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5.0 von 5 Sternen Der neue Realismus - Versuch einer Rekonstruktion der Wahrheit
Das Manifest des neuen Realismus von Maurizio Ferraris ist eine vorzüglich formulierte und umfassende Darstellung aktueller Debatten der europäischen Philosophie. Jedem an Philosophie interessierten Leser kann ich das Manifest nur empfehlen. Ich selbst sehe einige Dinge etwas anders als Ferraris, was ich in meiner Rezension auch angesprochen habe. Bedenken habe...
Vor 12 Monaten von Gerhard Mall, Darmstadt veröffentlicht

versus
3.0 von 5 Sternen Ein anregendes Buch
Die Kritik an den Auswüchsen des Konstruktivismus und der Dekonstruktion - so wie von Ferraris dargestellt, scheint berechtigt. Dennoch stellte ich mir während des Lesens immer wieder die Frage, ob der Autor nicht gegen einen Strohmann argumentiert — zumindest hatte ich während der Lektüre postmoderner Autoren nie das Gefühl, dass eine...
Vor 4 Monaten von Thomas Pawelek veröffentlicht


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16 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der neue Realismus - Versuch einer Rekonstruktion der Wahrheit, 9. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Manifest des neuen Realismus (Broschiert)
Das Manifest des neuen Realismus von Maurizio Ferraris ist eine vorzüglich formulierte und umfassende Darstellung aktueller Debatten der europäischen Philosophie. Jedem an Philosophie interessierten Leser kann ich das Manifest nur empfehlen. Ich selbst sehe einige Dinge etwas anders als Ferraris, was ich in meiner Rezension auch angesprochen habe. Bedenken habe ich beispielsweise gegen einige dogmatische Positionen zu Fragen der Ethik (siehe unten). Dies schmälert aber nicht meine Kaufempfehlung.

Der neue Realismus wurde in Deutschland bekannt durch den Bestseller von Markus Gabriel "Warum es die Welt nicht gibt". Maurizio Ferraris und Gabriel kreierten nach eigenen Angaben den neuen Begriff am 23. Juni 2011 um 13:30 in Vorbereitung eines philosophischen Kongresses, um eine seit den neunziger Jahren sich abzeichnende Reaktion der zeitgenössischen Philosophie auf postmoderne Theorien zu beschreiben und zu fördern. Der neue Realismus möchte der Jahrhunderte alten Tradition von Decartes (Cogito, ergo sum), Kant (Ding an sich), Hegel (Phänomenologie des Geistes) und Nietzsche (Wille zur Macht, Umwertung aller Werte) bis hin zur analytischen Philosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und schließlich der Philosophie der Postmoderne (Lyotard, Derrida, Foucault), die alle in ihrer Skepsis gegenüber Sinneseindrücken nach Meinung von Ferraris auch die Wahrheit über Bord geworfen hatten, den neuen Realismus entgegensetzen mit dem Ziel, die philosophisch dekonstruierte Wahrheit - aus Sicht Ferraris' mit erheblichen negativen gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen - zu rekonstruieren.

Ferraris behauptet, zwischen Ontologie und Epistemologie bestünden wesentliche Unterschiede, die an einer Invarianz der Umwandlungen festgemacht werden könnten und daß Wahrnehmungserfahrung eine wunderbare Stabilität und Widerständigkeit im Gegensatz zu begrifflichen Unternehmungen, die er konstruktionistisch nennt, besitze. Ich greife das Beispiel von Ferraris heraus, daß die über 4000 m hohen Berge auf dem Mond unabhängig von unseren Begriffsschemata existieren (sie würden in der Sicht des neuen Realismus auch existieren, wenn es keine Menschen gäbe).

Die genannten Philosophen und viele andere mehr hätten Epistemologie (Interpretationen) und Ontologie (Tatsachen) verwechselt. Ergänzend weist Ferraris darauf hin, daß auch die Empiristen (z.B. David Hume) das Bild der Wissenschaft beschädigt hätten, indem sie aus Mißtrauen gegenüber der Erfahrung den Induktionsschluss in Frage gestellt hätten.

Als perverses Beispiel einer Entobjektivierung nennt Ferraris die These von Feyerabend, daß eine privilegierte Methode der Wissenschaft nicht existiere und Weltanschauungen aufeinander träfen, die in hohem Maße incommensurabel seien. Beim Prozess gegen Galilei , argumentiert Feyerabend, sei der verurteilende Bellarmin im Grunde im Recht gewesen, da Galileis Thesen negative Auswirkungen auf die Ordnung einer Gesellschaft mit sich gebracht hätten, die in der obersten Kirche ihren Ordnungshüter fand. Ratzinger habe 20 Jahre nach Feyerabends Thesen das Jahrhunderte alte Urteil gegen Galilei aufgehoben und Feyerabends Thesen zur Unterstützung seines Arguments benutzt, daß das menschlichen Wissen in Antinomien münde, die nur in einer höheren Rationalität versöhnt werden könnten. Bezüglich der Antinomien stimme ich persönlich Ratzingers Interpretation zu (hier sei nur an Gödels Theorem, daß widerspruchsfreie geschlossene mathematische Systeme nicht existieren, erinnert). Ich finde es befremdlich, daß Ferraris die Position Feyerabends, die von vielen Wissenschaftlern und Philosophen geteilt wird, als pervers bezeichnet. Dies ist reine Polemik.

Die kurze Zusammenfassung des neuen Realismus duch Ferraris selbst ist provokativ dogmatisch. Der neue Realismus sei eine kritische Lehre im zweifachen Sinne: im kantianischen Sinn zu urteilen, was wirklich ist und was nicht, und im marxistischen, zu verändern, was nicht gerecht ist. Und an anderer Stelle betont Ferraris: So ist das entscheidende Argument für den Realismus nicht theoretisch, sondern moralisch, weil es nicht möglich ist, sich in einer Welt ohne Tatsachen und ohne Gegenstände ein moralisches Verhalten vorzustellen. Was dies mit philosophischem Realismus zu tun haben soll, ist nicht verständlich, es handelt sich wohl um einen Zirkelschluß.

Ferraris behauptet, Gerechtigkeit sei nicht dekonstruierbar, da Ontologie unveränderlich sei. Er führt den Begriff "Dokumentalität" ein, die ein schwacher Textualismus (sprich auch ein schwacher Konstruktionismus) sei, insoweit man annehme, dass die Einschreibungen entscheidend sind für die Konstruktion der sozialen Wirklichkeit, aber im Gegensatz zu den Postmodernen (mit ihrem starken Konstruktionismus) schließe er aus, daß die Einschreibungen für die Wirklichkeit im Allgemeinen konstitutiv seien. Diese Aussage wirkt wie eine naive, aber vergebliche gedankliche Anstrengung, die "Wahrheit" zu retten.

Die Stärke von Ferraris Manifest besteht in den Analysen der rechten politischen Szene, wie nämlich der Verlust der Wahrheit antirationale populistische Bewegungen und Positionen fördert. Beispielhaft genannt seien seine Statements zu Heidegger, der nach einer radikalen Dekonstruktion der klassischen Philosophie dem "Führerprinzip" 1934 ethusiastisch huldigte und es sich auch nach den Kriege nicht verkneifen konnte, die Technik der Vernichtung der Juden und die technische Bearbeitung der Felder mit Mähdreschern in den USA als Beispiele der neuzeitlichen Seinsvergessenheit in eine Reihe zu stellen. Die Kritik am rechten Populismus und Irrationalismus sind starke und bedenkenswerte Passagen des Manifests und man spürt den Eros des Autors, sich fatalen Folgen philosophischer Dekonstruktion entschieden mit Vernunft und Aufklärung entgegenzustellen, allerdings - aus meiner Sicht - um den Preis eines linken Dogmatismus.

Ferraris weist es von sich, daß ein vernunftgeleiteter Gelehrter, der aufgrund seiner Lehre und seiner Gescheitheit schwerlich gewalttätig sei, Dogmatismus und Gewalttätigkeit fördern könne. Diese Behauptung ist aber meines Erachtens nach den Erfahrungen des 20.Jahrhunderts mit marxistisch inspirierten totalitären Systemen nicht ganz überzeugend.
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3.0 von 5 Sternen Ein anregendes Buch, 5. Februar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Manifest des neuen Realismus (Broschiert)
Die Kritik an den Auswüchsen des Konstruktivismus und der Dekonstruktion - so wie von Ferraris dargestellt, scheint berechtigt. Dennoch stellte ich mir während des Lesens immer wieder die Frage, ob der Autor nicht gegen einen Strohmann argumentiert — zumindest hatte ich während der Lektüre postmoderner Autoren nie das Gefühl, dass eine jenseits der Interpretation liegende Realität negiert wird; für mich war innerhalb meiner "materiellen" Lesart von Lacan stets klar, dass Subjektivität auch von unbeseelten Objekten, deren Existenz und Einfluss völlig unabhängig von jeglicher Interpretation ist, konstituiert wird. Auch kann ich mich mit Ferraris Schreibstil nicht anfreunden; es schwingt stets etwas vulgäres mit, das aber keineswegs so ausgeprägt ist wie bei Markus Gabriel.
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Manifest des neuen Realismus
Manifest des neuen Realismus von Maurizio Ferraris (Broschiert - März 2014)
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