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am 10. April 2011
Die lange erwartete Niedecken-Autobiographie hat für mich alles gehalten, was sie im Vorfeld vesprochen hatte, oder was ich mir erwartet hatte. Und noch mehr..
Auf Seite 452 findet sich ein Satz, den man allen VIPs, Möchtegern-Promis und Politikern in Stein gemeisselt in den Vorgarten stellen sollte: "Mit den Jahren hatte ich gelernt, die Klappe zu halten, wenn ich von einem Thema keine Ahnung hatte, auch wenn es der Eitelkeit noch so schmeichelte, zu allem und jedem befragt zu werden."
Und diese Linie zieht Niedecken konsequent durch. Er erzählt viel, geradlinig und (weitgehend) ohne Eitelkeit, aber nur zu Themen, die ihm am Herzen liegen, zu denen er Profundes beisteuern kann. Und das ist nicht wenig. Kunst, Musik, Politik, Zeitgeschehen, bis ins Philosophische und natürlich zum humanitären Engagement gehen Niedeckens Anliegen.
Es gibt keinen Künstler in Deutschland, und nur ganz ganz Wenige ausserhalb, die in meiner Wertschätzung einen ähnliches Stellenwert haben wie dieser Mann. Wer dieses Leben mitverfolgt hat, weiss, dass die Faszination Niedecken auch darin liegt, dass er, wo immer er sich aufhält und egal, was er tut, versucht, die Welt ein kleines Bisschen besser zu machen. Kein Schwätzer, sondern einer der anpackt. Der mit seiner Meinung nie hinter den Berg gehalten hat, wenn ihm ein Thema wichtig war. Der, obwohl mittlerweile wohl mehrfacher Millionär, nie den Bezug zum richtigen Leben verloren hat, nie abgehoben ist.
Wer ihn einmal persönlich getroffen hat, der kann dies sicher bestätigen. Und genau so schreibt er. Einfühlsam, gekonnt wie seine Songtexte, die auch immer mal als unmarkierte Zitate im Zusammenhang des Textes zu finden sind, fließt der Text an Augen und Hirn vorbei. Ihm geht es nicht darum, Menschen in die Pfanne zu hauen, denn natürlich handelt "Für 'ne Moment" auch von persönlichen Enttäuschungen, menschlichen wie beruflichen, von großen und kleinen Niederlagen des Lebens. Aber auch in diesen Momenten ist der Text von dem Willen durchdrungen, nachdenken und verzeihen zu können. Und das macht die menschliche Größe Niedeckens aus.
Wer eine Abrechnung mit alten Weggefährten erwartet hat, wird enttäuscht sein. Natürlich schreibt er über den Bruch mit Major und die Gründe dahinter. Aber ohne Bösartigkeit, nüchtern und resümierend. Andere BAP-Weggefährten werden komplett aussen vor gelassen z.B. Steve Borg, Bassist der frühen Achziger. Auch das Bandende für seinen langjährige Freund Schmal blieb unerwähnt, ich vermute auf Wunsch dieser Ex-BAPler. Aber das ist OK so, hat er doch schon vor 30 Jahren gesungen: "Ich könnte jetzt laut die Namen singen, doch das gebe ich dran,denn es gibt nichts abzurechnen, nachkarten gilt nicht. Und außerdem, was soll das? Leute "in die Pforte zu hängen"(bloßzustellen) bringt mir nichts." (Fuhl am Strand).
Wer also Interesse an einem überragenden Stück Zeitgeschichte hat, erzählt von einem der wichtigsten deutschen Künstler der letzten Jahrzehnte, der ist mit diesem tollen Buch bestens bedient.
Wer Klatsch und Tratsch aus der BAP-Historie will, der soll alte Bravos lesen.
Als Tüpfelchen auf dem i möchte ich noch die absolute Klasse des Buches in anderer Hinsicht betonen: Keine Satz- oder Druckfehler trüben das Lesevergnügen, ein dickes Lob dem Lektorat von Hoffmann & Campe!
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am 5. September 2011
Das Buch von Wolfgang Niedecken ist in mehrerlei Hinsicht ungewöhnlich. Für eine herkömmliche Autobiographie unüblich ist der nicht chronologische Verlauf. Dadurch ist der Leser fast gezwungen, sich mit dem kompletten Buch zu beschäftigen und kann sich nicht vermeintliche Rosinen herauspicken.

Des Weiteren erfordert dieses Buch eine Auseinandersetzung des Lesers mit dem Inhalt. So bleibt es vermutlich nicht aus, dass man neben dem Buch auch andere Quellen heranzieht, um sich über die Umstände bzw. über die Beschreibungen zu informieren. Das kann sich auf Lieder beziehen, die z.B. mir nicht alle bekannt sind bzw. deren Texte mir nicht präsent sind. Die Informationssuche kann sich aber auch auf die Bandgeschichte von BAP beziehen, wo man z.B. mithilfe von Wikipedia die jeweiligen Bandbesetzungen (mit 23 gegenwärtigen und ehemaligen Bandmitgliedern) im Laufe der Jahre nachvollziehen kann. Diesbezüglich hätte eine entsprechende Tabelle im Anhang des Buches sicherlich geholfen.

Stilistisch schreibt Niedecken so, wie man ihn kennt. Er hat seine Ecken und Kanten und seine eigene Sicht der Dinge. Ich hatte nicht erwartet, dass er mit seinem Buch nur Zustimmung erzielen will. Er wollte während seiner Karriere provozieren, diskutieren und streiten und diesem Ideal" bleibt er in der Biographie treu: Einige Stellen erzeugen Unverständnis und schreien regelrecht nach Widerspruch. Eben weil ich nicht mit jeder seiner Einlassungen einverstanden bin, habe ich mich mit vielen Textstellen näher und ausgiebig beschäftigt, was die Qualität des Buches in Bezug auf Nachhaltigkeit ohne Zweifel anhebt.

Dennoch überzieht er an manchen Stellen und hier lassen sich auch Schwächen in der Persönlichkeit des Autors erkennen. Mit seinen Einlassungen zum Kalten Krieg (sowie seiner Erklärung zur Parteinahme für eine Aktion zugunsten der Schröder/Fischer-Regierung) bin ich z.B. nicht einverstanden. Politische Differenzen in unseren Ansichten hatte ich aber von vornherein vermutet, so dass sie mich nicht weiter stören. Dass er retroperspektiv seine Haltung aber nicht in Frage gestellt hat und z.T. auf polemische Art auch heute noch auf seinen Ansicht beharrt, deute ich als Engstirnigkeit.

Dass er den Musikstil von Phil Collins nicht mag, verwundert mich nicht, allerdings frage ich mich, warum er gezielt Collins heraussucht, um ihn zu verunglimpfen. Diesbezüglich war meine Suche nach einer Ursache nicht erfolgreich.

Mit Bewunderung an der Person Bob Dylan war zu rechnen, aber mehr Objektivität wäre wünschenswert gewesen. Seine Verliebtheit zu Dylan erreicht ihren Höhepunkt, als er den Auftritt von diesem beim Live Aid-Konzert mit der Diktion Fahne des RockŽn ŽRoll hochgehalten" verklärt, während er fast der versammelten Mannschaft an Musikern einen großen Promo-Effekt als Beweggrund für den Auftritt bei Live Aid unterstellt. Damit ruft Niedecken Zweifel am eigenen Auftritt bei Live 8 hervor, der im Buch aber gar nicht angesprochen wird. Und wie möchte sich Niedecken verteidigen, falls man seinen Auftritt im Zusammenhang beim Anti-WAAhnsinnsfestival als Promo-Effekt bezeichnet?

Mit großer Spannung habe ich seine Betrachtung zur Bandgeschichte von BAP verfolgt. Ich muss vorwegschicken, dass aus meiner Sicht Niedecken hier in eine der typischen Fallen bei der Verfassung von Autobiographien getappt ist. Helmut Schmidt hat es immer abgelehnt, eine Autobiographie zu schreiben, weil er meinte, dass man dabei selber zu gut wegkommt und die Darstellung selbstgefällig wird. Und genau das muss man Niedecken vorwerfen.

Wenn es eine Band so lange gibt wie BAP, sind Konflikte im Laufe der Zeit meist unvermeidlich. Natürlich ist es für den Außenstehenden interessant, welche Streitereien sich abspielten und wie man damit umgegangen ist. Mir waren Dissonanzen bei BAP eigentlich unbekannt, weshalb ich diese Stellen aufmerksam verfolgt habe.

Man muss Niedecken zugestehen, dass er vielleicht zu nah dran ist, als dass er wirklich neutral bleiben kann. Jedoch hätte ihm auch auffallen können, dass er seine eigene Rolle für die Bandgeschichte nicht angemessen reflektiert. Er erkennt z.B. nicht, dass er sich auch abseits der Band einen Namen gemacht hat und eine Persönlichkeit entwickelt hat, mit der die Band umgehen muss. Es ist kein unbekanntes Phänomen, dass Bandkollegen neben der Popularität ihres Sängers beinahe verblassen und zu leiden haben (siehe U2 und Bono) und dadurch austauschbar erscheinen. Hier wäre Ursachenforschung für die verschiedenen Standpunkte der Bandmitglieder anzuraten gewesen. Während Niedecken in der Öffentlichkeit bekannt war und hohe Popularitätswerte erzielte, blieben die restlichen Bandmitglieder überwiegend im Hintergrund. Eine daraus resultierende Ursache für Konflikte wäre z.B. gewesen, dass einige der übrigen Mitstreiter als Band wahrgenommen werden wollten und nicht nur die musikalische Untermalung für die Ideen des Frontmanns liefern wollten. Eine selbstkritische Reflektion wäre mehr als wünschenswert gewesen.

Durch die fehlende ausgewogene Rückbetrachtung entwickelt sich das Buch zur Abrechnung und dem Waschen schmutziger Wäsche mit den Bandkollegen, insbesondere mit dem BAP-Major. Das lässt sich u.a. an dem Vorwurf der Kommerzialisierung festmachen. Außerdem amüsiert er sich darüber, bei der letzten Tournee dem Major ein Solo versaut zu haben. Falls sich der BAP-Major und Niedecken nach dem Ausstieg vom Gitarristen ins Gesicht sehen konnten, muss man befürchten, dass dieses spätestens nach der Buchveröffentlichung nicht mehr der Fall ist. Ferner stehen Beschreibungen wie Lustlosigkeit der BAP-Kollegen im Raume. Dass Steve Borg trotz einer Bandzugehörigkeit von 15 Jahren nicht ein einziges Mal namentlich erwähnt wurde, sondern nur als unser Bassist" aufgeführt wurde, fällt negativ auf.

Fazit: Der Umgang mit vergangenen BAP-Kollegen wirft ein schales Licht auf einen Teil der Persönlichkeit von Niedecken und hinterlässt einen unangenehmen Nachgeschmack auf die Qualität des Buches, das ansonsten viele Facetten bietet und auch für den Nicht-BAP-Fan durchaus lesenswert ist.
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Seine Autobiographie kann man als in sich verwobene ganzheitliche Lebensgeschichte präsentieren, mit einem romanhaften Handlungs- und Spannungsbogen und so dem Leser den Eindruck vermitteln, als hätte jeder Schritt auf dem Lebensweg auch schon Schritte die erst Jahre später erfolgten ganz wesentlich gelenkt und vorbestimmt, als bündige und schlüssige Geschichte.
Auf diese Art sind viele (Auto)Biographien verfasst und möglicherweise ist dies literarisch auch der bessere, zumindest besser zusammenhängend lesbare, Stil.
Nur ist so das Leben nicht.

Bis auf wenige Ausnahmen, die es geben mag und die die Regel bestätigen, ist gelebtes Leben, ist eine Biographie immer eine Vielzahl von Einzelereignissen, die hier und da zusammenlaufen, oft aber wenig bis absolut gar nichts miteinander zu tun haben.

In der Rückschau, verstärkt durch das Ausblenden von Banalitäten und durch selbst konstruierte oder bestenfalls erst rückblickend erkannte Zusammenhänge, (in unredlichen Fällen dann auch noch durch Überhöhen von Erfolgen und Verschweigen von Niederlagen) ein Leben maßzuschneidern, was sich in Form eines Buches gut nachlesen lässt, mag zwar üblich sein, aber ist es wirklich die beste Form sich zu erinnern, wenn das Ziel ist, sein Leben möglichst authentisch abzubilden?

Wolfgang Niedecken hat sich für seine Autobiographie zum 60. Geburtstag einen anderen, wie ich finde besseren, Weg gesucht. Die 520 Seiten praller Lebenserinnerungen sind lediglich in sieben Kapitel gegliedert und selbst diese Gliederung hätte er weglassen können. Denn anstatt einer durchlaufenden Geschichte, die zwanghaft versucht alles mit allem zu verbinden und was sich nicht einbinden lässt, bleibt unerzählt, ist "Für ne Moment" eine Aneinanderreihung von Anekdoten. Mal über zehn-zwölf Seiten, mal auch nicht mal eine Seite lang, wird in halbwegs chronologischer Abfolge Erwähnenswertes erzählt.
Erzählt ist der richtige Ausdruck, der Schreibstil gleicht einem intelligenten Plauderton. Das Buch vermittelt den Eindruck, als säße man mit Niedecken in kleiner Runde und er erzählt sich erinnernd und unverstellt drauflos. Es mischt sich herzlich Komisches, mit Bitterem, erzählenswerte, weil originelle Nebensächlichkeiten, mit ganz besonderen Ereignissen, Enttäuschungen, Überwältigungen und Überraschungen. Das ganze Leben halt. Und in 60 Lebensjahren eines Musikers, Malers und Autoren, kurz Universal-Künstlers, zumal enorm erfolgreich, mit reichlich Kindern und Weggefährten aller Couleur, passiert so einiges.

Ganz und gar wohltuend, wenn auch eigentlich nicht anders zu erwarten, fällt auf, dass Niedecken über kleine witzige, mitunter auch peinlich-witzige Anekdoten im selben Stil redet, wie über grandiose Triumphe, über verschwurbelte Spinnereien genauso, wie über besondere Begegnungen, über das freundschaftliche Verhältnis zu Trude Herr mit demselben Respekt wie über das freundschaftliche Verhältnis zu Bruce Springsteen. Und selbst da wo von Scheitern im Zusammenhang mit Weggefährten die Rede ist, wird nicht gekeilt oder einseitig Schuld zugewiesen, sondern einfach erzählt, mal bedauernd, mal versöhnlich, mal ernüchtert feststellend.

Die hier wiederholt auftauchende Kritik, es sei nicht genug BAP im Buch, irritiert mich doch sehr. Es ist die Autobiographie von Wolfgang Niedecken, der auch der Frontmann von BAP ist, aber eben bei weitem nicht nur. BAP ist immer wieder Thema im Buch, wie sollte es auch anders sein, aber man kann doch nicht ernstlich 527 Seiten BAP-Stories erwartet haben???
Interesse für Wolfgang Niedecken vorausgesetzt, eine lesenswerte, authentische Autobiographie, mit einer Vielzahl an Anekdoten, die so unterschiedlich und abwechslungsreich sind wie das Leben.
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am 4. Mai 2011
Zunächst war ich skeptisch, als ich hörte, dass Niedecken eine Autobiografie auf den Markt bringt. Es gibt ja schon das 1990 erschiene Buch 'Auskunft', das leider in einer eher schnodderigen Sprache von zwei Ghostwritern verfasst wurde. Was soll da also kommen?
Bei der Lektüre von "Für ne' Moment" war ich dann positiv überrascht: Ohne Rücksicht auf Chronologie und Vollständigkeit erzählt Niedecken von glücklichen, traurigen, lustigen, prägenden, spannenden oder entscheidenen Momenten seines Lebens. Die Sprache, die er dabei benutzt ist wunderbar poetisch, so dass der Leser das Gefühl hat einen Roman zu lesen, in dem er -Niedecken- nun zufällig der Hauptdarsteller ist. Der Autor selber, unterstützt von dem Stuttgarter Literaturwissenschaftler Oliver Kobold, nimmt dabei die Postion eines staunenden Beobachters ein, der den Verlauf seines Lebens mit allen glücklichen Fügungen nicht ganz fassen kann und ständig Angst hat, aus einem Traum zu erwachen. Die Facts, die er liefert sind dem aufmerksamen Fan ja zumeist bekannt; neu ist allerdings, dass die Richtungskämpfe innerhalb der Band, die sich etwa ab Mitte der achtziger Jahre bis zum Ende der neunziger Jahre abspielten in dieser Umfänglichkeit noch nirgends so deutlich dargelegt wurden, wohl aus Rücksicht auf die ehemaligen Bandmitglieder. Niedecken wäscht hier zum Glück nicht die schmutzige Bandwäsche. Etwas zu langatmig ist die Schilderung der Zusammenarbeit mit Wim Wenders für den BAP-Film "Viel passiert" ausgefallen. Hier wäre weniger mehr gewesen. Es handelt sich aber um die einzige Stelle im Buch, an der ich gelangweilt weitergeblättert habe. Insgesamt handelt es sich um ein wirklich spannendes, vor allem wegen seiner großartigen Sprache lesenswertes Buch.
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am 29. Mai 2011
Wer eine Autobiographie schreibt, kann grundsätzlich sagen was er will, und die Welt so darstellen, wie er sie sieht. Inwiefern der Author in dieser Darstellung der Wahrheit Gewalt antut ist immer eine schwierige Frage, und Wolfgang Niedecken's Autobiographie ist in dieser Hinsicht ein schwieriges Buch.

Neben Frontmann der Rockgruppe BAP ist Niedecken bildender Künstler, engagiert er sich politisch und setzt sich für humanitäre Initiativen , hauptsächlich in Afrika, ein. Seine Biografie stellt somit ein breitgefächertes Leben dar. Dennoch kann man getrost davon ausgehen, dass die grosse Mehrzahl der Käufer dieses Buches es vor allem lesen, weil ihnen die Band zusagt. Entsprechend richten sich viele Kritiken, so auch diese, in erster Linie auf die Darstellung der Bandgeschichte. Und da wird man bitter enttäuscht.

So liebevoll und ausgewogen Niedecken die Bilanz der Beziehung mit seinem Vater zieht, und so beeindruckend er seine Erfahrungen in Afrika schildert, so ungehalten und kleinlich geht er mit seinen in Ungnade gefallenen Mitstreitern um. In vielen anderen Rezensionen wird bereits die Abrechnung mit dem ehemaligen Gitarristen Klaus Heuser angesprochen, aber diese Auseinandersetzung wird wenigstens dargestellt. In anderen FäIlen werden `Gegner' heftigst kritisiert, ohne mit Namen genannt zu werden (Seite 342 zum Beispiel: "Ich verbannte die reinen Stimmungsverderber [...] furs Erste aus dem Studio, doch damit schließlich auch aus der Band.") Aus dem Kontext kann man annähernd schliessen um wen es gehen dürfte - Schmal Boecker und Steve Borg waren beim nächsten Album nicht mehr dabei. Letzterer wird auf keinem der 527 Seiten dieses Buches namentlich erwähnt - komisch, war er doch immerhin 16 Jahre lang dabei.

Jens Streifling, dessen Weggang 2003 von Niedecken zur Zeit als übelste Fahnenflucht charakterisiert wurde, verschwindet in diesem Buch einfach von der Bildfläche. Alexander Büchel wird vorgeworfen, er hätte bei seinem Weggang wohl auch an Geld gedacht - diesen Vorwurf hätte aber der Musiker wohl nur ausweichen können, indem er freiwillig von einer vertraglich festgelegten Abfindung abgesehen hätte - ihm in diesem Zusammenhang eine halbe Wahrheit zu unterstellen zeigt zumindest nicht von einer großen geistigen Großzügigkeit.

Besonders unglaubwürdig wirkt Niedecken aber, wenn er auf Seite 392 so tut als wüsste er überhaupt nicht, wer als dritter Mann 1999 bei BAP ausgestiegen sei. Der EMI Musikverlag, sowie die Fansite bap-fan.de hätten da Abhilfe leisten können: es ging um Hans Wollrath, der 19 Jahre lang zusammen mit Niedecken auf vielen Plattenhüllen stand; auch im Beiheft des Comics & Pinups Albums noch als Bandmitglied aufgeführt wird. Es mag Wollrath einer der ehemaligen Bandmitglieder gewesen sein, die Niedecken seinem Konzept der BAP-Remasters von 2006 und 2007 teilweise vermasselt haben. Das wäre aber eine lesenswerte Geschichte gewesen - dieses Totschweigen ärgert da nur.

Fazit: wer mehr über den bildenden Künstler und den Aktivisten erfahren will, sollte sich dieses Buch kaufen. Wer an die BAP-Geschichte interessiert ist, muss dem Meister seiner Version der Wirklichkeit vorbehaltslos und kritiklos zugestehen - oder sich ganz ordentlich ärgern. Beide Herangehensweisen findet man hier bei den Rezensenten - ich schließe mich enttäuscht der zweiten Gruppe an.
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am 18. Januar 2016
Das Buch lässt mich ein wenig ratlos zurück. Zum einen finde ich es gut, dass Wolfgang Niedecken hier seine Autobiografie vorlegt und den Focus auf die Themen legt, die ihm wichtig genug erschienen um in diesem Buch aufgearbeitet zu werden. Und sich nicht von Erwartungen der BAP-Fans trieben ließ. Anderseits scheint ihm im Laufe der Jahre die Bodenhaftung etwas abhanden gekommen zu sein.
Dieser Eindruck manifestiert sich ja neuerdings auch im Bandnamen, aus BAP wurde im Zuge eines neuen Plattenvertrages „Niedeckens BAP“, und genau dieses Selbstbild vermittelte sich mir auch beim Lesen. Hier der Macher, der alles weiß und alles kann, eigentlich so gut wie nie Fehler macht und der wenn, das Heft selbst in die Hand nimmt und sein Universum wieder gerade rückt. Dort die anderen, die entweder selbst unantastbar sind (Springsteen, Dylan, Geldorf, Wenders) oder eben nur unnötigen Ballast darstellen, der über Bord geworfen gehört. Selbstkritik? Überwiegend Mangelware. Stattdessen scheint Wolfgang Niedecken seine 1990 erschienene, erste Biografie „Auskunft“ vergessen zu haben. Seine dort zum Beispiel ausgiebig und offen dargestellten Alkoholprobleme sind heute für ihn offenbar kein Thema mehr.
Negativ erscheinen nur die anderen, allen voran die ehemaligen Kollegen, die teilweise noch nicht einmal namentlich erwähnt werden. Warum auch immer.
Interessanterweise demontiert sich Wolfgang Niedecken durch diese Art der Aufarbeitung stellenweise derart selbst, dass es trotzdem Spaß macht dieses Buch zu lesen. Zumal Oliver Kobold es trotz einiger ausufernder Passagen sehr unterhaltsam verfasst hat. Ohne es zu merken hält Niedecken sich den Spiegel vor und der Leser kann sich so als stiller Beobachter sein eigenes Bild von der Person Wolfgang Niedecken machen. Mein Bild von ihm war schon seit längerem ein anderes als noch als BAP-Fan vor 20 Jahren. Dieses Buch bestätigte diesen Eindruck nur noch. Wenn Wolfgang Niedecken mit diesem Buch erreichen wollte, dass sich seine Fans kritischer mit ihm auseinandersetzen, dann ist ihm das geglückt. Es steht aber zu bezweifeln, dass dies wirklich seine Intension war.
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am 13. Mai 2011
Zunächst mal: Ich bin kein BAP-Fan der ersten Stunde und ich finde die Musik seit dem Weggang vom Major wesentlich (!!!) besser, weil rockiger als z.B. auf Comics and pinups oder Da Capo. Aber trotzdem kann ich mich einem meiner Vorschreiber nur anschließen: Niedeckens Rumhacken auf dem Major nervt und grenzt für mich an Arroganz. Jeder Leser wird schnell merken, dass Niedecken und Heuser lange Jahre nicht auf einer Wellenlänge waren, es immer noch nicht sind und wahrscheinlich nie sein werden. Trotzdem tritt Niedecken wieder, wieder und wieder nach. Für mich absolut unnötig. Und wenn der sensible Niedecken so darunter gelitten hat, dass seine textlichen und musikalischen Ideen jahrelang keinen Zuspruch in (weiten Teilen) der Band fanden - warum hat er das dann so lange mitgemacht?
Was mich aber noch mehr gestört hat, ist Folgendes: Ich dachte, dass Niedecken ein Mensch mit einer durchweg kritischen Haltung ist (das betont er ja auch dauernd). Allerdings muss ich mein Bild nach der Lektüre von "Für 'ne Moment" wohl etwas revidieren. Niedecken ist ein Mensch, der oft, vielleicht auch meistens kritisch ist. Wenn es aber um seine Vorbilder wie Dylan, Springsteen oder die Stones geht, fehlt jede Spur einer kritischen Sichtweise, die m.E. hier und da durchaus angebracht wäre (auch für einen Fan). Stattdessen wird da wird nur noch vergötttert, in den Himmel gehoben, quasi angebetet. Für Wim Wenders gilt Ähnliches.

Fazit: "Für 'ne Moment" hat durchaus spannende Passagen und ist von daher lesenswert, mein Niedecken-Bild hat allerdings stark unter der Lektüre gelitten.
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am 17. Juli 2011
Über Niedeckens Biographie wurde hier schon viel geschrieben. Auch ich habe das Buch mit gemischten Gefühlen zur Seite gelegt. Beeindruckend fand ich den Aufbau der Biographie: an einem Punkt zu starten und von da aus Schlaglichter zurück und nach vorne zu werfen. Dies hat das Lesen sehr angenehm und kurzweilig gemacht.

Aus meiner Sicht hat das Buch 2 immer wieder kehrende Grundmotive:

1. die von Niedecken geforderte Einheit zwischen Werk und Leben von Künstlern: für ihn sind es wohl vor allem Larry Rivers (kann ich nicht beurteilen) und Rory Gallagher (sehe ich genau so), die dafür stehen. Völlig außen vor ist Bob Dylan: bei dem massiven Einfluss, den Dylan auf Niedecken hat, wundert dies sehr. Gerade in die Anfangsjahre von Bap fällt doch Dylans christliche Erweckungsphase, in der er sektererische Texte vom Stapel ließ, zu denen die ultraorthodoxe amerikanische Rechte wohl heute noch klatscht...ist dies keine kritische Reflexion wert?

2. Momente, in denen Rock'n Roll wirklich erlebt wird. Dass er hier gerade den aus meiner Sicht schlechtesten aller denkbaren Auftritte (Dylan, Wood und Richards beim Band-Aid in den Achtzigern) anführt, irritiert total. Bei allem Respekt vor den Dreien: der Auftritt war miserabel. Was mich jedoch als Bap-Fan der Besetzung 1980-1999 wirklich betrübt ist die Tatsache, dass es Wolfgang Niedecken ab 1986 offenbar keinen Spaß mehr gemacht hat - die Rock'n Roll Momente ausblieben. Als Fan ging mir das anders: die Tourneen `86, `91, `93 und (vor allem) `97 hatten für mich jede Menge davon. Wenn er das alles halt nur mitgemacht hat, weil die Kohle gepasst hat, fällt er persönlich vor seinem eigenen, oben beschriebenen Anspruch voll durch - das kann ich kaum glauben.

...noch ein letzter Gedanke: Carl Carlton spielt in einer eigenen Liga, klar. Die implizite Schlussfolgerung: "wenn einer wie Carl Carlton gut mit mir arbeiten konnte, brauche ich mir die Kritik von Major ja wohl nicht gefallen zu lassen" haut aus meiner Sicht nicht hin. Bei der Frage, ob Bap wegen oder trotz Major so lange Erfolg hatte, bleibe ich beim "wegen".
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am 26. Mai 2011
Ich kann mich im Prinzip in die Einschätzung der "3-Sterne-Fraktion" einreihen. Als ehemaliger (leidenschaftlicher) BAP- und Niedecken-Fan bin ich ebenfalls irritiert. Tatsächlich enthält das Buch einige unterhaltsame Passagen, ist gut lebar und streckenweise sehr interssant. Gerade die Ausführungen zur künstlerischen Entwicklung Niedeckens fand ich lesenswert. Warum sollte er in einer Biographie auch nur über BAP schreiben? Jeder, der sich für den Mann interessiert, weiss welch zentrale Rolle Kunst in seinem Leben spielt. Sehr unpassend allerdings finde auch ich seine Attacken gegen Klaus Heuser. So ein kleinkarriertes Nachtreten hätte ich nicht erwartet. Zumal Niedecken sich nicht so recht entscheiden kann, was er uns denn nun über diesen Konflikt mitteilen will. Es erinnert ein wenig an Zuckerbrot und Peitsche, wenn er dem "Major" zunächst attestiert, die Band erst so richtig nach vorne gebrach zu haben und sich dann bitterlich über dessen (angebliche) Dominanz beklagt. Auch die fast hämisch wirkende Freude über seinen Ausstieg ist überflüssig. Niedecken selber macht dabei keine gute Figur. Ebenfalls ist mir die "sparsame" Erwähnung von Steve Borg als "damaliger Bassist" aufgefallen. Als Mitsteiter der "guten, alten Anfangszeit" hätte man ihm durchaus mehr Beachtung schenken können, oder? Nun ja, Niedecken ist halt auch nur ein Mensch. Wer die Biographie liest, wird ihn vom "Podest" runterholen und auf dem Boden der Tatsachen abstellen. Möglicherweise ist das vom Autor genauso gewollt!?
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am 26. Juni 2016
Viel kann ich leider nicht zum Buch sagen. Als ich es anfing, war ich gerade eben mit der ersten Biographie "Auskunft" fertig. Da war die Spannung natürlich nicht mehr so stark. Der Stil ist ein bisschen anders und ich war immer noch bewegt vom ersten Buch. Obwohl natürlich vieles jetzt schon bekannt war, war es doch nicht dasselbe. Ein Mensch erzählt eben anders in einer späteren Lebensphase. Aber wie gesagt, ich habe das Buch nur überflogen und kann noch keine fundierte Aussage machen...
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