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Kundenrezensionen

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am 9. November 2013
«Scheiße fliegt durch die Luft, streift die Äste einer Linde, trifft das Dach eines vorbeifahrenden Busses, landet auf dem Strohhut einer jungen Frau, klatscht auf den Bürgersteig». Ob schon im berühmten ersten Satz die ganze Geschichte steckt, wie Edgar Allan Poe als bedeutender Literaturtheoretiker des Neunzehnten Jahrhunderts konstatierte, sei dahingestellt, aber dieser erste Satz hier führt uns gleich äußerst brutal hinein in das bedrückende Leben eines heranwachsenden Mädchens. Und das Foto auf dem Buchumschlag passt so gar nicht dazu, aber auch der Klappentext, in dem von trockenem Humor in der Prosa der Autorin die Rede ist, führt uns in die Irre, denn Humor ist an keiner einzigen Stelle dieses Romans zu finden. Im Gegenteil! Beklemmend, düster, brutal geradezu werden etwa fünf Jahre im Leben der namenlos bleibenden Protagonistin geschildert, der Zeitraum der Pubertät dieses bedauernswerten Menschenkindes. Eine der eher seltenen Geschichten aus dem Prekariat der DDR, die aber ebenso stimmig in der Bundesrepublik hätte angesiedelt sein können, Politik ist kein Thema also, auch wenn immer wieder mal ein Foto von Honecker an der Wand hängt. Der Handlungsort deutet vielmehr auf die biografische Nähe der Verfasserin zu ihrer Figur hin, in der Berufswahl Zootechniker/Mechanisator am Ende des Romans stimmen beide darin jedenfalls überein.

Distanziert, emotionslos, geradezu lakonisch erscheint Klüssendorfs Sprache, in der die Erzählung permanent für Spannung sorgt, indem sie ständig zwischen Ausweglosigkeit und Hoffnung pendelt, den Leser damit aber auch einem ständigen Wechselbad der Gefühle aussetzt, ihn immer wieder zwischen Abscheu und Mitleid schwanken lässt in dieser unsäglichen Geschichte. «Das Mädchen» lebt völlig vernachlässigt mit ihrer alkoholsüchtigen Mutter und ihrem kleineren Bruder in einer familiären Hölle aus Armut, Lieblosigkeit und brutaler Gewalt bis hin zum Sadismus. Die Wirkungen sind verheerend, das malträtierte, vernachlässigte Mädchen reagiert ihrerseits mit Hass, wehrt sich gegen den psychischen und physischen Terror, gleitet in die Kleinkriminalität ab, flüchtet sich aber auch in ihre Träume, sucht verzweifelt einen Halt in der Literatur, versucht dem sozialen Abstieg entgegenzusteuern, die Opferrolle los zu werden. Es gibt keinen Spannungsbogen in diesem Roman, keinen Höhepunkt, auf den alles zuläuft, lauter kleine Begebenheiten reihen sich gleichberechtigt aneinander bis hin zum abrupten Ende, das uns ohne jeden positiven Ausblick in völliger Hoffnungslosigkeit zurücklässt.

Zu dieser düsteren Thematik passt die knapp und kühl wirkende Sprache ideal, durchgängig im Präsens formuliert, fast reportageartig wirkend und sich sehr radikal zurückhaltend mit Deutungen oder Hinweisen, damit den Leser in eine Stimmung versetzend, die nicht gerade als erfreulich bezeichnet werden kann, ihn aber eher wütend macht als melancholisch. Man kommt ins Sinnieren, inwieweit hier Realität abgebildet wird, hofft, es wäre nicht so, ahnt aber, leider doch, es ist real! Was kann aus Menschen werden, die so heranwachsen, die kaum eine Chance haben nach ihrer traumatischen Kindheit, an der sie selbst ja überhaupt keine Schuld tragen?

Ein Wohlfühl-Roman ist dieses schmale Buch also nicht, irgendwie ist man froh, wenn man das Ende erreicht hat, kann aber dann nicht umhin, immer wieder noch mal auf die Geschichte zurückzukommen, ihre Botschaft zu ergründen, auch wenn sich die Autorin jedweder Interpretation enthalten hat. Wofür man ihr dankbar sein muss! Was die Lektüre bewirkt beim Leser, unterscheidet sich erheblich voneinander, aber auch wenn die Mehrheit begeistert ist, ich war es nicht! Was natürlich ganz allein meine Schuld ist, mich hat letztendlich weder der Plot noch die karge Sprache überzeugt in ihrer fragwürdig erscheinenden Sprunghaftigkeit.
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am 14. Oktober 2011
Auf knapp 200 Seiten entwirft Angelika Klüssendorf ein farbloses Milieu, in dem getrunken, geschlagen, randaliert, gelogen, gestohlen und betrogen wird. Hier atmet, kämpft und überlebt ein namenloses Mädchen. Ein Refugium aus Träumen, Vorstellungen, Ideen und Spielen konstruiert sie sich eingesperrt im schmutzigen, lichtfreien Rattenkeller, in Häuserwracks, auf der Straße oder im Heim; umgeben von einer tobenden Mutter, einem alkoholkranken Vater, quengelnden, psychisch kranken, jüngeren Brüdern, verständnislosen Heimerziehern. Das Mädchen lernt, dass sie Farben zum Atmen und Leben selbst induzieren muss, sie weiter existiert, aber aufhört zu leben, wenn Träume verfliegen. Klüssendorfs starke Heldin hält durch - bis zuletzt, aus unergründlichen Gründen reift und lebt sie. Glückliche Momente, innere Farben, wenige Menschen lassen die resiliente Figur wachsen, während ihre Brüder erkranken.

Der starke, schlichte Sprachstil, gelungene Bilder, überzeugende psychologische Wendungen lassen uns in die Figur einfühlen - wir wollen miterleben, wie es weitergeht. Viel zu früh endet ihre Geschichte - dabei vergessen wir, dass Klüssendorf uns klug und empathisch ein Milieu schildert und das Mädchen keinen Namen trägt. Ein Geniestreich - und eine unbedingte Leseempfehlung an alle Altersgruppen !
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am 9. Januar 2012
Diese Rezension schließt sich vielem an, was zuvor schon geschrieben wurde: "das Mädchen" wird - wie seine Brüder - in ein Umfeld hineingeboren, dass geprägt ist von emotionaler und körperlicher Gewalt. Die in der Entwicklung der Geschwister geschilderten Deprivationserfahrungen führen bei beiden Brüdern - völlig schutzlos - zu ausgeprägten Verhaltensauffälligkeiten. Die Stârke des Mädchens zeigt sich in ihrem hartnäckigen Verlangen, den unhaltbaren sozialen Zuständen zu entfliehen, sowohl imaginativ in Traum- und Buchwelten, als auch durch diverse reale Fluchten. Sprachlich präzise, in bedrückend einfacher Audrucksweise bringt die Autorin die Verhältnisse auf den Punkt, vermittelt die Beweggründe des Kindes, später der Jugendlichen nachvollziehbar und schonungslos überzeugend, in der Darstellung genial. In der Interpretation des Werdeganges der Protagonistin ist meines Erachtens iallerdings keine positive Entwicklung zu erkennen; ich glaube auch nicht, dass dies von der Autorin intendiert war. Die ambivalent- widersprüchlichen, häufig auch bedrohlichen Bindungserfahrungen sind Grundlage einer zunehmend eigenen emotionalen Instabilität. "Das Mädchen" hat zwar gelernt, sich zu wehren, bzw. " sich zu holen, was sie braucht" - an materiellen Dingen. Gefühlsmässig aber verbleibt sie bis zur letzten Seite eng verbunden ihrer furchtbaren Mutter, der sie ähnlicher wird, als ihr lieb ist. Zum Erhalt ihres Selbstbildes betrügt sie sich selbst, verstört und verletzt unterschiedslos sowohl Menschen, die ihr wohlgesonnen sind, als auch solche, denen sie egal ist, knüpft immer kurzfristigere Beziehungen - die Suche nach Halt verläuft hilflos fatal - und in der Duchsetzung kurzfristiger Ziele greift sie zu immer gewalttätigeren Aktionen gegen sich selbst. Am Ende verbleibt Ziellosigkeit, "sie verschwindet" in ein Nichts. Ein bedrückendes Buch, realistisch inclusive der Tatsache, dass Menschen "an Vetrautes gebunden bleiben",auch wenn sie dies nicht wollen.
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TOP 500 REZENSENTam 7. Oktober 2011
Angelika Klüssendorf erzählt eine fantastisch geschriebene Geschichte, über ein 12-jähriges Mädchen in der ehemaligen DDR, die wir über 5 Jahre lang als Leser begleiten, umgeben von asozialen Familienverhältnissen, mit vielen Entbeerungen, von körperlicher und seelischer Gewalt, dass man beim Lesen den Atem anhält. Ein Buch, das vom Überleben einer jungen Mädchenseele erzählt, angesichts eines Traumas, wo wir der namenlosen Hauptprotagonistin ganz nahe sind, wissen das es diesen Mädchen irgendwie schaffen könnte, in einer drastischen aber auch sehr authentischen Schreibweise verfasst, die mich mir als nur beeindruckt hat, bei solcher Lektüre staunt man, man bangt, und kann nicht glauben, dass man über so ein doch auch schweres Thema mit solch einer Sprache schreiben kann, die ich ganz persönlich unglaublich finde. Für ein zu Recht auf die shortlist zum Deutschen Buchpreis gesetzt, mein Gott, was für ein Buch!!! Ein Buch, das die Kraft hat, den Leser in seinem Wesen nicht nur zu erschüttern, sondern gleichzeitig zu beglücken!

Heftig, ryhthmisch, konfrontierend, eindringlich, beeindruckend, drastisch, beklemmend, brutal, ungemütlich, radikal und vor allem auch unglaublich ehrlich ist dieses Buch verfasst, dass man beim Weglegen des Buches traurig und glücklich zu gleich ist. Erstaunlich ist für mich auch, dass dieser Grundtonus des Schreibens von der ersten bis zur letzten (!) Seite durchgehalten hat, als ob jeder Satz genau geprüft und sorgsam verfasst wurde. Schon lange nicht mehr, habe ich von einer deutschen Autorin solch beeindruckende Lektüre über eine herumgeschobene Kinderseele gelesen! Im Grunde hat der Leser mit 2 Grundangelegenheiten zu tun, nämlich mit einer unglaublichen Art menschliche Abgründe mit voller Wucht zum Ausdruck zu bringen und zum anderen ist es der Inhalt, die Schilderung eines Mädchens, das völlig entwurzelt wird und in stiller und unausgesprochener Überzeugung überleben will und irgendwie ihr Leben leben will...

Man sollte sich auf keinen Fall vom Inhalt abschrecken lassen. Das Mädchen lebt bei ihren Eltern, die zerstritten sind, ihren Frust an ihrer Tochter auslassen und mit eigenen Problemen zu kämpfen haben. Ein Vater der trinkt, eine Mutter mit wechselnden Liebhabern unfähig scheint, einen angemessenen Umgang mit ihrer Tochter zu finden, ein Mädchen das in der Familie ein elendes und teilweise auch erbärmliches Leben erlebt. Neben ihr, hat sich noch einen 6-jährigen Bruder, mit dem sie ein Lieblingsspiel spielt, auf die Strasse zu rennen, wo stark befahren ist, ohne zu schauen ob ein Auto kommt...Angelika Klüssendorf beschreibt unglaublich eindringlich, wie die Härte des Lebens, dieses Mädchen auch selbst beginnt, hart zu machen. Sie stiehlt, lügt, schlägt andere Kinder... Als Leser erleben wir mit, wie ihre junge Seele beginnt, abzustumpfen, in Teilnahmslosigkeit, Gleichgültigkeit abwandert ohne dabei gross emotional zu werden. Sie gelangt irgendwann in ein Heim, aus dem sie immer wieder flüchtet, um zu aussenstehenden Menschen Kontakt zu haben, oder neue Freundschaften zu finden. Der Verlust des Empfindens, erlaubt ihr auch, in Grenzerfahrungen zu gehen, die schmerzhaft und schockierend sein können..

Fazit: Eine schriftstellerische fantastisch geschriebene Meisterleistung über den Alptraum eines heranwachsenden Mädchens, die sich nie beklagt und irgendwie versucht durchzukommen. Eine Stehaufbiographie, die mit ständigen Tiefschlägen und Enttäuschungen umzugehen hat und doch irgendwo immer wieder einen Hoffnungsschimmer am Horizont zu verzeichnen hat. Literatur, Bücher die sie liest, etwa "Der Graf von Monte Christo" scheinen ihr irgendwie einen Halt zu geben, angesichts der ganzen Entwurzelung, mit der sie irgendwie umzugehen hat. Fast hat man den Eindruck, dass dieses Mädchen irgendwie beschützt ist. Die Autorin schafft es, dass es einen als Leser regelrecht hineinzieht und es einen richtig packt. Eine atemnehmende Lektüre, die von kühler Distanziertheit, klar und nachvollziehbar geschrieben ist. Die psychische Innenwelt des Mädchens kommt dem Leser dabei unglaublich nah. Dieses Mädchen ist der wirkliche Hero dieser Geschichte, denn sie trotzt allen Umständen und Rohheiten, kämpft ihren Überlebenskampf! IST DAS NICHT UNGLAUBLICH? Nach der Lektüre geht man trotz Betroffenheit, Mitgefühl und Trauer trotzdem bereichert aus diesem Buch, weil man weiss, dass Angelika Klüssendorf mehr als nur ein grossartiges Buch geschrieben hat. Von hundert Büchern, die ich lese, wirklich lesenwert sind dabei wohl wirklich nur zehn. "Das Mädchen" bekommt bei mir einen Platz unter diesen Top Ten, solche Bücher sind einmalig und ganz besonderem literarischen Wert! Diese Autorin macht neugierig darauf, was sie ansonsten geschrieben hat...Was für ein Buch, was für eine Geschichte...was für ein Mädchen...

Zum Abschluss möchte ich gerne eine Stelle zitieren, die mich tief bewegt hat. (S.169) Als das Mädchen mit zwei Freudinnen im Bett liegt, erzählen sie sich Geschichten, die leider in Selbstanklagen enden. Sie versucht ihre Freundinnen zum Lachen zu bringen, weil sie es nicht so gemeint hat. Sie meint: "..sollte ich sterben, werde ich am Tag meines Todes in euren Träumen erscheinen, wenn ihr von einem Hasen träumt, der Purzelbäume schlägt, dann wisst ihr, dass ich tot bin."

Empfehlung: Definitiv!!
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am 5. Februar 2014
Angelika Klüssendorf, 1958 geboren, verbrachte ihre Jugend in Leipzig, Mitte der 19achtziger Jahre verließ sie die DDR.

Ihre Chronik einer Kindheit in einem Milieu von Alkoholismus, Verwahrlosung und Gewalt, das in der DDR offiziell nicht registriert wurde, schaffte es auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2011.

Der nur hin und wieder im Familienbild auftauchende, angetrunkene Vater schlägt die überforderte Mutter.
Diese drangsaliert schwankend zwischen Depression und Sadismus die zwölfjährige Tochter und den sechsjährigen Sohn. So erzeugt sie eine Atmosphäre der Angst und des aufkommenden Wiederstandes des Mädchens.

„Es macht keinen Unterschied, ob sie lügt oder die Wahrheit sagt, geprügelt wird sie immer ... Sie verschwindet in der Raserei der Mutter wie in einem Strudel, lässt sich nach unten auf den Grund sinken und ist einfach nicht mehr da.“ (Zitat Klüssendorf )
Das wird in aller Drastik deutlich.
Das namenlose Mädchen gibt Ihren Erfahrungen an den kleinen Bruder weiter.
Sie quält ihn, indem sie ihm lebensbedrohliche Dinge zumutet.
Im Kampf ums Dasein verroht das Mädchen. Sie lügt, schwänzt die Schule und stiehlt.
Sie entwickelt aber gleichzeitig Strategien der Selbstbehauptung gegenüber einer feindseligen Außenwelt.
Aber um Hilfe bittet dieses Mädchen niemand.

Die Einweisung in ein Kinderheim zur „Umerziehung fehlentwickelter junger Menschen“ erscheint da beinahe als Befreiung.
Mager aber zäh und gewitzt, kann sie die „Zehn Gebote der sozialistischen Moral“ nur als komisch empfinden.
Die Welt der Literatur ist für sie ein Überlebensmittel, das ihr hin und wieder wirklich inneren Halt geben kann.

Eine Wandlung verweigert die Autorin ihrer ebenso verletzlichen wie verhärteten Heldin zwar, aber immer wieder blitzt Hoffnung auf, dass dieses starke Mädchen nicht untergehen wird.

Unbedingt lesen oder hören (Sprecherin des Hörbuches: Julia Nachtmann) !
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am 22. Juli 2015
Das Mädchen, die Hauptfigur dieses »DDR«-Prekariatsromans von Angelika Klüssendorf, Vorläufer von April, hat so einiges zu erdulden: eine versoffene Mutter, einen unzuverlässigen Vater, der sich gelegentlich mit unsicherer Wiederkehr vom Acker macht, und dann muss sie auch noch Babysitter für ihren kleinen Bruder Alex spielen. Schließlich hat sie von ihrer zeternden und prügelnden Rabenmutter die Nase voll, haut ab, kommt wieder, haut wieder ab, strandet bei ihrem Vater, der jetzt mit der rothaarigen Ellen zusammen ist und Arbeit im Hotel Atlantik an der Ostsee hat. Sie freundet sich mit Wodek, Steffi und Gudrun an, doch die verschwinden mit Ende der Urlaubszeit wieder aus ihrem Leben. Ihr Vater schafft einen Hund an, der Hugo heißt. Nach einer Scharlach-Erkrankung landet das Mädchen wieder bei ihrer Mutter, die schon wieder schwanger ist, von Henry, einem neuen Mann. Ein zweites Brüderchen kommt zur Welt: Elvis. Als ihre Mutter sie in boshafter Stimmung eine »Missgeburt« nennt, die sie eigentlich habe abtreiben lassen wollen, schluckt das Mädchen aus Frust die Mine eines Stifts und landet nach ein paar Tagen im Krankenhaus im Heim. Auch hier boxt sie sich, namentlich gegen den garstigen August Kreische, der sie mit der Androhung von Kopfnüssen zu zwingen versucht, ihm ihre Götterspeise zu überlassen, durch, muss aber vor allem selbst ganz schön viel einstecken. Ihr Spitzname ist Gerippe, weil sie so dünn ist. Sie freundet sich mit Mui, Carmen und Radatte an und hilft der Klassenschönsten, Constanze, mit Spickzetteln in Deutsch. Doch in den Ferien bleibt sie allein im Heim zurück. Die Sehnsucht nach Elvis treibt sie in die Kinderkrippe, aus der sie Elvis entführt. Wenig später steht sie vor einen dicken Frau im Durchgangsheim für jugendliche Straftäter. Kurz vor Weihnachten wiederholt sie den Versuch, sich zur Familie durchzuschlagen, um Elvis zu sehen, wieder landet sie vor der dicken Frau. Sie beginnt sich für die Literatur zu begeistern, schwärmt für Der Graf von Monte Christo, für Balzac, Hemingway und Geliebte Söhne von Howard Spring. Ein Mädchen namens Marianna erklärt ihr die Bibel, doch da will der Groschen nicht recht fallen. Andy kommt neu in das Heim und ist der Schwarm aller Mädchen. Er und Constanze werden ein Paar. Dass Andy sich infolgedessen auch mit ihr, dem Gerippe, abgibt, wird ihr Durchbruch. Sie wird zur Ratgeberin für die anderen Mädchen. Scheu geht sie bald selbst erste Schritte in der Liebe, als sie Bernd kennenlernt, der ihr seine »Winnetou«-Poster zeigen will, dann aber auch bald selbst etwas zu sehen bekommen möchte. Wenig später macht Bernd Schluss mit einem Brief, den Constanze überreicht. Schließlich wird ihr eine Lehrstelle auf einer LPG zugewiesen. Das Mädchen, inzwischen 17 Jahre jung, wird auch weiterhin seinen ganz eigenen Weg gehen...
Eine logisch durchkomponierte Geschichte, damit kann Angelika Klüssendorf mit ihrem Entwicklungsroman nicht aufwarten, Spannungsbogen oder dramatische Hinentwicklung auf ein Ziel: Fehlanzeige. Dieser Roman entzieht sich den Konventionen wie seine Hauptfigur. In glanzloser und doch exakt vermessener Sprache nimmt die Autorin den Leser völlig unprätentiös mit in den schwierigen Alltag einer Heranwachsenden, die allen Schwierigkeiten mit geradezu heroischem Durchhaltewillen trotzt. Ein richtiges Ende gibt es auch nicht. Dennoch folgt man den trivialen Erlebnissen der jungen Hauptfigur gern und langweilt sich in Anbetracht des unspektakulären Inhalts erstaunlich wenig. Auch eine Leistung.

Dieses Buch könnte Lesern gefallen, die 3000 Euro und Die Habenichtse mochten.
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TOP 500 REZENSENTam 13. März 2014
Gar keine Frage, der Text zeichnet sich durch eine ausgesprochen dichte und intensive Atmosphäre aus. Teils wird sehr lakonisch und kurz beschrieben, was bei anderen Autorinnen und Autoren Seiten und ganze Kapitel füllen würde. Die Beschreibungen über (vor allem) mütterliche Gewalt gegen die beiden Kinder, die Titelfigur und ihren kleinen Bruder Alex, lassen dem Leser das Blut gefrieren. Und eben nicht durch ausufernde Beschreibung, sondern durch diese Lakonie.

"Das Mädchen" bricht irgendwann zuhause aus, flieht vor der Mutter und wechselnden Männern. Zuhause ist in der ehemaligen DDR, in einem wenig begüterten Umfeld, in dem die Mutter teilweise tagelang fehlt, ohne sich um ihre beiden Kinder zu kümmern. Obwohl, sie fehlt eigentlich nicht, so wie sie sich verhält. Die mehrfach versuchte Flucht bringt sie am Ende in ein Heim, aus dem heraus sie auch eine Schule besucht und zwar gar nicht einmal erfolglos. Nur ohne Antrieb, ohne Ehrgeiz. Diesen zeigt sie nur beim Ladendiebstahl und anderem Verfehlungen.

Am Ende lässt mich das Buch mit dem recht offenen Ende zurück und ich denke: "Ja, genau, so wird das wohl auch heutzutage oft verlaufen. Nicht Fisch und nicht Fleisch. Keine finale, apokalyptische Katastrophe, aber auch kein wirkliches Licht am Ende des Tunnels." Trostlos eben.

Vier Sterne für ein Buch, das ich nur schwer unter der Kategorie "Roman" einstufen kann, überwiegend wegen des schmalen Umfangs, der für eine Erzählung reicht oder auch für eine Novelle. Aber letztendlich ist das Wortklauberei und nicht entscheidend.
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am 28. September 2011
Am Anfang fliegt Scheiße aus dem Fenster. Sie landet auf dem Bürgersteig und auf dem Strohhut einer Passantin, der Briefträger kann sich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen. Das zwölfjährige Mädchen, dessen Geschichte in diesem wunderbaren und bewegenden Buch erzählt wird, wirft die Scheiße aus dem Fenster einer Wohnung im dritten Stock, um auf sich aufmerksam machen, um zu zeigen, dass es sie noch gibt. Denn sie und ihr sechsjähriger Bruder Alex sind seit Tagen in der Wohnung eingeschlossen. Da sie die auf halber Treppe befindliche Toilette nicht erreichen können, verrichten sie
ihre Notdurft in einen Eimer. Irgendwann kommt die Mutter wieder nach Hause, doch das ändert nichts.

Denn die Geschichte der Kindheit und der Jugend dieses Mädchens, die Angelika Klüssendorf da mit durchaus autobiographischen Bezügen erzählt, ist traurig und furchtbar. Während er sich von der knappen und sehr präzisen Prosa Angelika Klüssendorfs immer mehr angezogen fühlt, wird der Leser von einer Katastrophe in die andere geführt. Denn mit jeder beschriebenen Episode aus dem Leben des Mädchens wird es schlimmer.

Die Mutter des Mädchens arbeitet in einem Mitropa-Restaurant und ist auf eine Weise asozial und brutal, dass einen an manchen Stellen beim Lesen die nackte Wut packt. Doch das Mädchen ist stark, niemals ruft sie um Hilfe. Sie findet Trost in der Lektüre von Dumas' "Der Graf von Monte Christo", ein Buch, das sie einmal, um es ganz für sich behalten zu können, vollständig in mehrere Hefte abschreibt. Ihr bisheriges, von Prügel, Alkohol und fremden Männern im Bett der zunehmend verwahrlosenden Mutter hat sie hart gemacht. Sie lügt, sie stiehlt, schwänzt die Schule, und später, als sie vom Jugendamt in ein Heim gebracht wird, verprügelt sie auf brutale Weise wehrlose Kinder.

Die Geschichte des Mädchens spielt in der DDR und zeigt, welches hässliche Gesicht dieser Staat auch hatte, welche Asozialität auch durch exzessiven Alkoholkonsum sich dort an den unteren Rändern einer Klassengesellschaft, die keine sein durfte, breit gemacht hatte. Doch diesen Teil der DDR zu zeigen, ist gar nicht das wesentliche Anliegen einer Autorin, die mit nüchternen Worten und ganz genau sich in die gequälten Seelen ihrer Figuren einfühlend, deren Ausweglosigkeit beschreibt.

Doch "Das Mädchen" sucht immer wieder Auswege, sie flieht aus dem Heim, wird wieder zurückgebracht, sie gibt auf ihre eigene Weise nicht auf. Mit dem Wort Hoffnung wäre nicht ausreichend beschrieben, was sie treibt und nicht ruhen lässt. Es ist ein ihr selbst wohl erst später bewusst werdender Prozess der Selbstfindung mitten in einer absolut hoffnungslosen Existenz. Später im Heim ist es die Literatur, in der sie Halt und Trost findet. Regelrecht süchtig liest sie Bücher von Hemingway, Zola und Balzac.

Man spürt schon bald, dass dieses Mädchen an dem, was ihr da widerfährt, an ihrem fruchtbaren Leben nicht zerbrechen wird. Man spürt, dass sie überleben wird.

Angelika Klüssendorfs Roman ist eine bewegende und in seinem Ansatz sehr radikale Coming- of- Age-Geschichte, sprachlich auf höchstem Niveau und deshalb verdientermaßen auf der Short-List für den Deutschen Buchpreis 2011. Ein Buch, das einen mit Spannung auf Klüssendorfs nächstes warten lässt.
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TOP 500 REZENSENTam 20. November 2015
Für einen Tag fesselte mich dieses Buch auf dem Sofa; einen Tag lang verfolgte ich nahezu ohne Pause (fast als wäre das Buch als ein einzelnes Erlebnis unumgänglich) der Geschichte eines Mädchens, das namenlos bleibt und dessen Existenz sich wahrscheinlich zusammenfassen ließe mit den Worten: Hier ist wohl viel passiert, aber wenig davon würde man als Außergewöhnlich bezeichnen.

Dabei ist eigentlich alles außergewöhnlich - für das einzelne Individuum. Eine existenzielle Wahrheit, die in Angelika Klüssendorfs Buch sehr gut zum Ausdruck kommt. Jedes Leben, jeder mit Leben gefüllte Körper, ist ein einzigartige Form von Wahrnehmung, Erlebnis, Erwartung und Gefühlen. Und jedes Leben steht im Schatten anderer Leben, die bereits fortgeschritten sind.

In "Das Mädchen" wird eine Form von Elend und Milieu gezeigt, die weit davon entfernt ist, im materiellen Sinne katastrophal zu sein. Nicht die Armut an Besitz macht hier das schmale Entsetzen aus, das alles umspinnenwebt, sondern die Armut an Raum für Emotionen, für Hoffnungen, Entwicklungen.

Wer eine augenscheinliche unspektakuläre, aber sehr existenzielle Erfahrung machen will, sollte "Das Mädchen" lesen. Es ist ein Buch, dass sich unter die Haut eines Menschen begibt, der schon von Anfang an im Abseits des Lebens steht und dennoch existiert, als eine Bewegung durch formlose Zeit und durch verengte Perspektiven. In seiner Kürze und Nüchternheit (die eine Unerhörtheit anstößt) ein großartiges Dokument!
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am 25. April 2012
Die Autorin erspart einem nichts. Hier kämpft sich ein junger Mensch ins Leben, wird immer wieder verletzt, zurückgestoßen und behindert und gibt doch nicht auf. Wobei das wirklich Gute an diesem Roman ist, dass die Autorin gerade nicht in die Klischeefalle läuft. Nicht-Aufgeben heißt in diesem Fall nicht, dass die Protagonistin sich an den üblichen Normen orientiert. Sie klaut und lügt, anders kann sie sich nicht durchschlagen. Aber das Verrückte ist, dass man als Leser wider besseren Wissens mitgeht, dass man ihr immer wünscht, sie würde Erfolg haben, auch wenn dieses Mädchen so gar nicht unseren Moralvorstellungen entspricht.
Wie kommt das? Wie kriegt die Autorin uns dazu?
Die Antwort ist einfach zu geben, auch wenn es sicher eine große Kunst ist, Entsprechendes zu schreiben.
Es sind Sätze wie dieser: "Scham, das fühlt sie, ist aufregender als Langweile." oder: "Ihr Vater schließt sie im Zimmer ein und geht. Sie schlingt die Arme um ihren Körper, läuft weinend, ihre Unschuld beteuernd, durch den Raum, doch die Stunden vergehen, und ihr Vater kommt nicht zurück." So einfache Gefühle und doch sind sie so schwer in Worte zu fassen.
Das Mädchen fühlt sich verlassen und hört doch nicht auf, nach der Liebe suchen, egal wo, irgendwo muss sie zu finden sein. Doch letztendlich wird sie enttäuscht. Am Ende ist wenig Hoffnung, nirgends. Leider - auch wenn der Klappentext etwas anderes signalisieren möchte. Dabei zeichnet gerade dieses Ende den Roman aus. Er ist schonungslos und offen.
Und er lügt eben auch am Ende nicht.
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