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5.0 von 5 Sternen Die neue Sicht auf die Evolution jetzt als Taschenbuch: Umweltstress, kreatives Erbgut und die Entstehung neuer Arten
Die Taschenbuchversion von "Das kooperative Gen" ist gegenüber dem Hardcover-Orginal im Wesentlichen unverändert. An einigen Stellen wurden kleine Fehler ausgemerzt und neue Ergebnisse (welche die Thesen des Autors weiter unterstützen) hinzugefügt. Durch die Verlagerung einiger allzu detailreicher Abschnitte in den Anhang wird das Buch jetzt für...
Veröffentlicht am 2. Februar 2010 von Camille Levy

versus
6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Polemik, die übers Ziel hinaus schießt
Um es vorweg zu sagen: Bauers These, dass es Mechanismen gibt, die häufig benutzte Gene auch häufiger mutieren lassen, um unter ökologischem Stress mehr Vielfalt durch höhere Mutationsraten zu erzeugen, kenne ich aus anderen Quellen und halte ich für plausibel.
Jetzt kommen aber mehrere "abers". Erstes "aber": Anstatt den aktuellen Stand der...
Vor 10 Monaten von Zeitgeist veröffentlicht


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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Polemik, die übers Ziel hinaus schießt, 28. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Evolution als kreativer Prozess (Taschenbuch)
Um es vorweg zu sagen: Bauers These, dass es Mechanismen gibt, die häufig benutzte Gene auch häufiger mutieren lassen, um unter ökologischem Stress mehr Vielfalt durch höhere Mutationsraten zu erzeugen, kenne ich aus anderen Quellen und halte ich für plausibel.
Jetzt kommen aber mehrere "abers". Erstes "aber": Anstatt den aktuellen Stand der Molekulargenetik und Evolutionsbiologie einfach darzustellen und sich vielleicht über die erzielten Fortschritte zu freuen, kann Bauer der Versuchung nicht widerstehen, eine aggressive Polemik gegen Darwin und Dawson zu verfassen, die nicht nur stillos ist (wer hat eigentlich Bauers Eitelkeit derart verletzt?), sondern die auch über das Ziel weit hinaus schießt. Die neuesten Erkenntnisse der Molekulargenetik widerlegen nicht Darwins Evolutionslehre, sondern sie ergänzen sie - ein ganz normaler Vorgang des wissenschaftlichen Fortschritts. Dass es die neueren Erkenntnisse zunächst einmal schwer hatten, in der Scientific Community akzeptiert zu werden, ist ebenfalls ein normaler Vorgang, den man bei Thomas Kuhn nachlesen kann. Für Innovatoren gilt "entweder verrückt oder genial" - aber am Ende gab es dann doch noch den Nobelpreis. Bei Einstein hat es auch gedauert.
Jetzt kommt das zweite "aber": Eigentlich ist Bauers These ja eiskalter Kaffee. Wir wissen doch seit langem, dass es Mechanismen gibt, die die genetische Rekombination gezielt fördern, angefangen bei der sexuellen Vermehrung bis hin zum crossover der DNS-Stränge. Seltsamerweise schreibt Bauer darüber kein Wort. Dass es darüber hinaus ein, zwei weitere Rekombinationsmechanismen gibt, die auch gezielt eingeschaltet werden können, wenn es Stress gibt, ist eine Ergänzung, aber sicherlich keine wissenschaftliche Revolution.
Das dritte "aber": Bauer polemisiert zwar heftig gegen die "Darwinisten", bleibt aber mit seiner eigenen Theorie extrem schwach. Eigentlich zieht sich nichts als ein Indizienbeweis durch das ganze Buch. Weil es jeweils einige Millionen Jahre nach dem Auftreten globaler Klimakatastrophen eine Steigerung der Artenvielfalt gegeben habe, müsse Umweltstress genetische Modifikationen auslösen. Allerdings sagt die Logik, dass dieser Indizienbeweis eher den klassischen Darwinismus bekräftigt, dass es zufällige Punktmutationen sind, die zur Artenvielfalt führen, weil (1.) die Häufigkeit der Punktmutationen gering ist, (2.) nur die wenigsten der Punktmutationen einen Selektionsvorteil darstellen und (3.) der durch zufällige Punktmutationen erzielte Fortschritt so inkremental ist, dass es Millionen von Jahren braucht, bis es Fortschritte gibt, und (4.) die ökologischen Katastrophen so viele vakante Lebensräume geschaffen haben, dass es die neuen Arten leicht hatten, sich zu entwickeln. Bauers eigene These müsste ganz anders begründet werden: Es ist nämlich der einzelne Organismus, der unter Stress genetische Modifikationen in den Keimzellen erzeugt. Dazu bedarf es jedoch keiner globalen Katastrophen. Diese Mikromechanismen der Erhöhung der Rekombinationsrate erklärt Bauer aber nicht wirklich. Symptomatisch ist, dass das Buch zwar einen gewaltigen Wortschwall enthält, aber nur ein einziges Schaubild, keine Diagramme, keine Statistiken und kaum Zahlen - ein sehr dünnes empirisches Fundament für eine starke Polemik!
Das vierte "aber": Bauer wirft Dawkins "Unwissenschaftlichkeit" vor. Selber begeht er aber den größten Fehler, den ein Naturwissenschaftler machen kann: Er vermenschlicht chemische Prozesse und wertet sie damit, wenn ein Gen "kooperativ" ist oder die DNS "unter dem Kommando" der Zelle steht oder "die Natur" eine geniale Lösung findet. Herr Bauer, bitte lesen sie mal in der Naturphilosophie nach, dass "die Natur" keine Wesenheit ist, die intentional handelt!
Das fünfte "aber": Bauer wirft Dawkins vor, sich als Zoologe in andere wissenschaftliche Disziplinen einzumischen, wildert aber selber völlig unbefangen in der Psychologie und Soziologie, wenn er dilettantisch über "Aggression" schreibt. Besser hätte er das Kapitel weggelassen - einschließlich der Polemik gegen (den sicherlich längst überholten) Konrad Lorenz, die sich auf das Hauptargument stützt, dass Lorenz in der Nazizeit auf eine Professur berufen worden war.
Und noch ein "aber": Das Buch ist katastrophal schlecht geschrieben. Es ist zwar richtig, dass Wiederholung den Lerneffekt steigert, aber die gleichen Formulierungen bis zu zwanzigmal (!) zu wiederholen, ist hundsmiserabler Stil, schlampiges Lektorat und ermüdet den Leser. Würde man allerdings die Redundanz eliminieren, würden wohl keine zehn Seiten übrig bleiben, so wenig Fakten birgt das Buch.
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50 von 64 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die neue Sicht auf die Evolution jetzt als Taschenbuch: Umweltstress, kreatives Erbgut und die Entstehung neuer Arten, 2. Februar 2010
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Evolution als kreativer Prozess (Taschenbuch)
Die Taschenbuchversion von "Das kooperative Gen" ist gegenüber dem Hardcover-Orginal im Wesentlichen unverändert. An einigen Stellen wurden kleine Fehler ausgemerzt und neue Ergebnisse (welche die Thesen des Autors weiter unterstützen) hinzugefügt. Durch die Verlagerung einiger allzu detailreicher Abschnitte in den Anhang wird das Buch jetzt für Nicht-Fachleute noch leichter lesbar. Warum der Autor den Untertitel verändert hat, wird von ihm im Vorwort überzeugend erklärt. Im Übrigen gilt, was ich bereits über die Orginaversion schrieb:

Über dieses Buch, das ich mit grossem Gewinn gelesen habe, sollte vorneweg eines gesagt werden: Es lässt die Kirche im Dorf und alle Tassen im Schrank. Der Autor, der Freiburger Medizinprofessor Joachim Bauer, steht auf dem Boden der Abstammungslehre, er lehnt Kreationismus und die Thesen vom Intellligent Design ausdrücklich ab. Bauer unterscheidet zwischen Charles Darwin (dem er am Ende seines Buches eine Huldigung widmet) und dem "Darwinismus" (ein auf Ernst Haeckel zurückgehendes Sammelsurium von teilweise abstrusen Theorien). Wie der Autor im Vorwort der Taschebuchausgabe schreibt, hat er, da viele Zeitgenossen den Begriff "Darwinismus" irrtümlicher Weise mit der Evolutionslehre gleichsetzen, den ursprünglichen Untertitel ("Abschied vom Darwinismus") geändert.

Was Bauers Buch zu einem spannenden Lesevergnügen macht, ist die Darstellung fundamental neuer Erkenntnisse über die Entwicklung des Erbgutes als Voraussetzung für die Entstehung neuer Arten im Verlauf der Evolution. Erst in den letzten Jahren gelang die vollständige Aufklärung des Erbgutes (der "Genome") verschiedener Arten (siehe u. a. das Anfang dieses Jahrzehnts abgeschlossene "Human Genome Project"). Daraus ergab sich die Erkenntnis, dass Genome über ein kreatives (d. h. schöpferisches) Potential verfügen.

Im Erbgut aller Arten, so Bauer, wurden "genetische Werkzeuge" nachgewiesen, die in der Lage sind, das eigene Erbgut umzubauen (die Fachbezeichnung für diese Werkzeuge: "transposable elements"). Ein solcher Umbau des Erbgutes findet jedoch nur statt, wenn Lebewesen (bzw. wenn ihre Zellen) durch schwere ökologische Veränderungen vital bedroht sind. Da sowohl die Art und Weise, WIE der Umbau passiert (er erfolgt nicht nach dem Zufallsprinzip, sondern führt in systematischer Weise zu einem Zuwachs an Komplexität) als auch die Zeitpunkte, WANN der Umbau erfolgt, nicht zufällig sind, muss ein zentrales Prinzip Darwins aufgegeben werden, welches lautete: Neue Arten entstehen auf der Basis rein zufälliger Veränderungen des Erbgutes (mit nachfolgender Selektion).

Auf der Basis neuer Erkenntnisse aus den letzten Jahren zeigt Bauer in überzeugender Weise: Neue Arten entstanden, weil Lebewesen (bzw. weil ihre Zellen) kreative, zu einem Zuwachs an Komplexität führende Umbauschübe im eigenen Erbgut veranstalten können. "Das kooperative Gen" ist ein beeindruckendes, wichtiges Buch, das ich als Naturwissenschaftler vorbehaltlos empfehlen möchte.

"Das kooperative Gen" ist eine auch für Nichtfachleute geeignete, anregende und sehr gut verständliche Lektüre. Naturwissenschaftlichen Kollegen empfehle ich die ergänzende Lektüre eines Artikels von James Shapiro, auf den sich Bauer vielfach bezieht (Shapiro ist Mikrobiologe und Evolutionsgenetiker an der Universität Chicago). Shapiro, J.A.: A 21st Century View of Evolution: Genome System Architecture, Repetitive DNA, and Natural Genetic Engeneering. GENE 345:91 (2005).

Last but not least: Ein sehr schönes Beispiel für die von Bauer dargelegten Evolutions-Mechanismen findet sich in einer vor Kurzem erschienenen Arbeit von Marques-Bonet und Kollegen: A burst of segmental duplications in the genome of the African great ape ancestor. Nature 457, 877-881 (12. Februar 2009).

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11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ein ideologisches Buch, 5. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Evolution als kreativer Prozess (Taschenbuch)
Es gibt eine seltsame Art von Büchern, die in der populärwissenschaftlichen Literatur nicht selten zu finden sind. Bücher nämlich, bei denen nicht das Interesse an einer Fachdebatte vorrangig scheint, sondern ein gewisser "ideologischer Nährwert". Zu ihnen gehört Joachim Bauers "Das kooperative Gen". Wenn ein Wissenschaftler die Entdeckung verkündet, dass "das Gen" nach neuesten Erkenntnissen nun doch kooperativ ist, so freut das manchen, den Dawkins Rede vom "egoistischen Gen" verstört hat. Grundprinzipien der Biologie, so versichert uns dagegen Bauer, sind "Kooperation, Kommunikation und Kreativität". Da fällt vielen Menschen ein Stein vom Herzen.

Bauers Zentralbegriffe Kooperation, Kommunikation und Kreativität bleiben allerdings im ganzen Buch schrecklich diffus. Dass Evolution ein kreativer Prozess ist, dass Einzelzellen in einem Mehrzeller kooperieren, dass Lebewesen kommunizieren, wer wollte das bestreiten? Was wird durch diese "neuen" Erkenntnisse gewonnen?

Was Bauer von den Forschungsbemühungen der letzten Jahre zu berichten hat, ist interessant und lesenswert. Es geht um Umbauprozesse im Genom, um Duplikation und Transposition von DNA-Abschnitten, durch die Lebewesen auf belastende Umweltreize (Stressoren) reagieren, durch die sie bestimmte Gene (z.B. Körperbau) stabilisieren und andere (z. B. Immunmechanismen) einer gezielt erhöhten Mutationshäufigkeit aussetzen. Dadurch eröffnen sich spannende Ergänzungen zu den klassischen darwinistischen Evolutionsmechanismen (z.B. Punktmutation, Gendrift). Dass deshalb "die darwinistische Theorie vom Kopf auf die Füße gestellt werden muss" (S. 103) ist nicht ersichtlich.

Einem Leser, der versucht, das neue Bild von der Evolution nachzuvollziehen, drängen sich Fragen auf. Welche genomischen Umbauvorgänge haben zur Entstehung der Säugetiere geführt? Welche Rolle spielen dabei die "altmodischen" Punktmutationen? Wie ist der veränderte Körperbau im Genom kodiert, wenn nicht durch neue DNA-Sequenzen, sondern nur oder vorrangig durch neue Anordnung der vorhandenen DNA-Sequenzen? Woher kommen die Mechanismen der Genom-Umstrukturierung? Sind sie nicht letztlich darwinistisch zu erklären?

Dass in einer neu entstehenden Wissenschaft Grundfragen offen bleiben, mag man verzeihlich finden. Aber man hätte als Leser gern eine saubere und ehrliche Diskussion der Stärken und Schwächen der neuen Denkansätze. Bauer sollte fair darstellen, wie beispielsweise die Stabilität der Körperbaugene darwinistisch erklärt werden kann. Stattdessen behauptet er ohne Diskussion: "Mit dem Prinzip der Selektion lässt sich die eindrucksvolle Stabilität nicht erklären". Er polemisiert gegen das "darwinistische Konstrukt eines kontinuierlichen, dem ständigen Artenkampf geschuldeten Untergangs von Spezies." Und verschweigt uns die darwinistischen Theorien von der Artenbildung ebenso wie die Kontroversen um Punktualismus und Gradualismus, die Erklärungsansätze für evolutionäre Entwicklungsschübe, für die Entstehung höherer Komplexität usw. Kritisieren kann man all diese Theorien sicher. Aber einfach zu behaupten, der Darwinismus "erklärt nicht die Kreativität der evolutionären Entwicklung" greift zu kurz - genau das ist ja das Revolutionäre an Darwins Sicht: sie erklärt eine vorher unerklärliche Kreativität.

Als Leser hätte ich auch gerne eine selbstkritische Einschätzung des Autors, wo diese neuen theoretischen Ansätze in der heutigen Wissenschaftslandschaft stehen. Ich habe überhaupt nichts gegen Außenseitermeinungen. Wenn ich aber allzu oft lesen muss, dass Bauers neue Sicht der Dinge inzwischen "von vielen Wissenschaftlern geteilt" wird, die zwar "eine Minderheit" seien, aber "keineswegs Außenseiter", werde ich misstrauisch. Zumal wenn ich dann aus anderen Quellen erfahre, wie heftig und fundiert Bauer kritisiert wird.

Die beißende Polemik gegen Dawkins, die das Buch durchzieht, ist unangenehm und weitgehend sachlich falsch. Fabian Leinen hat sie in seiner lesenswerten Amazon-Rezension ("Ein ärgerliches Buch") auf den Punkt gebracht.

Bauer stellt ausdrücklich die Grundtatsache der Evolution nicht in Frage. Trotzdem scheint er mir manchmal den esoterisch angehauchten Evolutionskritikern in die Hände zu spielen. So wirft er Darwin (und Dawkins) blinden dogmatischen Glauben an den Zufall vor. "Die Annahme, Zufallsmutationen hätten aus einem einzelligen Lebewesen einen vielzelligen ... Organismus ... entstehen lassen können, gleicht der Erwartung, es bilde sich - nach dem Zufallsprinzip - schließlich ein Wolkenkratzer, wenn man die dazu notwendigen Komponenten ... auf einen Haufen schütte" (S. 121). Das ist das sattsam bekannte schiefe Argument der Kreationisten gegen die Evolution.

Der großspurig angekündigte Paradigmenwechsel in der Biologie sind Bauers Thesen nicht. Man darf gelassen weitere Erkenntnisse über die innere Umstrukturierung des Genoms abwarten, die den Darwinismus ergänzen und modifizieren werden. Auf den "Misthaufen der Geschichte" (so Bauer in einem anderen Buch) gehört er gewiss nicht.
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74 von 96 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Der Kaiser mit Feigenblatt, aber immer noch ohne Kleider, 11. März 2010
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Evolution als kreativer Prozess (Taschenbuch)
"Das kooperative Gen" ist also nun als Taschenbuch erschienen. Das Buch ist durch einige Veränderungen (z. B. Details in den Anhang) tatsächlich etwas leichter lesbar geworden. Am drögen Inhalt hat sich dadurch aber nichts geändert. Auch wenn seine Apologeten dies nicht wahrhaben wollen: Bauer hat grundlegende Mechanismen der Evolution einfach nicht verstanden (und das unterscheidet ihn von Autoren wie Jablonka und Lamb). So findet man auch in der Taschenbuchversion immer noch völlig unreflektiert Sätze wie (S.121/122): "Die Annahme, Zufallsmutationen hätten aus einem einzelligen Lebewesen einen vielzelligen, vermehrungsfähigen Organismen entstehen lassen können, gleicht der Erwartung, es bilde sich - nach dem Zufallsprinzip - schliesslich ein Wolkenkratzer, wenn man die dazu notwendigen Komponenten nur oft genug auf einen Haufen schütte". Was soll man denn von einem Menschen erwarten, der nicht einmal verstanden hat, dass so Selektion nicht funktioniert (nebenbei: dies ist das Lieblingsargument der Kreationisten; mag wohl sein, dass Bauer mit diesen nicht gerne in einen Topf geworfen werden möchte; aber dann hätte er einfach seinen "Dawkins" mal etwas genauer lesen sollen). Dies ist kein Einzelbeispiel. Ähnliche Klöpse und Unkorrektheiten finden sich an allen möglichen Stellen des Buches (z. B. vernimmt man auf S.184 mit Erstaunen Bauers seltsame, etwas an eine Märchenwelt erinnernde Definition der Selektion), und ich habe auch in meiner Rezension zur gebundenen Ausgabe bereits auf einige verwiesen. Da kann man eigentlich nur sagen: Evolutionslehre: 6! Setzen!

Auch wenn es bedauerlich ist, dass der Autor von dem Gebiet, über das er schreibt (und das er zu revolutionieren vorgibt), so gar keine Ahnung hat, spricht natürlich nichts dagegen, dass er seine These - die eine biologischen Organismen inhärente Fähigkeit zur kreativen Veränderung ihres Genoms postuliert - zur Diskussion stellt. Wie bei jeder wissenschaftlichen These sollten (im korrekten Falle) die Fakten über "richtig" oder "falsch" entscheiden. Hier hat Bauer allerdings noch einiges an Erklärungsbedarf. Man würde sich beispielsweise - statt diffuser mechanistischer Theorien - über ein paar experimentelle Befunde freuen, z. B. dahingehend, dass die Aktivität von Transposons das Genom - und insbesondere das von Keimzellen - tatsächlich in statistisch vorteilhafter Weise verändert. Auch bleibt der Autor bislang die Antwort auf die Frage schuldig, wie denn diese "inhärente Kreativität des Genoms" einst entstanden sein soll. Hat sie sich durch natürliche Selektion entwickelt (die Bauer ja ablehnt)? Oder ist sie selbst wieder das Resultat eines "kreativen" Prozesses? (Der dann naheliegende Folgegedanke, dass damit der "göttliche Funke" ja auch nicht mehr fern liegt, würde sicherlich den sofortigen Bannstrahl der Bauer-Apologeten nach sich ziehen). Es bleibt hier für Herrn Bauer also noch einiges zu tun. Auf korrekter, d.h. unverfälschter, Grundlage (siehe oben), bin ich jedoch - und das gilt sicherlich für jede an der Materie ehrlich interessierte Person - für eine Diskussion jederzeit offen.

Ärgerlich stimmt einen dann jedoch noch eine weitere Änderung in der Taschenbuch-Ausgabe. In dieser wurde der reisserischen Untertitel der gebundenen Ausgabe, "Abschied vom Darwinismus", durch das weniger reisserische "Evolution als kreativer Prozess" ersetzt. Das wäre zu begrüssen, zeugte es von einer Einsicht des Autors, sich mit der ersteren Aussage vielleicht doch etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt zu haben. Dagegen spricht jedoch die absurde Begründung: Der "böse" Haeckel soll an allem schuld sein (inklusive der Nazis), weil durch ihn der Begriff "Darwinismus" so sehr in Misskredit gebracht worden sei. Ich kann mir nicht helfen: Wenn jemand ständig den angeblichen Dogmatismus anderer betonen muss, wie Bauer dies im Exzess tut, dann riecht das für mich sehr nach Ablenkung von den eigenen Schwächen. In Wirklichkeit hat jede Person, die etwas von der Materie versteht - ob Laie oder Wissenschaftler -, sehr zu Recht den Sinn des ursprünglichen Untertitels als "Abschied von der Selektionstheorie" verstanden. Denn um nichts anderes geht es ja schliesslich in Bauers Buch. Dass dieser nicht den Mut aufbringt, sich dazu zu bekennen, und sich stattdessen hinter dem Feigenblatt "Dogmatismus der anderen" versteckt, finde ich mindestens unaufrichtig.
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25 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Ein ärgerliches Buch., 9. April 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Evolution als kreativer Prozess (Taschenbuch)
In den Passagen, wo Joachim Bauer neue Entwicklungen der Molekularbiologie beschreibt, ist das Buch durchaus lesenswert und informativ.

Ich kann trotzdem nur einen Stern geben, weil es einfach extrem ärgerlich ist, wie Herr Bauer ständig versucht, sich als "Maverick" zu stilisieren, der gegen vermeintliche "Denkverbote" kämpft und als mutiger Avantgardist an angeblichen "zentralen Dogmen" der Synthetischen Theorie rüttelt, die er aber ebenso falsch und verzerrt darstellt wie die Veröffentlichungen seines Lieblingsfeindes Richard Dawkins.

Um die treffenden Worte eben jenes Richard Dawkins aus seinem wunderbaren Buch "Der blinde Uhrmacher" zu paraphrasieren: die neuen Erkenntnisse, die Bauer in seinem Buch beschreibt, mögen sicherlich eine interessante Ergänzung der Darwin'schen Evolutionstheorie in ihrer modernen Ausprägung sein. Hier den Eindruck einer sich anbahnenden Revolution des biologischen Weltbildes erwecken zu wollen, wäre aber so, wie wenn man die Entdeckung, dass die Erde an den Polen minimal abgeflacht ist, mit folgender Schlagzeile vermelden würde: "Kopernikus widerlegt. Erde tatsächlich doch keine Kugel."

Speziell die ständig wiederkehrenden Angriffe gegen Richard Dawkins sind derart unsachlich, verfälschend und polemisch, dass ich hier exemplarisch einige Stellen kommentieren möchte:

- S. 13: "[T]onangebende Theoretiker unserer Zeit [betrachten] Lebewesen immer noch als 'Maschinen' [...] [Fußnote 10: pauschaler Verweis auf Dawkins, Das egoistische Gen]. Doch würden Genome wie eine Maschine arbeiten, das heißt, ohne die Fähigkeit lebender Systeme, die eigene Konstruktion nach inneren Regeln immer wieder neu zu modifizieren und auf äußere Stressoren kreativ zu reagieren, wäre das 'Projekt Leben' wohl schon vor langem gescheitert."

Wenn Dawkins von individuellen Organismen als "Maschinen" spricht, meint er damit gerade nicht leblose Automaten, die nicht zur Weiterentwicklung fähig wären. Der Begriff ist vielmehr im Kontext mit der von Dawkins in "Das egoistische Gen" dargestellten Gen-zentrierten Sichtweise der Evolution zu sehen. Danach können zahlreiche im Laufe der Evolution entstandene Phänomene insbesondere im Sozialverhalten von Tieren besser erklärt werden, wenn man sie aus dem Blickwinkel der Gene betrachtet und nicht aus dem Blickwinkel der Einzelorganismen. Denn diese sind sterblich, die von ihnen bei erfolgreicher Fortpflanzung an die Nachkommen weitergegebenen Gene hingegen potentiell unsterblich. Die Einzelorganismen sind insofern aus "Sicht" der Gene bloße Überlebensvehikel oder eben "Maschinen", die von den in ihnen beheimateten Genen für ihre eigene Fortpflanzung "genutzt" werden. Das alles ist natürlich nicht in einem wörtlichen, bewusst-voluntativen Sinn gemeint, sondern nur als Metapher, was Bauer offenbar überhaupt nicht verstanden hat.

- S. 16, Fußnote 16: "Entgegen einer weithin vertretenen Auffassung war Charles Darwin tatsächlich Sozialdarwinist und hat sich unter anderem - wie später auch der Soziobiologe Richard Dawkins [...] - kritisch zum Sozialstaat geäußert, in dem beide (Darwin und Dawkins) ein gegen die Selektion gerichtetes Übel sahen bzw. sehen ([...] Dawkins 1976/2004, S. 198)."

An dieser Stelle wird besonders deutlich, wie "selektiv", besser gesagt verfälschend Bauer Dawkins zitiert. Die offenbar gemeinte Passage im "Egoistischen Gen" beginnt mit der Feststellung, dass Tiere in der freien Natur eher nicht dazu neigen, extrem viele Nachkommen zu zeugen, weil die Ressourcen für ihre Versorgung begrenzt sind und deshalb ohnehin nur wenige der Kinder überleben könnten. Dem stellt Dawkins den modernen, zivilisierten Wohlfahrtsstaat gegenüber, in dem diese natürliche Begrenzung der Kinderzahl abgeschwächt bzw. ausgeschaltet ist. In diesem Zusammenhang bezeichnet Dawkins den Wohlfahrtsstaat als - in einem völlig wertfreien Sinne - "unnatürlich", weil er eben in der freien Natur nicht vorkommt, sondern erstmals vom Menschen "erfunden" worden ist. Wer wollte das bestreiten? Sodann betont er ausdrücklich, dass "die meisten von uns [den Wohlfahrtsstaat] für sehr wünschenswert halten", weist dabei darauf hin, dass er ohne eine im selben - wertfreien - Sinne "unnatürliche" Geburtenkontrolle wohl nicht funktionieren könnte, weil er einer inhärenten Missbrauchsgefahr durch egoistische Individuen unterliegt.

Das besagte Zitat aus dem "Egoistischen Gen" ist deshalb denkbar untauglich, die von Bauer immer wieder gezeichnete Karikatur von Dawkins als ultra-wirtschaftsliberaler, gefühlskalter "Sozialdarwinist" zu stützen.

- S. 19/20: "Einer besonders starken Strömung des modernen Darwinismus, der sogenannten Soziobiologie, verdanken wir eine darwinistische Neuschöpfung: die Idee vom 'egoistischen Gen' [pauschaler Verweis auf das 'Egoistische Gen']. Obwohl auch darwinistische Evolutionsbiologen diskret einräumen, dass die Theorie, Gene seien gegeneinander agierende Akteure, unsinnig ist [...], scheint heute in manchen Kreisen fast jeder Unsinn Narrenfreiheit zu genießen, solange sich sein Verfasser zu Darwin bekennt."

Die angeblich von Dawkins vertretene "Theorie, Gene seien gegeneinander agierende Akteure", gibt es natürlich nicht. Tatsächlich vertritt Dawkins die These, dass Gene - rein faktisch und ohne sich dessen "bewusst" zu sein oder ähnliches - einerseits miteinander im "Wettbewerb" stehen, andererseits gerade dann besonders "erfolgreich" sind, wenn sie "gut darin sind", mit anderen Genen innerhalb des Einzelorganismus, in dem sie sich gerade befinden, zu "kooperieren". Deswegen hat Dawkins selbst immer wieder eingeräumt, dass der Titel "Das egoistische Gen" irreführend ist und man das Buch mindestens genauso gut "Das kooperative Gen" hätte nennen können.

- S. 35/36: "Die von Richard Dawkins als Startpunkt des Lebens postulierten egoistischen 'Replikatoren' (seine Bezeichnung für die Vorläufer von Genen) haben nie existiert, sie sind ein Fantasieprodukt. [Hier kommt Fußnote 10:] Dieses Fantasieprodukt führt als 'Mem' seither allerdings ein kurioses Eigenleben. [...] Wie Gene, so stünden auch 'Meme' im gegenseitigen Kampf um die Vorherrschaft. Mit seiner Vorstellung, vom Individuum abstrahierte 'Meme' seien Akteure der Geschichte, reanimiert Dawkins kurioserweise - ohne sich als Zoologe dessen bewusst zu sein - Hegels Idee vom 'Weltgeist'."

An dieser Stelle fragt man sich - nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal -, ob Bauer vom "Egoistischen Gen" mehr gelesen hat als den Titel und die wenigen, aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate, die in seinem eigenen Buch vorkommen. Dawkins verwendet den Begriff "Replikator" nicht für die "Vorläufer von Genen", sondern als Oberbegriff für alle Einheiten, die sich selbst vervielfältigen und dabei im Laufe der Zeit Veränderungen erfahren können (wie z.B. Gene oder Meme). Schon gar nicht bezeichnet Dawkins die mutmaßlichen Vorläufer von Genen als "Meme". Ein "Mem" ist eine Art von Replikator, die Dawkins im Bereich der geistig-kulturellen Evolution des Menschen verortet sieht und die dort eine ähnliche Funktion erfüllt wie die Gene in der freien Natur. Meme sind also nicht die Vorläufer der Gene, sondern - je nach Sichtweise - ein Neben- oder auch Nachfolgeprodukt der Gene, und zwar ausschließlich der Gene des modernen Kulturmenschen.

- S. 37/38: "Das Buch 'Das egoistische Gen', der Science-Fiction-Weltbestseller des britischen Zoologen Richard Dawkins [...], hat den irrigen, aber bis in die Fachwelt hinein weit verbreiteten Eindruck entstehen lassen, die DNS und die in ihr vorhandenen Gene seien die autonome Kommandozentrale von Zellen bzw. von Organismen. Lebewesen sind nach Dawkins von den Genen zum Zwecke der eigenen maximalen Reproduktion gebaute 'Maschinen'. [In der Fußnote folgt ein Zitat aus dem 'Egoistischen Gen', darauf der Kommentar:] Nichts hat nach meiner Einschätzung die Biologie jemals in eine solche Schieflage gebracht wie dieses 'Du bist nichts, dein Gen ist alles'-Credo der modernen Soziobiologie."

Auch hier werden Dawkins Auffassungen untergeschoben, mit denen er nichts zu tun hat. Die von Dawkins immer wieder als solche betonte Metapher von den Einzelorganismen als "Überlebensmaschinen" oder auch "Vehikel" der in ihnen beheimateten Gene wird hier in einer Weise wörtlich genommen und verabsolutiert, dass ihr tatsächliche Aussagegehalt in etwas völlig anderes verkehrt wird, nämlich in eine Art genetischen Determinismus, der Dawkins gänzlich fremd ist. Natürlich sind Gene keine "autonomen", also mit Bewusstsein und freiem Willen ausgestatteten Akteure, und natürlich sind die von ihnen konstituierten Lebewesen keine tumben Automaten, die von diesen (fiktiven) Genen quasi per Fernbedienung direkt gesteuert würden. Es geht einfach darum, dass man bestimmte evolutionär entstandene biologische Phänomene insbesondere im Sozialverhalten von Tieren nach Ansicht von Dawkins einfacher und besser erklären kann, wenn man sie von der Ebene der Gene betrachtet und nicht von der Ebene des Einzelorganismus (oder auch der Art). Dass beide Ebenen in bestimmten Kontexten jeweils valide und nützliche Betrachtungsweisen sein können, hat Dawkins selbst immer wieder hervorgehoben, und schon gar nicht kann man bei Dawkins selbst beim schlechtesten Willen irgendein wie auch immer geartetes "Du bist nichts, dein Gen ist alles"-Credo herauslesen, am allerwenigsten den Menschen betreffend.

- S. 37, Fußnote 12: "Dawkins bezeichnete sein Buch im Vorwort zur ersten Auflage noch selbst als 'Science Fiction' [...]. Weil seine Theorien sich perfekt ins darwinistische Weltbild einfügten, wurden sie bald als 'Science' in die Lehrbuchliteratur übernommen und vom Autor in späteren Auflagen auch dann nicht korrigiert, als sich klare Hinweise häuften, dass sie falsch sind."

Auch hier gilt: wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Tatsächlich beginnt das Vorwort zur ersten Auflage des "Egoistischen Gens" wie folgt:

"Dieses Buch sollte beinahe wie Science-fiction gelesen werden, denn es zielt darauf ab, die Vorstellungskraft anzusprechen. Doch es ist keine Science-fiction: Es ist Wissenschaft. Tatsächlich erscheint mir die Wirklichkeit noch phantastischer als ein utopischer Roman."

Und jedenfalls bei Erscheinen der Taschenbuchausgabe seines Büchleins (das Vorwort datiert vom "Frühjahr 2010") hätte Herrn Bauer die deutsche Übersetzung der Jubiläumsausgabe des "Egoistischen Gens" bekannt sein müssen, die 2007 erschienen ist. Dort findet sich nach dem Haupttext ein immerhin 65 Seiten langer Abschnitt "Nachbemerkungen", der aus zahlreichen Anmerkungen, Erläuterungen, Ergänzungen, weiterführenden Hinweisen und eben auch Korrekturen besteht.

Beispielhaft zitiere ich aus der Anmerkung Nr. 2 zum Kapitel 5: "Diese Feststellung war leider falsch. Die Originalveröffentlichung von Maynard Smith und Price enthielt einen Irrtum, und ich wiederholte ihn in diesem Kapitel, ja, ich verschlimmerte ihn noch [...]." Oder Anmerkung Nr. 12 zu Kapitel 6: "Diese Bemerkung läßt mich heute vor Scham erröten." Anmerkung Nr. 4 zu Kapitel 9: "Ich bedaure sagen zu müssen, daß diese Feststellung falsch ist." Anmerkung Nr. 7 zu Kapitel 9: "In der ersten Auflage schrieb ich: 'Ich halte nicht sehr viel von dieser Theorie, obwohl ich in meiner Skepsis nicht mehr ganz so sicher bin, wie ich dies war, als ich sie zum ersten Mal hörte.' Ich bin froh, daß ich jenes 'obwohl' hinzugefügt habe, denn Zahavis Theorie scheint heute weit glaubwürdiger zu sein als damals."

Bauer hätte sich für die Taschenbuchauflage des "Kooperativen Gens" ein Beispiel hieran nehmen und sich bei Dawkins entschuldigen sollen. Ob er das in der 30-jährigen Jubiläumsausgabe nachholen wird, bleibt abzuwarten.

- S. 58/59 und 109-111 sowie 113: Hier ist immer wieder vom Zufall als angeblichem "darwinistischen Universaldogma" die Rede, von einem "Glaube[n] an den Zufall, den die Darwinisten hegen", vom "Zufall als Säulenheiliger der Gemeinde, die sich dem Darwinismus verschrieben hat", vom "darwinistischen Zufallsprinzip", das "[v]on den Gralshütern des Darwinismus [...] wie eine Reliquie gehegt" und "zum ehernen Prinzip der Evolution" erhoben oder auch "zum Heiligtum erklärt" worden sei etc.

Das richtet sich zwar nicht direkt gegen Dawkins, vermutlich ist er aber auch hier implizit mit gemeint. Und natürlich hat auch dieses Zerrbild nichts mit der Realität zu tun. Im "Blinden Uhrmacher" hat Dawkins besonders eindrucksvoll dargelegt, dass und warum die Evolution auf der Grundlage der weiterentwickelten Lehren Darwins nur zu einem kleinen Teil (Mutationen als Grundlage für Variation) etwas mit Zufall zu tun hat, im Kern (natürliche Auswahl) dagegen alles andere als zufällig verläuft. Dass laut Bauer die genetische Variation, aus der die Evolution auswählt, im Wesentlichen nicht auf purem Zufall beruhen, sondern in "gebahnter" Weise vom Organismus bzw. vom Genom selbst ausgehen soll, mag ja sein, stellt aber den eigentlichen Kern des vermeintlich so "orthodoxen" und "dogmatischen" modernen Darwinismus, nämlich den (nichtzufälligen) Mechanismus der natürlichen Auswahl, nicht ansatzweise in Frage.

- S. 123, Fußnote 125: "Selektion und Selektionsdruck werden dabei in beliebiger Weise oft sowohl für einen Sachverhalt als auch für sein Gegenteil in Anspruch genommen, wofür es unzählige Beispiele gibt. Am amüsantesten sind die Widersprüche im 'Egoistischen Gen' von Richard Dawkins [...]: Einerseits sorge die 'kin selection' [...] für Familienzusammenhalt [...]. Gleichzeitig sorge das Prinzip der 'egoistischen Gene' aber auch dafür, dass Kinder einen Selektionsvorteil hätten, wenn sie ihre Eltern maximal betrögen - und ebenso die Eltern, wenn sie das Gleiche mit ihren Kindern täten [...]. Man kann nur hoffen, dass die Selektion angesichts dieser Widersprüche die Übersicht behält."

Tatsächlich ist die erste zitierte Aussage von Dawkins natürlich mitnichten das "Gegenteil" der zweiten, sondern beziehen sich beide Aussagen auf verschiedene Phänomene und Perspektiven. Die erste bezieht sich auf das Verhältnis eines Individuums zu nahen Verwandten einerseits, zu anderen, nicht mit ihm verwandten Artgenossen andererseits. Die zweite bezieht sich auf mögliche Interessenkonflikte zwischen Eltern und Kindern innerhalb einer Familie. Dass sozial lebende Tiere ihre nahen Verwandten in aller Regel besser behandeln als Nichtverwandte, sollte ebenso außer Frage stehen wie die Tatsache, dass es zwischen Eltern und Kindern Interessenkonflikte geben kann, die einer wissenschaftlichen Erklärung bedürfen und auch zugänglich sind.

- S. 148/149: "Menschliche Verhaltensweisen sind bei Dawkins der unbewusste Ausdruck dieser genetischen Strategie. Entsprechend gestalten sich die Beziehungen zwischen Verwandten und Nichtverwandten, zwischen Mann und Frau sowie Eltern und Kindern als fortwährendes bioökonomisches Kalkül. [In Fußnote 17 folgen zwei Zitate aus dem 'Egoistischen Gen'.] [...] Dass sich diese Theorie - obwohl sie durch keinerlei empirische Befunde gestützt wird - seit Jahrzehnten hoher Akzeptanz erfreut, dürfte einerseits an ihrer intellektuellen Schlichtheit liegen, andererseits aber auch daran, dass sie gleichsam das biopsychologische Korrelat der angloamerikanischen (inzwischen weltweit herrschenden) Wirtschaftsordnung darstellt und diese optimal ergänzt und zu legitimieren scheint. Auch der Soziobiologe und Neodarwinist Richard Dawkins überträgt also ökonomische Konzepte auf die Biologie [...].)"

Hier unterstellt Bauer Dawkins, dass er die im "Egoistischen Gen" entwickelte Gen-zentrierte Sichtweise auf bestimmte Phänomene insbesondere im Sozialverhalten frei lebender Tiere unterschiedslos auch auf den zivilisierten Menschen anwenden wolle und den in der Natur vermeintlich allüberall und umfassend herrschenden "Egoismus" auch und gerade beim Menschen propagiere und für wünschenswert halte. Das passt zu dem Falschzitat von S. 16 zum Thema Wohlfahrtsstaat. Tatsächlich liegt Dawkins natürlich nichts ferner, und das macht er nicht nur im "Egoistischen Gen" immer wieder überdeutlich. Dawkins unterscheidet - anders als Bauer - immer sehr sorgfältig zwischen der Ebene der Gene einerseits und der Ebene der Einzelorganismen (einschließlich ihrer sozialen Beziehungen zueinander) andererseits. Ein zentrales Anliegen der sogenannten "Theorie vom egoistischen Gen" ist es ja gerade, das bei vielen Tierarten hoch entwickelte Sozialverhalten und insbesondere die dabei häufig zu beobachtenden altruistischen Verhaltensweisen plausibel zu erklären. Außerdem betont Dawkins immer wieder, dass er viele der (nach seiner Sicht auf genetischer Ebene am besten zu erklärenden) "egoistischen" Verhaltensweisen im Tierreich beim modernen, zivilisierten Menschen keinesfalls für moralisch wünschenswert oder auch nur vertretbar hält.

Ich zitiere S. 242 des "Egoistischen Gens" (deutsche Jubiläumsausgabe 2007): "Niemand behauptet, daß Kinder wegen der eigennützigen Gene, die sie in sich tragen, absichtlich und bewußt ihre Eltern täuschen. Und ich muß wiederholen: Wenn ich etwas sage wie 'Ein Kind sollte sich keine Gelegenheit zum Betrügen ... Lügen, Täuschen, Ausbeuten ... entgehen lassen', so benutze ich das Wort 'sollte' in einem speziellen Sinne. Keineswegs verfechte ich diese Art von Verhalten als moralisch oder gar wünschenswert. Ich sage lediglich, daß die natürliche Auslese tendenziell Kinder begünstigen wird, die so handeln, und daß wir daher, wenn wir freilebende Populationen beobachten, im engsten Familienkreis Betrug und Eigennutz erwarten müssen. Der Satz 'Das Kind sollte betrügen' bedeutet, daß Gene, die Kinder zum Betrug veranlassen, einen Vorteil im Genpool erringen werden. Wenn für den Menschen eine Moral daraus abzuleiten ist, dann die, daß wir unsere Kinder zur Selbstlosigkeit erziehen müssen, denn wir können nicht damit rechnen, daß Selbstlosigkeit zu ihrer biologischen Natur gehört."

Und auf S. 334: "Wir [Menschen] haben die Macht, den egoistischen Genen unserer Geburt [...] zu trotzen. Wir können sogar erörtern, auf welche Weise sich bewußt ein reiner, selbstloser Altruismus kultivieren und pflegen läßt - etwas, für das es in der Natur keinen Raum gibt, etwas, das es in der gesamten Geschichte der Welt nie zuvor gegeben hat. Wir sind als Genmaschinen gebaut [...], aber wir haben die Macht, uns unseren Schöpfern entgegenzustellen. Als einzige Lebewesen auf der Erde können wir uns gegen die Tyrannei der egoistischen Replikatoren auflehnen."

Wieso Herr Bauer ernsthaft meint, Richard Dawkins als ultra-neo-wirtschaftsliberalen "Sozialdarwinisten" karikieren zu müssen, bleibt sein Geheimnis.

- S. 163: "Natürlich können Maschinen, als welche die Soziobiologie Organismen - den Menschen eingeschlossen - tatsächlich betrachtet [Fußnote: Pauschalverweis auf das "Egoistische Gen"], keine 'Seele' haben."

Auch hier nimmt Bauer den Begriff der "(Überlebens-)Maschinen" wieder in einer Weise wörtlich, die Dawkins' Ansichten konträr zuwiderläuft. Dawkins würde nie behaupten, dass Menschen "seelenlose", nach Bauer vermutlich auch gefühllose und von ihren "autonomen" Genen komplett und unmittelbar ferngesteuerte Roboter sind. Im Gegenteil würde er das, was wir als "Seele" bezeichnen, wahrscheinlich auch einigen anderen hochentwickelten Säugetieren zusprechen (z.B. anderen Primaten).

Es bleibt zu hoffen, dass Herr Bauer vor dem Erscheinen etwaiger Folgeauflagen - die man dem Buch in dieser Form nicht wünschen mag - die Bücher von Dawkins einmal vollständig, gründlich und vor allem unvoreingenommen und "undogmatisch" liest und die von mir angeführten Stellen ersatzlos aus seinem Buch streicht. Sie sind nämlich unredlich, irreführend, unsachlich und teilweise auch beleidigend. Mit Wissenschaft hat das nichts zu tun, auch nicht mit "Populärwissenschaft".
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bemerkenswert, 25. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Evolution als kreativer Prozess (Taschenbuch)
Joachim Bauer: „Das kooperative Gen – Evolution als kreativer Prozess“ (München: Heyne 2010)

Das klar strukurierte Sachbuch von Prof Dr. med. Joachim Bauer geht trotz anspruchsvoller Theamtik in verständlicher Sprache auf interessante Aspekte der aktuellen Molekulargenetik und Evolution ein. Dabei schreckt der Autor nicht davor zurück, neue Wege zu denken und so den Horizont des biologisch interessierten Lesers zu erweitern.
So wird zum Beispiel die Evolutionstheorie Darwins bzw. die Synthetische Evolutionstheorie von Bauer kritisch hinterfragt bzw. ergänzt:
1. Nicht alle Veränderungen des Erbguts beruhen auf Zufällen (Mutationen).
2. Es gibt auch Einflüsse der Umwelt (Umweltfaktoren, Stressoren; z. B. Klimakatastrophen) auf die Genregulation (Bezug zu Lamarck).
3. Es gibt eine starke Kooperation bzw. Kommunikation auf Zellebene (Hox-Gene, Transpositionselemente, RNA-Interferenzen).
4. Es gibt keine stetige, langsam und kontinuierlich fortschreitende Evolution, sondern statische Phasen und Evolutionsschübe (z.B. „Kambrische Explosion“ nach S. C. Morris).
5. Auch das Dogma der Selektion ist zu überdenken: Der Genpool ist größer als nötig („Kreativität“).
Das letzte Kapitel lautet entsprechend: „Nach Darwin: Umrisse einer neuen Theorie“. Dies schließt dennoch nicht aus, dass Bauer zunächst feststellt, Darwins zentralen Erkenntnisse der Evolution des Lebens und des gemeinsamen Ursprungs der Lebewesen seien unumstößlich. Aufgrund neuster molekulargenetischer Erkenntnisse – Fachbegriffe wie Hox-Gene, Transpositionselemente (Transposons; transposable elements), micro RNA (miRNA) oder RNA-Interferenzen (RNAi, RNA-Silencing) werden im Buch anschaulich erläutert – müsse die ‘klassische’ Theorie Darwins aus dem 19. Jh. jedoch überarbeitet bzw. in Teilen umgeschrieben werden.
Die 10 Kapitel werden durch zahlreiche Fußnoten, zwei Anhänge (zur Bedeutung der Transpositionselemente), ein ausführliches Literaturverzeichnis sowie ein Register ergänzt.
Bemerkenswert ist der Schlusssatz des Hauptteils (S. 189):
Wenn sie [die Theologie] sich nicht als Werkzeug der Entmündigung versteht, wenn stattdessen „Gott“ eine Metapher dafür sein sollte, dass sich Menschen einem Bemühen unterwerfen, über alle Kulturen und über die endlose Reihe von Generationen hinweg Menschlichkeit zu bewahren, dann steht auch der Theologie – wie der Philosophie – ein Mitspracherecht im gesellschaftlichen Diskurs über das zu, was Wissenschaftler tun.

Rezension von Georg Vollmer, Bonn
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen dankenswerte Zusammenfassung neuerer Forschung aus unterschiedlichen Bereichen, 31. März 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Evolution als kreativer Prozess (Taschenbuch)
Joachim Bauer geht hier weit über seine Spezialgebiete, Psychosomatik, Molekularbiologie und Neurobiologie hinaus, bleibt ihnen aber dennoch treu. Er fasst auf verständliche Weise Forschungen zu den Anfängen des Lebens auf unserem Planeten, zur Evolution, Chaos- oder Komplexitätstheorie ebenso wie zu Krankheitslehre und psychosozialen Fragen zusammen, nimmt jedoch die Molekuarbiologie der Gene und die Hirnforschung quasi als Ausgangspunkt und Zentrum seiner Betrachtungen.
Für mich ist es eine interessante, gut verständliche Zusammenfassung und dank Literaturverzeichnis und - hinweisen ein möglicher Ausgangspunkt für weitere Lektüre. Bauer hat eine dezidierte eigene Meinung, mit der er nicht hinter dem Berg hält. Das ist für mich in Ordnung. Nur hätte ich mir an manchen Stellen etwas weniger Polemik und ein Mehr der interessanten Fakten mehr gewünscht.
Dennoch für meine Begriffe absolut empfehlenswert. Denn ich kenne in deutscher Sprache bislang kein Buch, das so lesbar, zugänglich und überschaubar so viele Wissenbereiche zusammenfasst, die lange getrennt abgehandelt wurden, in Wahrheit aber ineinander gehen.
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21 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Den Leser für dumm verkauft - ein bisschen Kosmetik bringt nichts, 26. Juni 2010
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Evolution als kreativer Prozess (Taschenbuch)
In der Taschenbuchversion hat Bauer da und dort ein bisschen Kosmetik an seiner Originalversion vorgenommen, leider ohne auf die grundlegenden Schwachpunkte der ursprünglichen Ausgabe einzugehen, auf die in der Presse so vielfach hingewiesen wurde. Das ist bedauerlich, und man kann es nur auf zwei Arten verstehen: Entweder hat Bauer von der Evolution wirklich sehr wenig verstanden und es geht ihm hauptsächlich darum, auf Dawkins rumzuhacken, oder er konnte einfach nicht anders ohne damit seine ursprüngliche Version in die totale Versenkung schicken zu müssen.

Darwin's Evolutionstheorie besagt, dass Selektion auf die Variation erblicher Merkmale wirkt, und dadurch die besser angepassten Individuen in der nächsten Generation häufiger vertreten sein werden. Mit andern Worten, dass über Variation und Selektion Adaptation zustande kommt. Um von Darwin's Evolutionstheorie Abschied nehmen zu können, müsste man also auf das Element der Selektion verzichten können, das heisst irgendwelche Veränderungen im Genom müssten direkt in Richtung der unter den neuen Umweltbedingung gewünschten Eigenschaften erfolgen.

Bauer's Buch macht nun nichts anderes, als die neueren molekularbiologischen Erkenntnisse interessant zusammenzufassen, die zu besagter Variation als Ausgangsmaterial für die Selektion führen, und sagt dann selbst, dass die Selektion, die die am Besten angepassten Varianten bevorzugt, eine unabdingbare Notwendigkeit sei, um Anpassung zu erzeugen. Bauer sagt somit betreffend Variation, Selektion und Adaptation genau dasselbe, was auch die Evolutionstheorie besagt. Deshalb ist die Aussage, dass man nun vom Darwinismus Abschied nehmen könne, unlogisch, widersprüchlich und nicht sehr wissenschaftlich. Das alles ist relativ einfach einzusehen, auch für Bauer, und es ist deshalb unverständlich, dass er versucht dem Leser trotzden an unzähligen Stellen zu suggerieren, dass genomische Veränderungen direkt in gewünschter Richtung entstehen.

Es ist allzu offensichtlich, dass Bauer mit den Ideen von Dawkins wie sie in dessen brillianten Büchern " The selfish gene" und " The extended phenotype" ausgedrückt sind, nicht auf vernünftige Art umgehen kann. Unterdessen gibt es eine Unzahl von Studien, die genetische und genomische Konflikte und deren Bedeutung in der Evolution von Organismen, aber auch hinsichtlich medizinischer Bedeutung für Krankheiten bis hin zum Krebs in feinstem Detail aufzeigen, die aber von Bauer, zum Leidwesen medizinischen Fortschrittes, allesamt ignoriert werden.
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20 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Alle Paradigmenwechsel stoßen erst einmal auf heftigen Widerstand des etablierten Scientific Mainstream, 19. Februar 2010
Von 
Eberhard von Goldammer (Witten (Ruhr)) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Evolution als kreativer Prozess (Taschenbuch)
Sieht man sich die Statistik der Rezensionen von Joachim Bauers Buch "Das kooperative Gen" einmal genauer an (Stand: Mitte Februar 2010 / bezogen auf die Erstausgabe mit dem Untertitel "Abschied vom Darwinismus"), dann scheint es hier im Wesentlichen entweder nur "sehr gut" (fünf Sterne) oder nur "mangelhaft" (ein Stern) zu geben -- also eine Polarisierung in den Meinungen und Bewertungen dieses Buches.

Das ist insofern sehr überraschend, als das Thema und der Inhalt nun schon seit ca. 15 Jahren nachzulesen sind -- allerdings nicht von deutschen Autoren -- da scheint Joachim Bauer wohl einer der ersten zu sein, der dieses Thema mit seinem Buch "Das kooperative Gen" auf dem neuesten Stand der Forschung sehr verständlich und vor allen Dingen gut lesbar aufgearbeitet hat.

Wenn man an Bauers Buch eine Kritik anbringen will, dann ist es vielleicht die Wahl des Untertitels "Abschied vom Darwinismus" der Hardcover-Version. Hier wäre "Abschied vom Darwinismus wie er bis heute wissenschaftlich bearbeitet und immer noch gelehrt wird" ein zwar viel zu langer, aber aus inhaltlicher Sicht sicherlich zutreffenderer Untertitel gewesen. In der gerade erschienenen überarbeiteten Taschenbuch-Ausgabe ist der neue Untertitel "Evolution als kreativer Prozess" eine wesentlich bessere Wahl, ob das allerdings die Kritiker und Anhänger der eindimensionalen "Synthetischen Theorie" -- also die Neo-Darwinisten -- befriedigen wird, das ist nach der Lektüre der teilweise recht bizarren Kritiken zu bezweifeln.

Was die Kritiker ganz offensichtlich übersehen haben, ist beispielsweise das Buch von Eva Jablonka und Marion Lamb ("Evolution in Four Dimensions"), das 2005 im MIT-Verlag erschienen ist. Hier ist besonders interessant, dass die beiden Autorinnen bereits 1995 ein Buch mit dem -- für Neo-Darwinisten sicherlich provozierenden -- Titel "Epigenetic Inheritance and Evolution: The Lamarckian Dimension" veröffentlicht haben. Sieht man sich einmal die Rezensionen zu "Evolution in Four Dimensions" bei www.amazon.com an, dann findet man dort keine derartige Polarisierung der Meinungen wie dies bei dem Buch von Joachim Bauer in Deutschland der Fall ist. Wer beide Bücher gelesen hat -- und es gibt noch eine Reihe weiterer Titel, die man hier anführen könnte --, reibt sich verwundert die Augen und kann nur vermuten, dass wir es bei einigen Evolutionsbiologen in deutschen Landen mit einem merkwürdigen Hinterwäldlertum zu tun haben. Dieser Eindruck wird noch verstärkt, wenn man sich einmal zu diesem Thema in anderen Kulturen umsieht -- also z.B. in Japan. Seit 2002 gibt es eine deutsche Übersetzung von "Seibutsu no Sekai" (deutscher Titel: "Die Welt der Lebewesen") des japanischen Anthropologen Kinji Imanishi (1902-1992). Die inhaltliche Verwandtschaft zu den Büchern von Joachim Bauer, Eva Jablonka & Marion Lamb und anderen Autoren wie Evelyn Fox Keller, Maximo Sandin, Lily E. Kay oder Mae-Wan Ho -- um nur solche Autor(inn)en zu nennen, deren Bücher ins Deutsche übersetzt wurden --, lässt sich hier förmlich mit den "Händen greifen".

Es lohnt sich in jedem Fall, Joachim Bauers Text zu lesen, da ihm ein tiefes (intuitives) Verständnis des Autors für die Komplexität lebender Prozesse, die sich vor allem durch ihre Selbstrückbezüglichkeit auszeichnen, zugrunde liegt. Wer das Thema nach der Lektüre dieses Buches noch weiter vertiefen möchte, dem kann man die Beschäftigung mit den Büchern einer der oben zitierten Autorinnen nur wärmstens empfehlen.

Ein Problem bleibt natürlich bestehen, nämlich die Frage nach der formalen Darstellung, nach der Modellierung kreativer evolutionärer Prozesse. Mit dem geistigen Werkzeug der klassischen (aristotelischen) Logik und der auf ihr basierenden Mathematik allein ist das nicht zu bewerkstelligen -- aber das ist bereits ein anderes Thema. Anstatt herumzugeifern sollten sich die Evolutionsbiologen einmal mit dem Problem, d.h. der Entwicklung einer standpunktabhängigen formalen (System-)Theorie als einer ersten Ausgangsbasis für ihre Wissenschaft auseinandersetzen. Das wäre dann ein wichtiger evolutionärer(!) Schritt auf dem Weg zu einem besseren Verständnis der Evolution des Lebens, anstatt sich mit dem schlichten eindimensionalen Denken von 'Zufall und Notwendigkeit' zu begnügen.
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19 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Verpasste Chance..., 15. Mai 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das kooperative Gen: Evolution als kreativer Prozess (Taschenbuch)
Man stelle sich vor: 2 an Stelle von 1 bzw. die Umkehrung numerischer Werte in ihrer eigentlichen Bedeutung...

Bei allem Respekt vor Bauer und seiner sicherlich beachtlichen wissenschaftlichen Leistungen, ist dieses Buch dennoch nicht mehr als ein halbherziger Versuch, den Altruismus dem Egoismus als Initialmotor des Lebens bzw. Überlebens in der Natur- und Entwicklungsgeschichte, in Vorrang zu stellen. Wie so oft, was wissenschaftlich grundsätzlich richtige Thesen angeht, kann man sich dabei trefflich um kleinste Details streiten. Schön ist immerhin, dass Bauer die Evolution (was oft missverstanden wird...) mitnichten in Frage stellt und kreationistischem Bestreben ordentlich eins auf die Mütze gibt. Unschön allerdings ist es, wissenschaftlichen Kollegen, in diesem Fall Richard Dawkins, partout Unwissenschaftlichkeit zu unterstellen - ohne mit fundierten empirisch nachvollziehbaren Belegen aufzuwarten. Denn leider geizt Bauer an den gegebenen Stellen mit dem entsprechenden Unterbau und auch Quellenangaben. Und ausgerechnet hier hätte er, ähnlich wie sein populärer Kollege aus der Philosophie - Richard David-Precht -, punkten können. Möglich ist aber auch, dass der aktuelle wissenschaftliche Stand genau das gar nicht zulässt. Dass aber Bauer seine These von der Kooperation, im Zusammenhang mit kreativen Prozessen, nur unzureichend herausarbeitet - das soll ihn die meisten Pluspunkte kosten. Hier rettet ihn auch nicht sein Anhang zum Thema Transpositionselemente. Ebenso muss gefragt werden, ob sich z.B. ein Kuckuckskind primär altruistisch oder egoistisch verhält, wenn es die Vogelkinder seiner Leihmama aus dem Nest wirft, um selbst die besten Brocken zu erhalten?! Der Volksmund spricht hier gerne von schlechten Genen..." (-: Sicherlich hätte Bauer darauf eine fundierte Antwort. In diesem Buch findet man sie leider nicht. Selbst seine These, dass primär extern herbeigeführte Stressoren zur Auslöschung einer Rasse geführt haben und nicht die natürliche Selektion, ist so nicht zu halten. Schließlich sind sich auch Homo Sapiens und Homo Errectus begegnet. Es ist also schwer möglich, dass z.B. ein herabfallender Komet nur einem von beiden auf den Kopf gefallen wäre. Und nebenbei noch dem Neandertaler. Das wäre schließlich ein ganz dummer Zufall gewesen. (-: Nebenbei geniert sich Bauer jedoch keineswegs, Dawkins intellektuelle Schlichtheit bzgl. seiner Thesen vom Egoistischen Gen" zu unterstellen. Hier sei übrigens empfohlen, nicht nur die Überschrift, sondern dessen Buch tatsächlich zu lesen.

Es ist also davon auszugehen, dass sich die Wissenschaft wohl weiter an die gut belegte These einer natürlichen und allmählichen (und auch zufälligen) Zuchtauswahl halten wird - ohne dabei externe Stressoren (die eine plötzliche Änderung herbeiführen können, selbst jene kultureller bzw. gesellschaftlicher Natur) außer Acht zu lassen bzw. auszuschließen. Die Kambrische Explosion sei Bauer also vergönnt. (-: Dawkins wird wohl kaum das Gegenteil behaupten. Zumindest ist mir das, nach dem Lesen der meisten seiner Bücher, nicht bekannt. An die Ausführlichkeit und die Nachhaltigkeit von Dawkins Thesen kann Bauer leider nicht heranreichen. Auch wenn er sich das noch so sehr wünscht. Zudem fehlt ihm dessen sprachliche Brillanz und Klarheit. Und wer behauptet, dass sich die Biologie als fachfremde Wissenschaft nicht als Kritiker z.B. der Theologie gerieren darf - der muss sich auch die Frage gefallen lassen, warum sich der Papst bzgl. der Benutzung von Kondomen äußert, ohne jemals eines benutzt zu haben. In diesem Punkt müsste Bauer Dawkins immerhin zugestehen, dass dieser ganz hervorragend als Stressor funktionierte. Nämlich - indem dieser einen gesellschaftlichen und kulturellen Evolutionsprozess in Gang gesetzt hat. Die grundsätzliche Infragestellung des Nutzens der Religionen in einer modernen und kultivierten Gesellschaft.

Fazit: Die Diskreditierung als alleiniges Mittel reicht nicht aus, um einen wissenschaftlichen Quantensprung zu erzeugen. Ohnehin ist sein Büchlein dazu auch etwas kurz geraten. Nichtsdestotrotz halte ich "Das kooperative Gen" für durchaus lesenswert. Wenn auch in sehr eingeschränktem Maße.

PS.: Dieses Fazit dürfen sich natürlich auch jene "Fans" von Bauer zu Herzen nehmen, die hier auf diesem Forum jeden kritischen Rezensenten sofort mit "Rezension nicht hilfreich" abstrafen. Auffällig ist jedenfalls, dass viele der 5-Sterne Rezensionen sich hier tatsächlich kaum mit dem Inhalt des Buches auseinandersetzen. Was wiederum im Umkehrreflex genau jenen zum Vorwurf gemacht wird, die sich einigermaßen ausführlich, jedoch kritisch zum vorliegenden Buch äußern. Im Nachhinein ärgert es mich, dass ich das Buch überhaupt gelesen habe.

PS.II (13.07.2011): Da ich "Das Egoistische Gen" jetzt intensiv über mehrere Wochen durchgearbeitet habe, muss ich Bauer leider noch einen Stern abziehen. Bauer verfehlt einfach komplett das Thema. Er hätte (um Dawkins zu zitieren) nicht wie viele andere Kritiker den Fehler machen dürfen, nur die Überschrift von dessem Werk zu lesen. Das muss man aber nach der Lektüre von Dawkins Buch annehmen. Thema verfehlt. Bauers Behauptungen sind schlichtweg Quatsch. Zumindest was die Inhalte der von ihm kritisierten Thesen angeht. Im Gegenteil: Stellt Dawkins im letzten Drittel seines Buches doch klar die Kooperation als erfolgreichste ESS heraus. Stichwort: "Wie Du mir - so ich Dir."
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Das kooperative Gen: Evolution als kreativer Prozess
Das kooperative Gen: Evolution als kreativer Prozess von Joachim Bauer (Taschenbuch - 8. Februar 2010)
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