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40 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schönheit muss man nicht erklären können
Der sperrige "Popliterat" Kracht, der kein Popliterat (mehr?) sein will und seine drei Romane "Faserland", "1979" sowie das vorliegende Buch als "Tryptichon" bezeichnet, hat für den Titel eine Textzeile aus dem britischen Volkslied "Danny Boy" gewählt. Um dieses Stück, das vom Abschied handelt, ranken sich viele Geschichten, man ist aber einhellig der...
Veröffentlicht am 15. Dezember 2008 von Thomas Liehr

versus
2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Die Koreaner in Minsk haben kein Drahtlos
Schon nach dem Lesen von 1979 (und auch nach Faserland) blieb ich etwas grübelnd zurück. Die Hauptfiguren treiben durchs Leben und man treibt mit, man freut sich über eine gelungene Sprache, eindrucksvolle Bilder. Es machte Spass, 1979 und Faserland zu lesen und die Bücher blieben im Gedächtnis haften, wie es gute Kunst sollte. Ich werde hier...
Veröffentlicht am 6. Mai 2012 von buecheroeli


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40 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schönheit muss man nicht erklären können, 15. Dezember 2008
Von 
Thomas Liehr (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Roman (Gebundene Ausgabe)
Der sperrige "Popliterat" Kracht, der kein Popliterat (mehr?) sein will und seine drei Romane "Faserland", "1979" sowie das vorliegende Buch als "Tryptichon" bezeichnet, hat für den Titel eine Textzeile aus dem britischen Volkslied "Danny Boy" gewählt. Um dieses Stück, das vom Abschied handelt, ranken sich viele Geschichten, man ist aber einhellig der Meinung, es ginge um den Auszug in den Krieg.
Krieg herrscht auch in dieser veränderten Zukunft unserer eigenen Vergangenheit, von der Kracht in "Ich werde hier sein" erzählt. Der vermutlich Erste Weltkrieg hat keinesfalls geendet, sondern währt seit nunmehr fast hundert Jahren, so dass es niemanden mehr gibt, der den Frieden noch kennt. Die Schweiz hat Afrika erobert und viele Afrikaner zu Eidgenossen umfunktioniert, einer davon ist der Held und Ich-Erzähler dieser Geschichte. In der Schweizerischen Sowjetrepublik, die entstehen konnte, weil Lenin das Exil 1917 nicht verlassen hat (Russland demgegenüber ist verstrahlt und unbewohnbar), besetzt er das Amt eines Parteikommissärs. Als der vermeintliche Systemgegner Brazhinsky die trübselige Gegend um Neu-Bern verlässt, nimmt der Kommissär die Verfolgung auf. Sie endet im "Réduit", dem gewaltigen Höhlensystem, das die Eidgenossen in das Massiv der Alpen gegraben haben, und das sich längst in ein Refugium für die restliche Intelligenz des Landes verwandelt hat, die auf steinernen Balkonen steht und das Kriegsgeschehen verfolgt. In dieser Utopie haben die allermeisten Menschen das Lesen verlernt, der Krieg hält die Blöcke (Hauptgegner ist das faschistische Deutschland) in einem depressiven Zustand der geistigen Stagnation. Technologische Entwicklungen hat es offenbar seit vielen Jahrzehnten nicht mehr gegeben, man schießt mit Karabinern, reist reitend und wirft Bomben aus Luftschiffen ab.
Nicht jeder Querverweis oder Gedankengang in diesem kurzen Roman ist leichthin (wenn überhaupt) verstehbar, und auch die an zwei Stellen genannten "Steckdosen", die einige Menschen im Bereich der Achselhöhle tragen, bleiben mysteriös und wirken auf exemplarische Art befremdlich. Dies gilt auch für das kryptische Ende, als der Held die Schweiz verlässt und auf seinem Weg zurück nach Afrika beispielsweise steinernen Schiffen begegnet, die irgendwo in Norditalien mitten in der Landschaft stehen. Aber um Verständnis wirbt Kracht auch nicht. Diese originell und vortrefflich erzählte Endzeitgeschichte öffnet sich vollständig vermutlich nur für Beteiligte - und das wiederum ist eine Rekursion ohne Lösung, ohne Abbruchbedingung. Man müsste schon Kracht sein - oder eben jener Kommissär.
Im eigenen Kontext allerdings funktioniert "Ich werde hier sein" durchaus. Wer aber klare Vorgaben, in ihrer Konsequenz verständliche Andeutungen und Gedanken, einzuordnende Bezüge und Aufklärung der Zusammenhänge sucht, wird an diesem Buch keine Freude haben. Denn es spielt nicht in irgendeiner Zukunft, sondern in einer anderen Welt - auch literarisch. Ganze Kohorten von Feuilletonisten rätseln herum und bleiben wage - möglicherweise, um sich nicht lächerlich zu machen.
Es mag an Selbsttäuschung grenzen, aber ich habe die Lektüre dieses Buchs sehr genossen, wenn es mir auch nicht gelang, es jederzeit zu deuten. Was normalerweise Frustration auslösen würde, hat bei diesem Buch eine andere, bemerkenswerte Wirkung gehabt: Es endete nicht mit der Beendigung der Lektüre. Wenn man nämlich all die Fragen ausblendet, die sich aufdrängen, und sich hingibt, offenbart sich eine sperrige Schönheit, und Schönheit muss man nicht erklären können.
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19 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein wortgewaltiger Abenteuerroman, 21. September 2010
»Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten« ist eine Alternativweltgeschichte, in der deutsche Selbstmordattentäter mit Gasgranaten herumrennen, Lenin in der Schweiz an Leukämie starb, nachdem ihm die Revolution gelungen war, die Schriftsprache ebenso verpönt ist wie die Religion und alle Bibeln verbrannt wurden. Jeder durchschnittliche SF-Autor hätte daraus einen siebenbändigen Zyklus gezimmert. Kracht dagegen schreibt in einem knappem Stil, ohne große Ausschmückungen, aber umso treffender in der Wortwahl. Seine Sätze sind so präzise auf dem Punkt, dass sie kein überflüssiges Wort benötigen. Es ist immer wieder faszinierend, wie das Buch die Fantasie des Lesers fordert, indem es ihm nur die Eckpunkte vorgibt. Vieles muss man zwischen den Zeilen lesen und einiges wird schlicht der Fantasie überlassen. Gerade weil man nicht jeden Schauplatz bis ins letzte Detail beschrieben bekommt und der geschichtliche Überbau nur sehr sporadisch skizziert wird, wirkt alles noch viel intensiver.
Herausgekommen ist bei Kracht eine reinrassige Abenteuergeschichte von Verfolgung, Mord und Untergang. Mitreißend und absolut fesselnd. So erinnert der Roman sehr an Cormac McCarthys »Die Straße«. Sowohl in seinem knappen, harten Stil als auch in der desillusionierenden Schilderung einer verlorenen Zukunft.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unergründlicher Autor, 20. August 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Mein Verhältnis zu Christian Krachts Werk ist äußerst ambivalent: Faserland: Roman fand ich erstaunlich selbstgefällig und unironisch, die Sammlung New Wave: Ein Kompendium 1999 - 2006 habe ich ratlos zur Seite gelegt, Imperium: Roman war für mich - trotz sprachlicher Manieriertheit und streckenweise angeberischer Bildungshuberei - amüsant und unterhaltsam.

Für "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" aber liebe ich diesen Autor. Was für eine grandiose Utopie einer Welt, basierend auf der Idee, dass vor rund einhundert Jahren ein entscheidendes historisches Ereignis anders verlaufen sein könnte. Genau und stilsicher gezeichnet, mit überraschenden Wendungen, bedrückend und beglückend zugleich, hintergründig, witzig. Und mit einem furiosen Schluss, der lange nachhallt. Wer nur ein einziges Werk von Christian Kracht kennenlernen möchte, sollte "Ich werde hier sein..." lesen!
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Krieg der Schweizer, 12. November 2014
In Europa herrscht ein Krieg, der schon fast hundert Jahre andauert. Der Parteikommissär von Neu-Bern erhält den Auftrag, den polnisch-jüdischen Arzt Oberst Brazhinsky festzunehmen. Dieser hat sich abgesetzt, weshalb der Kommissär befehlsgemäß die Verfolgung ins Oberland aufnimmt. Dort hat sich Brazhinsky im Alpenréduit, einem ausgebauten und verzweigten Höhlen- und Gangsystem, verkrochen. Von den Bewohnern wird er wie ein Wunderheiler verehrt, dabei kann er zumeist deren Schmerzen nur mit Morphium lindern. Zwar dringt der Kommissär bis zu Brazhinsky vor, doch es gelingt ihm nicht, diesen auch festzunehmen. Überrascht stellt der Kommissär fest, dass der Oberst ihn bereits erwartet, als sei es sein Wille, gefunden zu werden, als wolle er dem Kommissär das Réduit als Keimzelle einer neuen, autonomen Schweiz vorführen. Doch auch das Réduit ist nicht der Ort, in den der Kommissär gehört...

Christian Kracht hat den Flusslauf der jüngeren Geschichte in ein neues Bett umgeleitet. Die Kräfteverhältnisse der Blöcke, die Abfolge der großen Kriege und Krisen hat er ausradiert und uns so um die Gewissheit unserer banalen historischen Kenntnis gebracht. Aber diesen Umbau der Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts breitet er nicht als übersichtlichen Bauplan vor uns aus. Nur aus dem Denken und Sprechen der Figuren, aus Andeutungen und Verweisen können wir uns eine fremdartige, aber letztlich nicht undenkbare Variante der Geschichte erahnen. Irritierende Begriffe tauchen auf: Schweizerische Sowjetrepublik, Eidgenosse Lenin, Juraförderation, hindustanische Armee, Sinti-Divisionen... Alles wirkt radikal anders, unerwartet, befremdlich. Denn Kracht will uns verunsichern, will uns den festen Boden unserer gewohnten Weltsicht unter den Füßen wegziehen, damit wir neu und anders die Fragen menschlichen Zusammenlebens stellen. Allein: Klare, gar einfache Antworten will er uns auf diese Fragen nicht geben, weil es diese Antworten nicht gibt.

Der Roman hat kein einheitliches Deutungsmuster. Er lässt sich als Auseinandersetzung um die Sinnhaftigkeit eines ideologisch für gerecht erklärten Krieges lesen; er ist aber auch eine Reflexion auf den Verlust der Schriftsprache und die damit einhergehende Sprachlosigkeit. Letztlich fragt er auch danach, wohin die Menschen gehören in einer Zeit, in der es keinen Ort der eigenen alleinigen Zugehörigkeit mehr gibt. Denn der Kommissär ist Schwarzafrikaner, eigens ausgebildet und nach Europa gebracht für den Krieg der Schweizer.

Die Verwirrung, die Krachts Tabula-rasa-Konstruktion in uns Lesern auslöst, wird durch seine wunderbare Sprache regelrecht einbalsamiert, wodurch die hindurchschimmernden Fakten noch schärfer kontrastiert werden. Poetische Bilder bleiben uns im Gedächtnis: "Ein Falter hatte sich auf mein Augenlid gesetzt, er hatte sich in die Bewegung der Wimper verliebt, zeitgleich mit dem Öffnen und Schliessen des Auges schlug er seine Flügel." Kunstvoll sind Verlockung und Verwirrung miteinander gepaart. Erstes Lesen dieses Romans kann nur dem Kennenlernen dienen, echte Auseinandersetzung verlangt wiederholte Lektüre.

Wie verunsichert erst muss ein Schweizer Leser dieses Buch aus der Hand legen, wird ihm doch von einem Landsmann der Stolz auf Neutralität und Präzision zerstört. Vielleicht aber befindet sich die Schweiz wie ganz Europa schon längst in einem ewigen Krieg gegen das Andere?
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine parallele Vergangenheit, 31. Juli 2014
Was wäre wenn? Mit kaum einer anderen Fragestellung lassen sich spannendere Geschichten entwickeln als mit dieser. Auch Christian Kracht hat sich dieser Möglichkeit bedient.
Er geht von folgendem Szenario aus: Lenin ist 1917 nicht nach Russland zurückgekehrt, sondern in der Schweiz geblieben und hat eben dort die "Schweizer Sowjetrepublik" gegründet.
Der Roman spielt 96 Jahre später. Die Welt befindet sich seit 96 Jahren im Krieg.

Die Schweiz hat Ostafrika kolonialisiert und züchtet dort den dringend benötigten Nachwuchs an Soldaten heran; tief in den Alpen liegt das Machtzentrum der Schweiz, eine Festung tief im Fels vergraben; Deutschland und England, beide werden von Faschisten regiert, Korea, ein asiatischer Machtblock und das Großaustralische Reich sind die Hauptfeinde der Schweiz. Der gesamte amerikanische Kontinent hat seine Grenzen nach außen verschlossen, dahinter tobt ein erbitterter Bürgerkrieg.
Technisch hat es im vergangenen Jahrhundert kaum eine Weiterentwicklung gegeben; noch immer gibt es Luftschiffe, Lesen und Schreiben werden nur noch von den wenigsten beherrscht. Es gibt keine lebende Seele, die im Frieden geboren wurde und genauso wenig erwartet sich noch irgendjemand, im Frieden zu sterben. Es ist eine kalte, wahnsinnige und zerstörte Welt, die man betritt. Es ist irritierend, wie vertraute Parameter einen plötzlich ins Unbekannte, Fremde führen.

Der Leser erfährt nicht viel aus den vergangenen 96 Jahren. Christian Kracht bietet ein grobes Gerüst an, auf dem man sich mühsam vorwärts bewegen muss. Nicht alles wird erklärt, vieles bleibt unklar, liebend gerne hätte ich oft mehr erfahren. Oft kann man sich ein subjektives Urteil bilden, das richtig oder falsch sein kann. Manche Passagen, besonders gegen Endes des Buches, sind geradezu prädestiniert für die wildesten Spekulationen. Es wäre vermessen zu sagen: Ich habe alles verstanden.

Ein Buch, das verstört und den Leser mit Gewalt in eine Welt stößt, die man eigentlich gar nicht kennen will, aber die dennoch fasziniert. Fasziniert, weil sie sich jeder vertrauten Entwicklung verschließt und eben dieses "Was wäre wenn" einen nicht mehr loslässt.
Ein ideales Buch für jeden, der einmal ganz etwas anderes lesen möchte.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Die Koreaner in Minsk haben kein Drahtlos, 6. Mai 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Roman (Gebundene Ausgabe)
Schon nach dem Lesen von 1979 (und auch nach Faserland) blieb ich etwas grübelnd zurück. Die Hauptfiguren treiben durchs Leben und man treibt mit, man freut sich über eine gelungene Sprache, eindrucksvolle Bilder. Es machte Spass, 1979 und Faserland zu lesen und die Bücher blieben im Gedächtnis haften, wie es gute Kunst sollte. Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (grossartiger Titel) hat grosse Ähnlichkeit mit den anderen Büchern. Ganz banal schon einmal: es ist kurz. Inhaltlich treibt wieder einmal die Hauptperson durch die Handlung ohne dass der Leser eine Erklärung bekommt, warum Dinge passieren. Warum soll Brezhinsky verhaften werden, warum stellt sich der Zwerg auf die Tretmine, warum soll in 1979 der Held um einen Berg pilgern? Man muss als Leser aber auch nicht alles wissen oder verstehen und das ist auch ok.

Hier treibt es Kracht auf die Spitze. Die Grundidee ist so durchgeknallt, dass es einfach nur schön ist. Ein bisschen Schlingensiefiesk. Die Schweizerische Sowjetrepublik befindet sich im Krieg. Drahtlos gibt es nicht mal bei den Koreanern in Minsk, und selbst in Pjöngjang nicht. Deutsche Luftschiffe werfen Flugbomben auf die sich in die Berge eingrabenden Schweizer, die mit Mauleseln über die Alpen geschmuggeltes - nicht legal aber auch nicht wirklich illegal - afrikanisches Mgebe trinken. Da erwarte ich gar keine Erklärung oder irgendeinen Sci-Fi alternative history Ansatz. Eine schlüssige Erklärung gibt es in keinem Fall, die braucht es aber auch nicht. Ansatzweise macht es Kracht und erwähnt einen nicht in den plombierten Zug gestiegenen Lenin. Da dachte ich mir aber eher, dass keine Erklärung besser wäre als eine Halbgare.

Es gab wirklich gute Ideen, gute skurile Bilder. Der Zwerg in der Hütte mit den angefeilten (?!!) Zähnen, die explodierende Favre, die alte Frau, die den Kommissär beschimpft, die Szenen in Afrika. Leider gab es aber auch ebenso wenig gelungene Passagen, bzw. Ideen. Besonders gegen Ende finde ich lässt das Buch nach. Die metallenen Sonden, die Steckdose unter der Achselhöhle, das Augenausstechen, die Begegnung mit dem Maler, das schweizer Klima. Irgendwann ist es auch mal gut und ich habe angefangen, mich zu langweilen. Das ist schon einmal eine Leistung bei einem Buch, dass man wirklich schnell gelesen hat. Das fand ich ärgerlich und wollte zuerst nur mit 2 Sternen bewerten, habe dann aber noch einmal im ersten Drittel des Buches geblättert. Es ist wirklich viel Gutes dabei und meine Enttäuschung rührt eher daher, dass ich mir mehr von Kracht erwarte hätte, bzw. auch mehr nach dem sehr guten Anfang. Lesen werde ich es mit Sicherheit auch noch einmal in ein paar Jahren; also dann doch 3 Sterne.

Wer noch nichts von Kracht gelesen hat, sollte vielleicht nicht mit diesem Buch anfangen. Faserland ist das eingängigste Buch, 1979 wahrscheinlich das Beste. Das Neue kommt bald dran.

p.s. warum es Kracht noch nicht mal auf die Longlist (gibt es da kein deutschs Wort für?) des Buchpreises geschafft hat ist mir aber unerklärlich. Das hier sind 3 Punkte für Kracht, den ich für einen hervorragenden Künstler halte. Für Adam und Evelyn habe ich auch 3 Punkte vergeben (und für manchen Krimi 4 oder 5), aber Kracht ist nicht dasselbe Kaliber. (Leider gibt es aber nur 5 Punkte und die 5 werden inflationär vergeben.)

p.p.s. die gebundene Fassung ist wirklich sehr gelungen. Eins der sch'önsten Bücher, das ich im Regal habe.
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8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wunderbarer Wahnsinn, 6. Juli 2011
Rezension bezieht sich auf: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Roman (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch ist im Sinne einer "Was-wäre-Wenn"-Geschichte zunächst storymäßig-banal hochspannend. In Wahrheit wird dieses etwas absurde Alternativuniversum von Kracht nur genutzt, um nach Faserland und 1979 dem Leser auf komödiantische, vor allem aber sprachlich und intellektuell grandiose Art und Weise erneut volles Rohr in den Magen zu boxen! Da, wo Lachen und Weinen Gleichzeitigkeit erfahrbar werden, wo man in pikierter Irritation nicht mehr sicher weiß, ob man "verarscht" oder aufgeklärt wird, wo Tarantino-Abfall auf Leipniz' Geist trifft, da explodiert die Kreativität eines Kracht. Sie wollen ihn zu einen Stuckrad-Barre reduzieren und ihn "Pop-Literaten" schimpfen, es ist Reaktion der Generation, die freiwillig Dutschke gegen Helmut Kohl tauschte und sich damit für jegliche Rezension disqualifizierte. Daher ist erst Recht die scheinbare historische Wirrung dieses Romans mit seinem grandiosen Finale (Globalisierungskritik des Jahrhunderts 21 vs. Kriegsgeneration WW2) eine Provokation, die einem für Monate zu denken gibt: Ist das "Machen" und "Schaffen" und "Wollen" und "Können" das Menschen - erst Recht in Angesicht des menschlichen Wunsches nach Kolossalität, ästhetisch beleidigend in Stein und Marmor monumentalisert, in Städten, Bauten und Krawall und Tamtam - eine Lüge??? Waren nicht vor allem die Weltkriege, die Ideologien, die Fiktionen und all das "Tun" und "Schaffen" und "Bemühen" im Angesicht des offensichtlichen Wahnsinns, der Vernichtung des Guten und des Schönen und des Menschlichen (schwachen), des Bewahrenswerten, dessen letztendlich, was jeder "wahrhaftig menschliche" Mensch als Menschsein bewerten muss, jenseits bizarrer Definitionen technokratischer Zivilisation, "Eigentlichkeit" und "Sein", letztlich ein früher Ausdruck unseres Selbstzerstörung, unserer Feindschaft gegenüber uns selbst? Bei Kracht hat der gewissenhafte Diener der Ideologie am Ende die Schnauze voll: Scheinbar befreit aus der afrikanischen Primitivität begegnet der Protagonist schließlich dem selbstreferenziellen Wahn der "zivilisierten" Insel, einem systemischen, kulturellen Ableger, einer Isolation, die in Wahrheit Wahnsinn im Kurtz'schen Sinne bedeutet... Und er wählt eine messianische Rolle, hypnotisch, weil kaum noch affektiv beschrieben durch Kracht, und beendet die Kolonialmacht der Schweizerischen SSR in Afrika mit einem Fingerschnips!!! Führt in die Primitivität!!! Befreit vom Wahnsinn!!! Dieses Buch steckt man nicht so einfach weg. Da bleibt einiges. Deshalb ist Kracht nicht Stuckrad-Barre. Kein VIVA-Clown. Sondern inspirierend.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Roman voller Irritationen, 11. November 2008
Von 
Carl-heinrich Bock "Literatur- und Kinofan" (Bad Nenndorf) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Roman (Gebundene Ausgabe)
Der Schweizer Christian Kracht der mit seinen Büchern "Faserland" und "1979" bekannt geworden ist, zählt zu den modernen zeitgenössischen Schriftstellern seines Landes. Der jetzt erschienene Roman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" geht von einer interessanten Fiktion aus.

Der Roman setzt mit einer "Alternativ-Wenn-Hypothese" ein, denn er unterstellt, dass Lenin im Jahre 1917 nicht in einem verplombten Zug von Zürich nach Russland gefahren wäre, sondern in der in der Schweiz geblieben ist, sondern in der Schweiz geblieben wäre und von Zürich aus seine Revolution mit den notwendigen Grausamkeiten gemacht hätte. Alle Personen, außer denen des öffentlichen Lebens, sind frei erfunden. Während man noch darüber diskutierte, ob die Demokratie die beste Staatsform sei, hat Lenin sie einfach abgeschafft. Das ist zwar eine recht aparte Vorstellung, aber die Folgen sind verheerend, denn die Evolution der Menschheit kehrt sich um, das Ende der Zivilisation ist vorprogrammiert. Der Autor erzählt aus Sicht eines außergewöhnlichen, undurchsichtigen, gefährlichen, heldenhaften Parteikommissärs. Er entwirft ein düsteres Gesamtbild einer Schweizerischen Sowjetrepublik deren Führung sich vor der Bombardierung durch deutsche Flugzeuge wie einst Höhlenmenschen, in einer in den Fels gegrabenen Machtzentrale zurückgezogen hat.Hauptfiguren sind ein Jude, eine Frau, ein Zwerg und ein Schwarzer. Die Schweiz ist ein Kolonialreich das bis ins Herz von Afrika reicht. 96 Jahre Krieg, die Menschen sind im Krieg geboren und werden im Krieg sterben, er macht sie zu Geisteskrüppeln.Zum Schluss wechseln die Menschen die Augenfarbe und der afrikanische Ich-Erzähler führt wie ein Messias die Menschen zurück aus den Städten, den Stätten der utopischen Schreckensvisionen, aufs Land in die Basthütten.

Es ist einer Weise ein labyrinthischer Roman voller Irritationen, auf der anderen Seite dann wieder von einer Glasscherben scharfen Klarheit. Die faszinierende Reise in die Zukunft unserer Vergangenheit entwickelt einerseits einen unglaublichen Sog wenn es um Ideologien, dekadente Engländer, cholerische Deutsche, verstrahlte Länder, Schraubbomben, Verteidigungsstrategien oder Tanz der Skelette geht, andererseits möchte man wegen der vielen unerklärbaren Irritationen aus der Lektüre ausbrechen. Es ist ein außergewöhnliches Buch, kein Realismus Roman, sondern ein Buch mit vielen wunderbaren Episoden, rasant geschrieben in einer kristallinen Sprache voll fiebriger Empfindsamkeit.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Atmosphäre pur!, 11. Juni 2011
Ich habe vor diesem Buch bereits "Faserland" gelesen, war also auf Kracht vorbereitet.
Wer an dieses Buch herangeht wie an einen ganz normalen Roman, der wird sicherlich enttäuscht.
Bevor man kracht liest, muss man sich im klaren sein, dass die Geschichte sich vor allem in seiner eigenen Fantasie abspielt.Kracht erzählt und die fehlenden Details machen das Buch authentischer, es erzeugt eine Atmosphäre, die nicht zu vergleichen ist. Wer dem Buch kritisch gegenüber steht, wird automatisch enttäuscht werden, man muss das Buch annehmen und sich dann auf die Reise begeben, wer aber hinterfragt, wird aus der Illusion gerissen.
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Buch der Schatten..., 12. Februar 2009
Von 
RockBrasiliano (Costa Banana) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)   
Rezension bezieht sich auf: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Roman (Gebundene Ausgabe)
Kein besonders erheiterndes Werk ist "Ich werde hier sein.." vom Schweizer Autor Christian Kracht, der ja vor allem im Randbereich der sog. Popliteratur aktiv ist. Eine düstere Geschichte, die sich in einer Schweiz abspielt, die von kommunistischen Räten regiert wird und in einem Europa, in dem der 1. Weltkrieg oder etwas vergleichbares nie aufgehört hat. Trostlosigkeit trieft hier aus allen Poren, die Menschen sind kalt und maschinenartig, das Leben stellt sich dar als langsamer aber grausamer Fluss, der schnell vorbei sein kann.. - Auf der einen Seite haben wir hier ein interessantes Gedankenexperiment: Mal am geschichtlichen Topf rütteln um die Karten anders zu verteilen..Auf der anderen Seite surrealistische traumartige Szenarien. Irgendwie eine Mischung aus William S. Burroughs, dann ein bisschen auch wie in Littells "Wohlgesinnten" (vom Anklang her: das scheinbar endlose Weiterlaufen des Krieges, div. Grausamkeiten.), außerdem hat mich das Buch auch an Ransmayrs "Letzte Welt" erinnert (atmosphärisch).
Ja, ein rätselhaftes Buch, schroff und man muss sich zum Lesen aufraffen. Sprachlich schön, aber nichts was einen vom Hocker haut. Ich denke, der Autor dürfte beim Schreiben seinen Spaß gehabt haben (wahrscheinlich nicht unbedingt drogeninduziert, wie hier einige vermuten..) mehr Spaß vielleicht noch jetzt am Rätselraten und Spekulationen darüber, was er uns eigentlich mitteilen will...
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Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Roman
Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Roman von Christian Kracht (Gebundene Ausgabe - 16. September 2008)
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