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am 27. Dezember 2008
Wie schreibt man über einen Menschen, von dem man sehr wenig weiss und dies auch zugibt ? Wie kommen da dreihundert Seiten zusammen ?

Indem der Autor über alles Mögliche schreibt,über die historische Interpretationsweise ,über andere Komponisten, deren Entwicklung,Werke und Schaffensweise und immer wieder auch ein wenig über Händel, über den es aber nichts zu berichten gibt.

Was hat er in Italien gemacht, die Werke kennen wir, seine Lebensweise nicht;was hat er in Hamburg gemacht, aha, das Duell mit Mattheson, dass dann ausgewalzt wird, weiteres ist nicht bekannt; hatte er was mit Frauen oder gar mit Männern, das wissen wir nicht, aber wenigstens, dass er gefuttert hat für drei.

Das Buch liefert eine Fülle von Informationen, aber keinen roten Faden. Nach vierzig -fünfzig Seiten fragt man sich, was schrieb der Autor eigentlich ? Es sind so viele disparate Informationen untergebracht worden, das alles eine Chance hat, vergessen zu werden.

Ich finde, dadurch liest sich das Werk schwer und eines stimmt sicher nicht: es ist kein Buch über Georg Friedrich Händel, sondern eine Ansammlung von Fakten und Meinungen, die in einem mehr oder weniger dichten Zusammenhang mit diesem Komponisten stehen.

Zudem füllt Ott die Seiten mit langen Zitaten aus der der Litatur zu Händel und zu anderen Menschen und Themen.

Wer sich zu tausendundeins Aspekten barocker Musik informieren will, ist mit diesem Buch gut bedient, denn der Autor breitet vieles aus, wer über Händel etwas lesen will, muss wohl zu anderen Werken greifen.
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am 2. Januar 2010
Ich habe das Buch zu Weihnachten bekommen und mit Vergnügen gelesen. Über Händel ist nicht allzu viel bekannt. Der Autor leuchtet deshalb umso stärker das Umfeld aus. Genau das macht das Buch unterhaltsam und lesenswert. Der Leser wird in einen quirligen barock-musikalischen Kosmos mit hineingenommen. Viele Namen, viele "Spielorte", etliche knappe Werkdeutungen lassen sich finden. Trotz mancher Redundanz hat das Buch Tempo und Witz. Die verschiedenen (kirchlichen) Motive, über Konfessions- und Landesgrenzen hinweg biblische Stoffe im Theater zu verbieten oder zumindest mit Vorbehalten zu betrachten, habe ich noch nirgendwo sonst so dargestellt und hintergründig gedeutet gelesen. Deutlich stellt der Autor heraus, wie weit gespannt der barocke Himmel ist und wie Gegensätzliches unter ihm Platz findet.

Dennoch:
Ich hätte mir gewünscht, der Autor wäre exemplarisch etwas tiefer in ein oder zwei Opern und eins, zwei Oratorien eingetaucht und hätte deren geselllschaftlichen und religiös-philosophischen Hintergrund beleuchtet und davon ausgehend andere Werkdeutungen vorgenommen. Das hätte dem Buch eine etwas festere Struktur und einen nachvollziehbareren Faden verleihen können.

Händel selbst wird - und das hat bereits eine lange Tradition - als Pan(en)theist gedeutet, der allem Christlichen eher indifferent gegenüberstehe. Ich vermute, aus heutiger Sicht sehen wir da manches viel zu eng. Das Barock war die bisher letzte Epoche, in der sich "Weltliches" und "Geistliches" ziemlich unbekümmert durchdringen konnten. Viele Kirchenleute sind ja selbst schlagende Beispiele für diese Durchdringung - übrigens keineswegs nur auf römisch-katholischer Seite. Händel selbst hat vielleicht viel christlicher gedacht als uns das heute erscheinen mag. Immerhin wissen wir, dass er regelmäßig die Gottesdienste in seiner Gemeindekirche besuchte, was für die Bevölkerung Londons um 1730 herum keineswegs mehr selbstverständlich war.
Die Deutung des Luthertums als welt- und sinnenfeindlich trifft so pauschal wie sie der Autor vornimmt, ganz und gar nicht zu, bei Luther selber schon nicht und noch viel weniger im größten Teil der lutherischen Tradition. Schließlich holte der lutherische Protestantismus alle Stilmittel der italienischen Oper in die Kirche. Es ist schon ein lustiges Wechselspiel, dass Händels Messias aus dem Theater in die Kirche wanderte und Bachs Passionen (heute) zuweilen im Theater aufgeführt werden.

Irritierend finde ich den Umgang des Autors mit Händels "Messias". Der Autor spricht sinngemäß von einem recht willkürlichen Sammelsurium von Bibeltexten, das Jennens zusammengestellt habe. Nichts liegt dem Librettisten ferner als das! Händel und Jennens vertonten zentrale Lesungstexte des Kirchenjahres. Dass der "Messias" sehr stark durch das Prisma des "alten Testaments" gesehen wird, ist das hohe theologische und philosophische Programm dieses Oratoriums: die alten Verheißungen erfüllen sich. Es gibt den Gott der Geschichte. Das ist eine klare Position gegen den Deismus! Aber das ist ein weites Feld.

Insgesamt ist Karl-Heinz Ott ein lesenswertes und unterhaltsames Buch gelungen. Es regt zum Weiterdenken an. Manche Positionen und Deutungen halte ich für falsch. Ich lese sie als Ermunterung zur produktiven Auseinandersetzung.
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am 18. Juli 2010
Seit John Mainwaring 1760 die erste Händel Biographie vorgelegt hat, ist viel über Händel geschrieben worden. Wie so viele Komponisten hat er das Schicksal manchmal "in" und manchmal "out" zu sein. Geht man nach der Vielzahl der Biographien in den letzten Jahren, dann muss man sagen, dass er im Augenblick ganz gewaltig "in" ist. Wenn man es kürzer haben will, ist man sicher mit dem Band von Peter Overbeck bei Suhrkamp (reich illustriert) oder dem Buch von Michael Heinemann in der Reihe der Rowohlts Monographien (das die alte, aber immer noch gut lesbare, Biographie von Richard Friedenthal ersetzt) gut bedient. Länger, aber auch gut lesbar, ist die Biographie von dem ehemaligen Diplomaten Werner Pieck bei der Europäischen Verlagsanstalt. Doch "Tumult und Grazie" von Karl-Heinz Ott ist irgendwie in einer anderen Liga, obgleich es sicher auch noch nicht die Quadratur des Kreises ist. Denn es gibt mindestens zwei verschiedene Händel, einmal den deutschen und dann den englischen Handel (der in England ganz anders rezipiert worden ist als hier). Wenn der Kapellmeister des hannoverschen Kurfürsten nach England ausgebüchst ist (wo er für den Rest seines Lebens bleiben wird), wundert er sich nicht wenig, dass sein Arbeitgeber plötzlich König von England wird. Er hat aber schneller Englisch gelernt als George I., obgleich sein Englisch immer mit deutschen, französischen und italienischen Ausdrücken durchsetzt war. Otts "Tumult und Grazie" ist weniger eine Biographie Händels als eine Kulturgeschichte der Musik in Händels Zeit, und in diesem Punkte ist sie allen vorgenannten Büchern überlegen.
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am 17. April 2014
Der temperamentvolle Stil von Ott macht das Buch zum reinen Lesevergnügen. So wird dem Liebhaber Barockmusik näher gebracht, so wird man in diese hochemotionelle Welt hineingezogen. von wegen "zopfig" - hier geht die Post ab. Manchmal trägt ihn der engagierte Schwung ein wenig über das Ziel, aber was macht das schon...
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am 19. Mai 2011
Der Rezension und Kritik von Sagittarius "Hans" schließe ich mich an. Ich habe ernsthaft versucht, das Buch durchzulesen, aber der schlechte Schreibstil hat es verhindert. Dass der Hoffmann&Campe Verlag dieses Buch verlegte, ist unglaublich.
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