sicht von Amon Göth. Früh wurde sie zu einer Pflegefamilie gegeben, hatte anfänglich noch Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter, Monika Göth und zu ihrer Oma, Ruth Irene Kalder, der Geliebten von Amon Göth, der jedoch abbrach. Sie wuchs bei gütigen, verständnisvollen Eltern, aber fehlte etwas: ihre Vergangenheit. Wie so viele Adoptivkinder, suchte und fand sie beide Eltern wieder. Sie kannte also ihre Eltern, ihre Oma, doch erfuhr sie den familiären Zusammenhang erst durch ein Buch ihrer Mutter, das ihr zufällig 2008 in die Hände fiel.

Jennifer Teege beschreibt das Leben mit diesem Erbe - einem der großen Naziverbrecher, ja einem Massenmörder als Großvater. Und mit einer Mitläuferin, Mitwisserin, Begleiterin als Großmutter - einer Frau, die ihr als Kind gütig und liebevoll begegnete, die sie bis dahin nur positiv sah. Mutig legt sie das Dilemma, den inneren Zwiespalt dar, der sie so aufgewühlt hat: darf man eine solche Frau lieben? Kann man gegenüber ihr warme Gefühle, Erinnerungen, ja Sehnsüchte zulassen?

Doch dies ist nicht die einzige "Baustelle", die Jennifer Teege mit dem Wissen über ihre Vergangenheit zu klären hatte: nein, ausgerechnet sie hat enge Bindungen zu Israel, spricht Hebräisch, hat zwei sehr enge Freundinnen in dem Land. Wie sollte sie diese mit ihrem Erbe konfrontieren?

Ein kluges, reflektiertes und sehr persönliches Buch über Vergangenheit, historische Fakten, Sichtweisen - und über die Liebe. Aus meiner Sicht ein Gewinn für jeden aus der Generation der Nachkommen, der vielem verständnislos und ohnmächtig gegenübersteht, gewisse Fakten seine Familie, seinen Ursprung betreffend nicht begreifen will, es gar nicht kann, denn erstens zeigt uns Jennifer Teege, dass es gar keine optimale, sondern nur eine sehr persönliche Herangehensweise, ein individuelles Begreifen, eine individuelle Verarbeitung gibt. Es gibt auch andere Stimmen, so werden bspw. Stellungnahmen ihrer Adoptivmutter, ihres Adoptivbruders eingeblendet, historische Tatsachen werden mitgeteilt. So wird der Leser nicht nur von Jennifer Teeges Perspektive begleitet, sondern erfährt auch die Reflexion ihres Umfeldes. Ein kleines großes Buch, das ich sicher wieder und wieder zur Hand nehmen werde. Jennifer Teege hat aus meiner Sicht einen großen Schritt getan, der nicht nur ihr, sondern auch mir weitergeholfen hat.

Ich empfehle es jedem, der ein familiäres Erbe - sei es groß, sei es klein, ist es von Wissen oder von Nichtwissen geprägt. Mir hat das Buch gezeigt, dass ich zwiespältige Gefühle hinsichtlich meiner Vergangenheit zulassen darf, ja muss, um weitermachen zu können. Weitermachen heißt nicht "nur" weiterleben, indem man weiter funktioniert. Nein, es bedeutet auch die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln mit diesem Wissen, zu sich selbst und zu seinen widersprüchlichen Empfindungen zu stehen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


5.0 von 5 Sternen Erschütternd und doch voller Hoffnung!, 28. Oktober 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen (Gebundene Ausgabe)
Als ich das Buch im Vorschaukatalog sah, habe ich mich zuerst einmal gefragt, ob ich mich wirklich darauf einlassen möchte, denn das dieses Buch kein Spaziergang wird war mir bereits im Vorfeld klar! Doch ich wollte und habe es nicht bereut.
Viele von uns kennen Amon Göth -den Schlächter von Plaszow - aus dem Film "Schindlers Liste". Dort verkörperte ihn Ralph Fiennes.
Für Jennifer Teege ist der Mann, der seine Hunde auf Menschen abrichtete aber nicht nur eine Person von der Leinwand, sondern ein Familienmitglied, ein Vorfahre und die große Liebe ihrer geliebten Großmutter Ruth Irene - der Frau, die sich im Film die Ohren mit dem Kissen zuhält, wenn Göth (Fiennes) vom Balkon seiner Villa aus Langeweile Juden erschießt!

Teege fragt sich nach der Entdeckung ihrer Familiengeschichte, ob sie ihm ähnlich ist und ob es Zufall ist, dass gerade sie in Israel studiert hat. Und kann sie lernen mit der Wahrheit zu leben?

Mich hat das Buch sehr bewegt. Die Abschnitte in den Teege ihre Geschichte erzählt werden immer wieder unterbrochen durch Ergänzungen von Nikola Sellmair, die zusätzliche Hintergrundinformationen einfügt. An manchen Stellen fand ich das sehr störend, doch insgesamt betrachtet waren sie von großer Wichtigkeit, weil sie die Erzählungen Teeges noch komplettierten.
Interessant fand ich auch die vielschichtigen Nachwirkungen solch einer Familiengeschichte. Nicht selten sind Depressionen, Sterilisation oder gar Suizid die Folge.

Das im Buch erwähnte Buch über ihre Mutter Monika "Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?" werde ich mir mit Sicherheit ebenfalls bestellen, denn Jennifer Teeges Geschichte hat mich darauf sehr neugierig gemacht.

Fazit: Ein sehr lesenswertes Buch. Erschütternd und doch voller Hoffnung!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


5.0 von 5 Sternen 'Schuld ist nicht vererbbar, Schuldgefühle aber sehr wohl.', 18. Januar 2014
Von 
sabatayn76 - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen (Gebundene Ausgabe)
Inhalt:
Im Alter von 38 Jahren findet Jennifer Teege zufällig ein autobiografisches Buch ihrer Mutter in einer Bibliothek. Erst da realisiert sie, dass sie die Enkelin des KZ-Kommandanten Amon Göth ist. Sie fällt anfangs in ein tiefes Loch, ist sich unsicher, wer sie ist, zweifelt an sich und an ihrem bisherigen Leben, weiß nicht, wie es mit ihr weitergehen oder wie sie mit ihren Freunden in Israel umgehen soll. Doch dann macht sie sich auf die Reise nach Krakau und Auschwitz, versucht, mehr über ihre Großeltern heraus zu finden, und nimmt wieder Kontakt mit ihrer Mutter auf, die sie als Kind zur Adoption freigegeben hatte.

Mein Eindruck:
Mir hat 'Amon' sehr gut gefallen. Das Buch ist sehr flüssig geschrieben und ist durchgehend fesselnd. Neben der Lebensgeschichte der Autorin und den Einblicken in ihre Gedanken- und Gefühlswelt erfährt man einiges über Amon Göth, was ich sehr spannend fand. Ihre eigenen Emotionen und Kognitionen schildert Jennifer Teege in sehr komplexer Weise - sie denkt nicht in simplen Kategorien wie 'gut' und 'böse', 'richtig' und 'falsch', sondern beleuchtet Dinge von mehreren Seiten, verteufelt ihren Großvater nicht, lehnt die Großmutter nicht ab.

Ich selbst kann (emotional) nicht recht nachvollziehen, wieso das Wissen um die Vergangenheit ihres Großvaters die Autorin in eine solche Sinnkrise stürzt, denn ich definiere mich weder über meine Familie noch über meine Herkunft. Dennoch empfand ich ihren Bericht (aus kognitiver und rationaler Sicht) sehr überzeugend und authentisch, und die Autorin hat mich mit ihrer Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln und komplex zu denken, beeindruckt.

Mein Resümee:
Ein spannendes Buch.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


5.0 von 5 Sternen berührende, beeindruckende Biografie, 12. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen (Gebundene Ausgabe)
Mit 38 Jahren erfährt Jennifer Teege durch Zufall, dass ihr Großvater Amon Göth, der brutale KZ-Kommandant aus dem Film „Schindlers Liste“ ist. Sie ist die Tochter eines Nigerianers und wuchs bei Adoptiveltern auf. Einige Jahre studierte sie in Israel und hat dort auch einige Freunde – wie soll sie ihnen mit diesem Großvater gegenüber treten? Gemeinsam mit der Journalistin Nikola Sellmair recherchiert sie ihre Familiengeschichte und setzte sich intensiv mit der Vergangenheit auseinander.

Mir haben das Buch und der Schreibstil sehr gut gefallen. Es wird einerseits die Sicht von Jennifer Teege in der entsprechenden Phase ihres Lebens nach der Entdeckung des Familiengeheimnisses wiedergegeben und andererseits kommen in einer zweiten Sicht Familienangehörige zu Wort und es werden auch allgemeine Fakten zum besseren Verständnis eingeflochten. Dieser Mix macht es einem beim Lesen möglich intensiver in dieses Thema einzutauchen. Die Auseinandersetzung mit dem Großvater, der brutale KZ-Kommandant, den die Enkelin nicht gekannt hat und auf der anderen Seite die Großmutter, die Jennifer gekannt und geliebt hat und die die Verbrechen negiert bzw. die Frage, was sie wirklich mitbekommen und gewusst hat in der Villa neben dem KZ. Dann auch noch die Auseinandersetzung mit der Mutter, die sie zur Adoption freigegeben hat und die Auswirkungen der Vergangenheit auf ihr Leben. Trotz der Kürze des Buchs kann man Jennifer Teege in den Jahren der Aufarbeitung und Bewältigung begleiten und sich ebenfalls fragen was die eigenen Großeltern/Urgroßeltern zu dieser Zeit getan haben. Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen und habe es relativ rasch gelesen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aufrechter Gang, 8. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen (Gebundene Ausgabe)
Als ich mich an die Lektüre dieses Buches machte, bin ich sehr kritisiert worden. "Warum das überhaupt lesen? Ihr Großvater ist lange tot, sie hat ihn nie kennengelernt, was kann ihr das bedeutet haben? Warum ihre Situation dermaßen dramatisieren? Das ist doch nur Geldmacherei."

Der reißerische Untertitel, das muss man ehrlicherweise sagen, hat zu dieser Reaktion natürlich beigetragen. Aber nach wenigen Seiten war mir klar, dass Jennifer Teeges Betroffenheit echt ist. Mehr noch, dass sie eine wichtige Geschichte zu erzählen hat. Und zwar eine, die klar macht, welche Macht bis in unsere Gegenwart hinein Ereignisse haben, die mittlerweile über 70 Jahre zurückliegen.

Jennifer Teege, Jahrgang 1970, ist 38 Jahre alt, als sie erfährt, dass ihr Großvater Amon Göth war, der Schlächter von Plaszow. Ihr Buch ist eine Aufarbeitung ihrer Biografie im Licht dieser Erkenntnis. Zur Seite hat ihr dabei die Journalistin Nikola Sellmair gestanden; herausgekommen ist ein stilistisch angenehmes, leicht lesbares Buch mit einer Struktur, die erzählerische Passagen in der Ichform mit sachlichen Einschüben abwechselt. Hierdurch werden die persönlichen Impressionen ins Verhältnis gesetzt und Informationen aus Geschichte, Psychologie und Traumatologie ins Spiel gebracht, aber auch Kommentare von Freunden oder Familienmitgliedern, so dass die Subjektivität aufgebrochen und Einseitigkeit vermieden wird.

Amon Göth ihr Großvater: Für Jennifer Teege ein Schock, der einen Prozess der Selbstheilung auslöst. Denn auch vor dieser Erkenntnis war sie nicht unbelastet: Sie litt unter wiederkehrenden Depressionen, die sich auch durch therapeutische Behandlung nicht vertreiben ließen. Nachdem sie den ersten Schrecken überwunden hat, beginnt sie nachzuforschen. Sie reist nach Plaszow, spricht mit vielen Menschen, nimmt Kontakt zu ihrer Mutter auf, zu ihrem Vater, den sie nie kennengelernt hat. Sie rollt ihr ganzes Leben von Anfang an auf und betrachtet alles unter neuen, ungewohnten Blickwinkeln. Dabei hat sie auch Rückschläge zu verkraften: Ihr Versuch der Annäherung an die Mutter wird ein weiteres Mal zurückgewiesen; die erste Begegnung mit ihrem Vater geht über freundliche Fremdheit nicht hinaus. Als das Schwierigste erweist sich die innere Auseinandersetzung mit der Großmutter. Wie konnte ihre Großmutter, die sie als guten, liebevollen Menschen in Erinnerung hat, einen so schlechten Menschen wie Amon Göth so obsessiv lieben? Und was macht es aus Jennifer, dass sie nicht aufhören kann, ihre Großmutter zu lieben? Es gelingt Jennifer schließlich, diesen enormen emotionalen Widerspruch zu akzeptieren und zu integrieren.

Mich hat an Teeges Lebenslauf vor allem verblüfft, wie prophetisch ihre Entscheidungen als Studentin und junge Frau gewesen sind. Sie wusste nichts über ihre Verbindung zu Nazi-Deutschland, zum Judentum, zum Holocaust. Wie seltsam, dass es sie dennoch nach Israel zog, wo sie längere Zeit lebte. Auch die Studienfächer... Afrikanistik lag nahe, des Vaters wegen. Aber Middle Eastern Studies? Hebräisch? Das hat schon einen gewissen Gänsehautfaktor.

Die Art, wie Jennifer Teege über ihre Erfahrungen spricht, hat mir Respekt abgenötigt. Sie zeigt sie als reife, reflektierte Frau, die in der Lage ist, sich in andere auch dann einzufühlen, wenn sie selbst schmerzlich betroffen ist. Gleichzeitig bewahrt sie sich eine gesunde, analytische Distanz, ohne die ihr die Verarbeitung ihrer Geschichte sicher nicht gelungen wäre. Man ahnt, welch harte Arbeit an sich selbst dahinter steht.

Am Ende wendet Jennifer Teege sich der Gegenwart und Zukunft zu. Sie zeigt, dass es möglich ist, die Last unserer Geschichte abzuwerfen und aufrecht weiterzugehen. Ein sehr tiefes, ehrliches und persönliches Buch über ein Stück Gegenwartsgeschichte.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen sehr ehrlich und present, 16. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen (Gebundene Ausgabe)
Die ganze Zeit über, hatte ich das Gefühl-das die Autorin mir gegenüber sitzen würde und meine gute Freundin wäre.
Es berührt zutiefst, erschüttert sehr und lässt einen den Kopf schwirren- weil es so unverständlich ist, wie unfassbar schrecklich die Zeit damals gewesen ist. Die Emotionen, die Sie als Kind vermisst , aber auch die Sehnsucht die Sie noch weiter in sich trägt sind deutlich präsent und Die Dramatik ihrer Geschichte wurde mir ehrlich gesagt erst so nach und nach bewusst-nämlich selbst in einer anderen Hautfarbe geboren worden zu sein und Freunde in Israel zu haben-und zu erfahren das ihr Großvater ein so großer Verbrecher war.
Dadurch, das ich auch ein Kind der 70 ger Jahre bin und selbst auf der Suche nach Wahrheiten innerhalb meiner Ahnenfamilie bin, bei uns Vieles totgeschwiegen worden ist, hat mich dieses Buch natürlich gleich angesprochen. Auch bestärkt es mich darin, das wir als nachfolgende Kriegsenkelgeneration das Los haben Vieles aufzuarbeiten, was emotional auf uns gelegt worden ist, wie z.B. Schuld oder Scham....usw.
Ein buch was inspiriert und in den Sog mitreißt.
Fazit: sehr empfehlenswert
Teilweise geht die Autorin mit sich und Anderen aber doch sehr ins Gericht und wird bewertend.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


‹ Zurück | 1 211 | Weiter ›
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

Dieses Produkt

Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen
Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen von Nikola Sellmair (Gebundene Ausgabe - 20. September 2013)
EUR 19,95
Auf Lager.
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Nur in den Rezensionen zu diesem Produkt suchen