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80 von 88 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Rhetorisch so wie inhaltlich ein kleines Meisterwerk!!
Beim Lesen eines Buches habe ich es mir mittlerweile angewöhnt immer einen Bleistift zur Hand zu haben, um wichtige Textstellen markieren zu können. Bei besonders wichtigen Aussagen umkringele ich auch die Seitenzahl, um die entsprechende Stelle später beim schnellen Durchblättern problemlos wiederentdecken zu können. Nun ist das Problem jedoch,...
Veröffentlicht am 22. Oktober 2007 von Michael Dienstbier

versus
52 von 64 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Nichts als Eiferkollektive?
Die Größe dieses Buches besteht in einer strukturellen Innenansicht dessen, was man als die dogmatisch-absolutistische, rein traditionelle, soziozentrische oder auch ethnozentrische Bewusstseinsebene der drei Religionen Christentum, Judentum und Islam bezeichnen könnte. Sloterdijk gibt den Lesern einen tiefen Einblick, und durch die bildhafte...
Veröffentlicht am 3. August 2008 von Michael Habecker


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80 von 88 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Rhetorisch so wie inhaltlich ein kleines Meisterwerk!!, 22. Oktober 2007
Von 
Michael Dienstbier "Privatrezensent ohne fina... (Bochum) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen (Gebundene Ausgabe)
Beim Lesen eines Buches habe ich es mir mittlerweile angewöhnt immer einen Bleistift zur Hand zu haben, um wichtige Textstellen markieren zu können. Bei besonders wichtigen Aussagen umkringele ich auch die Seitenzahl, um die entsprechende Stelle später beim schnellen Durchblättern problemlos wiederentdecken zu können. Nun ist das Problem jedoch, dass bei Peter Sloterdijks "Gottes Eifer - Vom Kampf der drei Monotheismen" so viele bemerkenswerte Dinge und rhetorische Bonmots enthalten sind, dass nun nahezu jede Seite markiert ist, was das obligatorische Schreiben einer Rezension, die ja bekanntlich eine kurze und präzise Zusammenfassung samt subjektiver Bewertung bieten soll, erschwert. Das ist natürlich kein Hinderungsgrund, sondern stellt vielmehr eine neue Herausforderung dar.

Zunächst einmal: Was ist die Kernthese der Darstellung? Dazu muss erwähnt werden, dass Sloterdijk Religionen und alle anderen Weltanschauungen als durch unterschiedliche Faktoren motivierte menschliche Konstrukte ansieht. Diese Faktoren analysiert er im ersten Kapitel unter der Fragestellung "Wie entsteht Transzendenz?" (18) Allein die präzise Analyse der sieben für Sloterdijk entscheidenden Voraussetzungen für Transzendenz (Verkennung des Langsamen; Verkennung des Heftigen; Verkennung der 'Unerreichbarkeit des Anderen'; Verkennung der Immunitätsfunktionen; Fähigkeit des Menschen, sich Intelligenz vorstellen zu können; die Endlichkeit des menschlichen Lebens; die Frage nach dem 'Woher' einer bestimmten Botschaft) ist Grund genug, dieses Buch zu kaufen.

Religiös motiviertes Zelotentum, so der Autor weiter, entstehe durch das Insistieren der monotheistischen Religionen, allein im Besitz einer bestimmten offenbarten Wahrheit zu sein. Eiferer seien nicht in der Lage, die Konstruiertheit ihrer Weltanschauung zu begreifen. Sie akzeptieren widerspruchslos den von den kirchlichen Institutionen geschaffenen und propagierten Wahrheitsanspruch einer Religion. Hier schließt sich Sloterdijk der These des Ägyptologen Jan Assmanns an, der in seinem Buch "Die mosaische Unterscheidung" darlegt, dass das Neue an den monotheistischen Religionen gewesen sei, dass sie die Prinzipien von wahr und falsch, und somit die Vorbedingungen für Intoleranz und Gewaltbereitschaft, geschaffen hätten (vgl. 54). Daraus entstehe eine "Genugtuung der Gläubigen, durch Unterwerfung unter den Höchsten einen wie auch immer bescheidenen Anteil an dessen Souveränität zu gewinnen" (41).

Die vor allem im Islam stark ausgeprägte Neigung zur Ritualisierung des Glaubens (fünfmal täglich beten mit jeweils siebzehn Verbeugungen) dient dazu, den Glauben in das kulturelle Gedächtnis einer ideologischen Gemeinschaft zu prügeln. Wenn man gezwungen ist, sich 85 Mal am Tag zu unterwerfen, ist es ein Ding der Unmöglichkeit den Kitt zu verdrängen, der die Gemeinschaft konstituiert und zusammenhält. Bedenklich wird es, wenn diese strengen Regeln auf Dummheit treffen, oder in den Worten von Sloterdijk: "Wenn Strenge auf Unterkomplexität trifft, kommt das Eifern in sein Element" (136). Oder noch pointierter seine Bemerkungen zu Eiferern, die bereit sind, sich und Unschuldige zu ermorden: "Sie verkörpern die organisierte Form des mangelnden Willens, bis drei zu zählen" (147). Wem eine passendere Beschreibung von religiösen Fundamentalisten einfällt, der möge mir eine Email schicken.

Brillant auch Sloterdijks Neuinterpretation von der Ringparabel aus Lessings Drama "Nathan der Weise". Der Taxt legt nahe, dass diejenige Religion die beste sei, die am meisten Zuspruch bekäme. Sloterdijk hingegen argumentiert, dass monotheistische Religionen aufgrund ihres alleinigen Wahrheitsanspruchs geradezu darauf angewiesen seien, sich unbeliebt zu machen, sich einen "Wettbewerb um nobel Verhaßtheit" (177) zu liefern. Der Widerstand gegen die eigene Position ist ein geradezu konstituierendes Element aller monotheistischen Religionen. Ohne die ungläubigen Anderen wäre es ja gar nicht nötig, für eine bestimmte Wahrheit zu kämpfen.

Sloterdijk schließt mit der Aufforderung, den Todeskult der Religionen zu bekämpfen, der die Wurzel zu religiös motivierter Gewalt darstelle: "Hierzu gehört die Dekonstruktion des Jenseitsfurors und jeder Form von Hinterweltlertum, das mit Verrat am diesseitigen Leben bezahlt wird" (213). Es wird höchste Zeit, dass sich Intellektuelle aus verschiedenen Disziplinen gegen den religiös begründete Vorzug des Jenseits vor dem Diesseits zur Wehr setzen. Denn mit Verweis auf das Jenseits lässt sich nahezu jedes menschenverachtende Verbrechen im Diesseits rechtfertigen. Wenn dieser "Gotteswahn" (So der Titel von Richard Dawkins furioser Abrechnung mit dem Konzept des Religiösen) nicht endgültig gestoppt wird, waren die Anschläge vom 11. September 2001 nur ein milder Vorgeschmack zu dem, was noch kommen wird.

Fazit: Kurz, präzise und einfach nur brillant. Mit eine der stimulierendsten Analysen des monotheistischen Phänomens, die ich seit langem gelesen habe. Es bleibt zu hoffen, dass "Gottes Eifer" eine möglichst breite Leserschaft findet. Uns allen wäre es zu gönnen.
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38 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Große Gedanken - mittelprächtig verpackt, 1. August 2008
Rezension bezieht sich auf: Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen (Gebundene Ausgabe)
Keine Angst. Ich werde in meiner Kurzrezension die Ausführlichkeit meiner Vorredner nicht erreichen, unterstütze dennoch vorbehaltlos die meissten Kommentare. Ein wichtiges Buch, brilliant analysiert und eine scharf geführte Klinge bei der Sezierung des montheistischen Eiferertums. Soweit ein Volltreffer! Keine 5 Sterne also? Nein - drei mal unterstrichen. Warum? Ganz einfach Sloterdijk ist ein kommunikativ-semantisch-syntaktisches Wollknäuel. Das Buch könnte mächtig sein, 10000ende von Lesern finden, international für Furore sorgen, ein Meilenstein der Geistesgeschichte werden, all das - dennoch es wird ihm verwehrt bleiben, weil es sich in einer (für Sloterdijk sehr typischen) Sprache verfängt, die vom Leser immer eine gewisse Dechiffrierung erfodert. Ich könnte mir gut vorstellen, daß ein religiöser Eiferer nach der Lektüre des Textes nicht mal empört aufspringt - hat er es wirklich verstanden? Warum wollen manche wissenschaftlichen Abhandlungen immer stilistische Kapriolen schlagen, warum soll ein philosophischer Text sich sprachlich verkünsteln, wenn die Thematik doch so mächtig ist? Wir wissen es nicht, aber wir wollen auch nicht anfangen zu eifern,....
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52 von 64 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Nichts als Eiferkollektive?, 3. August 2008
Rezension bezieht sich auf: Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen (Gebundene Ausgabe)
Die Größe dieses Buches besteht in einer strukturellen Innenansicht dessen, was man als die dogmatisch-absolutistische, rein traditionelle, soziozentrische oder auch ethnozentrische Bewusstseinsebene der drei Religionen Christentum, Judentum und Islam bezeichnen könnte. Sloterdijk gibt den Lesern einen tiefen Einblick, und durch die bildhafte Ausdrucksstärke seiner Sprache auch einen einfühlsamen Eindruck des Lebensgefühls und der Denkweise dieser Bewusstseinstruktur und -Ebene, insbesondere ihrer pathologischen Ausdrucksformen.

Gleichzeitig, und darin sehe ich die Grenzen dieses Buches, beschränkt sich Sloterdijk bei seiner Erörterung von Religion auf die negativen Ausprägungen von "Eiferkollektiven", so dass der (fatale) Eindruck entstehen kann, dass damit bereits alles was Judentum, Christentum und Islam ausmachen erschöpft wäre. Absolutistische Religion ist
e i n e Ebene von Religion, aber sicher nicht d i e Religion. In einem Entwicklungsspektrum von (in der Terminologie Jean Gebser) archaisch zu magisch zu mythisch zu rational zu pluralistisch zu integral gibt es auf jeder Entwicklungsebene ganz unterschiedliche Arten der innerlichen wie auch der institutionalisierten äußerlichen Praxis und Religionsausübung, und zwar in jeder der drei Weltreligionen. Diese werden jedoch bei Sloterdijk auf die mythisch-absolutistische Ebene reduziert.
Durch das Fehlen der Entwicklungsperspektive auf die drei genannten Weltreligionen bleibt die Thematik insgesamt flach, trotz der sehr bildhaften Sprache. Wenn selbst ein (Sufi) Mystiker wie Al Ghazali lediglich im Zusammenhang mit "Schwärmertum und vergeistigtem Militantismus" gesehen wird, und die mystischen Einsichten eines Meister Eckhart von Sloterdijk auf "inspirierte intellektheoretische Spekulationen" reduziert werden, dann ist das schon bedrückend reduktionistisch.
Das Buch kann daher auch, abgesehen von einem allgemeinen Hinweis auf den zivilisatorischen Weg, keine Lösungen zur Beendigung der Konflikte zwischen den drei Monotheismen aufzeigen.
Es ist eigenartig: Sloterdijk erweist sich bei der Beschreibung des Kampfes der drei Monotheismen als ein Meister der strukturellen Analyse. Doch Religionen entwickeln sich, äußerlich und innerlich, wie alles andere auch, und diese Entwicklung ist auch eine strukturelle Entwicklung mit niederen, mittleren, höheren und immer höheren Ebenen des Wissens und des Seins, und gerade in dieser Entwicklung liegt eine Lösung des Montheismus und seiner offenkundigen Schwächen.
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9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Marxismus als vierte Religion!, 11. September 2008
Von 
Mag Sarah Krampl "sarahkrampl" (Villach) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen (Gebundene Ausgabe)
Sloterdijk studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte in München und Hamburg. Seit 2002 ist er zusammen mit Rüdiger Safranski Gastgeber des "Philosophischen Quartett", das durchschnittlich alle zwei Monaten im ZDF ausgestrahlt wird. Sloterdijk veröffentlichte zahlreiche Essais und Schriften zu Kultur- und Religionsphilosophie, Kusttheorie und Psychologie.
Sloterdijk ist ein Sprach- und Übertreibungskünstler. Provokation gehört zu seinen Stilmitteln. Sein erstes Werk "Kritik der zynischen Vernunft" soll an den Titel von Kant erinnern "Kritik der reinen Vernunft" und ist eine Anspielung auf das heutige falsche Bewusstsein des Menschen.
Für Sloterdijk ist der Mensch ein Wesen, das von Innen kommt und deshalb gestaltet er seine späteren Lebensräume zu Innenräume aus. Er setzt sich im Allgemeinen mit Fragen der Globalisierung, mit dem Nah-Ost-Konflikt, mit dem Problem des Islams, kurz um mit allen aktuellen Problemen unserer Kultur auseinander.
"Gottes Eifer" handelt vom Gottesgedanken in Christentum, Judentum und Islam. Soterdijk setzt sich mit der Vorstellung von Gottes Macht auseinander. Wie konnte es dazu kommen, dass die Menschen Gott als Alleinherrscher denken konnten. Er denkt hier über den Begriff des Monotheismus nach und stellt neben den drei großen Religionen eine vierte hinzu: den Kommunismus. Auf Seite 18 zitiert Sloterdijk Heiner Mühlmann, einen zeitgenössischen Philosophen der sich die Frage stellt: "Wie entsteht Traszendenz?" "Sie entsteht durch die Verkennung des Langsamen...Langsam ist eine Bewegung, die länger dauert als eine Generation. Um sie zu beobachten, sind wir angewiesen auf die Zusammenarbeit mit Menschen, die vor uns gelebt haben, und mit Menschen, die nach uns leben werden.". Transzendenz hat für Sloterdijk etwas mit Unbeobachtbarkeit, etwas mit "Langfristigem Raum" zu tun. Transzendenz besteht aus der Verkennung des Heftigen. Der Stress ist der Grund für Prophetie, die Verkennung des langsamen Fortschritts ist der Grund für Transzendenz. Der Stress ist die Ursache dafür, dass man das Erlebte externen Mächten zuschreibt. Dieser Gedanke von Sloterdijk ist erschreckend aber wahr.
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20 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Charmant und schonungslos, 23. Januar 2008
Rezension bezieht sich auf: Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen (Gebundene Ausgabe)
Es macht immer wieder Freude, wenn die eigenen Vorstellungen, die sich in langjährigen Studien mit Steuerungsprozessen der Kultur gebildet haben, durch heftige Bewegungen zu neuen und interessanten Bildern geformt werden.
Diesen Kaleidoskop-Effekt verursacht Sloterdijks Betrachtungen der drei Offenbarungsreligionen mit dem reflexiv gesehen tiefdeutigen Titel "Gottes Eifer".
Viele Ansätze der Religions- und Kulturkritik aus vergangener und aktueller Kulturbetrachtung einbeziehend, analysiert der Wissenschaftler und Literat Strukturen und Inhalte der Monotheismen sowie ihrer "eifernden" Vertreter. Er schafft für diese Kulturen ein mögliches und teilweise sehr überzeugendes Flussdiagramm, so dass die heutigen religiösbedingten Kulturkonflikte als transparent und logisch erkannt werden können.
Offenbarungsreligionen als Vermittler psychologischer Nestwärme, Frustrationsausgleich und Welterklärung, die sowohl entmündigend als auch agitierend auf ihre Anhänger wirken und in ihrem absolutistischen Machtanspruch als Inhaber der alleinigen ewigen Wahrheit nicht nur zu Gewalt und Machtmissbrauch, sondern auch zu Entmündigung als zwingende Folge der bedingungslosen Unterwerfung führen müssen. Die Strukturen und Inhalte des Kommunismus, als gescheiterter Versuch einer profanen Ideologie, sieht Sloterdijk als schlüssige Folge dieser "Parodie der Religionsgeschichte", da auch jener durch seine Hohenpriester als Machtmittel zu Erreichung unumstößlicher menschlicher Wahrheit missverstanden und missbraucht wurde.

Das Buch ist ein Plädoyer für Zivilisationsentwicklung als Zielsetzung für die Zukunft, statt alternativ die alten Werte" neu zu beleben oder gar neue Dogmen mit endgültigem Wahrheitsanspruch in die Welt zu setzen.
Das Lebensbejahende an Sloterdijks Gedanken ist immer die Öffnung einer Tür, die den Beginn eines gangbaren Wegs für die Zukunft aufzeigt, ohne dass ihr Verlauf oder Ziele festgelegt werden, an denen diese Straße zu enden habe. So bleibt Kultur ein Versuch der Vervollkommnung im Hinblick auf ein sich laufend veränderndes Welt- und Menschenbild.
Ein wichtiges Buch für jeden, der sich wirklich für das Hier und Heute und damit zwingend auch für die Vergangenheit interessiert.

Und zu guter Letzt: Es begeistert mich immer wieder, Peter Sloterdijk auf seine rhetorisch gewandte und polemisch elegante Reise in brisante Themen zu folgen, die an manchem fremden Gestade verhält und bekannte Gebiete in neuem Licht erscheinen lässt.
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14 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Matrix der Unterdrückung, 28. Oktober 2007
Von 
Bernhard Horwatitsch "horwatitsch" (Muenchen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   
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Rezension bezieht sich auf: Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen (Gebundene Ausgabe)
"Die Matrix" schreibt Peter Sloterdijk "der klassischen religiösen und philosophischen Metaphysiken ist erschöpft. Erschöpft will einerseits besagen: vollständig entfaltet und verwirklicht, andererseits: ganz aufgebraucht und durchschaut in ihrer prinzipiellen Beschränktheit und Verfehltheit."
Im Anschluss an "Zorn und Zeit", füllt dieses Essay die Lücke, die Sloterdijk dort gelassen hat. Etwas einseitig erschien mir, dass Sloterdijk die sozialen Leistungen der Hochreligionen lediglich als PR deklariert (Seite 53: "man spräche heute von Public Relations-Aufgaben und Therapieberufen - womit die frühe Kirche die postmoderne Dienstleistungsgesllschaft antizipierte, deren wichtigestes Produkt die sozialen Beziehungen selbst sind.") Sloterdijk vertieft dies nicht weiter, geht auch nicht weiter auf die jeweiligen Inhalte der drei großen Weltreligionen ein. Vielmehr stellt er die Religionen als hierarchisierende Machtkonzepte dar, und sieht in der Folge die Epoche der Aufklärung in direkter Folge zur christlichen Religion: "Dieses Aufschäumen eines Furors für die größten menschlichen Zwecke ist gemeint, wenn man die historische Sequenz, die von der Jakobinerherrschaft bis zu den Rasereien des Maoismus reicht, als das Zeitalter der Ideologien bezeichnet. Ideologien im starken Sinn des Wortes sind Bewegungen, die mit atheistischen Weltprojekten die Form des eifernden Monotheismus nachäffen."
Machtkonzepte, geboren aus dem Elend der Masse, führen die Masse eben nicht aus dem Elend, sondern geben dem Elend einen Grund. Moses hat sein Volk nicht befreit, sondern nur ihren Blick nach oben geführt, weg von der Realität. Erziehung zur Demutshaltung, den Menschen klein zu halten und ein System der Unterdrückung aufzubauen, ist das unerklärte Ziel von Religion oder Staat. Dass der Mensch nicht gut sei, wird zur Abschlachtungsrechtfertigung. Verbote führen aber nicht zu einem moralischen Verhalten. Wenn man Staub frisst, ist man nicht notwendigerweise ein besserer Mensch. Der Soziologe Wolfgang Sofsky schreibt dazu sehr klug, dass man Freiheit nicht mit Moral verwechseln dürfe. Freiheit ist keine moralische Tugend, sondern die Voraussetzung jeglicher Tugend. Das kulturpolitische Paradox, dass Erziehung und Kontrolle zur Entziehung und Kontrollverlust führt, dass es stets Gegenbewegungen gibt, die schließlich im Extrem des Terrors münden, ist wohl nicht lösbar - "kein Universalismus ohne mengentheoretische Paradoxien", schreibt Sloterdijk.
Ob Sloterdijks Credo vom "zivilisatorischen Weg" der "allein noch offen" sei, wirklich die Kraft hat, sich mit "Feuerzungen auszubreiten", sei auch hier dahin gestellt. Jedenfalls, wer "Zorn und Zeit" gelesen hat, sollte in jedem Fall auch "Gottes Eifer" lesen, denn Sloterdijks adjektivisches Philosophieren verführt allemal zum Selberdenken.
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29 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Introite, nam et heic Dii sunt!" (Gellius) Monotheismen im Trialog., 4. Oktober 2007
Von 
kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
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Rezension bezieht sich auf: Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen (Gebundene Ausgabe)
"Die Welt, wie ich sie mir denke, ist eine ebenso natürliche Welt, und es mag an der Vorsehung allein wohl nicht liegen, dass sie nicht ebenso wirklich ist". (Lessing am 8ten August 1778) Und weiter: "Nathans Gesinnung ist schon immer meine gewesen, [...] der nicht jede geoffenbarte Religion, nicht jede ganz verwirft. [...] Noch kenne ich keinen Ort in Deutschland, wo dieses Stück aufgeführt werden könnte. Aber Heil und Glück dem, wo es zuerst aufgeführt wird". Lessings Ringparabel ist ein bedeutsames Beispiel, sich über die Konvention hinwegzusetzen und über den Trialog zu verdeutlichen, was einer jeden monotheistischen Religion Humanitäres immanent ist und über diesen Gedanken sie letztendlich zu einer großen Familie zu vereinen.

Im Jahre 1931 schrieb der englische Physiker James Jeans (1877-1946): "Vom physikalischen Standpunkt aus ist die hervorstechendste Leistung der Physik des 20. Jahrhunderts ... die allgemeine Erkenntnis, daß wir noch nicht in Berührung mit der letzten Wirklichkeit sind. Um in Platons Gleichnis zu sprechen: Wir sind noch in der Höhle eingeschlossen, mit dem Rücken zum Licht, und können nur die Schatten an der Wand beobachten". (Politeia, VII). An diesem Befund hat sich in den letzten 75 Jahren einzig geändert, daß er uns immer deutlicher, immer bewusster wird, weshalb wir die "letzte Wirklichkeit" wieder dort zu suchen beginnen, wo ihre Ahnung niedergeschrieben steht, in den heiligen Büchern der Weltreligionen, in den Schriften der Weisen und Seher. Aus des "Schattens Traum" wird nach Pindar (5. JH v. Chr.) das Licht, göttliches, den Menschen zur wahren Bestimmung führen.

"Das 21. Jahrhundert wird ein Jahrhundert der Religion sein, oder es wird nicht sein", prophezeite André Malraux (1901-1976). Das vergangene Jahrhundert hat Gott abgesetzt und die Profanierung der Lebenswelt auf ihren Höhepunkt getrieben, nun scheint sich Malraux' Prognose zu bewahrheiten. Existenz- und Zukunftsängste sowie das Bedürfnis nach Orientierung führen zur Renaissance religiöser Überzeugungen und Glaubensformen. (vgl. Habermas) Religiöse Sujets spielen nicht nur in der Literatur, der bildenden Kunst, in Theater, Film und Fernsehen wieder eine Rolle. Die Erkenntnisse der Naturwissenschaften, insbesondere der Biowissenschaft und Genforschung, werden von Diskussionen über den Schöpfungscharakter der Natur und die ethischen Fragen nach dem Anfang und dem Ende von Leben begleitet (vgl. Richard Dawkins: Der Gotteswahn, 2007). Zunehmend bestimmen religiöse Deutungsmuster auch politische und soziale Auseinandersetzungen. Noch nie waren die Chancen und auch die Notwendigkeit einer Begegnung der Weltreligionen so groß wie in unserer heutigen, globalisierten Welt; gleichzeitig wachsen doch die Bedrohungen durch religiösen Fanatismus und Fundamentalismus stetig. (Die Darmstädter Gespräche laden ein zum Thema am 11.11.2007)

Sloterdijk, philosophischer Essayist, nimmt sich mit Lessing im Rücken der neuen Position an. Nach Klärung der Prämissen zur Entstehung des Monotheismus, psycho-historischer oder psycho-sozialer Art, aus der bis dato polytheistischen Denkweise der Ägypter und Griechen ist für ihn der Weg frei, sich mit Krieg zwischen den Religionen und dessen Überwindung durch Gespräch zu widmen. Krieg ist mit Derrida gesprochen, der "Krieg um Jerusalem" und diese Gedanken sind nicht neu, (Milton, Blake, ein neues Jerusalem in England). Derrida spricht jedoch von Krieg in Sinne von out-of-joint sein und folgte damit einem Hamlet Vers (the world is out of joint). Er führt jedoch zum "clash of monotheism" wenn man deren jeweilige messianische Denk- und Handlungsweisen nicht zu einer Einheit führt.

Lessings Parabel ist dabei die Richtschnur Sloterdijks, den Ansatz Derridas zu folgen und zu vervollständigen, letztendlich die Voraussetzungen auszuloten, was notwendige und hinreichende Bedingungen für ein Gespräch oberhalb der friedlichen aber teilnahmslosen Koexistenz ist. Auszuloten sind die jeweiligen Immunsysteme der Religionen. Immunsysteme sind Zeichen und Verkörperungen für erwartete Verletzungen und manifestieren a priori Abwehrkörper wie Zauber und Rituale. Letztere werden gar überhöht in der Art, dass sie gelten, um das sichtbare Ende zu verlängern. Religion zeigt sich einmal integritätsfördernd im Sinne psycho-sozialer Ausrichtung und Zweckorientierung (Caritas). Zum anderen dient sie der Kanalisierung einer "Exeßbegabung", die allerdings mit der Romantik an das ästhetische Kunstsystem abgegeben wurde.

Sloterdijk wäre nicht Sloterdijk, würde er nicht Literatur zur Verständigung seiner Positionen heranziehen. Thomas Manns Meisterwerk über Joseph und seine Brüder gilt als Klarung der Frage, wem der Mensch zu dienen hat. Dem Höchsten allein! ist hier die Antwort aus der jüdischen Tradition heraus. Abraham entdeckte Gott und Abraham gilt als Ur-Vater aller drei monotheistischen Weltreligionen. Abraham führt den regressiven Beweis einer Existenz Gottes (mir sind Dawkins Gegenreden auf Aquinus bekannt), kommt aber zu dem wunderbaren Schluss, dass es einen Gott gibt, der es ernst meint und der dadurch im Menschen eine adäquate Resonanz schafft, nämlich dass ihm das Dazugehören zu diesem Souverän ebenso ernst ist. Er verkennt nicht, dass Gottessuche verbunden ist mit dem Streben nach menschlicher Bedeutsamkeit.

Doch dieser Gott Abrahams bleibt menschlich, angefangen von seinem vorgestellten Äußeren bis zu seiner cholerischen Reizbarkeit, von seiner unmenschlichen Forderungen zur Unterwerfung bis zu den blutigen Schlachten. Zwischen Jovialität und Tumult bewegt er sich, der Mensch kann nicht eine Absicht erkennen, dass er geliebt werden wird. Bloom geht soweit, dass bei dieser Voraussetzung Jesus nicht sein Sohn gewesen sein kann, zumal er wesensgleich sein soll. Dennoch ist dieser Bund mit Abraham die symbolproduktive Beziehung, die das Abendland in Hochkultur geprägt hat.

Neben den Prämissen, den Aufstellungen der Religionen seit Abraham gelten auch die Fronten. Anti -- das Schlagwort jeder Religion gegen über einer anderen. Aus den Konstellationen des Anti-Judaismus, Anti-Islamismus und Anti-Christianismus, zu denen sich interne Spaltungen gesellen, entwickelt Sloterdijk verschiedene Verhaltens- und Entscheidungsmöglichkeiten zur Ausdehnung oder Erhaltung. Christen bevorzugten die Mission, das Judentum setze auf Separatismus souveräner Art und für den Islam wurde der Heilige Krieg das Mittel der Wahl. Erinnernd an die Zeiten, wo die Ansprüche der Religion zu verteidigen waren, wo sie nur überlebensfähig war, in dem sie die Massen unter ihre Normen zwang, wo sich sanfte und unsanfte Mittel die Hand gaben, erinnert man sich gleichzeitig an eine Neuzeit, die die Kirchenmacht brach und das Religiöse wie das Ästhetische in hoher Kultur den nun emanzipierten Gläubigen durch Innere Mission vermitteln konnte. Die Trennung der Religionen ist nicht aufgehoben. Doch entstanden sind sie alle aus einem Widerspruch. Feindbilder gehörten zum Bildungsprozess.

Sloterdijk gelingt es bravourös, einen psycho-historischen Vergleich aufzuzeigen. Zusammenhänge und Folgen werden vom mosaischen Beginn bis zu der Okkupationsstrategie des Christentums gegenüber dem Judentum und der Neu-Offenbarung des Islams gezeigt, der einzig, weil später entstanden, für sich die wirkliche weltumspannende Religion beansprucht. Nun ist es an der Zeit, sich zurückzubesinnen und mit Nathan zu denken, der in seiner Gesinnung keine Religion verwirft. Sein Ansatz des Gesprächs ist zu führen als Trialog, um den Eifer jeder Religion in den Prozess der Zivilisation zu integrieren.

Nicht ohne Nietzsche kann Sloterdijk schließen. Nietzsches fünftes Evangelium als die Verbesserung der guten Nachricht erscheint einzig zusammenfassend die religionsphilosophischen Konsequenzen aus der neuzeitlichen Intoleranzkritik bedacht zu haben. Seine Dekonstruktion des Jenseitsfurors entzieht dem diesseitigen Leben die Notwendigkeit des Verrats. Historisch zeigt er eine hinreichend gute Analyse, doch bzgl. der aktuellen Gefahrenherde greift er zu kurz. Wie sollte er anders, sein Zarathustra empfähle heute den Partnern, vor Gesprächsbeginn vor der eigenen apokalyptischen Haustüre zu kehren.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Deus lo vult - Gott will es ?, 10. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen (Gebundene Ausgabe)
Peter Sloterdijk : Gottes Eifer - Vom Kampf der Monotheismen

Ganz gleich, was ich nachher noch schreiben werde und ob diese kurze Rezension dem Buch gerecht wird: Peter Sloterdijks Buch hat fünf Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung verdient. Die Lektüre sei auch allen empfohlen, denen gelegentlich die Lust am Lesen seiner Bücher vergangen ist - der Sloterdijk'schen Formulierungskünste wegen. (Dieses Problem hätte eine eigene Besprechung verdient.) In diesem Buch hat sich der Autor weithin um Verständlichkeit bemüht und belohnt den Leser mit einer Fülle genialer Sätze und Bilder, die oft verblüffend deutlich die Problematiken veranschaulichen. Es ist die oft zitierte und angesagte Wiederkehr der Religion und des Religiösen im 21. Jahrhundert, die den Autor zu einer kritischen Auseinandersetzung provozierte. Und eine notwendige dazu, wie ich meine.

Gottes-Wahn, Gottes-Vergiftung... in den letzten Jahren gab es einige Bestseller mit Gott in der Titelzeile, die sich dem Phänomen der menschlichen Gottesbeziehungen widmeten, Bücher für ein thematisch interessiertes Publikum. Auch wenn die kirchliche Mitgliederstatistik in Europa andere Trends zeigt: Religion ist wieder ein Thema in Europa und in der Welt. Peter Sloterdijk musste es nicht erst suchen.

Und das Thema macht blutige Schlagzeilen. Der Islam befindet sich weltweit in einer brisanten Aufbruchsstimmung und stellt den Status quo der betroffenen Gesellschaften in Frage. Militante Islamisten haben dem Westen den heiligen Krieg erklärt, einen Krieg im Namen Gottes gegen seine Feinde. Es geht hier nicht nur um starke Worte - "Nine-eleven" hat alle Skeptiker drastisch belehrt. Aber diese starken Worte sind uns eigentlich bekannt und sollten uns alarmieren. Der Aufruf zum Kampf gegen die Feinde Gottes fanatisierte vor tausend Jahren das christliche Europa zu unsäglichen Kriegszügen, die unter dem Namen "Kreuzzüge" in die Geschichte eingegangen sind. Der Schlachtruf hieß damals "Deus lo vult!" - "Gott will es!" und "Allahu akbar!" - "Gott ist groß!" auf der anderen Seite. Die Parole "Deus lo vult" ist - Gott(?) sei Dank - heute weniger zu hören, aber "Allahu akbar" ist aktueller denn je.

Aber was hat denn der heilige Gott mit den unheiligen Kriegen der Menschen zu tun? Sloterdijks Diagnose: Aggressiv intolerante Religion hat konstitutiv mit Monotheismus, dem Ein-Gott-Glauben, zu tun - kulturgeschichtlich speziell mit dem Monotheismus der "Abrahams-Religionen" - Judentum, Christentum und Islam. Entgegen dem viel geäußerten Vorwurf oder der Entschuldigung, die dummen Menschen hätten da etwas missverstanden und missbrauchten den friedlich liebenden Gott für ihre unfriedlichen Zwecke, ist festzuhalten, dass dieser Gott von Anfang an ein eifernder Herr ist - siehe Sloterdijks Buchtitel "Gottes Eifer" -, der keine anderen Götter neben sich duldet und von seinen Gläubigen bedingungslose Liebe und Unterwerfung verlangt. Er ist der einzige und der wahre Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde und der Herr des Lebens aller Menschen. Sein Wille ist Gesetz.

Ab jetzt wird sein Anspruch und seine Wahrheit zum globalen Thema, das Bekenntnis zu ihm eine Sache auf Leben und Tod, Heil und Unheil der Welt, über die er ein endzeitliches Gericht halten wird. Dann wird auch entschieden, wer von den drei Erben der Abrahams-Religion der gottgewollte und gottwohlgefällige Erbe sein wird. Alle drei bestreiten sich nämlich gegenseitig unerbittlich die beanspruchte göttliche Legitimität. Für das orthodoxe Judentum ist das Christentum eine Häresie, und für das Christentum und Judentum ist der Islam der Usurpator und umgekehrt.

Sloterdijk gibt einen anschaulichen und kenntnisreichen Einblick in die "Aufstellungen", die "Fronten" und die "Feldzüge" der monotheistischen Kulturen. Der Kampf dieser drei und ihr Selbstverständnis hat in den letzten zweitausend Jahren die Welt in immer heftigere Krisen geführt. Die Radikalität ihrer Protagonisten scheint sie heute unempfindlich zu machen für die Herausforderung der globalen Krise der Überbevölkerung, der Armut und der Umwelt: Gott ist wichtiger! Allahu akbar! Pereat mundus! (Auch wenn die Welt zugrunde geht!) Für seine Getreuen hat Gott einen Platz im Himmel bereitet, für seine Feinde die Hölle. Das Leben auf der Erde ist nicht mehr von Belang. Keine guten Aussichten für den Rest ihrer Bewohner... sollten sich die Zeloten Gottes durchsetzen.

Was kann man erwarten und was muss man tun? Sloterdijk versucht zu ergründen, was denn ein Glaube, ein Sich-Einlassen auf einen solchen Gott und seine Religion so attraktiv und verständlich mache. Es müssen Inhalte von Begriffen wie "Transzendenz" und "Offenbarung" geklärt, sowie das kulturhistorische Phänomen von "Religion" untersucht werden. Der Autor legt Wert darauf, zu erkennen, dass Religion kein eigenständiges Phänomen, sondern in die übergreifende Kategorie der Kultur einzuordnen ist und mit der wissenschaftlich gesicherten Erkenntnis aus diesem Bereich zu behandeln sei. Religion ist für Sloterdijk eine "Anthropotechnik", eng verwoben mit dem jeweiligen kulturellen Bemühen der Gesellschaft mit den inneren und äußeren Herausforderungen fertig zu werden.

Die historische Bedingtheit der Religionen, auch speziell der global agierenden monotheistischen Religionen, lässt gründlich zweifeln an ihrer Fähigkeit tragfähige Lösungen für die globalen Herausforderungen heutiger Zeit anbieten zu können, es sei denn, sie wandelten ihren bedingten "Gotteseifer" zu unbedingtem "Menscheneifer". Die aggressive Rechthaberei bezüglich göttlicher Wahrheiten ist dann überflüssig. Die bisherigen Opfer- und Unterwerfungsrituale sind obsolet geworden. Sloterdijk: " Globalisierung heißt: Die Kulturen zivilisieren sich gegenseitig. Das jüngste Gericht mündet in die alltägliche Arbeit. Die Offenbarung wird zum Umweltbericht und zum Protokoll über die Lage der Menschenrechte...Der zivilisatorische Weg ist allein noch offen." Volesse Dio oder Insyallah!

Bis dieser zivilisierende Weg allerdings von allen einsichtig beschritten wird, werden die Menschen wohl noch harte Zeiten vor sich haben. In diesen Tagen probieren vor allem muslimische Gesellschaften mit dem historisch überholten "Handwerkszeug" ihrer Religion einen modernen Staat aufzubauen. Zornig und enttäuscht von kapitalistischen und sozialistischen Erfahrungen, soll eine durch die Scharia religiös kontrolliertere Gesellschaft den Erfolg bringen - eine vorhersehbar zum Scheitern verurteilte Bemühung. Wahrscheinlich wird aber erst die Frustration der Menschen den zivilisatorischen Weg öffnen. Auch diese Erfahrung gehört zu jenem alleinigen Weg, den Sloterdijk postuliert. Muslime sollten Europas christliche Geschichte etwas genauer studieren.
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6 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Plädoyer für die Zivilisation, 26. Dezember 2007
Von 
Michael Weber "plodriges" (Nisterau, Westerwald) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen (Gebundene Ausgabe)
Sloterdijk wäre nicht Sloterdijk, würde er nicht die ihm am Herzen liegenden Themen in brillianter Diktion und reich an Neologismen mit typischer Polemik inszenieren. Die weltweite Renaissance religiösen Eiferertums mit seiner je spezifischen Militanz und paradox anmutenden Menschenfeindlichkeit in den großen monotheistischen Religionen kann schlichtweg niemandem gleichgültig sein. Der Autor versucht die tieferliegenden Ursachen der den monotheistischen Religionen inhärenten Kampfeshaltung aufzuspüren und historisch aufzuklären. Der Monotheismus erweist sich in Sloterdijks Perspektive im Kern als Religionsform der Verlierer in der Auseinandersetzung mit einer archaischen polytheistischen Tradition, wobei die Wurzeln dieser Entwicklung im Alten Ägypten aufzusuchen sind. Die dem Monotheismus zugrunde liegende Verliererperspektive setzt sich nach Ansicht des Autors in den heutigen militanten Formen der interreligiösen Auseinandersetzung fort, so dass die religiöse Frage nicht eigentlich religiöser Natur, sondern als "Soziale Frage" aufgefasst werden muss, für deren Lösung nur "der zivilisatorische Weg allein noch offen ist."(Sloterdijk) So weit, so klar: Doch wie sieht dieser Weg aus und vor allem: wer sind die Initiatoren? Der interreligiöse Dialog allein reicht, wie Sloterdijk richtig bemerkt, nicht aus. Sloterdijks hochinteressante Analyse endet daher letztlich mit einem offenen Postulat, das dringend mit Inhalt zu füllen wäre. Die in den Ansätzen von Küng (Projekt Weltethos), aber auch in jüngerer Zeit von Ratzinger und Habermas zum Ausdruck kommenden Versuche, gehen im Hinblick auf die Bedeutsamkeit der praktischen Seite weiter. Vor diesem Hintergrund ist mir auch nicht ganz klar geworden, wieso Sloterdijk Ratzinger und Habermas unterstellt, sie würden die gleichen Feindbilder bedienen, wie es in der interreligiösen Auseinandersetzung der Monotheismen der Fall sei. Die zivilisatorischen Ambitionen Ratzingers und Habermas überwiegen bei weitem, wenn sie die als dialektisch erkannte Säkularisierung einer kritischen Bestandsaufnahme unterziehen, an deren Ende Werte die Grundlage einer gemeinsam zu zivilisierenden Weltgesellschaft bilden. Diese Werte kommen im übrigen nicht zuletzt auch aus dem reichen Traditionsschatz der monotheistischen Weltreligionen selbst, deren geistesgeschichtliche Bedeutsamkeit sich zum Glück nicht in fanatisch-religiösem Eiferertum und Verachtung des Andersgläubigen erschöpft.
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4 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Unlesbar!, 16. April 2012
Von 
PST "A Reader from Germany" (Eislingen Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(VINE®-PRODUKTTESTER)   
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen (Gebundene Ausgabe)
Ich meinte bislang, ich sei jedenfalls durchschnittlich gebildert, habe vor Jahren studiert - allerdings nicht Philosophie....!

Der Inhalt des Buches blieb mir durch die absolut unlesbare Sprache von Herrn Sloterdijk völlig verborgen! Wo nur irgend möglich -und er findet viele Möglichkeiten- nimmt er das komplizerteste Wort, sogar für völlig banale Aussagen: "Zwei Tatsachen 'koinzidieren' sie stimmen halt überein".

Jedenfalls für mich war das Buch eine komplette Geldverschwendung.
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Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen
Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen von Peter Sloterdijk (Gebundene Ausgabe - 30. September 2007)
EUR 17,80
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