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Kundenrezensionen

13
3,8 von 5 Sternen
London NW: Roman
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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 30. Januar 2014
Der Nordwesten Londons ist Problemgebiet. Sozialstadt. Ein hartes Pflaster.
Ein Ort, an dem man ungern auf Dauer lebt. Ein Ort aber auch, der einen im Äußeren nur schwer loslässt und, wie sich zeigen wird, dem man im Inneren nicht entfliehen werden kann.

Auch wenn Natalie Anwältin geworden ist und mit Frank, ihrem Mann, in deutlich besserer Gegend lebt. Auch wenn sie sich ein anderes Umfeld geschaffen hat, ihre Wurzeln, ihre alte Schulfreundin Leah, das gehört immer noch dazu. Auch wenn Leah und Natalie sich eher in genervter Abneigung verbunden sind, voneinander los kommt man nicht.

Wobei Leah auch nicht vom Ort des Aufwachsens bis her losgekommen ist. Mit ihrem Mann Michel, Friseur, lebt sie immer noch in der Trabantenstadt Caldwell. Hat eine „höhere Ausbildung“, klar, hat einen strebsamen Mann, aber immer noch steckt man mitten drin.

„Wie kommt es eigentlich, dass alle von eurer Schule cracksüchtige Kriminelle geworden sind?“. So sieht Frank das, der „Angeheiratete“.

Während Michel auf ein Kind drängt, darauf, wegzukommen, stabiler zu werden, mehr Geld zu verdienen. Ein Wunsch, in dem Leah ihn scheinbar mit allem unterstützt. Aber im Inneren, da sehen manche Dinge doch ganz anders aus und das Drama wäre sehr, sehr groß, wenn Michel wüsste, was biologisch in seiner Frau so vorgegangen ist in den letzten Jahren.

All dies setzt Smith assoziativ, in fast ungeschliffener, oft abgehackter, oft fast nur in Stichworten agierender Weise unglaublich trefflich in Bild.
Hagere Körper, leere Augen, Kriminalität, Gewalt, Härte, eine Unfähigkeit, das eigene Leben zu reflektieren, ein Versuch nur, irgendwie den Kopf über Wasser zu halten.

Die alteingesessenen Leah, Natalie, Nathan und Felix (dessen erste Erwähnung im Buch zugleich aufzeigt, dass dort nur eine Welt ohne Spielregeln existiert), deren „neues“ Umfeld und die ständig gleichen Abläufe, Probleme, Härten des Alltags in Caldwell.

Eine Mischung, die stetig an innerer Spannung zunimmt, eine Entwicklung durch ein „Klopfen an der Haustür“ angestoßen, welche Smith mit Leidenschaft aufnimmt und in ihren dramatischen Wendungen mit ihrer überbordenden Sprache dem Leser nahe bringt.

Eine junge Frau klopft an Leahs Tür, murmelt nur von einer herzkranken Mutter, erbittet sich dreißig Pfund und stellt sich wenig später als bettelnde Betrügerin heraus.

Wie nun Leah versucht, ihr Geld wieder zu bekommen, wie sie mehr und mehr verzweifelt Regeln einfordert, nicht locker lässt und damit eine Welle von Gewalt, Härte, Bedrohung und Tod auf den Weg bringt, dass erzählt Smith sehr plastisch und eingängig und gibt damit einen Einblick in das „wirkliche“ Leben am sozialen Rand, in die Egozentrik des Menschen, in enttäuschte Hoffnungen, menschlichen Verrat, Selbsttäuschung und Kräfte eines „ Nicht mit Dir und nicht ohne Dich“, die emotional dicht die Personen begleiten.

Wobei die Sprache doch auf Dauer sehr gewöhnungsbedürftig ist, manchmal nicht klar ist, wer gerade spricht oder vor sich hin denkt und manche Wendungen der Geschichte auch überzogen wirken.

Als Kaleidoskop des Lebens „da unten“, als innere Schilderung des Mikrokosmos sozialer Probleme, die bis in die Sprache hinein auch durch teure Kostüme und „schöner Wohnen“ nicht einfach aus dem Leben verschwinden bildet das Buch aber eine atmosphärisch dichte, temporeiche und empfehlenswerte Lektüre.
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26 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Zadie Smith hat einen Roman über ihre Heimat geschrieben: den multikulturellen Nordwesten Londons, in dem die weniger Begüterten, die sozial Schwächeren wohnen.

Doch ein solches Milieu gibt‘s nicht nur in London, sondern in jeder größeren Stadt, und deshalb ist das Buch nicht nur für Leser interessant, die sich für die englische Hauptstadt interessieren.

Die 1975 geborene Autorin zieht ihre Geschichte an vier Hauptfiguren auf, die exemplarisch für die Menschen in solchen Vororten stehen können: Da ist die haltlose Leah, die sich ihrem dominanten Freund Michel unterordnet, der mittellose Junkie Nathan oder Felix, der einfach das Pech hat, an jugendliche Straßenräuber zu geraten. Allein Natalie scheint sich als erfolgreiche Anwältin aus dem sozialen Sumpf ihrer Kindheit befreit zu haben. Doch auch bei ihr gibt es eine dunkle Seite, wie sich im weiteren Fortgang des Textes zeigt.

„London NW“ bietet Licht und Schatten. Manchmal ist man den Figuren ganz nah, kann ihr Handeln gut nachvollziehen und fühlt sich unmittelbar in eine typische großstädtische Vorort-Atmosphäre versetzt. Doch dann gibt es auch die Passagen, in denen sich einem der Text auf merkwürdige Weise verweigert, seltsam sperrig wirkt. Dann fällt es schwer, die vielen (Neben-)Figuren und ihre oft verwirrenden Beziehungen untereinander aufzudröseln, beziehungsweise im Kopf immer parat zu haben. Auch werden solche Leser enttäuscht sein, die klassisch erzählte Geschichten mit Einleitung, Höhepunkt und Schluss mögen. Es geht bei diesem Roman eher um viele kleinere locker miteinander verwobene Episoden ohne Anfang und Ende, die nicht zu einem geschlossenen Ganzen führen.

Aber vielleicht ist es eben genau das, was jenes bestimmte Milieu, das Zadie Smith zeigen wollte, am ehesten veranschaulicht.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 14. August 2014
Der neue Roman von Zadie Smith spielt im Nordwesten Londons, kurz London NW, wie es postalisch bezeichnet wird. Dort wachsen Leah, Nathalie (die früher Keisha hieß), Felix und Nathan in einer sozial eher schwierigen Umgebung auf. Soziale Brennpunkte und halbwegs bürgerliche Gegenden liegen recht nah beieinander, die Bevölkerung ist bunt gemischt aus Menschen mit afrikanischen, Jamaikanischen, irischen, britischen, nordafrikanischen und weiteren internationalen Wurzeln. Der Schwerpunkt des Romans liegt jedoch nicht in der Problematik der Hautfarbe oder Rasse für die Lebensgestaltung der Protagonisten - sondern eher in der Bedeutung der Herkunft aus sozialer Sicht. Die Frage ist: Wie wirken sich das Bildungsniveau der Herkunftsfamilie, deren Wertvorstellungen, das Behütetsein oder die Vernachlässigung auf das zukünftige Leben aus.

Diese Frage beantwortet jeder der vier Hauptprotagonisten anders.

Da ist zunächst Leah, die von der Herkunft her (Irisch, rothaarig, weiß, Eltern eher kleinbürgerlich und mit großen Plänen für die Zukunft des einzigen Kindes) eigentlich die besten Voraussetzungen gehabt hätte. Aber Leah gleitet - begleitet vom Dope-Rauchen - einfach so vor sich hin: Ohne Ehrgeiz, ohne Ziele - außer dem Ziel, immer 18 bleiben zu wollen und keine Kinder bekommen zu müssen. Leah ist mit Michel verheiratet - der aus einer afrikanischen Einwandererfamilie stammt. Er träumt den Traum vom Weiterkommen, vom Hauskauf in einer "besseren" Gegend, von Kindern und Familie. Leah will sich diesen Plänen nicht anschließen - äußert dies jedoch nicht konkret sondern entzieht sich der Verantwortung durch Abtreibungen und durch geheime Einnahme der Pille.

Das Gegenmodel zu Leah ist ihr langjährige Freundin Keisha, die sich inzwischen Nathalie nennt. Keisha stammt aus einer Familie mit jamaikanischen Wurzeln, eher arm, bildungsfern - aber streng religiös. Keisha schafft es durch Lernen, viel Arbeit und viel Ehrgeiz ins Studium und zu einem erfolgreichen Job als Juristin. Sie heiratet Frank, den unehelichen Spross einer reichen Adelsfamilie und sie bekommen zwei Töchter und beziehen ein Haus am Park in einer "besseren" Gegend von NW. Und Keisha benennt sich selbst um in Nathalie. Auch bei Nathalie ist nicht alles so glanzvoll, wie es nach außen scheint, auch sie hat ihre Geheimnisse.

Eine Episode ist Felix gewidmet, der in der selben Siedlung wie Keisha in eher ungeordneten Verhältnissen aufgewachsen ist. Felix hat sich nach Jahren im Drogensumpf endlich befreit und möchte mit seiner neuen Liebe ein neues Leben beginnen - vorher besucht er jedoch noch seine bisherige Geliebte - eine sehr schön beschriebene Szene (hart und poetisch zugleich) über den Dächern von London. Felix ("Der Glückliche" - ja das hat Zadie Smith wirklich auf der litcologne gesagt - für sie Felix der Glückliche in diesem Buch) stirbt am Ende dieses Tages .....

Nathan, ein weiterer inzwischen Erwachsener Mann aus der Siedlung, hat es dagegen nie geschafft, sich aus dem Drogensumpf zu befreien und ist immer weiter abgerutscht, Nathan zieht in einem der Kapitel mit Keisha/Nathalie durch die Nacht. Und im Endeffekt führt er zum letzten Kapitel des Buches, in dem die Fäden zusammenlaufen...

Insgesamt hat mir die Lektüre des Buches gut gefallen - ich persönlich mag Episodenfilme und Episodenromane und ich konnte auch gut mit den verschiedenen Erzählstilen umgehen. Jedem Protagonisten ist quasi ein Kapitel gewidmet, wobei es keinen direkten Erzähler gibt und jedes Kapitel sprachlich komplett anders gestaltet ist. Erzählungen, Beschreibungen, Assoziationen, Absätze wie in der Juristensprache - die Stilmittel sind vielfältig. Dies macht die Lektüre abwechslungsreich - aber auch teilweise schwierig. Nicht alles wird genau beschrieben - vieles ist nur anhand einer Art "Flow of Consciousness" zu erahnen.

Es wird eine ganz eigene Atmosphäre in diesem Buch erzeugt - man taucht ein, erschreckt zwischendurch, freut sich zwischendurch - und hat das Gefühl, ein wenig selbst durch London gestreift zu sein. Und ein wenig vom Lebensgefühl der heutigen Großstadtmenschen mitbekommen zu haben - die Chancen und auch die vielen Risiken, die ein Mensch heutzutage erleben kann. Ich kann Zadie Smiths Einschätzung, dass Felix der " Glückliche" im Buch ist, zwar nicht teilen - fand die Figurenzeichnungen jedoch sehr interessant. Ich persönlich mochte am liebsten Keisha/Nathalie, weil sie sich durch Mühe und Arbeit selbst durchgekämpft hat - und Leah mochte ich am wenigsten, weil sie so lethargisch und wenig zielgerichtet war - aber dies ist im Endeffekt wohl nur meine persönlich gefärbte Reaktion, die sicherlich auch von meiner persönlich erlebten Sozialisation geprägt ist.

Im Endeffekt ist das Leben bunt - nicht durch Hauptfarben bunt - sondern durch die vielen Möglichkeiten und Einschränkungen bedingt, die den Werdegang eines Menschen beeinflussen können.
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17 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 4. Januar 2014
Nach Zadie Smith’ wunderbarem Roman „Von der Schönheit“, der sich mit der Liebe, der akademischen Welt und den Wirrnissen des Lebens zweier Mischehen beschäftigt hat, haben wir es in ihrem neuen Roman mit den sozial Randständigen und den gesellschaftlichen Verlierern zu tun. NW steht für „North-West“ London, einem Arbeiterviertel, in denen es den Menschen weder materiell noch mental besonders gut geht. Es ist ein buntes Völkergemisch hier zusammen gekommen: irisch stämmige Männer und Frauen und Karibikeinwanderer.

Leah arbeitet trotz abgeschlossenem Philosophiestudiums in einem Büro als einzige Weiße mit zahlreichen farbigen Frauen zusammen. Ihre große Liebe gilt Michel, ihrem Mann, der sich sehnlichst Kinder wünscht, die sie ihm heimlich verweigert: sie will eigentlich gar keine Kinder sondern immer nur das Liebesleben mit ihrem Michel. Er ist zur Hälfe Algerier und zur anderen Hälfte stammt er aus Guadeloupe und arbeitet als Friseur in einem nahe gelegenen Frisörgeschäft.
Zadie Smith spürt den Wünschen der Bewohner in diesem abgeschotteten Mikrokosmos nach. Man lebt gerne unter sich, und auf den Dinnerpartys bei der farbigen Natalie, Leahs engster und längster Kinderfreundin, die es als einzige zur erfolgreichen Anwältin gebracht hat, langweilen sich Leah und ihr Mann. Sie versuchen ihr eigenes Leben ohne große Störungen von außen zu leben.

Zadie Smith erzählt abgehackt in wechselndem Stil, je nach dem, wessen Geschichte sie gerade erzählt. Verlorene Sätze, die im Nichts enden, Gedichte, Worte, ungewöhnliche Einfälle,--sie entwickelt ihren ganz eigenen Stil. So entstehen Fragmente, die einem erst nach und nach den Inhalt und das Wesen der Romanfiguren erschließen. Atmosphärisch ist die Erzählweise gut nachzuempfinden. Man bekommt einen nachhaltigen Eindruck von dem Milieu und den Zusammenhängen, in denen sich die Personen in ihrem je eigenen Wirkungskreis bewegen. Da gibt es Langeweile, Drogenkonsum, und immer wieder Reflexionen über das wahre Leben. Letztere verstecken sich im Alltagsgeschehen sei es im Supermarkt, auf einem Kinderspielplatz oder in ihrem täglichen Allerlei mit ihren Berufswegen und geheimen Kinderwünschen.

Der Roman ist nicht so leicht zu lesen wie das o.g. Buch über die Schönheit.
Es fehlt ein wenig der rote Faden, der die Geschichte überschaubar zusammenhält.
Eine Multikulti Gesellschaft bietet Atmosphäre, Kurzweil und Einblicke in unterschiedliche Lebensschicksale. So richtig fesselnd war der Roman jedoch für mich nicht.
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am 18. Februar 2015
Nach sieben Jahren hat Zadie Smith, eine im englischen Sprachraum mit vielen Preisen geehrte Autorin, unter dem Titel «London N-W» erneut einen Roman vorgelegt, ihren vierten mittlerweile. Die Tochter eines Engländers und einer Mutter, die aus Jamaika stammt, ist in dieser Arbeitergegend im Nordwesten Londons aufgewachsen, sie ist mit dem trostlosen Milieu in ihrem multiethnischen Kiez also bestens vertraut, er diente auch schon in ihrem Debütroman als Schauplatz. Ihre in der Jetztzeit angesiedelte Erzählung bricht mit ihrem narrativen Stil radikal alle Konventionen, sie konterkariert damit die Erwartungen eines breiten Lesepublikums. Und eine Geschichte wird hier streng genommen auch nicht erzählt, es passiert so gut wie nichts. Also muss es wohl etwas anderes geben, das die mehr als vierhundert Seiten dieses Buches lesenswert macht.

Es ist fürwahr eine rasante Lektüre, die da auf ihren Leser wartet, ein in fünf Abschnitte und mehr als zweihundert Kapitel extrem unterschiedlicher Länge aufgeteiltes Kaleidoskop der menschlicher Befindlichkeiten, dargestellt am Beispiel von vier Mittdreißigern, die alle aus dem gleichen Londoner Problemviertel stammen und sich kennen. Stilistisch der Postmoderne zuzurechnen ist der erste Abschnitt, der Leah gewidmet ist. Sie ist bei einer karitativen Organisation beschäftigt, mit einem Franzosen verheiratet und aus tiefster Überzeugung kinderlos. Ihre während der Teenagerzeit beste Freundin ist Keisha, eine Farbige, der ein weiterer, der längste Abschnitt, gewidmet ist. Schon in der Schule zielstrebiger, schafft sie tatsächlich den Aufstieg in die Middle-Class, nennt sich fortan Natalie, wird Rechtsanwältin und heiratet einen Beau, ihren Traummann, ein Banker, mit dem sie zwei Kinder hat. Mit viel Hintersinn schildert die Autorin das Auseinanderdriften der beiden heranwachsenden Mädchen, deren Freundschaft durch ein deplaziertes Geburtstagsgeschenk dann für längere Zeit völlig unterbrochen wird. Die beiden männlichen Protagonisten sind Losertypen, antriebslos und ständig bekifft. Während Felix seiner neuen Freundin zuliebe bemüht ist, sich aus dem verhängnisvollen Kreislauf von Rauschgift und Kleinkriminalität zu befreien, ist der dunkelhäutige Nathan als Zuhälter und Dealer total heruntergekommen.

Trotz rascher Wechsel zwischen den vielen, teilweise beziehungslos nebeneinander stehenden Szenen bewirkt Zadie Smith, oft im Bewusstseinsstrom erzählend, doch einen kontinuierlichen Lesefluss mit ihrem atemlosen Schreibstil, welcher das hektische Leben, besser gesagt den Moloch, den eine moderne Megacity wie London nun mal darstellt, treffend abbildet. Ihre leichtverständliche, klare Sprache ist mit Slang durchmischt, in kurzen Sätzen werden stakkatoartig Einzelszenen, Dialoge, Aphorismen und Reflexionen aneinander gereiht. Dabei ändert sich ihr Stil gleitend vom postmodernen Anfang zum eher konventionell erzählten Ende. Dort treffen die weiblichen Hauptfiguren, die sich beide gleichermaßen schuldhaft in einer bedrohlich zugespitzten Ehekrise befinden, nochmals wie früher zusammen, ein versöhnlicher Abschluss allerdings wäre realitätsfern für Zadie Smith.

Migration, Prekariat, Aufstiegskampf sind Themen, die ihr am Herzen liegen, und dabei hebt sie Bildung als entscheidende Komponente hervor, ohne jedoch zu beschönigen, dass der daraus normalerweise resultierende Wohlstand beileibe keine Garantie für Wohlergehen ist, Konsumsucht ebenso verwerflich sei wie Haltlosigkeit und die ständige Jagd nach einem Joint. Es ist eine pessimistische, illusionslose Weltsicht, die da verbreitet wird, schon die Geburt sei eine Zumutung, da ihr zwingend der Tod folge, und die Spanne dazwischen bedeute allenfalls Chaos und Scheitern. Wozu also das Ganze? Natürlich ist es auch Zadie Smith nicht möglich, diese von ihr verklausuliert gestellte Frage stimmig zu beantworten, sie versucht es auch gar nicht erst. Man darf ihn bewundern, diesen Roman, lieben wird man ihn sicher nicht.
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Zadie Smith ist eine Meisterin der Dialoge und kultiviert einen schnellen und ebenso ungewöhnlichen, wie direkten Stil. Die Autorin zieht den Leser fast an den Haaren in die Geschichte, so dass man nach ein paar Dutzend Seiten glaubt, selbst im NordWesten Londons zu leben und dieser Clique anzugehören. Es ist die Geschichte zweier Paare der unteren Mittelklasse. In ihrem Arbeitermilieu gibt es Drogenabhängige, ein paar haben es geschafft, herauszukommen. Leah und Keisha sind seit ihrer Kindheit die besten Freunde, sie gehören dem selben Milieu, aber nicht der selben Rasse an. Im Erwachsenenalter ist Leah ziemlich antriebslos, Keisha dahingegen will aus dem Milieu heraus und klettert die Karriereleiter nach oben. Sie wechselt ihren Namen, wird Nathalie, heiratet und will dem Nordwesten von London den Rücken kehren. Dann entdeckt sie ein neues Hobby und findet sich plötzlich tiefer als sie jemals zuvor war. Leah bleibt im Stadtviertel und auch sie heiratet und ihr Mann möchte eine Familie gründen. Leah macht alles, damit das keine Wirklichkeit wird, denn ihr Geheimnis bedrückt sie zu sehr.

Die Geschichte wirkt zerrissen, oft hat man Mühe, die Zusammenhänge zu erkennen, ihrem Lauf zu folgen, und doch reflektiert gerade diese aussergewöhnliche Schreibweise den schnellen Rhythmus des Lebens in diesem Stadtviertel, das übrigens überall sein könnte, bringt die Schnelllebigkeit der Kultur und deren Wandel an die Oberfläche, lässt die ungeordneten, proletarischen Lebensumstände der Protagonisten aufleuchten. Von der ersten Person geht es übergangslos in die dritte Person, manche Szenen sind sehr kurz, aber immer sehr präsent aufgerollt. Die Charaktere sind etwas flach, nur Annie war gut ausgearbeitet und hat mir gut gefallen.

Ein Roman, den man liebt oder eben nicht. Wenn man ihn denn liebt, liebt man ihn für seinen Stil, der faszinieren kann!
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am 22. Februar 2014
„Wenn sie nicht in ihr Alltagsleben zurückmüsste mit Behörden und Mieten und Mann und Job, könnte sie einfach durchdrehen! Warum nicht einfach durchdrehen!“ (S. 71)
Im Mittelpunkt von Zadie Smiths Roman „London NW“ stehen die beiden Freundinnen Keisha/Natalie Blake und Leah Hanwell. Die beiden wachsen gemeinsam im Londoner Nordwesten auf und auch wenn sich ihre Wege im Laufe der Zeit immer wieder von einander entfernen, bleiben sie für die jeweils andere sehr wichtig. Keisha ist nach der Schule die Erfolgreichere, äußerlich auch zu sehen an ihrer Namensänderung. Der Ausgangspunkt und Rahmen der Geschichte ist Leahs Begegnung mit einer ehemaligen Klassenkameradin, die verzweifelt an ihrer Tür erscheint.
„London NW“ ist voll von interessanten Gedanken und Überlegungen zu verschiedensten Themen. Vor allem geht es darum, wie man sich vor anderen und vor sich selbst präsentiert. Es geht um die Erwartungen, die andere an einen stellen. Ganz speziell geht es auch um Erwartungen, die an Frauen gestellt werden: Kind und Familie, Ehe und Beruf, Freundschaft und Gesellschaft, alles soll unter einen Hut gebracht werden. Dazu kommt auch noch die eigene Herkunft und Kultur. Ständig wechseln die Frauen ihre Rolle und beginnen diese jeweiligen Rollen zu hinterfragen.
Der Stil der Autorin hat mich begeistert. Sie schildert das Leben im Londoner Nordwesten ausgezeichnet, die beiden Frauen sind mir im Laufe des Romans regelrecht ans Herz gewachsen. Sehr gut gefallen hat mir auch die Textgestaltung, das Lektorat und auch die Übersetzung sind hervorragend.
Ich kann London NW also uneingeschränkt weiterempfehlen und möchte zum Schluss einfach noch mal den tollen Stil der Autorin für sich sprechen lassen:
„Weibliche Person sucht männliches Gegenstück zwecks liebevoller Beziehung. Und umgekehrt. Sozial niedriggestellte Person mit geistigem Kapital, aber ohne größere finanzielle Mittel, sucht höhergestellte Person mit deutlich größeren finanziellen Mitteln zwecks größtmöglichen beiderseitigem Nutzen […].“ (S. 293)
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
TOP 1000 REZENSENTam 21. Februar 2014
Die englische Autorin Zadie Smith wurde im Londoner Nordwesten, genauer in Willesden (postalisch London NW), geboren und ist dort aufgewachsen. Früher ein Arbeiterviertel, in dem die Bewohner überwiegend europäische Wurzeln hatten, ist Willesden seit den sechziger Jahren geprägt durch den Zuzug von Einwanderern aus Indien und der Karibik, und bildet bereits in Smith früheren Veröffentlichungen den Hintergrund für ihre Romane.

Ein buntes Völkergemisch, hohe Arbeitslosigkeit, verwahrloste Sozialbauten, Armut, kaum eine Zukunftsperspektive für junge Menschen – manche verharren zeit ihres Lebens dort, andere bemühen sich, dieser Umgebung zu entkommen. Und es ist nicht die ethnische Herkunft, die den Unterschied macht, der Schlüssel ist einerseits Bildung und Anpassung, andererseits aber auch Ehrgeiz und das bewährte Quäntchen Glück.

Smith erzählt die Geschichten von vier jungen Londonern Mitte dreißig: Felix und Nathan sowie Leah und Keisha. Sie kennen sich seit den gemeinsamen Schultagen in Caldwell, doch ihre Wege trennen sich bald. Leah und Keisha studieren, wobei nur letztere ihr Studium abschließt, ihren Vornamen in Natalie ändert, weil dieser „weißer“ klingt, einen Banker heiratet und als Juristin tätig ist – eine Bilderbuchkarriere sozusagen. Auch Leah lebt in gesicherten Verhältnissen, sie arbeitet nach einem abgebrochenen Studium als Sozialarbeiterin und lebt ihren Traum vom Glück in trauter Zweisamkeit mit ihrem Mann Michel. Das Leben von Felix beginnt sich allmählich zu normalisieren, denn er hat es endlich mit Hilfe seiner Freundin geschafft, die Drogen hinter sich zu lassen. Nur Nathan schafft den Absprung nicht und verdient sein Geld weiterhin mit dem Verkauf von Drogen und als Zuhälter.

Eine gemeinsame Vergangenheit, vier Menschen, vier Lebensentwürfe – Zadie Smith erzählt diese Geschichte in fünf Teilen, jeweils ein Teil für die Protagonisten sowie dem abschließenden Kapitel, in dem die im Verlauf des Romans ausgestreuten Steinchen zu einem Mosaik zusammengelegt werden. So verschieden die vier Menschen sind, so verschieden ist auch der Tonfall ihrer zugehörigen Schilderungen, in denen die Autorin zwar sehr genau beobachtet, aber auch distanziert und fast schon emotionslos das Verhalten ihrer Hauptfiguren beschreibt.

Und dennoch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass unter dieser kühlen Oberfläche die kaum verhaltende Empörung, ja vielleicht auch Wut der Autorin mitschwingt, die es aber dem Urteil des Lesers überlässt, der Ungerechtigkeit des Bildungssystems, der mangelnden Chancengleichheit und dem Versagen der Politik zu grollen.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 4. September 2014
"London NW" ist ein gutes Beispiel dafür, dass, wer als moderner und seriöser Schriftsteller arrivieren will, auf keinen Fall chronologisch erzählen, mindestens drei verschiedene Textgattungen in seiner Prosa unterbringen, als Erzähler verschwinden und den Leser mit den elliptischen Gedankenströmen seiner Protagonisten auf sich gestellt sein lassen sollte. Die Erzählperspektive sollte ständig wechseln. Geteilte Seiten kommen auch nicht schlecht.
"London NW" bietet (fast) all das und wurde ausdrücklich für seinen Stil gelobt. Ich persönlich bin es nach diesem Roman ein wenig müde, zumal Smith diese Techniken zwar inflationär gebraucht, aber nicht durchgehend souverän beherrscht. Oft wirkt der Text angestrengt und überambtioniert, ja sogar ein wenig peinlich. Kurz: Die Lektüre war alles andere als flüssig. Vielleicht schreibt ZEIT-Rezensent Ijoma Mangold deshalb, es sei leichter, diesen Roman zu bewundern als ihn zu lieben.

Denn bewundernswert ist sein Sujet: vier Variationen des Kampfes um sozialen Aufstieg aus den prekären Lebensverhältnissen einer Kindheit in London NW. Am Beispiel der ehemaligen Schulfreunde Nathan, Felix, Leah und Nathalie zeigt Smith, dass sozial schwache Randgebiete in London nach wie vor existieren und es einen enormen Kraftakt erfordert, sich aus solchen Verhältnissen zu emanzipieren. Man könnte es positiv deuten, dass die Hautfarbe nicht mehr so sehr Kriterium für Aufstiegschancen ist, wäre da nicht die ernüchternde Erkenntnis, dass die Klasse, in die man hineingeboren wurde, heute determinierender ist denn je. - Dies gilt sicher nicht nur für London, sondern scheint für mich eine neue Krankheit moderner westeuropäischer Industrie- und Konsumgesellschaften. Gerade in Deutschland ist nichts so prägend wie die soziale Herkunft, ist der Schulweg so entscheidend für soziale Chancen. Wie soll ein Einzelner ohne Unterstützung aus einer Generationenkette von Hartz IV-Empfängern ausbrechen?

Ich hätte mir gewünscht, dass Smith dieses Thema expliziter macht. Bei all den oben geschilderten Gadgets geht ihr gesellschaftskritisches Motiv und Engagement fast verloren.
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3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 27. Juni 2014
Vorab: ich habe London NW auf Englisch gelesen und kannte bisher von Z. Smith nur 'On Beaty'. Letzteres hatte mich beim Lesen restlos begeistert: auf der Höhe unserer heutigen Zeit, brilliant geschrieben, vielfältig und dennoch gut lesbar. 'London NW' hält das Niveau - trotz aller Kritiker-Lobpreisungen - leider nicht.
Die Geschichte ist eigentlich keine Geschichte: Ausschnitte, zum Teil im eigentlichen Wortsinn, aus dem Leben von mehreren Londonern mittleren Alters aus einem sozial eher randständigem Viertel. Unterschiedliche ethnische Hintergründe, verschiedene Kulturen, aber aller eher ökonomisch mit schlechten Startbedingungen. Im Kern geht es um zwei Freundinnen, eine hat den Aufstieg und Umzug geschafft, eine ist 'Farbig', eine ist 'Weiß', beide sind gleichermaßen unglücklich. Daneben gibt es noch eine kürzere Geschichte über den 'Schwarzen' Sohn eines Rasta-Hippies, das aber etwas verloren im Kontext des Buches erscheint.
Eine Geschichte im eigentlichen Sinne wird hier bewusst nicht erzählt. Es sind Ausschnitte, Rückblicke, Eindrücke, Schnappschüsse, in Teilen auch in ganz kurzen Abschnitten von nur einem Absatz. Das ist wohl das Besondere, aber eben auch schwierige, sperrige an diesem Buch: der Wunsch der Autorin, eine moderen Geschichte modern zu erzählen.

Für mich war dies an einigen Stellen, in einigen Passagen brilliant, dann wieder erschien es einfach nur unnötig, aufgesetzt. Es ist immer eine Gefahr, wenn Form über Inhalt gestellt wird. Hatte die Lektüre zwischendurch unterbrochen, wollte das Buch eigentlich weglegen, habe es dann aber doch - nicht ohne Genuss - zu Ende gelesen. Es gibt einige Szenen, die sich mir extrem eingeprägt haben (z.B. als die weniger erfolgreiche Freundin bei der erfolgreicheren zu einer öfters anstehenden Party eingeladen wird, und von einem Überfall auf sie und ihren Mann auf der Straße erzählt. Sie merkt, dass ihr für den Moment alle zuhören, stellt dann aber fest, dass die anderen Anekdoten einfach anders, besser, ironischer erzählen können. Ein schönes Bild für das, was man 'Habitus' nennen kann: sich in bestimmten Kontexten in allen Sub-Tönen passend zu verhalten.)
Fazit: In Momenten wirklich ein tolles Buch, aber als Erzählung hat es mich nicht überzeugt. 2-3 Sterne.
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