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am 29. November 2011
Zwei ehemalige Münchener Studienkollegen treffen sich nach Jahrzehnten zufällig in einer Kleinstadt in den neuen Bundesländern wieder. Sie lassen ihre Erinnerungen an die frühen 1960er Jahre auferstehen, als beide für ein paar Monate zum Mittagessen an einem Freitisch zusammenkamen, einem kostenlosen Mahl, das eine Versicherungsgesellschaft einigen besonders hoffnungsvollen Studenten gewährte.

Der revolutionäre Geist von '68 lag damals allenfalls vage in der Luft. Es war die Zeit, als man seine Kommilitonen noch siezte, und Persönliches wie Partnerschaft, Sex, Gefühle unter Männern tabu war. Dafür war Arno Schmidt mit seinen subversiven Sprachschöpfungen das In-Thema der intellektuellen Jugend. Einer der Freitischler heftet sich gar in Stalker-Manier an dessen Fersen, was in einer Ernüchterung endet.

Ernüchterung wird auch spürbar beim Wiedersehen des Ich-Erzählers und seines damaligen Tischgenossen Euler. Von den Lebensplänen der ehemaligen Hoffnungsträger ist wenig geblieben: Der eine betreibt nach seiner Pensionierung als Lehrer in besagter Provinzstadt ein praktisch unrentables Antiquariat, der andere ist vom Mathematiker mit literarischen Ambitionen zum Fachmann für Müllentsorgung geworden. In dieser Eigenschaft ist er auch in die Stadt gekommen: Eine geplante Mülldeponie lässt die Stadtoberen auf den ersehnten wirtschaftlichen Aufschwung hoffen, die Bürger indes vor Geruchs- und Giftbelästigung bangen. Zusammen mit den detailgenauen Ortsbeschreibungen, kleingeistiger und rechtslastiger Tendenzen inklusive, wird so auch ein Stück deutscher Nach-Wende-Geschichte erzählt.

Uwe Timm hat für seine Novelle (sie umfasst schlanke 135 Seiten) einen freundlichen, mild-ironischen Ton gefunden. Die Sprache ist dicht und reich an Anspielungen. Um alle Feinheiten mitzubekommen, sollte man sich für die Lektüre Zeit lassen. Sowieso scheint Sprache und deren Möglichkeiten so etwas wie ein Meta-Thema des Buches zu sein. Gewiss nicht zufällig schwebt Arno Schmidt als graue Eminenz über allem und "aus der Ferne winkt Wittgenstein" (Zitat).
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TOP 1000 REZENSENTam 12. April 2012
'Vor dem Rathaus habe ich auf ihn gewartet.
Entschuldigung, sagte ich, wir kennen uns.
Er sah mich an, sucht in meinem Gesicht und sagte dann: Hm.'

Mit diesem Satz beginnt das Wiedersehen zweier ehemaliger Freunde. Der eine (der mit dem "Hm"), jetzt ein erfolgreicher Fachmann für Abfallwesen, ist eigentlich zu einem Geschäftstermin in die Kleinstadt im Nordosten Deutschlands gekommen, in die der andere, der Ich-Erzähler, vor Jahren als Lehrer zugezogen ist und hier in einer Idylle mit Frau, zwei Kindern, und vielen Büchern lebt. Die Frau hat ihn inzwischen links überholt, wie er sagt, die zwei Kinder rechts, und er selbst hält weiterhin an Arno Schmidt fest, dem Autor, dem damals die ganze Begeisterung der Tischrunde gegolten hat, die sich täglich am FREITISCH zur gesponserten Gratisausspeisung versammelte.

Jetzt sitzen einander also zwei aus dieser Runde im Stadtcafé gegenüber und vergleichen die Erinnerungen die ihnen von damals geblieben sind. Den erfolgreichen Geschäftsmann amüsiert, dass der Lehrer Gratisnachhilfe gibt: "Das ist also aus dem revolutionären Projekt der neuen Gesellschaft geworden 'Nachhilfe in Deutsch für die bildungsferne Jungend des Dorfes', und beide sehen die damaligen Zeitgenossen aus der Distanz ihrer heutigen soliden Existenz: '...sie hatten Träume, in denen sie ihre Haut wechselten. Vielleicht war es auch nur ein bestimmtes Hasch, das sie so träumen ließ. Sahen morgens in den Spiegel und erkannten sich nicht wieder.
Was? Den kenn ich nicht! Dich rasier ich nicht! So kam es zu diesen Dreitagebärten, die sich bis heute bei älteren Medienleuten wie Schimmel im Gesicht gehalten hat'.

Ja, und es geht immer auch um Arno Schmidt (und dafür der 5. Punkt)!
Es macht Spaß, im Text des Autors das Nachschwingen der Sprachkunst von Arno Schmidt aufzuspüren, seine Wortspiele und Wortschöpfungen, die jedem Schmidt-Fan ein Leben lang im Gedächtnis bleiben, und die hier als Chiffren dienen zur Erinnerung an das gemeinsam Erlebte.

Die Novelle ist perfekt komponiert. Immer wieder möchte der Lehrer das Gespräch auf die gemeinsame Fahrt nach Bargfeld lenken, wo sie Arno Schmidt besuchen wollten. Und stets kann sein Gegenüber von diesem Thema ablenken. Auch der Leser wartet ungeduldig darauf, zu hören was es denn mit dieser Begebenheit auf sich hat und warum sie für den Lehrer wo wichtig zu sein scheint.

Wie die Geschichte vom 'Besuch bei Arno Schmidt' am Ende aber doch noch erzählt wird, nachdem die beiden jetzt endgültig ehemaligen Freunde sich schon getrennt haben, und warum diese Geschichte mehr erzählt als wie man den großen Arno Schmidt mit einem Theodoliten vom Schreibtisch weglockt, das gehört zum Höhepunkt dieses Buches.
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am 24. August 2013
Treffen sich zwei alte Studienfreunde nach ca. 40 Jahren in Anklam, als quasi Gegner, der eine lebt dort, der andere will dort eine Müllkippe errichten. Sie tauschen sich aus, über Ihre Intellektuelle Vergangenheit, falsche Zukunftseinschätzungen, über den Werdegang der anderen und über den eigenen, der ebenfalls etwas anders verlief als vorgesehen.
Gute Idee und für alle Arno Schmidt Fans vermutlich ein Genuss -
Wie mag es Lesern ergehen, denen die literarischen Referenzen von Arno Schmidt bis Oliver Sacks nicht vertraut sind? Dann wird es heikel, denn auch mir, dem die Referenzen bekannt sind, bleibt die Literatur unzugänglich, man fühlt sich wie vor Arno Schmidts Pforte - als ungebetener Gast, der nicht eingelassen werden soll. Not my favorite - gleichwohl ich den Schriftsteller sowie seine Referenzen sehr schätze.
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am 4. März 2011
Auch mit seiner neuen Novelle "Freitisch" zeigt Uwe Timm, dass er zu Recht zu den besten deutschen Schriftstellern der Gegenwart gezählt wird. Reflektierte er in zwei seiner letzten Bücher das Leben und das Schicksal von Menschen, die er persönlich kannte und dachte über seine Beziehung zu ihnen nach, seinen Bruder bei der Waffen-SS in "Am Beispiel meines Bruders" und den vom Polizisten Kurras 1967 erschossenen Studenten Benno Ohnesorg in "Der Freund und der Fremde", spielt er auch in dieser Novelle virtuos mit seiner Erinnerung. Und indem er sie in eine Geschichte kleidet, immer literarisch sehr anspruchsvoll, erzählt und begreift er gleichzeitig nicht nur einen Abschnitt seines eigenen Lebens, auch wenn es diesmal nur verschlüsselt geschieht, sondern auch einen Teil bundesrepublikanischer Geschichte.

Die Novelle "Freitisch" geht in die Zeit zurück, bevor die Studentenrevolte begann und spürt in der Erinnerung der Protagonisten jener Stimmung nach, die sich von dem Nachkriegsmief schon längst verabschiedet hatte, aber noch nicht zur Entscheidung zur Revolte gelangt war.

Die Novelle spielt in Anklam, wo der namenslose Erzähler nach der Wende als Lehrer gearbeitet hat und nun nach dem Ruhestand ein Antiquariat führt, mit dem er allerdings keinerlei Gewinnabsichten verbindet. Es dient seiner großen Leidenschaft, dem Sammeln von Erstausgaben, insbesondere von Arno Schmidt. Auf ihn wird gleich noch zurückzukommen sein. Eines Tages trifft der Erzähler in Anklam auf Euler, einem studentischen Freund aus alten Tagen Anfang der sechziger Jahre, als der Erzähler zusammen mit Euler, einem angehenden Mathematiker mit literarischen Ambitionen und einem dritten Studenten namens Falkner in München in der Nähe des Englischen Gartens an einem "Freitisch" in der Kantine einer Versicherung saß und über Gott und die Welt und vor allem über Arno Schmidt debattierte.

Euler ist in das relativ arme Anklam gekommen, um dort als Planer die Möglichkeiten für den Bau einer Mülldeponie zu prüfen und sie dann entsprechend durchzusetzen. Doch schon bald denkt er nicht mehr darüber nach, sondern verschwindet in langen Gesprächen mit dem Erzähler in den Erinnerungen an damals, als sie zu dritt, manchmal auch noch mit Gästen, am Freitisch saßen und über Literatur diskutierten, oft auch über das Schaffen von Falkner, der dauernd vorgab zu schreiben , von dem aber nie jemand auch nur ein Wort gelesen hatte. Mehrfach wird erwähnt, dass er heute ein bekannter Schriftsteller sei. Verbirgt sich dahinter etwa der Autor selbst?

Mit viel Witz und Ironie beschreibt Uwe Timm die Gespräche und Erinnerungen der beiden Hauptpersonen. Was wir wollten, was wir wurden - so hieß nach 1968 ein Buch von Peter Mosler. Doch am Freitisch ist von der Bewegung noch nichts zu spüren. Man liest Arno Schmidt, den man sogar einmal in seinem Dorf besucht, und noch lange nicht Adorno und Marcuse. Es ist noch ruhig im Land, doch man spürt in dieser kongenial verfassten Novelle, dass das nicht mehr lange so bleiben wird.

Alle drei am Freitisch haben die Revolte mitgemacht, davon kann man ausgehen, beim Autor selbst weiß man es durch seine Bücher ganz genau. Doch was ist davon geblieben, von den Idealen, den Hoffnungen und den Wünschen?

Unsentimental und erfrischend ist Uwe Timm wieder einmal diesen Fragen literarisch auf der Spur. Ein sehr gelungenes Buch.
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am 22. Juni 2011
Dieses Buch ist Tertiärliteratur über Arno Schmidt. Es ist meine erste Timm-Begegnung, aber vermutlich nicht die letzte.
Für mich als ehemaligen Abonnenten des Bargfelder Boten war mir diese kurze Erzählung fast eine Notwendigkeit, nachdem sie mir ein alter Freund (der nie Arno Schmidt gelesen hat) empfohlen hatte.
Von Timm wusste ich nur, dass er einige ordentliche Preise (Döblin-Preis? nein, meine Erinnerung trog, es war nur der Boell-Preis) erhalten hat, was ihn empfiehlt, und ein ehemaliger DKPler ist, was ihn nicht empfiehlt.

Das Buch kann ich empfehlen. Mit 5 Sternen ist es allerdings gut bedient. 4 und ein halber hätten es auch getan. Die Story selbst hat Konstruktionsmängel, aber sie ist thematisch interessant genug für 5 (sofern man Schmidtianer ist oder war).
Sie spielt teils in den frühen 60ern, noch vor der Notstandsgesetzgebung und den dadurch ausgelösten Studentenunruhen, und teils heutzutage, in Anklam an der Peene, unweit der Ostsee. Der 60er Teil ist in München und Bargfeld angesiedelt, wobei ein Schmidtscher Kameoauftritt (nebst Alice) eher irrelevant bis albern ist. Wichtiger sind die Münchner Gespräche und Gedanken über ihn.

Der zeitgenössische Teil ist ein Treffen zweier Mitglieder der alten Clique, mit Reminiszenzen von alten Tagen, und Erzählungen vom Seitherigen, angereichert mit Ortskunde (viel 30jähriger Krieg und viel Bombardierung im 2. Weltkrieg, was als Erklärungsmittel für den lokalen Hang zur Xenophobie missbraucht wird). Nette Nebenwirkung durch die Tatsache, dass der Ort Heimat des Fliegers Otto Lilienthal war. Lilienthal war Thema und Titel des letzten unvollendeten Schmidt-Werkes (sofern meine Erinnerung mir keine Falle stellt).
Spass, aber nicht unbedingt nachhaltige Tiefenwirkung. Manche Bücher bleiben bei einem ohne dass man es erwartete. Von diesem erwarte ich es nicht ...
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Wer anders sein wollte, musste in diese Kneipe gehen. Wo sich die trafen, die Sartre gelesen hatten, die Francois Hardy hörten, oder aber vom Glas-Zersinger des Günter Grass erzählen konnten und davon, dass in eben der "Blechtrommel" erstmals in westdeutscher Literatur ein SA-Trupp vorkamen, der einen jüdischen Laden stürmt. Da diskutierte sich was zusammen in der Kneipe, da war in den frühen 60er Jahren ein Vorabend zu ahnen, dem dann später die unruhigen Tage der 68er Zeit folgen sollten. In dieser Kneipe zitierte dann einer "Fern u=bootete eine lange Limousine durch Getreidemeere", das war aus "Kühe in Halbtrauer", jenem Buch von Arno Schmidt, das den Protagonisten der jüngsten Novelle von Uwe Timm damals, am "Freitisch", wesentlichen Debattierstoff lieferte.

Der Lehrer, in den 60ern am Freitisch noch Student, und die anderen, die das kostenfreie Essen in der Kantine einer Versicherung genossen, wussten nichts vom Vorabend. Aber als man sich im Städtchen Anklam, im Heute des vereinigten Deutschlands wiedertrifft - der Schmidt-Verehrer Euler und eben jener Lehrer - da hat man mehr als vierzig Jahre hinter sich, und weiß, dass den unruhigen Tagen die ruhigen Jahre folgten, aus denen der eine heute seine Pension bezieht, der andere eine Geschäftsidee entwickelt: Wie man den Müll der Städte schneller und effizienter vom Haus auf die Kippe bringt. "Das also ist aus dem revolutionären Projekt der neuen Gesellschaft geworden - Nachhilfe in Deutsch", lässt Uwe Timm den Euler über den Lehrer denken, der anscheinend mal die DDR gut fand, und der aus dem Westen nach Anklam gekommen war, weil er "das Verschwinden einer doch anderen Lebensform studieren" wollte.

Sie erinnern sich, Euler und der Lehrer, an ihre gemeinsame Fahrt zu Arno Schmidt, der zumindest dem Euler als ein Heiliger der Literatur galt, daran, dass damals die Amis den vietnamesischen Dschungel entlaubten, und an den dritten Mann ihrer Freitisch-Gespräche in München, der seine Freiheit vom Vietcong verteidigt glaubte. In einer Zeit, in der nicht nur die Bildzeitung sondern auch Willy Brandt die Freiheit des Westens durch die Amerikaner gegen den Vietcong verteidigt sah. Und während Timm die beiden erinnern lässt, gelingt ihm eine wunderbar oszillierende Momentaufnahme davon, wie das Ändernwollen in der Mülloptimierung des einen und im kleinen Antiquariat des anderen gemündet ist. Und es gelingen Miniaturen wie die: "Die Dächer eingebrochen, und aus den Mauern sprießen Büsche und Bäume. Wie auch hier, ein Haus, dem oben auf dem Dach ein Kranz grünt". So blühen die Landschaften also doch im Osten.

Es gibt sie noch, die Kneipe. Und nicht selten kann man unter der Patina der Jahre die Gesichter von damals erkennen. Arno Schmidt-Leser? Die galten den Grass-Anhängern in der Zeit beleidigend als "Formaline", absichtsvoll nicht "Formalisten" genannt, sondern als eben im konservierenden Sprachsaft des Worte-Destillateurs Schmidt eingelegt. In jener Zeit, als die Stimme der Dichter "noch Strahlkraft hatte". Uwe Timms Novelle strahlt nicht, sie schimmert. Wie gut poliertes Messing. Sie funkelt im milden Licht jener Abendsonne, die noch vom heißen Tag weiß und davon, dass anders sein muss, wer selbst sein will.
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am 1. April 2013
Auf dem Klappentext steht, es sei eine Novelle über Wünsche und Hoffnungen und was aus ihnen geworden ist. In der Schulaufgabe, in der es über das Thema Novelle, Erzählungen, Kurzgeschichte, ging, hatte ich, glaube ich, eine zwei. Verstanden habe ich es trotzdem nicht, was ist das eigentlich, eine Novelle und wie unterscheidet sie sich von der Erzählung und der Kurzgeschichte.

Das vorliegende Buch ist jedenfalls keine Geschichte über das, was mal war und das was heute ist, wie es derKlappentext vorgibt. Sondern der Autor schreibt über die Ostdeutschen. Seine Romanfigur ist ein linker Lehrer, den es nach der Wende in den Osten zog. Klar, bei den heruntergefallenen Bauten dort, kann sich auch ein Lehrer auf einmal einen Bauernhof leisten. Und als Linker, das klingt gut durch in diesem Geschichte, sehnt man sich doch irgendwie instinktiv zu den ehemals linken, im linken Staate DDR, lebenden Menschen. Allerdings sie wollten ihn nicht. Sie schrieben an seiner Türe „ferschwinde“. Er blieb aber. Wahrscheinlich spürte er den ostdeutschen Dreck schon an sich kleben und wußte instinktiv, den wird er, auch wenn er weg geht, nicht mehr los. Oder er wußte nicht die Antwort auf die Frage, wohin er hätte hingehen sollen. Und so blieb er, pflanzt Rosen und erklärt das ostdeutsche Gesindel als Produkt seiner Geschichte. Während der Pest hatten sie schon Juden umgebracht, während des dreißigjährigen Krieges mal Schweden oder Kaiserliche, und im dritten Reich haben Sie wieder Juden umgebracht. Keiner hat es ihnen aber irgendwie so richtig gedankt und ihnen die entsprechende Anerkennung ausgesprochen. So sind sie halt so geworden, wie sie sind, Ostdeutsche.

Gut sind in dem Stück jedenfalls die Konnotationen. Der Abneigung gegenüber den Anderen, die arbeiten und sich nicht staatlicherseits alimentieren lassen, klingt gut durch. Auch darüber hinaus kann der Autor so etwas. Ihm gelingen einige wohlformulierte assoziative Anspielungen. Dafür fünf Sterne.
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am 17. August 2013
Uwe Timm soll einer der ganz großen Deutschen Autoren der Gegenwart sein.Nun ja, das überschwängliche Lob hat mich zugegebenermaßen gereizt.Zum Einstieg in sein Werk wollte ich mit seiner aktuellen Novelle starten.

Durch einen Zufall treffen sich zwei ehemalige Studenten nach über 40 Jahren in der Hansestadt Anklam wieder.
Die beiden, die während ihrer gemeinsamen Zeit Mitglieder einer regelmässigen Gesprächsrunde an einem Münchner Freitisch einer Versicherungsgesellschaft waren, gehen sodann in ein Stadtcafe und verfallen in ein Gespräch über ihre gemeinsame Vergangenheit, die Liebe zum Werk Arno Schmidts und das Verblassen der Jugendträume.

Der eine ein ehemaliger Lehrer der nach der Wende nach Anklam ging (und dort die typischen Ossi-Stereotypen erlebte-Fremdenhass,Nazis und dergleichen mehr)betreibt dort nun ein Antiquariat und lebt mit seiner Frau in einer ruhigen Idylle, der andere erfolgreicher Informatiker und Experte in der Abfallwirtschaft soll für Anklam eine Mülldeponie planen.

Bei ihrem Gespräch werden die beiden zuerst nicht recht warm miteinander,die Last der Jahre hat beide verändert und einander entfremdet.Doch dann fällt das Gespräch auf Arno Schmidt, den Schriftsteller ihrer beider Jugend,dessen Leben und Werk Aufhänger der Novelle ist, und ein interssantes Gespräch der beiden entfaltet sich.

Zugegeben das alles ist leicht und flüssig geschrieben, mitunter schafft es Timm denkwürdige Sprachbilder unterzubringen,doch bleibt am Ende ein grosses Fragezeichen.

Der Novelle fehlt es leider an Prägnanz, Timm erzählt zwar routiniert und auch auf sprachlich hohem Niveau, doch der Gegenstand der Erzählung(68er,Arno Schmidt,Verblassen der Jugendträume) ist mir zu banal und zu unkritisch daher erzählt, das hat man alles schon vorher und zumal besser gelesen.
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In seinem neuesten Buch "Freitisch", einer kleinen eindrucksvollen Novelle, hält Uwe Timm Rückschau auf das Leben seiner beiden Protagonisten, die sich 70 jährig nach vielen Jahrzehnten in Anklam/ Vorpommern wiedertreffen und ihre Erinnerungen austauschen. Was ist aus den Träumen von damals geworden, als beide noch vor dem Ausbruch der 68 er Szenen am Freitisch saßen und ihre Gedanken und Ansichten austauschten? In einem aus wechselnden Perspektiven von Erfahrung, Erfindung, Reminiszenz aus vergangenen und gegenwärtigen Szenerien setzt Uwe Timm ein in Tönen wechselndes Konstrukt zusammen, bei dem er die Fragen aufwirft, wie wird einer das was er ist, was ist tatsächlich aus den Wüschen von damals geworden und welches waren die Vorbilder in früheren Jahren?

Ergo, was ist aus den beiden Studienkollegen von damals geworden? In dem jetzt pensionierten Lehrer und Ich-Erzähler aus der Provinz erkennen Timm Leser mit einem Blick den 68 er Ulrich Klause aus dem Roman "Heißer Sommer" Der andere, Euler, Germanist und Mathematiker, lebt in der Großstadt, ist Experte in Sachen Müll und Abfallbeseitigung.

Beide plaudern ungeniert und aufgelockert vom Semester am Freitisch. Diese Tische waren im neunzehnten Jahrhundert sehr verbreitet. Weniger gut betuchte Studenten wurden von Pastoren, Lehrern, Professoren oder Unternehmen eingeladen und konnten dort umsonst Mahlzeiten zu sich nehmen. Damals im Jahre 1965 haben sich die beiden Protagonisten an einem solchen Tisch, der von einer Münchener Versicherung unterhalten wurde, getroffen und haben sich über den Vietnam Krieg und mögliche gesellschaftliche Umbrüche unterhalten. Die Novelle nimmt nicht direkt Bezug auf die Schlüsselszene der 68 er Studentenrevolte, schließt sie aber auch durch angedeutete Erzählstränge nicht aus.

Im Jahre 2010 treffen sich nun zwei von dem Freitisch wieder und reflektieren über ihr Leben. Der Ich Erzähler hatte sich Euler, den großen Experten in Sachen Müll, der mit diesem Job ein reicher Mann geworden ist, wesentlich berechnender und blasierter vorgestellt. Und plötzlich erinnert sich der Ich-Erzähler an die damalige Begeisterung seines Kommilitonen für Arno Schmidt.

So steht dann auch im Zentrum des Buches ein Besuch dieser beiden bei dem publikumsscheuen Schriftsteller Arno Schmidt in Bargfeld. Auf diese Weise wird Arno Schmidt in dieser Novelle zur zentralen Figur und Uwe Timm hat seine Freude daran, bei dieser Gelegenheit eine Menge von Arno Schmidt Zitaten in den Text einfließen zu lassen. Es gibt ja diese "Wandersage" das zwei Studenten Arno Schmidt als Landvermesser getarnt besucht haben sollen und dabei die von Kartographien begeistere Schreiberseele aus der Reserve locken konnten. Als Schmidt sie nach dem Grund ihres Besuches fragte, erzählten sie ihm von den Plänen einer Schweinefarm die in der Nähe seines Grundstücks entstehen sollte. Die im Windschatten dieser Farm Lebenden mussten davon ausgehen, dass während einer Hitzewelle der Gestank aus dem Güllebecken so durchdringend und abstoßend sein würde, dass es sie würgte.

Auch wenn unglaublich viele schöne von Sprachwitz umgebene Formulierungen aus den Schmidt Werken Kühe in Halbtrauer", "Zettels Traum", "Das steinerne Herz" oder "Aus dem Leben eines Fauns" vorkommen, ist es keine Abhandlung über Arno Schmidt, sondern die zwei Lebensläufe der Protagonisten sind eigenständig und kommen lediglich mit der Literatur von Schmidt zusammen. Der Euler, der früher so gern gelesen hat, wendet sich von der Literatur ab, empfindet sie als überflüssigen Luxus, macht im wahrsten Sinne des Wortes in Müll und der andere, der Ich-Erzähler wird Lehrer und bleibt ein Leben lang Leser.

Die Generation der Studentenproteste hat zu guter Letzt erfolgreiche Unternehmer- und Beamtenlaufbahnen eingeschlagen. Das sollte man im sophistischen Nachklang über die siebziger Jahre nicht als Debakel sehen, sondern eher als eine Form der Selbstbescheidung. Die Logik des Textes hat eine Wiederbegegnung nach 45 Jahren erforderlich gemacht. Die Erinnerung ist ein sehr komplizierter Prozess und vielleicht will der Autor, in dem er den Erzählstil nicht ins Perfekt verlegt, sondern den Euler reden und den Ich-Erzähler sich dabei ständig reflektierend seine Gedanken machen lässt, aufzeigen, dass die Vergangenheit vielleicht am besten aus der Gegenwart zu verstehen ist?

Wieder ein großartiges Buch von Uwe Timm, eine Lesespaß mit Tiefenwirkung, bei dem die Schmidts kritische Sichtweisen mit Zartheit aber doch unmissverständlich gespiegelt werden.
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Uwe Timm schreibt über den ganz banalen Alltag.

An einem Nachmittag treffen sich zwei ehemalige Münchner Studenten in der Hansestadt Anklam nach 40 Jahren wieder. Die beiden inzwischen 70jährigen verbringen einen Nachmittag im Café des Ortes.
Der Ich-Erzähler, pensionierter Lehrer und Euler, der Ex-Mathematiker, der jetzt Mülldeponien plant.

Am Freitisch saßen sie früher zusammen und diskutierten über Gott und die Welt, gemeinsamer Nenner war Arno Schmidt und sein Buch Kühe in Halbtrauer". Mit von der Partie waren damals ein Jurist und der Schriftsteller Falkner, der sich inzwischen einen Namen gemacht hat.

Beide müssen sich erst die Vergangenheit in Erinnerung rufen, werden nur mühsam warm miteinander. Einer erinnert sich mit Wehmut, bei dem anderen ist das Gefühl des Wiedersehens noch unklar. Doch bald schon schwelgen sie in Rückschauen an das großartige Damals.

Was ist aus den Wünschen von einst geworden? Und warum will Euler just in der Heimatstadt seines einstigen Idols eine Müllverbrennungsdeponie hochziehen lassen?
Leider hat mir das Buch nicht besonders gut gefallen.

Zu still und mit viel zu wenig Biss, so kommt es mir vor, der Spannungsbogen ist ihm nicht gelungen und fehlt mir komplett. Die 135 Seiten zogen sich für mich fast endlos dahin und zwischenzeitlich war ich gelangweilt. Das führt dazu, dass ich anfing manche Passagen nur noch zu überfliegen. Auch kurze Abschnitte deutsch-deutscher Geschichte lockern die Novelle nicht auf. Die Spitzfindigkeit des Romans wirkt leider abgeflacht, ein wenig Wortwitz hätte dem Roman sicher gut getan.
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