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am 15. Dezember 2013
Uwe Timms neuer Roman handelt von der Liebe, genauer von der Unzivilisierbarkeit des Begehrens, von der Unerklärbarkeit der Anziehungskraft, und von der Gier, die immer noch mehr will als das, was schon zur Genüge vorhanden ist.

Christian Eschenbach, erfolgreicher Inhaber einer Softwarefirma, verliebt sich, obwohl in einer harmonischen Beziehung mit der Silberschmiedin Selma, in die Kunstlehrerin Anna, die - nach eigener Einschätzung glücklich - mit dem Architekten Ewald verheiratet ist. Sein Hingezogensein zu Anna führt zunächst zu einer Freundschaft der beiden Paare, bis sich das Begehren als unbezähmbar erweist: Drei Monate lang führen Anna und Eschenbach eine heimliche Liebesbeziehung mit all den Verrücktheiten, dem Leichtsinn und der Egozentrik frisch Verliebter, bis Anna den Betrug nicht mehr aushält, der ihrem Glauben an die Ehe als Ewigkeitsinstitution widerspricht. Sie bricht aus und bringt dadurch das ganze Konstrukt der Viererfreundschaft und Paare zum Einsturz.

Zeitgleich wirken sich eine Reihe von Fehlentscheidung in Eschenbachs Firma aus und führen zum Bankrott. Jahre später, in der Einsamkeit einer Insel in der Elbmündung als Vogelwart tätig, versucht Eschenbach, sein umfassendes Scheitern zu verarbeiten. Er hat begonnen, die Protokolle von Interviews zu verarbeiten, die er im Auftrag der ziemlich boshaft porträtierten Umfrage-Päpstin Noelle-Neumann geführt hat: Es ging dabei darum, die Parameter des Begehrens zu bestimmen, um damit die Algorithmen für das Partnermatching bei einer leicht erkennbaren Partnerbörse für die gehobene Klientel zu optimieren. Die Geschichten der Interviews beschwören den unberechenbaren Zauber des wortlosen Kennenlernens, jenseits von Sprache, das beim Partnerbörsen-Dating gewinnbringend eliminiert wird. Eschenbachs Tochter, die Bankerin Sabrina mit ihrem neuen Freund dient hierbei als Folie für die neue Generation Internet. Timm reiht sich damit in die Reihen derer ein, die die Seelenlosigkeit des Internets beklagen. Dazu passt der beziehungsreiche Titel des Buches, das auf den mittelalterlichen Minnesänger Walther von der Vogelweide verweist.

Das Buch hat mich weder begeistert noch enttäuscht; ich fand es ein bisschen blutlos. Stellenweise sprachlich prätentiös, vor allem in der durchweg ungekennzeichneten wörtlichen Rede. Am überzeugendsten, fast kabaretthaft, die Zeichnung des Bildungs- und Wohlstandsbürgertums, das den Konsum kritisiert, während es den Burgunder vom persönlich bekannten Winzer konsumiert. Hübsch ironisch auch Selma, die sich auf die Anfertigung "antiker" Hopi-Armbänder spezialisiert hat und damit den Nerv spirituell bedürftiger Erfolgsmenschen trifft. Annas Ehegläubigkeit war mir zu altbacken; Noelle-Neumann zu mephistophelisch; weitere Promi-Anspielungen überflüssig; Eschenbach als ungläubiger Theologe, der Software-Millionär wird und in der knappen Freizeit Homer im Original liest, zu konstruiert; und dann wird man auch noch mit Luhmann, Derrida und Luther traktiert ...

Direkt zu Beginn des Romans wird Annas Besuch auf der Insel nach 6 Jahren Kontaktstille angekündigt; kurz vor dem Ende kommt sie an. Dazwischen rollt Eschenbach in Rückblenden seine/ihre Geschichte auf. Ich habe ihrem Treffen mit nicht mehr als mildem Interesse entgegen gesehen. "Vogelweide" bietet ein wohltemperiertes Leseerlebnis - der ganze Diskurs zum so zentralmenschlichen, lebenserschütternden Thema Begehren blieb für mich jedoch akademisch und erreichte nicht das Gefühl.
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am 5. Oktober 2013
Im neuen Roman von Uwe Timm geht es vordergründig um das, was wiederum Martin Walser in seinem neuen Roman (einmal mehr) als "das seriöseste und zugleich lächerlichste Leiden überhaupt: die Liebe" bezeichnet. Bei Timm geht es um mehr: Um die Liebe, die Treue und das Begehren.

"Ehe war für Anna, so sagte sie, etwas Einmaliges, Verbindliches, ein Gesetz, eine Vereinigung fürs Leben, die man nicht einfach aussetzen und dann wiederholen kann."

Das Versprechen "bis dass der Tod Euch scheidet", wird in Zeiten, in den Menschen doppelt so alt werden als zu den Zeiten der Entstehung dieser religiösen Formel, als nicht mehr zeitgemäß empfunden:

"Weil die Beziehungen gar nicht mehr so auf Dauer angelegt sind. Sie sind - man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen - transitorisch geworden".

In Zeiten also, in denen man vornehm von "serieller Monogamie" spricht, scheint die Institution der Ehe verbunden mit lebenslanger Treue zunehmend in Frage gestellt:

"Ich war zweimal verheiratet, glücklich. Ich nur einmal, sagte er. Und glücklich? Vielleicht drei Jahre. Dann kannten wir uns. Kann man dann noch glücklich sein?"

Gleichwohl gibt es das Verlangen nach Ordnung, Stabilität und Verlässlichkeit für den anderen:

"Es soll nicht sein, dass immer wieder ein anderer, eine andere kommen kann, die, und sei es nur für einen Augenblick, Begierde auslösen und damit Beliebigkeit schaffen. (...) Immer den noch besseren Partner suchen. Das beste Angebot." (...) "Es ist doch etwas Trauriges, wenn eine Ehe ihre Unschuld verliert."

Was also tun, wenn man sich auf nichts mehr verlassen kann, nicht auf Gott und nicht auf die Welt - wenn der Mensch also wie Jonas verzweifelt, was dann? "Es muss in dieser heillosen Welt etwas Heiliges geben."

Dies alles geschieht bei Timm vor dem Hintergrund eines klischeehaften bürgerlichen Lebens von saturierten, in ihren Lofts wohnenden Figuren mit teuren Wohnungseinrichtungen, Leidenschaften für Oldtimer, alten Whisky, Rinderherz mit Pflaumen, Galeriebesuchen, Tessiner Veltliner und gutem Rotwein, den man erst atmen" lässt, bevor man ihn trinkt, wo man en passant Schmuckstücke oder Bilder für ein paar tausend Euro kauft - "Seladon-Vasen, seine Zeichnungen von Dix und Grosz, von Heckel, Kirchner, Schmidt-Rottluff, die Originalfotographien von Cartier-Bresson, von Lee Miller, Margret Bourke-White".

Das Buch erinnert mithin ein wenig an die snobistischen Allüren in Martin Suters Life-Style Romanen, doch eine satirische Distanz zu solchem Leben vermag der Leser nicht zu entdecken.

Nachdem er Firma, Freundin und Geliebte verloren hat und fortan einsam als Vogelwart auf der ansonsten für Besucher gesperrten Vogelinsel Scharhörn gelandet ist, erinnert Protagonist Christian Eschenbach sich in Rückblenden der sechs Jahre zuvor. Anlass für seine Rückschau ist ein Anruf von seiner einstigen amour fou Anna, die den Eremiten auf seiner Vogelinsel besuchen will. Bis sie es aufs Eiland schafft, vergehen 285 lange Seiten. Überhaupt erschlägt das Buch den Leser mit seinen überbordenden Details, Exkursen, Rückblenden und Versatzstücken - viel hilft nicht immer viel.

Die bei Goethe noch revolutionären "Wahlverwandtschaften" sind bei Timm zu einem saturierten Partnertausch zwischen Ewald, Anne, Selma und Eschenbach geriert, bei dem man ganz intellektuell auch über das "Begehren" deliberiert:

"Wünsche, die sich allen Vorsätzen und moralischen Vorstellungen widersetzen und alle angeführten Gründe sind ganz hilflose Versuche, den Wunsch-Reaktor zu verstehen: Es ist der Hunger und der Durst des Körpers nach dem Körper. Nicht auf einen beliebigen, sondern auf den einen ..."

Andererseits erkennt Eschenbach, Begehren, "das ist doch alles und es ist nichts. Eine graue Katze in der Nacht." Vieles bleibt im Roman auf der Ebene der Anspielung und Beliebigkeit - angefangen beim Titel und dem Namen des Protagonisten (Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach sind die beiden bekanntesten Minnesänger deutscher Sprache) oder der immer wieder aufgenommen Geschichte vom Jonas und dem Wal, mit der die Frage von Schuld und Vergebung angerissen wird: "Welche Schuld?, hatte er nochmal gefragt. Das Versprechen, das ich gebrochen habe."

Eine ménage à quatre wird kurz angedacht, man lebt schließlich in modernen Zeiten:
"Vielleich ist unser Denken einfach zu stark von Erziehung, Finanzamt und Kirche bestimmt, von der Vorstellung der Ehe als Institution der Ausschließlichkeit (...) Anna lehnte strikt ab."

Beschäftigte sich Uwe Timm einst mit dem Einfluss der äußeren Welt auf den Menschen, großen gesellschaftlichen Themen in persönlichen Geschichten, geht es in "Vogelweide" um Innerlichkeiten - der Mensch dreht sich um sich selbst: "Was war an uns, was ist dir aufgefallen, fragte er später". Das führt dann zu schriftstellerischen Volten wie dieser:

Ich bin überzeugt, dass wir in unserer Seele einen besonderen Teil haben, der einem anderen vorbehalten ist. Dort sehen wir die Idee unserer anderen Hälfte, wir, die Unvollkommenen, suchen nach dem Vollkommenen im anderen. Äußerlich und seelisch. Lieben heißt, den anderen überbewerten."

Der Leser hält angesichts solcher Sätze verblüfft inne: Wähnt er sich doch spätestens ab der Mitte des Romans inhaltlich und sprachlich (unendliche Selbstgespräche und Kurzdialoge in direkter Rede) in einem der späten Romane Martin Walsers, dessen Lebensthema von jeher die Verkomplizierung von Paarbeziehungen war, und der dann noch mit Titeln wie "Ein springender Brunnen", "Ein liebender Mann" oder "Angstblüte" seinem Gesamtwerk altherrenerotische Spätwerke hinzufügte, ganz, als ob es im Alter, dem Tode, ach, so nahe, nicht drängendere, entscheidendere Themen gäbe - so nun also offenbar auch Uwe Timm: "Ja, in dir, denkt er, außer mir sein."

Es mag scheinen, als ob sich Uwe Timm in den liebestollen Korso alternder Schriftsteller eingereiht hätte, deren sich noch einmal aufbäumender Jugendlichkeitswahn sich gegen den nahenden Tod richtet.

"Die feinen Falten um die Augen, man sah, sie lachte leicht und oft. Und um den Mund zwei feine Linien, dazu eine kleine Vertiefung, dort wo die Lippen aufeinandertreffen. Etwas Wissendes, etwas , das Lust empfunden hatte und Lust geben konnte, zeichnete sich dort ab."

Immerhin wäre auch Timm damit in bester literarischer Gesellschaft: Auch Goethe hatte sich im nahezu gleichen Alter noch einmal zum Gespött der Weimarer Gesellschaft gemacht, als er der blutjungen Ulrike von Levetzow nachgereist und nachgestiegen war, wie Sigrid Damm es in ihrem entzückenden Buch über Goethes letzte Reise so trefflich beschrieben hat.

Doch vielleicht ist Uwe Timm mit seinen 73 Lebensjahren und 44 Ehejahren aber auch nur das, was in biblischen Texten gerne als "lebenssatt" beschrieben wird? Das wäre hinnehmbar. Aber das wäre nicht Uwe Timm. Ein zweiter Blick könnte also lohnen. Denn die wirklich guten Bücher dieser Welt erfordern minimal ein zweites Lesen. Vielleicht gibt es danach auch einen Stern mehr?
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TOP 1000 REZENSENTam 26. Oktober 2013
Eschenbach lebt auf einer kleinen Insel in der Nordsee als Vogelwart. Und immer wieder erinnert er sich, an seine Zeit mit Selma, an Elma und Anna, ein befreundetes Paar. Beide gehören zum gehobenen Bildungsbürgertum, ein bißchen Schickeria, ein bißchen auf intelligent machen und viel Geld.

Eschenbach hatte eine Softwarefirma, in der er - laut Timm - überflüssiges wegrationalisierte. Eine Aussage, so sinnfrei, wie ein Arzt, der "Krankheiten heilt". Dann fängt Eschenbach ein Verhältnis mit Anna an und geht pleite. Das Verhältnis, so klärt uns Timm auf, hat mit Begehren zu tun und über Begehren wird im Buch viel geredet - allerdings spüre ich nirgendwo Begehren, höchsten "Begehren light". So flach, wie die Figuren bleiben, sind sie für wirkliches Begehren wohl auch kaum geschaffen.

In einem Nebenplot hat eine alte Leiterin eines Umfrageinstituts (gemeint ist wohl Noelle Neumann) Eschenbach engagiert, um "Begehren" zu untersuchen. Allerdings agiert die Dame (und Eschenbach) so naiv, dass es fast schon unfreiwilliger Humor ist. Was ein derart flacher Strang in dem Roman zu suchen hat, weiß ich nicht.

Positiv ist anzumerken, dass Timm erzählen kann und deshalb bleibt das Buch trotz aller Untiefen lesbar und ich habe es zu Ende gelesen, was ich normalerweise bei solchen Büchern nicht tue. Timm beherrscht das Schreibhandwerk perfekt, schade, dass er das nicht mit einer besser Geschichte, mit lebendigern Figuren kombiniert hat.

Fazit: Gut geschriebenes Fast Food.

Hans Peter Roentgen
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am 27. Januar 2014
Das schönste am ganzen Roman ist der Titel. Uwe Timm, ein wirklich renommierter Schriftsteller hat sich einen Namen gemacht mit AM BEISPIEL MEINES BRUDERS und darf nicht vergessen werden. Mit dem vorliegenden Roman verfehlt er leider um Meilen seine Klasse und behandelt eine Geschichte mit zwei befreundeten Paaren auf banale Weise. Es ist die Geschichte von Begehren und Untreue und einem Scheitern , das dann doch wieder zu einem glücklichen Ende führt. Das sogenannte Scheitern eines Menschen, der Absturz von einem erfolgreichen Selfmmade Man zu einem ausgeglichenen Vogelwart wird leider in vielen Passagen von quälender Belanglosigkeit und vielen Wiederholungen beschrieben. Der Titel verheisst eine gewisse Poesie angesichts einer Vogelweide auf einer einsamen Nordseeinsel, doch weit gefehlt. Mit unsteten Rückblenden werden diese wenigen Momente immer wieder zerrissen und mit alltäglichen Ereignissen überfrachtet . Es gibt Bücher bei denen man immer hofft, dass es noch weitergeht, doch hier ist es genau umgekehrt. Erleichtert legt man das Buch aus der Hand und atmet tief durch, weil es doch noch geschafft wurde.
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am 30. September 2013
Der Roman hat mich von der Thematik her angesprochen. Insgesamt habe ich das Buch gerne gelesen - das einzige, was mich etwas gestört hat war, dass ich ca. 15 Wörter im Fremdwörterbuch nachschlagen musste, da sich der Autor hier einer sehr elaborierten Sprechweise bedient hat, die das Buch gar nicht nötig hatte.
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am 13. Oktober 2013
Ein Buch kann ein Thema beschreiben, das bereits oft beschrieben wurde. Der künstlerische Wert bemisst sich auch nach dem "Wie": Aber wer das, was in diesem Buch beschrieben wird, besser lesen will, greife zu dem Buch Couples von J. Updike oder lese den Sportreporter von Ford. Das Thema des Buches ist mir nicht stringent genug erzählt und wenn Reflektionen erfolgen, sollten diese eine Tiefe aufweisen, die einen zu mindest zum Nachdenken anregelt. Hier ist nichts. Zwei Paare lernen sich kennen. Mann1 und Frau2 verlieben sich. Mann1 ist liebestoll und verliert nicht nur Frau1 sondern auch noch sein Vermögen, er hat keine Lust mehr auf sein schnelles Leben als Computerfachmann und wird Eremit auf einer Vogelinsel. Die Figuren sind nicht warm gezeichnet, nicht faszinierend. Man fühlt sich wie bei einem Theaterstück, das von mittelmäßig begabten Schauspielern auf einer Bühne vorgetragen wird, eher werden muß, damit der Autor seine moralischen Reflektionen (Ehebruch kann das Ende von Allem sein: es gibt immer ein Potential nach unten, etc.) vorbringen lassen kann. Aber das ganze zündet nicht. Man lese Couples (Ehepaare) von Updike.
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am 4. Februar 2016
"Rot" und "Johannisnacht" gehören zu den Büchern, die mich sehr beeindruckt haben, so war ich auch auf "Vogelweide" sehr gespannt. Tja, und nun: Ich fand das Buch sehr irritierend... Wäre es nicht von Timm gewesen, hätte ich es wohl nach 100 Seiten weg gelegt und gedacht: was geht mich das eigentlich an, diese Welt der erfolgreichen Männer mit handgefertigten Lederschuhen und der schönen Frauen in ihren Seidenkleidchen?
Ist nicht meine Welt, soll's auch nicht werden und berührt mich auch nicht. Liebe.... ach, ich weiß nicht, das ist, glaube ich, doch etwas ganz anderes als dieses von Äußerlichkeiten geprägte Haben-Wollen.
Ja, die Sprache ist in weiten Teilen trotzdem schön und treffend, und in der Mitte, als alles zusammen bricht, kommt auch etwas Spannung auf, und da wird mir dieser einsame alternde Mann auch etwas sympathisch. Aber das reicht nicht für mehr als 2 Sterne.
Und es bleibt auch nichts zurück. Wenn ich dieses Buch nicht gelsen hätte, würde mir auch nichts fehlen!
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am 23. Januar 2014
Als ehemaliger 68er beschreibt Uwe Timm in seinem neuen Roman ein Milieu von saturierten Wohlstandsbürgern, dem damals, wie wir heute wissen allerdings vergeblich, heftige Proteste und Demonstrationen galten, bei denen schließlich sein Freund Benno Ohnesorg erschossen wurde. Vor einem bourgeoisen Hintergrund also entwickelt sich eine Amour fou, und den «Wahlverwandtschaften» vergleichbar lieben sich schließlich zwei Paare «über Kreuz». Mit dem von Goethes Romantitel adaptierten Begriff der Triebkraft einer chemischen Reaktion wird sehr treffend das Zwanghafte bei der Leidenschaft verdeutlicht, die ja nicht selten, so auch hier, im Chaos endet. Eine Ménage-à-quatre nämlich wollen die Protagonisten nicht eingehen.

Erzählt wird in diesem Roman die Geschichte von Christian Eschenbach, einem einst erfolgreichen Software-Unternehmer, der sich nach seinem Konkurs mit Gelegenheitsjobs durchschlägt und auf der unbewohnten Nordseeinsel Scharhörn als Vogelwart lebt. Er erwartet seine ehemalige Geliebte Anna, die ihn nach sechs Jahren erstmals wieder treffen will, kurzfristig ihren Besuch auf der Insel angekündigt hat. In breit angelegten, fast das ganze Buch füllenden Rückblenden erzählt der Autor von der Leidenschaft zwischen dem mit der Silberschmiedin Selma liierten Unternehmer Christian, der von Ehefrau und erwachsener Tochter getrennt lebt, und Anna, einer Lehrerin für Latein und Kunst, die mit dem erfolgreichen Architekten Ewald glücklich verheiratet ist. Anna hält dem psychischen Druck des Seitensprungs nicht lange stand, fühlt sich zutiefst im Unrecht, schließlich macht sie endgültig Schluss mit Christian, beichtet ihrem Mann die Liaison und verlässt ihn, zieht mit den Kindern zu ihrem Bruder in die USA. Die beiden betrogenen Opfer der verhängnisvollen Amour fou finden glücklich zueinander, Selma bekommt sogar noch ein, schon lange ersehntes, Kind von Ewald. Ganz am Ende des Romans nun kommt es endlich zu dem Zusammentreffen des einst in seine Leidenschaft schicksalhaft verstrickten Paares. Beide sind inzwischen ziemlich illusionslos geworden, und auch wenn sie noch ein letztes Mal zusammen im Bett landen, bleibt ihnen letztendlich nicht viel mehr als eine nachträgliche Aufarbeitung ihrer einst so abrupten Trennung, es gibt keine gemeinsame Perspektive für sie

Uwe Timms Roman steckt voller Anspielungen, beginnend schon beim Titel, der sich auf den Minnesänger gleichen Namens bezieht, und die Hauptfigur hat ihren Namen von dessen Zeitgenossen Wolfram von Eschenbach, beide sind ja Gestalten in Wagners Liebesoper Tannhäuser. Eine «Norne» genannte Meinungsforscherin ist unschwer als Elisabeth Noelle-Neumann zu identifizieren, der vom Wal verschluckte biblische Prophet Jonas ist Namensgeber für Annas Kind, das sie bald nach ihrer Übersiedlung in den USA bekommt. Dies und Dutzende weitere Bezüge überfrachten die Geschichte regelrecht.

Der Konflikt zwischen Begierde und Vernunft wird in ausgedehnten philosophischen Meditationen des einsamen Helden auf der Insel vor dem Leser ausgebreitet, ruhig und gelassen erzählt, allerdings völlig altmodisch anmutend, geradezu der Zeit entrückt in seiner rigiden Ehemoral. Anders als bei «Effi Briest» gibt es hier wenigsten kein Duell mehr. Die weibliche Sehnsuchtsfigur Anna bleibt ungewöhnlich blass, Begehren und Leidenschaft, gar Liebeswahnsinn wird nicht glaubhaft vermittelt bei diesem seltsam coolen Paar. Wer «Die Entdeckung der Currywurst» gelesen hat von Uwe Timm mit wahrlich mitreißendem Plot, der dürfte hier ziemlich enttäuscht sein. Nur der kauzige englische Freund am Telefon war mir da zuweilen ein Lichtblick mit seinen erstaunlichen Reflexionen, und dann gibt es ja auch noch die zweite Erzählebene, die Vogelinsel mit ihrem einsamen Bewohner und ihrer Natur. Da erfährt man dann unter anderem vom unterschiedlichen Liebesleben der Vögel, von denen sich, wenn wundert's, die Spatzen als besonders promiskuitiv und schamlos erweisen.
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am 23. Dezember 2013
Es ist eine bekannte Geschichte:
Zwei befreundete Paare leben glücklich in ihrer jeweiligen Beziehung. – Anna mit Ewald und Eschenbach mit Selma. Aber mit zunehmender Nähe kommt das Begehren.
Eschenbach, Mitte fünfzig, studierter Theologe und Unternehmer einer Software-Firma ist mit der Kunstschmiedin Selma liiert, begehrt aber die Kunstlehrerin Anna, die Frau des Architekten Ewald.
Anna: „Beide haben wir Glück - lieben unsere Partner. Warum also das? Es gibt keinen Mangel an Liebe.“
Wie im Rausch treffen sich die Verliebten drei Monate lang in Bars und Hotels, in Eschenbachs Wohnung oder zu Hause im Ehebett.
Ein Gebäude aus Lügen und Verschweigen entsteht.
Es werden Arztbesuche vorgetäuscht, Schüler während des Unterrichts allein gelassen.
Dann das überraschende Ende der intimen Beziehung.
Anna hat ihrem Mann plötzlich und unerwartet alles offenbart.
Warum?
Uwe Timm, ein routinierter Erzähler von Liebe, Lust, Macht und Begehren, lässt den Leser betroffen aber unaufgeklärt zurück.

Dafür gefällt er sich in vielfältigen Anspielungen auf Literatur, Bildende Kunst und Musik.
Das beginnt mit dem Titel „Vogelweide“, der nicht nur auf Eschenbachs Aufenthalt auf einer unbewohnten Nordseeinsel verweist, auf der er nach dem Aus seiner Firma als Vogelwart lebt und arbeitet, , sondern auch auf den Minnesänger, der im Mittelalter von erfüllte Liebe sang – und endet mit Anspielungen auf Gestalten aus Wagners Oper „Tannhäuser.

Anlass für Eschenbachs Sinnieren über ein verfehltes Leben und Lieben ist der Anruf Annas, Jahre nach der Trennung, die ihn in seiner Einsamkeit besuchen will- was nur bei Ebbe und mit einer Pferdekutsche möglich ist.

Uwe Timm und sein Held Eschenach referieren dabei selbstgerecht über seelenlosen Kontaktbörsen im Internet, eine Meinungsforscherin, die das Wesen der Liebe mit Statistik ergründen möchte,
einen Liebhaber, der Überlebenstraining in der Schorfheide anbietet,
deutsche Stararchitekten, die Wohnsiedlungen in China bauen oder über Annas Karriere als Galeristin in Amerika.

Aber die eigentliche Geschichte über Intimität und Verlangen bleibt blutleer und lässt den Leser etwas ratlos zurück.

Die Hörbuchfassung in der engagierten Lesung des Schauspielers Burghart Klaußner ("Das weiße Band") ist zumindest unterhaltsam.
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am 18. Juni 2014
Der Plot ist interessant, doch die vier Protaginisten fragen wenig und die Dialoge reflektieren nicht, sondern führen sogleich ins Aus. Für die Handlung unwichtige Nebendetails der Beschreibung von Wein und Essen, von Kleidung und Wohnung füllen die über 300 Seiten und als eine der wichtigsten Fragen im Buch gestellt wird "Warum lieben wir uns eigentlich nicht zu viert?" kommt die lakonische Antwort "Anna wollte nicht". Thema durch. Wir (waren zu Siebt beim Lesen und) haben uns gefragt: Warum so klasse Themen und ein so flacher Umgang damit?
Man hätte was aus dem Roman machen können: Insel, Verlust, Begehren, Altern, Betrug, Scheitern, alles interessante Bereiche, die leider nicht ansatzweise ausgelotet werden. Man könnte dem Autor auch seine nervenden, weil ständig wiederholten sprachlichen Manierismen verzeihen, wäre Substanz vorhanden. So aber bestärken sie den Eindruck eines schnell hingeworfenen Romans ohne Lektorat, der aufgrund von Autorenname und Marketing sowieso ein Bestseller wird. Wirtschaft vor Anspruch.
Herausgekommen ist ein fades, lauwarmes Anekdotensammelsurium, das einen Planschbecken gleicht. Es hätte ein Bergsee werden können. Schade um die Zeit. Wir alle werden dieses Buch niemandem weiterschenken.
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