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55 von 59 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wer waren Hermann Essig, Alfred Schirokauer und Eva Leidmann?, 1. Mai 2008
Rezension bezieht sich auf: Das Buch der verbrannten Bücher (Gebundene Ausgabe)
Am 10. Mai 1933 brannten auf den von Nazis errichteten Scheiterhaufen die Bücher von vierundneunzig deutschsprachigen und siebenunddreißig fremdsprachigen Autoren.
Mit diesem Autodafe, dem Auftakt eines hinreichend bekannten Vernichtungsfeldzugs, gelang den Nazis bereits ein wichtiges Etappenziel: Es wurde nicht nur die deutsche Literatur gleich geschaltet, sie erreichten auch, dass durch das Leben der verfemten Schriftsteller ein nicht mehr zu kittender Riss ging. Für nicht wenige kam die gespenstische, öffentliche Demontage einer völligen Vernichtung ihrer Existenz gleich.
Und das taten die Nazis nachhaltig und wirksam bis heute, fünfundsiebzig Jahre danach.
Denn viele Dichter und ihre Werke sind inzwischen völlig dem Vergessen anheim gefallen.

Jürgen Serke hat mit seinem 1977 erschienenen Buch "Die verbrannten Dichter" bereits eine große Leserschaft erreicht. Er hat für sein Buch einen Bruchteil der Autoren interviewt und ihnen damit noch einmal eine große Aufmerksamkeit zuteil werden lassen.

Nun zu Volker Weidermann, der mit "Das Buch der verbrannten Bücher" erstmals an alle Autoren erinnert, deren Bücher einst vor den Augen der Deutschen in Flammen aufgingen.
Und damit hat er Pionierarbeit geleistet:
Denn der überwiegende Teil der Schriftsteller ist heute gänzlich unbekannt. Die Recherchearbeit für dieses Buch muss mühsam gewesen sein, Volker Weidermann musste sich durch ganze Bibliotheken lesen und bei mehr als einem Namen verliefen seine Nachforschungen im Sande.
Dennoch ist ihm etwas ganz Wunderbares gelungen: Die Lebensläufe und literarischen Ambitionen aller Autoren weitestgehend zu rekonstruieren und sie mit diesem Buch der Nachwelt in prägnanter Form vorzustellen.

Der Leser kann sich auf ein Buch voller Überraschungen einstellen: Denn Weidermann gelingen erhellende und faszinierende Rückblicke nicht nur auf vergessenes Schrifttum. Es entsteht ein Kontext aus Themen und Zeitgeschichte, ein literarisches "Großes und Ganzes".
Und Weidermann kann vor allem eines: Erzählen! Er stellt Zusammenhänge her, die für den Leser nachvollziehbar sind und ganze Zeitströme erklären. So begegnen wir den Autoren immer in einem Verbund, unter einem Motto. Wir treffen Kaffeehausliteraten und die ersten Fantasten, die kommunistisch Geprägten und die religiös Motivierten.
Weidermann verschweigt auch nicht, dass auch ohne Bücherverbrennung einige der Bücher und Autoren heute vergessen wären.
Allein - einem solchen Verbrechen darf Vergessen niemals geschuldet sein und darum ist dies eines von mehreren großen Verdiensten, die sich Weidermann mit diesem Buch erschrieben hat.

Ein wunderbares Nachwort, eine Hommage an den Sammler und Literaturkenner Georg P. Salzmann, der die größte und umfangreichste Literatursammlung der verbrannten Bücher besitzt, rundet ein Buch ab, das nicht nur eine Lücke schließt und einige Autoren erstmals seit 1933 vorstellt. Es ist auch eine glänzend erzählte, durchaus auch unterhaltsame Chronik vergessener Literatur!
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Feuereifer und Trauerfeuer, 30. Januar 2009
Rezension bezieht sich auf: Das Buch der verbrannten Bücher (Gebundene Ausgabe)
Zwar ist Volker Weidermann nicht der erste, der nach Spuren der von den Nazis verbrannten Autoren sucht, aber seine Spurensuche war nicht nur erfolgreich, sondern liest sich auch hervorragend. Freilich hätte er außer Jürgen Serkes "Verbrannte Dichter" noch weitere, nicht minder verdienstvolle Fährtensucher wenigstens nennen müssen, zum Beispiel Walter Zedak, Jost Hermand oder Richard Drews und Alfred Kantorowicz, oder die von Jarmatz, Barck und Diezel herausgegebene "Exil in ..."-Reihe, die in den 70er Jahren in der DDR erschienen war (und noch einige andere). Und freilich hätte er noch eine Bibliographie anfügen können, denn man bekommt schon während der Lektüre Lust, sich mit dem ein oder anderen Autor näher zu beschäftigen -- aber wird oder wurde der inzwischen auch irgendwo wieder verlegt? Auch ein systematischer bibliographischer Nachweis der Erinnerungsliteratur wäre mehr als sinnvoll gewesen. Dass Weidermann all das ohne viel Mehraufwand hätte anführen können, liegt auf der Hand, denn man merkt nahezu jeder Seite an, dass er bemerkenswert gründlich und zeitaufwendig recherchiert hat. Damit wären aber auch schon die wind- und wetterfesten Kritikpunkte abgehakt; die Habens-Seite wiegt weitaus schwerer.
Im Gegensatz zu anderen Autoren geht Weidermann nämlich systematisch vor, und das System liegt eigentlich nahe: Sein "Buch der verbrannten Bücher" beruht auf der "Wolfgang-Herrmann-Liste", die den vor allem studentischen Bücherverbrennern 1933 makabre "gute" Dienste leistete. Alles, was der mediokre Bibliothekar Wolfgang Herrmann mit Feuereifer auf seine Schwarze Liste gesetzt hatte, kam nämlich auf den Scheiterhaufen. Aus dieser Vorgehensweise erklärt sich auch, dass man in diesem Buch zahlreiche nicht minder verfemte Autoren vermisst, beispielsweise Gertrud Kolmar, Erich Mühsam, Else Lasker-Schüler oder Franz Hessel. Die hat der eifrige Bibliothekar übersehen... (andere Brandstifter haben das aber leider nicht)

In den intelligent zusammengestellten Kapiteln stellt Weidermann sämtliche Autoren der Herrmann-Liste vor, mit biographischem Abriss, literaturkritischen Anmerkungen, gelegentlich Auszügen aus den Werken des Autors und Kommentaren ihrer Zeitgenossen. Kapitelintern ist der Ansatz ebenfalls erfreulich: Die Anzahl der Seiten, die Weidermann einem Autor zugesteht, lässt nicht auf die literarische Wertung schließen. Schließlich kann man sich über Heinrich Mann, Anna Seghers, Kurt Pinthus, Lion Feuchtwanger oder Joseph Roth (und noch etliche weitere) auch andernorts gründlich informieren. Wo hingegen findet man allein schon die Namen Gustav Regler, Gina Kaus, Günther Birkenfeld, Karl Schröder, Bernhard Kellermann und noch einige weitere? Gerade ihre Biographien und Werke überhaupt ausfindig zu machen, dürfte bibliographische und detektivische Schwerstarbeit gewesen sein, die man hoch genug nicht einschätzen kann. Dass einige Autoren auch unter zivilisierten Bedingungen heute vergessen wären, steht hier nicht zur Debatte; schließlich wurde ihnen eben die Debatte damals verwehrt, und auch der schlechteste Autor hat das Recht, zur Kenntnis genommen und gegebenenfalls von der Kritik verrissen zu werden -- wohlgemerkt: von der Kritik. Nicht von tollwütigen selbsternannten Großinquisitoren.
Außerdem findet man unter den restlos Vergessenen zahlreiche Autoren, deren Vorstellung sich höchst appetitanregend liest: Alexander Moritz Frey z.B., dem es zum Verhängnis wurde, dass er zusammen mit Hitler im Schützengraben lag. Das war aber auch die einzige Gemeinsamkeit; seinen Anti-Kriegsroman "Die Pflasterkästen" schätzten viele Zeitgenossen sogar mehr als Remarques "Im Westen nichts Neues". Oder Heinrich Eduard Jacob, der viel früher als C.W: Ceram oder Henry Hobhouse erzählende Sachbücher schrieb; oder den Chronisten der jüdischen Kultur Georg Hermann, oder den feinen Beobachter Rudolf Braune; und noch einige mehr.

Ebensowenig wie über die literarischen Qualitäten der einzelnen Autoren sagt die ihnen gewidmete Seitenzahl etwas über ihren Charakter aus: Auf des Bibliothekars unfreiwilliger Ehrenliste befinden sich nicht nur zahlreiche berühmte und unberühmte Persönlichkeiten mit Charakter, vom standhaften Güglinger Forstmeister Otto Linck bis zu Oskar Maria Grafs berühmtem "Verbrennt mich!" in der "Wiener Arbeiter-Zeitung", oder gar zu Armin T. Wegeners geharnischtem Brief an Hitler 1933 (wenigstens einmal musste der so deutliche Worte lesen). Weidermann liefert auch Aufschlussreiches über Autoren, die eher versehentlich auf Herrmanns Liste geraten sein mussten und/oder bemerkenswertes Talent für radikalen Gesinnungswechsel bewiesen.

So sehr sich die Autoren und ihre Werke unterscheiden, von fahnenschwingender Arbeiterliteratur hinauf zur Weltliteratur aller Genres und Themen und wieder herunter zur Freiluft-Innerlichkeit, so unterhaltsam lesen sich alle (alle!) Kapitel im "Buch der verbrannten Bücher" -- wiewohl "unterhaltsam" in diesem Zusammenhang etwas fehl am Platze scheint. "scheint", denn gute Sachliteratur muss nicht mit steifem Kragen daherkommen; Weidermann beweist es. Bei allem Engagement geht er nicht blauäugig ans Werk: Den Werdegang charakterflüssiger Opportunisten schönt er nicht, und eher mäßig begabte Autoren lobt er nicht über den Schellenkönig. Schließlich geht es vor allem bei den Letztgenannten nicht um ihre Fähigkeiten, sondern darum, dass man ihnen und ihrem Werk zu Lebzeiten eine wie auch immer geartete Resonanz verwehrt hat, wenn nicht Schlimmeres. Dass Weidermann das nun nachholt, dabei durchaus auch mal zur spitzen Feder greift, ist nicht nur recht und billig, sondern auch allemal anregender zu lesen als inhaltsschwangere Vorträge in akademisch einschläferndem Tonfall.
Weidermann geizt nicht mit charakteristischen oder auch skurrilen Randbemerkungen und Anekdoten, mal emphatisch, mal hinterhältig, und er dosiert sie genau richtig. Nicht alles liest sich so unschuldig komisch wie die Anekdote über Hans Sochaczewer mit seinen quasi-adoptierten sephardischen Wurzeln: Emil Ludwig bot Stalin ebenso couragiert die Stirn wie den Nazis und machte sich mit seinem Buch über den verzweifelten Mörder des NSDAP-Granden Wilhelm Gustloff (genau: der, nach dem jenes Schiff benannt werden sollte) auch im Exil unbeliebt. Dass wiederum Hitler einmal ausgerechnet Lion Feuchtwanger beflissen in den Mantel half, liest sich wie ein Treppenwitz der Geschichte; dass Thomas Mann seinen Schriftsteller-Kollegen Arthur Holitscher im "verwesten Säugling" Detlev Spinell für jedermann erkennbar porträtierte, spricht bei allem unbestrittenen Genie nicht für Manns Charakter. Der Autor der "Roten Zora" Kurt Held hieß in Wirklichkeit Kurt Kläber und war mit Lisa Tetzner verheiratet; und nicht nur B. Travens wahre Identität lag lange im Dunkeln -- über den Schlump weiß man nicht einmal den Namen, geschweige denn etwas über sein Leben. Schade, denn was Weidermann über Schlumps Buch "Schlump" schreibt, klingt enorm verheißungsvoll.
Weidermanns Wissensschatzkiste ist, wie man sieht, prall gefüllt, und er stellt die Preziosen haargenau an den richtigen Platz.

Das glückliche Zusammentreffen von viel Engagement, Sachkenntnis und Stilsicherheit hat zur Folge, dass das "Buch der verbrannten Bücher" auch Leser fesseln dürfte, die zunächst wenig oder nichts mit dem Thema am Hut haben. Alle schon vorher Interessierte dürfte dieser Glücksfall erst recht begeistern.
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11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Feuereifer und Trauerfeuer, 18. November 2008
Rezension bezieht sich auf: Das Buch der verbrannten Bücher (Gebundene Ausgabe)
Zwar ist Volker Weidermann nicht der erste, der nach Spuren der von den Nazis verbrannten Autoren sucht, aber seine Spurensuche war nicht nur erfolgreich, sondern liest sich auch hervorragend. Freilich hätte er außer Jürgen Serkes "Verbrannte Dichter" noch weitere, nicht minder verdienstvolle Fährtensucher wenigstens nennen müssen, zum Beispiel Walter Zedak, Jost Hermand oder Richard Drews und Alfred Kantorowicz, oder die von Jarmatz, Barck und Diezel herausgegebene "Exil in ..."-Reihe, die in den 70er Jahren in der DDR erschienen war (und noch einige andere). Und freilich hätte er noch eine Bibliographie anfügen können, denn man bekommt schon während der Lektüre Lust, sich mit dem ein oder anderen Autor näher zu beschäftigen -- aber wird oder wurde der inzwischen auch irgendwo wieder verlegt? Auch ein systematischer bibliographischer Nachweis der Erinnerungsliteratur wäre mehr als sinnvoll gewesen. Dass Weidermann all das ohne viel Mehraufwand hätte anführen können, liegt auf der Hand, denn man merkt nahezu jeder Seite an, dass er bemerkenswert gründlich und zeitaufwendig recherchiert hat. Damit wären aber auch schon die wind- und wetterfesten Kritikpunkte abgehakt; die Habens-Seite wiegt weitaus schwerer.
Im Gegensatz zu anderen Autoren geht Weidermann nämlich systematisch vor, und das System liegt eigentlich nahe: Sein "Buch der verbrannten Bücher" beruht auf der "Wolfgang-Herrmann-Liste", die den vor allem studentischen Bücherverbrennern 1933 makabre "gute" Dienste leistete. Alles, was der mediokre Bibliothekar Wolfgang Herrmann mit Feuereifer auf seine Schwarze Liste gesetzt hatte, kam nämlich auf den Scheiterhaufen. Aus dieser Vorgehensweise erklärt sich auch, dass man in diesem Buch zahlreiche nicht minder verfemte Autoren vermisst, beispielsweise Gertrud Kolmar, Erich Mühsam, Else Lasker-Schüler oder Franz Hessel. Die hat der eifrige Bibliothekar übersehen... (andere Brandstifter haben das aber leider nicht)

In den intelligent zusammengestellten Kapiteln stellt Weidermann sämtliche Autoren der Herrmann-Liste vor, mit biographischem Abriss, literaturkritischen Anmerkungen, gelegentlich Auszügen aus den Werken des Autors und Kommentaren ihrer Zeitgenossen. Kapitelintern ist der Ansatz ebenfalls erfreulich: Die Anzahl der Seiten, die Weidermann einem Autor zugesteht, lässt nicht auf die literarische Wertung schließen. Schließlich kann man sich über Heinrich Mann, Anna Seghers, Kurt Pinthus, Lion Feuchtwanger oder Joseph Roth (und noch etliche weitere) auch andernorts gründlich informieren. Wo hingegen findet man allein schon die Namen Gustav Regler, Gina Kaus, Günther Birkenfeld, Karl Schröder, Bernhard Kellermann und noch einige weitere? Gerade ihre Biographien und Werke überhaupt ausfindig zu machen, dürfte bibliographische und detektivische Schwerstarbeit gewesen sein, die man hoch genug nicht einschätzen kann. Dass einige Autoren auch unter zivilisierten Bedingungen heute vergessen wären, steht hier nicht zur Debatte; schließlich wurde ihnen eben die Debatte damals verwehrt, und auch der schlechteste Autor hat das Recht, zur Kenntnis genommen und gegebenenfalls von der Kritik verrissen zu werden -- wohlgemerkt: von der Kritik. Nicht von tollwütigen selbsternannten Großinquisitoren.
Außerdem findet man unter den restlos Vergessenen zahlreiche Autoren, deren Vorstellung sich höchst appetitanregend liest: Alexander Moritz Frey z.B., dem es zum Verhängnis wurde, dass er zusammen mit Hitler im Schützengraben lag. Das war aber auch die einzige Gemeinsamkeit; seinen Anti-Kriegsroman "Die Pflasterkästen" schätzten viele Zeitgenossen sogar mehr als Remarques "Im Westen nichts Neues". Oder Heinrich Eduard Jacob, der viel früher als C.W: Ceram oder Henry Hobhouse erzählende Sachbücher schrieb; oder den Chronisten der jüdischen Kultur Georg Hermann, oder den feinen Beobachter Rudolf Braune; und noch einige mehr.

Ebensowenig wie über die literarischen Qualitäten der einzelnen Autoren sagt die ihnen gewidmete Seitenzahl etwas über ihren Charakter aus: Auf des Bibliothekars unfreiwilliger Ehrenliste befinden sich nicht nur zahlreiche berühmte und unberühmte Persönlichkeiten mit Charakter, vom standhaften Güglinger Forstmeister Otto Linck bis zu Oskar Maria Grafs berühmtem "Verbrennt mich!" in der "Wiener Arbeiter-Zeitung", oder gar zu Armin T. Wegeners geharnischtem Brief an Hitler 1933 (wenigstens einmal musste der so deutliche Worte lesen). Weidermann liefert auch Aufschlussreiches über Autoren, die eher versehentlich auf Herrmanns Liste geraten sein mussten und/oder bemerkenswertes Talent für radikalen Gesinnungswechsel bewiesen.

So sehr sich die Autoren und ihre Werke unterscheiden, von fahnenschwingender Arbeiterliteratur hinauf zur Weltliteratur aller Genres und Themen und wieder herunter zur Freiluft-Innerlichkeit, so unterhaltsam lesen sich alle (alle!) Kapitel im "Buch der verbrannten Bücher" -- wiewohl "unterhaltsam" in diesem Zusammenhang etwas fehl am Platze scheint. "scheint", denn gute Sachliteratur muss nicht mit steifem Kragen daherkommen; Weidermann beweist es. Bei allem Engagement geht er nicht blauäugig ans Werk: Den Werdegang charakterflüssiger Opportunisten schönt er nicht, und eher mäßig begabte Autoren lobt er nicht über den Schellenkönig. Schließlich geht es vor allem bei den Letztgenannten nicht um ihre Fähigkeiten, sondern darum, dass man ihnen und ihrem Werk zu Lebzeiten eine wie auch immer geartete Resonanz verwehrt hat, wenn nicht Schlimmeres. Dass Weidermann das nun nachholt, dabei durchaus auch mal zur spitzen Feder greift, ist nicht nur recht und billig, sondern auch allemal anregender zu lesen als inhaltsschwangere Vorträge in akademisch einschläferndem Tonfall.
Weidermann geizt nicht mit charakteristischen oder auch skurrilen Randbemerkungen und Anekdoten, mal emphatisch, mal hinterhältig, und er dosiert sie genau richtig. Nicht alles liest sich so unschuldig komisch wie die Anekdote über Hans Sochaczewer mit seinen quasi-adoptierten sephardischen Wurzeln: Emil Ludwig bot Stalin ebenso couragiert die Stirn wie den Nazis und machte sich mit seinem Buch über den verzweifelten Mörder des NSDAP-Granden Wilhelm Gustloff (genau: der, nach dem jenes Schiff benannt werden sollte) auch im Exil unbeliebt. Dass wiederum Hitler einmal ausgerechnet Lion Feuchtwanger beflissen in den Mantel half, liest sich wie ein Treppenwitz der Geschichte; dass Thomas Mann seinen Schriftsteller-Kollegen Arthur Holitscher im "verwesten Säugling" Detlev Spinell für jedermann erkennbar porträtierte, spricht bei allem unbestrittenen Genie nicht für Manns Charakter. Der Autor der "Roten Zora" Kurt Held hieß in Wirklichkeit Kurt Kläber und war mit Lisa Tetzner verheiratet; und nicht nur B. Travens wahre Identität lag lange im Dunkeln -- über den Schlump weiß man nicht einmal den Namen, geschweige denn etwas über sein Leben. Schade, denn was Weidermann über Schlumps Buch "Schlump" schreibt, klingt enorm verheißungsvoll.
Weidermanns Wissensschatzkiste ist, wie man sieht, prall gefüllt, und er stellt die Preziosen haargenau an den richtigen Platz.

Das glückliche Zusammentreffen von viel Engagement, Sachkenntnis und Stilsicherheit hat zur Folge, dass das "Buch der verbrannten Bücher" auch Leser fesseln dürfte, die zunächst wenig oder nichts mit dem Thema am Hut haben. Alle schon vorher Interessierte dürfte dieser Glücksfall erst recht begeistern.
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erst werden Bücher, dann Menschen verbrannt, 2. September 2008
Von 
Carl-heinrich Bock "Literatur- und Kinofan" (Bad Nenndorf) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Das Buch der verbrannten Bücher (Gebundene Ausgabe)
Nach dem großartigen Buch "Lichtjahre" (s. auch meine Rezension vom 9.Juni 2006), einer kurzen Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute, blickt Volker Weidemann, Literaturkritiker und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, in seinem neuen Buch auf die Zeit vor 1945 zurück. 1933 wurden von Wolfgang Herrmann Schwarze Listen" erstellt, auf denen 131 Autoren aufgeführt waren, deren Bücher aus Bibliotheken, Buchhandlungen und möglichst auch Privathäusern entfernt werden sollten. Am 10. Mai 1933 wurden dann aus barbarischem Ungeist dann in vielen Städten auf Scheiterhaufen Bücher verbrannt, die für die Nazis entartet, undeutsch oder nicht mit ihrer menschenverachtenden Ideologie vereinbar waren. Goebbels rief in einer flammenden Rede die Autoren auf, dessen Werke dem Feuer übergeben werden sollten. Seinem Aufruf zu dieser "Säuberungsaktion" folgten nicht nur SA-Leute, sondern auch Studenten, Professoren und Bibliothekare.

Volker Weidermann hat ausgiebig recherchiert und es sich jetzt zur Aufgabe gemacht, an all diese bekannten oder weniger bekannten Autoren zu erinnern, über jeden ein kleines Kapitel zu schreiben. Und indem dem Leser die Gelegenheit gibt, sich diese Autoren zu vergegenwärtigen, setzt er jedem ein kleines Denkmal, auch wenn der eine oder andere Autor kein großer Literat war. Wie dem auch sei, was literarisch keinen hohen Stellenwert erlangt muss man nicht entsorgen, indem man es verbrennt.

Auf der Liste, die der Autor durchgearbeitet hat, stehen vierundneunzig deutsch- und siebenunddreißig fremdsprachige Schriftsteller. Neben bekannten Namen wie Tucholsky, Kästner, Brecht, Remarque, Anna Seegers, Klaus Mann , Stefan Zweig und Jack London, sind auch vollkommen unbekannte Namen dabei, Autoren die es zu lesen aber allemal lohnt. Ich denke dabei an Hermann Essig, Rudolf Braune, Martin Lampel oder Irmgard Keun.

Ein sehr schön lesbares Buch, mit vielen vollständig rekonstruierten Biografien. Ich empfehle auch dieses Werk von Volker Weidemann mit Nachdruck und Leidenschaft. Es sollte im Bücherregal neben dem Buch "Lichtjahre" seinen verdienten Platz finden.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Berührt!, 28. Dezember 2009
Wer liest schon gerne lange Bücher, die eine bloße Aufstellung von Autorenbiografien enthalten? Also, ich nicht.
Bei diesem Buch war es jedoch anders. Weidermanns Sprachstil und die von ihm mit viel Feingefühl niedergeschriebenen Details aus dem Leben der Schriftsteller, deren Titel im 3. Reich verbrannt wurden, trieben einen geradezu durch das Buch. Mehr und mehr wollte man erfahren, je weiter man gelesen hatte.
Wer liest schon gerne lange Rezensionen? Also, ich nicht. Deswegen nur mein Tipp: Kaufen und sofort lesen!
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vom Scheiterhaufen der Vernunft erzählt dieses sehr lesenswerte Buch, 24. Januar 2009
Von 
Stephan Seither (Berg / Rheinland-Pfalz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Das Buch der verbrannten Bücher (Gebundene Ausgabe)
"Die Gedanken sind frei..." - Autoren lieferten und liefern mit ihren schriftlich fixierten Gedanken, den Produkten ihrer Phantasien und Lebenserfahrungen also, nicht zuletzt Orientierungshilfen für nachfolgende Generarationen - in einer Diktatur, dem Führerprinzip bedingungslos folgend, muss jede Kritik bereits im Keim erstickt werden - was 1933 nicht ins gewünschte Weltbild passte wurde verbrannt - damals zuerst die Bücher, wenig später die Menschen...

Der 10.Mai 1933 hatte durchaus eine Vorgeschichte, die Propagandaktion ihre Strippenzieher, Handlanger, Förderer und trotz allem auch Verweigerer - "Das Buch der verbrannten Bücher" hat mich tatsächlich über Wochen hinweg beschäftigt - Volker Weidermann erzählt, sofern er verwertbare Hinweise finden konnte, aus dem Leben der oft vergessenen Autoren, beleuchtet deren Arbeit / Schreibstil, deren Standpunkte, benennt Gründe, sofern es diese gibt, warum ausgerechnet dieser Autor, diese Autorin den Nazis Dorn im Auge war...

Ein umfangreiches Buch, mit vielen unerwarteten Erkenntnissen, so zum Beispiel, dass mancher Autor, dessen Bücher verbrannt wurden, nach dem 10.Mai 1933 durchaus -wandlungsfähig- im Deutschen Reich verblieben ist, auf Linie gebracht, schreiben durfte...

Neben den Autoren wird auch das Schicksal (wenn auch nur als Randnotiz) manches Verlagshauses erwähnt, eine Thematik, welche sicherlich ein eigenständiges Buch füllen könnte - vielleicht haben wir als Leser ja Glück und Volker Weidermann setzt seine Reise in die Vergangenheit fort, indem er z.B. Details zu eben den Verlegern sammelt und veröffentlicht, welche sich den Zwängen jener Zeit beugen und den Mittelpunkt ihres beruflichen Lebens aufgeben mussten - gestandene Verlagshäuser halfen die Gedanken der Autoren an die Öffentlichkeit zu transportieren - sie wurden gleichgeschaltet, enteignet, umgebogen und somit entschärft....

Der einzige "Nachteil" an diesem Buch hier sind die ausufernden Folgekosten - Antiquariate und Buchhandlungen habe ich die letzte Zeit noch häufiger betreten, auf der Suche nach den verbrannten Büchern...

Zum Schluss möchte ich besonders auf folgenden Teil des Buches hinweisen, das Nachwort, welches ein beachtliches Lebenswerk, in Zusammenhang mit den vebrannten Büchern in den Mittelpunkt stellt -
das Lebenswerk, des im Nachwort genannten, Georg P. Salzmann, die Vereinigung von 12.500 Büchern der gelisteten Autoren des 10.Mai 1933 beweist zum Glück, dass der Plan der Nazis nicht zu 100 Prozent aufgegangen ist! Weidermann hilft letztlich zusätzlich mit, die Erinnerung am Leben zu erhalten - dieses Buch hier sollten Sie sich nicht entgehen lassen - selten hatte ich ein so informatives wie inspierendes Sachbuch in Händen gehalten - Kompliment an den Autor dieses Buches!
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19 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Ein Mensch stirbt zweimal. Zuerst erleidet er den Tod, dann gerät er in Vergessenheit" (Talmud), 2. Mai 2008
Von 
Winfried Stanzick (Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Das Buch der verbrannten Bücher (Gebundene Ausgabe)
Volker Weidermann ist den Lesern der FAZ und der FAZ am Sonntag seit langem bekannt als literaturbegeisterter Kritiker und auch als Förderer von junger Nachwuchsliteratur.
Nach langen Recherchen und "atemlosen" Lesen, wie er das nennt, hat er nun ein Buch vorgelegt, das 75 Jahre nach der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten im Mai 1933 all jenen vergessenen und geächteten Dichtern und Schriftstellern ein würdiges Denkmal setzt und dabei jenen alten jüdischen Weisheitssatz befolgt, der der Erinnerung eine große Macht zuschreibt für das Genesen und die Würde eine Volkes. Und er hat nicht geruht, bis er auch alle beisammen hatte, kein einziger sollte vergessen werden:

"Das vorliegende Buch beschreibt keinen Ausschnitt. Ich habe die Spuren ausnahmslos aller Autoren verfolgt, die damals auf der ersten schwarzen Liste der Schönen Literatur" standen, die als Grundlage für die Verbrennung diente. Vierundneunzig deutschsprachige Autoren stehen darauf und siebenunddreißig fremdsprachige. Nicht jedes Leben konnte zweifelsfrei von der Geburt bis zum Tod rekonstruiert, nicht jedes Werk gefunden werden. Doch es sind nur wenige Lücken, die bleiben, wenige letzte Zweifel über die Identität von Autoren, die ganz und gar aus den Annalen verschwunden sind. Und immer wieder enden Biografien in diesem Buch mit 'spurlos verschwunden' oder 'der genaue Todestag ist unbekannt'. Es sind die Jahre, in denen Menschen einfach verloren gehen. Ohne Hinweis, ohne letzte Spur."

Das weitere Verlorengehen zu verhindern, all jenen "verbrannten" Autoren einen Namen und eine Würde zurückzugeben, gerade auch denen, mit denen selbst Fachleute wenig anfangen können, ist der große und bleibende Verdienst dieses Buches.
Denn wie heißt es im Talmud:
"Ein Mensch stirbt zweimal. Zuerst erleidet er den Tod, und dann gerät er in Vergessenheit."
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Farbig, sachlich und berührend, 20. Oktober 2008
Rezension bezieht sich auf: Das Buch der verbrannten Bücher (Gebundene Ausgabe)
Man kennt das doch - da hat man ein Sachbuch, findet es eigentlich interessant und verendet doch auf halber Strecke. Nicht so bei Volker Weidermann. Fesselnd war es; mittels treffenden kurzen und doch aussagekräftigen biographischen Notizen und erhellenden Zitaten wird hier ein Panorama der Zeit, ihrer Literatur und ihrer Menschen entworfen. Man beginnt zu ermessen, welche Kultur damals ihr Ende fand. Mit dem angemessenen Respekt und doch die eigene Stimme erhebend schreibt Weidermann über die vielen Autoren, deren Bücher verbrannt wurden. Danke für dieses Buch.

(Wohltuend ist auch die alte Rechtschreibung.)
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Buch der verbrannten Bücher, 8. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das Buch war in sehr gutem Zustand und es hat mich erstaunt, von welchen Autoren/Innen, Bücher verbrannt worden sind, Sehr informativ und die einzelnen Beiträge nicht zu lang.
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Das Buch der verbrannten Bücher
Das Buch der verbrannten Bücher von Volker Weidermann (Gebundene Ausgabe - 6. März 2008)
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