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am 19. August 2006
Die Rezension beruht auf einem der Rezensentin vom Verlag zugeleiteten Vorabdruck. Dieses Buch setzt die Reihe der beiden vorigen Werke des Autors fort: Eine Beschreibung des Menschen auf der Grundlage neurobiologischer Erkenntnisse. Der Schwerpunkt ist diesmal das "social brain", d. h. die auf gute soziale Beziehungen ausgerichtete Orientierung des Menschen. Neuere Untersuchungen der Motivationssysteme der Gehirns weisen den Menschen als ein auf zwischenmenschliche Zuwendung gerichtetes Wesen aus. Das Buch erweitert jedoch dann den Blickwinkel und bietet eine kritische Auseinandersetzung mit Charles Darwins "war of nature" und den soziobiologischen Theorien um das "selfish gene" (Richard Dawkins). Besonders lesenwert ist ein Kapitel zur Bedeutung der Aggression. Ihr wird von Bauer, basierend auf neurobiologischen Daten, die Rolle eines Hilfssystem zur Erlangung und Sicherung von zwischenmeschlicher Anerkennung und Bindung zugewiesen. Bauers Resumee: Nicht Kampf ums Dasein, sondern Resonanz und Kooperation seien die Grundmotive alles Biologischen. Ein hochinteressantes Buch, das faszinierende neue Daten aufbereitet und in seiner Argumentation besticht.
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am 7. September 2006
Dieses Buch spannt den Bogen von neuesten neurobiologischen Erkenntnissen zu bisher nur wenig bekannten Untersuchungen, die sich der Frage gewidmet haben, ob Menschen in Realsituationen eher auf Eigennutz oder auf Zusammenarbeit Wert legen. Joachim Bauers neues Buch führt den Leser in die Welt der sogenannten "Spieltheorie" und der "Neurookönomie" ein. Resumee: Der Mensch ist kein ausschließlich auf puren Eigennutz gehender "zweckrationaler Entscheider", sondern bevorzugt, wenn sich eine entsprechende Möglichkeiten bieten, die vetrauensvolle Zusammenarbeit. Die sich daraus ergebenden Konsequenzen betreffen das Leben am Arbeitsplatz, den Bereich der Erziehung und die Medizin. Wer Verantwortung für ander Menschen trägt sollte sich dieses Buch unter das Kopfkissen legen! Das Buch ist außerordentlich kurzweilig zu lesen und sehr gut verständlich,
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am 14. Februar 2009
Eines vorneweg: Die Idee ist mir sympathisch. Ich selbst kooperiere gern und ich ziehe eine "win-win" Situation einer Situation vor, in der nur ich allein gewinne, andere aber verlieren. Joachim Bauer will im Grunde sagen, dass die Evolution von Kooperationen getrieben wird und nicht vom "Kampf ums Überleben". Dies schien mir eine sympathische Idee zu sein, aber die dargebotenen Belege überzeugten nicht. Und, der missionarische Eifer machte mich stutzig.

Es liegt für einen Psychotherapeuten und Psychosomatiker wie Joachim Bauer sicher nahe, zunächst den Menschen zu betrachten. Er stellt fest, dass wir "für gelingende Beziehungen" konstruiert sind (Damit stellt er sich zwar, wenn ich das mal so sagen darf, kühn gegen die von Loriot vorgebrachte These mit einem durchaus evolutionären Aspekt: "Männer und Frauen passen einfach nicht zueinander - man kann sie nur fruchtbar miteinander kreuzen"). Nun gut, es gibt auch noch andere Beziehungen und es ist sicher wichtig zu wissen, dass wir ein eingebautes Motivationssystem haben, in dem Dopamin, endogene Opioide und Oxytozin eine Rolle spielen und das dafür sorgt, dass wir nach sozialer Anerkennung und Kooperation streben.

Außerdem sind unsere Gene nicht "egoistisch", sagt Joachim Bauer und legt sich mit dem Evolutionsforscher Richard Dawkins ("Das egoistische Gen") an, den er sich - stellvertretend für alle Evolutionstheoretiker nach Darwin - anscheinend zu seinem Lieblingsfeind auserkoren hat. Gene kämpfen nicht. Gene werden beeinflusst von der Umwelt (lesenswert ist Bauers Buch: " Das Gedächtnis des Körpers"). Beispielsweise verändern frühkindliche Erfahrungen das Muster, mit denen Gene auf Umweltreize reagieren. Und hier findet er einen, wie ich finde, sehr schönen Vergleich von Genen mit einem Konzertflügel: Ein Flügel kann nicht alleine spielen, sondern braucht einen Pianisten.

*Und jetzt komme ich zu den Problemen, die ich mit diesem Buch habe*
Um bei dem Vergleich der Gene mit dem Klavier zu bleiben: Joachim Bauer sieht die Evolution durch ein Filter seiner Vorstellungen. Ist nicht schlimm, aber einseitig. Das Klavierbeispiel zeigt nämlich auch, dass der beste Pianist kein gutes Konzert spielen kann, wenn einige Tasten nicht gestimmt sind oder fehlen. Das Buch hinterlässt aber summa summarum den Eindruck, dass es auf die Gene kaum noch ankommt, sondern auf die Umwelt. Dabei könnte man doch ganz schlicht von Wechselseitigkeiten sprechen, die je nach Umständen verschieden gewichtet sind.

Die Evolution betrachtet er rückblickend, vom heutigen Menschen aus. Und da er Kooperation (und das Verlangen danach) beim heutigen Menschen als wesentlich ansieht, sucht er Kooperation auch in der Evolution. Er verbeißt sich in den als unmenschlich empfundenen Begriff "Kampf" ums Überleben, wo doch schon Ernst Mayr ("Die Entwicklung der biologischen Gedankenwelt") erklärte, dass der Kampf ums Dasein selten die Form eines wirklichen Kampfes annimmt: "Gewöhnlich ist es nur Konkurrenz um begrenzt vorhandene Ressourcen." So ähnlich wie bei der Berufung auf einen Lehrstuhl - möchte ich dem Professor zurufen. Diese Konkurrenz kann sich natürlich auf verschiedene Weise abspielen, auch unter Einbeziehung von Kooperationen (im Beispiel: Publikationsliste und Mentoren). Um zu suggerieren, dass Kooperation die Evolution treibt, nicht der Kampf, benutzt er den Begriff "Kooperation", um verschiedenste Mechanismen zu beschreiben, vom erlernten Verhalten der Menschen untereinander bis zur chemischen Interaktion von Molekülen. Nicht einmal das weite Teile der Natur bestimmende Räuber-Beute Verhältnis entkommt der semantischen Umdeutung. Er nennt es ein "verdecktes kooperatives System". Nehmen wir ein Beispiel. Manche Greifvogelarten legen grundsätzlich zwei Eier, ziehen aber nur ein Junges auf. Der jüngere Vogel wird dann "kooperativ entsorgt" - indem die Eltern es nicht füttern und das ältere der Geschwister das jüngere aus dem Nest wirft. Ich würde dies Kampf um die Ressourcen nennen, ganz unverdeckt. Der Bauer'sche Begriff "Kooperation" erklärt keinen Mechanismus und führt auch deshalb nicht weiter.

Joachim Bauer zitiert aus der Fachliteratur. Das ist gut. Was mich aber dabei stört ist, dass ein zitierter Artikel nicht unbedingt seine Behauptung belegt (so beispielsweise beim Artikel von Dario Maestripieri auf S. 84, in dem der Autor explizit darauf hinweist, dass etwa nur die Hälfte der Affenkinder, die von Ihren Müttern misshandelt wurden, gegenüber ihren eigenen Kindern aggressiv wurden. Die Resultate deuten darauf hin, dass Kinder mit einer speziellen genetischen Prädisposition eine Misshandlung eher verkraften. Dies ist ungefähr das Gegenteil von dem, was Bauers Zitat belegen sollte. Aber wer prüft schon das Original nach?

Auf Seite 151 dann war ich nahe dran: Ab in den Papierkorb. "Das Erschreckende aber ist" so Bauer "dass die Soziobiologie ... Furore machte ... und bei nicht wenigen offenbar den klaren Verstand aussetzen ließ." Also, diejenigen, die nicht seine Meinung teilen, betrachtet er als Idioten!? Ich grübelte darüber nach, ob so ein intelligenter Autor wie Bauer dies in einem Moment des Vollbesitzes seines Verstandes geschrieben haben konnte, mit so viel Schaum vor dem Mund, oder ob er da nicht Opfer just jener Gene war, die sein limbisches System aufgebaut haben.

Es gäbe noch Vielem zu widersprechen und etliche unzutreffende Darstellungen zu korrigieren. Andererseits steht im letzten Kapitel manches, bei dem ich gerne zustimme, wie "Die von den Genen bereitgestellten biologischen Systeme, können aber nur dann ihr Potential entfalten, wenn sie durch Interaktion mit der Umwelt in Gang gesetzt und in Funktion gehalten werden." Leider wird diese Aussage durch den Tenor des Buchs konterkariert.

*Schade*
Das siebte Kapitel widmet sich der Notwendigkeit von kooperativem Verhalten in Wirtschaft und Erziehung. Die Tatsache, dass wir Kooperation erst lernen müssen, spricht Bände. Dagegen müssen Kinder ihren Wetteifer ("ich bin schneller als Du") nicht lernen, wie auch nicht-kompetitive, hinterher hechelnde Eltern am eigenen Leib erfahren. Wer die Evolutionstheorien, die sich in über einhundertfünfzig Jahren auf Umwegen entwickelt haben, im Alleingang über den Haufen werfen will, muss gute Argumente und gute Belege haben. Bauer: "Das Ergebnis gelingender Kooperation hieße: Menschlichkeit". Tja, wenn es nur so einfach wäre. Führt erfolgreiche Kooperation notwendig zur Menschlichkeit? Da kenne ich auch Gegenbeispiele.

So schön der Titel, so richtig manche Aussagen, so ärgerlich ist die unsaubere Argumentationsführung. Dies entzieht dem Untertitel "Warum wir von Natur aus kooperieren" den Boden. Schade um das wichtige Thema.
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Der Mensch, ein von Natur aus kooperatives und mitfühlendes Wesen? In der Regel provoziert diese These bestenfalls ein müdes Lächeln, unter Akademikern ebenso wie am Stammtisch. Wer an das Gute im Menschen glaubt, wird als Träumer oder Sozialromantiker abgestempelt. Denn die darwinistische Lehre vom Überleben des Stärkeren hat sich trotz ihrer grausamen Exzesse im 20. Jahrhundert als erstaunlich haltbar erwiesen. Wer diesen speziellen Aspekt der Evolutionstheorie anzweifelt, wird leicht mit religiösen Fundamentalisten auf eine Stufe gestellt. Joachim Bauer vermeidet bewusst, Kritikern diese Angriffsfläche zu bieten; nichts liegt ihm ferner als ein Dogmenstreit. Stattdessen präsentiert er nüchtern und für den Laien leicht verständlich neue Erkenntnisse aus Neurobiologie, Epigenetik und Verhaltensforschung, die alle nahelegen: Der Mensch ist ein durch und durch soziales Wesen. All sein Streben richtet sich darauf, gute Beziehungen zu anderen aufzubauen und zu erhalten. Ist der erfolgreiche, aber skrupellose Manager also eine die Regel bestätigende Ausnahme? Folgt man dem Autor, so leidet er mindestens unter einer schweren Verhaltensstörung. Wir empfehlen das Buch allen, die noch glauben, täglich die Ellenbogen ausfahren zu müssen, um zu überleben.
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am 30. Mai 2007
Prinzip Menschlichkeit-Menschlichkeit als Grundregel unseres Zusammenlebens - Wunsch oder Wirklichkeit? In seinem 2006 erschienen Buch "Prinzip Menschlichkeit" lädt der Autor Joachim Bauer,Medizinprofessor und Psychotherapeut, uns ein, sich auf dieses Thema einzulassen.

Ausgehend von der Frage, welches die Leitmotive des Lebens sind, ob Kampf oder Kooperation die Haltung des menschlichen Daseins bestimmen, führt Prof. Bauer den Leser behutsam zu den neuesten Erkenntnissen der Neurobiologie. Wie schon in seinen vorangegangenen Werken "Das Gedächtnis des Körpers" und "Warum ich fühle was du fühlst" macht er auch in dem vorliegenden Buch Gebrauch von seiner besonderen Gabe, komplexe Vorgänge leicht verständlich, eingängig und fachlich fundiert, darzustellen.

Ausführlich beschreibt er die Wirkweise der Motivationssysteme, richtet den Blick auf ihr eigentliches Ziel, nämlich die soziale Gemeinschaft und gelingende Beziehungen. Er betont dabei die Wichtigkeit der Erfahrung liebevoller Beziehung, besonders in der frühen Kindheit als Grundlage späterer Beziehungsfähigkeit. Deutlich arbeitet er, auch durch die Ausführungen zu den Negativfolgen fehlender oder beendeter Beziehung, das Zusammenspiel von Körper und Seele heraus.

Er greift das Thema Aggression auf, ohne diese schön zu reden oder zu verdammen. "Sie ist ein zentraler Bestandteil des Lebens und wird es bleiben." Ihr Sinn und Zweck - so Prof. Bauer- liegt in der Abwehr psychischer und physischer Schmerzen.

Ohne Darwins Abstammungslehre in Zweifel zu ziehen, übt der Autor berechtigte Kritik an den unmenschlichen Auswüchsen der darwinistischen These des Kampfes ums Überleben ("struggle for life"), die schon vor 1930 zu Rassendiskriminierung und Verachtung "unwerten Lebens" (schwere geistige oder körperliche Behinderung) führte. Dabei urteilt Joachim Bauer nicht ohne auf die Begleitumstände zu schauen, die den Boden bereiteten für die Saat dieser einseitigen Denkweise. Gleichzeitig lenkt er den Blick auf die Gefahr eines Rückfalls in eine solch scheuklappengeleitete Ideologie, wie sie von Richard Dawkins und der Soziobiologie verbreitet wird.

Er lässt es sich daher nicht nehmen, der These des "egoistischen Gens" den Wind aus den Segeln zu nehmen und Gene als Kooperationspartner erster Güte darzustellen. Berichte zu Ergebnissen aus Spieltheorie und Beziehungsanalyse betonen nochmals die Wichtigkeit gelingender zwischenmenschlicher Beziehungen, die auf 5 von ihm benannten Vorraussetzungen aufbauen.

Beziehung als tragender Grund für Motivation, soziale Kompetenz, effektive Medizin und Kooperation ist demnach A und O des menschlichen Daseins.

Joachim Bauer liegt es fern, seine Ansichten als absolute Wahrheiten zu präsentieren. Er stellt in Frage, stellt Vermutungen an, neue Erkenntnisse und Möglichkeiten vor, die der Leser für sich überdenken und an der eigenen Erfahrung messen kann. Gerade dadurch wirken seine Ausführungen überzeugend; im Spielraumlassen für andere Meinungen wird das "Prinzip Menschlichkeit" verwirklicht.

Ein einmalig schönes, positives Buch, das optimistisch auf Gegenwart und Zukunft blicken lässt und das man nicht mehr aus der Hand legen möchte.
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am 7. April 2007
Reiner Zufall, dass mir dieses Buch zwischen die Finger kam (hatte am 1. April spät nachts noch das "ZDF Nachstudio" gesehen, wo der Autor mit einigen Leuten diskutierte und wo auf das Buch hingwiesen wurde). Nachdem ich mit dem Lesen durch bin: Chapeau und Gratulation! Bauer, Medizinerkollege aus Freiburg, bringt hier einiges aus der neuesten Neuroforschung auf einen Nenner, blickt dabei munter über den Tellerrand unseres wissenschaftlichen Saucentöpfchens hinaus und diskutiert die absolut richtigen Fragen.

Eigentlich sollte es bei einem kurzen Glückwunsch bleiben. Mit Blick auf einige andere Kommentare, die ich hier so sehe, leiste ich mir aber doch noch einen kleinen Zusatz an die Adresse der "Evolutionswächter": Leute, tut doch nicht so, als wüsste irgend jemand in der gesamten Wissenschaft, wie die Evolution wirklich funktioniert! In den modernen Biowissenschaften ist es nicht (mehr) wie bei den Fundamentalisten, wo es nur eine einzige richtige Meinung gibt!

Daher ein guter Rat, Ihr Lieben: Tut nicht klüger als der Papst! Was in der Evolution lief und läuft ist innerhalb der scientif community voll in Diskussion, vieles ist noch völlig ungeklärt. Kein Mensch weiß z. B. warum so etwas wie Sexualität entstand (nur Theorien darüber gibt es haufenweise). Immerhin war es Darwin himself, der sich einen der gröbsten Klöpse leistete, indem er tatsächlich meinte, die Dinos seien im Kampf gegen andere Arten untergegangen. Eine Theorie die keine richtigen Vorhersagen produziert, sollte man sich nicht zur Bibel machen. Der Fehler des alten Mannes mit dem Bart war, daß er Malthus auf den Leim ging und die Regeln des Kapitalismus allzu flott auf die Biologie übertrug.

Daher also Vorsicht, Ihr eifrigen "Evolutionswächter" und passt auf, daß man Euch nicht mit denen verwechselt, die vorne noch ein R tragen. Gebt der Darstellung neuer Erkenntnisse freie Bahn, lasst der offenen Diskussion ihren Lauf und bekommt nicht gleich die Krise, wenn Ihr etwas lest, was noch nicht im Schulbuch stand. Was dieses Buch beiträgt, gehört zu Besten was man derzeit lesen kann.
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am 22. März 2010
Aristoteles, der Vater der abendländisch geprägten Wissenschaften, nannte als Ziel und Zweck des menschlichen Lebens das summum bonum, das höchste Gut: das gute Leben. Das gute Leben ist nach Aristoteles gekennzeichnet durch die nachhaltige und gemeinsam mit anderen geteilte Erfahrung von Respekt, Wertschätzung, produktiver Tätigkeit, in der man seine Einzigartigkeit und Unersetzbarkeit erlebt, sowie die Erfahrung von Kunst- und Kultur. Die meisten Menschen werden spontan darin übereinstimmen, dass sie diese Erfahrungen durchaus als erstrebenswertes Ziel und Gut ihres Lebens werten, gleichzeitig aber ehrlicherweise darauf hinweisen, dass eine nachhaltige Erfahrung dieser Ziele nur utopisch sein kann, da die konkrete menschliche Lebenswelt die Möglichkeit dieser Erfahrungen zwar nicht prinzipiell ausschließt, aber zu einem ' auch historisch betrachtet - sehr seltenen Erlebnis macht.

Die moderne Neurobiologie nun bestätigt die Ergebnisse der aristotelischen Natur- und Menschenbetrachtung nicht nur, sondern konkretisiert sie auf dramatische Weise. Das menschliche Hirnorgan ist nicht nur eines der komplexesten, es ist unglaublich dynamisch organisiert und strukturiert und auf die Kooperation und Kommunikation mit anderen gleichartigen angewiesen. Vergleichsweise wenige Gene (weniger als 3000) determinieren seinen biochemischen Grundaufbau. Ist die Grundstruktur gebaut, braucht es Reize, Informationen, Anforderungen, Reaktionen, ein vielschichtiges dauerndes Geben und Nehmen, damit es seine volle Funktionsfähigkeit ausbilden kann. Das menschliche Hirn ist im besten Sinne ein soziales Organ, das nur als sozial interagierendes Organ seinen Funktionszweck erfüllen kann. Besonders augenscheinlich dokumentiert das die Neurobiologie und die psychosomatische Medizin dann, wenn sich hier Defizite einstellen. Defizite, die das soziale Gehirn des Menschen erdulden und erleiden muss, sind Ausgangspunkt der ganzen Bandbreite an psychogenen Erkrankungen, sofern sie nicht endogener, d.h. vererbter Natur sind.

Die Neurobiologie bestätigt ungewollt auch die Erkenntnisse der modernen Sprach- Kommunikationswissenschaft und Soziologie, die funktionierende Kommunikationsprozesse zur Bedingung der Möglichkeit gelingender gesellschaftlicher und gemeinschaftlicher Koordinationsprozesse untersuchten. Sprechen und Sprechenlernen sind primär soziale Prozesse, die ihre eigentliche Funktion. Mitteilung, Aufforderung, Koordination nur in einer kommunikativen Atmosphäre gegenseitiger herrschaftsfreier Argumentation entfalten können. Sind diese Verhältnisse deformiert, etwa durch Manipulationen, können Verständigungsverhältnisse (als elementare Grundlage gesellschaftlicher Organisation) nicht schadensfrei aufrechterhalten werden. Vertrauen in die Integrität des Anderen ist unersetzbar und lässt sich auf Dauer nicht simulieren. Gesellschaftlicher Fortschritt der Allen zugute kommt, ist nur durch eine Weiterentwicklung der Teilhabe aller Individuen kommunikativ einlösbar.

Zuwendung, soziale Resonanz und die besondere Form davon: Liebe, sind die erstklassigen Motive für sinnerfülltes Leben. Alle empirischen Befunde belegen das. Fehlen sie dauerhaft, wird der Mensch unmenschlich, erkältet gefühlsmäßig und erkrankt. Gesellschaftssysteme, die durch dieses Fehlen gekennzeichnet sind, weisen epidemische Größenordnungen dieser Erkrankungen auf, seien es die Selbstmord- und Suchtraten in den Hochleistungszivilisationen, oder die 38 Millarden Euro, die jährlich die europäischen Gesundheitssysteme belasten die zur Behandlung von Depressionserkrankungen und ihren Folgen aufgewendet werden müssen.

Gesellschaftssysteme sind aber nicht nur das Ergebnis des Willens ihrer Individuen, sondern sind durch Macht, Einfluss und Geld gesteuerte Systeme. So kommt es nicht von ungefähr dass in den Gesellschaftssystemen in denen Ideologien, die den Kampf ums Dasein, den Krieg der Natur als grundlegende Werthaltung akzeptieren und internalisieren, ja propagieren, die soziale Dimension geringen Stellenwert einnimmt, da sie als 'unnatürlich' betrachtet wird. Nicht-humanistische Weltanschauungen kommen aus vordemokratischen, feudalen und theokratisch legitimierten Herrschaftsverhältnissen, die den Unterschied zwischen besseren und weniger guten Herkunftslinien nicht nur betonen, sondern politisch festschreiben wollen. Das sichert für diese 'Eliten' Macht, Einfluss und Kapital und schließt bewusst den Großteil ihrer Mitmenschen davon aus. Seit der Aufklärung und seit der Rolle der Wissenschaften als Legitimationsmittel, gibt es eine Tradition vor allem im angelsächsischen Denken, die ein Menschenbild vertritt, dass sich aus Vorurteilen speist, die die Ungleichheit der Menschen in den Vordergrund stellen. Die Philosophie des frühen Empirismus und Rationalismus um John Locke, Thomas Hobbes und David Hume, ihre dezitiert politische Philosophie der Großgruppenordnungen, in denen der Staat alles und das Individuum nichts bedeuteten, die ökonomischen Philosophien etwa von Adam Smith in der die als Naturgesetz formulierte Vermehrung von Kapital ' richtig investiert ' widerspruchslos argumentiert wurde, und über den Industrialismus zu derart Menschenbedürfnisse verachtenden Formen führte, dass ein gewisser Karl Marx enthusiastisch einen Gegenentwurf konstruierte, der die arbeitende Bevölkerung vor den Folgen eines zügellosen Kapitalismus schützen sollte. Oder Francis Bacon der dazu aufrief die Natur auszupressen, umzuformen und neu zu gestalten und damit zum Wegweiser von Legionen von Naturwissenschaftern wurde, mit deren Folgen wir uns heute herumplagen müssen (Stichwort: "Umwelt- und Klimaschutz"). Schon früh wurde eine völlig unwissenschaftliche Vermengung der Interessen von Großgrundbesitz und Kapital mit naturalistischen Vorurteilen betrieben, in denen der homo oeconomicus zum naturgewachsenen Wesen im Kampf ums Dasein stilisiert wurde. Malthus führte ein Vokabular der Ökonomie in die Biologie ein, wie wir es heute noch vorfinden, in denen 'Wettbewerb', 'Dominanz', 'Überlegenheit', 'Überleben des Stärkeren' dominieren. Darwins Verdienste um die Evolutionstheorie sind unbestritten, seine weltanschaulichen Äußerungen sind jedoch nur Spiegelbilder einer allgemein vorherrschenden Meinung des Establishments seiner Zeit.

Joachim Bauer entspinnt dieses seltsamen Amalgam aus wissenschaftlich revolutionärer Innovation und weltanschaulichen Vorurteilen Darwins und diagnostiziert deren fatale Folgewirkungen auf den auch machtpolitischen Gang der abendländischen Neuzeit und Gegenwart, in der zur Begründung von Unrechtsverhältnissen, kolonialistischer Ausbeutung, Völkermord an indigenen Bevölkerungen und Ungleichbehandlung vermeintlich 'niederer Rasse' immer stärker auch eine auf Darwin gestützte biologistische Begründung erfolgt: Die sich durchsetzenden Machteliten spiegelten die Erfolgreichen der Evolution wider, die unterlegenen, mittellosen, repräsentierten die evolutionär unterlegenen, die Verliererklasse.

Ergänzend könnte man sagen, die biologistisch unterlegte Rassenlehre wurde seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts derart forciert, dass selbst gemäßigte Zeitgenossen sich dem mainstream dieser Ideologie nur schwer entziehen konnten. Die in regelmäßigen Abständen auftauchenden Epigonen des weltanschaulichen Darwinismus, etwa im Neo-Darwinismus ' Konrad Lorenz ' sah wie Thomas Hobbes den Krieg als natürlichen Zustand des Urmenschen an ' und sprach voller Inbrunst über die großen Kontrukteure (gemeint sind die Gene als universale Determinanten jeglichen Verhaltens) über die Soziobiologen bis hin zu dem fundamentalistischen Wissenschaftsideologen Richard Dawkins und dessen besonders platten Mechanizismus, in dem Organismen nur 'Maschinen' seien, die den Willen ihrer Gene ausführten, dienen ganzen Generationen von Wirtschaftswissenschaftern, Biologien, Anthropologen als Matrix wissenschaftlicher Legitimität und Wahrheit 'ex cathedra', deren bloße Anzweiflung unehrenhaft sei. Natürlich dient diese Weltanschauung der Fortsetzung von Macht, Einfluss und Kapital herrschender Eliten und behindert demokratischen Fortschritt, der in den Augen biologistischer Fundamentalisten ohnedies unnatürlich sei, weil sie auch die Fortpflanzung 'niederer Ränge' legitimiere.

Doch Joachim Bauer rekonstruiert diesen ' wissenschaftsgeschichtlich gesehen - blinden Fleck der Biologie nicht nur, sondern zeigt auch die Folgen, die Gesellschaftssysteme mit diesem Hintergrund auf das menschliche Zusammenleben zeitigen. Sie zerstören nicht nur die Grundvoraussetzungen des sozialen Gehirns des Menschen, Zuwendung, Respekt, Menschlichkeit, sie militarisieren die Gesellschaft bis in Schule und Kindergarten, in denen Erziehungsmodelle Vorteile der egoistischen Gene befördern sollen. Wie wissenschaftlich verkleidete Ideologie ' selbst ideologiekritisch völlig unbedarft ' zum herrschenden Instrument wissenschaftlichen Fortschrittes verkommt, demonstriert er eindrücklich an den Voraussetzungen zur Publikation wissenschaftlicher Artikel in Wissenschaftsjournalen, in denen darwinistische und neodarwinistische Positionen ausdrücklich begrüßt und diesbezüglich kritische Anmerkungen besonders streng sanktioniert werden.

Wenn die Gene die zentrale Machtinstanz in lebenden Organismen sind, dann muss die Beherrschung der Gene auch zu einer Beherrschung der lebenden Organismen führen können. Die Qualität der Erbmasse wird so zum Machtfaktor, die Rassenlehren legitimierten ihre Weltanschauung damit ebenso, wie heute die Pharmaindustrie ihre Biotechnologie legitimiert.
Dies ist der Punkt in dem sich Joachim Bauers Buch freilich noch ideologiekritisch ergänzen ließe. Denn die Rassenlehre der Nationalsozialisten ist ja nicht deren Erfindung, sondern reicht in die Zeit zurück in der von der Optimierung der Gene, der aktiven Rassenhygiene, der Eugenik die Rede war. 'Selektive Züchtung', 'Einmischung in die Evolution' zur Verbesserung der menschlichen Gesundheit und Rasse, waren Ideen die in der amerikanischen Eugenikbewegung ihren Ursprung haben (siehe: Jeremy Rifkin. Das Biotechnische Zeitalter. Die Geschäfte mit der Genetik. Bertelsmann, München 1998). Nur wünschenswerte Personen sollten das Recht auf Fortpflanzung haben, die anderen müssten daran gehindert werden. Verbote seien auszusprechen und zu sanktionieren. Biologisch unterlegene Individuen seien zu eliminieren. 'Wenn eine bessere Rasse die Geschäfte dieser Welt übernommen hat, werden sich Gesetze, Sitten und Gebräuche, Bildung und materielle Bedingungen von selbst ergeben.' Diese Bewegung begann mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts. (Die Idee vom neuen Menschen bescherte uns in diesem Jahrhundert Ideologien, denen an die 100 Millionen Menschen zum Opfer fielen: Hitler 15 Mio, Stalin 35 Mio, Mao TseTung 50 Mio ). In allen großen Städten Amerikas entstanden Eugenikgesellschaften, 1928 wurde an ' aller amerikanischen Universitäten und Colleges Eugenik gelehrt. Schon in der Indiana Convention von 1907 wurde ein Sterilisationsgesetz erlassen, das die Zwangssterilisation überführter Krimineller, Unzurechnungsfähiger, Schwachsinniger und sonstiger Personen veranlasste, über die ein Expertenausschuss zu befinden hatte. 1914 war es durchsetzungsfähig zu behaupten, dass das Erbgut des Einzelnen Besitz der Gesellschaft sei, die darüber zu bestimmen habe. Zehntausende Zwangssterilisationen waren in Amerika die Folge. Das im Jahre 1924 beschlossene amerikanische Einwanderungsgesetz nach eugenischen Maßstäben blieb bis 1965 in Kraft. Erst 1929 beim großen Börsenkrach, als hunderte Finanzjongleure der Eliten aus dem Fenster sprangen, ging der Aufstieg der eugenischen Bewegung in Amerika zu Ende. 1936 verlieh die Universität Heidelberg dem führenden Vertreter der Eugenikbewegung in Amerika, Harry Laughlin, die Ehrendoktorwürde für seine Verdienste um die Eugenik.

Auch später noch wurde dieses Konzept beständig weiterentwickelt, wenn auch in anderem Namen. Die Optimierung des genetischen Codes war nun die Hauptaufgabe, die Optimierung der Babys, Die Ausmerzung aller Kriminellen, geistig Behinderten und 'Unwerten', die Optimierung der Volksgesundheit waren nun Ziele. Noch im Human Genome Projekt schwang diese Überzeugung mit und wurde als der 'heilige Gral der Genetik' bezeichnet.

In den 60iger Jahren wurde diese genetische Ideologie auch außerhalb Amerikas zum zentralen Paradigma biologischer Forschung. Auf einem Symposium der CIBA-Foundation trafen sich 1962 in London 27 der führenden Biologen, darunter 6 Nobelpreisträger. 'Man and his future' hieß der englische Titel und es ging um die Verbesserung der genetischen Qualität des Menschen durch eugenische Verfahren (Siehe: 'Das umstrittene Experiment ' Der Mensch' herausgegeben von Robert Jungk/Hans Josef Mundt, Verlag Kurt Desch, 1966). Gentechniker JBS Haldane sprach über die 'Biologischen Möglichkeiten für die menschliche Rasse in den nächsten 10.000 Jahren' und erörterte die Züchtung einer genetisch überlegenen Rasse und die Klonierung bestimmter Wunschrassen, die z.B. optimal in Bergwerken arbeiten konnten ('klein, kräftig, dunkeladaptiert'), widerstandsfähig gegen atomare Verstrahlung. Joshua Lederberg hielt ein Referat in dem er die Anwendung der Gentechnik auf die Vergrößerung des menschlichen Gehirns 'durch vorgeburtliche oder frühe nachgeburtliche Eingriffe' pries und einräumte, dass nur jene ein Recht auf Kinder hätten, bei denen genetische Unbedenklichkeit nachgewiesen sei. Hochrangige Kritiker dieser genzentrischen Verirrungen wurden aus der Forschungsgemeinschaft verstoßen, ihre Leistungen tabuisiert, wie z.B. Erwin Chargaff.

Joachim Bauers Buch konzentriert sich nicht auf diese Wissenschaftsideologien, fasst aber ihren Tenor treffend zusammen und zeigt, dass dies den neuen Erkenntnissen der Neurobiologie vom Menschen diametral widerspricht. Neurobiologisch gesehen ist Menschlichkeit für Menschen ein grundlegendes und unersetzbares Prinzip. Die Kooperation von Menschen erst ermöglicht sozialen Hirnorganen ihre gedeihliche Entwicklung. Wird ihnen das vorenthalten oder durch Gewalt deformiert, erkranken sie. Mögen die ideologisch motivierten Weltanschauungen vom Menschen als egoistische Bestie, die von Natur auf Kampf und Krieg programmiert seien, Jahrhunderte geprägt und in eine 'self fulfilling prophecy' getrieben haben, neuerdings sogar als massentaugliche Kampf- und Kriegstrainingsspiele in unseren Kinderzimmern Einzug gehalten haben. Angesichts der neueren Erkenntnisse der Neurobiologie sind sie als Ideologien entlarvt, als falsche Denkansätze, die nur wenigen Eliten Macht und Geld sichern. Wer sich dieser Auseinandersetzung stellen will, kann nicht umhin, Joachim Bauers Buch zu lesen.
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"Das natürliche Ziel der Motivationssysteme sind soziale Gemeinschaft und gelingende Beziehungen mit anderen Individuen, wobei dies nicht nur persönliche Beziehungen betrifft, Zärtlichkeit und Liebe eingeschlossen, sondern alle Formen menschlichen Zusammenlebens" (34).

Der Neurologe und Psychotherapeut Joachim Bauer argumentiert in seinem Buch "Prinzip Menschlichkeit" dafür, dass der Mensch von Natur aus darauf ausgelegt ist mit seiner Umwelt zu kooperieren. Um seine These zu bestätigen, zitiert er zahlreiche Erkenntnisse der Neurobiologie. Doch dabei belässt Bauer es nicht. Gleichzeitig polemisiert er heftig gegen zwei seiner Feindbilder: Charles Darwin, den Begründer der Evolutionslehre, und Richard Dawkins, dem einflussreichsten zeitgenössischen Evolutionstheoretiker. Wohingegen die Kapitel über die Ansätze und experimentellen Ergebnisse der Neurobiologie sehr interessant sind, sind Bauers Darlegungen über Darwin und Dawkins schlicht und einfach unausgegoren und faktisch falsch und somit eines seriösen Wissenschaftlers unwürdig.

Feindbild 1: Charles Darwin. Nach Darwin hat sich alles Leben evolutionär entwickelt und lässt sich auf einen gemeinsamen Ursprung zurückverfolgen. Dafür, dass sich Dinge verändern und entwickeln sorgt der Prozess der natürlichen Selektion, der bewirkt, dass Lebewesen, die schlechtere Eigenschaften zum Überleben haben, aussortiert werden, sprich sterben, und somit ihre Gene nicht an die kommenden Generationen weitergeben können. Das Leben, so Darwin, sei primär ein ständiger Kampf ums Überleben. Genau das sei völlig falsch, so Bauer. Diese so schädliche "Ersatzreligion" (15) des Darwinismus habe doch bisher nur Unglück über die Menschen gebracht. Der Autor argumentiert weiter, dass sich erst seit Darwin rassistisches Gedankengut in Europa und vor allem in Deutschland, wo Darwin besonders positiv aufgenommen worden sei, verbreitet habe. Somit stellt Bauer eine direkte Verbindung zwischen Darwins Lehre und dem Holocaust her. Dies ist völliger Schwachsinn. Darwins Ansätze wurden leider von einigen seiner Zeitgenossen missbraucht, um ihre rassistisches Weltbild zu belegen. Dafür kann man Darwin keinen Vorwurf machen. Es behauptet ja auch keiner, dass Einstein für die Toten von Hiroshima und Nagasaki verantwortlich ist.

Ralsatirischen Charakter bekommt Bauers Argumentation, wenn er Vorfälle wie den Amoklauf von Erfurt direkt mit Darwin in Verbindung bringt. Die 'darwinistischen Handlungsprogramme in Gewaltvideos und Killerspielen' (215) seien für die vielen Gewalttaten in Deutschland verantwortlich zu machen.

Feindbild 2: Richard Dawkins. Der englische Evolutionsforscher sorgte 1976 mit seinem Buch "The Selfish Gene" für Aufsehen. Dort stellte er die These auf, dass "a predominant quality to be expected in a successful gene is ruthless selfishness" (Dawkins, The Selfish Gene, 1989 [1976], S. 3). Sprich, Evolution findet auf der Ebene der Gene statt und nur die egoistischen setzten sich im Kampf ums Überleben durch. Um Dawkins zu widerlegen, zitiert Bauer die Ergebnisse der sogenannten Spieltheorie (180ff.). Der Witz ist, dass Dawkins in "The Selfish Gene" haargenau die selben Experimente aufführt, um seine Sicht der Dinge zu belegen. Der Denkfehler liegt bei Bauer. Er übersieht, dass Dawkins von "egoistischen Genen" und eben nicht von "egoistischen Menschen" spricht. "We, alone on earth, can rebel against the tyranny of the selfish replicators" (Dawkins, 201), formuliert Dawkins. Dass Bauer ihn als Befürworter einer herzlosen Ellbogengesellschaft darstellt, die ganz auf "Auslese und Neoliberalismus(!!)" (201) ausgerichtet sei, ist somit nichts anderes als ärgerliche Desinformation. Beide verfolgen nämlich das selbe Ziel, nur die Ausgangspunkte sind unterschiedlich. Warum Bauer an dieser Stelle so unsachlich vorgeht, ist mir ein Rätsel. Vielleicht hätte es geholfen, hätte er neben Dawkins Hauptwerk auch noch ein paar andere Bücher des Autors gelesen, in denen er seine Ansätze weiter modifiziert und erläutert hat. Die Literaturliste zeigt, dass Bauer genau dies nicht getan hat. Dafür bezieht er sich auf 39(!!) seiner eigenen Beiträge.

Fazit: In großen Teilen ein höchst ärgerliches populärwissenschaftliches Buch. Die informativen Kapitel über die Neurobiologie können nicht überdecken, dass er zahlreiche unhaltbare und polemische Thesen über andere Ansätze unters Volk bringt. Dies mag sich zwar gut verkaufen, ist aber wenig hilfreich.
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am 20. Dezember 2006
Da gibt es bei vielen offenbar Missverständnisse (auch beim Rezensenten der Süddeutschen Zeitung, durch den ich auf dieses Buch aufmerksam wurde). Wer dieses sehr anregende Werk gelesen hat, wird feststellen: Dies ist KEIN Buch über Moral und KEIN Werk über "das Gute" oder "das Böse", weder im Menschen noch in der Natur. Das Buch des Neurobiologen und Mediziners Joachim Bauer handelt von der Frage, nach welchem inneren, biologischen Plan sich die Motivationen des Menschen ausrichten. Die Antwort: Sie sind auf Kooperation, auf Bindung gerichtet. Demütigung und Ausgrenzung, so Bauer, erzeugen Aggression und machen krank. Ich selbst bin Biologin. Bauers Buch nimmt vorweg was dieser Tage neue wissenschaftliche Studien zeigen (und was u. a. das Thema des neuen Bestsellers "Moral Minds" ist): Das "Prinzip Kooperation" dominiert die gesamte Biologie. Ob das "gut" oder "böse" ist? Das ist hier nicht die Frage (am Rande gesagt: es kann sowohl "guten" als auch "bösen" Zwecken dienen, zu kooperieren). Dieses Buch ist lesenswert und voller wegweisender Ideen. Ich habe es mit Genuss und Gewinn gelesen.
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am 6. September 2006
Dieses Buch ist ein ungeheuer informatives Wek, welches -unter Verzicht auf jede Polemik- einen völlig neuen Blick auf Charles Darwin und auf dessen moderne Statthalter aus dem Bereich der sogenannen Soziobiologie wirft (ohne die geringsten Sympathien für den Kreationismus oder für Intelligent Design!). Das Buch zitiert bislang weithin unbekannte Aussagen Darwins (vor allem dahingehend, der Mensch müsse dem Kampf und der Auslese ausgesetzt beiben). Verblüfft nimmt man zur Kenntnis: Darwin war nicht nur Darwinist, sondern auch Sozialdarwinist! Gebannt liest man -der Autor zeichnet das gestützt auf Quellen minutiös nach- wie sich im Gefolge Darwins, bereits lange vor der Machtergreifung der Nazis, die Wertmaßstäbe in Deutschland langsam aber sicher veränderten: Gut war jetzt nicht mehr, den Schwachen zu helfen (das galt als überholte Moral). Ethisch wurde jetzte vielmehr alles, was der Aussonderung der Schwächsten diente und damit die (von Darwin für die zivilisierte Gesellschaften befürchtete) biolgische Degeneration verhinderte.

Grandios geschrieben ist dann auch ein Kapitel über die Ansichten des Soziobiologen Richard Dawkins und seine "eogoistischen" Gene. Dawkins'teilweise doch sehr bizarren Ausführungen(z. B. über die "Meme"!!), die von Bauer souverän zerpflückt weden, stellt das Buch eine sehr differenzierte, gut verständliche Beschreibung der tatsächlichen Abeitsweise der Gene gegenüer (besonders spannend: die Ausführungen des Buches zur sogenanten Epigenetik, die sich mit Einflüssen der Umwelt auf die Gene befasst). Das Buch bietet dann einen Überblick über die menschliche Motivation und das "social brain". Hier schreibt jemand, der sein Metier beherrscht! Insgesamt ein hervorragendes, lohnenswertes Buch, das die Motivationssysteme des Lesers voll aktiviert und das man nicht mehr aus der Hand legt, wenn man sich erst einmal hineingelesen hat! Seltene Klasse!
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