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am 9. Oktober 2005
Sicherlich richtig ist es, dass der NS-Genozid an den Juden ,instrumentalisiert' werden kann und wird, so die zentrale These Norman Finkelsteins. Dies gilt allerdings auch für jedes andere historische Ereignis, dessen wir uns erinnern. Denn wir vergegenwärtigen uns ja deshalb die Vergangenheit, weil wir dadurch etwas erreichen wollen; und somit ,instrumentalisieren' wir das Ereignis.
Sicherlich richtig ist es auch, dass die Praxis der Entschädigungs- und Rückerstattungszahlungen noch nicht vollständig erforscht und somit intransparent ist, so eine weitere These Finkelsteins. Für die Entschädigungs- und Rückerstattungszahlungen Deutschlands zwischen 1945 und 2000 ist allerdings jüngst eine ausgezeichnete Studie erschienen (Goschler, Constantin: Schuld und Schulden. Die Politik der Wiedergutmachung für NS-Verfolgte seit 1945, Göttingen 2005 (Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts 111) Doch damit hört auch schon meine Übereinstimmung mit Finkelsteins Thesen auf.

Es gibt die unterschiedlichsten Formen des Erinnerns an die Massenvernichtung der europäischen Juden durch das NS-Deutschland. Warum jemand daran erinnert, wie jemand erinnert und wozu, also mit welcher Absicht jemand erinnert, ist m.E. nicht monokausal zu erklären. Und genau dies tut Finkelstein.
Er konstruiert ein scheinbar homogenes Subjekt, die "Holocaust-Industrie", deren Handeln allein aus materiellen und politischen Vorteilen - und zwar im Sinne von "Bereicherung" und "Immunität" - zu erklären sei. Es ist abwegig zu glauben, Paul Spiegel, die (!) amerikanischen Juden und verschiedenste jüdische Opfer-Organisationen (bei Finkelstein alle Mitglieder der "Holocaust-Industrie") würden aus den gleichen Motiven die gleichen materiellen und politischen Ziele verfolgen. Völlig außer Acht lässt Finkelstein in seiner ausschließlich auf die USA zentrierten Sicht, z.B. das Bedürfnis nach Anerkennung von Schuld, Opfertraumata, das Bedürfnis nach Kollektivsymbolen in einer säkularisierten Welt, die diskursive Ordnung, die überhaupt eine solche Funktionalisierung, wie sie Finkelstein beschreibt, zu lässt und letztlich die Mahnung des "Nie wieder". Verschiedenste Motive konstatiert z.B. Peter Novick für das amerikanische Gedenken an den Holocaust. Dieses Buch bildet übrigens den empirischen Kern der finkelsteinischen Sekundärverwertung. Mit anderen Worten: Aus der richtigen Erkenntnis, dass das Erinnern an den Holocaust aus aktuellen Interessen und Motiven bestimmt wird, zieht er den falschen Umkehrschluss, nämlich dass amerikanische Juden und Organisationen ausschließlich aus materiellen und politischen Interessen an den NS-Genozid erinnern. Natürlich gibt es in der amerikanischen Erinnerungslandschaft Organisationen, die ausschließlich materielle Interessen wie die Entschädigung jüdischen Leids und die Rückerstattung jüdischen Eigentums vertreten. Doch nicht nur! Über die Praxis der Verhandlungen kann man im Detail streiten, bzw. mehr Transparenz fordern, doch dies wird a) bereits durch Organisationen und Personen getan, die Finkelstein auch alle zitiert und b) kann daraus bei weitem keine Verschwörung einer "Holocaust-Industrie" konstruiert werden.

Soweit meine Kritik im Allgemeinen, im Speziellen werde ich anhand von 3 Aspekten exemplarisch vorgehen.

1. In der englischen Ausgabe hat Finkelstein behauptet, dass es keine jiddische Übersetzung der Kritik der reinen Vernunft" von Kant gäbe. Damit wollte er Elie Wiesel der Lüge bezichtigen, der gesagt hatte, er habe Kant 1943 auf jiddisch in Buchenwald gelesen. Da nun aber einwandfrei belegt ist, dass es eine jiddische Übersetzung seit 1929 gab, wurde diese Passage in der deutschen Ausgabe gestrichen. Ebenso, dass jüdische Organisationen auf dem Geld der Schweizer Banken säßen und es nicht an Überlebende auszahlten. Es lag jedoch daran, dass das Geld zum Zeitpunkt der englischen Veröffentlichung der "Holocaust-Industrie" noch nicht einmal überwiesen war. Viele weitere Lügen und Unwahrheiten der englischen Ausgabe wurden in die deutsche Ausgabe nicht mehr mit aufgenommen. Doch diese schlecht recherchierten Argumente sind bei Finkelstein Methode.

2. Es ist richtig, dass Elie Wiesel den Holocaust nicht mit anderen Massenmorden gleichsetzen möchte. Ob seine Motive finanzieller Natur sind, halte ich allerdings für abwegig. Wie könnte man die von Finkelstein beschriebene Korrelation - Elie Wiesel vergleicht den Holocaust nicht und bekommt als Redner hohe Gagen - auch als einen ursächlichen Zusammenhang beweisen? Den Holocaust als singuläres Phänomen zu interpretieren, ist bei weitem kein Dogma aller amerikanischen Juden oder sonst irgendeiner Gruppe. Selbst innerhalb der Conference on Jewish Claims Against Germany bestehen über die Interpretation des Holocaust unterschiedliche Meinungen. Alles andere wäre auch absurd. Das Washingtoner Holocaust Museum beispielsweise, von Finkelstein als Teil der Holocaust-Industrie" bezeichnet, gibt die wichtigste Zeitschrift für vergleichende Genozidforschung heraus. In den USA gibt es eigentlich keine bedeutende Konferenz zum NS-Genozid, auf der nicht mindestens ein Teilnehmer über einen Vergleich referiert.

3. Viele Argumente Finkelsteins widersprechen sich. So kritisiert er zum einen, dass eine Überprüfung von Schweizer Banken 500.000$ gekostet hätte (sein häufig zitierter Kronzeuge Raul Hilberg im Bezug auf statistisches Material schätzt diese Kosten allerdings auf 250.000$). Wenn nun allerdings die deutsche Bundesregierung aus Kostengründen Bankkonten nur stichprobenartig überprüfen will, wird ihr dies als Gutgläubigkeit angekreidet(S. 193). Zudem stellt Finkelstein fest, dass alle Holocaust-Autoren sich einig seien, dass "DER HOLOCAUST einzigartig sei" (S. 51). Doch wenig später nennt er angesehene Holocaust-Historiker wie Henry Friedländer oder Raul Hilberg..." (S. 82), die genau diese Interpretation nicht teilen.

Abschließend bleibt zu bemerken, dass Finkelsteins Buch sachlich nicht über das Buch von Peter Novick hinaus geht. Neben den vielen Fehlern und Unwahrheiten zeichnet es sich darüber hinaus durch eine befremdlich wirkende Sprache aus, die oftmals durch ihren denunziatorischen Unterton beleidigend wirkt. Zudem kann und wird, wie beispielsweise rechtsextreme Zeitungsartikel belegen, das Buch zur Stützung antisemitischer Verschwörungstheorien, etwa im Stil der "Weisen von Zion", benutzt.
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35 von 165 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
"Jetzt reicht es." Dieser Ausruf hallt aus allen Ecken dieses Buches wider und erfüllt die geschundene Seele vieler ihrer Leser mit Wärme und Genugtuung. Zahlreichen Deutschen ist das aus ihrer Sicht längst abgegoltene oder schon immer übertriebene Trauern und Bedauern bezüglich des Holocaust ein Graus. Toll, dass damit nach Finkelsteins Ansicht endlich Schluss sein muss. Mehr noch: Die Juden betuppen uns mit ihrem Elend von einst. Sind in diesem Sinne jetzt nicht mehr die Opfer, sondern die Täter.

Dass viele Aussagen in diesem Buch kalter Kaffee und alte Stereotypen sind, und die "neuen Fakten" und angeblich schonungslosen Wahrheiten in diesem Buch von Wissenschaftlern und Historikern schlichtweg als falsch, Schlussfolgerungen als hanebüchen bezeichnet wurden, stört da wenig. Vor allem den rennomierten Piper-Verlag nicht. Dieser verdiente sich mit diesem Buch und dem nach Erleichterung flehenden Schuldkomplex zahlreicher Deutscher nämlich wirklich eine goldene Nase, und zwar auf Kosten der Seriösität und der Erinnerung.
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47 von 247 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 16. Juni 2001
Das zweite schlechte Buch Finkelsteins- keine Überraschung. Nach seinem Angriff auf Goldhagens prinzipiell richtige Analyse des deutschen Antisemitismus unter dem Titel "a nation on trial" nun "holocaust industry", in den wissenschaftlichen Ansprüchen noch deutlich minderwertiger. Finkelstein ist ein Beispiel, wie jemand aus der äussersten Linken anfängt, der Rechten und den Antisemiten Argumente zu liefern. Und Linksradikale, die ihre Sympathie für die Deutschen entdeckt haben, neigen ja bekanntlich dazu, zu Spinnern oder gar Nazis zu mutieren - siehe Roger Garaudy, NPD-Mann Horst Mahler, den Ghaddafi-Freund und Antisemiten Alfred Mechtersheimer uvam. Herr Finkelstein bewegt sich leider genau in diese Ecke. In Hinblick auf die Faktenlage sind die Behauptungen Finkelsteins entsprechend dünn, entstellend und falsch - Faktenresistent sind Antisemiten aber immer, deshalb störts die Leserschaft wenig.
Und ein etwas längerer Blick auf den hier auf den Rezensionsseiten versammelten Schmutz zeigt ganz eindeutig, wer diese Leserschaft Finkelsteins ist: Deutsche, die ihr Gestammel mit den Worten "ich bin bestimmt kein Antisemit" beginnen, um dann unmittelbar anzufangen, von jüdischen Eliten, jüdischer Erpressung und anderen Fieberphantasien zu faseln. Anschliessend nähert sich der eine oder andere geneigte Schreiber in einzelnen Formulierungen schon mal Straftatbeständen wie der Leugnung Auschwitz - ganz tabulos.
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23 von 147 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 19. Februar 2001
Schade, dass ein so interessantes und reifes Thema so lausig und schlecht recherchiert in einem Buch abgehandelt wird. Traurig ist die große Aufmerksamkeit, die das Buch gerade auch in Deutschland erfährt. Warum ist so ein Buch in den Top 100 von Amazon? Wenn es Finkelstein wirklich um die Aufklärung gegangen wäre, hätte er nicht das Leiden der Juden ausgebeutet, sondern seine Missionarsschrift umsonst per download angeboten ! Dann hätte ich mir das Geld gespart. Aufrechte Missionare sind mir lieber.
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