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226 von 284 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lesenswert, weil streitbar und trotzdem informativ
Es war zu erwarten, dass dieses (hervorragende) Buch aufgrund seiner neuen Perspektiven bei Traditionalisten zu Ablehung und Aufgeregtheiten führen würde. Viele Rezensenten scheinen das Buch entweder nicht gelesen oder nicht verstanden zu haben. Konkretes Beispiel: Ein Konstanzer Evolutionsbiologe lehnt Bauers Buch in der Zeitschrift "Laborjournal" (Ausgabe 1-2,...
Veröffentlicht am 22. Februar 2009 von Beatus

versus
155 von 187 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Den Leser für dumm verkauft
Kurzversion der Kritik:
Darwin's Evolutionstheorie besagt, dass Selektion auf die Variation erblicher Merkmale wirkt, und dadurch die besser angepassten Individuen in der nächsten Generation häufiger vertreten sein werden. Mit andern Worten, dass über Variation und Selektion Adaptation zustande kommt.

Um von Darwin's Evolutionstheorie...
Veröffentlicht am 22. November 2008 von Carlo Ulove


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155 von 187 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Den Leser für dumm verkauft, 22. November 2008
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus (Psychologie) (Taschenbuch)
Kurzversion der Kritik:
Darwin's Evolutionstheorie besagt, dass Selektion auf die Variation erblicher Merkmale wirkt, und dadurch die besser angepassten Individuen in der nächsten Generation häufiger vertreten sein werden. Mit andern Worten, dass über Variation und Selektion Adaptation zustande kommt.

Um von Darwin's Evolutionstheorie Abschied nehmen zu können, müsste man also auf das Element der Selektion verzichten können, das heisst irgendwelche Veränderungen im Genom müssten direkt in Richtung der unter den neuen Umweltbedingung gewünschten Eigenschaften erfolgen.

Bauer's Buch macht nun nichts anderes, als die neueren molekularbiologischen Erkenntnisse interessant zusammenzufassen, die zu besagter Variation als Ausgangsmaterial für die Selektion führen, und sagt dann selbst (S.188), dass die Selektion, die die am Besten angepassten Varianten bevorzugt, eine unabdingbare Notwendigkeit sei, um Anpassung zu erzeugen.

Bauer sagt somit betreffend Variation, Selektion und Adaptation genau dasselbe, was auch die Evolutionstheorie besagt. Deshalb ist die Aussage, dass man nun vom Darwinismus Abschied nehmen könne, unlogisch, widersprüchlich und nicht sehr wissenschaftlich.

Das alles ist relativ einfach einzusehen, auch für Bauer, und es ist deshalb unverständlich, dass er versucht dem Leser trotzden an unzähligen Stellen zu suggerieren, dass genomische Veränderungen direkt in gewünschter Richtung entstehen.

Die etwas ausführlichere Version der Kritik:
Darwins Evolutionstheorie beruht im Wesentlichen auf der verblüffenden Einfachheit, dass Individuen einer Tier- oder Pflanzenart betreffend Merkmalen, die auch an ihre Nachkommen weitergegeben werden, varieren, und dass diese Merkmale Selektionsprozessen unterliegen, die in ihrer Intesität zeitlich variieren können. Dadurch ändern sich die Träger dieser Merkmale über gewisse Zeiträume und es können wie oft belegt, auch neue Arten entstehen. Erst später publizierte Mendel die Regeln der Genetik, und wiederum viel später entdeckten Watson, Crick und Rosalind Franklin die DNA als die Grundlage dieser erblichen Variation. In den letzten Jahrzenten wurden viele Gene entziffert, Mutationsgrundlagen und wesentliche Prozesse der Genregulation verstanden, epigenetische Prozesse und die Entstehung und Bedeutung mobiler Elemente im Genom entdeckt. Es wurde auch entdeckt, dass auf die Zelle oder den Organismus wirkende Stressfaktoren Auftreten und Häufigkeit dieser mobilen genetischen Elemente beeinflussen kann. Damit baut Bauer eine Luftblase auf und versucht dem Leser klar zumachen, dass es Dank dieser stressinduzierten "Umbauschübe" des Genoms zu adaptiven Veränderungen komme, und wir deshalb Darwin's Selektionshypothese zu einem grossen Teil vergessen könnten. Das ist natürlich Unsinn, da vorausgesetzt werden müsste, dass der Umbau des Genoms selbstinduziert in adaptiver Richtung geschieht. Tatsache ist, dass durch diese Prozesse lediglich Variation entsteht, auf die klassische Selektion wirken kann und dadurch über Generationen Adaptationen zustande kommen. Genauso ist auch die Evolution epigenetischer Regulation das Resultat von klassischen Selektionprozessen.

Im letzten Kapitel verkauft uns dann Bauer seine "Umrisse einer neuen Theorie", die über Gentransfer, Genkontrolle, HOX-Gene, mobile genetische Elemente, und genomische Entwicklungsschübe nicht viel enthält, was man nicht schon wüsste. Dann lässt er die Blase platzen, indem er die essentielle Bedeutung der natürlichen Selektion eingesteht, dass "nicht alles, was durch genomische Entwicklungsschübe neu entstand oder entsteht, ist lebens- oder vermehrungsfähig. Insoweit bleibt die Selektion eine biologische Tatsache, allerdings in einem wesentlich andern Sinne als im darwinistischen Dogma". Alles was Bauer dann hinsichtlich dieses wesentlich andern SInnes anzufügen hat, ist Semantik: "Zum Untergang von Spezies kam es im Wesentlichen nicht aufgrund kontinuierlicher Selektion, sondern im Rahmen von umweltbedingten Massenauslöschungen". Sowohl Darwin als auch die Neue Synthese gingen nicht davon aus, dass Selektionsdrucke zeitlich und geographisch nicht varieren können.

Bauer bedient sich in seiner Argumentation auch der Methodik, Leuten Worte und Sinn in den Mund zu legen, die gar nicht so gesagt und gemeint waren. Beispielsweise zitiert er (p.89) Barbara McClintock's Aussage "The genome is a highly sensitive organ" und uebersetzt sie als "Das Genom ist ein hochgradig wahrnemungsbegabtes Organ. Mit "sensitive organ" war hier ein "empfindliches Organ" gemeint, was niemand abstreitet, Bauer's fälschliche oder absichtliche Uebersetzung als "wahrnemungsbegabtes Organ" legt vollständig andere Konzepte aus dem menschlichen kognitiven Bereich in McClintocks Mund.

Es ist allzu offensichtlich, dass Bauer mit den Ideen von Dawkins wie sie in dessen brillianten Büchern " The selfish gene" und " The extended phenotype" ausgedrückt sind, nicht auf vernünftige Art umgehen kann. Unterdessen gibt es eine Unzahl von Studien, die genetische und genomische Konflikte und deren Bedeutung in der Evolution von Organismen, aber auch hinsichtlich medizinischer Bedeutung für Krankheiten bis hin zum Krebs in feinstem Detail aufzeigen, die aber von Bauer, zum Leidwesen medizinischen Fortschrittes, allesamt ignoriert werden.

Die Aussage Bauer's, dass Darwin's Evolutionstheorie inklusive der neuen Synthese ein "nicht mehr lebensfähiges weil unbrauchbares Konzept" darstelle, ist deshalb nicht viel mehr als ein unglücklicher und überrissener Versuch, sich für das Darwin-Jubiläumsjahr 2009 auch etwas ins Rampenlicht zu stellen. Insgesamt finde ich es sehr schade, dass der Autor sich damit die echte Chance vergeben hat, eine wirkliche Synthese zwischen Darwin's Evolutionstheorie und den Erkenntnisen der modernen Molekularbiologie zu schaffen, und damit aus gutem Grunde viel vom Rampenlicht hätte abbekommen können. Neben den molekularbiologischen Kenntnissen hat er zweifellos auch das schreiberische Talent dazu.
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110 von 134 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Titel genial - und ebenso irreführend wie der Titel "Das egoistischen Gen"., 15. Februar 2009
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus (Psychologie) (Taschenbuch)
Peng - der Buchtitel sitzt. Er (das heißt, wahlweise der Titel oder sein Autor) misst sich an Richard Dawkins Aufsehen erregendem Bestseller "Das egoistische Gen" aus dem Jahre 1976 und deutet zum aufgehenden Darwin-Jahr an, dem Spuk "Darwinismus" endgültig ein Ende zu bereiten. Leute, zieht Euch warm an!

Joachim Bauers Credo beschreibt der Satz "Gene, bzw. Genome, folgen drei biologischen Grundprinzipien (...): Kooperativität, Kommunikation und Kreativität". Nicht Zufall und Selektion führten zur Bildung neuer Arten, sondern die Genome der Lebewesen ändern sich selbst auf Grund der in ihnen angelegten Gesetze, und zwar als Reaktion auf Stressoren aus der Umwelt. Genetische mobile Elemente und RNA-Interferenz spielen dabei eine wesentliche Rolle. Bildung und Aussterben von Arten geschahen nicht langsam und kontinuierlich, sondern plötzlich. Die Auslöser waren dramatische Umweltveränderungen. Im letzten Kapitel beschreibt er seine auf zehn "Säulen" beruhende "Neue Theorie".

*Warum veröffentlicht der Autor seine "Neue Theorie" nicht Fachzeitschriften?*
Aus Joachim Bauers letztem Buch, das sich mit ähnlicher Thematik befasste, habe ich gelernt, dass man gut daran tut, gelegentlich die von ihm zitierte Originalliteratur nachzulesen (siehe auch meine Rezension zu "Prinzip Menschlichkeit - Warum wir von Natur aus kooperieren."). Und siehe da, mir passierte etwas sehr Merkwürdiges. Als ich bestimmte Sachverhalte erst von Bauer interpretiert las, sträubten sich bei mir die letzten wenigen Haare. Die Erläuterungen derselben Sachverhalte in der Originalliteratur, beispielsweise von den von Bauer gerne zitierten Autoren wie der Biologin Lynn Margulis, dem Biochemiker und Nobelpreisträger Craig C. Mello oder dem Molekularbiologen James A. Shapiro begeisterten mich. Warum ist das so? Ganz einfach. Die genannten Autoren unterscheiden klar zwischen Fakten und eigenen Spekulationen oder Visionen. Man muss den Gedankengängen nicht überall folgen, aber neue Gesichtspunkte sind allemal stimulierend und können einen Denkstil verändern. Joachim Bauer dagegen rührt Fakten und Spekulationen zusammen, zitiert Artikel mal richtig, mal sinnentstellt, wirft Gutachtern von Fachzeitschriften eine Art Zensur vor und verkauft Altbekanntes als neue Erkenntnis. Dabei bedient er sich einer bewährten Methode: Erst eine antiquierte, naive und entstellende Darstellung der Anschauung des Gegners (dem gegenwärtigen Stand der Evolutionstheorien) abgeben, um diese dann leicht widerlegen zu können. Das Buch richtet sich an ' ja an wen? Jedenfalls nicht an solche, die die Forschungen an den komplexen Evolutionstheorien begleiten oder eine gewisse Sachkenntnis haben. Also an 99,9 Prozent der Bevölkerung. Sonst würde er seine "Neue Theorie" in begutachteten Fachzeitschriften veröffentlicht haben.

*Beispiele*
Als meine Notizen über Merkwürdiges, Falsches oder Entstellendes, die ich beim Lesen gemacht habe drohten, den Umfang eines Buches zu erreichen, habe ich damit aufgehört. Weitergelesen habe ich letztlich nur, weil ich an Hand der Zitierungen immer wieder auf interessante Aspekte gestoßen bin. Diese habe ich dann im Original nachgelesen.

Joachim Bauer beschreibt biologische Konzepte, die zum Teil schon seit Jahrzehnten nicht mehr vertreten werden (wie die Bedeutung von Punktmutationen für die Artenbildung) und unterlässt Hinweise auf Konzepte, die schon seit Jahrzehnten bekannt sind. Er lässt beispielsweise die Tatsache des periodischen Aussterbens von Arten im Buch hervorgehoben drucken, als ob dies unbekannt wäre und behauptet, dass dies im Widerspruch mit den gängigen Evolutionstheorien stünde. Ernst Mayr, einer der Gestalter der modernen Evolutionstheorien, hat auf dieses periodische Aussterben schon vor 45 Jahren hingewiesen. Das zitiert Professor Bauer natürlich nicht. Den Begriff "Mutation" benützt er meist im Sinne von Punktmutation, um deren Bedeutung für die Artenbildung widerlegen zu können. Kommt so in den modernen Evolutionstheorien aber gar nicht mehr vor. Mutationen kommen aber schon vor. Nur versteht man unter Mutationen allgemein eine spontane und zufällige Veränderung der genetischen Eigenschaften einer Zelle; Genduplikationen, Ortswechsel von mobilen genetischen Elementen u.s.w. inbegriffen.

Joachim Bauer tut so, als ob behauptet würde, Arten würden durch "reinen Zufall" entstehen. Er ist sich nicht zu schade, einen Vorwurf zu erheben, der sonst nur von Kreationisten vorgebracht wird: Er vergleicht die Wirkung des Zufalls in der Evolution mit dem Entstehen eines Wolkenkratzers, wie "wenn man die dazu notwendigen Komponenten nur oft genug auf einen Haufen schütte". Beim kreationistischen Original heißt es, wenn ich mich richtig erinnere: wie ein Jumbojet, der allein dadurch entstehen könne, dass ein Tornado durch ein Ersatzteillager von Flugzeugteilen durchfege; so unwahrscheinlich). Ein solcher Schwachsinn war zwar nie Bestandteil von Evolutionstheorien, aber widerlegen lässt er sich treffend. Und vom angeblichen "reinen Zufall" in der Evolution kann schon deshalb nicht die Rede sein, weil auf Grund des Körperbaus, der Biochemie der Zelle u.s.w. nicht "alles" rein zufällig möglich ist. Die Entwicklung läuft "gebahnt". Sagt auch Professor Bauer. Vielleicht hat er dies bei seinem Lieblingsgegner Professor Dawkins gelesen, denn der sagt dasselbe. Hoimar von Ditfurth hat es so ausgedrückt: "... eine Beimengung von Zufall ist - wie das Salz in der Suppe - notwendig, damit überhaupt Freiheitsräume entstehen können, damit sich etwas verändern kann. Verantwortung, liebende Zuwendung, Wahrnehmung des Ganzen - das alles wäre ohne diesen Freiheitsraum, in einer durchdeterminierten Welt, überhaupt nicht denkbar." Schöner kann man's nicht sagen.

Für Joachim Bauer "veranlasst" eine Zelle die Veränderungen selbst, die zur Bildung einer neuen Art führen. Er suggeriert damit, eine Zelle würde zielgerichtet handeln. In kooperativer Weise (mit Hilfe von mobilen genetischen Elementen) würde die Evolution durch gezielte Mutationen vorangetrieben; beispielsweise vervielfältigen sich Gene dadurch und ermöglichen der Zelle neue Fähigkeiten. Die (grausame) Selektion ist nicht nötig. Da ist was Wahres dran. Bauer verschweigt allerdings, dass solche Vervielfältigungen auch zu mutierten Pseudogenen führen können, die dann erst mal inaktiviert werden müssen (oder die Zelle wird als funktionsuntüchtig ausselektiert), oder beispielsweise zu einer Trisomie von Chromosomen, wie beim Down-Syndrom. Zielgerichtet in die geistige Behinderung?

Ich könnte noch seitenweise weiterschreiben, aber kommen wir zum Schluss auf das "kooperative" Gen zurück, jenem Begriff im Titel, der den fulminanten Kontrapunkt zum "egoistischen" Gen Richard Dawkins setzt. Dawkins hat selber eingestanden, dass der Titel seines Buchs "Das egoistische Gen" eine "unangemessene Vorstellung von dessen Inhalt vermittelt". Der Leser könnte denken, das Buch handele von Egoismus, dabei, so sagt er, "widmet es sich eigentlich eher dem Altruismus" und äußert sich enttäuscht, dass anscheinend manche nur den Titel lesen. Mein Mitleid mit Dawkins hält sich hier in Grenzen; selber schuld, wenn man einen so bescheuerten Titel wählt oder sich vom Marketing aufschwatzen lässt. Gene sind Moleküle und nicht "egoistisch" oder "kooperativ". Auch Joachim Bauer hat sich beim Buchtitel anscheinend vom Marketing leiten lassen; so konnte wenigstens in dieser Hinsicht sein Buch an das *Niveau* von Dawkins Buch heranreichen (über dessen Aussagen man trotzdem verschiedener Meinung sein kann).

Ist es Ironie des Schicksals, dass Joachim Bauer hier seinen eigenen "Kampf" ums Überleben seiner Vorstellungen führt, ganz unkooperativ, dafür umso rechthaberischer? Ist es nicht das Wesen wissenschaftlicher Theorien, dass sie sich immer wieder verändern, entsprechend dem akkumulierten Wissen und dem vorherrschenden Denkstil? Es war eine großartige Leistung von Darwin, einen Denkanstoß zu geben, dem Denken über die Herkunft der Lebewesen eine neue Richtung zu weisen und dabei zu wissen, dass auch er eine endgültige Erklärung nicht geben konnte. Ein Absolutheitsanspruch à la Bauer wird sich mit der Zeit von allein in Luft auflösen.

*Bewertung*
Schwer zu bewerten. An sich ist das Vorhaben sehr begrüßenswert, Aspekte zum Mechanismus der Evolution zu beleuchten, die einer breiteren Öffentlichkeit (und selbst Biologen) noch wenig bekannt sind. Ich bin auf Blickwinkel gestoßen, die ich so noch nicht recht wahrgenommen hatte. Dafür müsste es fünf Sterne geben. Für die Art und Weise der Ausführung allerdings - fünf abstürzende Kometen, schon alleine weil ich mich so aufgeregt habe. Die Lektüre schlug mir geradezu auf den Magen. Ich werde mal einen Psychosomatiker konsultieren. Kennen Sie einen guten? Ach ja, ich könnte ja bei Prof. Bauers psychosomatischer Ambulanz in Freiburg vorbeischauen. Der wird sich freuen :-)
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90 von 111 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Des Kaisers neue Kleider, 4. April 2009
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus (Psychologie) (Taschenbuch)
Es ist die übliche Masche: Man nehme eine Theorie, stelle sie falsch dar, um dann vollmundig auf sie einprügeln zu können. Nach diesem Prinzip verfährt Bauer, dabei darauf zählend, dass die meisten seiner Leser die Details wohl nicht so genau kennen. Beispiel: Er stellt in den Mittelpunkt seiner Argumentation die angebliche Aussage der Darwin'schen Selektionstheorie, '"dass Veränderungen, denen Arten unterworfen sind, ausschließlich langsam-kontinuierlich bzw. linear auftreten"' (zitiert nach Bauer, S. 15). Er stellt dieser als "darwinistisches Dogma" bezeichneten Aussage dann die Aussage entgegen (S. 16), "die Entwicklung der Arten [sei] kein kontinuierlicher linearer Prozess, sondern erfolgte überwiegend in Schüben, die ... im Zusammenhang mit massiven Veränderungen der jeweiligen geophysikalischen bzw. klimatischen Umwelt standen'." Auf diese Aussage gründet Bauer dann im Wesentlichen seine weitere Argumentation. Hier wird jedoch ein Popanz aufgebaut (der 30 Jahre zuvor auch schon von Stephen J. Gould benutzt wurde)! In Wirklichkeit behauptet kein ernst zu nehmender Evolutionsbiologe, dass Artbildung kontinuierlich = linear vor sich geht. Das Auftreten langer Zeiten evolutionärer Stase von Arten, die unterbrochen werden von Phasen relativ schneller Veränderung - beispielsweise durch adaptive Radiation nach Freiwerden oder Neubesiedelung ökologischer Nischen (z. B. Galapagos) -, ist in der Evolutionsforschung seit langem bekannt und problemlos durch die Selektionstheorie erklärbar. Im Detail wird der Sachverhalt sehr anschaulich von Richard Dawkins in seinem Buch "Der blinde Uhrmacher"' (Kapitel 9) diskutiert. Sollte Bauer diese Ausführungen etwa nicht kennen? Kaum glaubhaft, angesichts seiner ausgesprochenen Dawkins-Gegnerschaft. Umso überraschender, dass Bauer dieses Buch - geschweige denn das betreffende Kapitel - in seinem Buch nicht einmal zitiert. Allein dies disqualifiziert Bauers Buch bereits als seriöses wissenschaftliches Werk.

Ähnliches findet sich noch häufiger. So soll der Titel - als Gegensatz zum "egoistischen Gen" - provozierend wirken. Er beweist jedoch nur, dass Bauer den Sachverhalt überhaupt nicht verstanden hat. Die von Dawkins in "Das egoistische Gen" hergeleitete Gen-Konkurrenz bezieht sich auf die Konkurrenz zwischen verschiedenen Allelen, d.h. zwischen Genen oder Chromosomenabschnitten mit ähnlicher Funktion. Diese müssen jedoch, um erfolgreich in die nächste Generation zu gelangen, selbstverständlich mit allen anderen Genen der Zelle bzw. des Körpers kooperieren. Nimmt man dies zur Kenntnis (was Bauer eben nicht tut), dann bleibt von der Originalität des "'kooperativen Gens"' nicht mehr viel übrig. Bauers Betonung der Kooperativität steht jedenfalls mitnichten im Widerspruch zu Dawkins. Von den (vielen) weiteren aufgebauten Popanzen sei auch noch genannt: die angeblich mit der Selektionstheorie unvereinbare 'Endosymbiontentheorie' (S.53). Die Begründung, warum denn diese Theorie nicht durch die Selektionstheorie erklärt werden könne, bleibt Bauer schuldig und beruft sich hier wieder einmal auf sein angebliches darwinistisches Dogma der langsamen, kontinuierlichen Veränderung. In Wirklichkeit gibt es jedoch - vom Standpunkt der Selektionstheorie betrachtet - keinerlei Grund, warum Organismen nicht über Symbiose einen Selektionsvorteil erreichen sollten (denn die Fähigkeit zur Symbiose ist ja auch genetisch determiniert).

Auch bei der Vorstellung seiner Zentralthese - einer kreativen Einflussnahme der Umwelt auf das Genom mittels Transpositionselementen, verfährt der Autor nach dem obigen Muster, d. h. er stellt zuerst die Aussagen der Selektionstheorie verfälschend dar, indem er die Erzeugung von genetischen Varianten durch Punktmutationen zu einem weiteren darwinistischen Dogma erklärt (S. 69ff.) -' gerade als ob Gen- oder Chromosomenduplikationen (z. B. als Folge von Fehlern bei der sexuellen Rekombination in den Keimzellen) nicht schon lange von der Evolutionsforschung als ganz wesentliche Mechanismen zur Erzeugung genetischer Variabilität erkannt worden wären, ohne deswegen mit den Aussagen der Selektionstheorie in irgendeiner Weise zu kollidieren. Transpositionselemente stellen hier einen weiteren Mechanismus dar, dessen Bedeutung bislang möglicherweise tatsächlich unterschätzt wurde. Für eine gerichtete Beeinflussung dieses Mechanismus durch Umweltstress (und das in den Keimzellen, wohlgemerkt; wobei hier auch noch berücksichtigt werden muss, dass eine über Millionen Jahre sich hinziehende, und daher für den einzelnen Organismus kaum wahrnehmbare Umweltveränderung etwas anderes ist, als wenn man Zellen, beispielsweise mit Säure, in einer Petrischale akut stresst), bietet Bauer jedoch nicht den geringsten Beleg. Und das wäre doch das Mindeste, was man von jemandem, der zum "Abschied vom Darwinismus" aufruft, erwarten dürfte. Darwin war da doch um Einiges sorgfältiger und vorsichtiger, bevor er Behauptungen von derartiger Tragweite aufstellte. Deswegen hat seine Theorie ja auch heute noch Bestand.

Am Thema Interessierten empfehle ich, Bücher, die den wirklichen Stand der Evolutionsforschung wieder geben - beispielsweise Richard Dawkins' ausgezeichnetes Buch "Der blinde Uhrmacher" - einmal im Vergleich mit Bauers Buch zu lesen. Der Darwinismus braucht diesen Vergleich wahrlich nicht zu fürchten.
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64 von 80 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Wenig neues, viel Polemik !, 23. Februar 2009
Von 
B. Albert (Dortmund, Westfalen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus (Psychologie) (Taschenbuch)
Das Buch funktioniert nach einem mittlerweile bekannten Rezept für einen Sachbuchbestseller. Man nehme:

1. einen eingängigen, Aufmerksamkeit erheischenden Titel - Bauer hat sogar gleich zwei, "Das kooperative Gen" in Anspielung an das überaus bekannte und erfolgreiche Buch von Dawkins "Das egoistische Gen" und den Untertitel, mit dem nicht weniger als eine Revolution der Evolutionstheorie versprochen wird,

2. populäre Gegner - hier Richard Dawkins "Das egoistische Gen", " Der Blinde Uhrmacher" und zuletzt "Der Gotteswahn" - und den gesamten Mainstream der Evolutionsbiologie insbesondere der Synthetischen Evolutionstheorie (Ernst Mayr et.al.),

3. ein in der Öffentlichkeit nur wenig bekanntes spezielles Forschungsergebnis - hier die Entdeckung der sogen. "springenden Gene" durch Barbara McClintock - und

4. stelle schließlich die Behauptung auf, dass dieses Ergebnis der Beweis für eine sehr allgemein gehaltene und äußerst umstrittenen These sei - evolutionärer Fortschritt beruht auf Selbstorganisation und nicht auf zufälliger Variation und natürlicher Zuchtwahl (Selektion) - welche natürlich dem Gegner den Garaus mache.

Wenn man das Buch dann noch zum richtigen Zeitpunkt herausbringt, wie gerade jetzt zum 200 Geburtstag Darwins und 150 "Geburtstag" seines Hauptwerkes, darf man sich einer großen Aufmerksamkeit gewiss sein !

Im Übrigen bringt das Buch interessierten Lesern wenig neues. Es wird mal wieder der alte Streit zwischen Punktualismus (S.J. Gould) und Gradualismus aufgewärmt, eine Auseinandersetzung, die seit den siebziger Jahren geführt wird, dazu kommen - wie erwähnt - die Ergebnisse über die Verdopplung und Verschiebung von Genen innerhalb des Genoms einer Zelle verbunden mit ein wenig Systemtheorie (Selbstorganisation von lebenden Organismen) der Rest ist Spekulation. Die wirkliche entscheidenden Punkte - welche Mechanismen sind für die Regulation der Verdopplungen/Verschiebungen verantwortlich und wie können sich Variationen auf Grund von Verdopplungen oder Verschiebungen einzelner oder mehrerer Gene in dem Genom einer somatischen Zelle in einem Organismus dauerhaft vererben - bleiben ungeklärt. Zwar erwähnt er sogen. mikro RNA als Regulatoren. Wie diese aber ausserhalb einer Zelle überleben und von einer Körperzelle in die Keimbahn gelangen soll, bleibt im Dunkeln. Der Grundgedanke, nämlich die Vererbung von erworbenen Eigenschaften ist übrigens ebenfalls nicht neu, sondern eine Rückkehr des Lamarckismus. Abgerundet wird das ganze durch eine kräftige Prise "Vitalismus" (Henri Bergson).

Ob das Buch tatsächlich auch für völlige Laien geeignet ist, wage ich zu bezweifeln. Dafür setzt es einfach zuviel an Kenntnissen voraus, wie etwa den molekularen Aufbau von Genen,und die grundlegenden molekularbiologischen Mechanismen der Genetik. Wer z.B. nicht den Unterschied zwischen Prokaryonten und Eukaryonten kennt, wäre vielleicht mit einem anderen Buch besser beraten. Gewisse Grundkenntnisse in Paläontologie sind ebenfalls angeraten.

Was die Sprache betrifft: sie ist alles andere als klar, an vielen Stellen bemüht Bauer eine "vermenschelnde" Ausdrucksweise für "Verhaltensweisen" der Zelle, welche die Vermutung nahelegt, "die Zelle" wäre (bewußt ?) für die Steuerung der Gene verantwortlich, was natürlich Humbug ist. Ansonsten fallen die vielen Wiederholungen auf, die häufige Verwendung von Begriffen wie "zweifellos" und "unabweisbar" für unbewiesene Behauptungen und ein Fülle von Unterstellungen gegenüber den von ihm bekämpften Vorstellungen der syntetischen Evolutionstheorie. Bauer polemisiert gerne und viel, was in einem "Sachbuch" zwar viel zum Lesevergnügen beiträgt, auf Dauer aber, vor allem, wenn sich die Vorwürfe wiederholen, eher ermüdet. Amüsant ist dagegen schon fast wieder eine Stelle in der er behauptet, es könne kein Zufall sein, dass eine Frau die Bedeutung der Selbstorganisation für die Genexpression gewonnen hat, seien Männer doch eher für mechanistisches Denken vorgeprägt (als Beleg führt er ein eigenes Buch an). Da wird Alice Schwarzer sich aber freuen ! Typisch männlich wirkt auf mich dagegen sein Bemühen, unterschwellig immer wieder mal durchblicken zu lassen, was für eine Koryphäe er selbst ist und wie intensiv er auf diesem Gebiet geforscht hat; das Verzeichnis der "wissenschaftlichen Publikationen des Autors" am Schluss erstreckt sich über 9 Seiten soll wohl beeindrucken. Natürlich findet er auch immer wieder Gelegenheit, in den zahlreichen Fußnoten auf seine anderen populärwissenschaftlichen Werke hinzuweisen. Ich hätte mir stattdessen und an Stelle der Fülle der Einzelnachweise, die überwiegend eher schwer zugängliche Fachaufsätze betreffen, eine - kurze - Liste weiterführender Literatur zum Thema Evolutionsbiologie gewünscht. Ob er wohl darauf verzichtet hat, weil diese Werke nach seinen "umstürzlerischen" Erkenntnissen sowieso veraltet und mithin nicht mehr aktuell sind ? Das wäre vielleicht ein wenig kurzschlüssig.

Denn die Grundthese selbst, nämlich dass Artenbildung und Höherentwicklung auf selbstorganisatorischen Mechanismen der Zelle als kleinster lebender Einheit beruht, bleibt weiterhin umstritten und unbewiesen. Die von ihm angeführten Belege stützen seine Behauptung meiner Meinung nach nicht.

Einem Laien würde ich eher die Bücher von Ernst Mayr Das ist Biologie: Die Wissenschaft des Lebens und Das ist Evolution empfehlen; auch wenn sie vielleicht nicht in allen Punkten den neuesten Stand der Evolutionsbiologie widerspiegeln, bieten sie eine ausgezeichnete und kompetente Einführung in dieses spannende Gebiet.

Nachtrag Juli 2009: In meinem Urlaub habe ich das Buch Geschichten vom Ursprung des Lebens: Eine Zeitreise auf Darwins Spuren von Richard Dawkins gelesen. Dieses großartige Werk, dass bereits 2004 im Original erschienen ist, nährt den Verdacht, dass nicht einmal der Titel des 2008 erschienen Buches "Das kooperative Gen..." von Bauer stammt. Dawkins schreibt:

"Mein erstes Buch >Das egoistische Gen< hätte genauso gut >Das kooperative Gen< heißen können, ohne dass ich daran auch nur ein einziges Wort hätte ändern müssen. Tatsächlich hätte dies einige Mißverständnisse erspart (manche besonders lautstarken Kritiker geben sich damit zufrieden, nur den Buchtitel zu lesen). ..." (Seite 274)
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226 von 284 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lesenswert, weil streitbar und trotzdem informativ, 22. Februar 2009
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus (Psychologie) (Taschenbuch)
Es war zu erwarten, dass dieses (hervorragende) Buch aufgrund seiner neuen Perspektiven bei Traditionalisten zu Ablehung und Aufgeregtheiten führen würde. Viele Rezensenten scheinen das Buch entweder nicht gelesen oder nicht verstanden zu haben. Konkretes Beispiel: Ein Konstanzer Evolutionsbiologe lehnt Bauers Buch in der Zeitschrift "Laborjournal" (Ausgabe 1-2, 2009, Seite 68) als "Nonsense" ab, teilt seinen Lesern dann aber in selbiger Rezension offenherzig mit, dass er das Buch nur bis etwa Seite 28 gelesen habe (erst danach aber beginnt die Darstellung der eigentlichen Daten).

Wovon handelt Bauers Buch? Es fasst Erkenntnisse zusammen, die sich aus der vollständigen Analyse der Erbguts des Menschen und des Erbguts weiterer Arten ergeben haben. Worin bestehen diese Erkenntnisse? Das, was in der Biologie traditionell als "Gene" bezeichnet wurde, bildet bei den meisten Lebewesen nur einen sehr kleinen Anteil des Erbgutes (beim Menschen bilden "die Gene" weniger als 2% des Erbmaterials). Diese Erkenntnis, die sich 2001 aus dem Human Genome Project ergab, war neu, als noch viel bedeutender aber erwies sich Folgendes: Anders als bisher angenommen, besteht der Nicht-Gen-Anteil des Erbgutes keineswegs aus "genetischem Schrott" (englisch: "Junk DNA"), sondern aus genetischen Elementen, die in der Lage sind, das eigene Erbgut umzubauen (Bauer nennt diese Elemente "genetische Werkzeuge"). Richtig ist: Auch diese Elemente (in der Fachsprache heißen sie "Transposable Elements" oder Transposons) sind schon lange bekannt (worauf Bauer ausdrücklich hinweist; das Buch beginnt mit einer Referenz gegenüber der Entdeckerin, der Nobelpreisträgerin Barbara McClintock). Neu aber ist, dass sich aus der vergleichenden Analyse des Erbguts verschiedener Arten schlussfolgern lässt, dass es die "Transposable Elements" waren, die dadurch, dass sie in bestimmten Situationen das Erbgut umgebaut haben, wesentlich an der Entstehung neuer Arten beteiligt waren. Bauers Buch gibt eine relativ genaue Beschreibung, wie und wann "Transposable Elements" aktiv werden.

Befremdlich sind die Feindseligkeiten, die sich teilweise zu einer Art Hetzjagd steigern, mit denen auf dieses Buch reagiert wird. Ralf Neumann, Chefredakteur der Zeitschrift "Laborjournal", schreibt in "SciBlog" ([...] "Uns vom Laborjournal haben deutschlandweit Evolutionsbiologen um Hilfe gegen Bauer gebeten. ... Folglich hatten wir Axel Meyer gebeten uns eine -gelinde gesagt- abratende Rezension zu schreiben. Er tat es." Er tat es, ohne das Buch gelesen zu haben (wie er ausdrücklich einräumt). Was hat das mit Wissenschaft zu tun? Dass Bauers Buch von "Evolutionsbiologen" in toto abgelehnt würde, ist schlicht falsch, siehe z. B. unterschiedliche Stellungnahmen in einer Besprechung der "Frankfurter Rundschau": [...]
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6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Unseriös bis lächerlich, 2. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus (Psychologie) (Taschenbuch)
Mit dem Untertitel "Abschied vom Darwinismus" wird eine verheißungsvolle Ankündigung gemacht: Der Autor, welcher sich als Messias einer neuen Theorie der Evolution versteht, möchte dem unwissenden oder von Dogmen verblendeten Laien die Augen öffnen für eine "revolutionäre" Sicht auf die Evolution. Rhetorisch geschickt unterstellt der Autor dem Darwinismus gleich zu Beginn einen streng dogmatischen Charakter. Das erlaubt ihm, sich bereits schon bevor er zu seinem großen argumentativen Gegenschlag ausholt, beim unbedarften Leser die moralisch überlegene Position einzunehmen, da er ja als einer gegen alle mutig auszieht, um gegen "Denkverbote, Dogmatismus und Mangel an Vorstellungkraft" (S. 11) zu predigen. Seine verheißende Revolution des biologischen Denkens stützt sich auf folgende drei Thesen:

1. Evolution ist nicht getrieben von zufälligen Veränderungen. Vielmehr durch Selbstmodifikation des Genoms, welches damit aktiv auf Umweltveränderungen reagiert. Das Zaubermittel, mit dem Genome dies bewerkstelligen, sind die sogenannten Transpositionselemente.

2. Evolution findet nicht langsam-kontinuierlich statt sondern schubweise. Gesteuert werden diese Evolutionsschübe durch aktiv bewahrte Stabilität auf der einen und aktiv gesteuerte Selbstmodifikation auf der anderen Seite.

3. Das grundlegende Prinzip der Evolution ist nicht die Selektion, sondern die Kooperation.

Mit diesen drei Hirngespinsten strebt der Autor (welcher sich anscheinend außerdem noch die Geschlechtergleichstellung auf die Gutmenschen-Fahne geschrieben hat) nun an, die "autistisch-männliche Sicht" (S.90) auf die Evolutionsbiologie grundlegend zu verändern. Seine Thesen stützen sich im Wesentlichen auf Gedanken der Nobelpreisträgerin Barbara McClintock, deren Werk der Autor nicht müde wird zu zitieren (ebenso wenig wie ihren Nobelpreis). Auch ansonsten ist der Autor äußerst bemüht, ein wissenschaftliches Erscheinungsbild seines Werkes zu suggerieren, indem er in Fußnoten z.T. beachtlicher Länge Originalarbeiten aus Fachzeitschriften herbeiwedelt, welche seine Behauptungen stützen sollen.

Alles dies ändert aber nichts daran, dass die in diesem Buch vertretenen Thesen wissenschaftlich völlig unhaltbar sind!

Das Werkzeug aus der Wundertüte, mit dem Genome ihre "Selbstmodifikation" zu bewerkstelligen vermögen, sind laut dem Autor die sogenannten "Transpositionselemente". Diese (in deutschsprachigen Lehrbüchern üblicherweise eher als "Transposons" bezeichneten) mobilen Gene wurden in den 50er Jahren von der Genetikerin Barbara McClintock entdeckt, was später mit dem Nobelpreis gewürdigt wurde. In der Tat ist die mutagene (d.h. Mutationen auslösende) Wirkung von Transposons dank zahlreicher Originalarbeiten, die der Autor eifrig in langen Fußnoten auftürmt, der Wissenschaft lange bekannt und unbestritten (Nebenbei: Canestro et al. 2007 erschien in "Nature Reviews Genetics", nicht "Nature" und Brosius 2003 in "Genetica", nicht "Genetics"). Transposons sind Gene, die sich selbst (oder eine Kopie ihrer selbst) mittels eines Enzyms, das sie in einigen Fällen selbst kodieren, an eine andere Stelle im Genom integrieren können. Geschieht diese Integration im kodierenden Bereich eines anderen Gens, so ist dies häufig mit dessen Funktionsverlust verbunden, was für den Organismus häufig eher negative Folgen hat (Großzügig unterschlägt der Autor, dass Transposons tatsächlich anhand eines solchen Funktionsverlustes von McClintock entdeckt wurden). Des Weiteren ist bekannt, dass (allerdings v.a. inaktive) Transposons einen beachtlichen Gesamtanteil am Genom von Säugetieren ausmachen, sowie dass Transposon-Aktivität in einigen Fällen auch zu schwerwiegenderen Veränderungen im Genom wie Chromosomenbrüchen oder Gen-Duplikationen führen kann.

Inspiriert von diesen Erkenntnissen sowie seiner offenbar glühenden Verehrung für McClintocks Entdeckung fantasiert der Autor nun eine Geschichte zusammen, in der Transposons ihre böse mutagene Wirkung verlieren und stattdessen zu Kontrollelementen der Evolution glorifiziert werden, indem sie aktiv und "kreativ" gezielt Gene duplizieren und rekombinieren, um evolutiven Wandel hervorzurufen. Der Autor geht hierbei tatsächlich so weit zu behaupten, alle Großereignisse der Evolution seien auf schubartige Aktivierung von Transposons zurückzuführen und meint außerdem, mit den Transposons einen eklatanten Widerspruch zum Darwinismus aufgedeckt zu haben. Wenig überraschend, dass man beim Durchsehen der zitierten Literatur feststellt, dass diese gewagten Thesen durch keine der Originalarbeiten zu rechtfertigen sind. Insbesondere sind sie weder aus McClintocks Nobelpreis noch aus der Sequenz des Humangenoms abzuleiten; da hilft es auch nicht, beides noch so oft zu zitieren. Natürlich gibt es gute Gründe anzunehmen, dass Transposons durch ihre mutagene Wirkung am evolutiven Geschehen mitgewirkt haben. Dies ist jedoch nur dann als Widerspruch zum Darwinismus zu bewerten, wenn man diesen auf die alleinige Akkumulation von Punktmutationen reduziert – eine absurde Unterstellung, zumal Darwin selbst schließlich die molekularen Grundlagen der Mutation noch gar nicht kennen konnte. Interessant ist weiterhin, dass mehrere der vom Autor für seine Thesen beanspruchten Originalarbeiten Transposons als "egoistische Gene" interpretieren, eine Theorie, deren nihilistischer Beigeschmack dem Autor doch sonst offenbar zutiefst zuwider ist. So kritisiert er die (vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins entworfene) Theorie vom egoistischen Gen als "Phantasieprodukt" (S.35) und von "intellektueller Schlichtheit" (S. 153) – ein Vorwurf, der angesichts des wissenschaftlich unseriösen Charakters von Bauers Buch so lächerlich erscheint, dass Dawkins es wohl auch nie für nötig hielt, darauf zu reagieren.

Auch die restlichen Erkenntnisse des Autors legen mitnichten nahe, dass vom Darwinismus Abschied zu nehmen ist – wohl eher, dass der Autor den Darwinismus nicht verstanden hat. So argumentiert er, dass die hohe Konservierung von Genen, sowie die teilweise über Jahrmillionen anhaltende morphologische Stabilität bestimmter Arten mit den Prinzipien von Mutation und Selektion nicht zu erklären sein, da sich ja danach alles stetig verändern müsste. Er schlussfolgert scharfsinnig, dass es also keine stetige Mutation geben könnte. Hätte der Autor die von ihm aufgeführten Originalarbeiten zu Ende gelesen, hätte er erfahren, dass sich im Genom ein große Menge so genannter "stiller" Mutationen ansammeln können, die keinerlei Auswirkungen auf den Phänotyp (d.h. die Morphologie) einer Art haben. Desweitern übersieht er, dass nach dem einfachen Prinzip von Mutation und Selektion nur solche phänotypisch relevanten Mutationen im Genpool zu finden sind, die vom Selektionsdruck nicht ausgemerzt wurden. Gerade Mutationen in wichtigen Genen wie etwa den Hox-Genen, die den grundlegenden Körperbauplan eines Organismus steuern, werden in den meisten Fällen zu nicht lebens-, d.h. nicht fortpflanzungsfähigen Individuen geführt haben. Deshalb wird man heute in diesen Genen wenig Variation (d.h. hohe Konservierung) vorfinden. Das Verkennen dieses einfachen Selektionsprinzips ist umso bemerkenswerter, da der Autor sogar selbst schreibt, dass dieser Aspekt der Darwin'schen Theorie im Grund genommen eine "Tautologie" (S. 104) darstellt. Mit dem gleichen Denkfehler argumentiert er, das Darwin'sche "Dogma" der Zufälligkeit von Mutationen sei dadurch widerlegt, dass Transposons oder Punktmutationen nicht gleichmäßig im Genom verteilt sind, z.B. viel seltener in kodierenden Bereichen von Genen auftauchen. Es folgt eine fantasievolle Interpretation, nach der bestimmte Genom-Bereiche also offenbar aktiv geschützt werden, wohingegen andere für die Duplikation und "kreative" Umgestaltung freigegeben werden. Trotz der Beflissenheit, mit der der Autor so bemüht Darwin im Original zitiert, scheinen ihm die grundlegenden Prinzipien von Mutation und Selektion offenbar nicht aufgegangen zu sein. Für den visionären Evolutionsbiologen, als welcher sich der Autor in seinem Werk aufplustert, ein ebenso unangemessenes wie peinliches Eigentor!

Wie der Titel "Das kooperative Gen" unmissverständlich zum Ausdruck bringen soll, versteht der Autor sein Werk als Gegenstück zu Richard Dawkins' oben bereits erwähntem Buch "Das egoistische Gen". Kooperation, Kommunikation und Kreativität sind die rührseligen Tugenden, die der Autor kurzerhand zu biologischen Grundprinzipien erklärt. Warum Moleküle oder Organismen kooperieren sollten, oder warum sie überhaupt ein Interesse daran haben sollten, in kreativer Weise aktiv Evolution anzustreben, wird vom Autor nicht problematisiert. Er verkennt hierbei, dass Dawkins' Theorie das Phänomen der Kooperation tatsächlich voraussagt – aber nicht indem sie es einfach postuliert, sondern aus einem einfacheren Prinzip, nämlich dem Gen-Egoismus, ableiten kann. Aufgrund der Vorstellung, die der Autor in seinem Buch gibt, ist nicht anzunehmen, dass er selbst mit grundlegenden wissenschaftstheoretischen Prinzipien wie dem Hypothesen-Minimalismus vertraut ist. Jedoch ist dies nur einer der Gründe, weswegen "Das kooperative Gen" nicht annähernd ein Gegenstück zu Dawkins' Theorie oder gar dem Darwinismus selbst darstellen kann.

Fazit: Für Fachleute und molekular- und evolutionsbiologisch halbwegs vorgebildete Leser dürfte "Das kooperative Gen" ohnehin völlig indiskutabel sein. Der Autor wendet sich bewusst an ein Laienpublikum, das er durch hochtrabende Schlagworte wie "Nobelpreisträger", "Genom-Analyse" oder "RNA-Interferenz" sowie durch exzessives Zitieren irgendwelcher Originalarbeiten zu beeindrucken versucht. Tatsächlich werden keine seiner "revolutionären" Thesen durch die zitierten Arbeiten gestützt. Das Spätwerk von Barbara McClintock oder James A. Shapiro, auf die Bauer sich im Wesentlichen beruft, gilt in der Fachwelt zudem als (vorsichtig ausgedrückt) äußerst umstritten. Auch große vorherige Leistungen sollten daher keine Rechtfertigung sein, alle Worte einer Nobelpreisträgerin gleich in Stein zu meißeln – ein Prinzip, dem der doch so anti-dogmatisch eingestellte Autor ja sicherlich zustimmen sollte. Von Transposons wird dem unwissenden Leser ein völlig verzerrtes Bild präsentiert, da der Autor deren eigentliche mutagene (und i.d.R. für den Organismus schädliche) Wirkung unter den Tisch fallen lässt und stattdessen ihre "kreativen" Effekte maßlos übertreibt. Tatsächlich wird durch Transpons hervorgerufene Gen-Duplikation in der Fachwelt eher als seltener Nebeneffekt der Transposon-Aktivität eingeschätzt, wohingegen der Autor ihnen derart weitreichende Effekte als ihre primäre Funktion andichtet. Dass ferner "Kooperation, Kommunikation und Kreativität" (S.17) die Grundlagen allen Lebens sein sollen, mag dem Autor in sein betuliches Weltbild passen, ist aber aus noch so vielen Genomsequenzen nicht herauszulesen.

Wer will, kann das Buch daher mit Gewinn als sinnspendende und hoffnungsstiftende Schrift lesen. Als wissenschaftliches Werk ist es aber nicht zu gebrauchen!
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65 von 90 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Unwissenschaftlich und unlauter, 3. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus (Psychologie) (Taschenbuch)
Ich habe selten ein derart unwissenschaftliches Buch gelesen wie dieses. Munter die grundlegenden wissenschaftlichen Prinzipien wie Hypothesenminimalismus und Beweislast über Bord werfend, phantasiert sich der Autor in eine metaphysische Eigendynamik der genetischen Werkzeuge aufgrund von Umweltschüben als gerichteter Evolutionskraft hinein, ohne auch nur ein einziges stichhaltiges Gegenargument gegen den Darwinismus (zu dessen "Abschied" er aufrufen möchte) vorzubringen oder seine abenteuerlichen Spekulationen auch nur im Ansatz zu belegen.

Insofern teile ich die Kritik von zahlreichen anderen Amazon-Rezensenten und hätte auch keine Notwendigkeit gesehen, diese unbedeutenden Spekulationen durch eine weitere Rezension aufzuwerten. Was mich trotzdem dazu veranlasst, ist die Art und Weise, wie der Autor und seine Anhänger bei Amazon jedweden Kritiker dieser Phantasterei durch wichtigtuerisches, unlauteres Wedeln mit den "neusten Erkenntnissen der Genetik", mit Schlagworten wie "Nobelpreisen", "RNA-Interferenz" und "Epigenetik" mundtot zu machen suchen, gerade so, als habe der Autor gerade höchstpersönlich die höchsten Auszeichnungen für eigene bahnbrechende Erkenntnisse erhalten, obwohl er doch lediglich die Spekulationen eines amerikanischen Kollegen aufgebauscht hat, die von der Fachwelt zu recht nicht anerkannt sind und bestenfalls in drittklassigen Journalen veröffentlicht werden. Was hat es mit den neusten Erkenntnissen der Genetik tatsächlich auf sich?

Ganz ohne Zweifel hat die moderne Genetik in den letzten Jahrzehnten wichtige neue Erkenntnisse gewinnen können; die bedeutendsten verdankt die Biologie dabei zweifellos der vollständigen Entschlüsselung der menschlichen DNA (im Rahmen des Human Genome Projects 1990-2003) und der von anderen Arten. Dadurch wurde nicht nur der Stammbaum der Lebwesen erstmals objektivierbar und präzisiert (was Richard Dawkins grossartige "Geschichten vom Ursprung des Lebens" sicherlich mitinspiriert haben dürfte), sondern es wurde auch offenbar, dass uns uralte, im Laufe der Evolution vielfach verdoppelt und anschliessend abgeänderte Gene mit allen, auch entfernt verwandten Lebewesen wie Fliegen bis hin zu sehr einfach gebauten Polypen verbinden.

Nun bestreitet Bauer die Evolution als solche gar nicht (auch wenn ihn die Bedeutung der oben genannten neuen Erkenntnisse, die immerhin zur Bildung eines eigenen Zweiges innerhalb der Entwicklungsbiologie geführt haben, bemerkenswert kalt lassen). Er behauptet aber, dass sie nicht durch Mutation und Selektion erklärt werden könne, sondern durch eine geheimnisvolle "Eigenkreativität" der Gene, die er nicht nur in den "springenden Genen" (Transposons), für deren Entdeckung Barbara McClintock bereits 1983 den Nobelpreis erhalten hat, sondern auch in anderen "genetischen Werkzeugen" ausgemacht haben will, womit wir der Vollständigkeit halber erst einmal zum zweiten ominösen Nobelpreis kommen, den Bauer bzw. seine Anhänger so gerne zur Verabschiedung der Evolutionstheorie herbeiwedeln, ohne ihn freilich je zu erläutern: der RNA-Interferenz. Konkret geht es dabei um die vor wenigen Jahren gemachte Entdeckung, dass die Aktivität von Genen unter anderem durch kleine RNA-Stücke gesteuert wird, welche die Proteinsynthese durch spezifische Bindung an die mRNA stoppen. Da solche RNA-Stücke ein universelles, sehr leicht künstlich herstellbares und damit ideales Werkzeug der Grundlagenforschung darstellen - von der sich die medizinisch-therapeutische Forschung überdies Ansätze zur Bekämpfung von viralen Krankheiten erhofft -, wurden die Entdecker Andrew Z. Fire und Craig C. Mello 2006 für Ihre Arbeiten mit dem Nobelpreis geehrt.

Halten wir erst einmal fest, dass sie ihn für DIESE handfesten Leistungen auf dem Gebiet der Genregulation erhalten haben - und nicht etwa für ihren angeblichen Beleg einer "Eigenkreativität der genetischen Werkzeuge", wie Bauer & Co. allenthalben suggerieren möchten. Davon aber einmal ganz abgesehen: Worin soll bei der Transposition von Genen und der RNA-Interferenz eigentlich ein Widerspruch zur Evolutionstheorie liegen?

Es gibt natürlich keinen, und kein einziger seriöser Wissenschaftler hat in diesen Erkenntnissen auch je einen gesehen oder gar postuliert. Denn alle Veränderungen im Erbgut einschliesslich derer, welche die molekularen Vorgänge der Genregulation hervorbrachten, vertragen sich allerbestens mit der Vorstellung ihrer ungerichteten, zufälligen Entstehung und ihrem Erfolg oder Misserfolg durch das Prinzip der Selektion auf der Ebene der mit diesen genetischen Veränderungen und Regulationsmechanismen ausgestatteten Phänotypen.

Das gleiche gilt für vererbliche Eigenschaften, die nicht in der DNA-Sequenz festgelegt sind und von der "Epigenetik" (also der Lehre der Vererbung "über" dem Organisationsgrad der Gene) untersucht werden. Bei der epigenetischen Vererbung werden Aktivierungszustände von Genen an Tochterzellen weitergegeben, wobei die aktivierenden Faktoren offenbar durch Umwelteinflüsse beeinflusst werden können. (Der Mechanismus dieses genetischen Gedächtnisses sowie seine Bedeutung bei der Vererbung an Nachkommen sind noch unbekannt.) Darauf spekulierend, dass die Epigenetik ein recht neues Gebiet ist, womit sich umso schriller spekulieren und wedeln lässt, nehmen Bauer & Co. die epigenetische Wirkung von Umwelteinflüssen auf Genaktivitäten gerne als Geisel, wenn sie dazu aufgefordert werden, ihre zweite Hypothese der "Umweltschübe" zu belegen, welche die (wohlgemerkt auch noch zielgerichtete) "Kreativität" der "genetischen Werkzeuge" so richtig in Fahrt bringen sollen. Naja - auch die hundsnormalen, altbekannten Gene selber können durch Umwelteinflüsse beeinflusst werden, wie uns Thomas Hunt Morgans Fruchtfliegen bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelehrt haben -, und tatsächlich sind sich alle führenden Epigenetiker einig, dass via Epigenetik generierte und vererbte Eigenschaften den gleichen Evolutionsmechanismen unterworfen sind wie diejenigen, welche einen rein genetischen Ursprung haben, dass die Epigenetik mit der Evolutionslehre also bestens vereinbar ist.

So entpuppen sich die "neusten Erkenntnisse der Genetik", die Bauer & Co. als angebliche Belege für den postulierten "Abschied vom Darwinismus" so lautstark herbeigewedelt haben, als reine Augenwischerei - und für weitere Schlagworte, die sie nun auffahren mögen oder auch nicht, gilt genau das gleiche. Denn wer eine Behauptung aufstellt, muss sie auch beweisen, und zwar unter Einbezug aller relevanter Fakten, unter Berücksichtigung aller möglicher Widersprüche und ohne die Zuhilfenahme unnötiger Zusatzannahmen (gemäss dem von Bauer & Co. so gehassten Prinzip des Hypothesenminimalismus nämlich), was die Erklärung der Evolution durch Mutation und Selektion seit 150 Jahren zweifellos für sich beanspruchen kann. Und um deren Widerlegung sowie um die Belege für ihre Gegenthese im obigen Sinne - mit Fakten statt Worthülsen - drücken sich Bauer und seine Anhänger ebenso unlauter wie erbärmlich.

Übrig bleibt ein marktschreierisch aufgeblasener, aufgrund seines metaphysischen Ansatzes durch und durch pro-religiöser Popanz, für den die neuere Forschung weder der Genetik noch sonst einer biologischen Disziplin auch nur den kleinsten Beleg abgibt.
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24 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Alte Kamellen neu aufgewärmt und keine Beweise für falsche Schlussfolgerungen, 31. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus (Psychologie) (Taschenbuch)
Joachim Bauer hat molekularbiologisch gearbeitet: Herzlichen Glückwunsch! Das machen heutzutage viele Mediziner in ihrer Forschung, indem sie einen Zusammenhang zwischen einer Krankheit und einer genetischen Varianz (Punktmutationen, "single nucleotide polymorphism, etc.) suchen.
Leider ist das nicht synonym mit "bedeutender Evolutionsforscher" und schon gar nicht, wenn das eigentliche Fachgebiet Medizin mit Spezialisierung auf Psychatrie ist.
Wenn mein Auto kaputt ist, lasse ich es in einer Autowerkstatt reparieren und nicht beim Uhrmacher, obwohl beide Handwerker sind und gelegntlich gleiche Werkzeuge benutzen.
Oder anderes Beispiel: Wenn man ein Auto fahren kann, heisst das noch lange nicht, dass man es auch reparieren kann, geschweige denn selber bauen könnte.

Ähnlich geht der Autor vor: Er ist Uhrmacher und versucht einen Rolls Royce (die Evolutionstheorie) zu reparieren und umzubauen.

In der Fachwelt altbekannte Tatsachen (springende Gene, Schübe beim Artensterben und bei Artenentstehungen) werden als neu verkauft und mit tatsächlich relativ neuen Erkenntnissen (RNA Interferenz, Epigenetik) vermischt. Leider ist der Autor unfähig zwischen Fakten und deren korrekter Interpretation zu unterscheiden, so dass ein pseudowissenschaftliches Buch dabei herauskam: Eins das wie echte Wissenschaft aussieht (Dank der Verweise auf Originalliteraur und natürlich Nobelpreisträger, die dürfen bei sowas nie fehlen ;) aber bei den Schlussfolgerungen für die neue, revolutionelle Hypothese eine Kleinigkeit vergisst - den dafür zusätzlich notwendigen empirischen Beweis - und dadurch pseudowissenschaftlich wird. Wäre es ein tatsächlich gutes, in sich schlüssiges, logisches Konzept, würde es in seriösen wissenschaftlichen Journalen veröffentlicht und auch beachtet werden.

Was total nervt: Die Selbstdarstellung als verkanntes Genie, das vom Etablissment aus Neid und Angst ignoriert wird.
Erstens ist das Mitleid erregend und pathetisch, und zweitens hat es auch nichts mit wissenschaftlichem Diskurs zu tun.
Sowas machen auch sonst nur Wunderheiler, Vitamin-Pillen-Heiler und Quacksalber.

Mein Eindruck: Der Autor ist ein fleißiger Schreiberling, der mal eben einen schnellen Euro machen wollte im Darwin-Jahr (provokanter Titel, Dawkins als berühmter Gegener (nein, ich bin kein Dawkins-Jünger, aber selber promovierter Biologe, der gerne gute Bücher liest, und dieses gehört definitiv nicht dazu).

Die Bäume, die für die Papierproduktion dieses Buches gefällt wurden, sind zu Schade für den Inhalt.
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5.0 von 5 Sternen Mensch und Maus - zwei gar nicht so weit entfernte Verwandte, 6. Oktober 2008
Von 
HeikeG (Dresden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus (Psychologie) (Taschenbuch)
Wenn Sie schon immer etwas über Ihren biologischen "Urknall" - die "kambrische Explosion" - dessen genomischen Nachbeben oder wie neue Arten entstehen, wissen wollten, dann lesen Sie unbedingt Joachim Bauers großartiges Buch "Das kooperative Gen". Auch dann, wenn Ihnen die ein oder andere Aussage vielleicht etwas Unbehagen bereitet. Spielen doch solch ganz und gar nicht ähnliche Organismen wie die Maus, aber auch die Fruchtfliege Drosophila melanogaster oder das Einzellerlebewesen Bierhefe (Saccharomyces cerevisiae) in der gleichen Liga wie der Mensch, zumindest was die Genzahl angeht ("Genprodukte des Menschen zeigen zu 46 Prozent eine Homologie mit denen der Hefe, zu 43 Prozent mit denen des Wurms und zu 61 Prozent (!) mit denen der Fliege." J. Bauer)

Wenn man heute in einer Suchmaschine im Internet die Wortkombination "liegt in den Genen" eingibt, so erhält man die erstaunliche Anzahl von +/- 18.000 Treffern, die in irgendeiner Art und Weise eine Auskunft darüber erteilen, was man eigentlich nicht persönlich steuern kann. Denn die "guten" und "weniger guten" Erbanlagen eines Menschen sollen den Unterschied zwischen Gesundheit und Krankheit, zwischen Vorlieben und Abneigungen ausmachen. So liegt die Präferenz für Süßes, als auch der Geschmack im Allgemeinen, die Musik, Morgenmuffeln, Geselligkeit und Gute Laune, Zahlenverständnis, die männliche Beziehungsfähigkeit und noch eine Vielzahl anderer menschlicher Eigenschaften in den Genen. Aber: "Die Einsicht, dass Gene in ihrer Aktivität fortlaufend durch Umweltfaktoren und Lebensstile reguliert werden und dass dies den weitaus größten Einfluss darauf hat, ob wir gesund bleiben, konnte in unseren Breiten nur langsam Fuß fassen.", stellt der Autor fest.

Diese Erkenntnis wiederum - Ausgangspunkt ist die vollständige Entschlüsselung der Genome des Menschen - hat entscheidenden Einfluss auf unsere Vorstellung über das Leben, der eine gewaltige Umbruchphase, "eine Revolution des bisherigen, durch Darwinismus und Soziobiologie eingeengten biologisches Denkens" bevorsteht, meint Joachim Bauer.
Mit dem vorliegenden Buch gibt der ehemalige Grundlagenforscher und jetzige Leiter der Ambulanz der Abteilung Psychosomatische Medizin und Professor für Psychoneuroimmunologie der Universitätsklinik Freiburg, einen großartigen Einblick in neuere, wissenschaftlich gesicherte, in der breiten Öffentlichkeit jedoch nur wenig - oder gar nicht - wahrgenommene Erkenntnisse.

Gleichzeitig holt er, kurz vor dem 200. Geburtstag des Biologen Charles Darwin (am 12. Februar 2009), zu einem großen "Rundumschlag" gegen die drei zentralen Dogmen des modernen Darwinismus und seines populärsten "Jüngers" Richard Dawkins - den Autor des "egoistischen Gens" - aus. Bauer widerlegt mittels wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse,
1. dass sich Veränderungen in bestehenden Arten entlang der Evolution ausschließlich dem Zufallsprinzip unterliegen,
2. dass Veränderungen ausschließlich langsam-kontinuierlich bzw. linear auftreten und
3. die Bedeutung der Selektion.

In allen drei Fällen (hier "liegt es" wirklich an den Genen) haben Gene einen, DEN entscheidenden Einfluss auf die Steuerung der Evolution. Sie reglementieren sich selbst, ist seine zentrale Kernaussage. Gene bilden im Körper jedes Individuums ein kooperatives "Arbeitsteam". Dessen effektiver und perfekt eingespielter Funktionsrhythmus kann jedoch durch schwere und anhaltende Stressoren (enorme umweltbedingte Belastungen wie z. Bsp. feindliche Viren oder Bakterien, Radioaktivität, Gifte oder lang anhaltender Mangel an Nahrung) verändert und den neuen Bedingungen angepasst, letztendlich sogar an die Nachfolgegeneration weitervererbt werden. Zellen können die Architektur ihres Erbgutes durch Selbstmodifikation verändern.
Nicht der Stärkere überlebt, sondern der kreative, kooperative und kommunikative Kopf. Zugegeben, ein äußerst sympathischer Gedanke.

Auch wenn er die Verdienste des "großen Aufklärers der Neuzeit", dem wir letztendlich zu verdanken haben, "dass die biblische Schöpfungsgeschichte nicht mehr als wissenschaftliches Erklärungsmodell für die Entstehung der Erde und des Lebens herhalten muss", durchaus zu würdigen weiß, empfiehlt Bauer, sich von den "Scheuklappen des Darwinismus" zu befreien. Dies "bedeutet jedoch nicht, nun [erneut] theologische Erklärungsmodelle zu bemühen", so der Autor, "Wer sich naturwissenschaftlichen Prinzipien verpflichtet fühlt, muss weder notwendigerweise atheistisch noch notwendigerweise religiös sein. Naturwissenschaftliches Arbeiten bedeutet, für beobachtbare Phänomene rationale Erklärungen zu finden und sie so weit wie möglich durch jederzeit wiederholbare Experimente zu stützen. Diese Modelle müssen für jeden anderen, unabhängig von weltanschaulichen Überzeugungen, nachvollziehbar sein." Eine Aussage, die ich zu 100% teile.

In seinem auch für den interessierten Laien verständlich geschriebenem Buch beschränkt sich der Autor jedoch nicht nur auf die Wiedergabe der neuesten Forschungsergebnisse über das Leben der Gene, sondern er führt das heute verfügbare Wissen in einer Weise zusammen, die letztendlich ein vertieftes Gesamtverständnis erzeugt, was Leben ist.

Klar ist aber auch, dass das "was die Welt [in diesem Falle: des Genoms] im Innersten zusammenhält" (J. W. Goethe: Faust, Szene "Nacht"), bislang ungeklärt ist. Vielleicht liefern ja die Erkenntnisse im LHC des CERN in Genf eine Erklärung. Es bleibt auf jeden Fall spannend.

Fazit:
Joachim Bauer wirft in seinem hochinteressanten, aber immer leicht und anschaulich beschriebenen Buch, einen durch neueste wissenschaftliche Erkenntnisse gesicherten Blick in die "Werkstatt" der Evolution. Er bündelt wichtige Ergebnisse der vergleichenden Genomforschung der letzten Jahre zu einer Art "Geschichte der Evolution der Gene".
Ein sehr zu empfehlenden Buch!
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19 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Nicht die feine Art, 30. September 2010
Von 
Pandorama (Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus (Psychologie) (Taschenbuch)
Was Joachim Bauer hier treibt, ist wissenschaftlich und moralisch nicht vertretbar. Er nimmt in Titel und Inhalt seines Buches kritisch auf "Das egoistische Gen" von Richard Dawkins Bezug, was ihm natürlich freigestellt ist.
Die Art und Weise der Kritik ist jedoch so plump und irreführend, dass jedem, der "Das egoistische Gen" gelesen hat, sofort klar sein muss, dass hier mehr als nur blankes Unverständnis am Werk ist. Ich unterstelle Joachim Bauer, dass er seine Leser absichtlich täuscht, und das ist der Gipfel der Unverschämtheit, auch wenn man dringend Geld braucht und nichts anderes kann, als schlechte Bücher zu schreiben.

Dawkins versichert in "Das egoistische Gen" nicht nur mehrmals, sondern ziemlich oft, dass er lediglich eine Beschreibung der Evolutionsvorgänge liefert, die nicht als moralische Handlungsanweisung verstanden werden soll. Er beschreibt auch ausdrücklich die Ausbildung von Altruismus innerhalb von evolutionär stabilen Strategien.
So schreibt er zum Beispiel:
"Als einzige Lebewesen auf der Erde können wir uns gegen die Tyrannei der egoistischen Replikatoren auflehnen." (S. 334)
"Dies berechtigt uns zu der Vermutung, dass der gegenseitige Altruismus bei der Entwicklung des Menschen eine bedeutende Rolle gespielt hat." (S. 315)
"Ich trete nicht für eine Ethik auf der Grundlage der Evolution ein. Ich berichte lediglich, wie die Dinge sich entwickelt haben." (S. 37)
"Möglicherweise ist ein Gen in der Lage, den Kopien seiner selbst, die in anderen Körpern sitzen, zu helfen. Dies würde wie individueller Altruismus aussehen, wäre aber tatsächlich das Ergebnis des Genegoismus." (S. 166)

Bauer greift Dawkins' Thema auf, ignoriert diese überaus häufigen Hinweise aber mit einer unnachahmlichen Scheuklappigkeit vollständig, was an sich schon ärgerlich genug wäre. Der Teil seines Buches, der nicht gerade etwas mit ignoranten Verunglimpfungen zu tun hat, ist jedoch auch nicht besser, da er für seine eigenen (im Grunde nicht ganz uninteressanten) Theorien keine braucbaren Begründungen oder Fakten präsentiert. Wo immer Bauers Behauptungen der "normalen" Evolutionstheorie widersprechen, schweigt er sich über die genauen Vorgänge und auch über die von ihm präsentierten Beobachtungen aus, so dass dem Leser nichts übrig bleibt, als ihm völlig unreflektiert zu glauben. Sicher kann man beispielsweise eine Mutation als etwas ansehen, was eine Zelle eigens initiiert, um ihr Genom zu verändern, aber solange es keine Belege für diese Ansicht gibt, ist sie wissenschaftlich nicht haltbar, weil sie zunächst dem gesunden Menschenverstand widerspricht.

Wer ein sehr gut verständliches und wegweisendes Buch über die Grundlagen der Evolution lesen möchte, dem empfehle ich tatsächlich Dawkins' "Das egoistische Gen" und "Der blinde Uhrmacher". Ich selbst werde den Publikationen Bauers jedenfalls keine Beachtung mehr schenken.
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Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus (Psychologie)
Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus (Psychologie) von Joachim Bauer (Taschenbuch - 2. September 2008)
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