Kundenrezensionen


9 Rezensionen
5 Sterne:
 (7)
4 Sterne:
 (2)
3 Sterne:    (0)
2 Sterne:    (0)
1 Sterne:    (0)
 
 
 
 
 
Durchschnittliche Kundenbewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel
Eigene Rezension erstellen
 
 
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

82 von 87 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Aufklärung ist tot ... es lebe die Aufklärung!, 4. Februar 2012
Von 
Sommerwind - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Aufklärung: Das europäische Projekt (Gebundene Ausgabe)
Manfred Geier (Jahrgang 1943) ist ein guter und gern gesehener Bekannter: Seiner Feder verdanken wir u.a. eine äußerst lesenswerte Kant-Biographie ("Kants Welt" 2003) und eine nicht minder erfreuliche Doppelbiographie der Brüder Humboldt (2009). Zwei gute Gründe also, bei seiner neuesten Monographie bedenkenlos zuzugreifen.
Und der Leser wird erneut nicht enttäuscht. Manfred Geier führt mit stupender Kenntnis durch das europäische Projekt der Aufklärung und macht an den Theorien von Locke, Shaftesbury, Voltaire, Kant und vielen anderen die interdisziplinären, internationalen Konturen des modernen Weltbildes anschaulich. Natürlich fehlen auch Rousseau, Diderot, Mendelssohn (Emanzipation der Juden) und die Brüder Humboldt (Bildung) nicht in seinem geistes- und philosophiegeschichtlichen Panoptikum. Ein Kleinod überdies: das Kapitel über Olympe de Gouges (S. 307 ff.)
Es muss die Stoffbeherrschung sein, die es Manfred Geier erlaubt, ausgesprochen lesbar, gut verständlich und völlig unprätentiös zu schreiben. Das liest sich gern, leicht und unangestrengt.
Beide Tugenden, Sachkenntnis und Lesbarkeit, machen das Buch bereits zu einem umfassenden Gewinn. Geier belässt es aber nicht bei einer historischen Bestandsaufnahme.
Ihm ist es mit dem Projekt der Aufklärung ernst, ja bitter ernst. Deshalb projiziert er ihre intellektuellen und ethischen Ansprüche immer wieder in die moderne Welt, in die Jahre 1939-45, in die Zeit nach dem 11. September 2001 usw. Und er vergewissert sich dabei zeitgenössischer Parteigänger oder Nachfolger des "aufgeklärten Zeitalters". Hannah Arendt, Karl Raimund Popper oder Jürgen Habermas sind ihm diejenigen, die die Dringlichkeit der Aufklärung auch und gerade für das 20. und 21. Jahrhundert in Erinnerung bringen.
Daran wird das persönliche Engagement von Geier ersichtlich, aber - und das ist durchaus auffällig - seine kritischen Projektionen ins totalitäre oder kriegerische Jetzt verlieren ein wenig an Wendigkeit, Eleganz und Scharfsinn. Er, der sich historisch so sicher im 18. und 19. Jahrhundert bewegt wie kaum ein zweiter, verliert in der eigenen Zeitkritik ein wenig die (literarische) Contenance. Das schmälert den Lektüregewinn nicht, zeigt aber einige Grenzen des philosophischen Schriftstellers Manfred Geier.
Trotzdem: Wer uns das Projekt der Aufklärung in Zeiten der kollektiven, medialen Totalverblödung so beredt, geschmeidig und engagiert nahe bringt, der hat höchste Achtung und Aufmerksamkeit verdient. Volle Punktzahl!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


23 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mutige Aufklärer, 14. Mai 2012
Von 
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Aufklärung: Das europäische Projekt (Gebundene Ausgabe)
Die Kenntnis davon, um was sich die mutigen und tapferen Aufklärer im 17., 18. und 19. Jahrhundert bemüht haben, für was sie sich oft unter Einsatz ihres Lebens einsetzten und für welche Überzeugungen und Einsichten - Einsichten die uns heutigen Europäern zum Teil eine Selbstverständlichkeit geworden sind - sie dereinst mit ganzem Herzblut kämpften, das alles ist elementar wichtig um das kleine europäische Wunder, in dem wir leben, zu verstehen und auch um zu erfahren, dass so etwas wie Menschenrechte, den Mut sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, sein Leben nach dem Maß der Vernunft auszurichten und die Meinung und Lebensweise Anderer zu tolerieren, auch wenn sie der eigenen Lebenseinstellung nicht entspricht - mit der Einschränkung, dass dem Leben anderer Bürger dadurch nicht grob geschadet wird und kein Unrecht geschieht - nicht selbstverständlich ist und um deren Erhalt der Einsatz sich lohnt.

Manfred Geier schreibt keine trockene Abhandlung, sondern gibt die Taten, das Denken und das Engagement bedeutender Aufklärer in ihren Lebensbildern wieder. Da wird unter anderem von dem großartigen Briten John Locke erzählt, und wie er auf die Idee der allgemeinen Menschenrechte kam, und von den subversiven, frechen und ''bösen'' französischen Aufklärern, von Voltaire, Rousseau und Diderot. Und natürlich auch von Immanuel Kant, dem ganz großen Königsberger. Die Lebensumstände und Einflüsse werden gut dargestellt, die philosophischen Grundgedanken der jeweiligen Philosophen in ihrem geschichtlichen Umfeld zum Ausdruck gebracht, letztere aber doch nicht zu sehr in die Tiefe gehend, was wiederum das Lesen nicht zu anstrengend macht: Wer sich wirklich für die philosophischen Systeme und Gedanken der dargestellten Philosophen interessiert, braucht noch anderes 'Futter' und bekommt hier nur erste Einblicke, aber doch immerhin die Grundzüge. Und am Ende des Buches wird er wohl sagen können, was das ist, Aufklärung, ohne in bloß nachgeredete, unverstandene Phrasen zu verfallen. Ab und an erlaubt sich der Autor auch Ausflüge in die Moderne, etwa wenn er davon berichtet, wie Kants Idee eines ewigen Friedens als Zukunftsprogramm auf heutige Philosophen, auch im Angesicht gegenwärtiger Konflikte, eingewirkt hat.

Restlos begeistert von dem Buch bin ich zwar nicht - es mag daran liegen, dass mir der Autor zu wenig die Aufklärung mit dem kontrastiert, was vor ihr war, einer Welt, die uns heutigen sicher weitaus ferner liegt -, kann es aber doch guten Gewissens als eine gewinnbringende Lektüre empfehlen. Allerdings muss man wissen, dass der Autor ab und an englisch- und französischsprachige Zitate nicht übersetzt. Wer sie nicht versteht, wird sich wohl über einige Verständnisleerstellen ärgern, sie halten sich aber in Grenzen und das Buch wird trotzdem noch für ihn ein Gewinn sein.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kant: "Ein langwieriger Prozess mit vielen Rückschlägen", 15. August 2012
Von 
Gerfried Pongratz (Osterwitz, Österreich) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Aufklärung: Das europäische Projekt (Gebundene Ausgabe)
Ein informatives, sehr empfehlenswertes Buch für geistesgeschichtlich und an den Ideen und Inhalten der (europäischen) Aufklärung Interessierte!

Dem Autor gelingt es, das nunmehr schon über 300 Jahre alte (und nach wie vor hochaktuelle) Projekt "Aufklärung" kurzgefasst, dabei aber klar und gut verständlich, dem Leser nahe zu bringen, wobei auch heutige Erkenntnisse und Fragestellungen - z.B. im Zusammenhang mit "Nine-Eleven" (welche Rolle kann Aufklärung bei der Bewältigung der Folgen spielen) - eingehend dargestellt werden.

Beginnend mit den Ereignissen der "Glorious Revolution" 1688/89 in England wird anhand der Ideen und Schriften von John Locke und Shaftesbury (David Hume wird erstaunlicherweise nur am Rande erwähnt), über die "bösen" französischen Philosophen (Voltaire, Rousseau, Diderot u.a.) hin zu Moses Mendelssohn und Kant bis zu den aufgeklärten Denkern jüngerer Zeit (Arendt, Popper, Habermas, Derrida u.a.) ein weiter Bogen dramatischer Geschichte aufgeklärten Denkens gespannt.

Aufklärung versteht sich als positive Programmidee für den richtigen Gebrauch des eigenen Verstandes ("frei leben, selbst denken") und als Kampfidee gegen Aberglauben, theologische Dogmen, Vorurteile, Fanatismus, Borniertheit und Phantastereien; grundlegende Ziele sind der "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Kant) zu philosophischem Selbstbewusstsein und letztendlich zu einem Leben in gegenseitiger Toleranz; sie ist ein fortwährender Prozess mit immer neuen Herausforderungen und Erkenntnissen und eine unabdingbare Forderung für die Weiterentwicklung von Wissen, Kultur, Ethik und Menschlichkeit.

Aufklärung ist kein Zustand, sie ist, wie Kant 1784 feststellte, ein sehr langwieriger Prozess mit vielen Rückschlägen. Am Lebenslauf von Olympe de Gouges und ihrem Schicksal während der französischen Revolution (sie wurde 1793 geköpft) beschreibt der Autor beispielhaft auch den Kampf mutiger Frauen gegen Bevormundung, für Aufklärung und Selbstbestimmung.

Das letzte Kapitel des Buches ist der Frage nach Bildung und möglicher Erziehung zur Mündigkeit am Beispiel des Wirkens von Wilhelm v. Humboldt gewidmet. Er ist dabei weitgehend gescheitert; Erziehung zu Unmündigkeit, zu Autoritätshörigkeit und unbedingter Folgsamkeit wurden der pädagogisch-politische Normalfall des 19. und der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Adorno und Horkheimer wurden dadurch in ihrer "Dialektik der Aufklärung" zur These veranlasst, dass eine aufgeklärte Vernunft in ein totalitäres System umschlagen müsse (Aufklärung wurde dabei als instrumentelle, herrschaftsförmig begriffene Vernunft verstanden). Dies blieb jedoch nicht Adornos letztes Wort; in einem Gespräch kurz vor seinem Tod 1969 bekannte er sich zu den Idealen der Aufklärung und erklärte "Erziehung zur Mündigkeit" zu einer Hauptaufgabe des Bildungssystems.

Ausführliche Anmerkungen und ein Namenregister vervollständigen einen hochinformativen und tiefschürfenden Text von insgesamt 372 Seiten, der das Lesen und Mitdenken reichlich lohnt!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein nötiges Buch, 20. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Aufklärung: Das europäische Projekt (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch fördert eine Rückbesinnung auf Traditionen, die freie Gesellschaften auszeichnen. Kurz und knapp: Denk nach, engagiere dich, sei kritisch und stelle dich der Kritik, handle verantwortungsbewusst.

Manfred Geiers Aufklärung ist kein langweiliger Ausflug in die Geschichte. Der Autor liefert eher gut strukturiert das Material zum Verstehen. Er schafft es darüber hinaus, ein wissenschaftliches Werk zu schreiben, das sprachlich und stilistisch zu den besten Beispielen eines hochwertigen Wissenschaftsjournalismus zählt.

Manche - so auch der Rezensent - sehen unsere westlichen Gesellschaften in einer tiefen Identitätskrise. Geiers Beitrag zu dieser Phase der Geistesgeschichte löst diese Krise nicht, man wird aber oft darauf zurückgreifen müssen, um eine vernünftige Antwort auf die Frage zu finden: Wer sind wir?
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Informativer Gang durch die Geschichte, 13. Juni 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Aufklärung: Das europäische Projekt (Gebundene Ausgabe)
Die Geschichte der Aufklärung wird hier in sehr anschaulicher und gut recherchierter Weise vor dem Leser ausgebreitet. Man erfährt, wie sich der Gedanke von ersten Zweifeln an der Gottgegebenheit der Weltordnung bis hin zur totalen Gottesleugnung entwickelt, durchleidet die Höhen und Tiefen der Denker mit und kann ihre Zweifel und ihr Ringen um Wahrheit nachvollziehen. Einn empfehlenswertes Buch für jeden, der wissen wir, warum wir heute so denken, wie wir heute denken.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


5.0 von 5 Sternen Kleiner Tipp., 28. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Aufklärung: Das europäische Projekt (Gebundene Ausgabe)
Bloß ein kleiner Tipp: Dieses Buch erhält man ebenfalls über die Bundeszentrale für politische Bildung für 4,50 EUR. Viel Spaß beim Lesen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


4.0 von 5 Sternen Europäisches Projekt mit universellem Anspruch, 27. Januar 2014
Aufklärung, so Geier, richtete sich gegen geistige Bevormundung durch Institutionen, sei es Kirche oder Staat, durch vermeintliche oder selbst wirkliche Autoritäten. Wahrheit muss sich dem Einzelnen in der redlichen Auseinandersetzung erweisen. Vernunft und Gewissen sind dabei die Richtschnur. Der Autor macht deutlich, dass Aufklärung richtig verstanden mehr ist als eine vom 17.-19. Jh. währende Epoche. Sie hatte ihre historischen Vorläufer immer dort, wo Menschen begannen, das althergebrachte kritisch zu hinterfragen und sie ist und bleibt eine Aufgabe von zentraler Bedeutung in Gegenwart und Zukunft.

Aufgeklärtes Denken schloss Gott und Transzendenz keineswegs aus, sondern fast immer mit ein, wohl aber eine unreflektierte Dogmatik. Geier lässt das deutlich werden an einer Auseinandersetzung, die als "Pantheismusstreit" in die Geistesgeschichte einging. Mendelssohn wurde hier nach dem Tod des eng befreundeten Lessing von Jacobi darauf hingewiesen, dass der Dichter der "Ringparabel" sich zum Spinozismus bekannt hätte. Für Mendelssohn kam das einer Katastrophe gleich und er war nicht bereit, dem Glauben zu schenken. Der Spinozismus wurde schon damals als Quasi-Atheismus betrachtet und stand von daher in Verruf. Lessing hatte zwar die Fragmente des Reimarus, der als ein Begründer der historisch-kritischen Methode gilt, herausgegeben, sich aber ansonsten eher als liberaler Christ, der dem Vernunftgehalt der biblischen Botschaft zur Geltung verhelfen wollte erwiesen. Gegen die Orthodoxie grenzte er sich ebenso ab, wie gegen Deismus und Neologie.

Mendelssohns Haltung zum Judentum entsprach in etwa der Lessingschen zum Christentum. Jacobi, ein Freund Lavaters, stand wie dieser dem Pietismus nahe. Für beide waren die Versuche, Gott mit dem menschlichen Verstand zu erfassen, so erfolgversprechend, wie der Versuch Sandkörner am Meeresstrand zu zählen. Es gibt für sie keinen Weg vom Menschen zu Gott, sondern nur in Form einer persönlichen Offenbarung von Gott zum Menschen. Gemeinsam war allen Beteiligten jedoch die Überzeugung, das Vernunft und Atheismus nicht vereinbar seien.

Der Aufklärung ging es darum, die Reichweite der Vernunft auszuloten und Kategorien zu klären: "Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen?", so heißt es in Kants Programmatik. Wie weit reicht die Ratio? Was ist der Ratio nicht zugänglich, sondern bestenfalls durch Offenbarung? Wo ist intersubjektive Vergewisserung möglich und wo nur subjektive? Was können wir überhaupt von der Welt außerhalb von uns erkennen/aussagen? Welche Fragen können wir beantworten und wo müssen wir offene Fragen bzw. eine Diversität der Antworten aushalten?

Mit dem Pluralismus der sich so ergab, entstand auch die Frage nach einer gesellschaftlichen Organisation, die verschiedene, z.T. sogar konträre weltanschauliche, politische, sozialethische Standpunkte integrieren konnte. Dass dies schließlich in Gesellschaften deren Majoritäten zumindest in ihren religiösen Grundüberzeugungen außergewöhnlich homogen waren (und mit sich im Schnitt sich zu zwei Dritteln zum Christentum bekennenden Populationen immer noch sind), möglich wurde, ist in der Weltgeschichte einmalig.

Die Festschreibung individueller, weltanschauungsübergreifend begründeter Rechte wurde zu einem zentralen Thema. Es ging, so Geier, "um die Rechte jedes Menschen [...], der als solcher kein Ding ist, sondern eine mündige Person mit ihrer eigenen Würde. Die Aufklärung versucht philosophisch zu begründen und praktisch zu verwirklichen, was jedem Menschen von Natur aus zukommt. Sie versteht dieses Naturrecht als ein Bündel von Menschenrechten, auf die alle Menschen ein Anrecht haben. Ihr Zentrum bilden geistige und politische Freiheit, körperliche Unversehrtheit und Recht auf Eigentum. "

Zum wohl prägendsten Vordenker des westlichen Gesellschaftsmodells wurde dann John Locke, der sich interessanter Weise von den neuen Idee der unabhängigen Gemeinden, insbesondere den von ihnen in Neuengland praktizierten politischen Modellen inspirieren ließ. Unter William Penn etwa - Begründer der Kolonie Pennsylvania, etablierte sich ein Regierungssystem, dass auf christlicher Brüderlichkeit und Freiheit beruhen sollte und sich durch integrative Offenheit für Siedler aller religiösen Colleur und gegenüber den Indianern auszeichnete. Mit seinem ungewöhnlich liberalen Wahlrecht und der vollen Religionsfreiheit setzte der Quäker Penn neue Maßstäbe. John Locke, der an der Verbalinspiration der Heiligen Schrift festhielt und dessen Schriften sich wie elaborierte bibelexegetische Arbeiten lesen, wurde im "Pariser Salon", in dem sich die wenigen Atheisten, die - insbes. durch ihr enzyklopädisches Werk - einen nachhaltig konstruktiven Beitrag erbrachten, versammelten(Diderot, Holbach ...) hoch geschätzt, und er war auch einer der Lieblingsphilosophen Jeffersons. Die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die Verfassung der USA, der französischen Verfassungsentwurf von 1791 sowie die gesamte Entwicklung des bürgerlich-liberalen Staatstheorie bis in die Gegenwart fußen maßgeblich auf Lockes Gesellschaftsphilosophie.

Der linksliberale Historiker H.A. Winkler ("Geschichte des Westens") bringt es wie folgt auf den Punkt: „Der Kampf der Aufklärung gegen die Kirche verstellt nur zu leicht den Blick auf das,was die Aufklärung mit dem Christentum verbindet. Ohne Aufklärung keine Erklärung der Menschenrechte, kein Rechtsstaat, keine Demokratie, kein Liberalismus: Dieser historische Zusammenhang ist unbestritten. Aber wenn die Aufklärung ohne ihre christliche Vorgeschichte nicht zu erklären ist, dann trifft das auch für die politischen Folgerungen zu, die Ende des 19. Jahrhunderts aus der Aufklärung gezogen wurden – erst in den nordamerikanischen Kolonien der britischen Krone und dann in Frankreich. Die Väter der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 waren sich dessen bewußt, als sie die „selbstverständlichen“ Wahrheiten verkündeten, „daß alle Menschen gleich geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören“. Auch das „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ der Französischen Revolution, so Winkler, speiste sich aus dem „revolutionären Potential der christlichen Botschaft“

Olympe de Gouges berief sich in ihrer "Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin" auf die "Weisheit des Schöpfers", dessen Plan Harmonie zwischen den Geschlechtern und nicht Hierarchisierung, Benachteiligung und Unterdrückung sei. Geier schildert den Werdegang dieser mutigen Frau, die sich selbst unter den progressiven Geistern ihrer Zeit letztlich kein ausreichendes Gehör verschaffen konnte, ausführlich. Geboren als Tochter eines Metzgers, mit 14 verheiratet, mit 20 verwitwet, schaffte sie es, sich zu den gehoberenen Pariser Schichten Zugang zu verschaffen und machte sich als Schriftstellerin und Dramaturgin einen Namen. Fasziniert von den Idealen der Revolution, wurde sie politisch aktiv, stand den Girondisten nahe. Als die Jakobiner diese 1793 stürzten, wurde Olympe de Gouges verhaftet und schließlich vom Revolutionstribunal zum Tod verurteilt. Sie starb unter der Guillotine.

Obwohl die Aufklärung als geistesgeschichtliche Epoche schließlich in die Romantik mündete und damit endete leben - so Geier - viele der in dieser Zeit aufgebrochenen Diskurse fort. So wenn im sogenannten Positivismusstreit Popper und Albert der Frankfurter Schule zu bedenken geben, dass das Anliegen einer fundamentalen Umgestaltung der Gesellschaft, gefährlich sei; es vielmehr darum gehen müsse, die jeweils im gesellschaftspolitischen Geschehen auftauchenden konkreten Probleme einer Lösung zuzuführen. So wenn Hannah Arendt Sartres allzu leichtfertigen Ausführungen über die Unumgänglichkeit revolutionärer Gewalt Hegels Konzept einer gesellschaftlichen Evolution entgegen hält. So wenn Habermas mit Kants Vision einer auf internationalem Recht basierenden Völkerfamilie Robert Kagans von Hobbes inspirierten Vorstellungen von der USA als gutartigem Hegemon, der weltweit auch mit Gewalt Demokratie und Menschenrechte durchsetzt, entgegentritt.

Erwähnung findet schließlich auch Adorno/Horkheimers Aufklärungskritik. Auch sie verstehen unter Aufklärung mehr als eine historische Epoche; bezeichnen mit dem Begriff vielmehr einen fortlaufenden, die Menschheitsgeschichte begleitenden Prozess, bei dem die menschliche Vernunft versucht, sich die Realität verstehbar aber eben auch immer beherrschbarer zu machen. Doch dadurch, dass Vernunft versucht, die Realität in ein zweckmäßiges System zu zwängen, beschränkt sie gerade eine wirkliche Realitätserfassung. Gerade der Versuch, die Natur total zu beherrschen, bewirkt, dass der Mensch in diesem Prozess zum Sklaven der damit verbundenen ökonomischen Zwänge wird. Darin liegt eine fatale Dialektik, mit deren Sichtbarmachung die Autoren beabsichtigen, die Aufklärung vor sich selbst zu retten.

Aufgeklärtes, eigenständiges Denken zu kultivieren ist eine gesellschaftliche Aufgabe, deren Bedeutung kaum überschätzt werden kann. Das gilt umso mehr, da es aktuell starke gegenläufige Tendenzen verschiedener Art gibt. Zum Einen sind es religiöse Strömungen, die meinen, vermeintliche oder tatsächliche Heilige Schriften gar nicht mehr zur Disposition stellen zu dürfen. Es wird dabei übersehen, dass deren Lektüre einen kritischen Gebrauch der Vernunft ebenso voraussetzt, wie ihre Verfassung und Kanonisierung. „Prüfet alles!“ - mahnt Paulus im NT. Wer sich nicht vernunftmäßig mit einem Text auseinandersetzt, kann nicht dazu kommen, ihn wirklich zu verstehen und innerlich von seiner Botschaft überzeugt zu sein. Zum Anderen gilt dies aber auch für einen sich vermehrt dogmatisch gebärdenden reduktionistischen Naturalismus, der die eigene allzu begrenzte, materialistische Weltsicht zur Norm für alle erheben möchte. Bereits klassisch idealistischen Standpunkten gegenüber, wie sie etwa von Einstein oder Planck vertreten und zur Grundlage der revolutionären Einsichten in der Physik am Beginn des vorigen Jahrhunderts wurden, vertritt man mittlerweile – die Diskussion um das jüngste Buch des amerikanischen Philosophen Thomas Nagel zeigt es – eine aggressiv-rigorose Abwehrhaltung.

"Im kulturgeschichtlichen Rückblick", so Geier, "zeigt sich Aufklärung als ein europäisches Projekt mit universellem Anspruch" Dies gehöre "zum Besten, was ein kosmopolitisches Europa zu bieten hat, das mehr sein will als ein bürokratisch geregeltes Wirtschaftsgeflecht, das von einer finanzpolitischen Krise in die nächste getrieben wird."
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


5.0 von 5 Sternen Aufklärer als Rebellen, 13. Juli 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Aufklärung: Das europäische Projekt (Gebundene Ausgabe)
Herr Geier weiß in seinem Buch die Bedeutung der genannten Aufklärer für ihre - aber auch für unsere heutige - Zeit
gekonnt herauszustellen. Ich studierte Politikwissenschaften und hätte mir von meinen damaligen Professoren gewünscht, dass sie einen Diderot oder Rousseau als das dargestellt hätten, was sie letztlich waren: Spannende Rebellen ihrer Zeit! Manfred Geier verpackt viele Informationen auf einem sehr ansprechenden Weg. Das Lesen war eine Freude! Tolles Buch!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


13 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Anwendung auf die Gegenwart, 8. Februar 2012
Von 
FrizzText "frizz" (Wuppertal) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)   
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Aufklärung: Das europäische Projekt (Gebundene Ausgabe)
Seine kritischen Einmischungen in die oft undemokratischen und peinlich aggressiven Gegenwartsbedingungen sind erfreulich engagiert! Kongenial auch das von ihm gegebene Interview in der "KULTURZEIT" / 3sat TV; nett dort seine Beantwortung der Frage: "Hilft das Internet beim Projekt Aufklärung oder ist es eher eine Bremse?". Genügend Enthusiasmus entstand bei der Beschreibung der positiven Chance einer weltweiten Aufklärungswelle durchs Internet. Das für Katheder-Philosophen oft typische Zaudern beim Betrachten der Gegenwart wird von Manfred Geier erfreulich mutig überwunden ...
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst
ARRAY(0xa465e3cc)

Dieses Produkt

Aufklärung: Das europäische Projekt
Aufklärung: Das europäische Projekt von Manfred Geier (Gebundene Ausgabe - 16. Januar 2012)
EUR 24,95
Auf Lager.
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Nur in den Rezensionen zu diesem Produkt suchen