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HALL OF FAMEam 17. September 2003
Dai Sijies Roman mutet an wie eine Reise in eine andere Welt. Angesiedelt in einem chinesischen Bergdorf der 70er Jahre, hat man eher das Gefühl, sich im finsteren Mittelalter oder einer bedrückend phantastischen Parallelwelt zu befinden. Für uns westliche Leser ist das Szenario dieser kargen, aber realen Welt unter Mao, in der die Dorfbewohner nicht nur ohne Strom, fließendes Wasser u. a. uns selbstverstänliche Dinge leben, noch nie von einer Violine gehört haben, das Kino in der fernen Stadt wie ein Mysterium aus einer anderen Welt bestaunen, sondern sich darüber hinaus neben der maoistischen Lehre tiefstem Aberglauben hingeben und sich beispielsweise ihre Wehwehchen von den Dorfhexen behandeln lassen, eine Welt, die unserem Verständnis vollkommen fremd ist. Trotzdem erleben wir den Protagonisten als einen Menschen wie dich und mich, bewundern ihn für seine Gelassenheit, mit der er schier Unerträglichem sogar noch einen gewissen Humor abgewinnt.
Die Liebesgeschichte zwischen dem Freund des Protagonisten - seinem Leidensbruder in der aufgezwungenen politischen Umerziehung - und der kleinen Dorfschneiderin nimmt dabei nicht, wie man vielleicht denken mag, den Schwerpunkt des Buches ein. Es ist vielmehr eine Liebeserklärung zum einen an die Literatur, die hier zum großen Schatz des Protagonisten und seines Freundes wird, vor allem aber an das Leben, dem man, mit der richtigen Einstellung, selbst unter schwierigsten Bedingungen noch einen Zauber abgewinnen kann.
Ich habe das Buch mit Genuss gelesen, allein das Ende empfand ich als etwas abrupt und unbefriedigend, was aber sicherlich subjektiv ist. In jedem Fall ein Buch, das sich zu lesen lohnt.
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am 1. April 2005
Das Figaro Magazine hat das Buch mit gutem Grund als die schönste Liebesgeschichte des Jahres bezeichnet. Eine Sogwirkung hat das Buch in seiner ruhigen Wildheit, in seiner Verliebtheit in das Leben, in seiner heimlich gelebten Liebe zur verbotenen Literatur, der Unverletztheit, die diese zwei jungen Freunde in Umerziehungsprogrammen der Kulturrevolution am Ende der Welt in einem winzigen Bergdorf ärmlichst schuftend bewahren. Vor dem Hintergrund der höchsten Form von Freiheitsraub, der Ungewißheit, aufgrund der staatsfeindlichen Gesinnung der Eltern jemals wieder den fensterlosen Wohnschuppen in dieser rauhen Umgebung verlassen zu können, leben sie eine erblühende Liebe zur fernen Welt (mittels verbotener Literatur - Balzac), die sie mit der kleinen Schneidertochter teilen. Unter den Worten Dai Sijies verlieren sich die Spitzen der Mühsal, der Schinderei, alles ist gefärbt von einer zärtlichen und kraftvollen Zuwendung zum Leben, zur Liebe, die dem Augenblick entspringt und diesem keine Zeitlichkeit abverlangt. Der Autor und Filmemacher hat das Buch nicht in seiner Muttersprache geschrieben, man wagt kaum, sich vorzustellen, daß man derart dicht und reich in der Sprache des Wahllandes(frz.) schreiben kann, das man erst mit 30 Jahren betrat. Ungewöhnlich und reich in Inhalt, Form, Aussage, Anliegen
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am 31. August 2003
Um es direkt vorwegzunehmen, dieses Buch ist nichts für Leser, die große Gefühle suchen. Auch "Action" und geschickt konstruierte Spannungsbögen wird man in diesem kleinem Buch vergeblich suchen. Dafür findet man eine schön geschriebene, poetische Geschichte von zwei jungen Chinesen aus der Großstadt, die zur Umerziehung in ein abgelegenes Dorf geschickt werden. Dort, wo sie es am wenigsten erwarten begegnet ihnen, in Gestalt eines Koffers voller Bücher, die aufregende Welt der (im China der frühen 70iger verbotenen) klassischen, französischen Literatur und ein schönes Mädchen. Aus beiden Begegnungen, der Literatur und dem Mädchen, entwickelt sich eine Liebesgeschichte mit einem doch etwas überraschenden Ausgang.
Auch ohne die Vita des Autoren zu lesen, kommt einem schnell der Verdacht, dass die Handlung einen autobiografischen Charakter hat. Dieser Verdacht bestätigt sich in soweit, als dass der Autor ebenfalls einen Umerziehung "genießen" durfte.
Neben dem Genuß an dieser wunderbar schlicht, mit leiser Ironie und viel Augenzwinkern erzählten Geschichte, erhält der geneigte Leser einen kleinen Eindruck dieses großen heterogenen bei uns weitgehend unbekannten Chinas.
Freunden geradliniger und schlichter Poesie kann ich dieses Buch leichten Herzens empfehlen.
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am 2. September 2014
China,1971, ein abgelegenes Bergdorf. Dai Sijies Roman „Balzac und die kleine chinesische Kaiserin“ spielt vor der Kulisse des wohl sensibelsten Kapitels der jüngeren chinesischen Geschichte. Zur „kulturellen Umerziehung“ wurden der Protagonist und sein Freund Luo, zwei pfiffige junge Chinesen, hierhergeschickt.

„Ein paar Worte zur Umerziehung“, wird der junge Mann gleich zu Beginn des Werkes los. Zunächst führt er den Leser sachlich in den Hintergrund ein: „Ende 1967 startete Mao, der Große Steuermann, eine Kampagne, die das kommunistische China zutiefst verändern sollte: Die Universitäten wurden geschlossen, und die „Jungen Intellektuellen“, das heißt die Gymnasiasten und die Absolventen höherer Schulen, wurden zur „Umerziehung durch die revolutionären Bauern“ aufs Land geschickt.“

Der Protagonist und sein Freund Luo zählen zu genau diesen Intellektuellen. „Was Mao Zedong mit seiner Entscheidung wirklich bezweckte, war unklar. (…) Wenn uns niemand hörte, diskutierten Luo und ich oft über dieses Thema. Und kamen zu dem Schluss, dass Mao die Intellektuellen hasste.“

Genau diese Diskussionen sind es, die die zwei jungen Erwachsenen im Bergdorf immer stärker verbinden – ebenso wie die Liebe zur bildhübschen kleinen Schneiderin aus dem Nachbardorf. Und die Bücher, die sie eines Tages in einem geheimen Koffer finden. Balzac, Hugo, Gogol, Dostojewski: Sie werden die neuen Helden der pfiffigen Heranwachsenden. „Ich spüre bloß Hass, Hass, Hass gegenüber allen, die uns diese Bücher verboten haben“, sagt Luo, als er den Schatz das erste Mal sieht. Sein Freund zuckt zusammen. „Ein Satz wie dieser konnte uns viele Jahre Gefängnis kosten.“

Trotzdem merken sie, dass sie letztlich nur einen Weg haben, die stumpfe Gleichförmigkeit der Feldarbeit zu überleben: Sie müssen an genau diese verbotenen Bücher der westlichen Literatur kommen.

„Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“, erstmals erschienen 2003, war der erste Roman von Dai Sijie – und gleich ein voller Erfolg, vor allem international. Zwar steht China bei Dai Sijie nicht primär im Vordergrund; in erster Linie geht es vor allem um Freundschaft, Liebe und das Erwachsenwerden – alle Themen verpackt in eine wunderbar gewaltige, teils fast poetische Sprache. Jedoch gelingt es dem Autor durch genau diese Sprache, dem Leser ein eindringliches Gefühl dieses sensiblen Kapitels der Geschichte Chinas näherzubringen. „Jeder Quadratzentimeter unseres Landes stand unter der wachsamen Kontrolle der „Diktatur des Proletariats“, die ganz China überzog wie ein riesiges, perfektes, lückenloses Netz.“

Diese wertvollen Hintergrundinformationen machen „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ gemeinsam mit der einfühlsam erzählten Geschichte der zwei Freunde und der Sprachgewalt Dai Sijies zu einem absolut empfehlenswerten Werk. Das französische Magazin „Le Figaro“ hat es in seiner Rezension auf den Punkt gebracht: „Wenn Sie nur einen Roman dieses Jahr lesen wollen, lesen Sie diesen, er wiegt hundert andere auf.“

Mehr Rezensionen zu Büchern aus und über China gibt es unter[...] - viel Spaß beim Stöbern und Staunen!
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am 9. Juli 2014
Wenn man nach vielen Jahren ein Buch noch einmal liest, ist man oft etwas enttäuscht, weil sich der Lese-Geschmack geändert hat. Das kann ich bei diesem Buch nicht behaupten. Ein nach wie vor zauberhafter Roman, der die Kulturrevolution in China mit Humor und einer großen Portion Sarkasmus schildert.
1967 startet Mao eine Kampagne, die das Land sehr verändern sollte. Die Universitäten wurden geschlossen und die Absolventen höherer Schulen sowie die Gymnasiasten zur Umerziehung aufs Land geschickt. Zwei Freunde hatten das Pech Söhne von Ärzten zu sein. Luos Vater war sogar ein in ganz China bekannter Zahnarzt der seinen Studenten erzählte, dass er Maos Zähne und auch die von Chaing Kai-shek in Ordnung gebracht habe. Ein unverzeihliches Verbrechen! Da er auch noch gewagt hatte, die Namen des Ehepaares Mao und Chaing Kai-shek in einem Atemzug zu nennen, erhöhte sich das Strafmaß erheblich. Pech für die beiden Söhne, die nun als Volksfeinde in einem kleinen Gebirgsdorf, weit ab von jeder Zivilisation zur Feldarbeit verdonnert wurden.
Mit Charme und Witz gelingt es den beiden Freunden die Verbote und Einschränkungen zu umgehen und die Dorfbewohner neugierig zu machen. Ein Schelmenstreich, wie es Luo gelang, das „bourgeoise Spielzeug aus der Stadt“ (eine Geige) vor der Zerstörung durch die Bewohner zu retten.
„Mozart ist mit seinen Gedanken immer beim Großen Vorsitzenden Mao“. Diese kühne Erklärung bewirkte, dass die Bauern mit Andacht dem Geigenspiel lauschten und fortan Sonaten auf der Geige gespielt werden durften, da ja Mozart mit seinen Gedanken........
Der dritte im Bunde, Brillenschang, (seine Mutter war Dichterin) wurde ebenfalls zur Umerziehung in das Bergdorf geschickt. In seinem Besitz befand sich ein geheimnisvoller Koffer, den er vor den beiden Freunden versteckte. Dieser Koffer voller Bücher spielt eine wichtige, vielleicht sogar die wichtigste Rolle in diesem Roman.
Die Beschreibung der erst zaghaften und dann sehr erotischen Beziehung zur kleinen Schneiderin aus einem Nachbarort ist eine Liebeserklärung an die Weiblichkeit.
Typisch weiblich auch das sehr überraschende Ende des Romans.
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am 25. Juli 2013
Dieser Roman spielt während der "kulturellen Umerziehung" zur Zeit der Kulturrevolution in China unter Mao Tse-Tung zwischen 1966 und 1976. Universitäten wurden geschlossen und die "jungen Intellektuellen" wurden "aufs Land" geschickt, um dort von den revolutionären Bauern "umerzogen" zu werden. Auch der Autor selbst wurde von 1971 bis 1974 in solch ein Bergdorf geschickt. Später - nach Maos Tod - emigrierte Dai Sijie nach Paris.

"Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" handelt von zwei dieser chinesischen Studenten, die in ein Bergdorf verschickt worden sind. Sie gewöhnen sich an das Leben in Armut und mit schwerer körperlicher Arbeit nur langsam. Als sie einen weiteren Studenten kennenlernen, entdecken sie bei ihm einen großen Schatz: einen Koffer voller verbotener Bücher der westlichen Literatur. Eine gefährliche, aber ungeheuer reizvolle Sache, die die zwei Studenten veranlasst, einige Strapazen auf sich zu nehmen, nur um diese Bücher lesen zu können. Die Bücher helfen ihnen schließlich, die schwierige Zeit fernab von Schulen, Universitäten und mit wenig Hoffnung auf eine Rückkehr zu überstehen. Auch die kleine chinesische Schneiderin aus einem Nachbarort, in die sich beide Studenten sofort verlieben, erfährt von diesen Büchern. Luo - einer der Studenten - liest ihr nahezu täglich heimlich aus den Büchern vor, überwiegend sind es Bücher von Balzac. Dies jedoch führt bei der kleinen chinesischen Schneiderin zu ungeahnten und ungewollten Veränderungen.

Dai Sijie schreibt einfach wunderbar. "Eine wortmächtige Verführung" schreibt die FAZ und dem ist nichts hinzuzufügen. Erzählt wird aus der Sicht eines der befreundeten Studenten. Eindrucksvoll beschreibt der Autor die Lebensbedingungen im Dorf, die schwere Arbeit auf den Mais- und Reisfeldern, aber auch die politisch gefährliche Zeit während der Kulturrevolution - die damalige Situation in China, als Volksfeinde angeklagt und westliche Literatur verbrannt wurden, um nur einiges zu nennen. Die Protagonisten sind toll dargestellt. Sie machen die Geschichte sehr lebendig. Der Roman versprüht trotz der nahezu hoffnungslosen Situation für die jungen Leute eine wunderbare Energie und zeigt einmal mehr, dass man sich schon an den vermeintlich kleinsten schönen Dingen im Leben erfreuen kann und soll.

Einziger Makel: mit seinen nur 200 Seiten empfinde ich den Roman als zu kurz. Der Schluss kommt sehr plötzlich und verwirrt ein wenig. Es bleibt einiges offen/ ungeklärt. Das ist mir zu abrupt und hat mich etwas enttäuscht zurückgelassen.

Fazit: Sprachlich und erzählerisch ein Juwel. Eine wunderbare Geschichte, die berührt und zu Herzen geht. Politische und gesellschaftliche Einblicke in das China unter Mao Tse-Tung während der Kulturrevolution machen den Roman sehr interessant. Leider aber ein bisschen zu kurz für meinen Geschmack, mit relativ offenem Schluss. Trotzdem sehr empfehlenswert!
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am 11. Februar 2013
Also ich bin nun wirklich kein Roman-Leser, doch dieses Buch hat inspiriert.

Ich habe mir das Buch zugelegt, weil ich mich für China interessiere. Und dieses hier ist eine wirklich romantische Geschichte einer Jungen-Freundschaft, einer Liebensbeziehung, dem Schicksal der Studenten in der Kulturrevolution und Sorgen der Menschen zu jener Zeit in Maos China.

Der Inhalt des Buchs wurde von den anderen Rezensoren ja schon ausgiebig beschrieben, deshalb fasse ich mich kurz: Zwei gebildete Studentenjungs werden Zwangsdeportiert in ein Bauerndorf. Dort muss sich die junge "Intelligenz" dem Bauernwillen beugen. Das Leben dort scheint so sinnlos zu sein, wie die Zukunft der Jungen Burschen. Arbeit im Bergstollen, Essen mit rüden Bauern, Verzicht auf Bildung und nichts als Kälte, Fremde und Glücklosigkeit. Doch dann: eine schöne Blume auf der kargen Wiese einer tristen Welt. Die Tochter des Schneiders gilt es nun zu lehren. Auch sie ist dumm und ungebildet. Daraus wird eine Liebe, das erste Mal Sex und Wandel, der das Leben der Jungen, die Entwicklung Chinas und die Wege des Schicksals gleichsam bedeuten.

Der Leser erfährt (empfindet) viel von der Ungerechtigkeit während der Zeit der Kulturrevolution. Und doch gibt es eine gewisse Romantik in der Unbescholtenheit der Gedanken zu dieser Zeit. Die beiden Jungen, noch unschuldig und ohne Vergangenheit haben keine Zukunft im Sinn, nur eine Gegenwart. Daraus kann man etwas machen, und plötzlich: aus Gegenwart wird ein Verdacht bezüglich einer Zukunft und mögliche Wegen, die zu gehen sind. Sie werden erwachsen, sind nicht mehr unschuldig und haben sich dem Leben zu stellen.

Dieses Buch ist so schön! Eine wirkliche Bereicherung der eigenen Seele...
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am 21. August 2003
Zwei Studenten werden zur „kulturellen Umerziehung" im China Mao Tse Tungs in ein entlegenes Bergdorf verbracht. "Revolutionäre Bauern" sollen sie durch volksdienliche Arbeiten von ihren Vergehen läutern, die darin bestanden, die Söhne bourgeoiser Eltern zu sein.
Letztlich aber leisten die beiden Helden eher kulturelle Entwicklungshilfe, denn die revolutionäre Bauernschaft partizipiert mehr von der Erzählkunst des einen oder der Geige des anderen Verbannten, als, dass diese durch das Schleppen von Gülle, dem Ackern auf dem Felde oder dem Wühlen in Bergwerken geläutert und dem revolutionären Gedankengut näher gebracht werden könnten.
Zwei Objekte der Neugier verändern das Leben der Hauptakteure des zweihundert Seiten kurzweiligen Romans: Nämlich der Inhalt des Koffers des Mitverbannten und Außenseiters Brillenschang und die Nähe einer kleinen Schneiderstochter, zu der sie bald in mehr oder weniger inniglicher Freundschaft entflammen.
Der Inhalt des Koffers, schnell noch entwendet, bevor der freigekaufte Brillenschang für immer und ewig entschwindet, wird für sie zur Lebenshoffnung in der Tristesse der Berge am Ende der Welt. Für die beiden Umzuerziehenden sind die Bücher Dumas, Balzacs oder Dostojewskis, diese Werke westlicher Schundliteratur in den Augen der kommunistischen Revolutionäre, eine Erinnerung an ihr früheres Leben in den Städten, freies Denken und Handeln. Für die kleine allerliebste Schneiderin sind diese Bücher eine verführerische Brücke in eine andere Welt und sie folgt dem lockenden Ruf aus Balzacs Romanen. Sie verlässt Freunde, Vater und Bergdorf, auch nicht zu halten durch eine heiße Süßkartoffel, die ihr der Icherzähler als letzten Versuch, sie zu halten, offeriert.
Ein schönes Buch, ein gut lesbares Buch, gerade, weil es die Leiden der zur Umerziehung verbannten Menschen nur andeutet, vielleicht sogar ungewollt verniedlicht. Der Autor lenkt den Schwerpunkt seiner Geschichte auf die kleinen Freuden eines kargen Lebens, schildert Überlebensstrategien in einem Umfeld staatlichen Unverständnisses. Doch warum dieser Verzicht? Schließlich wurde das Buch, das sicher autobiographische Züge aufweist, geschrieben in Freiheit, in Sicherheit. Manches mal muss man Missstände beim Namen nennen, will man selbst nicht der Schönfärberei bezichtigt werden. Aber dann wäre es natürlich nicht das schöne, gut lesbare Buch geworden.HMcM
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am 13. Januar 2006
Dai Sijie erzählt die Geschichte von 2 Jugendlichen, die zur Zeit der chinesischen Kulturrevolution zur "Umerziehung" in ein Bergdorf geschickt werden. Der Roman trägt unverkennbar autobiographische Züge, vielleicht wirkt er deshalb so authentisch und glaubwürdig und besticht durch viele wunderbare Details. Aber die Geschichte ist auch durch und durch ein Roman, ein wunderbarer Roman mit seinem eigenen Mikrokosmos von Figuren und Orten und Handlungsströmen, ganz wie die Romane Balzacs.
Zuerst scheint es darum zu gehen, wie man durch Geschichten-Erzählen sich ein wenig von der harten Fronarbeit eines "revolutionären Bauern" drücken kann, wie man die Herzen der Menschen gewinnen kann und insbesondere, wie damit ein junger Bursche das Herz einer wunderschönen chinesischen Schneiderin gewinnen kann. Aber Sijie hat seine Erzählung doppelbödig angelegt. Denn das Projekt der Gegen-Umerziehung der kleinen chinesischen Schneiderin durch Literatur gelingt in eben dem Moment, wo es seinen ursprünglichen Zweck verfehlt. Und wenn am Ende der Geschichte unsere beiden Jung- Intellektuellen über diese unkontrollierbare Macht der Literatur frustiert sind, dann scheint für einen Moment deren beabsichtigte Umerziehung doch noch geglückt. Sijies Erzählung enthält noch mehr solcher Doppelbödigkeiten und eben diese machen für mich den Roman erst zu einem "großen" Roman. Mit dieser poetischen Verbeugung vor der Literatur reiht er sich jedenfalls würdig in die Reihe jener ein, die er in der Erzählung zitiert.
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am 24. Juli 2003
Dai Sijies Roman gibt uns einen völlig anderen Blick auf Literatur und den Durst nach intellektueller Abwechslung. Während wir zwischen 80000 Neuerscheinungen jährlich auswählen müssen, war im China der Kulturrevolution quasi alles ausser Maos Roter Bibel verboten.
Das Buch erzählt von dem fast wahnsinningen Verlangen zweier strafversandter Jugendlicher nach Literatur, inmitten einer feindseligen und verständnislosen Gesellschaft. Dass dieses Erleben auf eine dritte Person, nämlich die bis dahin "unzivilisierte" Schneiderin, projiziert wird, erscheint mir daher mehr als konzeptueller Kunstgriff denn als Versuch, eine Liebesgeschichte im klassischen Stil darstellen zu wollen: die kleine Schneiderin saugt die Lebens- und Ausdrucksweise der literarischen Personen so vollständig auf, wie sie nach wenigen Stunden Schwimmunterrichts sich auch im Medium Wasser bewegen kann wie wenn es immer ihr's gewesen wäre.
Ein raffinierter Roman.
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