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am 6. September 2009
Schirach ist Anwalt und angeblich sind die Fälle, die er in der vorliegenden Sammlung von Stories beschreibt, wahr. Ich bin geneigt, das für einen Trick zu halten. Aber ich mag mich täuschen, und schließlich ist es egal. Denn die klare, knappe Sprache, die häufig kurzen Sätze, in denen neutral und mitleidlos die Lebensumstände der "Verbrecher" beschrieben werden, sprechen für sich. Vielleicht konnte sich Herr von Schirach diese Schicksale nicht ausdenken, vielleicht musste er es auch nicht. Auch das ist gleichgültig. Sie werden zu Literatur, indem sie notiert, gedruckt und gelesen werden. Und gelobt. Und das zu recht. Schirachs Sprache ist intensiv und elegant gleichzeitig, sie besitzt eine Sogkraft, der man sich nicht entziehen kann. Dazu kommt: Was der Autor hier offeriert ist nicht wenig, er bietet seinen Lesern einen Blick in das Leben von "Verbrechern". (Weil sie dem Leser nicht als solche erscheinen, stehen hier die Anführungszeichen.) Vielleicht ist es für viele Leser ein zusätzlicher Anreiz, dass es hier vorgeblich (?) um wahre Begebenheiten geht. Aber ich möchte noch einmal betonen: es ist nur ein stilistischer Unterschied. Oder sollte ich mich täuschen? Denn eines kann Schirach mit seinem Erzählansatz nicht, nämlich in den Verstand seiner Protagonisten eindringen. Schirach beschreibt Fakten, keine Gedanken. Wer zu den Fakten noch die Gedanken der "Verbrecher" kennen will, der muss sich doch wieder auf die bekennende Fiktion verweisen lassen, auf Jan Costin Wagner, der in "Nachtfahrt" einen Mörder auf dem Weg zu seiner Tat begleitet und in "Das Schweigen" von den Jahren nach der schändlichen Tat berichtet, oder auf Sabine Alt, die in "Weras Talent" einer Professorin beim Morden über die Schulter sieht und In "Vergiss Paris" die missglückende Rehabilitation einer bereits Verurteilten begleitet. Diese Stoffe sind Fiktion, darum dürfen die Autoren über die Gedanken ihrer Figuren verfügen. Schirach tut dies nicht, er hält sich an die Fakten. Und die Gedanken der "Verbrecher" entstehen im Kopf des Lesers. Das ist geschickt und es ist allemal Literatur!
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am 2. Dezember 2009
Vorbemerkung: Die Stories des Berliner Strafverteidigers Ferdinand von Schirach habe ich an einem längeren Leseabend regelrecht "verschlungen". Ich war einerseits begeistert; andererseits aber blieb ein mir zunächst unverständliches Mißbehagen zurück. Also las ich "Verbrechen" nach ein paar Tagen noch einmal. Jetzt verstehe ich, warum ich nicht ungeteilt loben mag...

Der Autor versammelt elf Geschichten, die allesamt eins gemeinsam haben: Die Protagonisten geraten mit den Gesetzen in Konflikt. Zum Beispiel der Arzt im Ruhestand, den ein in jungen Jahren geleisteter Eid zu einer entsetzlichen Tat treibt; die beiden aggressiven Glatzköpfe, die in der Person eines eher unscheinbar wirkenden Herrn an den Falschen geraten; die Schelmengeschichte mit den 9 libanesischen Brüdern; oder - für mich die beste, weil anrührendste Geschichte ("Der Äthiopier") - der Bankräuber, für den die Schöffen zusammenlegen, um ihm ein Flugticket zu schenken... Die spannenden Stories sind in einer an amerikanischen Vorbildern geschulten souveränen, glasklaren,kunstvoll schlicht gehaltenen Sprache gehalten, die man einem Juristen kaum zutrauen würde, wenn man nicht wüßte, daß auch ein Goethe, ein Storm, ein Kafka usw. Juristen waren. Ob die Geschichten "wahr" sind, wie es der Waschzettel suggerieren möchte? Nein, natürlich nicht; allenfalls einige bis zur Unkenntlichkeit verfremdete Versatzstücke mögen aus realen Prozessen stammen. Abgesehen davon, daß von Schirach seine Approbation als Anwalt aufs Spiel setzen würde - nicht zufällig stellt er seinem Buch ein bestimmtes Motto von Werner K. Heisenberg voran ("Die Wirklichkeit, von der wir sprechen können, ist nie die Wirklichkeit an sich").

Was mir weniger gefällt? Der gar nicht so heimliche "Held" der meisten Geschichten ist - Ferdinand von Schirach selbst, als kenntnisreicher, gewitzter, cleverer, belehrender, eben: großartiger und damit erfolgreicher, aber auch eitler Anwalt seiner Mandanten agierend. Sein Plädoyer für ein "abwägendes Schuldstrafrecht" hätte er wohl besser an anderer Stelle gehalten. Hier stört es, mich jedenfals, nur - bis hin zur in diesen Textpassagen eher juristisch-ausschweifenden Sprache.
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am 27. April 2016
Baldur von Schirach (1907 – 1974) war NS-Reichsjugendführer im III. Reich. Sein Enkel Ferdinand von Schirach ist Rechtsanwalt, spezialisiert auf Strafrecht. Im August 2009 veröffentlichte er seinen Erzählband „Verbrechen“. Das Buch war ein sensationeller Erfolg, allein auf der Spiegel-Bestsellerliste stand es 54 Wochen lang unangefochten auf Platz 1. Sechs der Kurzgeschichten wurden als Mini-Serie verfilmt. In seinen Erzählungen öffnet Ferdinand von Schirach die Büchse der Pandora und berichtet, dem anwaltlichen Alltag entnommen, eindringlich von den Abgründen der menschlichen Existenz. Raub, Vergewaltigung, Mord und Totschlag. In diesem Buch ist alles drin. Der Autor verurteilt dabei nicht. Ferdinand von Schirach schreibt in einer sehr klaren, einfachen und direkten Sprache. All die monströsen Taten in seinem Buch „Verbrechen“, stilistisch brillant ausgefeilt, beschreibt der Autor in einem ungemein lakonischen Tonfall. Das macht die Texte freilich umso berührender. Das Buch ist harter Tobak. Die Reise in das Herz der Finsternis schockiert. Aber die Erzählungen beweisen: auch hinter biederen Fassaden lauert das Böse. Lug und Trug also oben wie unten. Das ist wenig beruhigend. Ferdinand von Schirach legt die Finger direkt in die Wunde. Seine Erzählungen regen zum Nachdenken an. Das ist gut so.
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am 25. August 2011
Schirach gab in Interviews kund, dass die Geschichten zwar der Wahrheit entsprechen, aber natürlich nicht so, wie man sie abgedruckt vorfindet. Er hätte Personen etc. so durcheinandergewürfelt, dass wahrscheinlich nicht mal die Beteiligten sie erkennen könnten. Gut, kann man glauben oder bleiben lassen, denn es ist nicht von Belang. Der Mann hat ein Buch voller Geschichten aus dem Ärmel geschüttelt, die allerhand Gefühlsregungen beim Leser hervorzaubern. Man ist fassungslos, entsetzt, anegeekelt, am Ende traurig und glücklich zugleich.
Aber geht es darum nicht bei Büchern? Sollen sie uns nicht in unseren Emotionen ansprechen, uns packen? Hier liegt ja schließlich kein Reisebericht von Tante Else vor, die ihre letzte Kaffeefahrt nach Malmö beschreibt. Auch keine Dokumentation, "Das Innenleben der kirgisischen Blattameise" oder sowas. Es handelt sich um Geschichten, die so oder ähnlich passiert sind, bzw. passiert sein KÖNNTEN.
Ich für meinen Teil kann nur sagen, dass ich das Buch sehr genossen habe. Schirach kommt auf den Punkt, seine Sprache ist klar und direkt, die Sätze treffen - meist - den "positiven Nerv" des Lesers. Die Geschichten sind, wahr oder nicht, originell, anders, mitreißend.

Negativ fiel mir nicht vieles auf. Joachim Kroll wird in einer Geschichte kurz erwähnt, da allerdings schlecht recherchiert (Er hat nicht mindestens acht Menschen gegessen, sondern nachweislich einen teilweise. Was auch schon schlimm genug ist). Jedoch hat sein Auftauchen kein Gewicht für die Geschichte an sich, von daher also kein Beinbruch. Einen klaren Stern Abzug gibt es aber für das Lektorat. Man hätte Schirach ruhig sagen können, dass zuviele "Als"-Sätze am Beginn eines Absatzes nerven können.

Ansonsten bin ich mir aber sicher, dass ich mir den Folgeband zulegen werde. Wenn man dieses Buch von Schirach objektiv und im Kontext betrachtet, hat er nämlich einigen hochgelobten Literaten voraus, dass er sehr gut Geschichten erzählen kann.

Und was kann bei Büchern dieser Couleur wichtiger sein?
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am 2. Januar 2011
Eigentlich sind Kurzgeschichten so gar nicht mein Fall. Normalerweise habe ich lieber eine durchgängige Geschichte, die komplett durchs Buch geht. Deshalb habe ich mich diesem Buch auch länger verweigert, aber irgendwann wollte ich es dann doch mal wissen. Habe es mir besorgt, dann stand es ein Weilchen im Regal. Jetzt suchte ich ein kleines Buch für zwischendurch und da habe ich mich doch herangewagt. Und ich habe es nicht bereut.

Das Bild des Autors erinnert mich ein bisschen an frühere Krimiautoren bzw. die Krimihelden früherer Tage aus dem TV.

Das Buch besteht aus 11 Geschichten, die Ferdinand von Schirach, seines Zeichen Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Berlin, wohl selbst erlebt hat. So heißt es zumindest. Manchmal habe ich mich beim Lesen gefragt, ob es solche Fälle tatsächlich gab, aber wir alle wissen ja, die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben.

Es sind sehr unterschiedliche Fälle, in denen man manchmal schon ein bisschen mit dem Täter mitleidet, weil er sich im Laufe der Geschichte als Opfer herausstellt. Nehmen wir zum Bsp den 72-jährigen Arzt, der nach 40 Jahren seine Ehefrau mit der Axt erschlägt und dann zerteilt. Wenn man dann aber liest, was er im Laufe seiner Ehe zu ertragen hatte, dann fragt man sich tatsächlich, warum das so lange gedauert hat...ICH hätte da wohl schon sehr viel früher was unternommen!! Aber nicht nur die Fälle sind ungewöhnlich, sondern auch teilweise die Bestrafung. Oder aber der mutmassliche Täter, der vor Gericht steht, muss freigelassen werden, weil während der Beweisaufnahme herauskommt, dass die Videokamera des Hotels nicht in Sommer- bzw. Winterzeit umgestellt wird, sondern seit Inbetriebnahme auf der selben Zeit bleibt und somit ist die Zeit auf dem Foto nicht mit der tatsächlichen Zeit vereinbar und somit kann er eigentlich nicht der Täter sein...

Ferdinand von Schirach hat eine menschlich distanzierte Art die Fälle zu schildern, aber ich finde, genau das braucht diese Art von Buch auch. Und das Cover ist genau dieser kühlen aber menschlichen und distanzierten Art angepasst, alles in allem sehr stimmig.

Ob die Welt wirklich ein solches Buch braucht, weiß ich nicht, da ja genug Grauen tagtäglich in den Medien nachzulesen ist. Aber zwischen den ganzen blutrünstigen Thrillern finde ich es angenehm mal etwas zu lesen, was tatsächlich passiert sein soll. Und da es recht kurze Geschichten sind, kann man das wunderbar immer mal zwischendurch lesen.
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am 8. September 2009
Hallo,
ich muß vorab darauf hinweisen, dass ich kein Experte bin, nur ein normaler Leser. Und als der bin ich mir mit dem Buch nicht so wirklich einig. Es gibt unbestritten sehr schöne Geschichten ( Fähner und Michalka sind meine Favoriten), bei denen der verknappte Erzählstil wie ein Brett trifft. Es gibt aber auch Geschichten, die durch den selben groben Strich zu Kasperltheater werden, ob sie nun wahr sind oder nicht. Die feine Ironie von etwa Chandler oder die Wucht von Hammett erreicht er nicht. Am ehesten läßt es sich vielleicht in der Tradition von "Letzte Ausfahrt Brooklyn" einordnen. Wers mag wird glücklich. Das gilt im übrigen auch für die teils sehr drastischen Gewaltschilderungen. Sie haben mich mit dem eigentlich seltenen Gefühl hinterlassen, dass ich das Buch nicht noch einmal lesen möchte. Fähner und Michalka ausgenommen, die sind top.
Was mir wirklich aufgestossen ist, sind teils üble Lektoratsfehler. Jader vertut sich mal, und ich sollte wohl nicht den ersten Stein werfen, aber Klopfer wie "Besenstil" und Hackenkreuz" habe ich noch nie in einem fertigen Buch gesehen. Das geht nach keiner Rechtschreibung.
Zusammenfassend ein Buch, dass man nicht ungelesen verschenken sollte. Trotzdem natürlich besser als kein Buch.
Für Kritik gern offen
Socks
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am 5. Januar 2010
Ich habe das Buch gerade gelesen, bin beeindruckt von den vielfältigen Sachverhaltskonstellationen, habe gelesen, dass der Autor erst seit 1994 als Rechtsanwalt zugelassen ist, habe gelesen, dass er in allen Fällen die Verteidigung übernommen hat, habe auch gelesen, dass er über weit mehr Zusammenhänge informiert war, als für eine Strafverteidigung relevant ist - und, ich bitte höflichst um Entschuldigung, ich halte es im Ergebnis einfach für unvorstellbar, dass der Autor in dieser relativ kurzen Zeit eine derartige Anhäufung außergewöhnlicher Fälle als Verteidiger auf seinen Tisch bekam.
Wissenswert ist zudem, dass Juristen in der Regel nicht über ihre Fälle schreiben, weil sie etwaige Verstrickungen im Hinblick auf das Schweigerecht, eine Wiedererkennbarkeit im Hinblick auf die Einzigartigkeit der Fallkonstellation, fürchten - und weil sie viel zu sehr in ihrem Beruf stecken, sich gerade - parallel in verschiedenen Sachen - auf Details von Sachverhalten stürzen, recherchieren, vorbereiten, etc., um die Verteidigung auf möglichst sichere Säulen stellen zu können - als, wie anscheinend hier, sich damit zu beschäftigen, wie man den verkaufsgeeigneten Inhalt dieser Lebensdramen möglichst attraktiv darstellen kann.

Wem also das private Fernsehen nicht reicht, und wer sich der Illusion hingeben will, er lese dort echte Lebensgeschichte mit extremen Handlungen, dem kann hier geholfen werden. Aber selbst hier stellt sich ab der 4. story Wahrnehmungsroutine ein.

Als jemand der vom Fach ist, erscheint dieses Buch hingegen in einem anderen Licht: Eine (immerhin) außergewöhnliche wie gewagte PR-Maßnahme eines Rechtsanwalt als Empfehlung für seine Dienste.

Interessant hingegen wäre gewesen den Leser mit einzubeziehen, was - für einen Laien verständlich geschrieben - die Schwierigkeit für die Verteidigung in "dem"
Fall war und warum. Das aber läßt das Buch weitestgehend vermissen.

Letztlich bleibt leider nur das Resumee: Beeindruckend, in welche Lebenssituationen Menschen geraten können.
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am 20. Januar 2016
Ferdinand von Schirach seines Zeichens Strafverteidiger aus Berlin bereitet in seinem literarischen Werk elf Geschichten aus seinem Berufsleben auf. Dabei wird angegeben, dass diese wahr seien. Das kann man so hinnehmen oder nicht - ändert ja nichts an den Geschichten, die sehr schnell zu lesen sind. Seine Beschreibungen sind durchweg klar und mit knappen, kurzen Sätzen. Die Geschichten lassen sich dadurch sehr angenehm lesen und man hat auch das Gefühl, er berschränkt sich nur auf das nötigste. Kein großes Juristendeutsch, keine großen Ausführungen wie genau der Prozess dann ablief - dies wird alles nur kurz angerissen und macht das Buch auch für Nicht-Juristen spannend und erklärt womöglich auch den Erfolg.
Auffällig ist, dass die Schicksale ohne Mitleid für die Lebensumstände der Verbrecher erzählt werden. Der Leser kann hier also durchaus selbst sich eine Meinung bilden und Sympathie für oder gegen den Verbrecher/Opfer entwickeln. Als Strafverteidiger ist erlogischerweise weitaus mehr auf der Seite der Verbrecher und erzählt aus deren Sicht.
Die Geschichten lesen sich flüssig und leicht hinweg, man kann das Buch gut in ein/zwei Tagen durchlesen. Es ist, wie ich finde, nicht umsonst hochgelobt. Die Art zu schreiben und die ausgewählten Geschichten sind interessant und kurzweilig.
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am 28. Februar 2013
Auch wenn es gemein ist: Das offensichtliche Kokettieren mit dem Wahrheitsgehalt der Geschichten erinnert mich an RTL-2-Dokus oder Scripted-Reality-Formate im TV. Die zeigen auch das echte Leben. So in etwa.

Die "Verbrechen"-Storys könnten trotzdem schön&gut sein. Wenn da nicht der große Anspruch vorangestellt wäre: "Die meisten Dinge sind kompliziert, und mit der Schuld ist es so eine Sache." Sehe ich absolut genauso. Umso mehr ärgert es mich, wenn die Fälle oder die Schuld dann doch meist platt und einseitig dargestellt werden.

Zum Beispiel die "Fähner"-Geschichte über den alten, integren Arzt, der seine biestige Ehefrau getötet hat. Sicher, dieses Eheleben war die Hölle und ich bin ganz bei dem Arzt, wenn er am Ende seine Erlösung findet. Aber: Auch wenn die Ehefrau ein garstiges Monster war – dass sich der Arzt über Jahrzehnte hinweg von ihr distanziert hat (= aus dem Haus gehen, wenn sie noch schläft; heimkommen erst spätabends), dürfte auch nicht gerade zum Gelingen oder Genesen der Ehe beigetragen haben. Tja, mit der Schuld ist es eben so eine Sache. Und: Dass sich der gute Mann so sehr den hehren Werten verpflichtet fühlt, dass er das Ehe-Versprechen partout nicht mit einer Scheidung brechen will, das macht ihn einerseits sympathisch. Andererseits … er begeht einen Mord. Das ist ja in gewisser Weise auch ein Verstoß gegen die hehren Werte. Ein etwas größerer als eine Scheidung.

Oder die "Igel"-Geschichte über das Husarenstück des cleveren Libanesen-Jungen, der seinen hochkriminellen Bruder vor Gericht raushaut. Erstmal sehr lustig! Aber auch hier komme ich anschließend ins Grübeln. Der kriminelle Bruder hat einen Laden überfallen, den Besitzer mit einer Waffe bedroht. Dass das für das Opfer womöglich nicht so lustig war, wird hier mit keinem Wort erwähnt. Im Gegenteil, in der letzten Volte des Husarenstücks wird der Ladenbesitzer sogar noch öffentlich vorgeführt. Wäre das tatsächlich ein realer Fall, wäre das richtig fies.

Nun gut. Wenn der Autor einfach nur – übrigens sehr gut geschriebene – Unterhaltung bieten will, dann passt das. Ganz wunderbar sogar. Aber wer zu Beginn seines Buches einen so hohen, gewissenhaften Anspruch postuliert, der muss sich daran messen lassen.

Das Ergebnis reicht für zwei Sterne.

Aber bitte, das ist lediglich meine Meinung. Das mit der Schuld ist so eine Sache. Das mit dem Geschmack eben auch.
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am 15. November 2009
Wer als Strafverteidiger über die von ihm vertretenen Fälle schreiben will, steht vor einer Reihe von Hürden. Die größte ist die anwaltliche Pflicht zur Verschwiegenheit. Zwar wird über Anklagen öffentlich verhandelt und oft auch in der Presse berichtet. Aber nach einer Verurteilung verbietet es der Resozialisierungsgedanke, die Tat weiter in der Öffentlichkeit breitzutreten. Außerdem kommt es in vielen Fällen gar nicht erst zur Hauptverhandlung, weil das Verfahren gegen Zahlung einer Geldbuße eingestellt oder im Strafbefehlsverfahren erledigt wird. In anderen ist die Öffentlichkeit ausgeschlossen, und im Übrigen weiß der Verteidiger in der Regel mehr als verhandelt wird. Manches wiederum darf er gerade nicht wissen wollen, wie Schirach selbst schreibt. Über all diese Dinge muss er schweigen, er darf nicht einmal Vermutungen äußern. Zwar könnte sein Mandant ihn von seiner Schweigepflicht befreien. Daran kann der aber in den seltensten Fällen ein Interesse haben. Ein taktvoller und professioneller Anwalt wird daher seinen Mandanten gar nicht erst danach fragen. Somit kann er über seine Fälle nur dann schreiben, wenn er Daten und Fakten so weit verfremdet, dass der beschriebene Fall vom Leser unter keinen Umständen mehr identifiziert werden kann. Dafür reichen Veränderungen von Namen und Orten nicht aus; gerade spektakuläre Kriminalfälle sind nicht so häufig, dass im Zeitalter von Google nicht aus den Berufen von Täter oder Opfer, vom Tatmotiv oder -werkzeug auf den konkreten Fall zurückgeschlossen werden könnte. Das ist bei keiner von Schirachs Geschichten möglich.

Eine weitere Schwierigkeit: Im Berufsleben eines jeden Anwalts gibt es Höhe- wie Tiefpunkte. Manchmal läuft man zu großer Form auf und erreicht, was zuvor unmöglich erschien; manchmal führen Fehler oder Formtiefs zu nicht optimalen Ergebnissen. Schildert der Anwalt jedoch seine Erfolge in den leuchtendsten Farben, wirkt er angeberisch und unseriös, lässt er sich auch einmal Fehler anmerken, schadet er seinem Renommee oder geht sogar Haftungsrisiken ein.

Der Umschlagtext "Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit", und mehr noch die Ich-Form der Erzählung suggerieren jedoch, es handele sich bei den von Schirach beschriebenen Fällen um wahres oder realitätsnahes Geschehen. Dies führt in die Irre. Wenn überhaupt, hat der Autor einzelne Elemente, Komponenten, Charaktere, Konstellationen tatsächlicher Strafrechtsfälle genommen, neu gemischt, anders wieder zusammengesetzt und bei der Gelegenheit auch noch dramaturgisch aufgepeppt. Den Geschichten mangelt es dadurch leider oft an Glaubwürdigkeit. Nur ein Beispiel: dass die meisten Menschen nicht wissen, ob im Sommer die Uhr vor- oder zurückgestellt wird, mag sein. Dass Staatsanwaltschaft und Gericht sich in diesem Punkt irren und es dadurch zu einem Fehlurteil kommt, erscheint jedenfalls in einem Mordprozess nicht vorstellbar.

Wenn man hiervon einmal absieht, bleiben flott zu lesende Kurzkrimis mit sachkundigen Abschweifungen in Unterwelt der Prostituierten, der Kleinkriminellen, der verkorksten Familien, ob arm oder reich, und die Oberwelt der Gerichte, Staatsanwälte und Verteidiger. Diese Sachkunde - die man in vielen Tatort-Krimis leider vermisst - nimmt man dem Verfasser selbstverständlich ab. Dann wäre es aber auch ehrlicher von ihm gewesen, dem Leser zu sagen, dass er fiction liest und keine Tatsachenberichte.
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