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73 von 76 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unangenehmer Aufruf, Fragen zu stellen
Nein, Spaß macht die Lektüre dieses Buches nicht. Aber das kann ein gut recherchierter und schonungslos präsentierter Bericht über die Hintergründe der internationalen Hilfsorganisationen auch nicht. Daher muss man sich als Leser auf einige Passagen gefasst machen, die wir in Bilder kaum sehen und ertragen möchten. Der Autorin vorzuwerfen,...
Veröffentlicht am 17. August 2010 von Fuchs Werner Dr

versus
18 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Emotionale Verurteilung ohne Systematik
Die Journalistin Linda Polmann war UN-Korrespondentin '' in Somalia, Haiti, Ruanda und in Sierra Leone' sowie anderen afrikanischen Staaten, also außer Haiti in Krisenländern mit brutalen Bürgerkriegen und Flüchtlingsströmen. Sie erzählt von der Lawine der immer zahlreicheren Hilfsorganisationen, die zwischen unparteiischer Hilfe für...
Veröffentlicht am 11. November 2010 von Christian Schneeweiß


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73 von 76 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unangenehmer Aufruf, Fragen zu stellen, 17. August 2010
Von 
Fuchs Werner Dr (Zug Schweiz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(#1 HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 50 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Nein, Spaß macht die Lektüre dieses Buches nicht. Aber das kann ein gut recherchierter und schonungslos präsentierter Bericht über die Hintergründe der internationalen Hilfsorganisationen auch nicht. Daher muss man sich als Leser auf einige Passagen gefasst machen, die wir in Bilder kaum sehen und ertragen möchten. Der Autorin vorzuwerfen, sie solle doch den Ansatz von Infotainment wählen, wäre bei all der geschilderten Gräueltaten und politischen Verbrechen geradezu zynisch. Aber vielleicht wäre es gut gewesen, Linda Polman hätte ihr Nachwort vorgezogen oder Teile davon in ihr Vorwort eingebaut. Jedenfalls empfehle ich den Lesern, auf Seite 189 zu beginnen und mit den von Linda Polman gestellten Fragen an die Lektüre zu gehen. Andernfalls könnte es passieren, dass man sich schon bald sagt, künftig auf Spenden zu verzichten. Dann blieben zwar noch die zweistelligen Milliardenbeträge von Steuergeldern, die jedes Jahr für humanitäre Hilfe zur Verfügung stehen. Aber viel ändern würde sich dadurch wohl kaum.

Das Grundproblem humanitärer Hilfe ist so alt wie solche Hilfe angeboten wird. Die bekannte niederländische Journalistin und Spezialistin für internationale Hilfseinsätze, Linda Polman, stellt dieses Problem zu Beginn dar, indem sie die gegensätzlichen Meinungen von Henry Dunant und Florence Nightingale mit direkten Fragen an die Leser verbindet. Auf Hilfe verzichten oder sie abziehen, wenn sie ihr Ziel verfehlt und vor allem den kriegführenden Parteien dient? Oder wie der Gründer des IKRK meint, der Pflicht nachkommen, jederzeit und allen zu helfen, wie auch immer? Die Antwort fällt so schwer, weil das Umfeld einer Not so komplex ist und die persönliche Ethik von der eigenen Lebensbiographie stark beeinflusst wird. Linda Polman gibt der Versuchung nicht nach, die Zusammenhänge einfacher zu schildern, als sie sind, um ihren Lesern die Antwort abzunehmen. Sie rüttelt wach, macht auf Missstände aufmerksam, zeigt verhängnisvolle Mechanismen auf und lässt Leute zu Wort kommen, die mitten im Geschehen und nicht am Schreibtisch waren, wenn man Menschen mit Waffen verstümmelte und ermordete, die mit erpressten oder geklauten Gelder von Hilfsorganisationen bezahlt wurden. Um Linda Polman zu glauben, musste ich all ihre angegebenen Quellen nicht lesen. Was sie recherchierte, wurde mir von hohen Funktionären solcher Organisationen bestätigt und entspricht vielem, was ich in Afrika selber gesehen habe.

Linda Polmans Buch wird die Welt nicht von heute auf morgen verändern. Aber es wird den Druck auf die Hilfsorganisationen hoffentlich erhöhen, sich unangenehmen Fragen zu stellen und externe Kontrollen mehr zuzulassen. Und vielleicht wird es in Einzelfällen sogar dazu führen, dass eine Spende ausbleibt, weil der Geber keine nachvollziehbaren Antworten bekommt, weshalb genau diese Hilfe absolut notwendig sei.

Mein Fazit: Die Autorin hat sich für den unpopulären Ansatz entschieden, Fakten nicht zu beschönigen und ihren Lesern auch schreckliche Bilder zuzumuten. Damit spielt auch sie mit Emotionen, um ein Verhalten auszulösen. Nicht um jemanden vom Spenden abzuhalten, sondern um zu erreichen, den Hilfsorganisationen ebenso wichtige wie unangenehme Fragen zu stellen.
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53 von 58 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen, 11. August 2010
Von 
Thorsten Wiedau (Hamburg) - Alle meine Rezensionen ansehen
(HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Nach wenigen Seite wird das Buch DIE MITLIEDSINDUSTRIE von Linda Polman echt gruslig, Nein, es ist nicht schlecht geschrieben, mir wurde schummerig ob der dargestellten Grausamkeiten die in Afrika oft an der Tagesordnung sind. Doch viel mehr entsetzte mich die unheilige Allianz die internationale, religiöse und private Hilfsorganisationen eingegangen sind. Diese brauchen anscheinend den Tod, die Verletzten und die Gewalt um sich selbst zu legitimieren, um Spendengelder einzusammeln und um diese auch auszugeben. Ein Buch das aufrüttelt, das man lesen sollte wenn man spendenwillig ist und das den Finger in die Wunde legt, ob man Afrika wirklich mit Spenden helfen kann.

DIE MITLEIDSINDUSTRIE von Linda Polman spart nicht mit harten Fakten, mit ungekünstelten Szenen die einen das Blut in den Adern gefrieren lassen und die aufzeigen wie es in Wirklichkeit um Afrika gestellt ist.

Nicht das nun der Verdacht aufkommt alle Hilfsorganisationen wären schlecht, mitnichten, doch es kommt immer wieder die Rage auf wie wir Afrika wirklich helfen können und warum all dieser Horror dort stattfindet und stattfinden muss. Hilft das gespendete Geld, die Kleidung und das Essen wirklich? Kann sich Afrika wirklich dadurch befreien oder heizen wir den Mord und die Unselbstständigkeit damit nur an?

Ein berechtigte Frage und eine Frage die sich jeder stellen sollte der Geld gespendet hat und noch spenden will.

Das Buch bietet ungeschminkt Fakten auf, hart und grausam zu lesen, ohne Zucker wird der saure Wein eingeschenkt den wir anscheinend selbst gebraut haben.

Milliarden versickern jedes Jahr in Afrika, hat dies überhaupt geholfen? Ein wenig vielleicht doch es hat auch viel Schaden verursacht, Potentaten gestützt, Chiefs hervorgebracht und Diktatoren den Weg in die internationale Politik geebnet - muss das sein.

Afrika ist mündig, Afrikas wurde über Jahrhundert und auch noch heute ausgebeutet - es ist Zeit für ein freies und selbstbestimmtes Afrika. Der Weg wird hart, denn zuerst müssen die Fehler der letzten 500 Jahre ausgeräumt werden doch am Ende könnte ein blühender Kontinent dastehen, ohne Korruption und ohne Gewalt.

Sehr empfehlenswert!
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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Plädoyer für eine intelligente und umsichtige Entwicklungshilfe, 7. Mai 2012
Von 
FMA - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Vorweg: Polmans Buch setzt eine reife Leserschaft voraus, die es nicht als Argumentensammlung dafür nutzt, dass staatliche oder institutionelle Entwicklungshilfe, private Spenden u.ä. per se sinnlos, oder gar schädlich wären. Das Gegenteil ist der Fall. Der Punkt ist jedoch, dass es hier um ein intelligentes und sauberes Engagement gehen muss. Und hier - das macht Polmans Buch so deutlich wie kein zweites - liegt unglaublich viel im Argen.

Das Buch ist eine schockierende Analyse der Arbeit der NGOs in Krisengebieten (Rezensenten weisen hier sicher zu Recht auf den Unterschied zwischen langfristigen Engagements und Akuthilfen hin). Dass Hungerkrisen gelegentlich aufgebauscht und dramatisiert werden, weil großen Hilfsorganisationen das Geld knapp wird, Entwicklungshilfe in der Kette bis zum Empfänger regelmäßig auch private Bedürfnisse aller möglichen Leute mitfinanziert, weiß jeder mittlerweile aus regelmäßigen Presseberichten.

Wer ein wenig auf der Welt herumkommt, der wird vermutlich auch so manchem geschniegelten NGO-Vertreter, der so gar nicht seinem Bild vom zupackenden Entwicklungshelfer entspricht, den feinen Immobilien und großen Autos der Organisationen, leider aber auch den oft vergleichsweise bescheidenen Resultaten ihrer Arbeit über Jahre hinweg begegnen. In manchen Hauptstätten - Lehrbuchbsp. Kigali - ist die NGO-Präsenz so massiv, dass allein dadurch das Preisniveau in westliche Höhen getrieben wird.

Was Polman beschreibt, geht jedoch weit über all dies hinaus: Warlords erpressen von Hilfsorganisationen als Gegenleistung für ungestörte Arbeit Abgaben, mit deren Hilfe Kriege weiter unterhalten werden können. Refugee-Camps werden als Erholungslager für erschöpfte Massenvergewaltiger genutzt. Korrupte, halbkriminelle Politiker nutzen Hilfslieferungen gezielt zum Stimmenfang. Konflikte werden regelrecht inszeniert mit der Absicht, Spendengelder anzulocken.

"Für Somalia stellte die Uno Monitoring Group im März fest, dass die Hälfte der Nahrungsmittelhilfe des Welternährungsprogramms in den Taschen der Warlords, ihrer Geschäftspartner sowie lokaler Mitarbeiter landete. In Zahlen: Mehr als 200 Millionen Dollar pro Jahr verschwanden."

Über Ihre Erfahrungen 1999 in Sierra Leone berichtet die Autorin: "Ich lebte bereits seit einigen Jahren dort und kannte diejenigen, die mit Schuld an dem Krieg waren. Und die hatten plötzlich Zugang zu den Geldern der Hilfsorganisationen. Die Business-Elite, die Teil des Systems war, machte Geschäfte mit den Organisationen, versorgte sie und sorgte dafür, dass die Rebellen und nicht die Opfer des Kriegs bevorzugt wurden. Später, in Liberia, Somalia, Kongo und Afghanistan habe ich die gleichen Mechanismen vorgefunden."

In Ruanda, wurden im Jahr 1994 von radikalen Hutus schätzungsweise 800.000 Menschen - zumeist Tutsi - innerhalb eines viertel Jahres ermordeten. Mit dem militärischen Eingreifen zögerte die internat. Gemeinschaft, bis es zu spät war. Der Soforthilfe der NGOs stand dann jedoch ein Finanzvolumen von ca. 1,5 Mrd. Dollar zur Verfügung. Die Autorin legt dar, wie diese Finanz- und Hilfsströme dazu beitrugen, den Konflikt weiter auszudehnen:

"Die Täter flohen nach dem Massaker ins benachbarte Goma im heutigen Kongo, ließen sich in den Lagern der internationalen Hilfsorganisationen nieder und regierten die Camps. Sie nahmen sich, was sie brauchten und kassierten eine Art Steuer von den Mitarbeitern der Organisationen. Von den Geldern kauften sie unter anderem Waffen. Die Spenden finanzierten also den Krieg."

Natürlich geschieht all dies selten oder überhaupt nicht aus einer Haltung völliger Skrupellosigkeit auf Seiten der NGOs heraus. Man ist nicht selten in einer gewissen ethisch-moralischen Zwickmühle. Um den Geschädigten ein wenig helfen zu können, so scheint es, muss man eben mit denen kooperieren, die Schaden anrichten. Dennoch wird an dieser Stelle nicht selten viel zu schnell verdrängt, resigniert eingewilligt, weg geschaut, unreflektiert weitergemacht. Es gibt auch Gegenbeispiele:

"In Ruanda beschloss eine Handvoll Organisationen, das Land zu verlassen. Sie wussten, dass ihr Geld die Mörder füttert, wie sie sagten. Dafür wollten sie nicht verantwortlich sein. Allerdings wurde die Versorgungslücke sofort von einer konkurrierenden NGO gefüllt. Es wäre wichtig, dass sie sich absprechen und gemeinsam ein Lager verlassen. Dann hätten sie eine gute Ausgangslage für Verhandlungen."

Als Leser des Buches wünschte man sich natürlich einen breiteren Teil am Ende des Buches, der mögliche Schlussfolgerungen reflektiert. Andererseits sollte gerade eine so dramatische Analyse ohne einen ausgefeilten Lösungskatalog das Potenzial haben, eine breitete gesellschaftliche Debatte zu diesem Thema anzustoßen. Doch auch die deutsche Öffentlichkeit arbeitet sich lieber endlos an angesichts dieser Problematik unendlich bedeutungslos erscheinenden Wulff-, Guttenberg- und Stuttgart 21-Affären oder spät pubertierenden PIRATEN ab.

Anregungen liefert Polman aber schon. Zum einen fordert Sie ein übergeordnetes Monitoring durch die UNO. Zum anderen motiviert Sie, genau hinzuschauen und Fragen zu stellen:

"Was passiert mit den Spenden tatsächlich? Es muss zunächst ein öffentliches Bewusstsein für diese
weitreichenden Probleme hergestellt werden. Nur so wird klar, dass man Hunger und Armut nicht löst, indem man zehn Euro spendet. Hier beginnen nämlich neue Probleme: Geht das Geld an diejenigen, für die es bestimmt war? Was verändert sich in bewaffneten Konflikten, Kriegen und Krisen durch das Geld? Welchen Einfluss hat es auf die Politik in dem betreffenden Land?"

Für den privaten Spender macht es sicher Sinn, sich näher mit den Konzepten von Hilfsorganisationen zu befassen und sich dann auf eine enge Auswahl zu beschränken, bei der man sich sicher ist, dass ein guter Ansatz umgesetzt wird. Aus Sicht des Rezensenten hat bspw. WORLVISION eine umsichtige Strategie. Ein sehr unterstützenswertes Konzept, dass natürlich auf Langzeithilfe in einigermaßen stabilen Regionen abzielt verfolgt auch KIVA.

Auch das Verfolgen der aktuellen Berichterstattung während einer akuten Krise ist oft aufschlussreich. Sicher muss man sich hier daran gewöhnen, auch zwischen den Zeilen, in Unterabschnitten und Nebensätzen zu lesen. Oft wird dabei aber bereits deutlich, dass die eigentlichen Probleme gar nicht mehr im Mangel an finanzieller Hilfe liegen, während an anderer Stelle noch die Werbetrommel für Spenden gerührt wird. Hingewiesen sei an dieser Stelle auch auf Autoren wie M. Yunus, P. Collier, J. Sachs, sowie das sehr empfehlenswerte Buch von M. Kämpchen "Leben ohne Armut - Wie Hilfe wirklich helfen kann".
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31 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Füttere die Mörder oder geh als Organisation selbst zugrunde." (S.49), 12. August 2010
Von 
Dr. R. Manthey - Alle meine Rezensionen ansehen
(#1 HALL OF FAME REZENSENT)    (TOP 10 REZENSENT)    (REAL NAME)   
Wahrscheinlich wird so mancher zunächst gutgläubige Leser dieses aufschlussreichen Buches seine Spendenpraxis im Anschluss überprüfen. Und er wird nach dem Lesen des Textes die in den Konflikten dieser Welt agierenden Kräfte, zu denen auch eine riesige Zahl verschiedener selbsternannter Hilfsorganisationen gehört, mit anderen Augen betrachten als vielleicht vorher. Denn in diesem Buch bekommt man in drastischer Form mitgeteilt, dass Spendengelder nur in sehr bescheidenem Maße bei den Hilfsbedürftigen ankommen und stattdessen die das Elend auslösenden Kriege mitfinanzieren, Korruption und Misswirtschaft fördern, Selbsthilfe verhindern und die vorgeblichen Helfer miternähren.

Nun könnte man hoffen, dass die Autorin stark übertreibt oder gar böswillig verleumden will. Aber diese Hoffnung ist gegenstandslos, denn hier schreibt sich jemand das selbst Erlebte mit einer gehörigen Portion aus tiefem Frust geborenen Sarkasmus von der Seele. Das kann man nicht vortäuschen. Und darüber hinaus leuchten die von Frau Polman beschriebenen Vorgänge leider in ihrer bösen Logik mehr ein als die heile Welt, die man zwar schöner finden würde, die aber nun mal nicht das normale menschliche Verhalten widerspiegelt.

Allerdings gilt eine wesentliche Einschränkung: Die Autorin bezieht sich vor allem auf so genannte humanitäre Katastrophen, die aus gewaltsamen Konflikten resultieren, also aus aller Art von Kriegen, "ethnischen Säuberungen" oder "Umsiedlungen". Bei Naturkatastrophen werden die oft selbsternannten Helfer zwar nicht zum Spielball oder Ernährer von Konfliktparteien, doch auch hier versickert ein wesentlicher Teil der Hilfsgelder in dubiosen Kanälen.

Im Grunde beschreibt uns die Autorin an zahlreichen Beispielen immer wieder die zwei prinzipiellen Probleme der so genannten humanitären Hilfe: (1) die faktische Einbeziehung einer angeblich neutralen Hilfe in einen laufenden kriegerischen Konflikt und (2) die Kapitalisierung dieser Hilfe mit all ihren absonderlichen Folgen.

Mit dem ersten Problem wurden schon Florence Nightingale und Henri Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes, im 19. Jahrhundert konfrontiert. Während die berühmte britische Krankenschwester jede einen Konflikt verlängernde humanitäre Hilfe ablehnte, weil sie nur zu noch mehr Opfern führen würde, sprach sich Dunant kategorisch für jeden Einsatz aus, der Leben rettet, unabhängig davon, welche Folgen dies hat. Inzwischen hat sich dieses Dilemma noch wesentlich verschärft, denn in afrikanischen Milizenkriegen ist es inzwischen üblich geworden, dass man humanitäre Hilfe nur zulässt, wenn dafür von den jeweiligen Organisationen auf vielfältige Weise bezahlt wird. Die Helfer sind also auch noch direkt an der Finanzierung des Konflikts beteiligt, deren Opfern sie helfen wollen. Eine völlig absurde Situation, die jedoch mittlerweile von den Kriegstreibern schon so geplant wird. Wenn sie sich auf etwas verlassen können, dann sind es die herbeieilenden humanitären Helfer und deren massenmedialer Vorausteams.

Und als ob dies nicht bereits genug wäre, schlägt dann auch noch die Kapitalisierung der Hilfe zu. Inzwischen gibt es so viele verschiedene nichtstaatliche und teilweise auch obskure, aber betriebswirtschaftlich aufgebaute und miteinander scharf konkurrierende Hilfsorganisationen, dass ethische Gesichtspunkte der Hilfeleistungen eigentlich völlig aus dem Gesichtsfeld verschwunden sind. Wenn eine Organisation es moralisch nicht mehr für tragbar hält, sich Mördern unterzuordnen, dann tritt an ihre Stelle eben eine andere. Schließlich muss man seine Daseinsberechtigung nachweisen.

Der Autorin gelingt es, diese strukturellen und moralischen Probleme der Hilfsorganisationen sehr eindringlich an verschiedenen Beispielen vorzuführen. Ihr Buch ist hervorragend geschrieben, aber es überträgt auch den Frust der Autorin auf den Leser. Denn obwohl sie am Ende ihres Werkes versucht, uns Auswege aufzuzeigen, so zeigen sich diese bei näherem Betrachten als wenig fruchtbar. Natürlich kann man fragen, was mit Spendengeldern passiert ist. Aber letztlich wird das kaum ein Kleinspender tun. Und selbst wenn er es nicht lassen kann, so wird er den Antworten vertrauen müssen, die ihm gegeben werden.

Das grundsätzliche Dilemma humanitärer Hilfe in kriegerischen Konflikten ist nicht lösbar, sonst wäre es keins. Und eine strukturierte und zentral organisierte und an den tatsächlichen Notwendigkeiten orientierte Hilfe, die auch die Konkurrenzsituation unter den Helfenden mindern würde, scheitert an einer fehlenden allgemein anerkannten politischen Autorität. Denn wenn es eine solche Kraft geben würde, gäbe es wohl auch die ursächlichen Konflikte nicht.

Fazit.
Ein sehr gut geschriebenes Buch, das seinen Lesern die Augen für die tatsächlichen Zustände hinter den Kulissen von Hilfsorganisationen öffnet, aber sie auch frustriert und ratlos zurück lässt, weil es keine Lösungen präsentieren kann. Doch dafür kann die Autorin wohl am wenigsten.
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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Blick auf einen Teil der Hilfsorganisationen, 16. November 2010
Beschreibt recht gut das, was vielerorts bereits vermutet wurde: Ein großer Teil der staatlichen und UNO Hilfsleistungen versickert nicht nur in dunklen Kanälen und wird zum Betrieb der Organisationen selbst vergeudet, sondern dient voll kontraproduktiv als "Schmiermittel" für die Befriedigung der kriminellen, lokalen Machthaber, um ein Arbeiten überhaupt zu ermöglichen. Was ein wenig fehlt, ist der Hinweis, dass es im Gegensatz zu den großen weltweit tätigen Playern doch auch viele kleine, private Organisationen gibt, die mit wenig finanziellem Einsatz doch viel Caritatives erreichen bzw. medizinische Hilfe leisten, die sonst nicht möglich wäre. Ist aber vielleicht nicht ganz das Thema.
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15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Wahrheit, 1. Mai 2011
Von 
Horst Bernatzky (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Fünf Punkte für das Buch.

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar und wer das Buch liest kommt schnell zu der Überzeugung, dass hier die Wahrheit ausgesprochen wird. Und das in diesem Bereich sonst ziemlich viel gelogen und verschwiegen wird.
Das alleine ist schon wichtig, aber Linda Polmann belässt es nicht bei der Aufzählung von Episoden aus dem wahren Alltag der Katastrophenhilfe. Sie stellt Zusammenhänge her, sie analysiert komplexe Sachzwänge und das in einer einfach zu lesenden Sprache und aus dem Standpunkt einer unabhängigen Journalistin.

Neu waren für mich die Betrachtung des Eigeninteresses der NGOs, sowie die absurden Zwänge denen sich die Helfer aussetzen um überhaupt helfen zu dürfen und das auch Hilfsorganisationen "Embedded" Journalisten mit sich führen, die Hofberichterstattung betreiben.
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12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sehr guter Einstieg, 8. April 2011
Das Problem ist ein bekanntes und scheinbar kaum lösbares: Von allen Spenden, die nach Naturkatastrophen oder, sehr viel häufiger, im Verlaufe von Bürgerkriegen in Afrika oder Asien in den westlichen Ländern für die Opfer gesammelt werden, kommt nur ein kleiner Teil am Bestimmungsort an. Der Rest versickert in tausend undurchsichtigen Kanälen, wobei groteskerweise oft auch die kriegführenden Parteien am Spendenvolumen beteiligt werden müssen, um die Hilfslieferungen überhaupt passieren zu lassen.
Linda Polman hat zu diesem vielschichtigen Problem ein ausgesprochen lesbares und streckenweise sogar spannendes Buch geschrieben, das allerdings, wie die Autorin selbst zu Eingang ihres Textes schreibt, kaum Lösungen anzubieten vermag. Man sollte es eher als Abrechnung mit den erschreckenden Widersprüchen der Katastrophen- und Entwicklungshilfe sehen.
Trotzdem kann ich es als Einstieg in ein überaus komplexes Thema sehr empfehlen. Das Buch macht aber auch zornig - und es deprimiert, weil die Dinge im globalen Katastrophenzirkus oft noch schlimmer ablaufen als ohnehin geahnt.
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7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Keine Gutenachtlektüre, 18. Januar 2012
Das Buch behandelt fast ausschließlich den Einsatz humanitärer Hilfe bei kriegerischen Auseinandersetzungen (Bürgerkrieg und Vertreibung) und Naturkatastrophen.
Schon im Vorwort wird die kritische Einstellung Florence Nightingales zu Henri DupontŽs Rotem Kreuz, das im Krieg neutrale Hilfe an den Verwundeten leisten soll, dargestellt, nach der hier Hilfe immer auch eine Unterstützung des Krieges ist.
Das Buch zeigt unter anderem, wie diese Problematik in erhöhtem Maße bei modernen Bürgerkriegen auftritt und wie sich die humanitären Organisationen nur um ihren Auftrag zu erfüllen und damit im Geschäft zu bleiben zur Unterstützung des Krieges durch Steuern, Zölle und Hilfsgüter für die Parteien erpressen lassen und wie wenig letzten Endes dort ankommt, wofür es die Geber bestimmt haben.
Goma (Flüchtlingslager im Kongo für die Hutu, die die Tutsi ermordeten), Biafra, Somalia, Äthiopien der Genozid ist keine Angelegenheit, die auf NAZI-Deutschland beschränkt war und damit Geschichte ist, und dem allem stehen, wie damals, die Humanitären Organisationen ohne Lösung gegenüber und bitten mit immer den gleichen herzerweichenden Bildern um finanzielle Unterstützung ohne an der Wurzel des Übels etwas ändern zu können. Kein Buch für eine Gutenachtlektüre zumal auch keine Lösung für das Problem angeboten wird, außer dass die Hilfsorganisationen auch entgegen ihren finanziellen Interessen Neinsagen können müssten.
Bei der Schilderung der Gräueltaten kommt mir der Satz des Autors des Films Bambi immer wieder in den Sinn: Seit ich die Menschen kenne liebe ich die Tiere.
Ein bemerkenswertes Zitat aus dem Buch von dem UNO-Berater und Wohlfahrtsökonomen Amartya Sen Funktionierende demokratische Gesellschaften kennen für gewöhnlich keine Hungersnöte."
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Realistisches Bild der Entwicklungshilfeindustrie, 16. Mai 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Mitleidsindustrie: Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen (HERDER spektrum) (Taschenbuch)
Die niederländische Journalistin Linda Polman versteht es, ihre jahrzehntelangen Erfahrungen in Krisengebieten Afrikas und die sich daraus ergebenen Hilfen aus den Industrieländern zu verzahnen mit den Ergebnissen in den Zielländern.. Sie schildert eindrucksvoll die "Mitleidsindustrie", als 5. größte Volkswirtschaft der Erde und wie die 35.000 NGOs nicht so der Not sondern den Spenden und Zuwendungen folgen. Dadurch stellt sie das gesamte System der Entwicklungshilfe in Frage und zeigt, wie so manche europäische und afrikanische Autoren, wie Entwicklungshilfe derzeit oft blutige Konflikte verlängern.
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13 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Buch, auf das wir seit Jahren gewartet haben, 25. August 2010
Den Vorrednern fügen wir außer Zustimmung nichts hinzu, außer dem indirekt an dieser Stelle passenden Zitat aus dem Buch "Hallelujah" von Joachim Fernau:
"Ich erinnere mich mit Entsetzen an den Tag, als der damalige Bundespräsident zum ersten Mal im Bundestag die Flamme des Wortes 'Entwicklungshilfe' in die Strohköpfe der anwesenden Politiker warf."
Das ließe sich bestens auf die Spenderitis beziehen, die letztlich nur Ablaßhandel in moderner Aufmachung ist; der feiste Wohlstandsbürger schreibt eine Überweisung aus, um anschließend gewissensmäßig gesättigt wieder seiner privaten Lustbefriedigung zu frönen.
So geschieht es heute selbst in den Schulen, man sammelt für irgendwelche obskuren Projekte in Südosteuropa beispielsweise, anstatt die Schüler zum konkreten Helfen an lebenden Menschen in der eigenen Stadt zu bewegen - aber da müßte man ja tatsächlich mal jemandem in die Augen schauen und das hat ja für die verlogenen Gutmenschen nun doch schon wieder den Gout des Unerträglichen.
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Die Mitleidsindustrie: Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen (HERDER spektrum)
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