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5.0 von 5 Sternen Nicht nur für Alt-68er nachdrücklich empfohlen!
Wolfgang Schorlau kannte ich bisher nur als Autor von Politthrillern mit Georg Dengler, dem Ex-BKAler und Privatermittler aus Stuttgart. Aber wie bereits die Themenauswahl dieser Bücher erkennen lässt, ist Schorlau ein politischer Mensch, der seine Leser informieren möchte, aber natürlich auch Flagge zeigt, wie beispielsweise durch sein Engagement...
Veröffentlicht am 18. April 2013 von Hamlet

versus
5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Rebellen: Karriere, trotz früherer KBW-Mitgliedschaft
Das Besondere an Schorlaus Krimis, z. B. beim „München Komplott“ oder bei „Fremde Wasser“, sind die topaktuellen und gründlich recherchierten Sachverhalte, wobei dem Leser die politische Brisanz manchmal mehr Nervenkitzel und Spannung bereitet als der eigentliche Kriminalfall. Entsprechend hoch war meine Erwartung an Wolfgang Schorlaus...
Vor 21 Monaten von Gerhard Günther veröffentlicht


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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Rebellen: Karriere, trotz früherer KBW-Mitgliedschaft, 16. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Rebellen: Roman (Gebundene Ausgabe)
Das Besondere an Schorlaus Krimis, z. B. beim „München Komplott“ oder bei „Fremde Wasser“, sind die topaktuellen und gründlich recherchierten Sachverhalte, wobei dem Leser die politische Brisanz manchmal mehr Nervenkitzel und Spannung bereitet als der eigentliche Kriminalfall. Entsprechend hoch war meine Erwartung an Wolfgang Schorlaus (geb. 1951) neuen Roman „Rebellen“, der die Anfänge der APO und des „bürgerlichen Ungehorsams“ in der Universitätsstadt Freiburg zum Gegenstand hat.

Bereits der Klappentext macht deutlich, dass es im Roman nicht vorrangig um eine Darstellung der Studentenbewegung bzw. der Achtundsechziger geht, nicht um die große politische Rebellion oder gar Revolution, sondern um das Rebellieren zweier Jugendlicher aus einem sehr unterschiedlichen Milieu. Die Befreiung bzw. Emanzipation von Paul aus dem Waisenhaus- bzw. Außenseiterdasein und die kämpferische Loslösung von Alexander aus einer konservativen, großbürgerlichen Unternehmerfamilie führen sie als beste Freunde aus unterschiedlichen „Welten“ zusammen. Katalysatoren ihrer Politisierung, die sie schließlich für einige Zeit in die maoistische KBW-Gruppe führt, sind Protestaktionen und Sitzstreiks gegen eine Fahrpreiserhöhung und die Identifikation mit der Rock- bzw. Beatmusik, die ihrem rebellischen Lebensgefühl als Jugendliche entspricht. Typisch ist, dass ihr Kontakt zur "Politik" eigentlich eher zufällig hergestellt wird, eigentlich sind die Freunde auf der Suche nach einem Partykeller. In mancher Hinsicht ist der erste Teil des Romans auch als "Fallstudie" einer politischen Radikalisierung zu verstehen, wobei eine gewisse ironische Distanz dadurch entsteht, dass den Lehrlingen aus der Fabrik von Studenten das "richtige proletarische Bewusstsein" beigebracht werden soll.

Bald wird einem klar, dass es Schorlau nicht um eine historische Darstellung des damaligen Protests in Freiburg geht, sondern eher um eine Studie der politischen Sozialisation jener Zeit, die exemplarisch zeigt, dass die Gründe der Jugend-Rebellion sehr verschieden waren. Deutlich wird auch, dass es falsch wäre, diese Entwicklung einzig als „Studentenbewegung“ zu bezeichnen, wie dies häufig getan wird, denn der Protest und Kulturwandel erfasste auch die jugendlichen Arbeiter und Berufsschüler.

Die Entwicklung von Alexander und Paul bietet eigentlich Stoff genug für einen kritischen „Bildungsroman“ mit zeitgeschichtlichem Hintergrund. Doch Schorlau will viel mehr: Seine beiden Protagonisten stehen für „Freiheit“ bzw. „soziale Gerechtigkeit“, wobei jeweils gezeigt werden soll, was von den „Idealen der Jugend“ (Klappentext) später geblieben ist. Um dies zeigen zu können, wird deren Entwicklung über drei Jahrzehnte in Ansätzen dargestellt und als weitere Person Toni eingebaut, um die ungewöhnliche Freundschaft durch die Rivalität um dieselbe Frau etwas dramatischer zu gestalten.

Nach der Hälfte des Romans verliert Paul seine Rolle als Hauptfigur, auf den sich vermutlich bislang das Interesse und die Sympathie der Leser konzentriert haben. Toni wird als Ich-Erzählerin zunehmend zur dominierenden Person, aus deren Perspektive das Handeln und Verhalten der beiden Freunde betrachtet und beurteilt wird. Toni wird zur positiven Frauenfigur aufgebaut, die den Proletarierkult und die Theorielastigkeit der Maoisten kritisiert und sich später in ihrer Praxis um magersüchtige Mädchen kümmert. Trotz ihrer Bescheidenheit und ihrer praktischen „Nächstenliebe“ ist ihr Verhalten nicht immer geradlinig, da sie sich gefühlsmäßig nicht zwischen den beiden Männer entscheiden kann.

Der Roman ist in 87 Kapitel gegliedert, die meist nur kleine Abschnitte umfassen. Sehr kurze Sätze bzw. knappe Dialoge mit einigen eingefügten Dokumenten bewirken einen sachlichen teilweise eher umgangssprachlichen Erzählstil. Der dauernde Perspektivenwechsel mit Zeitsprüngen bewirkt, dass die Entwicklung der Protagonisten nicht sehr glaubwürdig erscheint und vor allem wenig Mitgefühl erzeugt. Zeit- und Gesellschaftsbezug werden meist sehr klischeehaft hergestellt, der Roman wird an manchen Stellen eher zu einer parodistische Beschreibung jener Zeit in einer Universitätsstadt. Der Handlungsverlauf, von dem hier nicht mehr vorweggenommen werden soll, wird für den Leser bald vorhersehbar und auch das Ende bietet wenig Überraschendes.

Endlich auf der Schlussseite 328 angekommen, empfand ich den Roman wenig gelungen, sehr konstruiert, weder die Personen noch Zeitumstände überzeugend beschrieben. Warum ? Als Schorlau-Krimi-Leser war ich wohl Opfer meiner falschen Erwartungen geworden. Ich hatte eine kritische Aufarbeitung der rebellischen Jahre erwartet, geboten wurde eine übertrieben konstruierte Dreiecksbeziehung zwischen einer Frau und zwei Männern. Das scheinbar vorrangig Politische, die Rebellion gegen Gesellschaft und Autoritäten, hatte in Wirklichkeit wohl eher private, persönliche oder gar sexuelle Antriebe. Ist das die Botschaft bzw. Erkenntnis von Schorlau in seiner Rückschau ? Der "Glaube" an die proletarische Revolution wird schonungslos zerstört, Pauls Kollege Strunz spricht das knallhart aus, bei einer "Revolution der Spießer" würde er ins Exil gehen. Der Beginn der Freiburger Protestbewegung gegen Fahrpreiserhöhungen führt bei Schorlau sehr rasch
zur Bildung der maoistischen K-Gruppen, die gleichfalls im Zentrum seiner Kritik oder gar spöttischer Ironie stehen. Der internationale Kontext - Vietnam-Krieg - spielt im Roman keine Rolle. Die Entwicklung der drei Hauptpersonen im Zeitraffertempo verursacht Sprünge und bzw. Lücken in der Chronologie der Ereignisse.

Auf seiner Homepage bietet Schorlau zu seinen Büchern zusätzliche Informationen, u. a. seinen Artikel in der badischen Zeitung von 2007, in dem er berichtet, wie er als kaufmännischer Lehrling in Freiburg zusammen mit Studenten demonstrierte. Manche Passagen im Roman bekommen damit einen realen Hintergrund. Man fragt sich, wie groß der biographische Anteil von Schorlau bei seinem „Helden Paul“ sein mag. Vor allem versteht man, warum es den damaligen Lehrling Wolfgang Schorlau heute wohl noch sehr ärgern muss, dass die „Rebellen“ von damals heute fast ausschließlich als Studenten beschrieben werden. Ist es Teil von Schorlaus Erfahrung, dass die politisierten Studenten wie Alexander nachher sehr rasch ihre Ideale verraten haben und Karriere gemacht haben, während das Arbeiterkind Paul auch später als aktiver Gewerkschaftler und Umweltschützer seinen Idealen treu blieb?

Wenn das die vom Roman vermittelte Erkenntnis sein soll, die Schorlaus persönlichen Erfahrung entspringt, dann nehme ich meine inhaltliche Kritik zum guten Teil zurück. Trotzdem bleibt die Frage, ob die von ihm gewählte Konstellation für diese „Botschaft“ wirklich geeignet war; ich hätte mir mehr „Paul-“ und weniger „Toni-Perspektive“ gewünscht. Trotzdem bietet Schorlau mit seinem Roman auch dem Leser, der vor allem Kritik der politischen und wirtschaftlichen Zustände erwartet, einige Passagen, die dieses Leserbedürfnis befriedigen, wenn er z. B. an die KBW-Vergangenheit des baden-württembergischen Ministerpräsidenten erinnert oder beschreibt, wie rasch die Gewerkschaften und SPD damals Ausschlüsse von „Rebellen“ praktizierten. Auch das sollte im 150. Jubel-Jahr der SPD-Gründung nicht einfach vergessen werden.

Ok, also drei Sternchen für Schorlaus Roman.

Aber: Wenn ein zwölfjähriger Enkel seinen Apo-Opa fragt, wie das damals eigentlich war, dann sollte er ihm das „Rebellen-Buch“ nicht zur „informativen Lektüre“ in die Hand geben, denn Schorlaus Rückblick auf jene rebellische Epoche ist sehr spezifisch und vermutlich stärker persönlich und an manchen Stellen provozierender als es anfangs scheint.
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12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nicht nur für Alt-68er nachdrücklich empfohlen!, 18. April 2013
Von 
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Rezension bezieht sich auf: Rebellen: Roman (Gebundene Ausgabe)
Wolfgang Schorlau kannte ich bisher nur als Autor von Politthrillern mit Georg Dengler, dem Ex-BKAler und Privatermittler aus Stuttgart. Aber wie bereits die Themenauswahl dieser Bücher erkennen lässt, ist Schorlau ein politischer Mensch, der seine Leser informieren möchte, aber natürlich auch Flagge zeigt, wie beispielsweise durch sein Engagement gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21.

Jetzt wird er offenbar nostalgisch, betrachtet er doch in seinem neuesten Roman "Rebellen" einen Zeitraum, der für die persönliche Entwicklung und die allmähliche Politisierung all derjenigen, die jetzt älter als fünfzig Jahre sind, von immenser Bedeutung war.

Rebellen", Handlungsort ist nicht Berlin oder Frankfurt sondern das idyllische Freiburg, und seine beiden Hauptfiguren sind Paul und Alexander. Schorlau betrachtet deren politischen Werdegang und ihre persönliche Entwicklung, schaut, was von den Träumen und Idealen der 68er-Bewegung am Ende übriggeblieben ist.

Die sechziger und siebziger Jahre sind eine überaus interessante Zeitspanne in der Geschichte der BRD: anfangs haben nur die Studenten die Lügen ihrer Väter, die verlogene Moral und die verkrusteten gesellschaftlichen Strukturen satt und gehen auf die Barrikaden. Etwas später erfasst die Studentenbewegung auch Lehrlinge und junge Arbeitnehmer - die Jugend wird politisch.

Genau für diese beiden Lager stehen Schorlaus Protagonisten, die sich schon seit Kindertagen kennen und Freunde sind, obwohl sie gegensätzlicher nicht sein könnten: Alexander kommt aus einer Fabrikanten-Familie, sein Freund Paul lebt im Waisenhaus, aber bekanntlich ziehen sich Gegensätze an, und das, was man selbst nicht ist, fasziniert am meisten. Und auch die Gründe, die für ihr politisches Engagement verantwortlich sind, unterscheiden sich, denn Alexanders Streben gilt eher der persönlichen Freiheit, wohingegen Paul eher der "Gerechtigkeit für alle"-Typ ist. Aber ganz so selbstlos, wie es scheint, ist er doch nicht, das zeigt sich spätestens dann, als Toni ins Spiel kommt, eine junge Frau, die von beiden Freunden begehrt wird. Daran zerbricht schlussendlich die Freundschaft von Alexander und Pauls, denn auch junge Revolutionäre können ihr Verhalten nicht von heute auf morgen ändern und freie Liebe ohne Besitzansprüche praktizieren.

Auch Jahrzehnte später ist von der anfänglichen Rebellion kaum etwas übriggeblieben, angepasst und gesellschaftskonform leben die Rebellen von einst ihr bürgerliches Leben.

Genau so war es - dieser Gedanke ging mir bei der Lektüre öfter durch den Kopf, denn Wolfgang Schorlau beschreibt die Aufbruchstimmung Ende der sechziger Jahre sehr lebendig und anschaulich, dieses Alles-ist-möglich-Gefühl, das aber im Verlauf der Jahre immer mehr den Anforderungen des Alltags weichen musste. Und da geht es Paul, Alexander und Toni nicht anders als den Lesern, die Teil dieser Bewegung waren und entweder durch die Institutionen marschiert sind oder sich mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten arrangiert haben.

Bei der Lektüre des Buches hatte ich öfter das Gefühl, ich befände mich auf einer Zeitreise. Ähnliche Diskussionen geführt, die gleiche Musik gehört, prägende Erlebnisse - und dann aber auch die kritische Reflexion, was von den damals propagierten Idealen übriggeblieben ist.

Nachdrücklich empfohlen - und nicht nur für die Alt-68er!
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zeitgeschichte persönlich erzählt, 22. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Rebellen: Roman (Gebundene Ausgabe)
Alexander und Paul lernen sich als Jugendliche kennen. Während Alexander aus einer bürgerlichen, Mittelstands-Familie kommt, wächst Paul im Waisenhaus auf, welches in der Nähe von Alexanders Elternhaus liegt. Es entsteht eine enge Freundschaft, die über Jahre hält. Beide engagieren sich in der linken Bewegung, aber aus sehr unterschiedlichen Motiven. Paul, der eine Ausbildung zum Feinmechaniker, geht es um soziale Gerechtigkeit und Alexander, der studiert, eher um Distanz zu seiner Familie. Ihre Freundschaft besteht sogar weiter, als sie sich in die gleiche Frau verlieben. Toni, die Psychologiestudentin, die später Therapeutin für magersüchtige Mädchen werden wird und schließlich Alexander heiratet. Paul und Alexander driften irgendwann auseinander ohne eine ziemliche Schweinerei seitens Alexander jemals thematisiert zu haben. Jahre später wird Alexander von der Vergangenheit in Form von Pauls Sohn eingeholt.

Frau Braun meint:

Wolfgang Schorlau ist mir durch die Georg Dengler Krimis bekannt, die ich alle mit Begeisterung gelesen habe. Dieses ist der erste Roman den ich von ihm gelesen habe und er lässt mich sehr nachdenklich, ein wenig nostalgisch und sehr angetan, zurück. Die Geschichte von Alexander und Paul ist in kurzen Kapitel aus unterschiedlichen Zeiten von Paul, Alexander (damals und heute), Toni (ebenfalls damals und heute) und Maximillian (Alexanders Bruder) erzählt und vermittelt so ein sehr komplexes Bild. sowohl im persönlichen, als auch von den politischen Ereignissen. Es ist ein Buch um Ideale und was von ihnen bleibt. In ihrer Jugend sind Paul und Alexander begeisterte Kommunisten studieren fortwährend Lenin, Marx und Mao und träumen von der Revolution und anschließenden Diktatur des Proletariats. Zu diesem Thema sagt Strunz, ein Genosse und Arbeitskollege von Paul etwas, dass ich in der Zeit oft gedacht habe:

Eine Diktatur seiner Kollegen bei Heppler wäre eine Diktatur der Spießer, in der der nicht leben wollte.

Rebellen ist ein Stück Zeitgeschichte persönlich aufgearbeitet. Wolfgang Schorlau schreibt sehr lebensnah, schnörkellos und klar. Das gefällt mir sehr. Er schreibt ihm Nachwort zu diesem Buch:

Ich erzähle etwas spezifisches, um etwas allgemeines auszudrücken

Dazu kann ich nur sagen: Das ist hier gelungen!
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Rebellion kommt immer eines dazwischen: das Leben, 10. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Rebellen: Roman (Taschenbuch)
" Erinnerung ist ein anderes Kaliber als Gedächtnis. Erinnerung wählt aus. Erinnerung bewahrt Dinge auf, die ein unkontrollierbares Unterbewußtsein für wert hält, dass sie aufbewahrt werden, oder die so schrecklich sind, dass sie unvergesslich bleiben. Sie hält sie frisch wie am ersten Tag."

Die 60er und 70er Jahre im heute vor allem im Osten noch Westen genannten Teil der BRD waren für mich immer eine Zeit des Aufbruchs, des Umbruchs, der Revolte und der Erneuerung. Wild, ungezähmt, manchmal aggressiv aber vor allem durch die Jugend geprägt. Selbst im schicksalsträchtigen Jahr 1968 geboren, war ich genau auf dieses Geburtsjahr immer etwas stolz, weil es eine Wende bedeutete in einem Land, das nach einem furchtbaren Krieg zunächst wieder aufgebaut werden und sich selbst finden musste. Mit der Selbstfindung taten aber vor allem die sich schwer, die den Krieg unterstützt oder gezwungenermaßen erlebt hatten. Also die ältere Generation. Normalität sollte einkehren, Alltag, der Sicherheit verhieß, nichts Unvorhersehbares oder Ungezähmtes. Aus nachvollziehbaren Gründen wollte man nicht an die Erinnerungen rühren, sie verdrängen. Doch Verdrängung ist nicht der richtige Weg, um etwas Neues auf eine solide Basis zu stellen.

Anfang der 1960er Jahre wird Paul von seiner Mutter, die sich nach dem Tod des geliebten Mannes nicht mehr recht zu helfen weiß ob der immer häufigeren Verhaltensauffälligkeiten ihres Sohnes, in ein Heim gegeben. Dort muss er sich nicht nur eingewöhnen, sondern auch noch zeigen, dass er kämpfen und sich wehren kann. Wer im Heim lebt, wird von den anderen draußen nicht wahrgenommen, eher als minderwertig abgestempelt. Drinnen und draußen ist Paul alleine.

Alexander geht es ähnlich. Obwohl er als Fabrikantensohn, Einserschüler und von seinem Bruder Maximilian eifersüchtig als der Eltern Liebling beäugt, zumindest von außen betrachtet, die besseren Chancen auf Gemeinschaft hat, ist auch er drinnen wie draußen alleine.

Zwei Außenseiter, die einen Bund eingehen, jeder für sich zunächst mit eigenen Hintergedanken. Dieser Bund wird zu einer tiefen Freundschaft, die über die Jahre hinweg bestehen bleibt, obwohl sich die revolutionären Wege trennen.

Toni wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, denen sie aufgrund ihrer Erziehung und ihrer wahren Liebe zu Gott wegen, in ein Kloster entfliehen möchte. Doch das klappt nicht wie gewünscht und sie schafft es erst später, eine andere Welt kennenzulernen, in der sie auf Paul und Alexander trifft. Jeder von beiden hat Seiten, die sie liebt und beide zusammen ergäben ein Ideal ...

Unaufgeregt, warmherzig, von außen betrachtet und gerade deshalb nah dran und nachvollziehbar erzählt uns Wolfgang Schorlau von einer Zeit, die immer noch mit Mythen belegt ist. Am Beispiel dreier junger Menschen, die sich, jeweils von einem ganz eigenen Anfangspunkt kommend, treffen, Verbindungen zueinander knüpfen und durch die Zeit und die Umstände, man könnte auch sagen durch das Leben, wieder ihrer eigenen Wege gehen. Sie erleben eine Zeit des Umbruchs und sie sind der Umbruch. Was sie für sich, als einzelne Personen, daraus mitnehmen ist so individuell wie sie selbst. Und genau darin liegt die große Stärke dieses aufschlussreichen, durchaus nicht immer fiktiven Romans. Es bleiben Lücken, die später gefüllt werden, um Verbindungen aufzuzeigen, die auch der aufmerksame Leser nicht kennen kann, die Geschichte aber um so reicher und nachvollziehbarer machen, in dem Moment, in dem Schorlau sie uns zeigt.

Angefangen beim Cover, das ein authentisches Foto aus der Zeit ziert - zu sehen ist darauf ein langhaariger junger Mann in typisch lässiger Pose - bis hin zum Nachwort und der Nennung derjenigen Menschen, die wie Wolfgang Schorlau wohl selbst diese Zeit intensiv erlebt haben und sich mit ihm darüber ausgetauscht haben (hier findet man übrigens auch den Namen des Titelmodels) ist alles an diesem Buch facettenreich, menschlich, bodenständig und ehrlich. Und plötzlich nicht mehr aufrührerisch im Sinne von verrückt oder unsinnig, sondern einfach einer Gesetzmäßigkeit folgend. Es musste so sein, weil sich die Gesellschaft so entwickelt hatte und junge Menschen ihren Platz finden und sich erstreiten müssen.

Dass dabei manche ihren Idealen im Kern treu bleiben, obwohl sie im Nachhinein merken, dass ihre Ikonen auch nur Menschen und teilweise fehlgeleitet waren, andere die Erfahrungen, die sie gesammelt haben auf früherem Feindgebiet nutzen, um sich dort zu etablieren und wieder andere keine Ikonen benötigen, weil sie ein zutiefst menschenfreundliches Weltbild verinnerlichten, das sie auch leben, ist nur einer der vielen Aha-Effekte die Schorlau uns mit seinen Rebellen beschert.

Ein Buch, das sich schnell weg liest und doch lange nachhallt. Empfohlen allen, die ein aus zweiter oder dritter Hand gefärbtes Bild der 60er/70er Jahre Rebellen im Kopf haben, ebenso wie denjenigen, die sich das Bild selbst machen konnten. Es wird auf allen Seiten zu einem beitragen: dem Verständnis für das Entstehen der Revolte und der Aussöhnung mit der Abkehr von ihr.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr gute Unterhaltung aus vergangenen und bewegten Tagen!, 27. April 2014
Von 
Bernd Floyd "Kinkdyolf" (Westfalen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Rebellen: Roman (Gebundene Ausgabe)
Wolfgang Schorlau hat durch seine gesellschaftspolitischen Kriminalgeschichten mit seinem Privatermittler Dengler sehr viel Erfolg. Diese Romane habe ich in mich hineingesogen und bin nach wie vor begeistert. Vor einiger Zeit lieh mir ein Freund das Buch "Rebellen" zum Lesen aus. Ruckzuck hatte ich auch diesen Roman verschlungen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass dieses buch gar nichts mit Herrn Schorlaus Kriminalgeschichten gemeinsam hat. Wer den Ermittler Dengler erhofft in diesem Werk zu begegnen oder eine spannungsgeladene Story vorzufinden, der könnte enttäuscht werden.
"Rebellen" beschreibt die Jugendzeit von zwei Freunden (Paul und Alexander) aus unterschiedlichen sozialen Milieus in den sechziger und siebziger Jahren. Es ist die Zeit politischer Wandlungen und der Veränderung gesellschaftlicher Werte und Normen. Diese beiden Jungen begegnen sich und reifen gemeinsam an politischen und gesellschaftlichen Widersprüchen ihrer zeit. Paul ist der Arbeiter, der sich alles schwer "erkämpfen und erarbeiten" muss. Alexander, Sohn eines Unternehmers und im schulischen Bereich ein Überflieger, lernt durch die Welt in die Paul hineingeworfen wurde. Paul lebt im Waisenhaus und besitzt so gut wie nichts. Soziale Beziehungen hat er ausschließlich durch die anderen Mitbewohner und durch das Personal der Einrichtung. Alexander wächst wohl behütet und ohne materielle Not auf. dann finden sich diese unterschiedlichen Burschen und machen sich auf den Weg. Viel mehr möchte ich über dem Lebensweg der beiden hier nicht verraten. Allerdings möchte ich kurz darauf hinweisen, dass die beiden Burschen sich politisch links orientieren. Marx und Engels studieren und sich politisch engagieren. Diese Zeit des Auf- und Umbruchs prägt sie auf sehr unterschiedlicher Weise, so dass ihre gesellschaftlichen Wege im Erwachsenenalter wieder dort enden, wo sie ihren Anfang nahmen.
In meinen jungen Jahren habe ich die von Herrn Schorlau bewegte Zeit auch ähnlich wahrgenommen. Aufbrechen und Aufbäumen, sich engagieren und für eine bessere Welt streiten. In seinem persönlichen Umfeld Mitstreiter suchen, sich helfen, stützen und gemeinsam reifen. Diese Zeit möchte ich nicht missen. Mit Wolfgang Schorlaus Roman „Rebellen“ fand ich einiges aus meiner Erfahrungswelt wieder. Da kamen teilweise nostalgische, ja gar romantische Gefühle in mir hoch. Deshalb hat mich das Buch sehr gut unterhalten.
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11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wo sind sie geblieben?, 12. März 2013
Von 
H. P. Roentgen - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
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Rezension bezieht sich auf: Rebellen: Roman (Kindle Edition)
Alexander ist der Sohn eines Unternehmers in Freiburg, Paul lebt im benachbarten Waisenhaus. Der eine geht auf das Gymnasium, der andere tritt mit vierzehn eine Lehre an. Trotzdem und gerade deshalb werden sie Freunde. Es sind die sechziger Jahre, mit festgefügten Schranken zwischen oben und unten, wer wohin gehört, ist bereits mit der Geburt in Beton gegossen. Aber gleichzeitig die Zeit, in der Jugendliche diese Trennung immer mehr in Frage stellen. So werden Alexander und Paul Freunde, erleben 68 und die Auseinandersetzungen um die Fahrpreise in Freiburg, Demos und Paul genießt die Aufmerksamkeit, die ihm als Arbeiter plötzlich seitens der Studenten entgegenschlägt. Früher war er das Heimkind, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte, jetzt prügeln sich die Studentinnen um ihn.

Heute ist Alexander Unternehmer, seine revolutionäre Vergangenheit hat ihm eine Menge beigebracht, das er jetzt nutzen kann. Paul hat das Rebellentum weitergetragen und jetzt ist er tot. Sie haben beide das gleiche Mädchen geliebt und Toni hat sich nie eindeutig für einen von ihnen entscheiden können.

Wolfgang Schorlau schildert die wilde Zeit Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger anschaulich, lässt lebendig werden, warum es damals zu der Jugendrevolte kam und was heute aus den Rebellen geworden ist. Machmal ist es ein bißchen klischeehaft, meist sehr genau geschildert.

Doch die Maoistenphase, die wird nur in wenigen Szenen angerissen. Warum sind diese Rebellen in den stalinistichen KBW eingetreten, haben übelsten Dogmatismus gepredigt und später die dort erlernten Techniken als Neoliberale weiter betrieben. Fast scheint es, sie hätten sich nicht geändert, sondern nur ihren politischen Ansichten einen neuen. cooleren Anstrich verpasst. Sieht man sich an, wieviele Ex-Maoisten heute in Wirtschaft und Politik führend sind, könnte ein Alien glauben, dass Mao kein Revolutionär, sondern ein Management-Guru war.

Romane über die Jugendrevolte rund um 68 gibt es viele, doch kaum welche, die sich mit dieser Mao-Phase beschäftigen. Schorlau ist zu danken, dass er es erstmals anreißt, aber schade, dass es nur am Rande des Romans geschehen ist.

Fazit: Spannender Roman über Rebellen, die in die Jahre und Amt und Würden gekommen sind, auch wenn die Liebe zu Mao und den diversen führenden Parteien der Arbeiterklasse etwas zu kurz kommt.

Hans Peter Roentgen
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mich (Jahrgang 1954), hat der Roman eingeladen und oft auchgezwungen, meine eigene Geschichte in dieser Zeit zu erinnern, 14. November 2013
Von 
Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Rebellen: Roman (Gebundene Ausgabe)
Mit vielen Büchern als ein hervorragender Krimiautor bekannt geworden, hat der Schriftsteller Wolfgang Schorlau nun in einem Roman mit dem Titel „Rebellen“ eine Zeit in seinem eigenen Leben reflektiert und eine Periode in der Geschichte unseres Landes, das prägend war für seine Politik und Kultur.

Die Rede ist von den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als nicht nur Studenten zu „Rebellen“ wurden, sondern eine Bewegung bis in die Betrieb und Schulen hinein eine andere Politik forderte.

Seine beiden Protagonisten, mit denen er wohl auch seine eigene Geschichte reflektiert, kennen sich seit frühesten Kindertagen, Alexander ist der Fabrikantensohn, und er steht für den Klassenverrat, den damals viele aus wohlhabenden Verhältnissen kommenden Aktivisten glaubten üben zu müssen. Der andere, Alexanders Freund Paul stammt aus dem Waisenhaus. Als irgendwann mit Toni ein weibliches Wesen ins Spiel, das sie beide begehren, zerbricht ihre ehedem so starke Freundschaft.

Jahrzehnte später – das ist die andere Handlungsebene des Romans, ist nicht mehr viel, da von dem ehemaligen revolutionären Bewusstsein und erst recht von der entsprechende Praxis. Die Protagonisten leben ein bürgerliches Leben und denken auch über vieles, was sie damals dachten und taten, völlig anders.

Mich (Jahrgang 1954), hat der Roman eingeladen und an manchen Stellen auch gezwungen, meine eigene Geschichte in dieser Zeit zu erinnern, zu reflektieren und auch über so manches den Kopf zu schütteln.

Welche Werte, welche Ideale, welche Erkenntnisse und Einsichten von damals haben all die Jahre überlebt und sind heute noch gültig?
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5.0 von 5 Sternen alles stimmt, 17. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Rebellen: Roman (Taschenbuch)
ich war selbst dabei...bei den Studentenunruhen damals in Freiburg
Es stimmt alles die Strassen,die Kneipen etc. Wie ein Film lief alles noch einmal ab.Ich kann das Buch sehr empfehlen es zeigt die Zeit in der wir als Studenten waren und uns fühlten.
Das Buch ist sehr zu empfehlen .
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wunderbares Spiegelbild der Zeit, 14. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Rebellen: Roman (Kindle Edition)
Freiburg in den sechziger und siebziger Jahren. Zwei Jungen, halbe Kinder, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, werden Freunde und bleiben es über lange Zeit. Gemeinsam erleben sie den Frühling der Republik, die Studentenrevolte und den Beginn der ökologischen Bewegungen, aber auch die eine große Liebe - dummerweise zur gleichen Frau. Als die schwanger wird und sich für den desillusionierten Pragmatiker entscheidet und nicht für denjenigen, der seine Hoffnungen nicht begraben kann, trennen sich ihre Wege, wenn das Leben sie auch vereint hält, mehr als die beiden es verstehen.
Ein wundervoller Roman, eindrücklich die Schilderung Freiburgs und der Demonstrationen, der Freunde und ihrer Familien.Einen einzigen Punkt möchte ich kritisieren: die Liebesbeziehung zur gleichen Frau und diese Frau selbst ist mir zu konstruiert, zu wenig glaubhaft. Aber das ändert nichts an der Qualität des Buches.
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5.0 von 5 Sternen großartiger Autor, 25. Januar 2015
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Rezension bezieht sich auf: Rebellen: Roman (Taschenbuch)
Tolle Erzählung, gut geschrieben und thematisiert. Wenn man Freiburg aus diesen Jahren kennt, dann macht das Lesen sehr viel Spaß
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Rebellen: Roman
Rebellen: Roman von Wolfgang Schorlau (Gebundene Ausgabe - 9. März 2013)
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