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35 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mit den Augen der anderen sehen lernen -> Ungekürztes HÖRBUCH, 31. Januar 2011
Von 
Buchdoktor - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 100 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)   
1985 beschrieb Oliver Sacks in Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte ungewöhnliche und bis dahin kaum beachtete neurologische Krankheitsbilder in Fallgeschichten. Der in England geborene Neurologe beeindruckte durch seine Anteilnahme am Schicksal seiner Patienten und durch sein Talent, medizinische Zusammenhänge einem breiten Publikum verständlich zu vermitteln. Der Tag, an dem mein Bein fortging zeigte den Autor in der Rolle des Patienten, der sich in einem fensterlosen Zimmerchen seinen Ärzten ausgeliefert fühlt. Sacks Sichtweise hat sich seitdem nicht nur durch eigenes Erleben als Patient verändert. Die ungewöhnlichen Krankengeschichten seiner Patienten von damals lassen sich inzwischen durch bildgebende Untersuchungsverfahren (CT, MRT) konkreten Hirnarealen zuordenen.

Mit "Das innere Auge" setzt Sacks Reihe der Patientengeschichten fort. "Vom Blatt spielen", das berührende Schicksal der Pianistin Lilian Kallir, die Noten zwar sehen, aber ihre Bedeutung nicht mehr lesen konnte (musikalische Alexie, Notenblindheit), zeigt Lilians weit über eine bloße Bewältigung ihrer Erkrankung hinausgehende Strategien, um trotz ihrer Behinderung weiter ihren Beruf ausüben zu können.

"Ins Leben zurückgerufen" erzählt von Patricia, die als Folge eines Schlaganfalls einen vollständigen Verlust der Sprache (Aphasie) erlitt. Nach geduldiger Therapie kann Pat, die Frau die nach Ansicht ihrer Töchter 24 Stunden am Tag redete, inzwischen mithilfe ihrer ausdrucksvollen Gestik und eines Bildlexikons erstaunlich intensive Gespräche führen.

Der kanadische Schriftsteller Howard Engel verarbeitete seine Schriftblindheit (Alexie) nach einem Schlaganfall, der die Sehrinde beeinträchtigte, indem er auch seinen Krimihelden Benny Cooperman eine Alexie erleiden lässt. Engel setzt inzwischen zum "Schreiben" Geschichten aus den Bildern in seinem Kopf zusammen; er kann seine Texte selbst jedoch nicht lesen (The Man Who Forgot How to Read).

Oliver Sacks selbst leidet unter einer seltenen Wahrnehmungsschwäche, er ist gesichtsblind (Prosopagnosie) und kann sich nur schwer räumlich orientieren. Gesichtsblindheit, bei der die Betroffenen sich selbst kaum im Spiegel erkennen können, wurde zunächst von anderen als bloße Exzentrik abgetan. Dass Sacks Bruder Markus ebenfalls gesichtsblind ist, (wie auch die bekannte Primatenforscherin Jane Goodall), lässt vermuten, dass die meisten Fälle angeboren und nur wenige erworben sind. 2005 erkrankte Sacks an einem Melanom des Sehnervs. Während der Behandlung musste der Autor sich mit der Entscheidung für die Behandlung der Krebserkrankung mit dem Verlust der Sehfähigkeit des betroffenen Auges abfinden. Der Verlust der Sehfähigkeit eines Auges beeinträchtig die Tiefenwahrnehmung. Gegenstände scheinen dem betroffenen Patienten überraschend entgegenzuspringen oder die Person gießt z. B. den Wein eine Armlänge vom Glas entfernt auf den Boden. Sacks füllte in der Zeit seiner Erkrankung mehrere Tagebücher mit seinem Erlebnissen als Patient. Ängste, Ungeduld, Selbstvorwürfe, Schmerzen, Hilflosigkeit wechseln in seiner minutiösen Selbstbeobachtung miteinander ab. Das abschließende Hörbuch-Kapitel "Das innere Auge" verdeutlicht, warum der Autor so ausführlich von der eigenen Gesichtsblindheit berichtet hat. Ein Gesichtsblinder kann sich anders als andere Erblindete keine Bilder oder Gesichter in Erinnerung rufen. Während andere Blinde ganze Landschaften und auch Farben vor ihrem inneren Auge entstehen lassen, herrscht für einen Gesichtsblinden, der seine Sehfähigkeit verliert, nur Schwärze.

Der Autor setzt sich mit Biografien prominenter Erblindeter auseinander
- Hull: Im Dunkeln sehen. Erfahrungen eines Blinden,
- Zoltan Torey: Out of Darkness,
- Sabriye Tenbirken: Mein Weg führt nach Tibet. Die blinden Kinder von Lhasa,
- On Blindness: Letters Between Bryan Magee and Martin Milligan und
- Suzan R. Barry: Fixing My Gaze: A Scientist's Journey Into Seeing in Three Dimensions.

Suzan R.Barry wurde als Kind wegen ihres Schielens operiert und bemerkte erst mit Ende 40, dass sie zunehmende Probleme beim Sehen hatte. Sie hatte die Welt für das gehalten, was sie wahrnehmen konnte. Erst durch Korrektur mithilfe eines Prismas erkennt Suzan die Kluft zwischen Wissen durch Beschreibung und eigenem Erleben. Im abschließenden Kapitel untersucht der Autor den Einfluss der Erinnerung auf die visuelle Vorstellung und die Prägung unseres Gehirns durch Erfahrung. Er recherchiert, ob bildliche Vorstellungskraft Teil unseres Denkens ist und wie jemand denkt, der über diese Bilder nicht verfügt.

Dem Sprecher Hubertus Gertzen gelingt es in seiner Lesung dem Autor als wissbegierigem, anderen Menschen zugewandten Wissenschaftler eine Stimme zu geben, den Ton nüchterner Arztberichte zu treffen und jüngere Personen lebendig werden zu lassen, aus deren Briefen und Biografien Sacks zitiert.

Oliver Sacks Geschichten lehren uns, wertzuschätzen was anderen fehlt und mit den Augen dieser anderen zu sehen.

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Originalext Das innere Auge: Neue Fallgeschichten
6 CDs
464 min Laufzeit
ungekürzte Lesung
Multibox im Schuber
Booklet mit Einleitung zum Buch, 7 S.
Sprecher: Hubertus Gertzen
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Verlust und Kompensation von selbstverständlichen neurologischen Fähigkeiten, 20. Mai 2011
Von 
Dr. R. Manthey - Alle meine Rezensionen ansehen
(#1 HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 10 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Sich fast acht Stunden lang Geschichten über neurologische Erkrankungen erzählen zu lassen, ist sicherlich nicht das Hobby von jedem. Und lustig ist es auch nicht. Doch auch wenn man nicht unbedingt an den Folgen merkwürdiger Erkrankungen des Gehirns interessiert ist, bietet dieses Buch dennoch auch Faszinierendes. Es erzählt nämlich ganz nebenbei viel über die Fähigkeit unseres Körpers, Ausfälle von bestimmten Teilen des Gehirns oder deren Leistung wenigstens teilweise zu kompensieren, wenn diese nicht lebensbedrohlich sind.

Die von Oliver Sacks beschriebenen Fallgeschichten dokumentieren tragische und für die meisten von uns unvorstellbare Verluste neurologischer Funktionen, die wir bei ihrem Vorhandensein so selbstverständlich hinnehmen, wie sie für uns nun einmal sind. Doch was muss in einer bekannten Pianistin vorgehen, wenn sie Noten sieht, aber nicht mehr weiß, was sie bedeuten? Oder in einem Schriftsteller, der seine Texte zwar sieht, sie aber nicht mehr lesen kann. Und wie werden diese Menschen damit fertig?

Manchmal kommen solche Erkrankungen ganz plötzlich, zum Beispiel als Folge eines Schlaganfalls, manchmal vollziehen sie sich schleichend. Doch bei aller Tragik der beschriebenen Fälle zeigt Sacks auch, dass sich der Körper gelegentlich ungeahnte Auswege aus seiner Lage sucht. Deshalb verbreitet dieses Buch auch Hoffnung, denn dort, wo - wie in einem Fall - nach einem Schlaganfall alles zu Ende zu sein scheint, bricht sich das Gehirn trotz verlorener Sprache plötzlich über Gesten und andere Hilfsmittel einen neuen Weg für die Kommunikation mit anderen.

Man lernt eben Fähigkeiten erst dann richtig zu schätzen, wenn man sie plötzlich nicht mehr besitzt. Insofern ist dieses Hörbuch nicht nur ein Bericht über Verluste an Fähigkeiten und deren teilweise erstaunliche Kompensation durch eine Verbesserung anderer Kompetenzen, sondern auch eine Verbeugung vor den imposanten Möglichkeiten unseres Gehirns, die wir glücklicherweise gewöhnlich nicht hinterfragen müssen.

Hubertus Gertzen liest die medizinischen Erlebnisberichte sachlich, aber angenehm.

Fazit.
Ein Buch für Menschen, die sich für neurologische Erkrankungen und/oder die Fähigkeiten unseres Gehirns interessieren. Es berichtet über die Krankheiten und den Alltag der Betroffenen auch aus deren Sicht. Darüber hinaus zeigt es, zu welchen Kompensationen das Gehirn in solchen Fällen fähig ist. Meine Bewertung ist für Menschen gedacht, die an diesem Thema interessiert sind.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Neue Fallgeschichten - visuelle Wahrnehmung und Bewusstsein, 1. März 2011
Von 
Thorsten Wiedau (Hamburg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Dieses Hörbuch ist sehr speziell und wendet sich an alle Interessierten, welche sich für ungewöhnliche neurologische Fallstudien erwärmen können, ob als Betroffener oder als Mediziner. Das Hörbuch DAS INNERE AUGE von Oliver Sacks versammelt einige sehr interessante Studien zum Thema Sprachverlust und Orientierungssinn, neurolinguistische Neuprogrammierung und visueller Wahrnehmung als Hilfe für das Bewusstsein.

Gelesen von Hubertus Gertzen, welcher für die 6 CDs seine Stimme dem Thema gut anpasste und der eine sowohl sachliche wie auch informative Atmosphäre erzeugen konnte.

Seit seinem Buch Der Mann der seine Frau mit einem Hut verwechselte ist die Wissenschaft und Medizin auf scheinbar hoffnungslose Fälle aufmerksam geworden welche anscheinend im neurologischen Sinn doch nicht so hoffnungslos sind. Oliver Sacks informiert als Forscher über neue Fallgeschichten und zeigt die Einzigartigkeit des Gehirns auf, seine Grenzen aber auch die Möglichkeiten der Reprogrammierung.

Alle Fallgeschichten zeigen das Auf und Ab von neurologischen Erkrankungen auf, die Besserung aber in einigen Fällen auch Verschlechterungen. In allen Fällen zeigen seine Geschichten aber auf das Erkrankte so lange wie möglich in der eigenen Umgebung belassen werden sollten - man sollte sie nie abschreiben sondern kontinuierlich mit Ihnen arbeiten und auch Erfolge der Kranken, seien sie auch noch so klein, anerkennen.

Ein schwieriges und spezielles Thema, dennoch war es interessant hierzu einmal etwas so positives und aufmunterndes zu hören.

Empfehlenswert!
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Empfehlenswert, 23. April 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das innere Auge: Neue Fallgeschichten (Gebundene Ausgabe)
Es handelt sich bei "Das innere Auge" um ein weiteres, lesenswertes Werk von Oliver Sacks, etwa vergleichbar mit "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte". In der Mitte etwas langatmig, aber insgesamt für psychologieinteressierte Menschen mit Humor absolut super.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Veränderte Wahrnehmungen, 11. Februar 2012
Von 
k_t_ "Raumzeitreisender" (Nähe Alpha Centauri) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Das innere Auge: Neue Fallgeschichten (Gebundene Ausgabe)
Autor Oliver Sacks, bekannt durch das Buch "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte", beschreibt Fallgeschichten aus seiner Praxis als Neurologe. Er versteht es, schwierige Sachverhalte für ein breites Publikum allgemeinverständlich aufzubereiten. Verletzungen oder Erkrankungen des Gehirns können dazu führen, dass die Patienten in eine Realität eintauchen, die Außenstehenden bizarr erscheint. Die Leser lernen eine fremdartige Welt kennen.

Da ist zum einen der Fall Lilian Kallir. Sie ist eine Pianistin, die krankheitsbedingt keine Noten und keine Schrift mehr lesen kann, obwohl sie beides gut erkennen kann. In einem weiteren Kapitel geht es um Patricia, einer Künstlerin, die an Sprachverlust leidet. Sie ist nicht stumm, sondern ihr fehlt das Verständnis für Sprache. In einem dritten Fall geht es um den Schriftsteller Howard Engel, der aufgrund eines Schlaganfalls zwar noch Schreiben, aber nicht mehr lesen kann.

Sacks berichtet auch über seine eigene Krankheitsgeschichte, über die er Tagebuch geführt hat. Er hatte einen bösartigen Tumor im Auge. Es werden Facetten einer Erkrankung deutlich, die nicht primär im Fokus stehen, wenn man an Krebs denkt. Neben seinen eigenen Empfindungen beschreibt Sacks im Detail Wahrnehmungsstörungen, die durch die Erkrankung und die spätere Behandlung ausgelöst wurden. Besonders hat ihn der Verlust des stereoskopischen Sehens getroffen, welcher zwangsläufig eintritt, wenn die Sehkraft auf einem Auge schwindet.

Sacks Ausführungen sind nüchtern, verständlich und auch humorvoll. Pessimismus, den man angesichts der behandelten Themen erwarten könnte, ist ihm fremd. "Das innere Auge" ist kein Fachbuch für Mediziner, sondern ein Buch von Betroffenen für Betroffene und für interessierte Menschen, die die Grenzen ihrer Vorstellungswelt erweitern möchten. Der Autor beschreibt, wie die Krankheiten sich entwickeln und wie die Patienten damit umgehen. Der Verlust an Lebensqualität führt nicht dazu, dass sie ihren Lebensmut verlieren.
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5.0 von 5 Sternen Sein bisher persönlichstes Buch, 1. März 2011
Von 
Fuchs Werner Dr (Zug Schweiz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(#1 HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Das innere Auge: Neue Fallgeschichten (Gebundene Ausgabe)
Vor gut 25 Jahren bewies Oliver Sacks mit seinem Buch "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselt", dass sich wissenschaftliche Berichterstattung und Storytelling bestens miteinander in Einklang bringen lassen. Und da sein Buch zum Bestseller und in unzählige Sprachen übersetzt wurde, war der Bann gebrochen. Allerdings zeigte sich sehr schnell, dass es auch für diese Form von Wissensvermittlung eine Begabung braucht. Denn nicht überall, wo Storytelling draufsteht, ist Genießbares drin. Bei Oliver Sacks darf der Leser jedoch getrost davon ausgehen, dass jedes seiner Bücher ein Treffer ist. So auch das neuste.

Speziell an dieser Sammlung von Fallgeschichten ist, dass Oliver Sacks' Bericht der eigenen Erkrankung am meisten Platz einnimmt. Rechnet man das letzte Kapitel "Das innere Auge" dazu, dann sind es über 100 Seiten, auf denen sich Oliver Sacks mit der Beeinträchtigung des Augenlichts durch ein Melandrom, sprich Krebs, auseinandersetzt. Während Sacks im sechsten Kapitel "Augenträgheit: Ein Tagebuch" von seinen Gefühlen, Hoffnungen, Ängsten und Erfahrungen in der Klinik berichtet, sind im folgenden Kapitel schriftliche festgehaltene Erfahrungen anderer Menschen, die in einer ähnlichen Lage waren wir Sacks.

Storytelling in seiner besten Form ist dieses Buch, weil das Wesentliche durch Geschichten und nicht durch Fakten oder Schulbuchwissen vermittelt wird. Dass unser Gehirn wichtige Daten aus der Umwelt ganz automatisch extrahiert, steht nirgends. Aber genau das passiert, wenn Oliver Sacks seine Fallgeschichten erzählt. Dem Leser wird klar, dass der "normale" Mensch ein Konstrukt der Wissenschaft ist und eigene Erfahrungen plötzlich Glaubensmodelle ins Wanken bringen können. Wir begreifen die starke Prägung von Erlebnissen aus der Kindheit und Jugend, werden mit der Anpassungsfähigkeit des Menschen vertraut gemacht, lernen die Möglichkeiten und Grenzen des positiven Denkens kennen und sind letztlich dankbar, dass unsere eigene Fallgeschichte offenbar nicht so gravierend ist wie die von Olivers Sacks' Patienten.

Menschen, die den bekannten Neurowissenschaftler persönlich kennen, sind von dessen menschlicher Anteilnahme am Schicksal stark beeindruckt. Und die vielen Rückmeldungen seiner Patienten lassen keinen Zweifel daran, dass die Empathie von Oliver Sacks echt ist und zu seiner Persönlichkeit gehört. Es ist schon beinahe Ironie des Schicksals, dass Sacks schon immer über eine gute Beobachtungsgabe verfügte. Umso stärker muss ihn die Diagnose getroffen haben, dass sein Sehsinn durch das Melandrom und die Folgen der Behandlung arg beeinträchtigt wird. In seiner offenen Art gibt Sacks auch zu, dass er sich in der neuen Situation nicht immer so verhielt, wie seine Mitmenschen und seine Angehörigen es eigentlich verdient hätten. Die hohe Authentizität dieses Buches macht es zusätzlich zum Ereignis.

"Vom Blatt spielen" erzählt von einer Pianistin, die darunter leidet, dass sie die Bedeutung des Gesehenen nicht mehr entschlüsseln kann. Schön, dass diese Geschichte den Auftakt bildet, macht sie doch klar, wie wichtig das Finden einer persönlichen Strategie ist, um mit einer Behinderung umgehen zu können. Um Sprachverlust oder "Aphasie" geht es in der Geschichte einer Frau, die mit den Folgen eines Schlaganfalls zurechtkommen muss. Und auch in diesem Kapitel geht Oliver Sacks auf die Pioniere der Neurowissenschaften ein und zeigt deren Verdienste auf.

Alexie heißt der medizinische Fachbegriff, mit dem die Behinderung eines kanadischen Schriftstellers beschrieben wird. Das Schicksal von einem Autor, der seine eigenen Texte nicht lesen kann, berührte mich stark, weil ich einen ähnlichen Fall kenne. Und natürlich weckten viele Geschichten Emotionen, weil auch meine Tochter irgendwie damit zurechtkommen musste, dass sie eine Laune des Schicksal nicht zu den "normalen" Menschen gehört. Das war auch der Grund, weshalb ich 1988 damit begann, mich für das menschliche Gehirn zu interessieren und mit Oliver Sacks Kontakt aufnahm.

Unter Gesichtsblindheit, Prosopagnosie, leiden offenbar mehr Menschen, als man bisher annahm. Auch Oliver Sacks ist nur schwer in der Lage, ein Gesicht auf den ersten Blick zu erkennen. Umso stärker müssen ihn die Begegnungen mit dem "Gedächtnismaler" Franco Magnani beeindruckt haben. Im fünften Kapitel erfahren wir wiederum viel über das visuelle System des Menschen, weil Oliver Sacks eine Fallgeschichte erzählt, die veranschaulicht, wie dreidimensionales Sehen zustande kommt.

Mein Fazit: Die neue Sammlung von Fallgeschichten ist auch ein sehr persönliches Buch. Denn der bekannte Neurowissenschaftler Oliver Sacks erzählt auch von seinen eigenen Schwierigkeiten, die Diagnose Krebs annehmen zu können und den Lebensmut nicht zu verlieren. Wer mehr über das Wunder des menschlichen Gehirns wissen möchte, aber keine Fachbücher mag, erfährt das Wesentliche in den von Oliver Sacks festgehaltenen Fallgeschichten. Verständlich geschrieben, auf den Punkt gebracht und mit einem großen Herz vermittelt.
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4.0 von 5 Sternen Wenn das eigne Gehirn anders funktioniert als das der Mitmenschen., 21. Januar 2014
Von 
Carl-heinrich Bock "Literatur- und Kinofan" (Bad Nenndorf) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Das innere Auge: Neue Fallgeschichten (Gebundene Ausgabe)
Der britische Neurologe Oliver Sachs, Autor von zehn Büchern, ist ein Meistererzähler im Fach neurologischer Fallgeschichten und er stellt sein Ingenium zum Geschichten erzählen in seinem neuen Buch Das innere Auge" wieder einmal ausdrucksvoll unter Beweis. Fakt: So lange das menschliche Gehirn funktioniert, präsentiert sich uns die Welt als ein perfektes Ganzes. Was passiert wenn es durch Schlaganfälle, Unfälle oder Tumore zu optischen Täuschungen des Gehirns kommt? Wie werden die Betroffenen mit den existenziellen Herausforderungen fertig? Wie funktioniert letztlich das Gehirn?

Oliver Sachs erzählt in seinem Buch Fallgeschichten aus der Welt des Sehens, und macht deutlich, dass das Gehirn die Schaltstelle zwischen Sinnesorgan und Bewusstsein ist. Er sucht nicht im Labor Antworten auf die Fragen, sondern bei seinen Patienten und ihrem Erleben. Menschen Er ist ein brillanter Beobachter und er hält präzise fest, wie diese Menschen, die nicht mehr lesen können, sich nicht mehr orientieren können oder keine Gesichter mehr erkennen können ihre Einschränkungen kompensieren. Nicht selten sind seine Patienten Musiker, Künstler oder Wissenschaftler. Die Fälle die er beschreibt mögen unter Umständen im klinischen Alltag allgegenwärtig sein, aber das Bemerkenswerte an Oliver Sachs seinen Darstellungen ist, das er akribisch die individuelle Erlebenswelt seiner Patienten feinfühlig und präzise konkretisiert. Normale Ärzte sehen dagegen mehr oder weniger auf den Kern der Erkrankung. So ist Neurologie ein Fach auf dem im Moment alle Hoffnungen ruhen, möglicherweise kriegen wir jetzt präzises Aussagen über die Grundlagen unseres Lebens. Oliver Sachs ist sicher eine ganz herausragende Inspirationsfigur, die erhellende Erkenntnisse entwickelt, wenn er auch den Philosophen die Freude nicht spoilern will.

Erstaunlich, wie Menschen trotz all der unterschiedlichsten Störungen so unendlich viel Lebensmut zeigen. In seinem neuen Buch präsentiert sich Oliver Sachs auch als sein eigener Patient. Seit seiner Kindheit leidet er an Prosopagnosie(Gesichtsblindheit), kann sich nicht nur Gesichter anderer Menschen nicht merken, sondern erkennt auch nur sehr schwer sein eigenes Spiegelbild. Auch sein Gehirn funktioniert also anders als das seiner Mitmenschen und zwingt ihn noch stärker, bei seinen Beobachtungen sich eingehender aufs Zuhören und Erzählen zu verlassen.
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Das Spektakuläre an den Fallbespielen die Sachs beschreibt ist, dass es besondere Menschen sind, die gewissermaßen lernen mit den Schäden, mit den plötzlich hervorgerufenen Störungen fertig zu werden. Sie haben die erstaunliche Motivation damit umzugehen und daraus noch etwas zu machen, das Leben, wenn auch nicht besser, so doch etwas kreativer gestalten zu können. In dem Beispiel der Pianistin Lilian sehen wir, wie sie mit einer attestierten musikalischen Alexie" , Lebensmut, Freude und neue Strategien entdeckt, um das gleiche weiter zu machen was sie offenbar zu verlieren scheint, nämlich Musik zu machen. Im Zentrum des Gehirns werden über komplizierte Netzwerke Module verbunden, die exempli causa spezialisiert zur Gesichtswahrnehmung, Buchstabenwahrnehmung, Notenwahrnehmung usw. spezialisiert sind. Bei der Pianistin ist dieses im Laufe ihres Lebens erworbene Modul gestört. Es ist eine degenerative Erkrankung und Oliver Sachs beschreibt sehr schön die spezifische Anpassung die Lilian bei jedem neue auftretenden Verlust vornehmen muss, um sich auch weiterhin in ihrem Leben zu Recht zu finden. In einem anderen Fall berichtet er von einem Schriftsteller der plötzlich keine Buchstaben mehr erkennen kann.

Oliver Sachs zeigt also in seinen Fällen sehr deutlich, dass Patienten Fähigkeiten entwickeln die sie vorher überhaupt nicht hatten. Sie tun ganz neue Dinge, entwickeln neue Begabungen finden einen Weg um das Beste aus der gestörten existenziellen Herausforderung zu machen. Diese "Zombies", wie er sie auch nennt, finden Möglichkeiten mit ihren Hirnschäden zu Recht zu kommen, weil das menschliche Gehirn extrem anpassungsfähig ist und sich ständig verändert.

Bei Sachs sind es Fälle die mit einem Happy End enden, sicher gibt es in der Neuropsychologie sehr viele Patienten, die ihre Beschränkungen nicht so gut kompensieren können. Oliver Sachs hat die Möglichkeit, aus der Fülle der Fälle, die in seiner Praxis auftreten, die aussuchen zu können die interessant sind und außerdem muss man davon ausgehen, dass seine Patienten besonders inspiriert sind.

Ich hab dieses Buch gelesen, weil ich mich in diesen ganzen neurologischen Forschungen nicht auskenne und weil ich mir möglicherweise nach der Lektüre die mich in unbekannte Welten führt vorstellen kann, wie mein Leben mit einem anderen Gehirn verlaufen könnte. Die Bücher werden eigentlich so viel gelesen weil Oliver Sachs die Fallbeispiele literarisch verpacken kann, um sie so für viele Menschen verständlich zu machen. Er beschreibt mit einer grenzenlosen Gefühlstiefe für den Leser unbekannte Welten. Wie viele Patienten hat Oliver Sachs und wie viele passen in dieses Raster? Doch nicht nur welch guter Neurologe, sondern welch guter Autor er sein kann zeigt die Geschichte seiner eignen Erkrankung. In dieser brillantesten Geschichte geht es nicht um die Sichtweise des behandelnden Neurologen, sondern es geht um die Perspektive des erkrankten Individuums das eine unbeschreibliche Beobachtungsverbissenheit entwickelt, um zu sehen welche Anpassungen in Sachen Gesichtswahrnehmung in seinem Gehirn ausgleichend vorgehen. Ein hoch interessantes Buch mit spektakulären Fallstudien über Menschen die trotz existenzieller Katastrophen mutig neue Lebenswege finden.
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5.0 von 5 Sternen Information gepaart mit Spannungsbogen, 11. Oktober 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das innere Auge: Neue Fallgeschichten (Gebundene Ausgabe)
Das Buch lässt sich gut lesen und kann für viele Berufsgruppen von Interesse sein. Aber auch für Leser spannender Geschichten ist es geeignet.
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4.0 von 5 Sternen Interessantes Hörbuch, 18. März 2012
Habe das Hörbuch bis jetzt zur hälfte durch, es ist in einzelne Fallgeschichten gegliedert. Alle Fallgeschichten finde ich sehr interessant. Bisher ist der Eindruck entstanden, dass der Autor die Patienten überwiegend begleitet und den Zustand dokumentiert.
Es ist faszinierend, wie unser Gehirn funktioniert und wie die Wissenschaft forscht und immer neue Erkenntnisse hinzu kommen.

Gutes Hörbuch, höre es im Auto, man wird nicht müde davon.
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0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das innere Auge, 4. März 2011
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das innere Auge: Neue Fallgeschichten (Gebundene Ausgabe)
Das Buch war ein Geschenk an meinen Mann. Er ist davon - wie von allen anderen Büchern von Oliver Sacks - begeistert.
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ARRAY(0xb2901060)

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Das innere Auge: Neue Fallgeschichten
Das innere Auge: Neue Fallgeschichten von Oliver Sacks (Gebundene Ausgabe - 15. Januar 2011)
EUR 7,77
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