Kundenrezensionen


44 Rezensionen
5 Sterne:
 (30)
4 Sterne:
 (7)
3 Sterne:
 (4)
2 Sterne:
 (3)
1 Sterne:    (0)
 
 
 
 
 
Durchschnittliche Kundenbewertung
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel
Eigene Rezension erstellen
 
 

Die hilfreichste positive Rezension
Die hilfreichste kritische Rezension


50 von 52 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hilfloser Zorn als Abgesang auf ein durch Unbildung erodiertes einst vorbildliches System.
Der Inhalt in aller Kürze: tiefgründige Forschung und "Bildung" - im ursprünglichen Wortsinne - drohen verloren zu gehen, weil die moderne Bildungspolitik ein altes Bildungskonzept zu verbessern strebt, dessen Grundlagen sie nicht mehr kennt, da sie selbst die grundlegenden Texte des Humanismus und des deutschen Idealismus nicht mehr gelesen hat und...
Veröffentlicht am 29. März 2009 von Kankin Gawain

versus
62 von 71 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Das Wichtigste fehlt
Bildung, so Konrad P. Liessmann, "ist der Anspruch auf angemessenes Verstehen". In unserer so genannten Wissensgesellschaft wird Bildung nur noch auf Fähigkeiten reduziert, die in rasch wandelnden Märkten ökonomischen Nutzen bringen. Der Wiener Universitätsprofessor und Autor mehrerer Bücher (wie "Die großen Philosophen und ihre Probleme")...
Veröffentlicht am 12. Februar 2007 von Dr. P. Günter Strauss


‹ Zurück | 1 25 | Weiter ›
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

50 von 52 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hilfloser Zorn als Abgesang auf ein durch Unbildung erodiertes einst vorbildliches System., 29. März 2009
Von 
Kankin Gawain "Bis übermorgen dann..." (Eutopia) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Theorie der Unbildung: Die Irrtümer der Wissensgesellschaft (Taschenbuch)
Der Inhalt in aller Kürze: tiefgründige Forschung und "Bildung" - im ursprünglichen Wortsinne - drohen verloren zu gehen, weil die moderne Bildungspolitik ein altes Bildungskonzept zu verbessern strebt, dessen Grundlagen sie nicht mehr kennt, da sie selbst die grundlegenden Texte des Humanismus und des deutschen Idealismus nicht mehr gelesen hat und deshalb, bar jeder echten Bildung und in Unkenntnis des zu Verbessernden, das Gute am Alten nicht bewahren kann, und - aus mangelnder eigener philosophischer Tiefe und Sorgfalt auch kein gleichwertiges oder besseres Bildungkonzept zu entwerfen vermag.
Eine solche Verschlimmbesserei und Pfusch an den Grundlagen unserer Gesellschaft muss gerade einen Denker wie Liessmann zur Verzweiflung treiben, der eben, anders als die Mehrheit unserer Gesellschaft, die unserem alten Bildungskonzept zugrundeliegende Philosophie noch kennt und gründlich studiert hat. Sein in der Verzweiflung oft ohnmächtig wirkender Zorn entlädt sich auf 175 Seiten dieser Streitschrift, die weniger die "Irrtümer der Wissensgesellschaft" aufzeigt als in bisweilen wie gelähmtem Entsetzen bloß noch zu konstatieren, dass die Fundamente unseres Bildungsideals bereits so erodiert sind, dass selbst unsere in den universitären Verwaltungen tätigen Hochschullehrer sich von den bunt schillernden Sprechblasen der "Globalen Wissensgesellschaft" ohne jede kritische Gegenwehr mesmerisieren lassen.
Liessmanns Streitschrift kommt leider zwei oder drei (oder vier?) Jahrzehnte zu spät, wird ohnehin nicht viel zur "öffentlichen" "Debatte" (wo gibt es noch "öffentliche Debatten" - in der Leserbriefsparte des "Spiegel" oder in einem von eintausenddickmilch Blogs?) beitragen, eignet sich aber hervorragend, um sich von ihr ausgehend in das einzulesen, was mal das humanistische Bildungsideal war - die Fussnoten geben da die eine oder andere Anregung.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


57 von 62 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Pflichtlektüre für alle Lehrkäfte und (Bildungs-)Politiker, 20. Oktober 2006
Dieses Buch sollte für jeden zur Pflichtlektüre erklärt werden, der irgendwie mit Bildung (oder was damit heute gemeint wird) zu tun hat, sei es als Lehrkraft, als SchülerIn/StudentIn oder auch als PolitikerIn. Spritzig, aber wissenschaftlich fundiert wird der bildungspolitische Irrweg beschrieben und angeprangert, der uns von den für die Bildung Verantwortlichen aufoktroyiert wird und der uns zu einer Kultur der Unbildung führt. Was jeder, der über etwas gesunden Menschenverstand verfügt, eigentlich schon weiß, wird hier pointiert aufgezeigt: Dass sich Bildung nicht mit ökonomischen Werkzeugen wie Evaluation, Wirtschaftlichkeit, Rentabilität messen lässt, dass Bildung mehr ist als bloßes "Wissen, wo man nachschlagen muss" und ökonomisch verwertbares "Know-How", dass die Vermittlung von "Kultur" im weitesten Sinne zur Heranbildung eines mündigen Menschen gehört, .....
Es wird auch klar aufgezeigt, wie die Fixierung unserer Bildungsverantwortlichen auf den Rang, den man in der PISA-Studien einnimmt und auf den (die Universitätsausbildung zersetzenden) BOLOGNA-Prozess u.ä. unsere Bildung in den Abgrund führt. Noch nie wurde meines Wissens so klar aufgezeigt, dass Bildung nicht (nur) ökonomischen Gesetzen gehorcht, dass Bildung mehr ist als bloße Vorbereitung aufs Erwerbsleben und dass die aktuelle (Un-)Bildungspolitik eine verheerende Sackgasse darstellt.
Hier noch einige Zitate aus dem Buch, die die Stoßrichtung des Autors aufzeigen sollen:
"Am sinnfälligsten wurde das Ersetzen des Denkens durch das Abzählen einer Rangliste wohl am Beispiel von PISA. (....) Dass beim ersten Test Deutschland, beim zweiten Österreich eher schlecht abschnitten, hat neben einer in Bildungsfragen sonst selten zu beobachtenden kollektiven Depression zu völlig neuen Orientierungen in der Bildungspolitik geführt, mit dem erklärten Ziel, beim nächsten PISA-Test besser abzuschneiden. Anstelle der Bildungsziele der Aufklärung – Autonomie, Selbstbewusstsein und die geistige Durchdringung der Welt –, anstelle der Bildungsziele der Reformpädagogiken – Lebensnähe, soziale Kompetenz und Freude am Lernen –, anstelle der Bildungsziele der neoliberalen Schulpolitiker – Flexibilität, Mobilität und Beschäftigungsfähigkeit – ist ein einziges Bildungsziel getreten: PISA bestehen! Signifikanter zeigt sich Unbildung in keinem Zentrum vermeintlicher Bildung." (Seite 75)
"Auch die im Zuge des BOLOGNA-Prozesses induzierte "Modularisierung" der Studien gehorcht vorab erst einmal einem quantifizierenden und vereinheitlichenden Prinzip: Studien aller Art sollen in Modulen angeboten und absolviert werden können, wobei Module zusammenhängende Einheiten darstellen, die dann wie die Elemente eines Elektronik-Baukastens zusammengefügt und gegebenenfalls ausgetauscht werden können. In der Tat orientiert sich diese Überlegung weder am inneren Aufbau einer Wissenschaft und einer daraus abzuleitenden Didaktik noch an lerntheoretischen Erfordernissen, sondern am Modell eines industriellen Setzkastens, wie ihn etwa ein schwedisches Möbelhaus exzessiv praktiziert. (...) Die ersten Ergebnisse dieser Wissensfabrik sind bereits zu besichtigen: Man fügt einige Basismodule Philosophie und Ethik zu einigen Modulen Betriebswirtschaftskunde und Managementtechniken – schon ergibt sich ein wunderbarer Studiengang "Business Ethics"." (Seite 112)
"Den Geisteswissenschaften wurde es zum Verhängnis, dass sie ohne großen materiellen Aufwand betrieben werden können. Wenn die Eintreibung von Drittmitteln zum Qualitätskriterium einer Wissenschaft wird, wird der zum Versager, der solche Mittel gar nicht benötigt, weil ein Kopf zum Denken genügt. Ein kleines geisteswissenschaftliches Institut, das kaum mehr kostet als ein Professor und seine Assistenz, aber nur wenige Absolventen aufzuweisen hat, muss deshalb aus Kostengründen geschlossen werden; die paar hundert Millionen Euro, die für ein schlecht geplantes Technologieinstitut so nebenbei in den Sand gesetzt werden, fallen demgegenüber nicht weiter ins Gewicht." (Seite 125)
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


50 von 56 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen unterhaltsam und polemisch, 17. April 2007
Ein brillanter Essay, ohne Zweifel!
Nicht nur inhaltlich knüpft er an Adornos Theorie der Halbbildung an, auch in seinem pointierten Duktus erinnert der Autor wohl nicht zufällig an den Dialektiker der Aufklärung. Im Zentrum von Liessmanns Betrachtungen steht nämlich ähnlich wie bei Adorno die Kritik an einem Umgang mit Wissen unter der Maxime der Nützlichkeit. War für Adorno Halbbildung immerhin noch vom Ehrgeiz motiviert, durch halbverdaute Stichwörter klassischer Bildung Zugehörigkeit zur aufgeklärten Schicht vorzugeben, sieht Liessmann das Kennzeichen der Unbildung darin, dass nicht mehr gewusst wird, was eigentlich gewusst werden soll. Die ökonomisierten Vernunft stellt keine Auswahlkriterien erstrebenswerter Wissensinhalte zur Verfügung. Banales und tiefgründiges, Durchdachtes und Schon-Mal-Gehörtes gelten gleichviel im Zeitalter der Multiple-Choice-Quizshows.

Liessmann zeigt auf, wie es dazu kommen konnte, dass im Zuge der Demokratisierung der Bildungsinsitutionen das bildungspolitische Ideal
sich zunächst in Richtung Halbbildung verschob und schließlich zur Vermittlung von "skills" verflachte. Das heißt zum Antrainieren gegenstandloser Kompetenzen wie Flexibilität und Teamfähigkeit, deren Ziel letztlich die Nivellierung des einstigen Bildungssubjektes war: das denkende, verstehende Individuum.

Liessmanns Analyse ist messerscharf und dabei vergnüglich zu lesen. Auch der Vorwurf, er prangere nur an zeige keine Alternativen auf, ist natürlich zu erwarten, muss aber relativiert werden. Schließlich stammt der klassische Bildungsbegriff aus der Zeit des frühen Bürgertums als es noch keine Massenuniversitäten gab und der Kanon relevanten Wissens überschaubarer und damit leichter zu durchdringen war. Der Verfall der Bildung ist somit der Preis der Demokratisierung. Angesichts dessen erscheint es naiv, zu glauben, man könne Bildung im Sinne von kulturellem Verstehen in Lehrplänen und Studiengängen quasi festschreiben.

Was Liessmann vielleicht explizit hätte erwähnen sollen ist, dass mündige Reflexion stets von individuellen Fragestellungen ausgeht. Dass das Herstellen von Zusammenhängen, der Erwerb von Bildung also letztlich einen individuellen Erkenntnisprozess widerspiegelt. Die eigentliche Kritik zielt also darauf, dass dem jungen Menschen bei allem Informationsterror und Kompetenzerwerbswettlauf keine Zeit für diesen zutiefst persönlichen Entwicklungsgang mehr bleibt. Eliteuni und Massenuni sind daher zwei Seiten der selben Medaille: Kadettenanstalten zur Uniformierung des Denkens.

Insofern könnte und sollte man Liessmann eben auch als Aufforderung zur Muße und zum Mut zur eigenen Geschichte lesen.
Das Buch ist sicher polemisch, vereinfachend und zielt auf Breitenwirkung.
Daher als Einstieg in die bildungspolitische Diskussion sehr empfehlenswert, aufgrund der fehlenden Diskussion, wie sich denn Bildung trotz und unter dem herrschenden öknonomistischen Diktat verwirklichen ließe, jedoch nicht der Weisheit letzter Schluss.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


27 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Verzweifelt, treffend, brillant., 21. Januar 2008
Von 
Heino Bosselmann "Heino Bosselmann" (Rützenfelde, Mecklenburg-Vorpommern) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Liessmann klärt vor allem die Phrasen, die einer echten Revison der Bildungspolitik den Weg verstellen, weiß dabei jedoch, dass eine Rückbesinnung auf Qualität, Inhalte und Substanz nahezu unmöglich erscheint, da sie der angestrebten Vermarktlichung, Nivellierung und Enteuropäisierung von Bildung, Schule, Universität und Wissenschaft entgegenarbeiten müsste. Wer auf die humanistischen und Humboldtschen Ideale rekurriert, der gilt mittlerweile fatalerweise schon als reaktionär. Insofern stehen seine absolut richtigen Positionen leider auf geschichtspessimistisch verlorenem Posten. Um so dankbarer ist man für die Polemik, mit der analytisch genau und im Wortsinne aufgeklärt gezeigt wird, dass der Kaiser eben nackt ist, den Wirtschaft und Politik als Fortschrittsgröße verkaufen wollen. Nirgendwo fand ich das Desaster so treffend beschrieben.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Von der Unmöglichkeit gebildet zu sein, 10. Dezember 2006
Von 
Thomas Holtbernd "Thomas Holtbernd" (Bottrop) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Konrad Paul Liessmann ist Professor und schreibt eine Polemik über die unsinnigen Reformen im Bildungswesen. Er tut dies als jemand, der Teil des Bildungssystems ist und seine eigentliche Aufgabe - nämlich Bildung - nicht mehr erfüllen kann, weil er ständig zu Reformen gezwungen wird.

Von daher versteht sich auch der polemische Stil.

Ausgehend von der Analyse Adornos über die Halbbildung, die vor allem als ein Produkt der Mediengesellschafft zu begreifen ist, analysiert Liessmann die Theorie der Unbildung als Produkt einer kapitalistischen Gesellschaft, die Informationen wie Industriegüter vermarktet und den Prozess, der aus Informationen Bildung werden lassen könnte, endgültig aus ihrem Angebot gestrichen hat.

Diese Streitschrift zu lesen, ist für jeden eine wohltuende Bestätigung, der irgendwie mit der so genannten Bildung zu tun hat. Was heutzutage als Bildung oder Wissen angeboten wird, ist eine glatte Lüge und hat allenfalls als Karikatur von Bildung einen Unterhaltungswert.

Allerdings hat Liessmann sich für das Buch, im Gegensatz zu den selbst erhobenen Ansprüchen, wenig Zeit gelassen. Über viele Seiten wiederholt er gebetsmühlenartig seine Thesen und man gewinnt den Eindruck, er wolle sich vor allem darüber beschweren, dass sich kaum noch jemand bilden wolle und die Politik jeden Ansatz im Keim erstickt. Es wäre schön gewesen, wenn der Leser mehr über Bildung erfähren hätte und vor allem eine konkrete Ahnung bekäme, welche Konsequenzen die ganze "Wissensindustrie" haben wird. Liessmann führt nicht vor, was er selber fordert, er bleibt bei seiner Polemik.

Dennoch kann man dieses Buch nur jedem dringend empfehlen, der irgendwie pädagogisch tätig ist. Jeder Lehrer und jede Lehrerin sollte zwangsverpflichtet werden, sich mit diesem Buch auseinanderzusetzen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


62 von 71 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Das Wichtigste fehlt, 12. Februar 2007
Bildung, so Konrad P. Liessmann, "ist der Anspruch auf angemessenes Verstehen". In unserer so genannten Wissensgesellschaft wird Bildung nur noch auf Fähigkeiten reduziert, die in rasch wandelnden Märkten ökonomischen Nutzen bringen. Der Wiener Universitätsprofessor und Autor mehrerer Bücher (wie "Die großen Philosophen und ihre Probleme") legt seinem Bildungsbegriff Ideen Humboldts, Adornos und Nietzsches zugrunde. Dass jene Bildung, auf die sich Konrad P. Liessmann beruft, das willfährige Mitmachertum im Dritten Reich nicht verhindert hat, macht ihn allerdings ebenso wenig nachdenklich, wie die Frage, ob dieser Bildungsbegriff möglicherweise eine Lücke offengelassen hat, in die - vermeintlich - erfolgversprechendere Vorstellungen hineinstoßen mussten.

Bei der Frage, was denn zur Bildung gehöre, "was man wissen muss" stellt der Autor zunächst einmal den falschen Ansatz der Frage klar. Wissen existiert, wenn man etwas erklären, verstehen kann oder - mit Wilhelm von Humboldt - die Welt zu ergreifen vermag. Wissen kann auch nicht durch Wissensmanagement gemanagt werden. Von diesem Ansatz ausgehend wird die Absurdität von Begriffen wie Wissensgesellschaft oder Faktor Bildung offensichtlich, die Aussagekraft von Pisa-Studien hinterfragt, Hochschulreform-Stilblüten offengelegt. Den Wert des Wissens meint man heute danach beurteilen zu müssen, in welcher Höhe es sich - ökonomisch - auszahlt.

Mit Vergnügen gelesen.

Über weite Strecken war es mir ein Vergnügen, der brillanten Rhetorik zu folgen und den Seitenhieben mit klammheimlicher Freude zuzunicken. Aus der strikten Verfolgung der Konsequenzen der Ergebnisse der Bildungsreformer ergeben sich bisweilen Kabarett-taugliche Wendungen. Beispielsweise, wenn sich marxistisches Gedankengut in neoliberaler Bildungsplanwirtschaft wiederfindet oder sich die Frage erhebt, warum ein Student denn nicht gleich zu Hause bleibt, wenn die europäische Hochschullandschaft so vereinheitlicht ist, dass er überall das Gleiche studieren kann (Zur Erinnerung: Grund der Vereinheitlichung war, die Mobilität der Studenten zu erleichtern). Auch wurde mir klar, wie ich selbst bisweilen Gefahr laufe, mir vermeintlich neue Trends und Worthülsen zu unkritisch anzueignen. Für diesen Spiegel bin ich dem Autor ehrlich dankbar.

Kopfschütteln.

Manches konnte ich nicht nachvollziehen. Vernebelnd ist beispielsweise meiner Ansicht nach das Argument, dass die Geisteswissenschaften in der Hochschullandschaft deshalb ins Hintertreffen gekommen sein sollen, weil sie ohne großen materiellen Aufwand betrieben werden könnten (ob es da nicht vielleicht doch noch andere Gründe gibt?). Als jemand, der selber Drittmittel eingeworben hat kann ich sagen, dass auch in den Biowissenschaften (von einzelnen Großprojekten einmal abgesehen) der mit Abstand größte Teil der Gelder Personalkosten sind. Diese fallen, nehme ich mal an, auch bei Geisteswissenschaftlern an.

Die "Modularisierung" des Studiums vergleicht Konrad P. Liessmann abwertend mit dem IKEA-Möbel-Programm. Aber nicht nur diese schwedische Firma war damit erfolgreich. Modularisierung ist DAS Erfolgsmodel unserer belebten Welt. Beginnend vom modularen Aufbau der Genome, der Bausteine der Zellen, der Zell-Zell-Interaktionen beispielsweise beim Lernen, bis zu Verhaltensweisen; und das Ganze von einfachsten Lebewesen bis zum Menschen, Hirnfunktionen eingeschlossen. Ohne Modulbauweise wäre die Evolution, die Entwicklung des Menschen (seine Kreativität inbegriffen) gar nicht möglich gewesen. Warum sollte also ein sinnvolles Modulsystem beim Studium nicht möglich sein?

Das Wichtigste fehlt. Schade.

Aber mein Haupteinwand ist: Vom Aufruf des letzten Kapitels abgesehen ("Schluss mit der Bildungsreform"; dies erinnert mich an die "Weg mit ..." Parolen der frühen siebziger Jahren) zeigt Konrad P. Liessmann keinerlei Alternativen auf. Wir wissen alle, dass viel im Argen liegt; die jedoch entscheidende Frage ist, wie wir es besser machen können. Hier schweigt der Autor, und das ist mir zu wenig.

Trotzdem wünsche ich dem Buch seiner oft pointierten Diagnosen wegen dennoch eine weite Verbreitung. Wenn Konrad P. Liessmann den zweiten Teil herausgibt, in dem auf ähnliche fulminante Weise Wege zur Bildung aufgezeigt werden, dann werde ich im Nachhinein für diese Diagnose hier fünf Sterne vergeben; bis dahin gibt's von mir nur drei.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


28 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kein Platz mehr für die Muße, 22. September 2008
Von 
Mag Sarah Krampl "sarahkrampl" (Villach) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Liessmann versteht es wie kein anderer mir bekannter Autor, Kritik in sehr scharfem, klaren Ton zu äußern. Theorie der Unbildung beschäftigt sich mit aktuellen Themen und Problemen der Bildungsanstalten. Der große Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt (1767-1835) wird oft zitiert wenn es Liessmann darum geht, Bildung als Erweiterung der geistigen Fähigkeiten zu sehen. Bis vor kurzem galt Bildung als Durchdringung der Welt mit dem Geiste. Dass heutzutage die Lehrer in den Grundschulen aber auch in den Gymnasien eher als Psychologen und Mediatoren für die Schüler da sind, ich hörte sogar die Bezeichnung Edutainer, eine Mischung von Entertainer und Educator, zeigt schon den mangelnden Geist unserer Zeit. Damit man seinen Geist erweitern und bilden kann, braucht man Muße. Diese Muße gibt es heute aber nicht mehr. Es ist sogar verpönt, sich für eine Sache Zeit zu nehmen. Alles muss schnell gehen und man muss das richtige Gespür für die "Marktlücke" bekommen. Heute spricht man von Wissensmanagement. Die Universitäten haben keine selbstdefinierten Ziele mehr sondern richten sich nur mehr nach wirtschaftlichem Gewinn, sie verkaufen sich billig an den Markt und erniedrigen sich dabei selbst. Die Studiendauer wird immer kürzer, man kann ja Master werden (Magister ohne gi). Denken ist sowieso nicht mehr gefragt, jeder Student soll in den Seminaren die gleiche Meinung haben und ein Individualist wie Kant es war, würde heute nicht einmal das erste Semester überstehen. Denn heute muss gereist werden, man muss flexibel sein und möglichst viel publizieren um Professor zu werden. Dass beim Erasmussemester die Partys dann das wichtigste sind oder dass sich Flexibilität so äußert, dass man wegen einer Stunde Arbeit 10 Stunden Auto fahren muss, oder dass man das publiziert, was der Markt einem diktiert, sei dahingestellt. Humanistische Bildung wie Humboldt sie verstand, als Erweiterung des Geistes, als Erziehung zum selbständigen Denken, als Durchdringung der Welt mit eigenen Gedanken ist heute nicht mehr gefragt, ja sogar verpönt. Heute ist kein fundiertes Wissen notwendig um viel zu verdienen oder sich in Gesellschaft zu etablieren. Inhalte sind nicht mehr gefragt, geschweige denn die Beschäftigung mit alten Sprachen wie Altgriechisch. Man wird höchsten ausgelacht oder als altmodisch degradiert. Je mehr Statistiken und Tabellen auf einer Power-Point Präsentation vorhanden sind, desto weniger geht es um die Sache, aber desto mehr Erfolg hat man. Mit diesen und weiteren Themen wie Rankinglisten und die Entwertung von Denken beschäftigt sich dieses Buch. Wie bei der Millionenshow geht es darum zufällig etwas zu wissen. Wissen ist zu einer leeren Hülle geworden. Bezeichnend ist auch der Versuch, Bildung zu standardisieren, damit man überall in Europa in Kurse einsteigen kann, weil ohnehin der gleiche Inhalt besprochen wird. Spätestens beim Sprachen lernen merkt man, wie diese Standardisierung zum Scheitern verurteilt ist. Denn wenn ich an die europäische Stufenskala denke, die zumindest in der Erwachsenenbildung verwendet wird, dann muss ich aus eigener Erfahrung sagen, dass das ganze eine Augenauswischerei ist. Jene die die Stufe A1 z.B. erreicht haben, unterscheiden sich untereinander wie Tag und Nacht. Es gibt beträchtliche individuelle Lernunterschiede. Wenn 20 Leute den gleichen Kurs belegen ist es nicht gesagt, dass alle 20 Personen am Ende den gleichen Stoff beherrschen. Aber heute geht es wirklich nur mehr darum leere, inhaltslose Zertifikate und Zeugnisse zu erstellen. Ob jemand den Inhalt wirklich beherrscht oder nicht, das ist einem jeden egal, hauptsächlich man verkauft sich gut und man fügt sich in diesem übergeordneten System, bestehend aus leeren Phrasen und schönen Frisuren. Ich bin mit Liessmann vollkommen einer Meinung und finde es wirklich schade, dass sich die wenigsten heute Zeit nehmen, ihren Geist, so wie einst die alten Griechen, zu formen, zu vertiefen und zu schulen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen." (Aristoteles), 12. Januar 2007
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
"Wir sind der Meinung, dass die Wissenschaft, die um ihrer selbst willen und des Wissens
wegen erstrebt wird, eher Weisheit sei als die, die ihrer Resultate wegen erstrebt wird."
(Aristoteles, Metaphysik)

"Die autonome Gesellschaft braucht autonome Individuen, beide überleben zusammen, oder gehen gemeinsam unter."
(Zygmunt Baumann in: Flüchtige Moderne)

Konrad Liessmann (1953-), österreichischer Professor für Philosophie, hat 2006 mit Bravour die Frage der Bildung und deren Hintergrund aufgeworfen und in Anlehnung an die alte Theorie der Bildung eine Theorie der Unbildung als Gegenentwurf und Gegenwartsanalyse in die Welt gesetzt, die ihresgleichen sucht. Wenn Wissenschaft und Forschung weniger das beziehungslose Nebeneinander, sondern das im gemeinsamen Wissenskonzept gestiftete Miteinander praktizierten, wäre nichts verloren, was unter alter Humboldt-scher Bildung gängige Praxis und gängiges Verständnis war. Auf die Kultur der Antike bezogene und in ihrer Konzeption auf das Individuum wirksame Bildung ist eine Selbstbildung, die einer Errichtung der inneren Statue ähnelt. In dieser antiken und auch in der Zeit des späten 19. Jahrhunderts bewegte die Pädagogik, die universitäre Ausbildung den Menschen als Individuum und doch als Denkenden in den Zusammenhängen dieser Welt. Weit ab von dem reinen quantitativen Wissen bewegte die Menschen die Bildung einer Erkenntnis und weniger das abfragbare Wissen, welches heute durch das Internet bereitgestellt und in Spielen Millionäre macht.

Liessmann ficht in diesem Plädoyer für die Berechtigung der Bildung im Sinne des alten Geistes, verwehrt sich gegen Halbbildung im Sinne Adornos und erst Recht gegen eine Unbildung, die nahezu industriell erzwungen wird, durch die prima vista auf Rankings (Resultate bei: PISA, Bologna UNI-Ranking), durch die Gleichschaltung der Ausbildung in Bachelor und Master-Programme ohne Berücksichtigung auf die etymologische Herkunft des Wortes Magister, welches zumindest den Meister erwartet.

Seine Beispiele spiegeln sich im Unerwarteten und in den Worten großer Denker, sie bestechen durch Spitzen in der Wortwahl und werden gefördert durch eine leidenschaftliche Polemik in eigener Sache. Wie einst Wilhelm von Humboldt (1767-1835) verwehrt er sich gegen die Masse und deren Wichtigkeit von Wert und Nutzen und fördert Individuen, deren Ziel in der Bildung von innerer Schönheit liegt und deren Paradigma überhaupt der Charakter des Menschen ist.

In all den Studien über den neuen Menschen in einer modernen Welt, deren höchste Errungenschaften in Flexibilität, Vernetzung und Veräußerung liegen, findet er die Gründe für eine absichtlich zu übersehende Verfremdung des Individuums unter dem Mantel jeder gesellschaftlichen Notwendigkeit. Die Entfernung des Geistes aus den Bildungskonzepten entfernt zugleich den Auftrag der Bildung, diesen zu erzeugen. Nota bene sieht Liessmann hierin den Verzicht auf Bildung als erklärten Willen und mit Nietzsche erkennt er diese sich wandeln in den reinen Journalismus oder vielmehr darüber hinaus sich verändern in eine Medienkultur, deren Mittel das Medium ist, welches sich zum Zweck erklärt.

Nietzsches Gegenüberstellung der Anstalt der Bildung zur Anstalt der Lebensnot übernimmt Liessmann in bester Manier, um auf den Begriff der Schule zurückzukommen, die eben nicht eine Rettungsinsel zu sein hat für die Unmöglichkeiten dieser Welt, sondern ein Ort der Muße sein sollte, weil nur in diesem die Freiheit des Denkens ermöglicht wird. Die Lebensnot ist geprägt von Projekten und Praktika, von Flexibilisierung und Vernetzung; am Ort, der Kontemplation ermöglicht, stehen Denken und Sprechen im Vordergrund.

Lesen und Schreiben waren es, die Kant zur Schrift zur Aufklärung (Was ist Aufklärung?) bewogen, Lesen und Schreiben waren es, die in Sartres Auto-Biographie "Die Wörter. Autobiographische Schriften." als Grundstein seiner Karriere manifestiert wurden. Lesen und Schreiben, Denken und Sprechen sind es heute, die Liessmann verständlich machen und die er zum Verständnis einer Welt heranzieht, so wie sie heute ist.
Sein Plädoyer ist in der Tat ein besonderes, ein sehr lesenswertes und in ihm steckt leider das Paradoxon, dass die Tugenden der Bildung als Voraussetzung eines Verständnisses gelten könnten. So wie Goethe in seinem Lehrgedicht schrieb: "Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln und nähert sich dem Meister."

Betrachtet man das Bild auf der Cover-Seite, sieht man eine alte Schiefertafel mit einer Kreide. Sich selbst zu beschreiben, ist Auftrag auch in der Post-Kreidezeit, obwohl ein leeres Blatt manchmal größte Hürde ist.
~~
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kritik zum richtigen Zeitpunkt, 14. November 2006
Es ist Zeit, die breite Öffentlichkeit, die wie ein hypnotisiertes Kaninchen vor Begriffen wie "Pisa-Test" und "Bologna-Prozess" zittert, aufzurütteln. Gott sei Dank gibt es warnende Stimmen, wie die von Professor Liessmann. Lassen wir uns von Eurokraten nicht das nehmen, was sich Europas Universitäten so mühsam erkämpft haben: Die Freiheit des Denkens und Suchens. Wenn nämlich in Tests, vorgegebenen Programmen und weitgehend vereinheitlichten Vorlesungen europaweit bestimmt wird was und wie wir wissen und forschen dürfen, verlieren wir unsere höchsten Werte. Diese Gefahr, die wir weit mehr fürchten müssen als irgendwelche Standardabfragen-Ergebnisse, enthüllt Konrad Paul Liessmann. Ich wünsche dem Buch viele, viele Leser!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von der Theorie zur Praxis, 1. November 2006
Von 
Walkiewicz (Wetter) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Endlich ein intelligenter Nachfolger Adornos in der Bildungstheorie. Liessmann hat eines der seltenen Bücher geschrieben, denen ich von der ersten bis zur letzten Seite zustimmen kann, ein Vademecum im täglichen Kampf mit der Bildungsbürokratie und mit den Auswirkungen der medialen Dominanz des Ideologems der Wissensgesellschaft.Sehr interessant erscheint mir der Nachweis der Fortschrittlichkeit Humboldts auch (oder gerade) im 21. Jahrhundert im Vergleich mit dem mathematisch fundierten Effizienzdenken der gegenwärtig Entscheidenden. Erhellend der Nachweis der verheerenden Folgen des scheinwissenschaftlichen ökonomischen Denkens n den unterschiedlichen Bereichen des Bildungs(un)wesens.Faszinierend der Beleg der Wirksamkeit klug eingesetzter philosophischer Ideen. Kurz: ein im besten Sinne aufklärerisches Werk. Umso mehr stellt sich nach der Theorie die Frage nach der Praxis.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein


‹ Zurück | 1 25 | Weiter ›
Hilfreichste Bewertungen zuerst | Neueste Bewertungen zuerst

Dieses Produkt

Theorie der Unbildung: Die Irrtümer der Wissensgesellschaft
Theorie der Unbildung: Die Irrtümer der Wissensgesellschaft von Konrad Paul Liessmann (Taschenbuch - 1. Dezember 2008)
EUR 8,99
Auf Lager.
In den Einkaufswagen Auf meinen Wunschzettel
Nur in den Rezensionen zu diesem Produkt suchen