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4.0 von 5 Sternen Menschen, Orte, Avatare
Unser Leben hängt davon ab, ob wir ein usbekisches Visum, einen gültigen Personalausweis, das richtige Handy oder die korrekte Vorstellung von uns selbst und unserer Persönlichkeit haben - diese Theorie zieht sich durch die neun Geschichten in Kehlmanns "Ruhm". Sie wirft interessante Fragen auf, beispielsweise die, was wir eigentlich noch sind, wenn uns ein...
Veröffentlicht am 13. April 2010 von Minnhera

versus
23 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein Roman in Fragmenten - ein literarisches Experiment
Zu Beginn klingelt ein Mobiltelefon. Gleiches passiert am Ende der letzten Episode. Das ist kein Zufall. Daniel Kehlmann parodiert in diesem aus neun Einzelgeschichten bestehenden Roman (unter anderem) die Folgen der modernen Kommunikationstechnik auf unser Leben. Die Abhängigkeiten sind gewaltiger, als uns im Alltag bewusst ist. Dies wird insbesondere dann deutlich,...
Veröffentlicht am 8. April 2012 von Spacetime Traveler


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23 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein Roman in Fragmenten - ein literarisches Experiment, 8. April 2012
Von 
Spacetime Traveler ('Castle of Glass' in the black forest of Wuellen, the center of planet earth, on the edge of the mysterious Milky Way) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Zu Beginn klingelt ein Mobiltelefon. Gleiches passiert am Ende der letzten Episode. Das ist kein Zufall. Daniel Kehlmann parodiert in diesem aus neun Einzelgeschichten bestehenden Roman (unter anderem) die Folgen der modernen Kommunikationstechnik auf unser Leben. Die Abhängigkeiten sind gewaltiger, als uns im Alltag bewusst ist. Dies wird insbesondere dann deutlich, wenn sich Fehler in die Technik einschleichen.

Computertechniker Ebling wird zum Opfer eines solchen technischen Fehlers. Aufgrund einer falschen Nummernzuordnung erhält er ständig Anrufe, die für einen gewissen Ralf bestimmt sind. Jedoch lässt sich Ebling nach kurzer Zeit auf das Spiel ein. Er entwickelt sich vom genervten passiven Opfer zum aktiven Gestalter einer Lebenswirklichkeit, die nicht die Seine ist. Er schlüpft in die neue Rolle und spielt Schicksal. Mit dieser Geschichte gelingt Kehlmann ein humorvoller Einstieg in seinen verschachtelten Roman.

Fehler in der Technik können sich auch dramatisch auswirken. Maria Rubinstein, die in "Osten" mit einer Journalistendelegation in Richtung China unterwegs ist, wäre nach einem Zwischenstopp froh, wenn sie überhaupt eine Verbindung hätte. Sie wird von der Reiseleitung vergessen und ist damit von der Außenwelt abgeschnitten. Durch die Panne ist die bürokratische Ordnung durchbrochen; selbst die Polizei kann ihr nicht helfen. Deutlich wird nicht nur die Technikabhängigkeit, sondern auch was eine Nichtbeachtung von Ordnungsstrukturen bedeuten kann. Frau Rubinstein wird Teil einer neuen Wirklichkeit.

An diesen Fragmenten des Romans wird erkennbar, dass es Autor Kehlmann nicht nur um das Versagen der Technik, sondern auch um Identitätsprobleme geht. Schauspieler Ralf Tanner weiß, was damit gemeint ist. Von einem Tag zum anderen bekommt er keine Anrufe mehr, weil die Telefongesellschaft die Anschlüsse falsch zugeordnet hat (siehe Querverbindungen zu "Stimmen" und "Wie ich log und starb"). Sein Leben gerät aus den Fugen. Er wird zum mittelmäßigen Imitator seiner Selbst. Ein anderer, charismatischer als er selbst, übernimmt sein Leben. "Er konnte sich nicht erinnern, dass er selbst je so eine gute Figur abgegeben hatte." Pure Ironie.

Eine besondere Rolle spielt der Schriftsteller Leo Richter, der in mehreren Episoden vorkommt und mindestens eine davon ("Rosalie geht sterben") selbst verfasst hat. Dies ist eine ernste Geschichte über eine todkranke ältere Frau, die sterben möchte. Seltsam ist, dass Protagonistin Rosalie Konversation mit dem Autor, also mit Leo Richter, führt. Kehlmann experimentiert mit den Erzählebenen, Realität und Fiktion werden vermischt.

Die Vermischung der Ebenen wird in der letzten Episode "In Gefahr" auf die Spitze getrieben. Elisabeth und Leo Richter verreisen (wie auch in der ersten Episode "In Gefahr") und treffen Lara Gaspard, eine Romanfigur von Leo Richter. Was ist Fantasie, was ist Realität? Zur Verwirrung trägt auch ein dünner Mann mit Hornbrille und fettigem Haar bei, der zweimal als Fahrer auftaucht, einmal real und einmal fiktiv in einer Geschichte von Leo Richter (S. 68 u. 185).

"Ein Beitrag zur Debatte" wirkt nicht authentisch. Die Geschichte ist zwar unterhaltsam, jedoch klingt der Slang konstruiert. Es ist nicht die Jugendsprache, sondern Kehlmanns Vorstellung von der Jugendsprache, die hier umgesetzt wurde. Dieses Experiment ist nur mäßig gelungen. Gleiches gilt für die Integration des Schriftstellers Miguel Auristos Blancos, der mit seinen Selbstfindungsbüchern als Antwort (?) in vielen Episoden auftaucht. Dabei stehen Schein und Sein in Konflikt zueinander, wie in "Antwort an die Äbtissin" deutlich wird.

"Ruhm" ist laut Buchbeschreibung ein Roman in neun Geschichten. In einem Interview sprach Daniel Kehlmann von einem Roman, der aus jeweils abgeschlossenen aber eng zusammengehörenden Episoden besteht. Jede Geschichte außer der letzten funktioniere auch für sich allein.

Es gibt zahlreiche Verknüpfungen zwischen den Geschichten (manche erschließen sich erst nach dem zweiten Lesen), jedoch überwiegt die Fragmentierung. Der Roman bietet reichlich Stoff für Interpretationen, aber er fesselt nicht. Dazu sind die Einzelgeschichten zu weit auseinander, das Gesamtwerk zu konstruiert. Abweichung von der Norm, wohl durchdachte Struktur und Variationen im Stil reichen nicht aus, es muss auch Atmosphäre geschaffen werden, wie sie eher in einem durchgängigen Gesamtwerk möglich ist.

Positiv bleibt festzuhalten: Der Roman fordert heraus. Identität ist ein großes Thema. Kehlmann betreibt ein Versteckspiel, welches man ergründen möchte. Wo liegen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion? Wie sind die Erzählebenen aufgebaut? Wo liegen die Verbindungen zwischen den Episoden?
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Menschen, Orte, Avatare, 13. April 2010
Rezension bezieht sich auf: Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten (Gebundene Ausgabe)
Unser Leben hängt davon ab, ob wir ein usbekisches Visum, einen gültigen Personalausweis, das richtige Handy oder die korrekte Vorstellung von uns selbst und unserer Persönlichkeit haben - diese Theorie zieht sich durch die neun Geschichten in Kehlmanns "Ruhm". Sie wirft interessante Fragen auf, beispielsweise die, was wir eigentlich noch sind, wenn uns ein Stück Papier oder eine Datei fehlt, die unsere Identität bestätigt.
Gerade angesichts einer mittlerweile in vielen Fällen über das Internet stattfindenden Partnersuche, elektronischen Shoppens und sonstiger netter Auswüchse wird die Frage nach der Person hinter den Personalien mit immer undurchsichtigeren Avataren beantwortet, die gleichzeitig möglichst offen sein und dennoch nichts Wahres offenbaren wollen.
Adressen existieren nicht mehr, oft genug gibt es nicht einmal mehr halbwegs echte Namen, aber erotische Phantasien werden im Chat hinausposaunt. Die privatesten und die öffentlichsten Dinge haben ihren Platz getauscht und können kaum noch zugeordnet werden. Der Mensch ist, wer er zu sein scheint, wer er sein möchte oder einfach die Person, die sich mit entsprechenden Papieren ausweisen kann.
Dieses Verwirrspiel hat Kehlmann in "Ruhm" fabelhaft umrissen. Respekt!
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein außergewöhnliches Leseerlebnis, 5. Februar 2014
Dieses Buch habe ich auf Empfehlung einer Freundin gelesen. Der Titel klang sehr interessant. Für mich war es das erste Mal, so ein Buch zu lesen. Im Prinzip ist es eine Anthologie von neun Geschichten, aber irgendwie hängen sie miteinander zusammen. Teilweise sind sie sehr ernsthaft und ziemlich langatmig. Von der Stimmung her waren diese deprimierend. Andere fand ich richtig lustig, weil sie so absurd sind. Beispielsweise geht es in einer Geschichte um eine Protagonistin, die weiß, dass sie lediglich eine Romanfigur ist. Eine andere Geschichte handelt von einer älteren, totkranken Dame, die aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen möchte. Kurz vor dem Ende wendet sich die Handlung und nichts kommt, wie man es hätte meinen können. Besonders gut gefällt mir der Schreibstil des Autors, der nicht nur ein außenstehender Erzähler ist, sondern oft aktiv in das Geschehen eingreift. Insgesamt war es für mich ein außergewöhnliches Leseerlebnis. Das Werk ist meiner Meinung nach an anspruchsvolle Leserinnen und Leser gerichtet.
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Geschichte in neun Geschichten - kein Roman!, 11. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten (Gebundene Ausgabe)
"Alle Figuren wurden in eine Gesamt-Story verwoben, die zwar keinen richtigen Anfang, kein Ende und keine echte Hauptfigur hat, in der jedoch alle Handlungsfäden zusammenlaufen. Jede Geschichte löst an einem oder an mehreren Punkten einen Handlungsstoß für eine andere aus. Als Schubser für diesen Dominoeffekt dienen die Kommunikationsmittel unserer Zeit, das Mobiltelefon und das Internet. Heraus kommt eine bunte Geschichte, die stellenweise den Unterhaltungswert einer Verwechslungskomödie hat"

genau - und deswegen ist es kein Roman!

Aber dennoch: die Kurzgeschichten sind gut geschrieben, verweben sich auf interessante Weise und steigern sich letztendlich.

Geschichte in neun Geschichten - empfehlenswert
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spitze, 28. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Sehr genialer Roman, neun verschiedene Geschichten, die miteinander verwoben eine ganze ergeben. Zeigt gut die Vernetztheit der Welt, dass ein Ereignis ein anderes hervorbringen kann... viel Spaß.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Lost in Fiction, 27. Mai 2014
Von 
Diethelm Thom - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Das Thema "Ruhm" spielt in einer Gruppe der neun Geschichten eine sehr deutliche Rolle, in anderen ist diese Rolle nicht unmittelbar erkennbar. Beispiele aus der ersten Gruppe: Ein unbedeutender Durchschnittsmensch begreift, dass ihm aus Versehen die Handynummer eines berühmten Schauspielers zugewiesen wurde. Er erlebt nun für eine kurze Zeit den Rausch, eine Berühmtheit zu sein. Oder: Ein Nobody schmeißt sich an einen berühmten Schriftsteller heran, um in einer Geschichte von ihm einmal eine Rolle zu spielen. Er hält sich in seiner Mittelmäßigkeit sonst immer auf Promi-Foren im Internet schadlos, wo er mit seinen Insider-Kenntnissen angibt. Diese Geschichte ist übrigens die komischste, weil sie in der primitiv-verhackstückten Kraftmeier-Sprache von Bloggern geschrieben wurde, die sich in den Insider-Foren schon längst eine Ersatzwirklichkeit geschaffen haben. Eine andere Geschichte: Ein berühmter Schauspieler will sich in einem Club, wo sich Promi-Imitatoren treffen, selbst spielen und verliert gegen einen anderen Imitator seiner selbst, der dann auch seinen Platz in der Wirklichkeit einnimmt. (Diese Geschichte ist m.E. die schwächste, weil hier in Science-Fiction-Manier etwas demonstriert werden soll). Oder: Ein berühmter Verfasser von Lebenshilfe-Büchern wird von finstersten Depressionen und Zweifeln am Sinn des Lebens heimgesucht.

Schwieriger in diesen Zusammenhang ist die andere Gruppe von Geschichten einzuordnen: Eine alte Frau fährt in die Schweiz, um dort die Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Sie fleht den Autor (Kehlmann) an, damit letztlich nicht Ernst zu machen. Oder: Eine mittlere Krimi-Autorin geht auf einer organisierten Reise in ein fernes Land im Osten auf mysteriöse Weise verloren. Oder: Die Ärztin Elisabeth, die mit Leo Richter zusammen reist (Leo Richter weist sich auch als Daniel Kehlmann aus) findet sich auf einmal in einer Geschichte von Richter/Kehlmann wieder. Diese Tendenz zeigt sich generell: Das Leben der Protagonisten löst sich in Fiktion auf und lebt als solche fort: Der vorher erwähnte Blogger hat die Geschichte von der Frau bei der Schweizer Sterbehilfe gelesen. Die Auflagen der Krimi-Autorin steigern sich sprunghaft nach ihrem mysteriösen Verschwinden. Eine wichtige Rolle bei dieser Tendenz zur Fiktionalisierung spielen die modernen elektronischen Medien, insbesondere hier noch das Handy. So schafft sich ein Karrierist, der sich zwischen zwei Frauen nicht entscheiden kann, ein Gespinst aus Lügen, das er per Handy erzeugt und in dem er sich zuletzt verliert und auflöst.

Insgesamt also handelt es sich um Geschichten nicht nur über den Ruhm und seine Schattenseiten, sondern über die Tendenz in unserer Zeit zur Auflösung von Wirklichkeit in Fiktionalität, wobei die modernen Medien eine zentrale Rolle spielen. Die Geschichten sind griffig und einfallsreich geschrieben, aber sie sind gedanklich und in der Charakterdarstellung wenig komplex . Gleichzeitig haben die Brechungen der Realität und die Bewusstmachung des fiktionalen Charakters etwas Spielerisches und Unverbindliches an sich.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen 9 Teile eines Ganzen, 30. Mai 2011
Von 
callisto (Freiburg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten (Gebundene Ausgabe)
9 Kurzgeschichten von Daniel Kehlmann:
1. Stimmen.
Computertechniker Ebling bekommt sein erstes Handy. Bei der Telefongesellschaft jedoch gab es einen Fehler und er erhält die Nummer eines anderen Teilnehmers, namens Ralf. Plötzlich rufen wildfremde Menschen bei ihm an.
2. In Gefahr.
Die Ärztin Elisabeth begleitet ihren Freund, den berühmten Schriftsteller Leo Richter, auf seiner Lesereise durch Lateinamerika.
3. Rosalie geht sterben.
Rosalies Reise nach Zürich zu einem Verein für Sterbehilfe
4. Der Ausweg.
Der berühmte Schauspieler Ralf Tanner hat sein Leben satt. Er gibt sich als Imitator seiner selbst aus und beginnt ein zweites Leben.
5. Osten.
Statt Leo Richter begibt sich die Kriminalautorin Maria Rubinstein auf eine Pressereise nach Zentralasien und geht verloren.
6. Antwort an die Äbtissin.
Miguel Auristos Blancos, Autor esoterischer Selbsthilfebücher, erkennt den Irrtum seiner Thesen.
7. Ein Beitrag zur Debatte.
Mollwitz, ein internetsüchtiger Mitarbeiter einer Mobilfunkgesellschaft, muss statt seines Chefs auf eine Konferenz und trifft dort Leo Richter.
8. Wie ich log und starb.
Mollitz Chef führt ein Doppelleben mit Ehefrau Hannah (am Wochenende) und Freundin Luzia (In der Woche).
9. In Gefahr.
Leo und seine Freundin Elisabeth reisen zu einem humanitären Einsatz ins afrikanische Kriegsgebiet.

Schon in Die Vermessung der Welt verband der Autor 3 verschiedene Geschichte, die auch einzeln funktioniert hätten, zu einem großen Ganzen. In Ruhm sind es nicht 3 sondern 9 Kurzgeschichten, die zum Schluss eine fast durchgehende Handlung ergeben.
In "In Gefahr" nimmt der Autor das Konzept seines Romans auf S. 25 vorweg "Ein Roman ohne Hauptfigur! [...] Die Komposition, die Verbindung, der Bogen, aber kein Protagonist, kein durchgehender Held."
Das Erstaunliche ist, dass einerseits jede dieser Geschichten alleine für sich funktioniert, andererseits jedoch genug Überschneidungen vorhanden sind, dass sich alle 9 Kurzgeschichten irgendwie auf die eine oder andere Weise miteinander verbinden, sei es durch Personen, die in beiden Geschichten vorkommen, sei es durch Handlungen die in einer Geschichte ausgelöst werden und deren Auswirkungen in einer eigenen Geschichte weitererzählt werden. Die Reihenfolge ist dabei sogar frei wählbar, das Buch funktioniert in beliebiger Reihenfolge der Geschichten.
Die Hauptfrage und der Hauptaspekt des Buches ist Kommunikation, sei es über Handy/Telefon oder Internet und welche sehr realen Folgen diese Interaktionen im echten Leben nach sich ziehen, so kostet Elbings Spiel mit den Anrufern des Fremden Ralf ein Leben.

Im Oktober 2010 begann man mit der Verfilmung des Romans, in welchem sechs der Geschichten zu einem Episodenfilm zusammengeführt werden sollen. Als Kinostart ist Herbst 2011 geplant.

Fazit: Eigentlich mag ich keine Kurzgeschichten. Diese jedoch sind so genial miteinander verknüpft, dass es großen Spaß macht sie beim Lesen miteinander in Beziehung zu setzten und zu beobachten, wie sich langsam ein Gesamtbild entwickelt.
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29 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gefangen im literarischen Spinnennetz, 8. März 2010
Von 
David Fischer (Hamburg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten (Gebundene Ausgabe)
Daniel Kehlmann (34), der Autor vom Bestsellerroman "Die Vermessung der Welt", konnte bei der Konzeption seines neuen Buches "Ruhm" die Finger nicht vom literaturwissenschaftlichen Experimentierkasten lassen.

So ganz und gar unkonventionell kommt "Ruhm" in Aufbau, Struktur und Grundidee daher. Neun Episoden reihen sich nebeneinander, jede mit ihrer ganz eigenen Sprache, jede mit einem anderen Blickwinkel. Zugegeben, es stellt sich beim ersten Durchblättern die Frage, ob diese Geschichten mit Titeln wie "Ein Beitrag zur Debatte" oder "In Gefahr" überhaupt zusammenhängen.

Die auffälligste Gemeinsamkeit aller Geschichten ist die Frage danach, in wie weit äußere Einflüsse das Leben bestimmen. In "Ruhm" zeichnet Kehlmann ein facettenreiches Figurenkabinett unserer heutigen Gesellschaft: Da wäre zum einen ein neurotischer Schriftsteller, der sich seine Lieblings-Romanheldin nach dem verbesserten Bildnis seiner schnöden Lebensgefährtin baut. Oder der Schauspieler Ralf Tanner, der nach einem "Fluchtversuch" aus seinem goldenen Käfig als Doppelgänger nicht mehr zurück in sein wahres Leben findet. Oder der Blogger, ein Muttersöhnchen, das in der Realität ein wahres Versagerleben führt, doch in Internetforen den prolligen Kompetenzbeauftragten für jede Lebenslage mimt.

Alle Figuren wurden in eine Gesamt-Story verwoben, die zwar keinen richtigen Anfang, kein Ende und keine echte Hauptfigur hat, in der jedoch alle Handlungsfäden zusammenlaufen. Jede Geschichte löst an einem oder an mehreren Punkten einen Handlungsstoß für eine andere aus. Als Schubser für diesen Dominoeffekt dienen die Kommunikationsmittel unserer Zeit, das Mobiltelefon und das Internet. Heraus kommt eine bunte Geschichte, die stellenweise den Unterhaltungswert einer Verwechslungskomödie hat.

Mit Hilfe der Schnitttechnik führt Kehlmann unvermittelt neue Personen ein und neue Handlungsläufe beginnen. Mehrere Ansichten laufen gleichzeitig, werden aber nacheinander erzählt. Ist der Blogger Mollwitz in der Geschichte "In Gefahr" nur ein weiterer Typ, der den Schriftsteller Leo Richter von der Seite anquatscht, so ist der Internetjunk wenige Seiten weiter plötzlich der Nabel seiner eigenen Welt ' im Kontrast dazu vertreten durch einen seltsamen Internetslang. Dabei wechselt Kehlmann gekonnt von einem Stil zum anderen und behält stets den souveränen Umgang mit der Peinlichkeit seiner Figuren bei.

Daneben gibt "Ruhm" dem Leser Signale zu gesellschaftlichen Verfremdungen und unterschiedliche Wahrnehmungswelten. Kehlmann agiert ähnlich wie Tolstoi, vieles seiner Figuren spielt sich im Inneren ab. Das Betrachten der Welt mit unterschiedlichen Augen erzeugt den Eindruck, als ob etwas zum ersten Mal beschrieben wird. Ein Handwerksgriff, der zur Abwechslung im Lesevergnügen beisteuert.

Auf einen Ausflug in die literaturtheoretischen Metaebene entführt Daniel Kehlmann in die Geschichte "Rosalie muss sterben", in der er das Verhältnis zwischen Autor, Leser und Figur behandelt. In dieser Episode fleht die schwerkranke (sich selbst erkennende) Hauptfigur Rosalie auf dem Weg zur Klinik für Sterbehilfe den Autor an, er möge das Schicksal von ihr abwenden. Hier wechseln augenblicklich die Ebenen, exponierte Bittrufe der Figur unterbrechen die Erzählung und die Geschichte tritt aus dem üblichen räumlich-zeitlichen Spektrum von Erschaffer und Erschaffene heraus. Kehlmann thematisiert an dieser Stelle den Kommunikationsprozess in der Literatur - ganz nach Bachtins Theorie des zweistimmigen Wortes, der Stimme des Autors und der fremden Stimme, die sich überlagern - und stellt so die literarischen Vorstellungen der Rollen von Leser, Figur und Autor auf den Kopf.

Als Gesamtaussage bleibt zurück: Der Roman stellt die fremden Sprachen ins Recht, lässt die Wirklichkeit mit der Fiktion verschwimmen, spricht sich gegen die eine Wahrheit, den abgeschlossenen Text und die Verweigerung des letzten Wortes aus. Der Poststrukturalismus lässt grüßen.

Aber was macht "Ruhm" zu einem guten Roman? Seine Unfertigkeit. Die Erzählung ist keine von Widersprüchen gereinigte Welt. Die ungeschriebenen Teile sind bei "Ruhm" die eigentlich interessantesten. Denn zwangsläufig bindet Kehlmann den Leser selbst in den Schaffensprozess mit ein. Der Autor bietet die unterschiedlichsten Perspektiven und Bewertungsvorschläge an. Doch es findet sich kein hilfreicher Wink von ihm wieder, der die Verhältnisse zwischen den Figuren ausformulieren könnte; der Leser ist in diesem literarischen Spinnennetz auf sich allein gestellt. Der Leser soll entdecken. Er ist derjenige, der die unklaren Beziehungen und Leerstellen in diesem komplexen Geflecht an Verbindungen zusammenleimt. Somit setzt der Leser den letzten Stein auf die Endfassung des Textes.

Der Roman "Ruhm" ist ein handwerklich gelungenes Buch, das auf die Konfusion der Sprachen in einer globalisierten, ständig miteinander vernetzten Welt aufmerksam macht. Schönheitsfehler wie die teilweise eindimensional überzeichneten und ins klischeehafte entrückt Figuren sollen diesen guten Eindruck nicht trüben. Denn "Ruhm" bedient mehrere Lesegruppen und kann sowohl auf unterhaltsame als auch tiefgängige Weise gelesen werden.

Das Spiel mit dem Experimentierkasten hat sich für Kehlmann also gelohnt.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Erstaunlich gut!, 28. Oktober 2009
Von 
Sebastian Knop "dasebi" (Steinfurt, Westfalen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten (Gebundene Ausgabe)
Nach einem Bestseller wie der "Vermessung der Welt" wartet das Publikum gespannt auf das nächste Werk des Autors. Vielmals verpuffen bei diesem Roman/Buch die Vorschusslorbeeren in Schall und Rauch.
Anders ist es aus meiner Sicht bei diesem Buch von Daniel Kehlmann.
Fein verschlungene Handlungsstränge, mehr oder minder merkwürdige Charaktere in einem spannenden Netz aus Fiktion und Realität, und der überzeugende Schreibstil von Daniel Kehlmann zaubern eine meist überzeugende Komposition, die den Leser fesseln kann und einem auch nach Beiseitelegen des Buches beschäftigt.
Vor allem die Episode "geschrieben" vom übereifrigen, sozialfremden Internetblogger hat zum Lachen und Nachdenken angeregt.
Auf der anderen Seite werden in einigen Episoden traurige und auch gesellschaftskritische Facetten der verwobenen Geschichten deutlich.
Was mich zu "nur" vier Sternen bewogen hat, ist das Ende des Romans und die damit verbundene Auflösung der Vernetzung der überaus verschiedenen Handlungsstränge, welche hinter dem Vorrangegangenen ein wenig abfällt.

Zusammenfassend ist "Ruhm - Ein Roman in neun Geschichten" für mich ein hervorragendes Werk mit nur ganz wenig Abstrichen.
Absolute "Leseempfehlung"!
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das richtige Buch für alle Amazon-Rezensenten!, 8. Februar 2009
Von 
Happyx - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten (Gebundene Ausgabe)
Tragen Handys dazu bei, mehr lügen oder gar doppelt leben zu können? Warum schreiben Rezensenten ihre Besprechungen und wo liegen die tieferen Ursachen ihrer wahrscheinlichen Probleme? Lesen Autoren Amazon-Rezensionen und was empfinden sie dabei? Wo und wie bekommen Autoren ihre Ideen? Steigt beginnender Ruhm Autoren zu Kopf? Wer hilft, wenn niemand mehr hilft? Wie ticken Autoren von Lebenshilfe-Bücher? Sollte man noch jemand informieren, wenn man den Freitod beschlossen hat? Wenn Menschen nichts mehr erledigen müssen, was oder wer erledigt sie dann? Ist alles in Ordnung?

Wenn Sie Antworten zu diesen Fragen suchen, könnten Sie Ihre ganz eigenen dazu finden. Jeder wird andere herauslesen. Und wir merken: Nichts ist in Ordnung, unter der Oberfläche gärt es von sanft bis gewaltig. Ich mag Romane, die jene kleinen Momente des Alltags verdichten bzw. wiederholen, die mir immer wieder verloren gehen, aber ganz nah bei mir sind. Alle Geschichten dieses Buches haben Zusammenhänge, mehr oder weniger. Die Episoden sind sofort präsent. Man muss keine 30 Seiten lesen, um die Handlung zu erfassen. Daniel Kehlmann zaubert die Charaktere sofort ins Bewusstsein, sie brauchen nur 3 oder 4 Sätze, um ganz nah zu sein.

'Die Verwicklungen entstehen u.a. durch ein beleibtes männliches Muttersöhnchen, der seine Erfolgserlebnisse im Internet sucht. Er schreibt in Promi-Anklage-, Buch- und Filmforen und ist dort - verbal - der alles Zerstörende, Bestimmende, dem niemand das Wasser reichen kann. Dieses Kapitel ist sinnigerweise überschrieben mit: "Ein Beitrag zur Debatte". Im Beruf sieht dies ganz anders aus. Und tatsächlich outet Kehlmann so den größten Wunsch dieser Internet-Schreiber - auch von amazon-Rezensenten? - endlich in die Geschichte einzugehen, und wenn es auch nur eine kleine Nebenrolle in einem Buch wäre. Mir hat besonders gut gefallen, in welchem Ton und Stil Kehlmann diesen Superloser (machen Sie sich auf Anglizismen satt gefasst) präsentiert. Wer nur ansatzweise in Foren des Netzes unterwegs ist, kennt diese Sprache und kann sie hier vergnügt nachlesen. Einer der Buchhöhepunkte ist für mich das Aufeinandertreffen dieses beleibten Muttersöhnchens mit dem berühmten Schriftsteller. Seine Gier, endlich Bedeutung zu haben, steigert sich hier ins Groteske. Ist dies gleichzeitig eine Ohrfeige für alle Rezensenten, eine Warnung, sich nicht zu tief und bedeutungsheischend in sein Umfeld oder seine Art zu Schreiben einzumischen? Wer Daniel Kehlmann im Interview in "Druckfrisch" gesehen hat, könnte fast auf diese Vermutung kommen.

Jede einzelne Geschichte ist gut und die Gesamtheit aller ein Querschnitt unserer Speed- und Internet-Gesellschaft in ihrer Gier nach Ruhm oder wenigstens einem Zipfelchen davon. Hervorragend inszeniert, schnörkellos in der Sprache und doch unglaublich spannend und tiefreichend. Dieser eine Kritikpunkt sei mir erlaubt: in den Vordergrund gerückt werden die Negativwirkungen von Internet und Handy, tatsächlich werden aber die kooperativen Möglichkeiten nicht einmal geahnt. Das würde ich Herrn Kehlmann wünschen: dass er diese kennen lernt und in seinem nächsten Buch beschreibt. Dabei wäre jene Sequenz hilfreich, in der in "Wie ich log und starb" der gehässige Arbeitsalltag beschrieben wird, in den sich Menschen jeden Tag mit den ewig gleichen Menschen begeben müssen - und darunter oft unsäglich leiden.

Lieber Herr Kehlmann, da ich nun weiß, dass Sie diese Auszeichnungen hier lesen: Gratulation mit 8 Sternen. Sie ist öffentlich und weitaus verkaufsrelevanter als Autoren-Auszeichnungen im klassischen Media-Raum oder auf dem Buchumschlag. Ob ich in eine Geschichte von Ihnen wollte? Ich war mittendrin! Und woher Sie Ihre Ideen bekommen? Ich werde Sie nicht danach fragen, ich weiß es jetzt.

Dieses Buch wird verfilmt, ich bin sicher. Und bei jedem Charakter stand ein Schauspieler schon vor mir. Ich wäre sehr gespannt. Ich höre in den nächsten Wochen die CD (nachdem ich das Buch bereits zweimal gelesen habe) und werde die dann möglicherweise geänderten Eindrücke in einer separaten Besprechung veröffentlichen.
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Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten
Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten von Daniel Kehlmann (Gebundene Ausgabe - 16. Januar 2009)
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