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58 von 59 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein großes Werk - Unbedingt lesen!, 28. Juli 2004
Von Ein Kunde
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Robert Musil. Eine Biographie. (Gebundene Ausgabe)
Ich war immer schon ein begeisterter Leser des MoE und des Törleß, kannte aber sonst von Musil - offen gesagt - nichts. Als ich das Werk annonciert sah, ließ mich folgende Überlegung zögern: Lohnt es sich, die ca. 1480 Seiten Text (der größere Gesamtumfang des Werkes erklärt sich aus dem detaillierten Anhang)zu lesen oder sollte man die Zeit nicht lieber gleich in eine weitere Lektüre des MoE investieren. Die Antwort lautet: Die Lektüre lohnt sich absolut und ist rundum empfehlenswert.
Das Werk von Corino wendet sich nämlich gerade an denjenigen Leser, den nicht nur die Person Musils, sondern vorrangig die Entstehung seines Werkes interessiert. Und hier gelingt Corino eine Bündelung und teilweise solche Vertiefung der Forschungsaussagen zu Musil, dass man im Anschluss nicht nur zum MoE oder Törleß, sondern vor allem auch zu den drei Frauen, den Vereinigungen, der Amsel, den Schwärmern und dem Nachlass zu Lebzeiten greifen muss.
Den Rechercheaufwand Corinos kann man als Leser nur annäherungsweise ermessen. Was wirklich zählt, ist jedoch, dass dieser sich für den Leser auf das angenehmste bezahlt macht: Bis in die kleinsten Details ist das Buch durchrecherchiert und macht die Epoche Musils in bisher nicht gekannter Weise lebendig. Die zahlreichen eigentümlichen und grotesken Charaktere, aus denen Musil für sein Werk geschöpft hat, werden hier auf das lebendigste vergegenwärtigt. Dies gilt vor allem für Martha Musil, Ea von Allesch, Alice Donath (=Clarice)oder besonders imponierend im kleinen Detail Jo Llehrman, Hochstapler und Theaterliebhaber, der die Uraufführung der Schwärmer zu Wege brachte, Wechselreiterei mit System betrieb und nach dem Krieg als erster Intendant des saarländischen Rundfunks endete! Die große Mühe des Autors im Detail lässt im Einzelportrait den Geist einer Epoche vor den Augen des Lesers lebendig werden. Dabei frappiert, wie ähnlich Musil und Proust (vgl. Haymann-Biographie) vorgegangen sind: Beide haben ganz konkrete Vorbilder für ihre großen Charakterportraits systematisch benutzt, wenn nicht ausgenutzt. Und noch eine Gemeinsamkeit existiert zwischen beiden: Beide hat André Gide in verblendeter Eitelkeit gleichermaßen völlig verkannt (vgl. Corino S. 1201). Der Leser dankt Corino für den Mut, konkrete biographische Bezüge zwischen den Romanfiguren und ihren Vorbildern im Leben herzustellen, denn so gewinnen erstere das besondere Interesse des Lesers und vertiefen das Verständnis. Diese Methode wäre sicher vor 15 Jahren noch nicht vorstellbar gewesen. Der Text des Törleß bzw. des MoE ist dabei in Corinos Text stets in sehr angenehmer Weise präsent. Im biographischen Zusammenhang gewinnt so manche lieb gewonnene Formulierung einen noch tieferen Sinn.
Angesichts der Fülle plastisch und spannend erzählter Episoden wage ich fast die Behauptung aufzustellen, dass das Werk auch demjenigen gefallen könnte, der mit dem Dichter selbst wenig anfangen kann. Denn Corino zeigt ergreifend (ohne Pathos, aber mit sachlich begründetem Einfühlungsvermögen) das Portrait eines zusehends verbitterten Mannes, der über Jahre lang seine Lebensgrundlage erbetteln muss, der erleben muss wie andere minder talentierte an ihm vorbei ziehen. Ein Mann, der vom Unglück praktisch auf Schritt und Tritt verfolgt wird: Der zweite Teil des MoE fällt etwa auf einen Dezember des Jahrees 1932 mit einer Auflage von 5000 Exemplaren: Das Weihnachtsgeschäft ist zu diesem Zeitpunkt schon gelaufen, der Verleger Rowohlt hat die Kritiker nicht vorab beliefert und was das Jahr 1933 für diesen Roman bereithält, erahnt der Leser bereits.
Corino arbeitet ungemein interessant das komplizierte Verhältnis zu Thomas Mann heraus, der sicher von gleicher dichterischer Statur, doch in keinem einzelnen seiner einzelnen Werke einen ähnlichen Gipfelpunkt erreicht, aber gesellschaftlich und ökonomisch so unendlich viel erfolgreicher war. Mann ist stets großzügig zu Musil, hilft, wo er kann (auch ökonomisch); Musils Züge gefrieren jedoch, wenn das Gespräch auf Mann kommt. Dies muss man einfach gelesen haben! Die durchweg interessant erzählte Geschichte (die 1400 Seiten schmelzen vor dem Leser dahin)kommt dadurch zu einem zunehmend tragischen Ende, bei dem allein der posthume Erfolg trösten kann.
Und so komme ich zum Resümee: Dieses Buch ist absolut lesenswert und eine wertvolle Anregung für jeden, der gerne ein Bild vom literarischen Betrieb der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gewinnen möchte. Werke wie diese lassen den Leser um eine Fülle von Einsichten bereichert zurück. Ich kann nur hoffen, dass Preis und Leseumfang nicht zu arg abschrecken. Beide sind bestens investiert!
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Robert Musil. Eine Biographie.
Robert Musil. Eine Biographie. von Karl Corino (Gebundene Ausgabe - 10. September 2003)
EUR 78,00
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