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65 von 67 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 3. Januar 2008
Zunächst möchte ich erwähnen, dass ich keine Ausbildung in Theoretischer Physik genossen habe und Laughlin's Buch daher lediglich aus der Sicht des interessierten Laien bewerten kann.

Kerngedanke des Buches ist, dass eine umfassende und zufriedenstellende Erklärung der Naturphänomene nicht gelingen kann, ohne sich der Frage zu widmen, warum wir Ordnungsphänomene auf verschiedenen Ebenen beobachten, die sich nicht durch die Details der darunterliegenden Ebenen erklären lassen. Materialeigenschaften von Festkörpern lassen sich nicht alleine aus der Quantenmechanik herleiten und was den Unterschied zwischen belebter und unbelebter Materie ausmacht auch nicht. Dies sind aber nur einige Beispiele von vielen, die Laughlin vor dem Leser ausbreitet. Die Themenkreise reichen von der Festkörperphysik bis zur Kosmologie (Eigenschaften des Vakuums und Problem der Dunklen Energie).

In dem Buch habe ich von etlichen exotischen physikalischen Effekten zum ersten Mal etwas gelesen. Für den Laien ist es sehr interessant, von solchen tw. topaktuellen Untersuchungsgegenständen wenigstens mal eine grobe Vorstellung vermittelt zu bekommen. Für die interessierten Leser findet man zu jedem Kapitel ein Verzeichnis weiterführender Fachartikel oder Fachbücher. So ist es möglich, auf Wunsch richtig tief einzusteigen.

Laughlin bietet auch Einblicke in die Forschungspolitik und den Forschungsalltag. Die Konfliktsituation zwischen vertriebsorientiertem und kommerziell motiviertem Handeln einerseits und dem oft wirtschaftlich sehr problematischen Forschen um der reinen Erkenntnis willen ist plastisch dargestellt. Das Kapitel über die Spaltung der am SDI-Projekt beteiligten Wissenschaftler in die Lager der um Etats kämpfenden "Vertriebler" und die zunächst nur unbeliebten Vertreter der technischen Probleme ist sympomatisch. Es zeigt vor allem, dass Forschung von der individuellen Motivation der Handelnden geprägt ist und dass es somit in der Forschung viel mehr menschelt als akademischer Nimbus verbergen kann. Selbst für massigen Fördermittelbetrug ist da Platz, aber das wissen wir ja nicht erst aus diesem Buch.

Etliche Anekdoten würzen den Text. Ich habe das als nette Auflockerung empfunden und musste mehrmals lachen oder zumindest schmunzeln. Mir gefällt die Kritik am Bildungssystem, das angepasste Leute fördert und die wertvolle Kreativität der unvoreingenommenen Querdenker blockiert. Auf der Suche nach Erkenntnis stören Scheuklappen.

Die Botschaft des Textes ist in manchen Punkten sehr klar: immer tiefer Bohren wird nicht automatisch die gewünschten Antworten über die Funktionsweise der Natur liefern. Es gibt Sachverhalte, wo sich die Natur auf geradezu boshaft anmutende Art dagegen schützt, sich experimentell und theoretisch allzu tief in die Karten schauen zu lassen (Kapitel: "Die dunkel Seite der Protektion").

Laughlin will dazu ermutigen, die Lösungen oberhalb der reduktionistischen Ebene zu suchen. Mir erscheint das nicht marktschreierisch oder gar banal, sondern vernünftig und nachvollziehbar. Wer z.B. nicht um die Existenz eines Regelkreises in einem System weiß, der wird lange darüber rätseln, warum es sich geordnet oder gar "feinabgestimmt" zeigt. In Wirklichkeit hat das System aber aufgrund seiner Struktur gar keine andere Chance als sich geordnet zu verhalten. Es kommt darauf an, die "Grundalgorithmen" oder "Reglerstrukturen" in den Ordnungsphänomenen der Natur zu betrachten. Diese Schwerpunktsetzung ist es, für die der etwas reisserische Untertitel des Buches wirbt.

Laughlin ist nicht der Erste oder Einzige, der uns darauf hinweist. Aber er tut es mit einer sehr schönen Mischung aus Tiefgang und Leichtigkeit. Der Mann hat nicht nur Ahnung von seinem Fachgebiet (und vielen interdisziplinären Themen), sondern er schreibt auch in sehr angenehmem Stil.

Mein Gesamturteil: sehr lesenswert!
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42 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 9. März 2008
Die wichtigste Botschaft dieses Buches ist die, dass komplexe Systeme (und das kann schon ein Glas Wasser oder ein Rostbraten sein) Eigenschaften entwickeln, die nicht mehr durch mikroskopische Gesetze vorausgesagt werden können. Das wussten zwar vorher schon viele, Laughlin erzählt es aber in einer sehr amüsanten Weise (zugegeben, sehr anekdotisch, aber warum nicht). Pflichtlektüre für alle, die noch an die Allmacht des Reduktionismus glauben.

Das große Problem mit dem deutschen Buch ist, dass der Übersetzer offensichtlich von jeder Kenntnis der amerikanischen Akademikerkultur unbeleckt ist. Dadurch gehen viele Feinheiten verloren und das Verständnis leidet. Meine Güte, wie holprig! Wie kann man 'technologically challenged' mit 'durch Technologie herausgefordert' übeLsetzen??? Anstatt 'Technik-Legastheniker' oder irgendeinen anderen kulturell äquivalenten Ausdruck zu benutzen (offensichtlich auch eine Spitze auf 'political correctness' ). Und solche Beispiele kann man zuhauf in dem Buch finden. Der anekdotische 'laid-back' Stil des Originals geht total verloren.

Piper, das habt Ihr hingehauen. Zeigt sich schon an dem aufgemotzten Titel. Musste das sein?
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58 von 63 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 9. August 2008
Um kurz meinen Blickwinkel zu erläutern: Ich bin Student der Physik mit dem Schwerpunkt Theoretische Elementarteilchen Physik. Da ich kurz vor dem Abschluss meiner Diplomarbeit stehe und mir Gedanken über die möglichen Promotionsthemen mache, beschäftigte ich mich seit einiger Zeit mit Büchern, die die Stringtheorie kritisch beleuchten. Neben Peter Woits "Not even wrong" und Lee Smolins "The trouble with physics" las ich auch das Buch von Robert B. Laughlin. Obwohl dieses Buch in seiner Kritik viel weiter als die anderen beiden geht, da es das gesamte reduktionistische Programm der Physik in Frage stellt, war es gleichzeitig auch das schwächste.
Die wesentlichen Gedanken von Laughlin sind nicht klar ausgearbeitet und verstecken sich in Unmengen von Anekdoten, auf deren überwiegende Mehrzahl der Autor getrost hätte verzichten können.
Die Kernaussage des Buches wurde schon von mehreren Rezensenten vor mir betont und lautet: Der reduktionistische Ansatz in der Physik und anderen Naturwissenschaften ist ausgeschöpft und muss durch das emergenztheoretische Konzept ersetzt werden.
Aus dem Buch von Laughlin wurde mir aber nicht ersichtlich, wie es genau funktionieren soll. Er spricht einige interessante Gedanken zur Struktur vom Vakuum, Renormierung und dem Messproblem der Quantenmechanik an, formuliert sie aber nur sehr vage. Ich hätte mir eine knappere dafür aber präzisere Darstellung gewünscht.
Seine Erörterung der Entstehung der speziellen Relativitätstheorie ist dagegen einfach falsch, da Einstein sich nicht auf die Experimente von Michelson und Morley bezogen hat (und es unklar ist, ob er ihre Ergebnisse überhaupt zur Kenntnis nahm), sondern die Theorie aus dem "falschen" Verhalten der Maxwell-Gleichungen unter Galilei-Transformationen ableitete. Die Theorie ist also auch das Ergebnis rein theoretischer Überlegungen.
Insgesamt liest sich das Buch so, als würde einem die Sicht auf die Welt aus der Sicht eines Festkörperphysikers geradezu aufgedrängt. Dies ist verständlich, da das Buch als Antwort auf Brian Greenes Werk "Das Elegante Universum" konzipiert ist, welches sehr enthusiastisch die Reduktion der Physik auf die Stringtheorie propagiert und die theoretischen Elementarteilchenphysiker, vor allem die Stringtheoretiker, als Helden darstellt.
Egal ob man die Stringtheorie befürwortet oder nicht, ist man gezwungen zuzugeben, dass das Buch von Greene einfach viel besser geschrieben ist. Wer sich für die Kritik an der Sicht von Greene interessiert, sollte lieber Peter Woits "Not even wrong" lesen.
Ich vergebe zwei Sterne für interessante Ideen.
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13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 11. April 2008
Es wird immer spannend, wenn ein anerkannter Naturwissenschaftler seine Arbeit in einem größeren Zusammenhang darstellt. In dem Buch Abschied von der Weltformel" hat Robert B. Laughlin, Nobelpreisträger der Physik, seine Vorstellung von Wirklichkeit widergegeben. Obwohl er die Frage: Was ist Existent?" nicht ausdrücklich stellt, durchzieht sie doch das ganze Buch.

Als zentrales Wirkprinzip der Natur stellt Laughlin die Emergenz heraus. Emergenz bezeichnet das "Auftauchen" neuer Eigenschaften, die sich aus dem Zusammenwirken der einzelnen Teile ergeben. Das Wesentliche daran ist, dass die neuen Eigenschaften nicht durch die vorangegangenen erklärt werden können. (Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile). Sie sind nicht reduzierbar.

Emergenz schreitet zeitlich voran. Wo beginnt sie aber, wo ist ihr Nullpunkt? Dies führt zu einer noch grundsätzlicheren Frage: Was bedeutet Existenz? Aus der Sicht von Laughlin sind Emergenz und Selbstorganisation die eigentlichen Existenzgründer. Zitat: Der bei Weitem wichtigste Effekt der Phasenorganisation besteht darin, dass sie Objekte dazu bringt, zu existieren. Dieser Punkt erschließt sich schwer und wird leicht übersehen, weil wir gewohnt sind, uns die Herausbildung fester Substanzen als Zusammenschluss newtonscher Kugeln vorzustellen". Er will damit ausdrücken, dass wir uns Existenz nicht weiterhin als etwas Statisches vorstellen dürfen, sondern als das sehen müssen, was es tatsächlich ist: ein dynamisches Geschehen.

Streckenweise dürfte das Buch für einen Nicht-Physiker nur schwer verständlich sein. Trotzdem gibt auch dem interessierten Laien noch genügend aufschlussreiche Hinweise, um es jedem zu empfehlen.
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 9. März 2009
Der Grundgedanke der Emergenz mag nicht neu sein und ist eigentlich jedem bekannt: Schon beim Einloggen ins Internet wird klar, dass auch andere - aus physikalischen Gesetzen hervorgegangene, aber diese gleichzeitig "abschirmende" - Regeln als die der (subatomaren) Physik existieren. Allerdings wird das Ganze auf eine sehr originelle und intellektuelle Art und Weise dargebracht und auf viele Gebiete erweitert, bei denen man nicht unbedingt an Emergenz denkt (newtonsche Mechanik). Dass das natürlich nicht unumstritten sein kann, versteht sich von selbst.
Allerdings muss ich (großzügigerweise nur) einen Pukt abziehen. Der Hauptgrund dafür ist der schwer verständliche und mit zu viel Platitüden gewürzte Schreibstil. Statt auf den Punkt zu kommen wird dutzende Seiten lang um den heissen Brei geredet. Vieles wird nur verständlich, wenn man es mehrmals durchliest - und das liegt eher an der unklaren Schreibweise als an der (zugegebenermaßen vorhandenen) Komplexität des Themas.
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16 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 19. Juni 2008
Aufmerksam wurde ich durch das Spiegelinterview mit Robert B. Laughlin, abgedruckt unter dem Titel "Der Urknall ist nur Marketing" in Heft Nr1/31.12.07. Neugierig geworden, habe ich mir die Originalausgabe besorgt, weil die Übersetzung wohl nicht so gelungen wäre.
Zum Glück hatte ich mir auch gleichzeitig von Lee Smolin "Trouble with Physics" besorgt. Ich begann mit "A Different Universe" nach dem Kapitel "Frontier Law" habe ich jedoch erst einmal mit Lee Smolins Buch begonnen, weil ich hier eine Einführung in die Problematik fand und dann auch verstand, was Lauglin in seinem so ausschweifenden, mit Anekdoten unterbrochenem Ausführungen sagen wollte. Nach etwa der Hälfte des Buches habe ich dann aber gelangweilt aufgegeben und den Schluss gelesen.
Was mich an dem Buch störte war:
Immer wenn ich hoffte, dass er nun seine Theorie entwickelt, wechselte er zu einer neuen Anekdote. Ich hätte zu gern erfahren, wie die Nachbarschaftsregeln zwischen den Atomen aussehen, die einen Phasensprung erzeugen. Hätte er doch mal die Idee des erwähnten Conwayspiels auf Phasenübergänge angewendet, um uns zu zeigen, wie Emergenz funktioniert und wie man wenigstens ein winziges Stücks des Universums damit erklären kann.

Sollte das Buch vielleicht eine Neuauflage der im Spiegelinterview so beklagten Marketingstrategie seiner Kollegen oder eine von ihm so gern geübten Provokationen sein? Jedenfalls was der Titel des Originals verspricht, sucht man in diesem Buch vergebens. Das ist insofern schade, weil seinem Anliegen, die Physik von dem Überwuchs theoretischer Spekulationen ohne ausreichende experimentelle Basis zu befreien und zu solider Arbeit zurückzukehren, mit diesem Buch sicher nicht gedient ist. Im Gegenteil, er muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er über Emergenz selbst nur spekuliert.
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14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 7. Januar 2008
Nach meiner Meinung handelt es sich um einen erfrischenden, allerdings
auch etwas geschwätzigen Text zur modernen Naturwissenschaft, der
betont, dass es fundamentale Naturgesetze auch im makroskopischen
Bereich gibt (z.B. Selbstorganisation) und eine rein reduktionistische
Auffassung überholt ist. Eine "Weltformel" würde für die relevanten
Probleme der Naturwissenschaften keinen Erkenntnisgewinn bringen;
insbesondere ist die Chemie keine "angewandte Physik" und die Biologie
keine "angewandte Biochemie".

Ein schönes Beispiel ist die kinetische Gastheorie, bei der man ausgehend
von falschen Annahmen (Moleküle als starre Kugeln) zu richtigen
Ergebnissen gelangte - weil diese Annahmen gar nicht relevant waren.

Es ist allerdings auch richtig, dass R.B. Laughlin die Idee der
"Emergenz" nicht erfunden hat.
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 15. Februar 2008
Es stimmt, das erste Kapitel lässt einen zuerst grübeln, ob man zum Verständnis wohl zu beschränkt ist. Es bleibt dann aber die Erkenntnis, es liegt am Text und der ist in der Tat wirr. Es stimmt auch, dass die persönlichen Anekdoten sehr gut hätten draussen bleiben können. Und dennoch: die Geisteshaltung des Autors und seine Ausführungen gegen den Mainstream erfrischen. Sein Credo "was bringen Theorien, welche wegen erkenntnistheoretischen Schranken nie nachgewiesen werden können und welche das Verständnis der Welt nicht einmal fördern, weil von anderen Phänomenen überlagert" verhilft zu einer kritischen Distanz gegenüber den aktuell dominierenden Ansichten. Sich ihnen gegenüber zu fragen "will man es nicht einfacher deuten, weil es auch kompliziert geht?" ist so schlecht nicht. Ich habe das Buch trotz der genannten Schwächen mit Genuss und Gewinn gelesen.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Dies ist - wie ich finde - ein sehr interessantes, leider aber auch sehr schwieriges Buch. Letzteres mag zum Teil an der Übersetzung liegen. Diesen Verdacht äußerte ich bereits bei Laughlins Der Letzte macht das Licht aus: Die Zukunft der Energie, in dem sich ebenfalls sehr viele Sätze finden lassen, die seltsam verschwurbelt klingen. Entweder ist die Übersetzung einfach schlecht, oder Laughlin schreibt und spricht so typisch amerikanisch, dass er kaum ins Deutsche zu übersetzen ist. Interessanterweise beschränken sich die unverständlichen bis kaum sinnhaften Passagen keineswegs auf die Abschnitte, in denen Laughlin schwierige physikalische Zusammenhänge zu erläutern versucht, sondern man findet sie praktisch überall, selbst wenn er nur im Plauderton erzählt. Textprobe (87f.): "Wenn ich ein Klicken im Lautsprecher höre, wird der Student am anderen Ende des Raums es Sekundenbruchteile später mit hundertprozentiger Sicherheit ebenfalls hören - es sei denn, er war unaufmerksam, was dazu führen dürfte, dass er bald darauf Geschichte wäre." So so.

Laughlins eigentliche Grundthese ist, dass es - physikalisch betrachtet - eine Quantenwelt mit ihren eigenen Gesetzen gibt (die mit der Newtonschen Großwelt nicht vereinbar sind), die sich durch Prinzipien der Organisation zu neuen Gesetzen (einer höheren Ebene) organisieren. Diese Gesetze können genauso real, fundamental und auch präzise sein, wie die Gesetze auf den Ebenen darunter. Schlimmer noch: Die gesamte von uns erlebte Realität ist letztlich ein emergentes Phänomen. Wir können einen Gegenstand beispielsweise deshalb anfassen, weil sich in ihm Elemente so organisiert haben, dass er eine Oberfläche besitzt. Das herrschende Paradigma ist deshalb für ihn die Organisation (305):

"Der Mythos, kollektives Verhalten folge aus der Gesetzmäßigkeit, geht in der Praxis genau in die falsche Richtung. Stattdessen folgt Gesetzmäßigkeit aus kollektivem Verhalten, ebenso wie andere daraus hervorgehende Dinge wie etwa Logik und Mathematik. Unser Geist kann das, was die physische Welt macht, nicht deshalb antizipieren und meistern, weil wir Genies sind, sondern weil die Natur das Verständnis erleichtert, indem sie sich selbst organisiert und Gesetzmäßigkeit hervorbringt."

Dieser Grundgedanke durchzieht im Grunde das gesamte Buch. Dabei werden recht bemerkenswerte Dinge vermittelt. Sehr aufschlussreich fand ich beispielsweise seine Interpretation von "Schrödingers Katze", bei der er gekonnt zwischen den beiden Welten (hier Quanten und klein, dort Newton / Katze und groß) spielt und das Problem auf den Messvorgang zurückführt, bei dem genau dieser Übergang zwischen den beiden Welten stattfindet (87): "Was Menschen sich unter 'Messung' vorstellen, erfordert offenkundig, dass die Apparatur groß ist."

Leider offenbart sich gerade an solchen Stellen auch eine Schwäche des Buches, nämlich der mitunter fast unerträgliche Plauderstil des Autors. Zwischendurch dachte ich immer wieder: "Bitte bitte jetzt nicht wieder irgendeine Anekdote, sondern ganz einfach mal konzentriert beim Thema bleiben, gerne auch mit einer begleitenden Zeichnung (und zeichnen kann er wirklich, wie der Anhang verdeutlicht), die alles transparenter macht, damit ich nicht wieder den Zusammenhang verliere."

Sehr interessant auch das, was er zu den Quantencomputern und den Grenzen von Moores Law schreibt, z. B. der folgende Satz (109): "In etwa einem Jahrzehnt werden die Transistoren aber so klein geworden sein, dass sie quantenmechanisch werden - und somit anfangen, Fehler zu machen." Mir scheint das ein absolut überzeugendes Argument zu sein: Fehlerloses, präzises Verhalten, wie es von Computern bei Berechnungen erwartet wird, gibt es auf der Ebene von einigen wenigen Atomen eben gerade nicht mehr.

Hochinteressant auch die Erläuterung des Von-Klitzung-Effekts, dessen Entdeckung er für einen Wendepunkt in der modernen Physik hält (122): "Was wir sehen, ist eine Veränderung der Weltsicht, in deren Verlauf das Ziel, die Natur durch Zerlegung in immer kleinere Teile zu verstehen, durch das Ziel ersetzt wird, dass man versteht, wie die Natur sich selbst organisiert." (P.S. Auch das hätte man meiner Meinung nach schöner ausdrücken können.)

Ich könnte im Grunde in diesem Stil durch das gesamte Buch gehen: Manches ist hochinteressant, anderes wohl eher äußerst spekulativ (z. B. seine Ausführungen zur Relativität). Doch ich möchte lieber zu den Wissenschaftsthemen kommen, denen sich Robert B. Laughlin gleichfalls widmet. Da wäre einerseits die Zurückhaltung von Wissen (oftmals aus kommerziellen Gründen) zu nennen, über die er sich beklagt (240):

"In der Wissenschaft gewinnt man an Stärke, wenn man anderen mitteilt, was man weiß, in der Technik gewinnt man an Stärke, wenn man anderen vorenthält, was man weiß. In der Technik sind chronische Konfusion und Unwissenheit einfach deswegen die Regel, weil aus Gründen geistigen Eigentums jeder jedem Informationen vorenthält."

Dann ereifert er sich darüber, dass in vielen Disziplinen Unwissen einfach hingenommen und durch sogenannte (nichtfalsifizierbare) Antitheorien verschleiert wird. Zu einem besonders umfangreichen Rundumschlag holt er bei der Biologie aus (248f.):

"Aus dem Vorhandensein solcher Folgen erwächst jedoch, und das ist am wichtigsten, die Sorge, dass ein großer Teil des heutigen biologischen Wissens ideologischer Natur ist. Ein Leitsymptom für ideologisches Denken ist die Erklärung, die nichts impliziert und nicht getestet werden kann. Ich bezeichne solche logischen Sackgassen als Antitheorien, weil sie sich genau gegenteilig auswirken wie richtige Theorien: Sie lassen das Denken zum Stillstand kommen, statt es anzuregen. Beispielsweise fungiert die von Darwin ursprünglich als großartige Theorie entworfene Lehre von der Evolution durch natürliche Selektion in jüngster Zeit eher als Antitheorie. Man zieht sie heran, um peinliche experimentelle Mängel zu verbergen und Befunde zu legitimieren, die bestenfalls fragwürdig und schlimmstenfalls 'noch nicht einmal falsch' sind. Ihr Protein trotzt den Massenwirkungsgesetzen? Das ist das Werk der Evolution! Ihr komplizierter Mischmasch aus chemischen Reaktionen verwandelt sich in ein Hühnchen? Evolution! Das menschliche Gehirn arbeitet nach logischen Prinzipien, die kein Computer nachahmen kann? Ursache ist die Evolution! Manchmal hört man das Argument, die Frage erübrige sich, weil Biochemie eine auf Fakten beruhende Disziplin sei, für die Theorien weder hilfreich noch wünschenswert seien. Das Argument ist falsch, weil man Theorien benötigt, um Experimente formulieren zu können. Die Biologie verfügt über eine Fülle von Theorien. Man diskutiert - oder überprüft - sie nur einfach nicht öffentlich. Die angeblich vornehme Zurückhaltung theoretischer Vorurteile ist in Wahrheit eine schlau maskierte Antitheorie, eigentlich dazu bestimmt, sich der Forderung nach logischer Konsistenz als eines Mittels zur Eliminierung falscher Aussagen zu entziehen. Heutzutage fragen wir uns oft, ob die Evolution ein Techniker oder ein Zauberer ist - ob sie also vorgegebene physikalische Grundsätze entdeckt und verwertet oder ob sie Wunder bewirkt -, doch das sollten wir nicht. Ersteres ist Theorie, letzteres Antitheorie."

Diese Kritik mag in Teilen übertrieben sein, andererseits kann ich sie sehr gut nachvollziehen, zumal ich sie recht ähnlich auch schon woanders las (wo, sage ich jetzt nicht). Und in der Tat ist es auch für mich schwer nachzuvollziehen, dass es in der Biologie so wenige Bestrebungen gibt, die zentralen Grundannahmen (z. B. den Gen-Egoismus) mit der Physik in Einklang zu bringen, oder dass man sich in der Biologie bis heute weigert, das in menschlichen Gesellschaften auftretende demografisch-ökonomische Paradoxon, welches in unmittelbarem Widerspruch zur Darwinschen Lehre und damit zu den eigenen Grundannahmen steht, ernst zu nehmen.

Fazit: Das Buch behandelt schwierige Themen, ist schwierig geschrieben und vermutlich nicht einmal optimal übersetzt, es ist also schwierig. Dennoch beinhaltet es eine Fülle an interessanten Gedanken, Thesen und Einsichten. Ich werde es sicherlich noch einmal im Original lesen. Einiges fand ich dann doch zu interessant, um es dabei zu belassen.
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33 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 27. Januar 2008
Ich liebe Bücher über Physik, habe in meiner Jugend sogar Physik studiert und werde von meiner Umwelt regelmäßig für sowohl überdurchschnittlich belesen als auch naturwissenschaftlich gebildet gehalten. Entschuldigung für diese schamlose Selbstdarstellung, aber ich hielt es für angebracht dies zu erwähnen, bevor ich mich über dieses Buch auslasse.
Schon von der ersten Seite an ergeht sich der Autor in schwülstigen Satzgebirgen, die einem schlicht das Hirn stehen lassen. Ich wußte am Ende des ersten Kapitels nicht einmal, worauf dieser Text überhaupt hinauslaufen soll. Kurzfristig war ich von diesem Umstand sogar beeindruckt, zog in Erwägung einfach ein bißchen zu blöd für dieses Wek zu sein. Aber nach einem zweiten Anlauf ein paar Tage später, während denen ich mit Genuß in Feynman und Greene geschmöckert hatte, kam ich zu dem Schluss: Der Kerl ist ein überdimensional aufgeblasener SCHWÄTZER, der selbst nicht so recht weiß, worauf er eigentlich hinaus will. Schön, daß er den Nobelpreis für die Entdeckung irgendeines weiteren Quanteneffekts bekommen hat. Als Buchautor qualifiziert ihn das aber nicht, denn zu sagen hat er in Wirklichkeit beängstigend wenig. Ich unterstelle ihm sogar, daß er mit diesem schwülstigen Intellektuellen-Stil zu beeindrucken und Inhaltsmangel zu verbergen sucht.
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