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23 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Über die Freundschaft (und die Kunst, sich gerade noch rechtzeitig zu Tode zu trinken)
Sie sind schon ein seltsames Paar, die zwei Freunde, die unterschiedlicher nicht sein könnten, der erfolgsverwöhnte, kontrollierte Stefan Zweig und der stets am Rande des Bankrotts entlang lavierende Alkoholiker Joseph Roth, radikaler Pazifist der eine, "begnadeter Hasser" der andere. Zweig, dem Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen eigentlich...
Vor 4 Monaten von Felix Richter veröffentlicht

versus
6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Eine saubere Seminarabreit in Form eines Fließtextes...
Volker Weidermann - Kulturchef der FAS - hat in diesem schmalen Band eine schöne, recht stimmige Beschreibung davon gegeben, wie sich einige jener Dichter und Autoren gefühlt haben müssen, die später als Exilliteraten bezeichnet wurden, als sie merkten, daß Hitlerdeutschland ernst macht, daß sie Verfolgte sind, daß ihr Leben nicht...
Vor 1 Monat von Gavin Armour veröffentlicht


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23 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Über die Freundschaft (und die Kunst, sich gerade noch rechtzeitig zu Tode zu trinken), 6. März 2014
Von 
Felix Richter - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft (Gebundene Ausgabe)
Sie sind schon ein seltsames Paar, die zwei Freunde, die unterschiedlicher nicht sein könnten, der erfolgsverwöhnte, kontrollierte Stefan Zweig und der stets am Rande des Bankrotts entlang lavierende Alkoholiker Joseph Roth, radikaler Pazifist der eine, "begnadeter Hasser" der andere. Zweig, dem Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen eigentlich ein Greuel sind, ist die Aufgabe zugefallen, seinen Freund vor sich selbst zu schützen, was im Wesentlichen heißt, ihn von der Flasche fern- und zum Schreiben anzuhalten, ein nahezu aussichtsloses Unterfangen, zumindest was das Trinken angeht (er wird einige Monate vor Kriegsbeginn daran zugrunde gehen).

Zweig hat Roth nach Ostende eingeladen, wo er den Sommer 1936 verbringt. Hier hat sich eine kleine Gruppe von deutschsprachigen Schriftstellern zusammengefunden, denen der Nationalsozialismus die Heimat geraubt hat; Egon Erwin Kisch, Arthur Koestler, Irmgard Keun, Hermann Kesten und Ernst Toller gehören dazu. Während Deutschland und die Welt unaufhaltsam auf die Katastrophe zusteuern, haben sie hier eine kleine Idylle gefunden, die meisten von ihnen zum letzten Mal, in der sie diskutieren, schreiben, hoffen und, allen voran die frischverliebten Roth und Keun, trinken können.

Liebevoll und mit großem Detailwissen beschreibt Volker Weidermann die komplizierte Freundschaft zwischen den Stefan Zweig und Joseph Roth. Mit einfachen, knappen Worten zeichnet er ein atmosphärisch dichtes Bild zweier Menschen, die sich trotz der immer deutlicher werdenden Aussichtslosigkeit ihrer Situation Charakterstärke, Motivation und Kreativität bewahren können, und ihres kleinen, aber feinen und bei all den Widrigkeiten erstaunlich lebensfrohen Freundeskreises.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Menschen im Hotel, 17. Mai 2014
Von 
Esther (Graz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft (Gebundene Ausgabe)
Im Sommer 1936 treffen die deutschsprachigen Exilautoren ein letztes Mal an Strand und Promenade in Ostende zusammen. Es kommen Stefan Zweig und seine Sekretärin Lotte Altmann, um zu schreiben; Joseph Roth, der weder Meer noch Strand etwas abgewinnen kann, war gekommen, sich Rat von seinem guten Freund Stefan Zweig zu holen und soll in diesem Sommer seine große Liebe zu Irmgard Keun erfahren. Zentrum des Zusammentreffens ist das Hotel de la Couronne.

"Jetzt sind sie Menschen auf der Flucht in einer Urlaubswelt. Der scheinbar immer frohe Hermann Kesten, der Prediger Egon Erwin Kisch, der Bär Willi Münzenberg, die Champagnerkönigin Irmgard Keun, der große Schwimmer Ernst Toller, der Stratege Arthur Koestler, Freunde, Feinde, von einer Laune der Weltpolitik in diesem Juli hierher an den Strand geworfene Geschichtenerzähler. Erzähler gegen den Untergang." S6

Neben all den Haupt- und Nebendarstellern ist das zentrale Thema der Novelle der Untergang des Abendlandes, das verzweifelte Hinauszögern einer nationalsozialistischen Begebenheit, das künstliche Festhalten an einem Leben der Kunst und Schönheit. Joseph Roth trinkt sich langsam aber stetig zu Tode,

Nur dort, wo er herstammte, war er nicht tausendfach zersplittert." S 143

Irmgard Keun leistet ihm dabei Gesellschaft, bis sie sich von einem anderen aus diesem Elend retten lässt und Stefan Zweig von seiner Frau in Trennung lebend sucht nach einem neuen Zuhause für sich und Lotte Altmann. Und Ostende? Ostende ist heute eine andere Stadt.

Die Novelle "Ostende" ist eine sehr melancholische Erinnerung und eine verdiente Hommage an unsere deutschsprachigen Exilautoren, die ihre Heimat zurücklassen, die vor den Nationalsozialisten fliehen mussten. Besonders berührt hat mich das letzte Kapitel "Mystery Train", das die Lebensenden eines jeden Autors beschreibt, der hier Erwähnung findet und die spätere Ausgrenzung der Literaten aus der deutschsprachigen Literaturszene andeutet; Sie waren auch in ihrem Genre ins Getto der Exilautoren verbannt worden.

Eine würdige Erinnerung an unsere ganz großen Autoren (!)
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18 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein trügerischer Frieden, 8. März 2014
Von 
Mag Wolfgang Neubacher "wolfgang_neubacher" (A - 5203 Köstendorf) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft (Gebundene Ausgabe)
Ostende, ein feudales, aber recht günstiges Seebad im neutralen Belgien im Jahr 1936. Hier treffen sich im Sommer Schriftsteller, deren Bücher man in Deutschland verbrannt hat und die damit den größten Teil ihres "Marktes" verloren haben. Eine Rückkehr in das nationalsozialistische Deutschland (oder in das austrofaschistische Österreich - siehe Stefan Zweig) ist unmöglich); somit bleibt nur das Exil.
Für Stefan Zweig, den erfolgreichsten dieser Schriftsteller, ist es bereits "der zweite Juli". Er verbrachte bereits den Juli 1914 in Ostende; er erlebte die überstürzte Abreise der Gäste knapp vor dem Kriegsausbruch.
22 Jahre sind seither vergangen; Zweig ist weltberühmt und diszipliniert; sein Freund Joseph Roth ebenfalls genial (und schwer alkoholkrank). Eine sonderbare Freundschaft, ja Liebe verbindet die beiden Männer. Zweig finanziert Roth, der immer in Geldnöten ist (auch weil sein größter Erfolg - "Radetzkymarsch" - in Deutschland verboten ist). Sie lesen sich gegenseitig aus ihre Schaffen vor; ja, sie schreiben sogar manchmal für den anderen (der das Geschriebene dann umarbeitet).
Und dann kommt noch eine schöne, schwierige, selbstbewusste Frau nach Ostende: Irmgard Keun. Auch ihre Bücher sind - obwohl sie keine Jüdin ist - in Deutschland verboten ("Asphaltliteratur"), ebenso die von Egon Erwin Kisch, der unweit von Ostende im Hotel wohnt. Irmgard Keun und Joseph Roth verlieben sich ineinander. Kein Mensch kann das verstehen - aber die beiden verbindet (auch) das Trinken. Die Freundschaft zwischen Zweig und Roth ist nicht mehr so, wie sie einmal war...
Volker Weidermann hat ein faszinierendes Buch über Künstler geschrieben, denen der Nationalsozialismus in Deutschland letztlich die Existenz zerstört hat. Aktuell können sie sich noch mehr schlecht als recht über Wasser halten; da ihnen aber der - deutschsprachige - Markt weitgehend entzogen wurde, sind ihre Aussichten düster.
War im Jahr 1936 für diese Schriftsteller der "letzte schöne Sommer"? Es war eher der letzte Sommer der Freundschaft zwischen ihnen (trotz aller Querelen), denn für die meisten von ihnen ging es ab nun nur mehr bergab (siehe Joseph Roth und Stefan Zweig).
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Eine saubere Seminarabreit in Form eines Fließtextes..., 2. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft (Gebundene Ausgabe)
Volker Weidermann - Kulturchef der FAS - hat in diesem schmalen Band eine schöne, recht stimmige Beschreibung davon gegeben, wie sich einige jener Dichter und Autoren gefühlt haben müssen, die später als Exilliteraten bezeichnet wurden, als sie merkten, daß Hitlerdeutschland ernst macht, daß sie Verfolgte sind, daß ihr Leben nicht mehr so sein wird, wie es immer gewesen ist.

Vornehmlich Stefan Zweig und Joseph Roth, deren "Gegensatz" als weltmännischer Westjude Wienerischer Prägung (Zweig) zum galizischen Ostjuden mit der Prägung des Stettls (Roth) er herausarbeitet, sind die Protagonisten dieses als Fließtext getarnten Aufsatzes, der auf offensichtlich sehr guter und genauer Recherche fußt. Zu diesen beiden gesellt sich Irmgard Keun hinzu, die es ebenfalls nach Ostende verschlagen hatte, in diesem Sommer 1936, als die Welt noch einmal wohlwollend nach Berlin schaute, auf die Olympischen Spiele. Sie hingegen war davongelaufen, weg aus Berlin, weg aus Deustchland, weg vor den Herrschern eines Landes, das sie kaum mehr wiedererkannte. In Ostende tat sie sich mit dem "großen Trinker" Joseph Roth zusammen und gemeinsam mühten sie sich, die Angst, den Unmut und die Hilflosigkeit gegenüber dem, was da unweigerlich aufzuziehen schien, wegzutrinken. Zweig hingegen war in jenem Jahr schon dabei, sich zu lösen von allem, was seine Welt, sein Leben ausgemacht hatte: Das Haus in Salzburg stand zum Verkauf, von Frau und Töchtern hatte er sich getrennt, mit seiner Sekretätin verband ihn bereits mehr als ein Arbeitsverhältnis und zum Ende dieses Sommers war er unterwegs Richtung Brasilien.

Es gelingt Weidermann durchaus, die Stimmung jenes Sommers einzufangen (zumindest gelingt es ihm, eine Stimmung zu erzeugen, die passen würde auf jenes Jahr), dazu hat er ganz offensichtlich eine Menge Briefe, Tagebuchaufzeichnungen, Notizen etc gesichtet. Etwas skizzenhaft fällt das Ganze denn auch aus. Man hat es hier nicht mit einem wirklich erzählenden Band zu tun. Kein Roman ist dies, wie Hans Pleschinski ihn im vergangenen Jahr vorlegte mit "Königsallee", auch keine Novelle, wie Klaus Modicks "Sunset". Eher eine in einen Fließtext gebundene Seminararbeit, eine Magisterarbeit, ausgeweitet auf einen Stimmungsbericht. Das gelingt gut, bleibt aber eben auch ein wenig im Bereich der "Fleißarbeit". Daß Weidermann nicht über die sprachlichen Möglichkeiten jener verfügt, die er da beschreibt, wie Denis Scheck despektierlich anmerkte, bevor er das Buch der Tonne überantwortete, mag sein, liegt wohl aber eben auch in der Natur der Sache. Sonst würde Weidermann wahrscheinlich nicht ÜBER Zweig, Roth oder Keun schreiben, sondern eigene Werke ähnlicher Qualität vorlegen.

Es bleibt festzuhalten, daß das alles angerissen, ein wenig skizzenhaft wirkt. Da gibt es keine Dramaturgie und keine Höhepunkte, keine Dramatik. Weidermann läßt in die einzelnen Szenen in den Cafés und den Strandbars der Promenade eines Ostende, das es, wie er im Nachwoiort schreibt, so nicht mehr gibt, immer auch ganze gedankliche Ausflüge in die Vergangenheit und die persönliche Geschichte seiner Protagonisten einfließen. Zweigs Werdegang ebenso wie Roths, angerissen auch der von Egon Erwin Kisch, Irmgard Keun natürlich. Klaus Mann wird als Autor und unbeliebter Kollege gestreift, die Manns generell finden Erwähnung usw. Ein wenig kommt der Eindruck auf, daß der Autor nicht wirklich genug Material hatte, um einfach nur von diesem Sommer zu erzählen.

Es bleibt ein schmaler, gut und schnell lesbarer Band, der uns ein wenig in Vergessenheit Geratene wieder einmal näherbringt, tiefe Einblicke in das Seelenleben dieser Menschen, die ab hier praktisch nur noch auf der Flucht waren (oder, wie Roth, bald starben), gelingen ihm nicht. Angst, daß die Heimat nicht mehr - nie mehr - sein wird, was sie war und wie sie war - ja, das schon, aber das wussten die Interessierten allerdings schon, gerade was Joseph Roth angeht, macht es den eigentlichen Movens seines Schreibens ja nunmal aus. Sei es drum. 3 gute und solide Sterne für dieses gut in der Sommerfrische zu lesende Bändchen. Man sollte allerdings eines nicht vergessen, wenn man es mitnimmt in die Ferien: Mindestens ein Buch von Zweig, eines von Roth und eines von der Keun einzupacken. Denn das macht dieses Werk allemal: Lust, die Betreffenden mal wieder zu lesen. Und es wäre ja ärgerlich, wenn man die entsprechenden Werke dann nicht zur Hand hätte.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von der Tragik elitären Scheiterns in verheerender Zeit, 2. Mai 2014
Von 
Ulrich Groh (Mittelhessen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft (Gebundene Ausgabe)
Die verheerende Zeit Adolf Nazis, seiner Wegbereiter und Schergen ist, so sollte man meinen, aus allen nur denkbaren Perspektiven erzählt worden. Eigentlich ist man der -zigsten Variante, das Grauen wie auch immer medial neu aufzulegen, überdrüssig geworden angesichts der nicht enden wollenden Beschäftigung mit ihr in Wort, Bild und Ton. Guido Knopp erteilt televisiönäre Aufklärung in Dauerschleife, während gerade der exakt einhundert Jahre zurückliegende Ausbruch des ersten Weltenbrandes den Literaturbetrieb und -markt mit zahllosen Neuerscheinungen zum Thema überschwemmt. Wozu also dieses Buch? Was kann es bereithalten, was nicht längst bekannt oder erschauernd zur Kenntnis genommen worden wäre ?

Ganz genaugenommen - nichts. Jedes Individuum, ob Bettler oder Reicher, sofern er nicht(!) zur tonangebenden Schicht zählte, litt auf seine ureigene Weise. Litt unter den Widrigkeiten zerfallender Moral, zerschellender Menschenrechte, unter Willkür, Bosheit sowie den alles zerstörenden Ratten der Gesellschaft, die dank Parteiabzeichens das Sagen erhielten und Deutschland marodierend zerpflügten. In diesem eher schmalen Band beleuchtet der Autor das Schicksal einer schreibenden, elitären Gruppe von Individuen, die infolge ebendieser wirren Verwerfungen in Ostende gemeinsam dem langsamen Untergang engegentaumeln. Die Bücher sind verboten, die pure Existenz bedroht. Alles steht auf der Kippe: Reputation, Einkommen, Selbstachtung, Weltanschauung, Würde. Man redet, lacht, liebt, trinkt, nein säuft, um die Realität ertragen zu können, bedient sich aller Verdrängungsmechanismen, derer vom Untergang Bedrohte habhaft werden können, um den klaffenden Abgrund zu vernebeln. Verzweifelt sucht man nach dem Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit, was gerade deshalb so ungemein bedrückend und bleiern schwer ist, wenn man weiß, dass es ihn in der Realität nicht gibt.

Volker Weidmann gelingt es, dieses vielleicht schlimmste aller menschlichen Gräuel atmosphärisch so dicht zu zeichnen, dass es den Leser mit ungeahnter Wucht zu packen, zu fesseln vermag. Hierbei zeichnet weniger die durchaus als etwas voyeuristisch angelegte Sicht auf bekannte Schriftsteller jener Tage, sondern die Fokussierung auf Individualschicksale verantwortlich, die dem Grauen Gesichter verleiht und sie somit aus der grauen Masse reißt, ihnen Namen, Identität, Geschichte verleiht. Die Wucht der Konfrontation mit dem absehbaren Scheitern intelligenter Persönlichkeiten, die Tragik des sich deutlich abzeichnenden sukzessiven Untergangs kann niemanden unberührt lassen.

Insofern ragt "Ostende" aus der Flut der Neuerscheinungen hervor. Ein beklemmendes, bedrückendes, ein lesenswertes Buch, das gerade infolge seines Realitätsbezugs ungemein zu berühren und zu fesseln vermag.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Literatur verliert ihre Unschuld, 29. April 2014
Von 
Carl-heinrich Bock "Literatur- und Kinofan" (Bad Nenndorf) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft (Gebundene Ausgabe)
Volker Weidemann ist Literaturredakteur und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. 2006 habe ich von dem Autor das Buch „Lichtjahre“ gelesen, eine glänzend, zum Teil amüsant aufbereitete Literaturgeschichte, die große Leselust aufkommen ließ. 2008 konnte ich spannend und aufschlussreich in dem Buch „"Das Buch der verbrannten Bücher" sachkundig und emphatisch über die Bücherverbrennung 1933 und die fast vollständig rekonstruierten Biografien von vierundneunzig in- und ausländischen Schriftstellern lesen. Gespannt war ich nun auf die Lektüre des im März 2014 erschienen Buches „Ostende“. Es ist mit seinen 160 Seiten ein schmales Buch, was spannend und aufschlussreich über Schriftstellerpersönlichkeiten auf der Flucht, im Exil und ihre Eigenart im "Sommer der Freundschaft“ 1936 in Ostende erzählt. Es könnte in diesem belgischen Seebad ein Urlaub am Meer unter Freunden sein, in einer Zeit wo bereits ihre Bücher verboten waren, die politische Situation sich täglich verschlechternd zuspitze und der Zweite Weltkrieg drohend am Horizont aufzog,

Da lesen wir von dem schwerreichen Stefan Zweig der mit Schreibmaschine und seiner Geliebten Lotte angereist war und dort seinen trinkfesten Alkoholiker Joseph Roth begrüßen konnte. Roth verliebt sich hier in Ostende in die emigrierte Schriftstellerin Irmgard Keun. Die hier versammelten Dichter auf der Flucht reflektieren darüber, ob sie noch einmal nach Deutschland zurückkehren können oder ob sie ihre Heimat endgültig verloren haben. Hitler ist an der Macht, ihre Bücher sind verboten, sie können nicht mehr ganz unbeschwert diesen Sommer der Freundschaft an einer sonnenverwöhnten Küste bei Meer und Getränken genießen. Die Perspektiven verkleinern sich, die ersten Suizide finden statt, Auswanderungen nach Mexiko und Brasilien folgen.

Stefan Ernst Toller, Freund von Joseph Roth, erhängt sich 1939 in New York. Joseph Roth geht nach Paris, leidet immer mehr unter dem Alkoholismus und stirbt völlig verarmt 1939 an Lungenentzündung. Irmgard Keun geht 1940 nach Deutschland zurück, lebt bis 1945 in der Illegalität, verarmt und leidet unter Alkoholismus. Stefan Zweig wandert nach Brasilien aus und nimmt sich nach Einnahme von Gift 1942 das Leben.

In diesem letzten Sommer von dem Volker Weidemann so spannend und aufschlussreich berichtet hätte man aus seinem Leben noch etwas machen können, das allerdings verhinderten die Nationalsozialisten die vier Jahre später dieses Ostende besetzten und es 1944 durch Luftangriffe fast vollständig zerstörten.

Volker Weidemann ist spätestens mit diesem emphatisch recherchierten, sehr bewegenden Buch das in einem sehr klaren Ton und in einer erzählerischen vielgestaltigen Leidenschaft eine berührende Geschichte erzählt, unter die Schriftsteller gegangen. In der Erzählkonstruktion erinnert das Buch etwas an dem Roman 1913 "Der Sommer des Jahrhunderts" von Illies, der die Geschichte von einem Sommer erzählte wo noch alles möglich war. "Ostende", einfach großartig und unbedingt lesenwert.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Buch als DenkMal! für Exil-Schriftsteller., 7. April 2014
Von 
Happyx - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 50 REZENSENT)   
Was erleben Menschen bzw. Schriftsteller im Exil? Haben wir alle je daran gedacht, Personen, die Deutschland verlassen mussten, ein Denkmal, eine Erinnerungsstätte zu bauen? Meines Wissens gibt es keine.

Aber es gibt jetzt für einige davon dieses Buch, das in hervorragender Weise und bestens recherchiert einige Schriftsteller wie Stefan Zweig, Josef Roth, Irmgard Keun, Egon Erwin Kisch, Hermann Kesten zusammenführt und ihre gemeinsamen Diskussionen, Freundschaften, Leiden und Diskussionen im Sommer 1936 wieder lebendig werden lässt.

Wenn man "Die Welt von gestern" von Stefan Zweig oder "Meine Freunde, die Poeten" (H. Kesten) kennt, liest man auf, wo viele Inhalte herkommen - und doch ist es weit mehr, man nähert sich Stefan Zweig und seiner zweiten Frau auf bislang nicht gekannte Weise, geradezu psychoanalytisch werden Tatsachen erhellt, ganz so, wie das Stefan Zweig geschrieben hätte.

Niemand wird geschont und besonders in Erinnerung bleibt mir die Aussage von Joseph Roth, als Irmgard Keun, seine damalige Geliebte, ihn fragt, wie sie sich denn von ihrem deutschen Mann, einem Nazi, scheiden lassen könnte. Nichts würde funktionieren. Aber der Geschichtenerzähler Roth hatte sofort die (funktionierende Lösung):
sag ihm einfach du schläfst hier mit Juden und Afrikanern."

Kleinste Kleinigkeiten kommen ans Licht und irgendwie sitzt man in Ostende mit in den Cafés und am Strand, in den Hotels und Häusern der Exil-Schriftsteller und Journalisten. Auf Seite 9 eine meiner Lieblingsaussagen, von Verhaeren, durch Stefan Zweig ins Deutsche übersetzt:

"Wenn wir einander unentwegt Bewunderung zollen
Aus unserer Herzen tiefster Glut und Gläubigkeit,
So werdet ihr, die Denker, Dichter, ihr, die Meister,
Die neue Formel finden für die neue Zeit."

Stefan Zweig unterstützte den müde werdenden Joseph Roth auch in Ostende, klaglos und mit dem Dank, dass über ihn gespottet wurde. "Wenn Roth über Zweig spottet, dann aus Selbstverteidigung, aus dem Bemühen heraus, seine Selbstachtung nicht zu verlieren, auch nicht hier, im neuen Anzug, bezahlt vom Geld des Freundes." Roths Gedanken über Geld fließen ein in seine Erzählung " Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht." Dieses Buch schreibt er zusammen mit den Optimierungen, Anregungen von Stefan Zweig und schickt es aus Ostende an seinen Verleger Walter Landauer.

Das Buch schildert die jeweiligen LebEnden und den erneuten Versuch von Joseph Roth, 1937 nochmals in Ostende zu sein, sie alle zu treffen. Aber schon zu müde ist er, verbraucht von einem rastlosen Leben, während alles um sie herum zerbricht und in alle Winde zerstreut wird. Eine letzte Hoffnung und Freude für Zweig in Brasilien, unvergleichlich die Art wie sich Volker Weidemann ihm nähert, uns geradezu beim Entstehen der Werke zusehen lässt, vor allem dies kann ich immer wieder lesen, aus dem Essay "Das Buch als Eingang zur Welt: "Und ich verstand, dass die Gabe oder die Gnade, weiträumig zu denken und in vielen Verbindungen, dass diese herrliche und einzig richtige Art, gleichsam von vielen Flächen her die Welt anzuschauen, nur dem zuteil wird, der über seine eigene Erfahrung hinaus die in den Büchern aufbewahrte aus vielen Ländern, Menschen und Zeiten einmal in sich aufgenommen hat, und war erschüttert, wie eng jeder die Welt empfinden muss, der sich dem Buch versagt." Stefan Zweig ist ein Mann, der Menschen lesen kann wie Bücher, schreibt Weidermann. Wie wahr, und der sogar anderen beim Bücher schreiben geholfen hat.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schriftstellerleben im Jahre 1936..., 5. April 2014
Von 
A. Zanker (CH) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft (Gebundene Ausgabe)
Obwohl ich eigentlich weder Joseph Roth noch Stefan Zweig (wenn man einmal von der Schachnovelle absieht) gross kannte, so wirft dieses Buch doch einen Blick, auf die beiden Schriftsteller und damalige Schriftstellerkollegen, sowie auf die damalige Zeit, und lässt ein wenig ahnen, wie schwierig im Grunde das Leben unter dem Druck der Nazis für Schriftsteller immer mehr wurde und sie ins Exil zwang. Bücher wurden verbrannt und verboten, Ostende in Belgien am Meer, wird Zufluchtsort für viele Gestrandete, darunter etwa Irmgard Keun, Hermann Kesten, Arthur Koestler, Egon Erwin Kisch, Ernst Toller, Otto Katz, Willi Münzenberg, Kurt Wolff oder etwa die Schauspielerin Christiane Grautoff, nur um ein paar Namen zu nennen. Ostende wird Zufluchts- und Hoffnungsort, dem Leid, dem Druck ja der Katastrophe irgendwie zu entrinnen. Doch neben dem existenziellen Druck, dem sich die meisten ausgesetzt sahen, kamen auch Trennungen von Ehepartnern etwa zum Tragen und neue Beziehungen, die sich gerade bildeten. Weidermann stellt die etwas undurchschaubare Freundschaft Zweig-Roth ins Zentrum seines Buches, drum herum gestaltet all das, was diese Schriftsteller-Kollegen beschäftigt und leiden lässt. Roth der etwa an Geldmangel und Alkoholabhängigkeit leidet, oder eben z.B. eine Irmgard Keun, die sich durch ihr Bücherverbot in Deutschland trotz Protest und Einsprache, durch den Verlust ihrer dadurch bedingten Nichteinnahmen einer Existenz-Bedrohung, wie viele andere auch konfrontiert sieht. Jedes Verbot eines weiteren Drucks von Büchern, entzog den Schriftstellern ihre Existenzgrundlagen, die von den Nazis aus, in Deutschland immer bedrohender und konsequenter wurden.

Obwohl es oberflächlich gesehen eine schöne Urlaubsidylle ist, in der sich jene Künstlergruppierung durch die damalige Schicksalsentwicklung zusammen findet, so ist doch gleichzeitig der zunehmende Druck, das nahende Untergehen von allen spürbar und immer schwerer auszuhalten. Wird einem doch bei dieser Lektüre bewusst, unter welch immenser Belastung die Gruppe damals zusammenfand, um irgendwie überleben zu können. Doch gestaltet sich die Freundschaft Zweig-Roth zunehmend schwieriger, bis beide getrennte Wege gehen, auch wenn Zweig seinen Schriftstellerfreund noch eine Zeit lang mit Geld unterstützt, den Roth verliert immer mehr Boden unter den Füssen, verliert Möglichkeiten seine Bücher wenigstens in Amerika abzusetzen und wirkt gegen Ende immer mehr als Klette, die immer weniger lebensfähig ist. So erleben wir also , was sich in etwa in jenem Sommer, in jenem Ostende so alles zugetragen hat, und wie die dortige Zeit erlebt, genossen, getrunken, gearbeitet oder eben auch erlitten wurde. Dadurch erfahren wir so etwas wie lauter kleine Porträts, die neugierig machen, man bekommt Lust vielleicht einmal etwas von Irmgard Keun zu lesen, oder anderen die hier vorkommen. Doch der eigentlich Höhepunkt ist derjenige, wenn Volker Wiedermann im Zeitrafferverfahren, all jene Leben und deren Ausgänge schildert, von Menschen die wir vorher nur in jenem Urlaubs- und Badeort kennenlernten. Es ist spannend geschrieben, wo sich so manche Biographie hinbewegt hat, wer wie lange gelebt hat, oder wer sich auch suizidiert hat. Das hat auch eine traurige und deprimierende Note, macht es einfach einmal mehr deutlich, welch schwere Zeit all diese Menschen damals erlebt haben, obwohl sie eigentlich an einem traumhaften Ort für eine gewisse Zeit lebten, trügt es doch nicht an dem vorbei, welchem tragischen Schicksal viele damals einfach auch ausgesetzt waren. Zwischendurch habe ich es zwar kurzfristig ein wenig trocken erlebt zu lesen, und trotzdem hat Volker Weidermann das klasse gemacht.

Im Grunde ist es eine Schilderung jener Tragik, denen sich die damaligen Schriftsteller nicht oder nur in gewisser Weise entziehen konnten. Und dass ein Stefan Zweig sich im Jahre 1942 suizidiert hat, zeigt auch, dass selbst genügend materielle Einkünfte für einen bestärkten Lebenswillen nicht ausreichten, und wie sehr die Macht der Nationalsozialisten das Leben vieler Menschen, nicht nur von Schriftstellern, essentiell bedrohten, ja (innerlich) zerstörten. Volker Wiedermann will genau davon erzählen, und das ist gut so, denn es ist auch ein Stück Zeitgeschichte, das er uns da vor Augen führt, das berührt und betroffen, ja auch traurig macht. Natürlich ist es eine Mischung zwischen Roman und Sachbuch. Wie sehr jedoch sich der Autor an die Tatsachen gehalten hat, dürften wohl nur eingefleischte Literaturkenner, Stefan Zweig-oder Joseph Roth-Kenner, der damaligen Zeit beurteilen können.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Beeindruckend, 18. Juni 2014
Von 
HeikeM - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft (Gebundene Ausgabe)
Im belgischen Küstenort Ostende treffen sich im Sommer 1936 Stefan Zweig und Joseph Roth, um dort gemeinsam die Ferien zu verbringen. Ich kenne die Biografien der beiden Literaten und habe immer wieder Probleme, mir diese beiden völlig unterschiedlichen Männer als Freunde vorzustellen. Joseph Roth zähle ich zu meinen Lieblingsautoren und auch Stefan Zweigs Werk schätze ich sehr. Die Runde wird durch Irmgard Keun, Hermann Kersten, Ernst oller und Egon Erwin Kisch komplettiert. Sie sind Emigranten, weil sie – bis auf Irmgard Keun – Juden sind, weil ihre Bücher in Deutschland nicht mehr verlegt werden. So nah sie sich im Geiste sind, so sehr unterscheiden sie sich in ihrem Leben. Ost-Jude, West-Jude, Nicht-Jude, armer Jude, reicher Jude, Trinker und Pazifist, Liebende, Lebende, Verzweifelte sind sie. Und sie sind Freunde, wenn auch diese Freundschaft, insbesondere die zwischen Zweig und Roth, argen Belastungsproben ausgesetzt ist.

Diesen Roman habe ich sehr genossen. Ich fühlte mich Roth, Zweig und den anderen so nah, wie ich es durch das bloße Lesen ihrer Biografien nie war. Beeindruckend dabei ist, das Volker Weidermann mir dieses Leseerlebnis auf nur 160 Seiten bescherte. Es gibt keine überflüssigen Worte oder Dialoge und schon gar keine Längen. Die Urlaubsidylle ist jedoch nur scheinbar. Das wird sehr deutlich, wenn man von jedem der Protagonisten mehr Hintergrundinformationen erhält. Dieser Rückzugsort ist wie ein Mantel des Schweigens, der ihre eigentlichen Sehnsüchte verhüllt. Sein besonderes Flair hat Ostende nur durch die Gemeinschaft.

Für mich war es sehr interessant, ein wenig an den Gedanken und Gefühlen dieser literarischen Gemeinschaft teilhaben zu können. Ich habe ihre Hoffnungen, Wünsche, Abgründe und ganz persönliche Tragik erkennen können. Darüber hinaus bekam ich so ganz nebenbei einen kleinen Einblick in die Werke der Autoren und „Meine Freunde, die Poeten“ von Hermann Kersten ist sofort auf meinen Wunschzettel gewandert, weil es diesen Roman, den ich sehr gern weiterempfehle, noch einmal vertieft.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Berührendes Buch, 8. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft (Gebundene Ausgabe)
Wunderbares Buch, hat mich sehr berührt; insbesondere die subtilen Feinheiten der Freundschaft zwischen Roth und Zweig sind sehr gut beobachtet
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Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft
Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft von Volker Weidermann (Gebundene Ausgabe - 8. März 2014)
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